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Sonntag, 4. Juli 2004

Und dann, als sie 10 Minuten zu spät

und mit 2 Tüten von Behringer-Schuhe zuviel in der Pacellistrasse eintraf, um den Starck-Stuhl zu holen und sich nach Hause bringen zu lassen, weil dieser Stuhl natürlich nicht in ihren Sportwagen passte,



dann also wandte sich meine kleine Schwester an mich und sprach:

"Also mit der Wirtschaft geht es aufwärts, weil alle guten Geschäfte völ-lig ausgerauft sind und fast nichts Gutes mehr da ist. Da kann ich mich gar nicht mehr auf die Kampfpreise freuen. Und es gibt doch nichts Schöneres, als Pradaschuhe, die früher mal 450 Euro gekostet haben, jetzt für 80 Euro zu bekommen."

In diesem Moment überhohlte und ein SLK wie der, den sie sich kaufen will, und sie drückte ihre kleine Nase an der Windschutzscheibe platt. Dann sah sie sich in meinem Punto um und sagte, ich soll doch ihren alten Sportwagen nehmen; einer von der Sorte, die ich in Liquide als typische geleaste Marketing-Tuss-Wägen diffamiere, mit einem Berg unbezahlter Strafzettel hinter den Sitzen, so wie bei meiner kleinen Schwester.

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Samstag, 3. Juli 2004

Stolz der Provinz

Es gibt eigentlich nicht viel, worauf diese Stadt besonders stolz sein könnte. Sie war nie etwas anderes als Provinz, im besten Fall mal eine Regionalhauptstadt, aber sonst?

Aber sonst war sie über Jahrhunderte die heimat sturer, verbohrter Religionsfanatiker, die andere Fanatiker ausbildeten. Das führte dann zu einem gigantischen Religionskrieg, bei dem die Seite der hiesigen Fanatiker schnell zu verlieren begann. Ihr oberster Feldherr, und damit kommen wir zum Glanzlicht Nummer Eins, starb in diesem Haus, während die Stadt der Ansturm der Gegner standhielt. Dabei ereignete sich Glanzlicht Nummer Zwei: Es gelang den Stadtbewohnern, dem gegnerischen Feldherren den Gaul unter dem Hintern wegzuschiessen. Das Vieh wurde dann erobert, in die Stadt gebracht und ist seitdem ausgestopft der Stolz der Bürger, neben dem Wissen, dass hier ein grosser Massenmörder starb.

Wir finden es ziemlich unpassend, aus so einer Stadt zu kommen, die tote Pferde und tote Mörder schätzt. Wir gehen durch die reichen, alten Gassen, sehen den schönen, fülligen, oft romanisch geprägten Mädchen in die Gesichter, atmen die Selbstzufriedenheit ein und sind irgendwie ganz froh, dass wir hier keinen Besuch aus den Metropolen zu befürchten haben.

Es wäre uns sehr peinlich, wenn uns auf der Strasse dann jemand begegnen würde, der unserem Bekannten erzählt, wie wunderbar er unser Stammhaus findet; das, auf das die Stadt wegen dem darin gestorbenen Mörder so stolz ist.

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Was ich gern tun würde

Ich würde gern ein Wort von Jürgen Habermas benutzen, das Links anfängt und im Faschismus endet. Aber ich tue es nicht.

Weil es auch viel schöner geht. Danke.

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Donnerstag, 1. Juli 2004

In eigener Sache.

Liebe Leser,

wie Sie vielleicht wissen, setzt sich dieses Blog manchmal mit den Zerfallserscheinungen der sog. "68er" auseinander - die Original-68er sitzen oft auf Mallorca, ihre Nachfolger verzetteln sich im quasireligiösen Traumata, in Verfolgungswahn und totalitärem Sektierertum.

Wie Sie vielleicht auch wissen, fungiert der Autor dieses Blogs als Herausgeber eines Buches, dessen Co-Autorin Andrea Diener aus Frankfurt ist. Ich will gerne zugeben, dass ich in Bezug auf sie etwas - positiv - voreingenommen bin.

However, diese beiden Aspekte, von denen der erste hier vorgeführt und der zweite veröffentlicht werden sollte, sind im realen Leben aufeinandergekracht. In my humble opinion gibt es für das, was da in Frankfurt mit meiner Co-Autorin gemacht wird, nur einen Begriff: Hexenjagd. Man wirft ihr vor, dass eine von ihrer Initiative veranstaltete Lesung mit Thor Kunkel unkritisch gewesen sei - aber die AStA-Vorstände und ihre Unterstützer im Studentenparlament waren auf der öffentlichen Veranstaltung noch nicht mal anwesend, um ihre kritsche Haltung öffentlich zu machen. Die Vorwürfe lauten auf Revisionismus, Verhöhnung der Opfer des Nationalsozialismus - und zielen darauf ab, Andrea Diener und mit ihr alle Veranstalter der studentischen Kulturinitiative KuZ moralisch, brutal gesagt, fertig zu machen.

In den nächsten Stunden und Tagen wird einiges zu diesem Fall hier im Internet verfügbar gemacht; ich verweise auf die Berichterstattung hier:

Frankfurter Rundschau
Originalbericht zur Veranstaltung von Andrea Diener, aus der vom AStA Zitate gegenüber den Medien verfälscht zitiert wurden - und zwar so, dass der AStA gegenüber der Presse die Aussagen mündlich wieder zurückgezogen hat.
Die aktuelle Debatte bei Andrea Diener
Ein aktueller Kommentar im Höhereweltenblog und
der in Sachen Antisemitismus sicher unverdächtige Chuzpe.Blogger.de, der schon mal in einem Zitat zeigt, wes´ Geistes Kinder im Studentenparlament in Frankfurt die Mehrheit haben.

Edit: Hier ist noch einer. Für sowas liebe ich die Blogosphäre.

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Donnerstag, 1. Juli 2004

Real Life 30.6.04 - Waldesruh

Gerade noch in Gedanken an die Geschichte von Alex Wolff von den Minusvisionen, und an seinen Crash im Mini, da schert der Bus aus und zieht rüber auf die Überholspur. Eine weitere Spur gibt es nicht. Mehr als ein Finger passt nicht zwischen seinen Blinker und Aussenspiegel, es wird noch weniger und die linken Reifen rubbeln über das Kraut auf dem Mittelstreifen, es wird klar, es kann nicht reichen, das wird zu knapp, und es vergehen noch ein paar Stunden so, die eigentlich nur Bruchteile von Sekunden sind, und dann prügelt der Lebensgeist die Faust auf Lenkrad, da wo die Hupe ist, und kaum ertönt das Quäken, schlingert der Bus zurück auf die rechte Fahrbahn, wo er gottverdammt hingehört und hoffentlich bleibt.

Ein paar Kilometer weiter ist ein Parkplatz, und irgendwie reicht es jetzt mit dem Brettern, es ist zu viel Adrenalin im Blut, und gleichzeitig sind die Augen durchgeglüht von zu viel Mittagsonne, denn im Büro in Berlin hat war dieses Naturspektakel nur selten zu sehen. Runter, anhalten, raus aus dem Wagen. Jenseits einer kleinen Wiese, die, wie hierzulande üblich, perfekt auf Golfrasenhöhe getrimmt ist, der Wald, der schon seit zehn Kilometern die Autobahn umschliesst und jede menschliche Siedlung vermissen lässt. Ein schmaler Traktorenweg, der hineinführt in das satte Grün, weg von den Abgasen, der Geschwindigkeit und dem Lärm.



Es ist wahnsinnig grün, es ist fast wie auf einer Postkarte, es riecht nach Bäumen und Erde, und vielleicht auch etwas nach Verwesung. Nach drei Minuten ist von der Strasse nichts mehr zu hören. Der Boden ist trocken und leicht sandig, weich und wie geschaffen für die rotbraunen Budapester. Wenn jetzt noch Lederflicken am den Ärmeln wären, könnte es fast eine Szene in einem englischen Wald sein. So ein Jacket hehlt eigentlich noch im Kleiderschrank und muss sein, falls es noch öfter in den Wald geht.

Aber wann? Das letzte Mal, das war... so richtig tief im Wald zu Fuss, das war im November, Anfang November 2002, auf einem der letzten New Economy Events auf Schloss Elmau, drinnen waren dumme Vorträge, nochmal in den Pool war bei dem Wetter etwas zu schade, und von den Almmatten um das Schloss ging es nur ein paar Meter runter zum Bach, dann hinein in den spätherbstlichen Nadelwald mit seinen zertrümmerten Kalkfelsen, hoch auf die erste Kuppe, dann einen Blick zurück auf das Schloss mit all seinen lächerlichen Posern, die da unten geschäftsmässig taten, powerpointeten und networkten. So klein, so banal, das alles, kein Grund um umzukehren, also weiter hinauf bis an die Stelle, wo die Geröllfelder ihre weissen Finger in den Wald krallten, unter diesem knallblauen Alpenhimmel, und in dem Wissen, dass die da unten eigentlich jetzt gerne ein paar Zoten aus der Munich Area hören würden. Aber bis sich die Flügeltüren zur Halle des Schlosses wieder öffnen, wird der Abstieg sicher noch, ja wie lange eigentlich, 2 Stunden bis hier hoch? So lang? Und dann geht es zurück durch Kiefern und Föhren, einen Grashalm zwischen den Zähnen und dann ohne Gewissensbisse wegen Verfettung hungrig ans Buffet, ja, das war das letzte Mal, wenn man mal vom Mountainbiken absieht.

Zurück zum Auto, die nächsten 200 Kilometer runtergerissen, und mitten in der Provinz ankommen. Das örtliche Käseblatt liegt auf dem Tisch im Wohnzimmer der Vorstadtvilla. Das Titelbild zeigt einen Lastwagen voller Bierdosen, der wegen eines übermüdeten Fahrers von der Autobahn abkam und in den Graben gestürzt ist. Kein Witz. Die Kaltmamsell weiss das.

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Dienstag, 29. Juni 2004

Weapons of Mass Informations

Darf man Gleichschaltung sagen? Gibt es eine Orientierung, wenn alle in die gleiche Richtung zeigen? Gibt es noch andere Unterschiede als die Farbe der Schüssel?



Die Opas von MTV kaufen die Regellen von Viva. Da ist sicher noch ein Kanal, den man neunliven kann. Der Rest wird an die Musikcompanies verscherbelt, die ihre 100%-Hits vermarkten wollen.

Und irgendwo in Schwabing träumt eine Soziologiestudentin, oder so, vergebens den Traum, auch mal so eine Viva-Moderatorin zu werden. Weil MTV, das ist ja nur was für BWLer.

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Montag, 28. Juni 2004

Leitbunker

Wer bei den 68ern klug war, machte sich auf zum Marsch durch die Institutionen. Heute ist er oft Lehrer, fast schon im Ruhestand, Kreativer, oder als Referatsleiter im Familienministerium angekommen. Schliesslich hat man sich seiner erinnert, und dass er damals 69 in Berlin eine besonders rote Lederjacke beim Kiffen trug - sowas hilft heute beim Aufstieg, wenn man die richtigen Leute noch kennt.

Wer bei den 68ern dumm war, machte sich selbst eine Institution. Zuerst ohne Geld, dann etwas Zuschüsse von kleinen Stiftungen, und sobald die Grünen in den Prlamenten sassen, auch mal etwas von schwarzen Gerontokraten, die den Grünen damit ein eigenes Filzproblem schenkten. Denn für den grossen guten Willen und die enorme Menge an gut gemeinten Sachen gibt es nie genug Geld. Die Folge sind interne Grabenkämpfe, zerstörerisch und weitaus billiger mit staatlichen Geldern zu finanzieren, denn mit einer eigenen Kampagne.



Wer überlebt, bekommt seine kleine Burg. Irgendwo findet sich immer eine asbestverseuchte Fabrik, eine rampnierte Feuerwache, eine Schule, die wegen des Pillenknicks und der gekürzten Bildungsausgaben überflüssig wird - da kann der Referatsleiter nichts machen. Bevor man das Zeug in teuer rückbaut, dürfen die Institutionen rein und ihren antikapitalistischen Drang ausleben. Und irgendwo ist dann immer einer, der die reine Lehre bewahrt.

Sie sitzen in ihren bröckelnden Türmen, blicken hinaus auf die schlechte Welt, wo der Türke gar nicht daran denkt, sich für die Einbürgerung mit einer politischen Aktion zu bedanken, sondern lieber den Benz saugt, und fühlen sich verraten. Von der Jugend sowieso, und bald auch von den Geldgebern. Sie hassen Schröder, sie hassen das Kapital, aber der Ex-68er Referatsleiter hat sie schon mal darauf hingewiesen, dass es n ach der nächsten Wahl ganz schlecht ausschaut. Unter den Schwarzen wird das nicht mehr gehen, die Demorganisation als Jugendarbeit abzurechnen.

Aber noch sitzen sie in den Burgen, und sie werden sie verteidigen, bis der Strom abgestellt wird, und sie ein neues Projekt haben. Dann vielleicht auch mit Putzfrau, wenn das geht.

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Sonntag, 27. Juni 2004

Nachts auf der Brücke

Da hinten liegen die spiessigen Zellen aus den 70er Jahren, gleich neben der alten Grenze. Unten durchtrennt ein Zug die Stille und erschwert dort oben die Einführung schlechter Serien, billiger Chips und gereizter Primärgenitalien zum Wochenhöhepunkt.



Alles ist denkbar in diesem tagsüber dunkelgrauen Klotz, der so trostlos ist wie seine Nachbarschaft, die monotonen Schienenwege irgendwo ins Nichts der unbegrenzten Zusammenrottung von Gebäuden, die an anderen Orten der Welt vielleicht "urban" genannt wird. Es ist eine dicke Scharte in einer zerhakten Fresse, und das da drüben ist der zeklüftete Grat einer eitrigen Wunde, die Banalität heisst und nie austrocknen oder verheilen wird.

Selbstmorde sind hier trotzdem selten, sagt man. Die Brücke ist so niedrig, dass man gute Chancen hat, zu überleben - und nach dem Sprung stundenlang, vielleicht die ganze Nacht, mit gebrochenen Beinen auf stillgelegten Schienensträngen liegt, während die erlösenden ICEs alle paar Minuten zwei Gleise weiter links vorbeidonnern. Und niemand hört den Schrei nach Hilfe, bis zum nächsten Morgen.

Unschöner kann man nicht überleben. Noch nicht mal in dem Klotz da hinten.

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Erstens kommt es anders.

Es ist immer das gleiche, ob Blogeintrag, Artikel bei Dotcomtod oder bei Liquide: Am Anfang denke ich, das wird nie für einen richtigen Text reichen. Es ist so ein Berg von Text, der da aufzuschichten ist, das wird nie gehen.

Und am Ende muss ich dann kürzen, damit es überhaupt noch lesbar ist. 60 Seiten wurden bei Liquide abgespeckt - zum Glück aber keine Sexszene. Bei Blogs! dachten wir, wir müssen es irgendwie schaffen 250 übergrosse Seiten zu füllen. Jetzt sind es rund 350, und wir haben schon erheblich rumgeschoben, zusammengestaucht und gekürzt. 450 wären kein Problem gewesen, die 350 sind fast schon Kunst.

Mein nächstes Buch ist mit 200 Seiten angekündigt. Das kann ja heiter werden. Und hier wollte ich 1 Absatz schreiben, aber wie das bei Tucholsky so schön heisst: Ich laufe aus. Und weiche ab.

Schluss jetzt. Aus. Echt, unmöglich...

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Geilster Verleger wo gibt,

hab ich. Will ich hier nur mal sagen. Hat alles gut gefunden. Solche Verleger gibt´s eigentlich gar nicht mehr. Müsste man unter Denkmalschutz stellen, oder ins Museum gleich neben Rowohlt, Kotta und Fischer.

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Freitag, 25. Juni 2004

Here we go.

Try for once in your life do something about it! But you know what, you better do it now and you better do it fast because the world doesn’t owe you any favors. - Lelaina im einzigartigen Film Reality bites, eine Erinnerung an ein anderes Leben, bevor der Regen über Europa kam. Damals war alles noch anders, kein Netz, keine Blogs, Medien nur eine Option unter vielen ... Unschuld, könnte man sagen. Das Zitat nur eine Erinnerung an etwas, das nicht mehr existiert, was einem einfällt, wenn es im Sturzflug durch die Suchscheinwerfer geht. Do it fast. Was ist Lelaina heute? Arbeitslos? Ein Rad im System? Verheiratet? Zugekokst in irgendeinem Vorstandsvorzimmer? Egal. Keine Zeit zum denken. Denken können wir, wenn wir tot sind.

Denn jetzt es geht auf einmal rasend schnell. Nein, es war schon schnell, aber hier tief unten im Zielanflug knapp über der Erde fühlt man das Zerschmelzen von Zeit und Distanz, die Bomben schimmern unter den Flügeln und die Propeller zerfetzen den Äther, und alles dröhnt wieder von der Gewalt der Motoren, der Bombenschütze gibt die Entfernung durch, es sind nur noch ein paar Meilen, und plötzlich ist noch viel zu tun, die Zünder scharf machen, Kompressoren zuschalten, die Funksperre wird aufgehoben, die Nachricht geht raus, und alle an Bord wissen: Wir kommen rein. Auf 12 Uhr. They won´t owe us any favors. Egal.

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Real Life 24.6.04 - NE-Schönling

Es ist irgendwann zwischen Medienkritik und Literaturdiskurs, als erst NE-Schönling1 den Raum betritt, mit zu langen Koteletten, viel Gel und einer Pseudokreativen, die aussieht wie Franziska Gerstenberg nach 90°-Wäsche - ausgebleicht, ungebügelt und aufgequollen, was sich auf den 2. Blick aber als Babyspeck herausstellt. Ich richte meinen Kopf so, dass ein paar seiner Worte zu mir durch den Lärm dringen, vorbei am Gekreische der Blondinen, die den ersten Schweiss ihrer Volljährigkeit mit Taschen unter den Achseln aufsaugen, und hindurch zwischen dem Rumdidldum der zünftigen Volksmusik dieses Berliner Stadtteils, in dem Prostitution in Drinks und nicht in Euro entlohnt wird.

Es ist mir wohlvertraut, diese Sprache der Ahnungslosen, die sich auf das Business freuen wie der fanatisierte Rekrut auf den Krieg. Das Mädchen hört ihm zu und zeigt nackte Schultern, den Preis für seinen verbalen Heldenmut in der rethorischen Schlacht um den Markt. Man sollte aufstehen, hinübergehen und ihm sagen, dass er mit diesen Phrasen noch nicht mal Sachbearbeiter wird, aber das andere Ohr meldet, dass meine Begleiter gerade über Selbstmord als Marketinggag für Berliner Jungautoren sinnieren, wozu ich gleich auf die hohe Selbstmordrate im Februar verweise und mir dabei denke, dass sich die beste Awareness im Juli erzielen lassen würde. Wir einigen uns gerade auf eine Favoritin, die heute klagengefurzt hat, da kommt auch noch NE-Schönling2, der zwar die diskrete Eleganz eines Volksbank-Azubis verstrahlt, aber wohl auch BWL studiert. Er rumpelt beim schlecht nachgeäfften Munich-Area-Style-Bussi-Bussi an unseren Tisch, wo die Becks-Flaschen wackeln und mein Tee schwappt, setzt sich, und wendet uns den mit Schuppen bestäubten Rücken zu. Vielleicht hat es aufgrund der neuen Hose für die Wohnung mit Bad nicht gereicht?



Während ich noch darüber nachsinne, dass dieser Menschenschlag immer gleich bleiben wird, ausser auf dem Oktoberfest und im Sexkino, wo sie Sau rauslassen, kommt NE-Schönling3, ohne Gel, Koteletten und Haare, redet knieend eine Weile auf NE-Schönling2 ein. Ich mache einige nicht in den Zusammenhang passende Bemerkungen über die geistige und finanzielle Armut dieser Stadt, und ich sage es so LAUT dass sie es hören müssen.

Sie haben was anderes zu tun. NE-Schönling3 geht zwischen NE-Schönling2 und unserem Tisch hindurch, auf der Jagd nach einem Sessel, und weil die Achselschweisstäschchen-Girls gegangen sind, findet er auch eine Sitzgelegenheit. Inzwischen schiebt sich NE-Schönling2 mitsamt Stuhl ganz weit nach hinten an unseren Tisch mitsamt nun wieder wackelnden Flaschen und dem schappenden Tee, um möglichst langgestreckt der anwesenden Crowd einen freien Blick auch auf seine Leistengegend zu gestatten. Aus dieser Lage brüllt er NE-Schönling1 weitere Phrasen zu.

NE-Schönling3 kommt wieder, muss hindurch, aber statt NE-Schönling2 aufzufordern, Platz zu machen, weist er uns an, unseren Tisch zurückzuschieben. Ich tue ihm den Gefallen, und als er zwischen Stuhl von NE-Schönling2 und unserem Tisch vorbeigeht, verzichte ich darauf, ihm den Tisch ruckartig in die Kniekehlen zu stossen. Obwohl er uns beim Vorbeigehen den Rücken und das verlängerte Rückgrat zugewandt hat.

Er war wahrscheinlich als Kind nicht in der Oper, vermute ich, denn dort hätte er gelernt, wie man Menschen an einer engen Stelle passiert - Antlitz zu Antlitz. Oder eine alte Dame hätte ihm so den Stock zwischen die Beine gerammt, dass er bis heute Haltungsschäden hätte. Und bessere Manieren.

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