Der Kirchen Nachfrage und des Eulogius Angebot

Die erste Hälfte des 9. Jahrhunderts ist in Mitteleuropa eine Periode der Stabilität; die Vormacht der Karolinger ist gesichert, es gibt eine funktionierende Verwaltung, Steuern, Beamte, gar so etwas wie eine einigende Kultur, getragen vom Christentum, die in dieser Zeit die Landschaften mit Netzwerken aus Klöstern, geistlichen Herrschaften, Bistümern und Kirchen überzieht. Die Zeiten des Abspaltungen und Debatten, der Zuständigkeitsstreitereien zwischen Römern und Iren sind vorbei, das Christentum ist Staatsreligion und zugleich Herrschaftsapparat. Und wie alle Verwaltungen, hat auch das Christentum einen Hang zur Vergrösserung, Schaffung neuer Posten und Stellen, und natürlich auch Unterhaltung für das Publikum, das aus Wallfahrten ein grosses und aus Gottesdiensten ein kleines Geschäft werden lässt.

Es gibt da allerdings ein kleines Problem für ein grenzenloses Wachstum: Das Endkundengeschäft der Kirche, vom König bis hinunter zum Leibeigenen, benötigt eine Art dingliche Mittlerinstanz zwischen denen da unten und den Mächtigen da ganz oben. Das 9. Jahrhundert hat es noch nicht so mit Transzendenz und Unergründbarkeit, man braucht etwas, das man sehen, anfassen und in Geschichten verpacken kann - wir würden heute sagen: Derivate, mit der die grossen Geschäfte zwischen Gläubigen und Kirche und damit Gott abgesichert werden können. Diese Derivate sind die Reliquien von Heiligen, deren Leiden man an die Kirchenwände malt, und die den Weg zu Gott weisen. Aber genau hier setzt beim emerging Market der Kirchengeschäfte die Krise an: Es gibt nicht genug Heilige für so viele neue Kirchen.

Das Problem ist in der Patristik begründet, genauer: In der Historia Ecclesiastica von Eusebius von Caesarea, einer im frühen 4. Jahrhundert entstandenen Ansammlung der Verfolgungen, von denen die aufstrebende Sekte meinte, sie erlitten zu haben. Eusebius selbst hatte wohl als junger Mann im östlichen Bereich des Mittelmeeres die diokletianische Abwehrschlacht einer christlichen feindlichen Übernahme des römischen Imperiums erlebt, und weil ihm aus dieser Region auch die meisten Akten zur Verfügung stehen, enthält seine Kirchengeschichte vor allem sehr ausgeschmückte, leidvolle Schilderung zerfetzter Christen im heutigen Nahen Osten. Sobald Eusebius auf Frankreich oder Italien zu sprechen kommt, wird er einsilbig und vage. Ja, auch dort wurden Christen zu Heiligen umgebaut, aber die wertsteigernde Produktionsweise, das Marketing dieser Heiligen fehlte, und sie waren in etwa so cool wie chinesische Kleinwagen.



Mitteleuropa war der Weg zu diesen besseren Heiligen versperrt, denn dort herrschten inzwischen die daran desinteressierten Muslime oder Byzantiner, die ihre Heiligen selbst brauchten. Die Santiago de Compostella zugrunde liegende Idee, einen Heiligen mysteriös durch das Mittelmeer treiben und am Atlantik anlanden zu lassen, war nicht beliebig oft reproduzierbar. Die Folge des Mangels: In Europa grassierte der Reliquienklau, und Besitzer wenig glaubwürdiger Heiliger, gewissermassen die Subprimes, nutzten die hohe Nachfrage schamlos aus, indem sie Mönche die Echtheit feststellen liessen - so eine Art Vorläufer der Ratingagenturen. Mitunter teilte man auch Knochen und verkaufte sie als Bruchstücke an andere - in etwa so, wie man heute Risiken fauler Kredite verteilt. Kurz, der Markt war dereguliert, voller Krimineller und geprägt von vollkommen unrealistischen Bewertungen - eine Blase mitten im Zentrum des Geschäfts mit dem Heil, noch angefeuert durch immer prächtigere Kirchen.

Es ist eine seltsame Koinzidenz, dass mitten in dieser tiefgreifenden und die Geschäftsentwicklung gefährdenden Angebotskrise Eulogius von Córdoba auftrat. Die spanische Stadt Córdoba war im 9. Jahrhundert eine der glänzendsten Städte des Kontinents, reich, gebildet, und geführt von der fähigsten Staatsverwaltung ihrer Zeit, die aus christlicher Sicht einen Haken hatte: Sie war muslimisch. Abd ar Rahman II. war ein Mann der Künste und der Musen, und die Toleranz in Al Andalus liess die Christen tun, was sie wollten. Folglich sind die Berichte des den Muslimen untergebenen christlichen Klerus voller Gift und Galle: Ihre Schäfchen lesen lieber arabische Gedichte und Romane, ziehen sich muslimisch an und übernehmen orientalische Sitten und Gebräuche - und es gibt wenig, was die Kleriker dagegen tun konnten, schliesslich sind sie nicht am Drücker. Bis Eulogius, dem es gelang, sowohl den Hass zwischen Christen und Muslimen zu schüren, als auch das Beschaffungsproblem für zertifizierte Heilige zu lösen.

Eulogius, eine Art Vorfahr deutscher Hassblogger nämlich empfahl seinen Schäfchen, in die Moscheen und Strassen zu gehen, Mohammed laut zu lästern, Muslime zu beschimpfen und zu verhöhnen. Man kann sich die Folgen vorstellen: Das tolerante Klima ging den Bach runter, Muslime reagierten mit schauderhaften Lynchmorden, und Eulogius verteilte an die Betroffenen schon vorher Himmelsoptionsscheine, von denen zumindest keiner berichten konnte, dass sie nicht eingelöst wurden. Es wurde ein richtiger Hype, sich für den Unfrieden massakrieren zu lassen. Abd ar Rahman liess die Bischöfe eine Synode abhalten, die es den Christen bei hohen Strafen verbat, sich zu opfern - eine reichlich hilflose Geste und nicht wirklich dazu angetan, das Problem zu lösen. Und in ganz Europa blickte man voller Begeisterung auf den Opfermut der spanischen Kollegen, Geschichten über grausamste Misshandlungen machten die Runde, und frische Heiligenlegenden sprudelten aus Al Andalus nach Europa.

Nachdem seine Strategie aufgegangen war, machte man Eulogius zum leitenden Manager der christlichen Operationen im muslimischen Spanien und gab ihm das Bischofsamt von Sevilla, wo er sogleich weiter seine Schafe anstachelte. Gleichzeitig schrieb er mit der "Denkschrift der Heiligen" drei Bücher über das Geschehene, und legte auch noch eine Schutzrede nach, in der er andere Heiligenhändler diskreditierte, die behaupteten, seine neuen Heiligen würden keine Wunder bewirken, wie die alten, die schon seit langer Zeit vertrieben wurden. Der Nachfolger von Abd ar Rahman war jedoch nicht mehr ganz so zart besaitet und liess Eulogius den Kopf abschlagen. In den christlichen Kirchen des 9. Jahrhunderts aber kamen spanische Heilige schnell in Mode, der spanische Fanatismus linderte die Angebotskrise, endlich gab es frischen, zeitgemässen Nachschub für das grosse Geschäft, echte Heilige mit echten Geschichten, die Wallfahrten boomten und die Klingelbeutel füllten sich, und was lernen wir daraus?

Schon damals kam es nur darauf an, einen Dummen zu finden, der zahlt.

Donnerstag, 25. September 2008, 01:30, von donalphons | |comment

 
oh, und als erst die sache mit den ablässen anfing!
da bekamen die derivate als volksaktie auch noch einen klingenden umrechnungsfaktor.

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Ablass hatte den kleinen Nachteil, dass das Angebot die Nachfrage meistens überstiegen hat.

Das spannendste Kapitel der Kapitalgeschichte ist übrigens das Vermögen zur toten Hand, so eine Art Rentenpensionsfonds für Rentner, die nicht mehr leben. Auf solche Ideen sind bislang noch nicht mal die Amerikaner gekommen.

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manus mortua - das eiskalte händchen ;-)

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Tolle Sache - systemstabilisierend für die, die sie hatten, weil eine Menge totes Kapital viele begünstigt hat. Und als dann der Markantilismus aufkam, eine Zeitbombe, zuerst zugunsten der Holländer (die investierten), dann der Franzosen (die sowas gegen Zahlungen verleasten) und am Ende die Engländer (die industrialisierten). Aber es hat stabil gemacht.

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Köstlich!

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Verlinkung der Zusammenhänge
nennt man das wohl. Amüsanter, lebendiger Geschichtsunterricht. Wunderbar. Großen Dank!

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Bin erst jetzt dazu gekommen, das zu lesen - und musste aus doppeltem Grunde grinsen: Zum einen wegen der originellen Geschichte, zum anderen, weil ich eine ähnliche Diskussion vor ein paar Tagen mit ein paar Finanzmarkt-Experten hatte. Die wundersame Vermehrung der Knochen gewisser Heiliger (die anscheinend zum Teil ein sehr viel komplexeres Knochengerüst hatten als normale Menschen) erinnert doch sehr an die wundersame Geldvermehrung bzw. Risikoverminderung der letzten Jahre. Beides fällt anscheinend niemandem auf, wenn man die Teile nur so weit verteilt, dass niemand auf die Idee kommt, sie einfach so testweise wieder zusammenzusetzen.

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Das ist übrigens auch ein bisschen so wie naked short selling (das ich übrigens längst nicht so toll finde wie einige andere Kommentatoren hier): Man verkauft Aktien, die man nicht hat, und die man im Zweifelsfall auch nie wird haben können, weil insgesamt mehr Papiere auf den Markt geworfen wurden, als existieren, und man ein Unternehmen ja nicht einfach zwingen kann, eine Kapitalerhöhung durchzuführen mit dem einzigen Zweck, dieses von anderen geschaffene Loch zu stopfen. Aber auch das schien lange niemanden zu stören.

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SAGENHAFT! Ein weiteres Highlight in meiner Lieblingsblogpostliste, Danke.

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Gern geschehen. Man sieht Martyrologien heute ja gern als Spinnerei irgendwelcher Mönchlein, übersieht aber die extreme wirtschaftliche Bedeutung: Je besser und wundertätiger die Reliquien waren, desto mehr Spenden, Erbschaften und Übergaben für das Seelenheil war zu erwarten. Man kann die Bedeutung von Reliquien für die grosse Wirtschaft des hohen Mittelalters kaum überschätzen. Eine Reliquie konnte sowas wie eine "Printing Press" werden, wenn man es gut angestellt hat. Das alles liest sich nur für uns komisch, aber damals (und bis ins 19. Jahrhundert) hatte auch das Heil seinen Markt. Heute muss es die Kirche ja praktisch kostenlos anbieten, weil der Bedarf gesunken ist, und wohl auch so schnell nicht wiederkommt. Womit wir auch ein Beispiel einer Supermacht haben, deren unvorstelklbarer Sturz schneller kam, als man glauben möchte. Man muss sich eben immer darauf einstellen, dass die Heilsbringer der Vermögensverwaltung bald nicht mehr existieren könnten. Kein Unterschied zu Finanzmarktprodukten.

Natürlich ist naked short selling brutal, siehe diese self fulfilling prophecy, bei der es schon reicht, wenn nur jemand sagt, dass er shortet. Aber: Auch künstlich hoch gehaltene Kurse bringen auf Dauer keinen weiter. Gneral Electric ist das beste Beispiel, rauf auf die Liste der Shortverbote und zwei Tage später dann die Gewinnwarnung. Man kann nicht mitten im Spiel die Regeln ändern. Entweder man lässt Bären und Bullen den Auslauf, oder man nimmt sie an die Kette. Übertreibungen nach oben sind genauso schädlich wie Übertreibungen nach unten.

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Schön aber auch der börsennotierte Hedgefondsanbieter Man Group, der nun selber darum bettelt, in die Anti-Leerverkaufs-Liste aufgenommen zu werden, weil seine Aktie eingebrochen ist. Ich dachte eigentlich immer, dass Leerverkäufer nur Aktien shorten, die überbewertet sind, was also bedeuten würde, dass die Kurseinbrüche durch Leerverkäufe ihre volle Berechtigung hätten. Zumindest haben die Hedgefonds das doch immer behauptet...

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Und wieso eigentlich "künstlich hoch gehaltene Kurse"? Ich dachte immer, der Kurs einer Aktie fällt automatisch, wenn keiner mehr Lust hat, die Aktie zu einem höheren Preis zu kaufen. Wozu braucht man da Leerverkäufer?

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Wenn man mit so altertümlichen Vorstellungen wie KGV argumentieren wollte und die Abschwächung mit einpreist, sollte der Dow Jones aktuell bei, sagen wir mal 6000 stehen. Und der DAX bei 4000. Höchstens. Die Kurse sind nur so hoch, weil das Geld wenig andere Alternativen hat.

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Ja, stimmt, das ist mir schon auch klar. Ich frage mich bloß, ob Leerverkäufer da längerfristig irgend etwas dran verbessern können. Letzten Endes kann man nun mal auch mit Aktien keine nachhaltig viel höheren Renditen erzielen als das Wirtschaftswachstum, und das liegt (in normalen Zeiten) eher bei 2 % als bei den 6% bis 8%, die Versicherer und Pensionseinrichtungen so gern hätten.

Leerverkäufe sind hier lediglich ein Versuch, durch Zocken ein größeres Stück vom Kuchen abzukriegen, der dadurch aber nicht größer wird - deswegen klappt der Versuch nur, wenn auf der anderen Seite ein Dummer die Gegenseite nimmt. Verdienen tut an der ganzen Sache, gesamtwirtschaftlich gesehen, nur die "Spiel"-Bank, die an den Transaktionskosten verdient.

Dass die Kurse zu hoch sind und deswegen die Renditen längerfristig zu niedrig, ist ein Problem, mit dem sich die ganzen privaten Altersvorsorge-Systeme herumschlagen müssen, die alle konstruiert wurden mit der irrigen Annahme, dass die Börse so etwas wie eine Geldmaschine sei. Aber dieses Problem ist keines, das sich durch Leerverkäufe in irgendeiner Weise verringern ließe.

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kult bleibt immer gleich (teuer), nur die götter/marken ändern sich. so gesehen gab und gibt es auch nicht einen einzigen atheisten auf dieser welt.

(ich habe theologie und marketing mal in einem bewerbungsgespräch synthetisiert. mit dem erfolg, dass ich - sogar schriftlich - als "zu religiös" abgelehnt wurde. im nachhinein musste ich dann sehr lachen.)

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Da waren die Gesprächspartner vermutlich dümmer als Du. Oder aber sie fühlten sich unangenehm ertappt und wollten das nur nicht wahrhaben.

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Die entscheidende Frage ist eher, welcher Kult lukrativ ist, und welcher nicht. Ich erinnere mich da gern an Rabelais, der ein Kloster der Prasser gegründet haben wollte. Nun bin ich kein Christ, aber statt einer Kirche etwas zu geben, damit der Pfarrer die Haushälterin schwängert, würde ich wirklich eher das Bordell für mich selbst bevorzugen und dortselbst niemanden schwängern. Der Spass wäre dann wenigstens auf meiner Seite. Allerdings, wie gesagt, ich bin kein Christ und gebe mein Geld lieber den Händlern von Silber, Glas und demnächst auch kultigem Rost.

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ich frage mich gerade, ob es einen einzigen kult auf der welt gibt, der nicht lukrativ ist beziehungsweise lukrativ ausgeschlachtet wird. nachfrage reguliert angebot (mein neuntklässler-bwl), und kult bedeutet in jedem fall extrem starke nachfrage.
oder?

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Einen kenne ich: Der versuchte Kult rund ums Bloggen. Alle Ausschlachter sind zusammen äusserst erfolglos, egal ob das nun die Adnations sind oder irgendwelche durchgeknallten Extremisten. Alle zusammen haben ein eher wenig beneidenswertes Leben, mit Tendenz zu noch unerfreulicheren Momenten.

Überhaupt wird es angesichts der Verkultung von jeder Strömung eher schwierig, da noch einen tollen Kult anzubieten. Es ist ein wenig so wie am Ende des römischen Reiches: Kulte für jeden Geschmack, aber alles eher etwas komisch und schal. Am Ende machten die Extremisten und Totalitären das Rennen.

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