Luxus in grauen Tagen

Ganz erstaunlich: Da gibt es also eine Finanzkrise. Und was Huber und Beckstein im kleinen Bayern gemacht haben, das Ausmass der Krise wider besseren Wissens vertuscht und gezielt verheimlicht, wird andernorts genauso betrieben. man gibt zu, was man zugeben muss, um weitere Mittel des Staates für die eigenen kriminellen Machenschaften zu erhalten, hält dann die Börsenkurse wackliger Banken im akzeptablen Bereich und spekuliert mit den frischen Mitteln in Boommärkte - man könnte auch sagen, man plundert die Verbraucher mit steigenden Benzin- und Nahrungsmittelkosten, vielleicht fabriziert man, wie es gerade durch den Zyklon in Burma angeheizt wird, zusammen mit der Preistreiberei zu all dem Elend auch noch eine Hungerkatastrophe. Und erstaunlicherweise findet sich noch immer kein Nihilist, der in solcherlei Personen eine Bombe wirft. Wirklich erstaunlich. Oh, bitte, ich lehne solche Gewalt natürlich ab, aber dennoch ist es erstaunlich.

Und so kann die Freundin von Joe Wallstreet auch weiterhin überlegen, welchen Maserati sie will, und in welches Nobelrestaurant sie zum Essen eingeladen werden möchte. Dort versteht sie zwar nicht, warum das Besteck von Christofle stammt, aber egal, hauptsache es sieht gut aus, und sie kann es halten. Haben Sie, verehrte Leser, übrigens schon mal in Kreisen von Investoren gegessen? Ganz erstaunlich, das. Ich bin grundsätzlich der Meinung, dass BWLer seltenst Stil und Umgangsformen jenseits der Ratschläge des per se schon erbärmlichen Managermagazins haben, und bei Tisch kann man das prächtig beobachten, bäuerliche Sitten in städtischer Verkleidung, kein Genuss beim Zuschauen und sicherlich auch absolut kein Grund, etwas Besseres als Einweggeschirr hinzuschmeissen. Gebet den Drecksäuen, was der Drecksäue ist.

Das war nicht immer und überall so. Letzte Woche etwa war ich auf der Auer Dult, die leider wie immer heftig überpreist ist, und, da ich die dortigen Preise für das noch zu findende Gebrauchsbesteck für meine neue Wohnung nicht finden konnte, fuhr ich weiter über die Isar zu einem Haushaltsauflöser. Und wie es der Zufall so wollte: In einer Kiste war ein altes, schwarzes Kistchen, und auf dessen rosa
Rücken stand in alter Schrift: Gebrauchsbesteck.



Allerdings von der Sorte, wie Joe Wallstreet es kaum kennen dürfte: Das klassische Cluny von Christofle, noch mit alten Eisenklingen, und für einen sehr vernünftigen Preis zu haben. Christofle ist übrigens eine dieser amüsanten Wirtschaftsgeschichten, die ihren Ausgang mit massivem Dumping nahm: Nur 1% der von anderen Goldschmieden veranschlagten Summe brauchte die Firma um 1850, um für Napoleon III. ein Luxustafelbesteck zu fertigen. Das Geheimnis war die Elektroversilberung, die bald überall als billige Alternative zum den Festtagen vorbehaltenen Echtsilber geschätzt wurde. Das geht soweit, dass diese Versilberung in Frankreich einfach "Christofle Silber" genannt wird. Und weiter, denn was früher ein Schnäppchen war, kostet heute für das hier gezeigte Set auch schon an die 1000 Euro. Übertrieben wie die Hauspreise in den USA, aber wie man sieht: Wenn man nur an den richtigen Orten sucht und abwartet,ist auch das Beste so gefallen, wie es Huber und Beckstein bald droht. Und das Besteck kann man im Gegensatz zu diesen beiden immer noch verwenden.

Braucht jemand in Brüssel vielleicht noch abgehalfterte Bilanzenzocker?

Donnerstag, 8. Mai 2008, 21:16, von donalphons | |comment

 
noch mit alten Eisenklingen

es wird nicht rostfreier messerstahl sein.

von daher die meinung, feine menschen schneiden kartoffeln nicht mit dem messer. denn die stahlklinge gibt der kartoffel einen metallischen geschmack.

mit der gabel zerteilt, nehmen die kartoffeln auch mehr sosse auf. so belohnt sich gutes benehmen selber.

aber vorsicht!
bei guter pflege (im oder besser am spülbecken, mit einem korken und feinem scheuermittel, danach sofort abgetrocknet) sind und bleiben solche klingen scharf und schnitthaltig.

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Die bange Frage: Welcher Maserati ?
Den aktuellen Gran Turismo S wenn man Zuverlässigkeit (ähm) sucht, den offenen Ghibli (1. Generation) wenn Stil gefragt ist.

Man liegt mit keinem von beiden falsch.

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Keine Frage: Quattroporte. Soll ja familientauglich sein.

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da wäre aber doch ein kombi besser!

da muss sich doch was machen lassen...ich hol den winkelschleifer. wer kann schweißen?

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Hat aber keine 4 Türen...

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Höherlegen und Anhängerkupplung, dazu dann noch einen Tabbert-Wohnwagen, und fertig ist das Urlaubsgefährt, weil, wer ko, der ko.

Übrigens sind die alten Biturbo Quattroportes of Miami Vice Fame billig zu haben.

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Die faszinieren aber nur in I-Town die Massen. Da kann es ja gleich ein De Tomaso Panthera sein, komplett mit Brusthaarperücke.

Neinnein. Wenn schon, dann der offene Ghibli (1. Generation).

Ich weiss sowas, denn ich halte die letztgültigen Offenbarungen der Ästhetik in meinen feinnervigen Händen.

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Die Massen oder die Massen der Elitessen? ... die sich wahrscheinlich sehr gewundert haben, dass der Papst ihren als Rektor vorgesehenen schneidigen Manager abgesägt hat. Soviel zur Freiheit der Wissenschaft an der Elitessen-Uni.

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dabei wurde doch die Finanzkrise offiziell für ausgestanden erklärt ;-)

Das Besteck ist allerdings schick und das von jemandem, wie mir, der in solchen Dingen leider Banause nennt.

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Man kann das alles lernen. Es gibt Namen, bei denen man gut mit dabei ist, und klassische Designs wie Augsburger Spaten oder Augsburger Faden, oder wie oben deren Derivat "Cluny", die aus gutem Grund seit 200, 300 Jahren auf dem Markt sind.

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Na dann willkommen im Club der Cluny-Speiser. Hier ist die Luft zwar dünn, die Gesellschaft dafür meist gut.

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Cluny? ... man weiss doch wie das endet!

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Aber wie denn, mon cher ?


Ansonsten empfehle ich Puiforcat denjenigen denen Christofle zu banal ist.

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für eine Weile muss noch solinger edelstahl reichen ;-D

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hey, lebemann kunstgeschichtlich unterbelichtet? Ich dachte immer hier wird nur von third Generation Kunstgeschichtlern (gerne auch abgebrochen) geblogged ;-) ...

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Cluny kann für vieles stehen - wenn ich richtig informiert bin, dann ist es hier weniger das Niederreissen der Kirche Cluny III, sondern die Inspiration durch den Reichtum, den Petrus venerabilis in seinem Sager über Gold so schön zum Ausdruck brachte.

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Wobei für viele jetzt eher Bernhard von Clairvaux angesagt sein dürfte

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ich würde sie ja lieber als in der Wüste Heuschrecken fressende Schmutzberge wie Johannes Chrysostomos sehen.

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Wobei, wie war das nochmal mit dem Ende von Emmeram?

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Das nötige Besteck ist ja vorhanden

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Ich habe aber kein altes, rostiges Küchenmesser.

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Abgehalfterte Bilanzenzocker werden immer gebraucht, ähnlich wie abgehalftertes Besteck.

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Mal im Ernst: Wozu?

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Ich weiss es nicht, wohl aber, das sowohl Huber/Beckstein als auch Joe Wallstreet in 15 Jahren noch einen gutbezahlten, nicht übermässig anstrengenden Job haben werden.

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Tütenkleben?

Allmählich nähern wir uns, was die Bayern LB betrifft, nämlich gefährlichem Terrain.

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Kohlenstoffstahl!
Ich würde sagen: die Klingen sind aus Kohlenstoffstahl; man sieht es an den leichten Spuren am Rand. So etwas circa 120 Jahre Altes gehört zu meinem Bestand. Die Schneiden sind schärfer als jedes zeitgenössische Hochleistungsmesser. Und vor zwei Jahren haben wir auf einem Flohmarkt in Südstormarn einen feinen, edlen, sehr gepflegten kompletten Sechsersatz aus den dreißiger Jahren erstanden: versilbert, Klingen aus Kohlenstoffstahl, Gestaltung: Umfeld Bauhaus. Da die Hamburger Händlerin (!) nicht genau sagen konnte, wer der Designer war, wollte sie pro Stück um einiges weniger haben, als für ein aktuelles WMF-Gebrauchsteil zu zahlen ist.

So etwas dürfte in München und Umgebung nicht mehr funktionieren. Das geht nur noch in Kurz-vor-hinter-Sibirien. Dort weiß man glücklicherweise auch nicht, wer diese Hubers und Becksteins oder Joe Wallstreets sind, die sich nicht benehmen können. Und für den Anstand schaut die Landfrau im Raiffeisen-Katalog nach.

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nix gegen landfrauen!
schon mal bei alten, seit generationen unabhängigen bauern- oder handwerkerfamilien zu gast gewesen? kannste das ganze getue des a...kriechenden akademikergesocks vergessen. von schickis nicht zu reden. und in der kunstszene sind die manieren oft noch schlechter als bei bankern. auch in arbeiterfamilien ist es oft sehr angenehm, so die leute sich ihr selbstbewußtsein bewahrt haben - in letzterem scheint auch die quelle zu liegen, aus der sich angenehme umgangsformen speisen. da spielt es dann auch überhaupt keine rolle, ob irgendwelche gesetzten regeln eingehalten werden. kann man also nicht lernen oder kaufen, sondern nur er"werben".

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Manieren...
... mag ich manchmal sowieso nicht besonders, beispielsweise dann, wenn sie darin bestehen, bei der Begegnung mit fremden Menschen oder flüchtigen Bekannten "höfliche" Fragen zu stellen, bei denen man schon aus dem Tonfall heraushört, dass die Antwort überhaupt nicht interessiert. Trotzdem fassen viele Menschen gerade das als "wohlerzogenes" Verhalten auf.

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Wenn man es heraushört, ist das aber auch nicht manierlich.

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Manieren und Sitten sind eben zweierlei. Wie auch immer, ein wenig belangloses Gerede hat auch den Vorteil, dass man nicht unhöflich sein muss, bisweilen.

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