Ganz hinauf

Es kommt naturgemäss meistens schlimmer. Und wer früh losfährt, fährt zwar unter dem Bleigrau des Himmels, aber noch im Trockenen, während hinten bei Ratschings die weisse Wintereröffnung stattfindet.



Erst kommt dann der reichlich kalte Regen, und ein Motorradfahrer in Kalch ruft mir zu, ob es mit kurzer Hose nicht zu kalt ist. Ich bin auf dem Weg nach Italien, ich nehme keine lange Hose mit und zahle dann eben den Preis.



Es ist mein Pass, meine Herausforderung, es ist das, vor dem ich lange Angst hatte und das als unbezwingbar galt. Es war lange Jahre der limitierende Faktor in meinem Leben, ich habe mich dort hintrainiert und mein Leben und meinen Körper angepasst, nur um zu erfahren, ob es nicht vielleicht doch geht. Es geht.



Andere sind natürlich deutlich schneller, aber auch deutlich jünger. Es hilft alles nichts, die zweite Lebenshälfte beginnt inzwischen, und da geht es eigentlich nur noch darum, dem Verfall irgendwie würdig zu begegnen. Andere schauen vielleicht auf das Tacho. Bei mir reicht das Zeitgefühl um zu wissen, dass sich all die Kilometer des Sommers gelohnt haben. Ich bin besser drauf als die 20 Jahre davor.



Inzwischen ahne ich, dass ich auch mehr schaffen könnte. Ich kann in einem Tag zweimal solche Pässe fahren und danach noch laufen, ich müste auch die letzten Herausforderungen schaffen: Das Timmelsjoch drüben im Nordwesten und das Stilfser Joch am Ortler. Das hocjkrabbeln der Wanze, die ich bin, an diesen Titanen kommt dann nächstes Jahr.



Es ist nicht gerade der Weg des Lichts, den ich da beschreite, es ist nicht die Tugend, die mich antreibt und nicht der Eindruck, dass es das Angemessene wäre. Es ist einsam dort oben, kalt, und wenn es schief geht, stirbt jeder für sich allein. Es gibt da oben nur eine einzige Frage: Ankommen oder nicht. Alles andere ist bedeutungslos. So einfach. So atemberaubend, so schnell, und am Ende spuckt einen der Berg ungerührt aus, ohne dass er sich verändert hätte, nachdem er einen durchgeprügelt hat. Das ist nicht allgemein gültig gut, und nicht umsonst sehe ich ausser dem Freund da oben keinen Radler. Es ist etwas für die Anderen.

Aber alles ist besser als Rheinländerin mit einer Vorliebe für Mortadella sein.

Und die Faht nach Siena im Regen war danach erheblich schlimmer.

Freitag, 2. Oktober 2015, 17:30, von donalphons |