Woche der Toleranz 3

Ich war noch nie ein Anhänger der Vorstellung, man sollte ich doch mal in den anderen hinein versetzen. Wenn ich davon ausgehe, dass der andere kein Haufen banaler Triebe ist, sondern ein komplexes Wesen, werde ich bei diesem Versuch nicht weit kommen. Ein kleines Beispiel: Wir sind umfassend über das frühe Leben des Augustinus von Hippo informiert. Man könnte nun dagen, dass er im Alter einfach verbittert und bigott wurde, und sich in der Defensive. Aber das allein kann nicht den Anschlag auf die freiheit erklären, den er mit "De civitate Dei" schrieb und auch umzusetzen versuchte. Bei denen, bei denen man das mit dem Hineinversetzen angeblich machen sollte, ist immer etwas, was sie in ihrer eigenen Welt nochmal etwas unverständlicher macht. Nicht jeder Priester wurde ein Augustinus, nicht jeder Rechtsextreme ein Breivik, nicht jede Sufragette eine Nora Ehlam.

Normalerweise denke ich, dass es mehr Sinn macht, sich einen weitgehend allgemein akzeptierten Wert zu suchem, wie etwa "Freiheit", und dann zu überlegen, wie gross, wie notwendig oder wie schädlich abweichungen sind, und darüber zu reden, wo die Grenzen liegen.

Aber.

Man soll ja nichts unversucht lassen.

Und so habe ich für die FAZ ein in meiner Jugendzeit verbotenes, heute normalerweise als vollkommen harmlos betrachtetes Video genommen und versucht, es mit den Augen derjenigen Menschen der Gegenwart zu sehen, die gern von Toleranz reden und damit ihre eigene Ansicht zur Norm erheben wollen. Die gut begründbare Antwort ist eigentlich ganz einfach - so ein Video würde heute wieder nicht mehr gezeigt werden und wenn d0och, würden sich die angeblich Toleranten aufführen wie weiland die knallrechten Figuren in meiner Schule. Siehe auch im Kommentarblog.

Es macht mir keine Sorgen, weil so etwas in der Art laufend im Netz passiert - Diskriminierung durch moralisch überlegen wirkende Toleranzforderungen st da völlig normal. Mehr Sorgen bereitet mir, dass so etwas auch in den Medien passiert, und man dort auch eine Art ideologisches Hufeisen der Extremisten erkennen kann. Namentlich bei allem, was mit Sex zu tun hat, bis hinunter zu Kleidervorschrften -man hört als Kenner der Patristik Augustinus da in seinem Lavaloch lachen. Der Religionswächter im Iran und die bis zum Exzess gefotoshoppte Frau aus der bizarren Ecke der Dtitten Welle hassen beide den Wonderbra und würden ihn gern verschwinden lassen, und beide reden verächtlich über das Begehren, beide möchten beschämen, und beide sehen ihre Feinde überhaupt nicht in sich, sondern in der Mitte, die sich endlich auf einen Modus Vivendi geeinigt hat.

Das wäre vor fünf Jahren noch ein Thema für ein paar komplett Bescheuerte gewesen. Das ist es immer noch, aber die Bescheuerten stehen inzwischen an den Grenzen unserer Zivilisation, und sie sollte man ruhig etwas öfters lächerlich machen.

Ich denke, das tut ihnen wirklich weh.

Mittwoch, 12. November 2014, 17:10, von donalphons | |comment

 
…habe übrigens die ganze Zeit in mich hinein schmunzeln müssen. Das ist ein wirklich feiner Artikel. Danke.

Ich merke jedoch bei der Lektüre dieser Themen immer wieder, wie weit das alles von meiner Lebenswirklich entfernt ist.
Ich bin nur etwas befremdet, wenn da jemand in die Lebenswirklichkeit eingreifen möchte. Aber letztlich ist das egal: Niemand wird gangbanger, nur weil im Gender-Unterricht über cistransbordelle geredet wird. Genausowenig wie wir aufgrund Frankie-Konsum schwul geworden sind. Sowas glauben eh nur verstockte neu-Zaren aller Kontinente.

... link  

 
Die fragen natürlich nicht nach - ich bekomme hier die Mitteilungen der Friedrich-Ebert-stiftung und da sitzen dann die ganzen Leute, die den Druck machen. Man fragt also gar nicht gross, man geht zu den Abgeordneten und beeinflusst die. Und am ende kommt dann sowas raus wie die Lex Edathy.

Oder diese Pressemitteilung von Pfeiffer zu den Vergewaltigungen und den Verurteilungen. Das Papier nicht wert, auf dem sie steht, wird aber als Beweis für die Notwendigkeit einer Strafrechtsverschäftung gehandelt. Das kommt schon in die Lebenswirklichkeit - Top down.

... link  

 
Da werd ich noch zum alten Grantler…
Mich hat das Thema jetzt gepikst und daher schrieb ich eine Anfrage zu Vorhandensein und gegebenenfalls Zeitplan. Also für den Genderunterricht in unserem schönen Bundesland. Mal sehen, ob der Herr Minister antwortet…

... link  


... comment
 
wenn - durch unbestreitbare zunahme von auch erkämpften "freiheiten" - die so genannten gewissheiten fallen, was nun als richtig und was als falsch zu gelten habe, entsteht eine lücke, in der, nennen wir es doch so, moralapostel ausdruckstark und medial vergrössert ihre ansichten verbreiten und mit gültigkeit auszeichnen. wer dagegen sei, kann ja mit einem fäkalen starkwindereignis rechnen - und er hat irgendwann keine rechte lust, zeit oder nerv mehr, darauf einzugehen; nur, weil ein paar personen geschlechtsunterschiede tilgen möchten, muss man nicht davon ausgehen, dass der feminismus an sich obsolet sei, weil er albern sei.

als nicht ganz zu vernachlässigen scheint die tendenz, zwischen seinem superego und der welt die grenzen niederzureissen und ein wenig wie ein irres kleinkind selbstverbrochenes als prothese eines stets zu bedrohten selbst zu verteidigen, den eigenen bauchnabel als das mass aller dinge anzusehen - was natürlich auch impliziert, dass es bitteschön auch die anderen dies so sehen, "sonst halt ich die luft an" (frei nach astérix).

im übrigen darf man davon ausgehen, dass verblödungsstrategien schon recht weit gediehen sind, nur als beispiel: die verwechslung von bildung mit ausbildung.

züge fahren meist in zwei richtungen, und derzeit in der öffentlichkeit wohl eher nicht in richtung "freiheit" - ausser der für den markt nützlichen freiheit, selbstverständlich...

... link  

 
In dem Fall müsste man mal ein Watchblog machen - es wird da so viel a Unwahrheiten und untauglichen Zahlen verbreitet, da müsste man wirklich erklären, woher das alles kommt und welche Lobb dahinter steckt. Allerdings muss man auch sehen, dass dieser sich aufschaukelnde Konflikt nicht gerade dazu führt, dass so Mehrheiten entstehen. Die Demokraten haben in den USA testweise eine Wahl in einem Bundesstaat allein um die Frauen geführt, und sind - leider - abgesoffen. aber das heisst umgekehrt für die ganz Harten, dass sie die Sache nicht voran bringen, sondern vereinsamen.

... link  

 
Ja, das sage ich auch die ganze Zeit. Verbündete gewinnt man so nicht. Jede erfolgreiche politische Bewegung braucht aber am Ende des Tages Bevölkerungsmehrheiten, möglichst nicht für die Gegner. Unter der Hand und direkt bei Abgeordneten oder Bürokratien mag lange Zeit gut gehen, aber nicht ewig.

Gruss,
Thorsten Haupts

... link  


... comment
 
aus der bizarren Ecke der Dtitten Welle

wirklich hübsch niedergeschrieben... ("un symptôme important de l'émergence de désirs inconscients...")

... link  

 
Warum soll Melba-Fendel gefotoshoppt sein? Die Fotos, die google image zusammenträgt, haben alle eine wirklich grosse Ähnlichkeit mit dem eingestellten Mini-Gesichtsphoto auf 10vor8, also woher der Verdacht?

Gruss,
Thorsten Haupts

... link  

 
Es haben so einige, die, sagen wir es höflich, deutlich überarbeitete Bilder von sich schätzen, anlässlich des Geburtstages des Patents über das Thema geschrieben.

... link  

 
Ach, als erfahrener Bunte-Leser weiss man und glaubt man doch: "Gute Gene, alles gute Gene". Um drei Doppelseiten weiter hinten den Dr. M. auf einer Party... akquirieren zu sehen.

... link  


... comment
 
Fernseh Tip
zum Thema:
morgen in Kulturzeit 3sat Holly Johnson

... link  

 
Aber Kondome bleiben erlaubt oder was?

... link  

 
Dazu bräuchte man erst mal einen Anlass und den sehe ich bei diesem Thema nicht.

... link  

 
Ohne Augustinus kein Jansenismus, vielleicht nicht mal Reformation, folglich auch keine Jesuiten ergo keine Illuminaten und was hätte dann aus Ingolstadt dann je werden sollen?

... link  

 
Mein Gott, das ist doch Oberbayern.
.
Für Toleranz sind mal andere zuständig, die in Augsburg oder Bremen oder Wolfenbüttel oder so.

... link  

 
Sehe das Problem im übrigen als eine Spätfolge der Auflösung der Frauenklöster. Dort hätte man das früher hingesteckt und gut wär gewesen.

... link  


... comment
 
Popkultur ist nicht des Hausherrns Stärke. Die Musikvideos der 80er Jahre und auch noch später sind das Ergebnis einer sehr eigenen Tradition. Musikvideos gab es auch in der Prä-MTV-Ära, das in den USA im August 1981 startete. Die Plattform der frühen Musikvideos waren Pay-TV channels wie der Playboy Channel und moderne Diskotheken und Nightclubs mit Videoscreen. Dies hat den Stil der ersten Jahre geprägt, eher adult-oriented content. Gerade Anfang der 80er Jahre sind viele produzierte Musikvideos der MTV-Schere zum Opfer gefallen und gingen nur in einer entschärften Version über den Sender. So auch Relax, für das ein neues Video gedreht wurde. Das das Video wirklich gezeigt wurde, kann man also nicht so sagen, ohne MTV Europe, Internet oder mit Pop-Sendungen im TV, die lieber Stars Playback agieren ließen als Videos auszustrahlen. Auch das Video zu Relax war eher aus Discotheken bekannt, wo man mit 16 erst reinkam, aber um 22:00 Uhr schon wieder gehen durfte, wenn man keine 18 war.

... link  

 
Ich hab das irgendwo auf dem ORF nach 22 Uhr zum ersten mal gesehen. Schwarzweiß! mein geerbter Fernseher war unbunt.
Sendung einmal die Woche Sonntag abend, war ein fixer Termin, mir fällt nur gerade der Name nicht ein. Ich werd alt…
Wir sind dann zwei, drei Wochen später nach München ins WOM gefahren. Ist wirklich lange her.

... link  

 
Vielleicht hat sich eines verändert. Man hat das Video gesehen. Ein paar Male, im Abstand von Tagen oder Wochen, im Rahmen von anderen Sachen. Nur wenige konnten es sich einfach hintereinander mahrmals ansehen, vor- und zurückspulen, sich darauf konzentrieren, jede Einzelheit analysieren und in vermeintliche Kontexte setzen.

... link  


... comment
 
Ja, bitte weiter wehtun!
Aber bitte mit weniger Rechtschreibfehlern.
.
Habe hier eigentlich immer nur mitgelesen.
.
Möchte jetzt aber die Ansicht von Donna
als für mich übereinstimmend feststellen.

... link  


... comment
 
Woche der Freiheit 2 u. 3
.
2 - "Freiheit vs. Unfreiheit", "Freiheit vs. Verantwortung", Freiheit vs. Bindung" c'td.

Das "Freiheitsthema" ohne jede weitere Erlärung – oder gar vorauseilende Erklärung des Sachverhaltes - vollständig zu geben, so dass sich jeder ohne weiteres Suchen und evtl. Scheitern, Schuldig-Werdens tatsächlich verantwortlich seinen drei Freiheiten in Tatkraft der Republik und der Gesellschaft hätte zuwenden können, das wäre in der Tat eine Tat eines Luthers würdig gewesen, oder eines Papstes aus Südamerika.

So aber hatte sich Gauck, evtl. wohl kaum wissend, was er tat, gut konservativ in eine Richtung vereinnahmen lassen, die doch als Protestant und Pfarrer recht eigentlich überhaupt nicht seine eigene hätte sein dürfen?

Nämlich mit Hilfe des Freiheitsthemas "klug geplant" das Volk "niederschwellig pseudozubeschäftigen", und sich auf diese Art nach oben, also von unten freizuhalten.

Leider, dankenswerter weise schrieb es Minkmar, so wie es schon immer dem Politikkundigen vorstellig war, "hätte es der Élsée unter Sarkozy nach einer gewissen Bedenkzeit auch so gehalten" "mit der nach unten wirkenden, absichtsvollen halben Themensetzung" – und zwar mit den bekannten Folgen?

"Bénamou arbeitete später als Sachbuchautor und gehörte zu jenen Vertretern der linksliberalen Intelligenz, die Nicolas Sarkozy auf seinem ungestümen Weg in den Élyséepalast begleiteten. Mit großer literarischer Fertigkeit gelingt es ihm, noch mal das damals allgegenwärtige Gefühl des Aufbruchs zu beschwören: Was war, nach den stillen Jahren unter Chirac und der Morbidität der späten Mitterrandjahre, deren bester Zeuge Bénamou ist, nun nicht alles möglich? Das Land sollte moderner werden, offener, schneller und schlanker. Die Wirtschaft und die Verwaltung sollten reformiert werden. Und rasant sind auch die ersten Tage des Conseiller spécial. Und er hat echte Macht: Parlamentsfraktion, Regierungspartei und selbst die Minister sind bloß Statisten der Politik, alle Fäden laufen im Palast zusammen. Ein Berater, der ja selbst kein Mandat von den Wählern hat, spricht stets das letzte Wort, wie toll.

Doch Sarko wollte keine Reformen. Er hätte ungünstige Demonstrationen und eine anhaltend schlechte Presse nicht ertragen. Stattdessen hielt er sich an einen anderen schattenhaften Berater, den schwer nach Rechts tendierenden Philippe Buisson. Der empfahl Sarko, den Staat schön stark und autoritär erscheinen zu lassen und auf die Themen zu setzen, die sonst der Front National abdeckt. Er riet, die Franzosen voneinander abzugrenzen - Ausländer gegen Inländer, Fleißige gegen Faule, Kriminelle gegen Anständige und so weiter, außerdem die Angst zu schüren, um Sicherheit versprechen zu können."

Minkmar, "Von Palastrepublik und Zauberberghöhe" - http://tinyurl.com/poowvuk


Wirklich kluge und kenntnisreichere Leute hielten sich darum schon immer fern. Denn Merkel wollte keine Reformen. Sie würde ungünstige Demonstrationen und eine anhaltend schlechte Presse nicht ertragen - rasant gefahren würde daher heute auch immer nur noch zum Vergnügen.

Und Herr Don hätte sich mit dem Setzen des Begriffes "Freiheit" ohne jeden Zusatz endgültig aus Versehen in dieselbe Ecke gestellt, oder bloß so, wie weiland die franz. Bürgerlich-Konservativen?

Aber nicht doch, das tat wirklich nicht Not. Aber die Generation @ sollte besser und vollkommen unabhängig von solchen allen anderen besser wissen, was für sie und die Zukunft und das Land erforderlich wäre?


3 - "Freiheit vs. Unfreiheit", "Freiheit vs. Verantwortung", Freiheit vs. Bindung"

Wer früher kurz nach dem Studium im Alter von 27 seinen ältesten Sohn bekommen hätte, müsste heute, im Alter von 44, den ganz praktischen Fragen von "Freiheit vs. Unfreiheit", "Freiheit vs. Verantwortung", Freiheit vs. Bindung" nicht aus dem Wege gehen, denn er könnte es auch gar nicht – das siebzehnjährige Jungmann-Leben selbst würde sie ihm stellen – und ziemlich unreif bis sehr ungeduldig und unsachlich oft? Und alles immer unter einem Dach – und längst wäre er, der 44-jährige, an eigener wachsender Reife geschult, bald Meister im Umgang mit allen Aspekten solcher Fragen? Die Antworten wüchsen ungefragt halt immer so mit.

"Klar kannst du über Nacht wegbleiben und heimlich den großen Wagen nehmen und betrunken Autofahren ohne Führerschein und dabei noch fünf Mädchen mitnehmen, die Dich alle ganz toll finden, Du hast recht, Du bist fast schon volljährig und es geht Deine Eltern echt überhaupt nichts mehr an!" "Alter, Du hast echt keine Ahnung – morgen zieh' ich aus, Du wirst schon sehen, ich lasse mich doch von so einem alten Deppen wie Dir nicht mehr beleidigen!" ("Bindung gelöst - und echt die Verantwortung übernommen", angeblich) (Und als Unternehmertocher/sohn im elterlichen Betrieb hätte manche/r mit dem ein- oder anderen Mitarbeiter aus der Arbeitswelt auch schon einmal recht ähnliche Diskussionen erlebt?)

Wer aber nicht arbeitete UND kein Kinder hätte, wäre aus mancher Sicht manchmal schon auch ein besonders armer Hund?

Zum Glück werden ja mit weiter wachsenden Vermögen an der Landesspitze solche Schicksale – glücklich ohne Arbeit und ganz ohne Kinder - in den Westvierteln jetzt in wachsendem Maße eher die Regel sein – "nur echt verantwortungslos ließe sich besonders untereinander besonders gut theoretiseren – und so schön folgenlos fürs nachwachsende Leben"? Manche Referenzgruppen merkten auch schon einmal überhaupt gar nicht mehr, was Ihnen eigentlich fehlte.

Und Hannibal Lecter hätte sich den fehlenden Raum in seinem Gedankenpalast ganz aus sich selbst und eigenem Antrieb auf der Suche nach persönlicher Vervollkommnung immerhin schon mal dazugedacht. Der aber war ja halt auch anders, direkt unnormal. Wie also wählen?

(Ungefähr.)
.

... link  


... comment