: : : denn sie wissen nicht was sie tun sollen : : :

Dienstag, 18. November 2008

Zwei Tage im Herbst V

Vielleicht liegt es ja auch an der Schweiz. Ich mein, dass die Leute so anders werden, wenn sie länger dort waren. Oder auch an der Schule, in der die Kinder vom B. gelandet sind. Es hat eine Weile gedauert, aber als wir sie nach dem zweiten Jahr wieder trafen, waren sie anders. Nicht klüger, immer noch etwas, sagen wir mal, also, einfach anders. Sie waren damals sehr schnell verschwunden, das dauerte nur ein paar Tage von der Ankündigung zum Abtransport, und was meine Eltern so hörten, muss es ihnen zuerst überhaupt nicht gefallen haben. Damals wurde bei uns gerade erst ein Golfclub gegründet, und die besseren Leute hatten einen Begriff von Luxus, der sich aus drei Läden speiste, einer für Männer, einer für Frauen, einer für beide, mehr gab es nicht. Die Höhepunkte bei uns waren der Standortball im Winter und die Tennismeisterschaften beim Ruderclub. Von Internaten, die jedes Jahr so viel kosteten, wie eine Kassiererin verdient, hatte man damals nur gehört. Vielleicht polt sowas alles neu: In einer Schule zu sein, in der man so viel kostet, wie die Mutter mancher Freunde daheim verdient hat. Das war bei uns nicht so: So anders, so isoliert, in meiner Schule war auch die S., die Tochter der Sekretärin meines Vaters, da war nicht alles festgeschrieben, die S. wollte damals als JU-Mitglied unbedingt auf den Standortball und hat es dann mit einem Schleimer von denen auch geschafft, auf den Ball auf den ich nie gegangen wäre, denn was will ich bei den Pionieren. Nicht Mensch, nicht Tier, Pionier, haben sie bei uns gesagt, und alle hatten Angst, beim Wehrdienst dort zu landen. Aber die Söhne vom B. waren weit weg, isoliert mit anderen Menschen, und diese Isolation der Schweiz fühle ich, als ichüber die Schneefläche vom Stelvio zum Umbrail fahre.



Man sagt ja viel über die hohen Berge und die tiefen Tresore der Schweiz, obwohl es nicht stimmt, wenn man sich die echten Routen anschaut. Der klassische Steuerhinterzieher fährt entweder nach Vorarlberg in Österreich, von wo aus der Transport gemacht wird, oder am Bodensee vorbei Richtung Zürich, oder nach Basel. Basel ist eine ziemlich hässliche Industriestadt, also, finde ich, aber irgendwo müssen die ja ihre Medikamente und was anderes als Steuerhinterziehung machen, die Schweizer. Andererseits bleibt ihnen auch nichts anderes übrig, wir haben damals in der Schule den Roman "Die schwarze Bande" über das Leben der Schornsteinfegerkinder aus der Schweiz gelesen, einer der seltenen Anklänge von sozialer Gerechtigkeit in unserer erfolgsorierten Erziehungsanstalt, da ist es mir wirklich lieber, wenn sie Banken machen, Schweizer Franken und sichere Konten. Und Internate, in denen aus den zurückgebliebenen Kindern reicher Leute zurückgebliebene Schnösel werden.



Da vorne ist schon die Schweiz, zuerst kommt die italienische Bergfestung, die heute langsam zerfällt. Links ginge es hinunter nach Bormio und dann weiter ins Tessin, wo früher die Kaminfeger herkamen und heute die Russen hinziehen. Hier oben ist eigentlich nichts ausser der Strasse und die Zollstation, vermutlich kann man hier oben auch wenig tun, ausser Geröllklettern und in die Schweiz fahren. In der italienischen Station ist niemand. Wirklich niemand, das Grenzerhaus ist leer, vollkommen ausgestorben. Keiner hält mich an und will in meine Aktentasche schauen, keiner fragt mich, was ich mit dem Geld tue und warum ich dem Euroraum nicht mehr traue. Als ob man das an einem Tag wie heute erklären müsste, da in Österreich viele Leute ihre Aktien loswerden wollen, und vor einer geschlossenen Börse stehen. Ich mein, Mitteleuropa, 21. Jahrhundert. Börsenschliessung. Da bin ich lieber hier oben. Ausserdem ist es schön hier. Und keine Menschen. Ist schon mal jemand aufgefallen, dass die Krise sofort verschwindet, wenn die Menschen verschwinden? Dann noch ein Zöllnerhaus, in dem kein Italiener ist, und noch eines die Strasse runter, in dem kein Schweizer ist, und dann bin ich angekommen.



Ich finde ja, die Schweiz sollte so eine Art Schweizertum h.c. anbieten. Also, vielleicht nicht Schweizertum, das klingt blöd, aber auf Kantonalebene. Dann würde ich jetzt Graubündner i. K. werden. Graubündner in Konto. Das sollte nicht so schwer sein, schliesslich ist Graubünden auch nur eine Zusammenrottung aufständischer Bergbauern gegen die Habsburger gewesen, die jeden aufnahmen, der Österreich und die Habsburger ablehnte. Ich halte Österreich für einen Schurkenstaat, vielleicht nehmen sie mich. Ich würde kein Zürcher sein wollen und auch kein Tessiner, aber bei Graubünden weiss ohnehin keiner so genau, was das ist. Sie haben jedenfalls ein hübsches Wappen, auf dem die drei Bünde zu sehen sind: Gotteshausbund, Grauer Bund und Zehngerichtebund haben 1450 den ersten und damit ältesten Freistaat Europas gegründet. Ich muss mal erzählen, warum ich Davos und St. Moritz nicht so mag, da habe ich nicht so gute Erfahrungen gemacht, aber Müstair, wo ich jetzt hinfahre, ist super.



Dafür muss man den Umbrail runter, und im Mittelteil ist die Strasse immer noch nicht aspahltiert, wie früher. Auch so kann man sich abschliessen: Indem man Strassen baut, die schwer passierbar sind. So muss es in den 30er Jahren gewesen sein, wenn ein Achsbruch das Ende bedeuten konnte. Oder bei der Mille Miglia der frühen Jahre. Weiter unten dann Wald, enge Kurven, ein Schweizer Pickup lässt mich freundlicherweise vorbei, dann Almwiesen und hinten im Tal Müstair, das Ziel der Reise.

Teil 4.

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Donnerstag, 30. Oktober 2008

Zwei Tage im Herbst IV

Und wenn man schon daran geht, die Welt zu konservieren, sollte man auch ein paar besonders typische Exemplare in typische Gegend einsetzen und ausstellen. Das pensionierte Studiendirektorehepaar, das mit rotkarierten Hemden um den Haidersee am Reschenpass nordicwalkt. Wenn ich im Berg bin, muss ich immer an mich halten, solche Leute nicht zu beleidigen. Nordic Walker passen hier nicht rein, die sind zu hektisch und marschgeil, die SA unter den Wanderern, die sich nicht mal dafür entschuldigen, wenn sie anderen ihre Stöcke reinrammen. Aber obwohl sie nicht passen, sind sie ein gutes Beispiel für das Ende der klassischen Demographie, für Altershektik und den von ihnen mitverantworteten Niedergang des Kapitalmarkts.

Früher starben die Männer mit 67 am Herzinfarkt, die Frauen sassen im Cafe, pflegten ihre Hypochondrie und setzten die Rendite ihrer Bundesschatzbriefe in Torte um. Heute walken sie nordic, schieben ihr welkes Fleisch in Saunen, die teurer sind als der Eintritt in einen FKK-Club, und reden über die Stars der Private Equity Szene, wie man früher allenfalls über Turn und Taxis geredet hat. Die Krise, die mich in diese Alpentäler bringt, ist eine von jungen Versagern in London, Frankfurt, Dublin und New York produzierte Katastrophe, aber bezahlt haben sie alte Herrschaften, die es sich leisten können. Die Erben, denen man nicht nimmt. Die Abgesicherten, die Profiteure des letzten echten Aufschwungs bis in die 70er Jahre. Der typische Spekulant ist kein junger Schleimbatzen, er ist alt, sehr alt und immer im Glauben, er sei klüger als der Markt, auch wenn er nur auf das reinfällt, worauf alle reinfallen.



Vielleicht muss er dann auch sein historisches Cabrio verkaufen, mit dem er zum Stilfser Joch hochkriecht. Oder auch nicht, denn vier Kurven später bin ich wieder vorbei, und er steht mit offener Motorhaube da. Ein Phänomen, das ich als Bentley-Brescia-Paradox bezeichnen möchte. Ich fahre ja jedes Jahr zur Mille Miglia, und das vorletzte mal war da so ein grosser Bentley Le Mans 4,5 Litre, der es auf den tausend Meilen nach Rom und wieder zurück exakt bis zum Ortsschild von Brescia schaffte, grob geschätzt 5 Kilometer, bevor er mit offener Motorhaube im Strassengraben stand, einige Leute mit Taschenlampe um ihn herum und ohne jedes Lebenszeichen.

Ich würde hier am Stilfser Joch aber keinen Mercedes und keinen Bentley haben wollen. Die Strasse wurde im 19. Jahrhundert geplant, entsprechend eng und steil sind auch die Kurven, und wer einen kleinen Roadster hat, ist klar im Vorteil. Ich sehe in den Serpentinen mit einem Blick, ob etwas kommt, und kann schnell wieder Gas geben. Ich fahre offen. Es ist Mitte Oktober, ich fahre nicht langsam, ich bin über 2000 Meter hoch und auf dem Ortler liegt Schnee, aber ich fahre offen und es ist fast schon zu warm für meinen Feraud-Pullover. Meine Lederjacke habe ich schon am Reschenpass ausgezogen, und meine Pekarihandschuhe gegen die weissbraunen Sommerhandschuhe getauscht, die ich in Brescia gekauft habe. 2000 Meter Höhe, noch 750 Meter und 17 Kehren noch bis zur Passhöhe. Es ist Herbst, es ist heiss, und ich bin schnell unterwegs, ich habe einen Termin im Tal auf der anderen Seite, in Müstair, aber darum geht es nicht.



Es geht nur um die Strasse, die Kurven und die Strecke, die manche als "the best driving road in the world" bezeichnen. 48 Kehren in den Himmel, hinauf in das Eis, immer an der Kulisse des Ortlermassivs vorbei, und die Strasse ist ziemlich frei. Es gibt keine realistische Geschwindigkeitsbegrenzung, und wer vor mir ist, lässt mich vorbei. Ich bin schneller, der Wagen wurde für solche Strecken gebaut, und ein Teil dessen, was neben mir in der braunen Ledertasche ist, habe ich mir mit Fahren verdient. Aber kein Fahren ist wie das hier.

Sollte man jemals dieses Museum der guten alten Zeit vor dem Crash machen, sollte man auch ein Exponat mit mir einplanen. Der schlechtere Sohn aus besserem Hause, mit Rolex und Roadster, der über das Stilfser Joch in die Schweiz fährt, und darüber alles vergisst, es zählt nur noch die nächste Kurve und die Beschleunigung, das Hochdrehen des Motors, das Quietschen der Reifen auf dem schlechten Asphalt und weiter oben dann auch das Knirschen auf dem harschen Schnee, der sich im Schatten der Begrenzung gehalten hat, die Arbeit am Lenkrad, die Luft. Die Sonne. Das Gefühl, weit weg von allem zu sein. 48 Kehren entfernt von allen Ängsten ausser der einen, die mich rechtzeitig bremsen lässt. Ich mag es, wenn ich mit Klischee und Vorurteil verschmelze wie der Mozarella im Ofen mit geriebenem Scamorza und Tomate.



Ich weiss nicht, ob das Stilfser Joch wirklich die beste Strasse der Welt ist. Es ist von oben, von 2750 Meter über dem Meer, aber sicher die schönste, die atemberaubend schönste Strasse der Welt. Sie ist ein wenig wie S., bei der ich immer dachte, die ist zu gut und zu schön und zu stark, es wird mich umbringen, wenn ich mit ihr ins Bett gehe, und als es dann soweit war, war es einfach nur gut. Grandios.

Hätte S. nicht vor 9 Jahren einen Idioten geheiratet, zwei Kinder bekommen und ein Haus in Kösching gebaut, würde ich sie jetzt vielleicht anrufen und sagen, dass ich... aber ganz ehrlich, ich habe nichts gegen Kösching und Mütter mit zwei Kindern und einem Mann im mittleren Management muss es auch geben , aber sie würde es nicht verstehen. Sie war grossartig und letztlich dumm, sie hätte so viel tun können, und nun bin ich hier oben, ganz oben zwischen Meran, Bormio und Müstair, und denke an sie und an den Abgrund Köschung, an das, was sie war und was sie nie geworden ist, an den Ausblick und den Moment, an die Strasse mit ihren geilen Kurven und überhaupt nicht mehr daran, warum ich eigentlich hier bin.



Ich bleibe hier oben ziemlich lang, und wäre auf der anderen Seite nicht die Grenze, Graubünden, der Umbrailpass und im Tal unten Müstair, ich würde gleich noch mal runter. Und wieder rauf. Einfach so, für den Tag, für das Leben und genau heute, weil es noch geht. Wer weiss schon, was sein wird, wenn sie nächstes Jahr hier oben die Wintersperre aufheben, und die Schweiz vielleicht der letzte europäische Währungsraum ist, der den Namen noch verdient.

Teil 3.
Teil 5

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Montag, 27. Oktober 2008

Zwei Tage im Herbst III

Der B., der seine Söhne in die Schweiz geschickt hat, war so einer. So wie der, der mit seiner blonden Frau hinter mir am Einstieg in den Reschenpass fährt. Nur sahen die SL damals noch so aus, als kämen sie aus der Serie Dallas. Flach, kantig, gerade, amerikanisch. Ausserdem war der SL von B. rot und nicht silber. Aber so muss man sich das vorstellen, wenn er dann in die Schweiz gefahren ist, um seine Söhne zu besuchen. Also, ich weiss ja auch nicht mehr, wie oft der wirklich gefahren ist, sehr oft kann es nicht gewesen sein. Der hatte endlich Zeit, sich einen Ersatz für seine Frau zu suchen, und blieb dann in der Stadt. Vielleicht ist er auch eine andere Strecke gefahren, oder geflogen, das hat zu ihm gepasst, der war so einer, der immer den Flieger genommen hat. Aber wenn er mal mit dem SL über den Reschenpass ist, dann muss es so ausgesehen haben.



Das mit dem B. und seinen Söhnen war damals ziemlich ungewöhnlich bei uns in der Stadt. Es war schon peinlich, wenn einer Nachhilfe brauchte. Nachhilfe war nur für die Idioten, aber gleich in ein Schweizer Internat war neu. Es war bei allen klar war, dass sie ins Gymnasium gehen, was anderes gab es sowieso nicht. Für die Mädchen war es leichter, wenn die nichts konnten, gingen sie in die katholische Schule mit Samstagsunterricht und Musik und Haushaltsführung, und bekamen da ihre Einser. Ein Beruf war da noch nicht so wichtig. Es gab Karrierefrauen, aber die waren dann so wie die Frau vom B..

Die war schwierig. Der war nie was gut genug. Der Ältere von ihren Söhnen war ein Jahr unter mir. Da war schon in der 7. bei der zweiten Fremdsprache Latein klar, dass er es nicht packt. Seine Mutter hat damals begriffen, dass nichts weiter geht, ihr Mann wollte gar nicht mehr als seine Firma, die Kinder waren zu stressig, und dann ging sie im Jahr drauf einfach. Brannte durch zu einem Freund ihres Mannes. Das war damals ein ziemliches Thema in der Stadt, aber wir haben nichts gesagt. Ich mein, das tut man nicht, und so ganz haben wir es auch nicht verstanden, was da los war. Der junge B. hat es selber erzählt, und er fand es super, dass sie weg war und er sich jetzt endlich hängen lassen und schlecht werden konnte.

Ende der achten hatte er dann zwei Fünfer und einen Sechser und fiel durch. Dem haben alle Lehrer geholfen, weil sie dachten, den hat der Skandal kaputt gemacht, aber der war einfach so. Der wollte nicht anders. Der hat lieber an seinem Roller rumgeschraubt und im Attest die Unterschrift seines Vaters gefälscht. Fand er cool, und sein Vater deckte das. Schule hat ihn genervt, weil die anderen in seiner Klasse zu jung waren. Sein Bruder wechselte damals die Schule und war auch nicht besser. Manchmal haben wir uns um 7 Uhr draussen am See getroffen. Ich habe auf sie gewartet, weil ich daneben wohnte, und sie kamen sie mit ihren Rollern mit M. und S. hinten drauf, und wir sind vor der Schule durch den See geschwommen. Manchmal sind wir natürlich zu spät gekommen und haben Ausreden erfunden. Das mit dem Verspäten liegt vielleicht an den Seen, denn als ich endlich oben am Reschenpass wieder losfahre, ist es auch schon später, als ich dachte.



Kurz vor dem Reschensee könnte ich auch rechts abbiegen, Richtung St. Moritz und Silvaplana, und in Tschlin zur Bank. Da müsste ich nicht durch Italien, das wäre der nächste Weg. Aber wenn ich schon mal so weit bin, fahre ich auch nach Italien. Ich habe am See kein Olivenöl vom Gardasee mehr, ich muss jemandem ein paar Würste mitbringen, und meinen Eltern italienischen Schinken, ich will Vinschgauer kaufen und richtige Polenta. Wenn sie mich beim Grenzübertritt nicht festnageln und blöde Fragen stellen. Es ist ja nichts Illegales, aber was sagt man, wenn sie einen anhalten? Die Wahrheit vielleicht. Dass es im 21. Jahrhundert mit der ganzen tollen Technik und der Risikoabschätzung so toll, so sicher ist, dass einem der Euro um die Ohren fliegt.

Am Reschenpass ist aber keine Kontrolle, das Zollhäuserl zerfällt in grandioser, sattgrüner Landschaft vor sich hin. Danach weitet sich das Tal wieder Richtung Italien. Ich fahre unter funktionslosen, faschistischen Gallerien am See hindurch, die Mussolini vermutlich nur hat bauen lassen, damit in dieser Landschaft ein paar eckige, faschistische Betonklötze stehen, die modern wirken sollten. Ich fahre aus Mussolinis Strasse, um das zu tun, was Mussolini versagt blieb, als ihn 1945 die Kugeln der Partisanen niederstreckten: Ich gehe in die Schweiz. Da ist sicher eine historische Ironie drin, wenn der Duce dem Linken so einen Weg baut, den er selbst nicht nehmen darf. Überhaupt ist der ganze Weg voller Ironien.



Das da zum Beispiel. Kein Mensch würde sich für einen spätromanischen Kirchturm in dieser Region interessieren. Diese Kirchtürme gibt es in jedem Kaff, und der hier ist auch noch besonders schmucklos. Aber man hat das Dorf Graun um ihn herum abgerissen und die Gegend mit der Aufstauung des Reschensees geflutet. Jetzt steht der blöde Kirchturm allein im Wasser, und alle wollen ihn sehen. Weniger ist mehr, könnte man sagen. Versenken ist sexy. Vielleicht sollte man Manhatten oder Frankfurt auch fluten und nur einen Wolkenkratzer stehen lassen, wenn diese Krise die Wirtschaft platt macht, dann kann man gegenüber ein Cafe bauen, einen teuren Parkplatz, und dann hat man noch was davon. Eine Sensation. Der letzte Bankenturm, und im Cafe gibt es dann echtes Fingerfood und Prosecco nach dem Motte "Essen wie 2007 vor dem Untergang". Mit ein paar Hungerbildern auf Erklärungstafeln neben dem Fernrohr, eine Minute für zwei Kartoffeln: "Besonders schlimm waren alle dran, die an die Stabilität der Euroregion geglaubt hatten".

Teil 2.
Teil 4.

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Samstag, 25. Oktober 2008

Zwei Tage im Herbst II

So von uns aus gesehen hatten die Leute im hohen Mittelalter, die Stams gestiftet haben, damals einen anderen Zeithorizont. Erlebnishorizont sowieso. Für die war der Tod und das danach noch der Hauptakt, nicht nur Deckel zu und Schluss. Ich war mal auf der Beerdigung von einem Ex-Kollegen. Grosses Tier in der New Economy. Einer von der Sorte, die immer auffallen wollten. Skilehrer-Haider-Typ, ja. Kennt man. Der kam auch aus Österreich und hatte diese schneidige Art, ging über Leichen und sagte seinen Leuten, wenn sie es nicht packen, sollen sie Tabletten fressen. Die Macher, die um 2 vom Golfen in die Arbeit kommt und behauptet, auf einer Besprechung gewesen zu sein. Dem hat einer die Verantwortung für ein paar Dutzend Leute übertragen, und er hat alle beschissen. Ausgenutzt, ausgepresst, gefeuert, zurückgelassen. So einer. Der starb im Winter, als ich in Berlin war, es wurde nie ganz bekannt woran, es ging ziemlich schnell, und ich bin extra nach München, um zu sehen, dass er wirklich tot ist. Der wurde am Nordfriedhof begraben, die Aussegnung war in einem sagenhaft hässlichen pseudobyzantinischen Rundbau, die Musik kam von der CD, und das Grab war klein, hässlich und unscheinbar. Irgendwo weit hinten, wo sicher kaum einer kommt. Ich muss heute nachdenken, damit mir überhaupt noch sein Name einfällt. Ich mein, ich hatte allen Grund, dem den Tod zu wünschen, aber die Beerdigung war so mickrig, da wird so einer dann echt egal. Da hat Stift Stams als Grabmal irgendwelcher Tiroler Herzöge schon mehr Niveau.



Da unten in der Kirche liegt auch Bianca Maria Sforza, die zweite Frau von Kaiser Maximilian I. Zu den Sforza könnte man viel sagen. Die waren im 14. Jahrhundert noch Subproleten, Strauchdiebe, dann Söldnerführer und am Ende Gewaltherrscher über Mailand, so eine Art Berlusconi des späten Mittelalters. Reich, mächtig, aber nicht gesellschaftsfähig. Obwohl die italienische Renaissance voller Mörder war, hatten die noch einen extra miesen Ruf, selbst unter Verbrecherkollegen. Der Ruf der Sforza war noch übler als der von George Bush, und der Übelste namens Ludovico Sforza war der Onkel von Bianca, und liess ihren Vater und Bruder meucheln.

Ludovico wollte als Herzog von Mailand anerkannt werden, und um beim deutschen Kaiser Maximilian Einfluss zu bekommen, stattete er Bianca mit einer immensen Mitgift aus, die Maximilian nicht ablehnen konnte: 400.000 Gulden in Cash und 40.000 Gulden in Assets. Bianca war praktisch das Incentive und zugleich Risikokomponente beim Package Deal, denn Maximilian beschwerte sich bald über ihre Dummheit. Das Ende der Geschichte war, dass er sich mit einer anderen vergnügte und seine Frau mitsamt Begleitung verpfändete, wenn er mal wieder Schulden hatte. Zum Glück gab es damals noch keine Margin Calls, die ihn zum Nachschiessen verpflichtet hätten. Als Bianca dann wie eine übedrehte Managergattin an Magersucht 1510 starb, wurde sie nicht in Innsbruck, sondern in der zweitrangigen Grablege Stams bestattet. Kostengünstig, versteht sich. Maximilian starb neun Jahre später in einem bankrotten Land zu Füssen eines enormen Schuldenbergs, so eine Art Greenspan seiner Epoche. Der barocke Prunk über dem Grab seiner ungeliebten Cashcow und die Reliquien sind barocke Zutaten.



Ja, ich weiss, es ist nicht nett, das so zu erzählen, aber das war damals so und ist heute auch nicht recht viel anders. Ich mein, die hatten damals noch keine Rechner und nicht die Instrumente, aber schon damals wusste jeder, dass es so nicht auf Dauer gehen würde. Trotzdem haben sie es gemacht, nahmen zu viele Schulden auf, hatten enorme Hebel, mussten Assets an die Fugger und Welser zu Schleuderpreisen verkaufen, und am Ende zahlte es der Steuerzahler. Das ist immer so.

Der einzige Unterschied zu heute ist, dass die Schweiz damals keine sicheren Banken hatten, und die Untertanen nicht einfach mal dort Konten aufmachen konnten. Ich stehe da in dieser Kirche vor all dem Prunk wie aus dem Traum einer Hedgefondsmanagerexgattin, und obwohl ich mir blöd vorkomme, in die Schweiz zu fahren, wird mir klar: Das ist wirklich das einzige, was sich geändert hat. Ich habe diese Möglichkeit. Und damit ich sie nicht zu sehr habe, begrenzen meine Herrscher die Mitnahme von Geld auf 10.000 Euro. Mein Auto, der Reschenpass und 10.000 Euro ist der Fortschritt von 500 Jahren ansonsten gleichbleibender Finanz- und Beherrschungsgeschichte. Die Ösis verlangen für ihre Strassen sogar wieder Maut.

Es wird Zeit, dass ich weiterkomme. Es ist einer der Tage, da tut mir Nachdenken nicht gut. Ich setze mich wieder in den Roadster und mache das Radio an. Meine Rolex sagt mir, dass ich noch zweieinhalb Stunden habe, bis sie in Müstair wieder aufmachen. Die Wiener Börse macht dagegen den klammen Maximilian und zu: Sie stellt den Handel ein, weil die Banken wegen ihrer Verstrickung in Ungarn kippen. Ein blöder Ö3-Moderator befragt einen blöden Wealth Manager, was man tun kann. Der meint, man solle bald wieder einsteigen. Kein Wort über Flucht in Fremdwährungen, als ich von der Autobahn runterfahre und Richtung Meran und St. Moritz abbiege.



Gleich dahinter beginnt der Landecker Tunnel, der Empfang bricht ab. Kein Gestammel über kapitalbasierte Rente, Lebensversicherung und Derivate mehr. Ich frage mich, was eigentlich passieren würde, wenn wirklich einer sagen würde: Ja, wir sind am Ende. Ja, das wird ganz schlimm. Am besten, man geht in eine klassische Fluchtanlage. Dahin, wo russische Oligarchen, kroatische Mafiosi, deutsche Mittelständler und amerikanische Kunstsammler oder die sich so nennen gehen. Vermutlich würden sie den Sender abschalten und die Grenzen dicht machen.

Vor ein, zwei Wochen, gleich nach der Lehman-Pleite, haben sie in Deutschland entlang der Grenze massenhaft Leute rausgezogen, aber nicht verraten, wieviel sie dabei an Geld mit unklarer Herkunft, so heisst das heute, gefunden haben. man will ja keinen auf Gedanken bringen. Ich lege die Missa Solemnis ein und rausche durch die schwarze Röhre, Richtung Süden, und auf dem Beifahrersitz liegt die braune Aktentasche. Das Geld ist sicher, sagt die Bundeskanzlerdastellerin. In der Schweiz, sage ich.



Benedictus qui venit, grölt der Chor gegen die Tunnelwand in das Dröhnen des Motors.

Teil 1.
Teil 3

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Freitag, 24. Oktober 2008

Zwei Tage im Herbst I

Ich trinke Tee. Dabei schreibe ich noch eine Mail an Iris, also, ich schreibe sie fertig, weil gestern bin ich zu früh eingeschlafen, und vielleicht kommt sie, wenn ich auch wieder da bin. Vielleicht bringt sie auch Susi mit in ihrem Maserati, oder sie nehmen den SL von Susis Vater, wenn der Maserati mal wieder nicht geht. Der Maserati geht eigentlich nie. Der Ex von Iris hat immer gesagt, man braucht zwei Maseratis, einen zum Repaieren und einen zum Fahren. Jedenfalls wäre es schön, wenn Iris hier am Tegernsee vorb eikommt, wo ich wohne. Wohnen, wo sich andere den Urlaub nicht mehr leisten können.

Also, das ist natürlich gemein, aber es stimmt auch. Weil da diese Finanzkrise ist. Ich bin der letzte Mensch, der freiwillig um 7 aufsteht, das habe ich schon in der Schule gehasst, aber heute ist es so weit. Es ist sieben, ich habe meinen Tee getrunken, und bin fertig angezogen. Ich trage eine schwarze Rolex Oyster Perpetual, flache italienische Schuhe, eine optimistisch leichte Sommerhose, ein Hemd von van Laack, einen Pulli von Ferraud, Pekarilederhandschuhe von Roeckl, einen schmale, braune Aktentasche mit Pass, einer notariellen Vollmacht, einem Umschlag mit etwas Geld, und einen Dreitagebart. Man könnte glauben, ich fahre an den Yachtclub Tegernsee. Da könnte ich am Sonntag mit Iris hingehen. Der wird ihr gefallen, ausserdem gibt es da Fischgerichte. Gleich nebenan ist nämlich auch der Fischer vom Tegernsee, der hat auch Austern und Hummer und sowas. Ich mein, ich sehe wirklich nicht aus wie jemand, der in die Schweiz fahren muss, um sein Geld zu retten. Ich hätte auch nicht geglaubt, dass ich das in diesem Jahrhundert tun würde. Aber es ist kurz nach sieben, und es geht los. In diesem Scheissjahrhundert-



Nein, ich glaube es auch nicht, als ich den Wagen aufsperre. Wenn mir einer vor zwei Jahren gesagt hätte, dass ich jetzt in die Schweiz fahre, um dort ein Konto zu eröffnen, hätte ich ihn ausgelacht. Ich mag die Schweiz ja nicht besonders. Es ist so: Wir sind da früher oft durchgefahren, und die waren immer sehr nett, wenn wir da abgestiegen sind, wo mein Vater immer mit seinen Kollegen vom Verband waren. Aber als ich mit dem Tourenrad aus Frankreich zurück kam und die gleiche Karte wie mein Vater dabei hatte, wollten sie mir das Zimmer trotzdem nicht geben. Obwohl ich reserviert hatte und es schon ziemlich dunkel war. Dort nicht und wonaders auch nicht. Sowas passiert nur dort. Die haben Luxuspreise und dazu die Manieren von Slumbewohnern in Los Angeles. Seitdem meide ich die Schweiz.

Ich fahre hinunter ins Tal. Vorbei am See, der sich in Nebelschwaden verliert. Vorbei an St. Quirin, Tegernsee, Rottach, vorbei an Yachten und Trachtengeschäften, Luxushotels und Holzhäusern. Ich bin allein auf der Strasse, nur ein paar Schulkinder stehen an den Haltestellen. Vielleicht um sich in das Gymnasium Tegernsee bringen zu lassen, das schönste Gymnasium Deutschlands, wo die Kinder der Leute lernen, die in den letzten Wochen Abermillionen verloren hat. Ich kenne kaum einen, der nicht draufgezahlt hat, egal wie reich. Irgendwas Giftiges hatte jeder. Wen es nicht bei den Aktien erwischt hat, hat bei den Rohstofffonds draufgezahlt. Gewinnen heisst nicht verlieren, und deshalb fahre ich in die Schweiz, den Achenpass hinauf, entlang des Achensees, und hinter den Bergen geht die Sonne auf, als wäre nichts geschehen. In Schwaz halte ich bei Podevilla an, die haben schon auf, Frischkäse und Brot und ein paar Trauben . Als ich das Radio einschalte, sagt die Moderatorin schon, dass es ein schlimmer Tag ist. Verluste überall. Naja, es war abzusehen. Das ist der schlimmste Tag dieses Jahres, und mn muss zufrieden sein, wenn man überhaupt noch durch das Inntal Richtung Reschenpass und Schweiz fahren kann.

Wenn ich noch vor 12 in der Schweiz sein will, muss ich rasen. Und ausserdem gleich nach dem Reschenpass Richtung Zuoz, statt weiter ins Val Müstair, wo ich eigentlich hin will. Zuoz mag ich nicht, da haben sie die Söhne vom B. ins Internat gesteckt, wo sie sich auch nicht besser entwickelt haben. Zuoz hat einen blöden Klang, nach reich und dumm. Der Ort kann natürlich nichts für die Schule. Aber die Geschichte vom B. und seinen Söhnen muss ich auch mal erzählen. Das war so, wie es bei uns ist. Ja, also, Mittags jedenfalls machen die Banken zu, danach haben sie bis um 6 Uhr offen, also lasse ich mir lieber Zeit und denke mir hinter Innsbruck, jetzt halte ich an. Ein Schild weist auf Stift Stams hin, das ist so ein barockes Kloster auf der anderen Talseite, da fahre ich hin und parke hinter dem Eingang.



Vor mir ist der Klostergarten. Darin ist eine alte Frau, die rumzupft und mich böse anschaut, als ich aussteige. Ich sage Grüss Gott, aber sie reagiert nicht, und fummelt weiter an den Pflanzen rum. Die kann das. Der Garten ist wirklich sauber und ernährt einen Menschen durch das Jahr. ich hätte vielleicht auch lernen sollen, solche Gärten anzulegen. Irgendwas zu züchten, Rüben, Rauke, Salat, Tomaten, so Zeug. Vermutlich weiss die Alte gar nicht, dass es eine Krise gibt. Im Radio haben sie gerade gesagt, dass die österreichische Börse geschlossen wurde, weil die Verluste zu hoch waren. Da ist den Banken die Ungarnkrise ins Gesicht geplatzt. Schon übel. Aber der Alten ist es egal. Und ich kann jetzt nicht auch noch uralt werden ind das Gärtnern lernen. Die bleibt dain ihrem Garten, ich mache mich wieder auf den Weg. Ist eine ziemlich einsame Flucht, dieses Fahren in die Schweiz. Und was die im Radio erzählen, ist einfach nur blöd. Die haben keine Ahnung. Sonst wären sie längst auch auf dem Weg zu den Schweizer Franken.

Teil 2.

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