In eigener Sache.

Liebe Leser,

wie Sie vielleicht wissen, setzt sich dieses Blog manchmal mit den Zerfallserscheinungen der sog. "68er" auseinander - die Original-68er sitzen oft auf Mallorca, ihre Nachfolger verzetteln sich im quasireligiösen Traumata, in Verfolgungswahn und totalitärem Sektierertum.

Wie Sie vielleicht auch wissen, fungiert der Autor dieses Blogs als Herausgeber eines Buches, dessen Co-Autorin Andrea Diener aus Frankfurt ist. Ich will gerne zugeben, dass ich in Bezug auf sie etwas - positiv - voreingenommen bin.

However, diese beiden Aspekte, von denen der erste hier vorgeführt und der zweite veröffentlicht werden sollte, sind im realen Leben aufeinandergekracht. In my humble opinion gibt es für das, was da in Frankfurt mit meiner Co-Autorin gemacht wird, nur einen Begriff: Hexenjagd. Man wirft ihr vor, dass eine von ihrer Initiative veranstaltete Lesung mit Thor Kunkel unkritisch gewesen sei - aber die AStA-Vorstände und ihre Unterstützer im Studentenparlament waren auf der öffentlichen Veranstaltung noch nicht mal anwesend, um ihre kritsche Haltung öffentlich zu machen. Die Vorwürfe lauten auf Revisionismus, Verhöhnung der Opfer des Nationalsozialismus - und zielen darauf ab, Andrea Diener und mit ihr alle Veranstalter der studentischen Kulturinitiative KuZ moralisch, brutal gesagt, fertig zu machen.

In den nächsten Stunden und Tagen wird einiges zu diesem Fall hier im Internet verfügbar gemacht; ich verweise auf die Berichterstattung hier:

Frankfurter Rundschau
Originalbericht zur Veranstaltung von Andrea Diener, aus der vom AStA Zitate gegenüber den Medien verfälscht zitiert wurden - und zwar so, dass der AStA gegenüber der Presse die Aussagen mündlich wieder zurückgezogen hat.
Die aktuelle Debatte bei Andrea Diener
Ein aktueller Kommentar im Höhereweltenblog und
der in Sachen Antisemitismus sicher unverdächtige Chuzpe.Blogger.de, der schon mal in einem Zitat zeigt, wes´ Geistes Kinder im Studentenparlament in Frankfurt die Mehrheit haben.

Edit: Hier ist noch einer. Für sowas liebe ich die Blogosphäre.

Donnerstag, 1. Juli 2004, 11:14, von donalphons | |comment

 
Ich liebe sie auch, die Blogosphäre. Denn mit meiner Meinung über die Zerfallserscheinungen der sog. 68er stand ich unter den sog. Intellektuellen bisher immer recht allein. Es wird Zeit, den totalitären Mumpitz zu totalitären Mumpitz zu nennen: denn die sog. Linke ist immer verbohrter damit beschäftigt, sich aus Ohnmacht gegenüber dem globalen Kapitalismus hierzulande ein Feindbild zu schaffen, das sie bekämpfen kann, um nicht tatenlos zu wirken. Mehr darüber sage ich hier.

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mit meiner Meinung über die Zerfallserscheinungen der sog. 68er stand ich unter den sog. Intellektuellen bisher immer recht allein

Wie wärs mit etwas FAZ-Feuilleton-Lektüre gegen die Einsamkeit?

Dein, paperbackfighter, 68er dürfte in diesem Fall vielleicht 1978 geboren sein. Und: ist er "totalitär"? Ich würde diese Wort doch eher für andere Dinge aufbewahren als für solche Jungs. Dass die Ohnmacht sich mitunter in Irrationalem und Irrelevantem unangenehm Bahn verschafft, da hast du Recht. Du machst das, was bei Don vor Monaten auch durchklang, er aber inzwischen wohl etwas differenzierter formuliert: diese grottige, pauschale Gleichsetzung von 68er/Intellektuelle/Links/Mumpitz/Zerfall etc.

Ich glaube, die gute Andrea dürfte schon den anderen Biss in die Tischkante hinter sich haben ob ihres Faux-pas, den Dienstag nicht rechtzeitig als den 20.4. entlarvt zu haben. Ein paar Tage später saß ich im Klemm, einem Café unweit des alten Campus, und lauschte der Unterhaltung einer ausgesprochen nett ausschauenden Blondine und ihrem anhimmelden Bericht über den ihr sehr bekannten Thor, den sie dort, in der ersten Reihe sitzend, lauschen konnte. Von dem Event las ich zuvor nur kurz in der FR.
Was mir durch den halbinformierten Kopf ging, also mein Vor-Urteil: Jetzt sind dieser RCDS und diese Junggrünen (sie stellten damals noch den AStA) völlig verkommen, jetzt geht die Publicity-Geilheit so weit, einen Veranstaltung darüber, ob Nazis Fickfilme gedreht haben, an Führers Geburtstag im IG-Farben-Haus abzuhalten. Es wird alles immer schlimmer.

Die seidene Haut, dieses engelsblonde Haar, dessen Duft ich bei einer schwungvollen Kopfdrehung von ihr erahnen durfte, diese sich unter ihrem engen Pullover abzeichnenden Brüste und ihre feste Stimme in unser kleinen Unterhaltung stimmten mich milder in meinem Vorurteil. Über die Veranstaltung dachte ich nur noch: Gott, wenns ihnen um die Literatur ging, wie können die das dort und an diesem Tag zu tun und glauben, die Kritiker würden sie verreißen. Das ist, als würde man an meinem skorpionischem Geburtstag - nicht an dem Haupttag, aber kurz zuvor übte man schon mal hier und dort - eine Messe für Brandbeschleuniger abhalten und sich wundern, dass man das für geschmacklos halten könnte.

Nach Andreas langem Bericht über diese Kulturzeit-Nasen ergriffen mich jung-väterliche Mitleidsgefühle. So gute Absichten und über diesen Hauch an Naivität ggü. Presse, Grenzen des Humanismus, Standards öffentlicher Diskurse zu NS-Themen kann sie in die Scheiße geworfen werden. Die Arme. Gepaart natürlich mit Aversionen gegen diese [eine beliebige justiziable Beschimpfung gg. diese bestimmten, so schön beschriebenen Medienvertreter].

Und jetzt, nach der Ankündigung: ein machtgeiler Asta-Chef - mit möglicherweise gar guten Absichten, aber unverzeilichen Mitteln - schlachtet ihren Fehler hemmungslos aus und nutzt dabei all die Mängel. Schön, wenn don uceda die holde Andrea jetzt rettet. Zeigs ihm, Meister.

Ich glaube, wir werden Zeugen einer großen Romanze. Bitte ein Bild von den knutschenden Helden mit dem aufgespießten Skalp des Missetätes im Hintergrund.

Ich liebe die Blogospäre. ;-)

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Jaja, Herr sinktank, das isses eben:

"totalitär"? Ich würde diese Wort doch eher für andere Dinge aufbewahren als für solche Jungs

- : daß bestimmte Wörter nicht für die sog. Linke gelten dürfen. Inzwischen aber sollten wir wissen, daß nicht nur der 'rechte' Hitlerstaat ein totalitärer war, sondern eben auch der 'linke' Stalinstaat. Und heute gibt es nicht nur 'rechte', sondern auch 'linke' Denkverbote. Wer dagegen angeht, meint genausowenig alle Linken, wie einer alle Amerikaner meint, wenn er die Bushpolitik kritisiert.

Das ewige "Du, das find ich aber uuunheinlich pauschal, ne"
gehört leider auch zum unseligen Erbe der 70er. Weblogs sind nicht der Ort für hochdifferenzierte historische und politikwissenschaftliche Analysen. Und satirische Köpfe haben schon immer gern übertrieben: aber eben mit einem Witz, den man bei nichtsatirischen Schreibern vergebens sucht. Also, laß uns alle so schreiben, wie uns der Schnabel gewachsen ist. Politisch korrekte Weblogs wären unlesbare Weblogs.

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Soweit kommt's noch
das man im Kampf gegen solche Wichte in den eigenen Reihen mit ihrem wichtigtuerischen Gefuchtel den ollen Erst Nolte und den nicht minder stinkenden Courtois aus der Mottenkiste holt.

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Wie ich höre, hat das totalitäre AStA-Regime derweilen Frau Diener und ihr KuZ ins Gulag-KoZ* gesperrt, den Hahn angedreht, ins Hessisch-Sibirsche Arbeitslager gesteckt und auf den Killing Fields des Grüneburgparks schänden und meucheln lassen und ihr Fleisch auf dem Feuer von Dons Büchern gebraten.

Denk', was du willst, aber tu es. Und sei nicht gleich so zickig wegen so 'nem hingerotzten "grottig", Schätzchen.

*KoZ: Café und Feiersaal für Asta-Veranstaltungen. Keine Ahnung, was die Abkürzung bedeutet, wohl was mit Kultur und Zentrum oder so.

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Das Problem
ist doch eigentlich der Asta selbst. 95% der Studenten ist es völlig egal was dort gemacht wird. Ein teurer Spielplatz für junge aufstrebende Funktionäre, die im Asta die Grabenkämpfe der Gremienarbeit erlernen.

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@ hella (off topic)
Hallo Gleichnamige,

um Verwechslungen zu vermeiden, schreibe ich jetzt unter paperbackfighter.

Gruß aus HB

Hella

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Totalitarismus
Die Totalitarismustheorie ist nicht meine Sache, ich habe sie immer abgelehnt, Hanna Ahrens ist unhistorisch und unanalytisch, nur-moralisch, also genauso wie die politisch Korrekten auch, bin selber Anhänger der Faschismustheorie von Nicos Poulantzas (und nehme jetzt keinerlei Rücksicht darauf, dass möglicherweise nur Politikwissenschaftler und Historiker verstehen können, was ich hier poste), aber: Die Totalitarimustheorie setzt Stalinismus und Nationalsozialismus gleich, nicht osteuropäischen Realsozialismus und Faschismus im Allgemeinen, schon gar nicht Diktaturen als Solche. Bestandteil der Gleichsetzung sind das Vorhandensein unwesentlicher Details wie Völkermord und staatlich organisierte Folter und Gehirnwäsche. Wenn hier schon eine falsche Theorie zur Grundlage genommen wird, dann sollte sie wenigstens gekannt und nicht zur Plattheit reduziert werden. Ansonsten: Ich habe ein gutes Jahrzehnt in der Kultur der politischen Korrektheit gelebt, darunter gelitten, dass man klein mensch und das große I in jedem Gespräch mitsprechen musste und jeder Fleischesser ein schlechterer Mensch und jeder Mann ein potenzieller Vergewaltiger war, kenne diese Szene also von innen, nur: das sind keine 68er. Selbst meine Alterskohorte, die "81er" (durch die Hausbesetzungen Anfang der 80er und die Anti-Atomraketenbewegung politisch sozialisierte Autonome) gehören nicht dazu, sondern die political correctness kam Ende der 80er auf, vor allem 1988 in Zusammenhang mit der Debatte um Andrea Dworkins Pornografiebuch. Vorher gab es zwar Denkverbote in Teilen der Linken, sie bezogen sich aber auf bestimmte Gruppen, z.B. K-Gruppen und DKP, aber bei den Spontis gab es sie nicht. Das politisch-korrekte, zensierte und dogmatisierte Denken mit Philosemitismus und Antisexismus ist in Deutschland (ich rede nicht von Dworkin und Brownmiller)
nicht älter als 1988, und die 68er als Generation haben nichts damit zu tun. A´propos: mit 68er verbinde ich jedenfalls auch Dinge wie sexuelle Befreiung, Sex and Drugs and Rock `n Roll und das Rebellieren gegen eine postfaschistische Ordnung mit ihren eigenen Denkverboten und Dogmen, Sprachverboten etc. Jener so called "Totalitarismus" der politisch korrekten Linken, der sich bei besagtem ASTA äußert, ist im Wesentlichen ein Kínd der 90er, Leute wie Wiglaf Droste, die diesem in der Vergangenheit zum Opfer fielen (und doch in anderer Hinsicht auch Tätter ist), sind aus Sicht der politisch Korrekten typische 68er, deren Welt als Sündenbabel gesehen wird.

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Was mich wundert, ist die simple Art, wie von "der Linken" gesprochen wird. Und - ja, eben - wie diese Linke mit den 68er gleichgesetzt wird. Jusos sind eine Sache für sich, taz-Leser sind eine Sache für sich, eine ganz andere Sache das Publikum von der konkret oder von bahamas. Schon von da ist der Ausdruck "totalitär", auf "die" Linke bezogen eigentlich ein Widerspruch in sich - er scheitert an der Nasenspitze jedes einzelnen.

Noch ein Wort zu den 68ern: das Problem ist, daß hier ein Generationenbegriff und ein politischer Richtungsbegriff ineins fallen. Man kann die Karriere des Joseph Fischer als einen Weg von links nach rechts bezeichnen, oder als den eines Bürgertums, das sich über den Umweg einer Revolte aufgefrischt hat, um seine gesellschaftliche Stellung zu sichern. Und wer weiß, wer sich jetzt (ich bin nicht auf dem Laufenden) an den verschiedenen deutschen ASTen eigentlich für die zukünftigen Ressorts profiliert. Das würde vielleicht klären, mit welch halbgarer Attitüde dort über Gelder entschieden wird.

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Da ist was dran.
Goncourt, danke für Deinen sehr erhellenden und kompetenten Kommentar!

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Schön, Jungs,
eure Worte stimmen mich milde mit der Welt wie die Blondine im Café.
Che, sehr amüsant deine autobiographischen, erhellend die theoretischen Anmerkungen über die Unterschiede von 68, 81, PC-Philo-S.-Anti-S., 90er. (zum Totalitären: das habe ich mittlerweile auch schon auf andere Regime angewandt gesehen, die man nicht mehr zum Autoritarismu zählen wollte.) Ebenso Dank zu goncourts Hinweis auf die Unschärfen des 68er-Begriffs. Allein, ich befürchte, wir werden diese sprachlichen Schlampereien und damit gedanklichen Fehlschlüsse auch weiterhin zu ertragen haben. Na ja, Begriffspolitik halt.

Zum Fall, nochmal:

Was könnte so ein macchiavellinsches Asta-Männchen jetzt noch tun:
In Cannossa anfangen: Mea culpa, ich tat Unrecht, Andrea so hart anzugehen. Wir ziehen den Beschluss, das KUZ zu killen zurück. Wir werden das Gespräch mit KUZ für eine weitere gemeinschaftliche Zusammenarbeit suchen. Herr Meier hat uns auf Dinge aufmerksam gemacht, derer wir uns nicht bewußt waren. Wir danken ihm sehr dafür und möchte, dass er gemeinsam mit dem KUZ und dem AStA auf einer Podiumsveranstaltung über politische Kulturen debattiert.

Die mea culpa ein weniger verteilen: Wir sind noch keine 100 Tage im Amt, die Öffentlichkeitsarbeit stammt noch von unseren Vorgängern, Transparenz istunser Ziel, aber braucht eben noch. Wir sind jung und waren doch besten Willens, wir taten nur, was wir von unseren Lehren und Vorfahren gelernt haben. Es geschah vor dem Hintergrund der Stimmen des alten RCDS-Asta: "Wir wollten es eigentlich am 31.1. machen..." Und die alten Presse-Berichte, der renommierte Tilman Jens.

Neue Politik: In der Sommerklausur haben wir die Leitlinien unserer Politik neu bestimmt. Armut und Ausgrenzung wird das große Thema. In einer Stadt, die für das geile Forsythe-Ballet kein richtiges Geld mehr hat und das schöne TAT schließt, muss auch der AStA seine Aufgaben neu gewichten. In der heraufziehenden 2/3-Gesellschaft gilt es sich dem Thema der Armut zu widmen. Es war das Interesse der Mehrheit der Studierendenschaft, sich in diesen Zeiten der Politik zuzuwenden, ohne kulturelle Themen zu vernachlässigen. Wir unterstützen das KUZ weiterhin mit 500€ nächstes Jahr. Abzüglich Raummiete, versteht sich. Wir freuen uns, auf die gemeinsame Zusammenarbeit.


Rache wird kalt gegessen. Wenn der Kiefer noch ganz ist. Ich hoffe, ucedas zweiter Schlag sitzt.
(Auch wenn ich davon mein TAT und das Ballett nicht wiederbekomme.)

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Macchiavellinisch ist gut
...denn nicht für den ASTA, sondern für das Leben lernen wir, und Hochschulpolitik genügt sich in den seltensten Fällen selber. Ich habe in diesem Alter zu denjenigen gehört, die Hochschulpolitik um der Inhalte und der Sache willen gemacht haben, und das war ein permanenter Kampf gegen diejenigen, die damit für die spätere Karriere in Politik und Verbänden trainierten. Ich glaube, ich kann gut nachvollziehen, wie Dir zumute ist, sinktank.

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