: : : denn sie wissen nicht was sie tun sollen : : :

Samstag, 10. April 2004

Die Skalpe meiner Feinde

Es gab so eine Zeit, rund um das Jahr 2000, da bekam man die Beratungsprojekte nicht auf CD-Roms, sondern auf einem alten Laptop. Auf der einen Seite konnte man so relativ sicher sein, dass nicht sofort die CDs die Runde machten. Und wie der Zufall es haben wollte, waren manchmal die Anschlüsse der Laptops verklebt oder unterbrochen. Einer gewissen Beliebtheit erfreuten sich damals Compaqs der Serie 4220T, ehemals astronomisch teure Teile, 1998 sehr fortschrittlich, nur ohne USB und CD-Laufwerk.

Nach Ende der Arbeit wurden die Daten gelöscht, und man konnte den Laptop behalten - 2000 waren sie mit ihren 12.1-Zoll-Displays und 266er Prozessoren rettungslos veraltet. Zumindest für die Startups, bei denen es nie an Laptops mangelte.

Als mein Buch erschien, fragte mich eine IT-Journalistin im Interview, wieviele Rechner ich eigentlich habe. Damals hatten sich 5 Laptops angesammelt: Neben meinem eigenen Siemens ein Compaq Aero 8000 aus der Zeit, als Compaq zerschlagen wurde, zwei Compaq 4220T, ein HP Omnibook - alle in der grossen Zeit oder kurz danach auf die eine oder andere Art bekommen, als Bonus verdient, oder schlichtweg nicht mehr abgeholt, weil die Firma dahinter nicht mehr existierte.

Mit jedem Rechner verbindet sich eine Geschichte, und auch ein Schicksal, denn alle, die mir die Laptops gaben, hat es bald danach aus ihrer Lebensbahn geworfen. Manche schlimm, andere total. Das waren damals grossspurige Angeber, phantastische Aufreisser, Lügner, teilweise auch schlicht Kriminelle.

Andere Geschichten haben keine Fragmente in meiner Realität hinterlassen. Die grosse Zeit der New Economy ging 2001 für immer unter, und keiner verschenkte mehr Laptops. Die wurden benutzt, bis sie Schrott waren. Für Neuanschaffungen war kein Geld mehr da.

Einer der Typen, mit denen ich in der Endphase zu tun hatte, ist vor ein paar Monaten endlich pleite gegangen. Der Insolvenzverwalter langt richtig hin, und der frühere leitende Angestellte musste alles abgeben: Firmenwagen, Firmenrechner, Firmenkarten. Was an Assets da ist, wird bei ebay verkauft. Tatsächlich fand ich jetzt die Reste: Die Möbel, die billigen Acers der normalen Mitarbeiter, und die executive Compaqs M700 der Manager. Kosteten damals gut und gerne 6500 Euro, erzählte man mir damals, mit allen Schikanen, aber man leistete sich ja sonst nichts, ausser einem Dienst-Z3.

Jetzt ist sein Laptop von früher zu haben. Nicht dass ich ihn bräuchte. Aber ich werde ihn wahrscheinlich kaufen. Um manchmal, so wie er damals, mit dem Finger über die Magnesiumhülle zu gleiten, und zu überlegen, was jetzt wohl aus ihm geworden ist. Google verrät nichts dazu. Nicht gut, das.

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Samstag, 10. April 2004

Es könnte Kunst sein

zumindest hat die singuläre, blaue Neonröhre etwas dramatisch sinnhaltiges. Was sagen uns die verschlossenen Schränke im Hintergrund? Es ist ein Interieur der Abwesenheit, des Fehlens, der Reduktion auf das Wesentliche: Licht und Raum, und alles andere ist symbolischin teuren Schränkn weggeschlossen, um so den Wert des Nichts zu vergrössern



Es könnte auch nur eines der zigtausenden leerstehenden Immobilienobjekte sein, die früher so begehrt waren, dass man sich die teuren Wandschränke anpassen liess. Bevor man sich das nicht mehr leisten konnte.

Es ist Letzteres. Keine Kunst. Nur lautloser, gegenstandsloser Zerfall.

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Lesenswert

Kai Pahl zeigt den Wirtschaftsjournalisten, wie man Nachrichten macht: Sinner-Schrader, einstmals hochgelobte Internet-Agentur, geht geld- und sinnentleert dem Nichts entgegen, und die Gründer freuen sich. Die Freunde bei der Presse von damals schweigen heute.

In Hamburg werden bald Räume zum Mieten frei. Viele Räume. Und tolle Einrichtung.

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Freitag, 9. April 2004

Masseunzulänglichkeit

Wenn sie wenigstens Eames-Tische gekauft hätten, wäre noch eine gewisse Entschädigung für die Schuldner möglich gewesen.

So rotten die Tische vor sich hin, bis sich ein neuer Mieter für die Räume finden wird. Ist aber eher unwahrscheinlich. Es ist zwar Mitte, aber trotzdem keine gute Lage. Nebenan ist nochmal ein halbes Dutzend Büroräume provisionsfrei zu vermieten. Und die Räume sind so trist, dass man darin zwangsläufig depri wird.



Note to the english Readers: Berlin Mitte Office, April 2004, during the great New Economy Depression 2000 -2008.

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Real Life 4.4.2004 - Hassmangel

"Ohne die 68er könntest Du heute nicht so leben, wir alle nicht, wie wir heute leben können." Der Traum von dem stinkenden Faulsack Dutschke, den verstörten Intellektuellen der Frankfurter Schule, den Barrikaden, irgendwie alles Sachen, die die viel zu junge Dame, die das sagt, nie kennengelernt hat. Und auch nicht mehr kennenlernen wird.

Sie versteht den weissglühenden Hass nicht, den man gegenüber dem reaktionären Pack empfinden muss, das 68 glaubte, die Welt zu ändern. Und zu verbohrt, blöd, egoman war, um zu kapieren, dass es vollkommen normale Wahlen waren, die den Umschwung brachten. Trotzdem haben sie den Wechsel für sich reklamiert. Und Ansprüche daraus abgeleitet. Zum Beispiel, dass Teenager keine Anzüge tragen dürfen. Oder weisse Hemden.

Dabei hielten sie sich 1970 noch für gescheitert. Keine Weltrevolution, oooch. Aber dann setzte die Umdeutung der Geschichte ein. Wer sich selbst so belügen kann, dass er an Mao und Lenin glaubt, der kann sich auch einbilden, dieses Land verändert zu haben.

Dem verdanken wir so tolle Erungenschaften wie den Philosemitismus, die Gedenkkultur, Einewelthäuser, Kirchenvorstände für Kirche von unten statt, was mehr Spass machen könnte, Ficken von hinten, die Grünen, demnächst wieder die lachhaften Reste der Ostermärsche, und zigtausende von Bioläden mit wertvollem Öl aus der Toskana, fussgepresst von Lesben kurz nach der Mens.

Ach so, richtig, und die RAF. Mit der sie damals gegen das Schweinesystem rebellieren wollten. So richtig. Imnmerhin.

Es spricht gegen mich und meine Freunde, dass wir nach dem Scheitern der New Economy nichts Vergleichbares auf die Füsse gestellt haben, um das Schweinesystem der 68er wegzupusten. Das rächt sich. Schirrmacher schreibt über das Älterwerden für sich und seine 68er-Kumpane.

Wieso wollen die? Warum sollen sie? Dürfen sie? Warum wird ihnen das gestattet? Frage ich zurück.

Das findet die junge Dame dann doch etwas zu radikal. Und wechselt zum Thema Kinderkriegen.

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Donnerstag, 8. April 2004

H&Mitte

Es ist billig, sieht mässig gut aus, fühlt sich hässlich an und landet nach 3 Monaten im Müll. Es wird nie Vintage H&M geben, wie es heute Vintage Gaultier gibt. Macht nichts. Dazu quäkt es aus den MP3-Playern, oder man schnattert selbst, wenn man aus dem laden kommt und die typischen Tüten mit dem kleinen roten Logo dabei hat.



Hauptsache billig. Bang & Olufsen hat dagegen keine Chance, in einer Zeit, da die Wegwerfbarkeit, das Deinstallieren von Dingen längst zum Verkaufsargument geworden ist. Letztlich sind sie hoffnungslos 80er, Tempo, Marke, und passen vom Design nicht zu 70er Jahre Tapeten.

Qualität ist kein Qualitätsmerkmal, und die Geschichte rennt in Sweatshop-Klamotten aus Indonesien zum nächsten Coffee2go.

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Real Life 7.4.2004 - Die Uhr tickt

Nur noch drei Wochen. Dann ist das befristete Arbeitsverhältnis in der grossen Stadt vorbei. Niemand hat ihr gesagt, dass sie bleiben soll. Noch nicht mal, dass sie bleiben kann. Alternativen hat sie keine, und die paar Blätter, wo man sie kennt, zahlen zu wenig.

Sie wird sich bundesweit bewerben. Wenn es sein muss, auch in die Provinz gehen. Dort, wo sich auch schon die anderen 6.000 arbeitslosen Berliner Journalisten bewerben.

Dort, wo man eher keine Flottschnellpopschreiber und Medienneuerfinder vom hohen mittigen Ross braucht, sondern Leute, die tun, was man sagt.

Dort, wo man die Fahrtkosten zum Bewerbungsgespräch nicht übernimmt.

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Dienstag, 6. April 2004

Schimpfwort für die nachgeborenen Hyänen,

die uns Leoparden aus der New Economy mittels Alt-68er Ideologie fressen wollen (danke die Herren Wolf und Lampedusa)

milchkaffeegeschwängerten amzionskirchplatzsitzer.

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Geiz ist geil

Puppen für 19 Euro oder



Sex doesn´t sell. Price sells.

Nicht lachen. Wir kommen schliesslich aus einer Phase, in der behauptet wurde, Content sei King. Und echte Praktikantinnen sind heute weitaus billiger.*

*Nicht frauenfeindlich gemeint. Nur lakonisch. Das verwechseln manche Rezensenten. "Don Alphonso hätte einen Preis für Frauenfeindlichkeit verdient", schrieb eine Broiler Ossi in den neuen Bundesländern beheimatete Gazette über mein Buch.

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Damals in der Tempo

habe ich vor allem KGB gelesen - Kopf Glaser Biller. In umgekehrter Reihenfolge. Christian Kracht war ok, seinen Kumpel Eckhart Nickel fand ich in Bezug zu mir bestenfalls epigonenhaft, weil der mein Leben und das meiner Freunde nicht wirklich angemessen beschrieb. Dem fehlte einfach die Arroganz des Reichtums; der hatte es nötig, Karriere zu machen.

Bei Claudius Seidl hatte ich eher ein zwiespältiges Gefühl, und Lorenz Lorenz fing erst dann zu schreiben an, als die Tempo schon den langen Weg ins Nichts begonnen hatte. So richtig gut war Tempo eigentlich nur bis Anfang der 90er.

Das , liebe Studenten der FH Darmstadt, solltet Ihr wissen, wenn ihr Euch mit diesem Blog beschäftigt. Das Blog ist kein Blog im eigentlichen Sinne, sondern eine fortgeschriebene Abrechnung mit meiner eigenen Vergangenheit, deren Spolie Euer Lehrbeauftragter ist.

Viele von uns, ob Tempoleser oder Temposchreiber, die damals in den späten 80er Jahren am Grandl vorbei ins Parkcafe schlenderten, wenn Prince sein Konzert hatte, im Nachtcafe Gaultier trugen und auf diejenigen herabsahen, die ihr Versace-Jäckchen so legten, dass man das Firmenschild sah und gerne die feinen, nackten Schultern von Frauen in Alaia-Kleidern streichelten - wir dachten damals, dass wir die Avantgarde waren. Wir haben eine Revolte angezettelt, wir haben uns an die Macht geputscht, wir waren das personifizierte Anything goes.

Wir machten den Weg vom Langzeitstudenten zum Medienreinschnupperer, hatten nach 6 Monaten als NoBrainer Preise, gingen in die New Economy und vernichteten das, was wir geschaffen hatten, sobald uns jemand mehr Geld für diese Gewaltorgie gab. Die meisten von uns sind auf die Fresse geflogen, und geben jetzt das popkulturelle Spiessbürgertum der Republik, weil sie es nicht in die Klapse oder in den Suizid geschafft haben. Manche schreiben Bücher ohne Hass und Wut. Manche sind Lehrbeauftragte an der FH.

Kommt. Fragt uns. Wir sind die Letzten. Wir haben es nicht geschafft, das System zu vernichten. Lernt aus unseren Fehlern und macht es besser.

Don´t believe the Hype.

Mehr Debatten hier: http://convers.antville.org/stories/747148/

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Montag, 5. April 2004

Chag sameach

"Gebt ihnen mehr Arbeit, damit sie keine Zeit haben, leerem Geschwätz zu lauschen."

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Real Life 05.4.2004 - Röggla und Hochhut

haben ja keine Ahnung. Von wegen Beratersprech - gerade aufgeschnappt: "Nicht wirklich prickelnde Lage" heisst das jetzt, wenn ein Laden vor die Wand donnert.

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Hinrichtung 1. Klasse

für BvBS in der FAZ.

Das hat er nun davon, dass er seine Platten nicht über die FAZ verkaufte und kein Buch über die Altersfalle der Gesellschaft schreibt, oder zumindest einen Artikel über die Berliner Galeristenszene in Monopol.

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Sonntag, 4. April 2004

4 Fragen.

Es geht noch, wenn man jemand anderes Blog gut findet, und erst nach einer Weile merkt, dass es da auch noch ein Buch gibt, das man kennt und das man irgendwie nicht so doll fand. Und im Blog ist dann alles, was man im Buch vermisst hat.

Die 1. Frage, die man sich stellt, ist ob da vielleicht der Lektor oder das Marketing die Bratzen drin hatte, aber die

2. ist heftig - vielleicht trifft das auch auf einen selber zu?

Mal ganz abgesehen von der 3. - dass es in der Blogosphäre absolut egal ist, ob und wieviele Bücher man geschrieben hat. Egal, was die Medien über Autoren sagen, gute Schreibe, kluger Aufbau, whatever - hier draussen ist es fucking egal. Das Netz nagelt die gefeierten, hochgelobten, zukunftsfrohen Überflieger gnadenlos in die Realität, die diese Welt ausmacht, sobald die Medien zum nächsten Jungstar weitergezogen sind.

Und damit zu 4. - wenn man allgemein sagt, Bloggen tötet in manchen Bereichen die Gatekeeper des Journalismus - bringt Bloggen dann auch nicht die Literatur um, sobald sie, wie Kurzgeschichten, internetkompatibel sind? Warum sitze ich eine Nacht am Rechner, lese Lu, maz, don, tiefseefisch, miss, shhhh, minusvisionen, und lasse die laufenden Meter Neuerscheinungen hinter mir gammeln, obwohl der Rechner laut ist und ich das Buch als realen Gegenstand bevorzuge?

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Samstag, 3. April 2004

Pflasterstrand

Unter dem Pflaster



unter der Strasse
und der hilflosen, lachhaft kleinen Grünfläche irgendwo zwischen den Betonfesseln der Infrastruktur
und der S-Bahn, die müde Menschen von B nach A bringt und von A nach B, es sei denn, dass sich jemand davorwirft und sich umbringt
und den Klinkerbauten aus einer Zeit, die dachte, dass man die Arkaden darunter braucht, weil diese Stadt wirtschaftlich florieren würde
und den Betonröhren der Kanalisation
und nur 5 Minuten vom wasserdurchdrungenen Plattenbau einstiger DDR-Funktionäre
sowie 3 Minuten von den Punks in ihren versifften Wohnwägen entfernt

der Strand. Viel zu weit weg, auch wenn er da ist.

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