Die Skalpe meiner Feinde

Es gab so eine Zeit, rund um das Jahr 2000, da bekam man die Beratungsprojekte nicht auf CD-Roms, sondern auf einem alten Laptop. Auf der einen Seite konnte man so relativ sicher sein, dass nicht sofort die CDs die Runde machten. Und wie der Zufall es haben wollte, waren manchmal die Anschlüsse der Laptops verklebt oder unterbrochen. Einer gewissen Beliebtheit erfreuten sich damals Compaqs der Serie 4220T, ehemals astronomisch teure Teile, 1998 sehr fortschrittlich, nur ohne USB und CD-Laufwerk.

Nach Ende der Arbeit wurden die Daten gelöscht, und man konnte den Laptop behalten - 2000 waren sie mit ihren 12.1-Zoll-Displays und 266er Prozessoren rettungslos veraltet. Zumindest für die Startups, bei denen es nie an Laptops mangelte.

Als mein Buch erschien, fragte mich eine IT-Journalistin im Interview, wieviele Rechner ich eigentlich habe. Damals hatten sich 5 Laptops angesammelt: Neben meinem eigenen Siemens ein Compaq Aero 8000 aus der Zeit, als Compaq zerschlagen wurde, zwei Compaq 4220T, ein HP Omnibook - alle in der grossen Zeit oder kurz danach auf die eine oder andere Art bekommen, als Bonus verdient, oder schlichtweg nicht mehr abgeholt, weil die Firma dahinter nicht mehr existierte.

Mit jedem Rechner verbindet sich eine Geschichte, und auch ein Schicksal, denn alle, die mir die Laptops gaben, hat es bald danach aus ihrer Lebensbahn geworfen. Manche schlimm, andere total. Das waren damals grossspurige Angeber, phantastische Aufreisser, Lügner, teilweise auch schlicht Kriminelle.

Andere Geschichten haben keine Fragmente in meiner Realität hinterlassen. Die grosse Zeit der New Economy ging 2001 für immer unter, und keiner verschenkte mehr Laptops. Die wurden benutzt, bis sie Schrott waren. Für Neuanschaffungen war kein Geld mehr da.

Einer der Typen, mit denen ich in der Endphase zu tun hatte, ist vor ein paar Monaten endlich pleite gegangen. Der Insolvenzverwalter langt richtig hin, und der frühere leitende Angestellte musste alles abgeben: Firmenwagen, Firmenrechner, Firmenkarten. Was an Assets da ist, wird bei ebay verkauft. Tatsächlich fand ich jetzt die Reste: Die Möbel, die billigen Acers der normalen Mitarbeiter, und die executive Compaqs M700 der Manager. Kosteten damals gut und gerne 6500 Euro, erzählte man mir damals, mit allen Schikanen, aber man leistete sich ja sonst nichts, ausser einem Dienst-Z3.

Jetzt ist sein Laptop von früher zu haben. Nicht dass ich ihn bräuchte. Aber ich werde ihn wahrscheinlich kaufen. Um manchmal, so wie er damals, mit dem Finger über die Magnesiumhülle zu gleiten, und zu überlegen, was jetzt wohl aus ihm geworden ist. Google verrät nichts dazu. Nicht gut, das.

Samstag, 10. April 2004, 15:37, von donalphons | |comment

 
Schöne Geschichte. Ich habe aus einem Beratungsprojekt noch ein Nokia 2110. Die Sim-Karte habe ich irgendwann nachdem ich 2,5 Jahre nichts mehr mit der Firma zu tun hatte, 2001 zurückgeschickt, als es mir zu peinlich wurde. In den 5 Jahren hat nie jemand nach der Telefonrechnung gefragt - ich auch nicht ;-)

Dann gibt es bei mir noch einen Hochleitungslaptop (Typ tragbare Nähmaschine mit Doppelprozessor im Trolley-Design). Inklusive Windows NT und Datenbank. Der Eigentümer hat sich nach erfolgreichem Projektabschluss nicht wieder gemeldet. Er steht seit Jahren in einer Büroecke. Letztens ist er aus Versehen auf ein Foto gekommen, das ins Internet gestellt werden sollte, Wir haben ihn wegretuschiert, aus ästhetischen Gründen und um Murphy nicht herauszufordern (wir haben von dem Kunden noch ein anderes nützliches Gerät, was wir ungern wieder los werden würden...

Aber diese Zeiten sind wirklich seit 2 Jahren vorbei. Vielleicht fallen ja ein paar nette Stories für den Enkel ab.

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Manche starben einfach zu schnell. Andere trauten sich nicht mehr. Nochmal anderen war es egal. Steuerlich ist es ja längst abgeschrieben, vielleicht zahlt auch die Versicherung.

Aber dieser eine Laptop, der wäre was ganz besonderes. Er musste es damals unbedingt haben, als es gerade erst raus kam, weil es so unglaublich dünn war. Da steckt sicher noch was von seinem bösen geist drin, seiner Angst und Verzweiflung.

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bei so mystisch aufgeladenen Objekten würde ich vorsichtig sein. Wenn daran denkt, was Stephen King aus der Story machen würde...

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Es ist lustig,
ein javaprogrammierender Studienkollege, dem ich einen Job verschaffte rief mich mal an und fragte, ob ich die erste Million bereits zusamen hätte (damals ging es um die DM, und ich konnte aus seiner Stimme heraushören, dass er um die beschissenen tausend mal tausend reicher war als ich).
[Nachtrag: Sorry, einen Teil des Kommentars musste ich zurücknehmen. Zuviel Alkohol verleitet zu Selbstgefälligkeit-]

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Ich fürchte, es war der interessante Teil Deines Kommentars! ;-)

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Meinen allerersten PC - eigentlich wollte ich nie einen haben, mein Atari MegaST2 war damals den DOSen um Lichtjahre voraus - habe ich auch für einen Programmierauftrag bekommen und konnte ihn anschließend behalten.
ittlerweile bekomme ich alle 2 Jahre automatisch einen neuen voll ausgestatteten IBM (jetzt Lenovo) der T-Serie hingestellt, vor 4 Wochen war es wieder soweit. Vorteil: Immer aktuelle Hardware. Nachteil: Alle 2 Jahre wieder das Theater, alles zu installieren und die Kiste an mich anzupassen (da ich privat nur noch Macs benutze muß ich Windows immer ganz schön zurechtdengeln, um nicht jeden Tag fast einen Herzkasper zu bekommen ob der Unzulänglichkeiten).

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