Privileg

Zugegeben, es gibt natürlich auch Offline-Debatten über meine Beiträge, die so im Blog nicht stattfinden. Da geht es vor allem darum, ob ich die Lebenswirklichkeit richtig verorte. Eigentlich jeder in meinem Umfeld sagt, meine Texte würden deutlich übertreiben, und was ich dort darstellen würde, sei Durchschnitt, den ich krass überschätze. Und es ist natürlich richtig, dass ich für Tegernseeverhältnisse ganz klar nicht zu den Vermögenden gehöre, und dort keinesfalls mehr als der untere Durchschnitt habe. Allerdings - nicht zur Miete, sondern als Eigentum.

Ich halte dagegen, dass die Lebensrealität in Deutschland bei der echten Mittelschicht bei 40m² pro Person liegt und ich allein am Tegernsee dafür sorge, dass dieser Schnitt bei zwei anderen Menschen auf ein Niveau sinkt, das ich für unzumutbar halten würde - ungeachtet des Umstandes, dass woanders noch mehr Räume für mich da sind. Und nirgendwo wohne ich "zur Miete". Es ist halt immer eine Frage der Bezugsgrösse und des Umfelds, aus dem heraus man urteilt. Und so arrogant ich manchmal klingen mag: Ich weiss auch sehr genau, was andernorts üblich und gängig ist. Vielleicht gehe ich zu lässig mit meinen Privilegien um. Aber ich erkenne sie wenigstens.



Momentan macht dieses Schreiben einer GEO-Redakteurin die Runde, die sich auf dem Weg in die Altersarmut sieht - und vermutlich hat sie damit sogar recht. Wer im Journalismus reich werden will, muss darin entweder reich heiraten, reich erben oder auf einen Managerposten kommen. Alle anderen sollten sich eben überlegen, ob sie sich diese Arbeit, verbunden mit den Privilegien, die man dort hat, wirklich leisten können. Das ist nun mal so, und es ist nicht Schicksal oder eine Naturkatastrophe, das wurde so gemeinschaftlich von diesem Sektor mit sehr, sehr vielen Fehlentscheidungen vor die Wand gesetzt.

Fehlentscheidungen, deren Behebung dann auch unendlich lang dauern, weil man sich das alles nicht eingestehen möchte. Fehlentscheidungen, die ganz gross gemacht wurden, statt die Sache langsam und mit Bedacht zu entwickeln. Und man plötzlich Leute an Bord hat, die Kosten verursachen und die Sache verderben, ohne dass sie je einen Tritt kriegen, weil man ja nicht A oder B auf die Füsse treten will. Und dann kommen halt Entscheider wie in diesem Fall und machen Tabula Rasa. Das hat oft unschöne Konsequenzen, wenn man keinen Plan B hat. Und keine eigene Wohnung. Das ist bei sehr vielen über 40 die grosse Angst. Sie wissen, was sie monatlich als Sockeleinnahmen brauchen und oft, sehr oft, sind sie Singles und das ist sehr, sehr teuer, gerade wenn es um Wohnraum geht. Der Kauf ist aufgrund der Unwägbarkeiten und des Einkommens nicht möglich, und so darf fann eben auf gar keinen Fall eine Stütze wegbrechen - so sieht das aus. Gefühlt ist das bei der Mehrheit meiner Kollegen so.



Das aber zu verstehen - dauert. Das dauert mitunter eecht lang, heute erheblich länger als früher, als in den Medien oft und viel geschmähte Menschen mit 27 einen Partner für das Leben und ohne Twitter wollten, dann recht schnell den Bausparer füllten und sich bewusst waren, dass sie da jetzt durch und die begrenzten Optionen ideal nutzen müssen, auch unter Zuhilfenahme ihrer eltrn, selbst wenn die Zugeständnisse fordern. Das ist in meiner Heimat mit der extrem guten Beschäftigungslage und dem eher wenig konfliktträchtigen Gemüt der Menschen nicht so arg schwer, und nach weiteren 20 Jahren hat sich das, zumindest bei uns, auch finanziell rentiert.

Nur gibt es in so einem Lebensentwurf wenige Ausflüchte wie jene, die Menschen wie ich dauernd haben. Ich gehöre in diesem Bereich ja noch zu denen, die es sich wirklich aussuchen könnten. Und ich habe auch zudem keinen Grund, mich sofort dem nächsten an den Hals zu werfen, weil keine Reserven da sind. Allein das ist, wie man in diesem offenen Brief sieht, ein grosses Privileg. Aber auch andere sehen bei uns jede Menge Möglichkeiten, wenngleich mit minimaler Bezahlung. Das scheint aber zu reichen, weil die davon Angezogenen glauben, irgendwann würde es schon besser, selbst wenn die Realität etwas anderes aufzeigt. Dass die Propaganda oft in die andere Richtung geht und, wie aktuell mit der Frauenquote, die Illusion der grandiosen Zukunft der einsamen Kämpfer mit hinten angestellten Privatleben fördert, und später die Ausrede, das Scheitern läge an der gläsernen Decke des Patriarchats - das alles ist halt auch so ein grandioser Fehler der öffentlichen Darstellung, wie das Versagen des Journalismus vor Herausforerungen, die man falsch eingeschätzt hat.



Ich denke, wir werden in ein paar Jahrzehnten ganz deutlich sehr hässliche Folgen sehen, speziell bei jenen, die immer besonderen wert auf ihre vielen Optionen gelegt haben. Es wird ein sehr hässliches Äquivalent zum Thema der alleinerziehenden Mütter geben, die von der Gesellschaft jetzt so übel rangenommen werden, wie das anderen später zustossen wird. Versprochen wird ein Leben mit luxuriösen Vorteilen, aber ohne Vermögen und mit hohen Fixkosten, die jeden Aufbau von Polstern unmöglich machen. Die Vorteile sind schlagartig weg, wenn der Beruf weg ist, die Bedürfnisse werden aber bleiben, und gleichzeitig wird es mit der Reintegration in normale Verhältnisse sehr, sehr schwer.

Man sollte sich das leisten können. Ich kann es mir leisten, aber trotzdem bin ich froh, dass ich Rohre selbst reparieren und Räder bauen kann, denn Installateure sind sehr, sehr teuer und Leute, die etwas reparieren können, wird man immer brauchen.Es ist absehbar, dass es für mich nicht nötig sein wird, und dennoch: Es hat schon seine tiefere Bedeutung. Denn die neuen Privilegien sind wenig wert, sie sind die Lehman-Zertifikate auf eine Zukunft, die brutal aussortieren wird. Die alten Privilegien dagegen funktionieren, und sie funkionieren um so besser, je mehr man selbst tut und dabei ein Auge auf die Kosten hat. Ich wasche meine Hände, probiere die Spülung und lese dann den Jubel über eine Senator Card. Wenn ich Schnee räume, sehe ich nicht aus wie Elite.

Das macht mir nichts. Ich weiss, dass ich solche offenen Briefe in 2o Jahren nicht schreiben werde, und das ist auch ein Privileg, das man entweder hat, oder eben nicht.

Freitag, 28. November 2014, 17:03, von donalphons |