Gewissensprüfung

Bin ich noch links? Gehen wir einmal das Glaubensbekenntnis durch:

- Tierschtz: Natürlich, wenngleich ich Vegetarier und nicht Veganer bin. Die frage ich oft, was denn sein soll, wenn wir wirklich keine Eier und Milch mehr brauchen. Rotten wir dann Kühe und Hühner aus? Nur ein Scherz. Klar bin ich gegen Massentierhaltung und kaufe davon nichts.

- Gentechnik in der Landwirtschaft: Lehne ich ab. Ich bin einer von denen, die alte Obstbäume suchen und krumme Gurken mögen.

- Atomkraft: Lehne ich total ab. Keine Debatte nötig.

- Sozialer Ausgleich: Aber ja. allerdings mehr so über Tarife und eher nicht BGE. Die Besteuerung von Kapitalerträgen ist ein Witz, da müsste man was tun. Und den Minestlohn sollte man anheben un prekäre Arbeitsverhältnisse verhindern. Möchte aber zu bedenken geben, dass Lösungen für alle Regionen taugen sollten. Mindestlohn ist bei uns etwa kein Thema.

- Banken: Trennung von reguliertem Investmentbanking und anderen Geschäftsteilen fände ich nett, und ich wäre auch für eine gezielte Förderung alternativer Kreditstrukturen.

- Umweltschutz: Extrem komplexes Thema, aber bei den CO2-Zertifikaten hat man gesehen, dass man es auf keinen Fall dem Markt überlassen darf. Und nicht der Styroporindustrie. Nachhaltigkeit als Leitsatz wäre super, aber wie vermittelt man das Aktivisten, die schon alle Generationen des iPhones hatten?

- Energiepolitik: Ich sehe die Streiterei um die Trassen gar nicht mal so negativ. Das zwingt zum technischen Fortschritt. Vieles fühlt sich ungut und gemein an, aber es führt auch dazu, dass man nicht mehr einfach alternativlose Hochspannungleitungen und gigantische Kohlekraftwerke baut. Und man kommt da an grösseren Versorgungskonzernen leider mitunter nicht vorbei, Man kann keine Gasturbine crowdfunden.

- Migration/Integration: Ich muss ganz ehrlich zugeben, dass ich nach zwei Erlebnissen ins Nachdenken gekommen bin. Ich bin gross und stark, andere, die mir nahestehen, sind es nicht. Hätte der Typ in Brescia nach meiner Mutter und nicht nach mir getreten, wäre sie vielleicht seit fünf Jahren ein Pflegefall. Die Jungs, die in Mantua dem alten Mann das Haus, seinen Lebenstraum, abgefackelt haben... das sind alles so Aspekte, die die Debatte nicht einfach machen. Ich bin für praktikable Lösungen, die allen Seiten gerecht werden und wenigstens von einer qualifizierten Mindeheit in Deutschland auch getragen werden, die dann aber auch für die Integration Verantwortung übernimmt, und nicht nur nach dem Fest der Kulturen in die Hecke kotzt. Und für eine ehrliche Debatte über das Asylrecht, bevor es Mehrheiten gibt, die mit Grundgesetzänderungen heran gehen.

- Tempolimit: Na klar. Autofahren in Italien ist super entspannend.

- Gleichberechtigung: Es ist nicht mhr möglich, über das Thema unaufgeregt zu reden, ähnlich wie beim Asylrecht. Der Nachwuchs ist meist ebenso dogmatisch wie Alice Schwarzer, und Debatten verlangen eigentlich, dass es da keine Zielvorgaben und Unterwerfungsrituale gibt - würde ich auf dem Niveau argumentieren, stünde hier was von Arierinnen und wohl genetisch bedingtem Antisemitismus. Momentan sage ich da: Man muss die krasseren Exemplare stutzen, damit die Vernünftigeren wieder zum Vorschein kommen. Denn die Einschüchterung der nur minimal Andersenkenden funktioniert im Netz. Manche haben Angst, offen zu reden. Ich nicht wirklich.

- CDUCSUFDPSPD: Viel zu rechts. Unwählbar.

- Kirchen: Da sehe ich den Moment für ein 200-Jahr-Säkulatisierungs-Reenactment gekommen.

- Sex: solange zwei Menschen wissen, was sie tun und was sie davon haben und frei in ihrer Entscheidung sind, hat der Staat sie zu schützen. Liebe ist super und zu fördern. Wir fördern Schweinemast, da kann man auch mal Liebe fördern.

- Aussenpolitik/Westanbindung: Das ist sowas wie der Elefant im Raum. Alle Linken wissen, dass man mit den USA und der NSA nicht kann, aber die Alternative im Osten ist noch übler. Die Europäische Einigung hat auch nicht funktioniert und ist eine unendliche Baustelle. Bliebe nur ein starker, geordneter und demokratischer Nationalstaat - aber der macht angesichts der realen Mehrheiten auch keinen Spass. Mir selbst übrigens auch nicht. Es ist ziemlich eindeutig, dass die Zukunft zwischen CDU, FDP und NRW-SPD aufgeteilt wird. Und Grüne, Linke und SPD machen gerade so weiter, als hätten sie nie die Wahl verloren, und bräuchten keine Weiterentwicklung. Wir sind ungefähr wieder da, wo wir beim NATO-Doppelbeschluss waren. Plus Banksterlobby und NSA.

- Export/Import: Natürlich ist dieses Land gleichzeitig zu gut und zu billig. Italien hat eine Fetzenkrise und am Brenner stehen Züge voller Audis. Deutsche Firmen zerquetschen ihre konkurrenz in vielen Bereichen, übernehmen die Reste und diktieren etliche Märkte. Das ist nicht immer nur negativ - wer einmal mit Leuten redet, deren italienische Firmen von Deutschen übernommen wurde, hört auch nette Dinge. Aber es ist schwierig und mehr Binnenkonsum kann es auch nicht sein. Insofern finde ich übrigens auch die steigenden Hauspreise als Schwamm für Geldüberlegenheit nicht schlimm wie übrigens auch die

- Mietpolitik: Da wurden früher falsche Erwartungen geweckt: Die eines deutschen Sonderweges. Das war in den Städten nach dem Krieg mit den Zerstörungen nötig, denn anders hätte man die Menschen nicht unterbringen können. Ich sehe natürlich die traurigen Schicksale der Mieter in grossen Städten, wenn ich hier mal wieder Fenster streiche, während meine Mieter auf Sardinien sind. Ich beklage mich nicht. Aber Eigentum hat auch was und dass die Menschen das jetzt bemerken, halte ich nicht für schlecht.

- Demo und freie Rede: Unbedingt. Ich finde die Krause grauenvoll und finde trotzdem, dass sie ihren Standpunkt auch öffentlich-rechtlich vertreten sollte. Das ist nun mal Meinungsfreiheit, und der Lucke sitzt da ja auch in den Talkshows. Lustigerweise könnte ich gerade heute jemand wieder vor den Kadi zerren und ihm den Umstand heimzahlen, dass die Lasersushi vergeblich versucht hat, bei der FAZ eine Gegendarstellung durchzudrücken. Aber einerseits tut mir das dort überhaupt nicht weh, zumal wenn es genau so läuft, wie es gelaufen ist, zum anderen muss man sowas aushalten. Wer ums Verrecken ein Kreuzerl auf seine eigene Stirn malen will, den halte ich nicht davon ab. Und wenn wir ein Demonstrationsrecht haben, dann sollte man das selbst nutzen und nicht anderen so absprechen, als wäre man Instant-CSU.

- politische Gewalt: Das ist neben dem Asylrecht der einzige Punkt, in dem meine Auffassung eine andere wurde. Ich bin Wackersdorf-Veteran, und man sieht ja heute, dass diese Notwehr eines Volkes richtig war. Aber auch da haben den Sieg nicht die Steinewerfer errungen, sondern die Massen der Leute. Wackersdorf kann man mit den aktuellen politischen Auseinandersetzungen nicht vergleichen.

Bin ich links? Ja.

Bin ich grün?Ja.

Allerdings schreie ich seit den Erfahrungen im Bürgerradio nicht mehr sofort mit, wenn es befohlen wird. Das habe ich vorher nicht gemacht, weil Einzelgänger im damals sehr rechten Bayern, das habe ich währenddessen nicht gemacht, weil die Leute altlinke Volldeppen waren, und heute denke ich lange nach, bevor ich etwas tue. Ich finde, es muss sitzen. Mit Lautstärke erreicht man vermutlich nicht so viel. Sicher weniger als mit lernen und besser werden. Der Wahnwitz ist ja, dass die übelsten und geistig unflexibelsten Exemplare, die ich so kenne, sich ausgerechner auf Adorno beziehen.

Und man sollte auch immer genau schauen, was die anderen so denken, tun und überlegen. Strauss ist tot. Es kann sein, dass auch auf der anderen Seite nicht jede Vorstellung grundfalsch ist, und es ist nicht jeder gut, weil er sich links positioniert. Ich finde die ideologische Verblendung, die Vernageltheit, die Arroganz generell ganz furchtbar und mein Eindruck ist, dass sie auf der linken Seite nach den grossen Niederlagen im Deutschen Herbst und beim Zusammenbruch des Ostblocks gerade auf ein neues Hoch zusteuert, befeuert durch eine Konzetration im Netz, in Berlin und befreundeten Aktivisten in den Medien. Das lohnt sich nicht bei Wahlen. Aber es dominiert den Diskurs. So etwas wie Münklerwatch schadet unseren Anliegen unendlich. Das versteht ausser den innersten Zirkeln keiner mehr. Man erreicht dadurch nichts. Keinen Millimeter Sympathiegewinn. Noch nicht mal die Isolation von scheinbaren "Abweichlern". Es ist das Netz, es ist zu gross dafür, aber manche verstehen das wohl nicht.

Oder wie soll ich es finden, wenn eine Juristin, der ich in Sachen Bankenkontrolle Recht gebe, sich an meinen Arbeitgeber wendet und versucht, dort Druck zu machen?

Was sich darin äussert, ist vermutlich auch das generelle Dilemma der Linken: Es gibt keine auch nur halbwegs einfache Lösung der verfahrenen Situation, und auch keine Aussicht auf qualifizierte Mehrheiten für einen grundlegenden Wandel. Das ist für mich, der ich Kohl in Bayern mitgemcht habe, nicht so schlimm, sondern mehr der Normalzustand - daher weiss ich, dass man offen bleiben muss. Aber für die Jüngeren ist das wohl anders.

Donnerstag, 4. Juni 2015, 22:42, von donalphons |