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Mittwoch, 20. März 2019

Aus FAZ wird taz? Nein. Aber.

Am 6. März 2018 entstand ein Hashtag im Netz: #AusFAZwirdtaz. Damals hat sich die FAZ entschlossen, drei Blogs aus der Schirrmacherzeit nicht mehr weiter zu führen: Digital Pausen von Hans Ulrich Gumbrecht und meine beiden Blogs Stützen der Gesellschaft und Deus Ex Machina. Meine Blogs waren mit Abstand die beliebtesten Blogs bei der FAZ, und die offizielle Begründung war, dass man nun lieber mehr neue Formate machen würde. Der damals nicht ganz neue Onlinechef Carsten Knop hatte es nach seiner Amtsübernahme nicht für nötig befunden, mit mir über die Blogs und ihre Optionen zu sprechen, insofern war die Einstellung erwartbar – aber im Netz verbreitete sich, angestachelt durch abwertende Bemerkungen einiger Mitarbeiter der FAZ und eine misslungene Firmenkommunikation die These, die FAZ hätte mich wegen meiner politischen Sichtweisen entlassen.

https://twitter.com/akrobok/status/971050413377163267

Ich konnte damals wenig tun: Nach der Verkündigung war Herr Knop für mich und den Versuch, eine tragbare Sprachregelung zu finden, schlichtweg nicht erreichbar, während die FAZ ohne mein Zutun die Nachricht im Netz verbreitete. So machte das Gerücht die Runde, und ich musste Presseanfragen abwimmeln, die wissen wollten, was da nun an den Behauptungen dran war. Rückblickend ist es so, dass sich das Feuilleton unter dem Herausgeber Kaube weiter entschirrmacherte und Knop andere Schwerpunkte mit fest angestellten Autoren anstelle der alten, frei arbeitenden Blogger setzt. Jetzt, nach der Entlassung des Herausgebers Holger Steltzner und einer auch nicht eben glücklichen Kommunikation, ist der Hashtag ausFAZwirdtaz wieder da, und mit ihm die Angst, die FAZ könnte nach links driften. Als Ex-Insider kann ich das vielleicht ein wenig einordnen.

https://twitter.com/faznet/status/1096372554258878464

Zuerst einmal muss man die Hierarchie der FAZ verstehen. Es gibt keinen Chefredakteur, sondern an der Spitze die Herausgeberkonferenz, in der sich die Herausgeber intern abstimmen und als redaktionelle Leiter der Zeitung FAZ ihre Linie gegenüber dem wirtschaftlich verantwortlichen Verlag der FAZ und der die ganze Konstruktion tragenden FAZIT-Stiftung festlegen. Diese Herausgeberkonferenz wiederum ist mythenumschlungen, und traditionell ist es so, dass ihre Ratschlüsse zwar verkündet, aber nicht immer erklärt und hinterfragt werden: Wenn die Herausgeber zu einer Entscheidung gekommen sind, tragen sie die Folgen auch gemeinsam in „das Haus“. Man sagt übrigens, wenn man dazu gehören will, nicht, dass man etwas in der FAZ tut, man tut es einfach „im Haus“. Und wenn etwas schief geht, dann sagen auch leitende Personen schon mal „der Saftladen“, aber meistens ist dann auch jemand anwesend, der daran erinnert, dass das Haus neben der New York Times eine der besten Zeitungen der Welt ist. Das sagen Herausgeber, Ressortleiter schauen es sich ab und Redakteure, die nicht wissen, dass manche freien Mitarbeiter mit Herausgebern privat befreundet sind, versuchten mit dieser Phrase gern, einen einzuschüchtern. Was andere Medien schreiben oder tun, hat einen nicht sonderlich zu interessieren, denn was ist und was exististiert, verdankt seine Existenz allein dem Umstand, dass es in der FAZ steht. So war jedenfalls noch bei meinem Eintritt ins Haus – man wird da nicht bei der FAZ angestellt, man tritt ins Haus ein – bei einigen noch die Denkweise. Und wer aus dem Haus austritt, der hört auch auf zu existieren – die Sticheleien, die der frühere Feuilletonchef und jetzige Kölner Kulturkorrespondent Patrick Bahners hin und wieder in meine Richtung verbreitet, sind eigentlich nicht Stil des Hauses.

https://twitter.com/wulfschmiese/status/1107914834652393474

Womit wir eigentlich schon bei der Frage sind, was so ein Herausgeber eigentlich tut. Nun, er steht über seinem Bereich, wie ein mittelalterlicher Fürst über seinem Herrschaftsgebiet steht. Die Ordnung ist klar vorgegeben, der Herausgeber bestimmt, meistens mit einem kleinen Leitungsstab, oft aber auch impulsiv und ohne Rücksprache, was in seinem Bereich gilt. Mein Eintritt zum Beispiel war so eine Entscheidung jenseits eines Konsenses: Die FAZ hatte Blogs, die nicht funktionierten, und nach dem Scheitern des Reading Rooms als Diskussionsplattform für Bücher drohte das nächste Scheitern. Also schaute sich Frank Schirrmacher nach einem externen Blogger um, und berief mich an allen Strukturen vorbei. Die Rache des Hauses war jemand, der sich übergangen fühlte und die Information vorab bei Peter Turi durchstach – und wenn Sie jetzt glauben, das sei doch etwas intrigant: Ja. Vieles bei der FAZ erinnert an einen wechselvollen Roman aus feudalistischen Zeiten. Die Struktur bringt es mit sich, dass der Widerspruchsgeist oft nicht stark ausgeprägt ist; Frank Schirrmacher hat das einmal gezeigt, indem er in der Redaktionskonferenz bewusst einen völlig absurden Vorschlag machte, der trotzdem allgemein begrüsst wurde. So ist das im Haus, es ist alles etwas schwankend, man weiss nie genau, woran man ist, und jedes halbe Jahr musste ich eine grössere Intrige überstehen – gleichzeitig habe ich aber auch mit dafür gesorgt, dass einige Blogs bei der FAZ eingestellt wurden.

https://twitter.com/tknuewer/status/16945440308

Um mal ein plastisches Beispiel für so eine Intrige zu erzählen: Ich hatte in einem Beitrag eine korrekt recherchierte, aber inzwischen veraltete information über ein Institut erwähnt. Dem Redakteur eines konkurrierenden Blogs und Redakteur wurde mein halber Fehler durch einen Moderedakteur zugesteckt, er bauschte das auf, und intervenierte bei Schirrmacher, während der in der Herausgeberkonferenz sass. Schirrmacher sagte ihm, er sollte dafür sorgen, dass ich das ändere, woraufhin mir der Redakteur eine lange, hämische Email schickte und mir sagte, er werde jetzt in Schirrmachers Auftrag dafür sorgen, dass der Beitrag verschwinde. Dann wandte er sich an den verantwortlichen Online-CvD und sagte ihm, es sei Wunsch des Herausgebers, dass der Beitrag offline genommen werde. Für mich sah es so aus, als hätte das Schirrmacher gewünscht, weshalb ich kündigte. Dummerweise hatte der Redakteur aber die Hinweismail seines Tipgebers auch an Schirrmacher mitgeschickt, und im Abgleich zwischen mir und Schirrmacher zeigte sich dann schnell, dass der Redakteur offensichtlich eine Herausgeberwunsch vorgetäuscht hatte, wo es keinen gab. Ich zog die Kündigung zurück, fuhr nach Italien und bekam dort einen Anruf von der Sekretärin, der Herausgeber hätte von diesem Redakteur nun noch eine Mail erhalten – er würde gerne auf eine sehr luxuriöse Pressereise nach Monte Carlo gehen. Aber der Herausgeber wüsste ja, dass ich in der Nähe war – was überhaupt nichts stimmte, Mantua-Monte Carlo ist eine weite Strecke – und es wäre doch ganz wunderbar, wenn ich diesen Termin anstelle des Redakteurs übernehmen könnte, ich sei da doch sicher auch kompetent - was ebenfalls nicht stimmte. Also fuhr ich nach Monte Carlo, und das passiert halt im Haus, wenn man es wagt, Herausgeberwünsche zu erfinden, die es nicht gibt. Und bitte: Mit Politik haben diese Intrigen überhaupt nichts zu tun, der fragliche Beitrag war sogar dezidiert links.

https://twitter.com/HugoMuellerVogg/status/1107765433292210178

Insofern: Man darf nicht glauben, dass die Herausgeber mit ihren Redaktionen eine Maschine betätigen, die dann 1:1 tut, was sie letztlich wollen. Noch nicht einmal Herausgeberkonferenzbeschlüsse sind unumstösslich: Als es um das Leistungsschutzrecht ging, habe ich mit einem anderen freien Autoren erfolgreich darauf gedrungen, auch Gegenstandpunkte in der FAZ veröffentlichen zu können. Es hing manchmal wirklich einfach von der Tagesform ab, Herausgeber geben Nachts um 3 Aufträge, die sie einen Tag später nicht mehr geben würden, sie verteilen Gunstbeweise und lassen fallen, und was sie wirklich planen, verstehen viele erst, wenn es zu spät ist: Der Ablösung von Patrick Bahners als Chef des Feuilletons und die Berufung von Nils Minkmar war so ein Fall. Der tiefere Grund, warum Leute im Haus nach einer Weile wirklich nur noch sehen, was im Haus ist, und warum ich mich selbst auch viel mehr darauf eingelassen habe, als ich wollte, ist einfach die Selbstbezogenheit der Mitarbeiter und die Ergebenheit in einer Struktur, die einerseits klar ist, und andererseits dennoch tückisch und von vielfältigen Konfliktlinien durchzogen. Man muss sich darauf einlassen, wenn man überleben und vielleicht auch noch eine besondere Stellung haben will. Mit der Medienkrise wurde das alles noch schlimmer. Mir wurde vorher gesagt, ich hielte es mit Schirrmacher keine vier Wochen aus – es kam letztlich alles ganz anders. Man weiss es vorher einfach nicht.

https://twitter.com/alvar_f/status/1051119421157191682

Gewisse Erlebnisse bei der FAZ würde ich eher dem extremen Arbeitspensum als der Überzeugung von Herausgebern zuschreiben, wie etwa der letztlich gescheiterte Versuch, mit Sobooks eine Kooperation für digitale Bücher einzugehen. Mit dem Internet ist es noch schlimmer geworden: Ich habe einmal einen Beitrag geschrieben, bei dem ich mir selbst nicht sicher war, und vorher bei allen Instanzen gefragt, ob das in Ordnung ist. Alle Instanzen sahen kein Problem. Erst nach 48 Stunden nach der Publikation ist dann jemand aufgefallen, dass das Thema in dieser Form schon sehr neben der Blattlinie liegt, aber was sollte man dann noch machen? So etwas passiert. Es passierte bei mir und es passierte, als es für eine Sensationsnachricht über Gauland keine Aufnahme gab. Eine freie Mitarbeiterin eines Blogs gab sich im akademischen Betrieb als „Blog-Redakteurin der FAZ“ aus, was erst nach einer Weile aufgefallen ist. Die FAZ ist ein grosses Haus, manchmal verlässt man sich auf die falschen Menschen, Fehler passieren überall, und gleichzeitig arbeiten da sehr gute Menschen: Meine Erfahrung ist, dass man fast alles bringen konnte, wenn man es nur gut und interessant argumentiert hat. Die Binnenpluralität der gegensätzlichen Meinungen in den verschiedenen Ressorts war sehr wohl gewünscht.

https://twitter.com/nminkmar/status/567330124379734018

Das soll jetzt, um wieder über „Aus FAZwirdtaz“ zu sprechen, vorbei sein, weil mit Holger Steltzner ein profilierter Kritiker der EU, des Euro und der Regierung gehen muss. Ich möchte da an diesen Beitrag hier erinnern, den der Politikherausgeber Berthold Kohler auf dem Höhepunkt der Flüchtlingskrise geschrieben hat – im Haus als „Zonenwachtelkommentar“ bekannt, der doch recht deutlich aufzeigte, dass hier die FAZ aus dem bislang gepredigten Mainstream ausscherte. Hätten die Herausgeber wirklich Konzessionen an die grosse Koalition machen wollen, hätten sie als Schirrmachers Nachfolger eigentlich Nils Minkmar bestimmen müssen, der am ehesten auch den Schirrmacherweg weiter verfolgt hätte – statt dessen wurde Minkmar zum Europakorrespondenten und verliess das Haus dann ganz, wie auch die als Nachfolgekandidatin gehandelte Literaturchefin Felicitas von Lovenberg. Vor der Einstellung meiner Blogs gingen auch noch andere, die man sicher nicht einem konservativen Spektrum zuordnen würde. Der eher linke, zwischenzeitlich geförderte Redakteur Stefan Schulz - der mit seinem Buch Redaktionsschluss eine seltene, aber auch für mich nicht nachvollziehbare Abrechnung mit der FAZ geschrieben hat – verliess das Haus schon bald nach Schirrmachers Tod.

https://twitter.com/Schmidtlepp/status/550000442516971520

Antonia Baum schreibt inzwischen für die Zeit, der Krach beim Ausscheiden von Johanna Adorjan ging auch durch die Medien, und die Beschwerden von Autorinnen des Blogs „10 vor 8“, die selbst intern merhfach über die Stränge geschlagen haben, unter anderem mit einem Brief an die Herausgeber gegen meine Person, sind auch allgemein bekannt. Ich sehe da einfach keinen Bezug zur politischen Einstellung der Autoren. Was man der FAZ vorwerfen könnte, ist eine Verflachung der Meinung im Feuilleton, weil die Schirrmacher Boys gingen, entlassen wurden oder kaum mehr Einfluss haben. Der Höhepunkt der Entschirrmacherung war 2018 die Präsentation der Biographie über Schirrmacher von Michael Angele im Feuilleton. Die Gebliebenen reiten ihre Steckenpferde wie das Bierblog weiter. Es wurde deutlich unpolitischer, das Feuilleton macht wieder Bücher, Filme, Wissenschaft und ab und an einen Genderbeitrag. Gleichzeitig bekam der Bereich der Wirtschaft im Onlineauftritt erheblich mehr Raum, der Onlinechef selbst kommt auch aus der Wirtschaft – bis zur Entlassung von Holger Steltzner kann man beim besten Willen nicht sagen, er hätte mit seinen konservativen Sichtweisen zu wenig Raum gehabt.

https://twitter.com/Mama_arbeitet/status/1107248330751574017

Nimmt man das Feuilleton als Vergleich, sollte man also mit dem Hashtag #ausFAZwirdtaz noch etwas warten. Wäre es wirklich so, dann wird man das bei der Neubesetzung sehen. So etwas wie die „Schirrmacher Boys“ gibt es auch in den anderen Ressorts, und falls die Grundlage der Entlassung im privaten Bereich liegt, wäre es kein Problem, die politische Steltznerlinie mit einem seiner lautstärkeren Leute aus dem Leitungskreis weiter zu führen. Die Berufung eines Leisetreters, der seine Aufgabe in Börsenkursen, Sartups und Derivaten sieht, und die Wirtschaft so in ihr Bett zurück führt, wie Kaube das mit dem Feuilleton gemacht hat, wäre erst dann ein Hinweis auf inhaltliche Differenzen, wenn in der Folge Mitarbeiter verschwinden. Es ist kein Geheimnis, dass die Gründung der wirtschaftsliberalen Professoren-AfD um Lucke nach dem scheinbaren Untergang der FDP von manchen FAZ-Mitarbeitern nicht ablehnend zur Kenntnis genommen wurde – würden die sich nun einen anderen Arbeitsplatz suchen, könnte man schon ins Grübeln kommen. Im Netz liest man Spekulationen, der Kopf Steltzners könnte nach Jahren des Zerwürfnisses zwischen Merkel-CDU und FAZ so eine Art Morgengabe für die Wiederannäherung sein. Ich glaube das definitiv nicht, denn so ein Vorgehen wäre ein Zeichen der Schwäche, das sich in diesem Haus mit seinem Selbstverständnis niemand freiwillig leisten würde. Man darf auch nicht übersehen, dass die weithin kritisierten, rechtskonservativen Gastbeiträge wie etwa durch Gauland in der Politik erschienen sind. Bei denen Netzaktivisten, die normalerweise an der FAZ als Hort des rechten Bösen herumzetern, würde das ohnehin nichts ändern, denn die kaufen das Blatt nicht. Und jenseits von politischen Spekulationen: Der Umgang der FAZ mit Entlassenen ist nicht gerade auf Beifall der Publikumsfamilie ausgerichtet.

https://twitter.com/HugoMuellerVogg/status/1107642662134472704

Ein gutes Zeichen für die FAZ ist es nicht, denn die unerwarteten Wechsel im Herausgebergremium waren schon nach Hugo Müller-Vogg und Frank Schirrmacher für die Beteiligten dem Vernehmen nach anstrengend, und haben viel Unruhe in die Zeitung gebracht. Aus FAZ wird deshalb nicht taz, aber für das Selbstverständnis des Hauses als Solitär in der Presselandschaft ist das Zerwürfnis, das in jeder normalen Zeitung auf Ressortleiterebene ein gewöhnlicher Vorgang wäre, ein kleiner Abschied von der gewohnten Stabilität. Sollte die Neubesetzung länger als ein paar Wochen dauern, sollte etwa wie nach Schirrmachers Tod gar ein komissarischer Leiter eingesetzt werden, der für eine längere Übergangszeit Steltzners Posten übernimmt und restrukturierend tätig wird, indem altbekannte Gesichter degradiert oder verschoben werden, müsste man sich wirklich auf den Beton vor der Hellerhofstrasse legen und lauschen, ob da nicht das ein oder andere Gräslein in eine unerwartete Richtung wächst. Für die FAZ bleiben die grossen Probleme aber die nachlassende Abonenntenzahl sowie die Neuausrichtung des Geschäftsmodells auf das Internet. Auch der neue Herausgeber wird etwas liefern müssen, für das andere gern zahlen. Und der taz geht es auch ohne Konkurrenz schon recht elend.

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Sonntag, 3. Februar 2019

Esterhazy

Erst Türkenbekrieger, dann Säkularisierungsprofiteure, letztlich Schnittenbenenner. Was für eine historische Karriere.


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Samstag, 2. Februar 2019

Fallout

Bienen Lorenz schloss kurz nach der Reaktorkatastrophe von Tschernobyl, weil damals Angst vor Wild und Honig mit heimischer Herkunft herrschte. Bei Wild - namentlich Wildschweinen - vermutlich sogar zurecht. Das ist jetzt eine ganze Weile her, und es ist halt, wie es ist; Der Laden und das Haus gehört der Familie, sie ist nicht ganz arm, und sie lässt es leer stehen. Mit dem Ergebnis, dass es hier immer noch so wie 1970 aussieht. Ich kenne das nicht anders, nur waren früher die Gardinen tagsüber offen.



In Italien hätte sich vermutlich längst jemand gefunden, der die gute Erhaltung erkennt, und daraus etwas macht - hier bei uns werden die Fensterscheiben eher klein gemauert, um am innerstädtischen Wohnungsboom mitzuverdienen. Dabei ist das hier nur 30 Meter vom Rathausplatz entfernt. Es ist ein ziemlicher Jammer, sobald sich die Familie einmal aufraffen sollte, um das zu tun. Aber noch ist Zeit, noch wartet der Laden auf jemand, der etwas Besonderes anbieten will, und vielleicht hat er ja Glück. Ich habe aktuell selbst zwei solche Objekte, die auf Restaurierung warten, bei mir hängen dauernd Kaufgesuche an den Fensterscheiben. Es muss vielleicht einfach der Richtige kommen. So einen kleinen Feinkostkäseladen könnten wir hier schon brauchen. Gern mit genau diesem Schaufenster.

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Sonntag, 27. Januar 2019

Matsch

Die erste L'Eroica ist schon Ende April. Und obwohl ich gern radle, waren November und Dezember zum Vergessen, um es höflich zu formulieren. Aber jetzt ist es nicht mehr grau, sondern nur noch matschig. Und Matsch ist - siehe L'Eroica - keine Ausrede.





Also los. Das Ziel: 1500 Trainingskilometer bis April. Minimal.

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Mittwoch, 23. Januar 2019

Warum ich Buzzfeed.de schliessen würde

Ich habe kurz vor Weihnachten den gesammelten Frust deutscher Trashportale abbekommen, weil ich mich skeptisch zu ihren Erfolgsaussichten geäussert habe, nachdem andere schon mal vorgegangen sind, darunter übrigens auch die Gendermüllschleuder Jezebel. Ein paar Leute wollten mit einem Shitstorm zündeln, weil ich sexuelle Sonderwünsche nicht pc tituliert habe, und so generell hiess es, ich hätte keine Ahnung. Keine zwei Monate später wird jetzt bekannt, dass Buzzfeed 15% seiner Mitarbeiter vor die Tür setzt. So ist das nun mal. Man lege sich als Startupper nicht dem dem DCT-Champion an.



Entsprechend gehen bei Buzzfeed.de Ergebenheitsadressen von ähnlich gepolten Trashproduzenten ein. Ich nehme an, das hat auch damit zu tun, dass es bento, watson, zett und Vice nicht wirklich gut geht - das mit Springerbeteiligung aufgebaute Projekt Mic ist eh am Ende, und ein anderer Pöbler, der im Umfeld von Buzzfeed News abhängt, hat momentan auch schlechte Laune. Ich möchte trotzdem mal erklären, warum ich, hätte ich dort etwas zu melden, den deutschen Zweig einstellen würde. Nichts Persönliches, nur Erfahrung aus der schlechten, alten Zeit:

1. die enorme Konkurrenz. Eben von allen grossen deutschen Medienmarken, die sich frühzeitig gegen den kommenden Superstar, der nun keiner ist, wappnen wollten. Speziell Bento kann sehr viel leichter Traffic auf sich ziehen, als das bei Buzzfeed.de je möglich wäre.

2. Die Bildung der Deutschen. Die Leute, die sich für die Inhalte interessieren, können auch zum US-Original gehen, es ist ja nicht wirklich anspruchsvoll, auch im journalistischen Teil, wo der SJW-Morast Abermillionen von reaktionärem Kapital verbrennt. Wer das will, braucht den deutschen Ableger nicht.

3. Der deutsche Ableger ist nicht gross, aber der deutsche Werbemarkt ist komplex und wird von alten Medien dominiert, so dass da sicher noch eine längere Zeit wenig Profite erwirtschaftet werden. Native Advertising ist hierzulande auch nicht so einfach. Buzzfeed braucht aber unbedingt den Erfolg - nicht nur ein Break Even, sondern Gewinne. Wenn es mal laufen würde, könnte man in Deutschland schnell wieder Strukturen aufbauen, aber im Moment ist der einfachste Weg, alles zu killen, was Geld kostet und nicht wirklich zukunftsträchtig ist. Und die Deutschen sind nicht die Innovativsten.



4. Verschlanken ist nie einfach, weil man überall jemandem etwas wegnehmen muss. Es gibt viele lose Enden, Mehrfachbelastungen, Kompetenzen gehen verloren. Mit dem Absägen der deutschen Operation - und eventuell einer übersetzten .de-Seite von London aus - wird man wirklich einige Leute auf einen Schlag los, statt in allen Bereichen zu feuern. Dass Buzzfeed das gern macht, hat man bei der französischen Seite und den Podcastern schon gesehen. Im Kern würde das auch jetzt Sinn machen. Es ist halt nicht schön für die Betroffenen.

Zumal es um die Befriedigung reicher Investoren geht, die normalerweise ihr Kapital nicht auf einen Schlag, sondern in Tranchen auszahlen - zumindest war das früher bei Venture Capital meistens so. Bei solchen Gesprächen um weiteres, eigentlich schon bewilligtes Geld lohnt es sich, Schnitte zu präsentieren, die einfach, radikal und schmerzhaft sind, statt sich im Klein-Klein zu verstricken: Ein Blick auf die Entwicklungscharts, ein kurzes Nachdenken, wie lang es noch dauern würde, bis sich die Sparte trägt, dann das schlechteste Zehntel streichen - so würde ich da vorgehen, wenn ich in der üblen Lage wäre, das tun zu müssen. Montag wissen wir vielleicht mehr. Dagegen steht natürlich, dass Deutschland ein wichtiger Markt ist.

Oh, und ich glaube nicht, dass es deshalb für die anderen leichter wird, mit Podcasts, die teuer produziert werden und dann nur ein paar 100 Klicks bekommen, zu überleben. Die grosse Frage 2019, 2020, 2021 wird sein, wie man sich für Inhalte bezahlen lässt. Denn da draussen droht eine Rezession, und mittellose Millenials haben dann ganz andere Probleme als den Kauf eines Staubsaugers, der wie eine Laserkanone aussieht. Von den Trashportalen gibt es auch ohne Buzzfeed immer noch zu viele.

Edit: Sie haben sich diesmal anders entschieden, man darf gespannt sein, wo dann gekürzt wird:

https://twitter.com/danieldrepper/status/1088796136696107008

Edit 2: Sie haben Buzzfeed Espagna gekillt, also komplett, wie vermutet:

https://twitter.com/BuzzFeedEspana/status/1088790985038053379

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Dienstag, 22. Januar 2019

Heimarbeitsplatz

Das ist so toll.

Das ist so grandios.

Schon die Fahrten nach Frankfurt waren eine schwere Belastung, Berlin ist um ein Vielfaches schlimmer. Nicht dass ich es nicht ertragen - und die Vorteile entsprechend mitnehmen - würde.Ich habe das ja schon mal gemacht. Aber der Umstand, einfach mal arbeiten zu können und dann auch wieder nicht, die Freiheit, die Leistung zu erbringen, wenn es passr und nicht, wenn das Büro aufgesperrt ist - das ist schon toll. Das bisserl Disziplin, das ich dazu brauche, habe ich sowieso. Dieser Arbeitsplatz, das ist ein ganz grosses Privileg, selbst wenn ich ihn selbst finanziere, was mir allerdings nicht schwer fällt. 4 Meter zur Küche mit feinem Porzellan, Silberkannen und genau dem Tee, den ich brauche.



Kein Bus. Keine U-Bahn. Kein Scheibenkratzen am Morgen und statt des Bürostuhls verschiedene Sofas. Ruhe, wenn ich will, und Musik auf Knopfdruck. Experimentiermöglichkeiten. Ich habe nur den allerersten Beitrag für die FAZ tatsächlich in einem Büro geschrieben, und ich habe gemerkt, dass das nichts für mich ist. Einfach nicht meine Welt und zu viele Menschen. Man kann sich dort nicht gehen lassen. Alles gehört anderen Leuten. Man ist da nur Leistungserbringer in einer Maschine. Das passt nicht zu mir. Ich mache es daheim. Es macht mich glücklich. Wie können andere nur arbeiten, wenn nebenan kein halbfertiges Rad steht und an der Wand kein Gemälde hängt?

Irgendwie können sie es schon. Ich will aber nicht. Ich will diese meine Höhle und sonst nichts. Keine Karriere, keinen Titel, nur den grünen Samtsessel und den Blick auf Rokoko und lachsfarbene Wände.

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Sonntag, 20. Januar 2019

Zurück

Ich fahre nicht nach Berlin, um meine Vorurteile bestätigen zu lassen. Ich fahre hin und nehme es, wie es kommt. Die Bierflaschen in der Alkoholverbotszone, der Obdachlose, der sich in der Kochstrasse genau auf dem Treppenaufgang der U-Bahn übergab, die verbogenen Räder, all diese Menschen mit Plastiktüten, die Müdigkeit in den den Gesichtern, die Fixierung auf die Handies, die Notrufsysteme auf den Bahnsteigen. Ich beobachte, ich bemerke, ich spule mein dichtes Programm ab, ich gehe wieder.



Einfach gesagt, habe ich einen ganz guten Vergleich zum Berlin von 2004. Es hat sich etwas geändert, es gibt mehr Protzbauten, das Regierungsviertel kommt voran, vielfältiges Travertin mit bodentiefen Fenstern, etwas höhere Preise, kaum mehr Trödler, aber so insgesamt - es zerfällt so schnell, wie es aufgebaut wird. Wenn das der Fortschritt von 15 Jahren war, 15 Jahren des Aufschwungs im Rest des Landes, dann wird es jetzt in der Stagnation nicht gemütlich. Möglicherweise muss ich jetzt einige Zeit auf ein paar Termine im Jahr da hoch, aber ich kann immer wieder in den Zug steigen und nach Hause fahren. Es geht mir gut, sehr gut, und da sitze ich dann in grünen Chippendalesesseln und lese, wie andere dort beraubt werden, sich die Wohnungen nicht leisten können, und sich an Martenstein abreagieren, weil er das anspricht, was sie nicht vertragen. Die Profite machen die Zuhälter der richtigen Haltung, die fettkranken Medienkritiker mit Bewegungsproblemen, die Sasialtlasten als Meinungsbekämpfer, die Antifa, die von der Linken mit Staatsknete bezahlt wird, aber auch nicht wirklich gut. Im Alter wird das bei denen hässlich. Man liest gerade wieder viel von Depressionen. Ich nehme noch einen Tee.

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Samstag, 19. Januar 2019

10 Jahre Stützen der Gesellschaft

Es war mir ein enormes Vergnügen. Und was das Blog alles so überstanden hat, intrigante Redakteure, Kampagnen, niederträchtuge Briefe, gezielte Mordversuche, einen kompletten Wechsel zu einer anderen Zeitung, während in der ersten noch gedacht wurde, das wäre jetzt vorbei, mehrere Relaunches durch meist wenig bedarftes Personal, ein Hackingvortrag vor versammelter Mannschaft, ein Override des Layouts gegen die Aufforderung, das nicht zu tun, ein Ausweichblog, ein wirklich tragischer Tod, ach, man könnte stundenlang erzählen und vor allem Danke sagen, bei Lebenden und, leider, auch Toten.



Ich hoffe, das wird noch lang so weiter gehen, zum Vergnügen der Leser und zum Ärger derjenigen, die viel dafür tun würden, dass es verschwindet. Ich möchte darin zwar keine Nachrufe schreiben, aber das ein oder andere "Ach" wird mir darin schon noch entfahren. Man triffft sich immer zweimal. Und die Stützen der Gesellschaft sind oft ganz schön stabil.

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