: : : denn sie wissen nicht was sie tun sollen : : :

Dienstag, 9. Mai 2017

Chulz

Nach der Bankenkrise in meiner Region Siena sind die Zeiten vorbei, da die Monte Paschi von der Kirchenrestaurierung über das Radrennen bis zur Biotechbranche alles mit Geld überschütten konnte. Sponsoren holt man sich besser aus dem Ausland, und wenn das nicht geht, zerfällt eben etwas. Ich hebe aus Solidarit immer bei der Monte Paschi ab, aber das reicht natürlich nicht, die Probleme der Bank und der auf Zuwendungen angewiesenen Region auch nur ansatzweise zu beheben. Man muss es leider sagen, wie es ist: Die Stadt und die Region haben sich der Bank ausgeliefert, keine Alternativen gesucht, und leiden jetzt. Auch wenn es auf den ersten Blick wie immer aussieht.



Man muss schon genauer hinschauen. Was ich zum Beispiel in Italien bislang noch nie gesehen habe, waren offene Aktionen der Casa Pound. Rechtsradikale Fussballanhänger, Lega Nord, der Teil der M5S, die ausgesprochen migrationsfeindlich sind, die trifft man hier, bei der M5S-Agitation ist das ein zentrales Thema, das wohl auch zieht. Casa Pound - vielleicht vergleichbar in der popkulturellen Ausrichtung mit der identitären Bewegung, politisch aber knallhart der "Faschismus des 3. Jahrtausends", wie sie sich selbst bezeichnen - hatte in Bozen, Rom und im Latium eine gewisse, mehr als irrelevante Zahl an Anhängern und Wählern. In Bozen bin ich zu selten, in Rom gehen sie etwas unter - aber in Siena treten sie inzwischen auch auf. So stark, dass ihre Propaganda auch in den kleinsten Nestern hängt.

Interessanterweise haben sie auch eine starke, soziale Ausrichtung - das hört sicher niemand gerne, aber sie haben, wie die deutsche Antifa und die Bundesregierung mit der Mietpreisbremse, das Thema bezahlbarer Wohnraum entdeckt. Der solidarische Gedanke der Nation steht klar im Mittelpunkt der Vorstellungen, weshalb sie auch soziale Dienste und Umweltschutz propagieren. Solidarita ist eine ihrer fünf Kernthesen.



Sogar die Nazis bieten das jetzt an. Sie berufen sich zwar auf Marinetti, aber wenn es um die Massen geht, werden sie plötzlich nicht mehr elitär, sondern solidarisch. Und beim Betrachten des Plakats habe ich mich gefragt, ob es denn irgendeine Partei gibt, die noch offen unsolidarisch ist. Das Gemeinsame, das Solidarische haben doch alle irgendwie auf der Tagesordnung. Alle verprechen breite soziale Wohltaten, der Chulz ein paar mehr als andere, aber im Prinzip das Gleiche. Nur an die Drosselung der Exportüberschüsse durch höhere Kosten, sprich Löhne, was Italien vielleicht helfen würde und in Europa auch - da will man nicht ran. Da redet man lieber über Steuersenkungen. Irgendwas halt, Hauptsache solidarisch.

Und da frage ich mich halt, ob es wirklich etwas bringt, mehr Wohltaten zu versprechen, die wenig glaubwürdig sind. Sicher, Schulz ist ein anderes Gesicht, steht aber - zumindest in meinen Augen - für einen elitären Politklüngel, und Solidarität ist als Begriff ebenso kaputtgeredet wie Nazi oder Bereicherung. In Italien zieht es vielleicht noch eher, weil hier wirklich noch Strukturen zerbrechen, die in Deutschland schon lange verschwunden sind. Aber bei uns übersetzt man das eher mit "irgendwas Unsicheres mit Verteilung, abhängig von Koalition und Kassenstand". Vor allem: Staat. Und weniger Gefühl. Das können Medien eine Weile überdecken. aber nicht in der Wahlkabine.

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