Alt, weiss, beständig.

Zweifellos ist der weisse, mittelalte, heterosexuelle Mann zu ausgesprochen unerfreulichen Taten fähig. Nehmen wir mal ein anderes Beispiel als Trump: Als Walter Butler, einer der Verschwörer bei der Ermordung Wallensteins, bei einem Gefecht des 30-jährigen Krieges starb, grub man an seinem Todesort die Bleirohre aus, die zur Wasserversorgung des Krankenhauses dienten, und fertigte daraus seinen Bleisarg. Das galt als richtig und angemessen, auch wenn die Lebenden im Spital, derer es damals viele gab, kein frisches Wasser mehr bekamen und vermutlich deutlich häufiger starben. Das muss man erst einmal schaffen: Für einen Kadaver eines Mörders Kranken die Wasserversorgung abdrehen.

Die Geschichte ist voll mit schlechten Taten solcher mittelalter, weisser, heterosexueller Männer, aber letzthin war ein ungeschöntes Photo einer mittelbekannten Frau im Internet, die gern über solche Männer herzieht. Und ich muss ganz ehrlich und genauso am willkürlichen Einzelbeispiel wie deren Ideologie sagen: Wenn junge, männerhassende Frauen mit Migrationshintergrund so aussehen, ohne dass die Redaktion den Schleier des Photoshops gnädig über die Realität legen - dann ist es überhaupt nicht schlimm, ein alter, weisser Mann zu sein.



Gut, das war jetzt nicht freundlich, aber auch das Chiffre “alt und weiss und männlich” steht gerade für gutaussehend und adrett, sondern für den hässlichen Verfall einer alten Ordnung, und in den letzten 2, 3 Jahren galt es als schick, sich mehr oder weniger junge Autorinnen zu kaufen, die diesen Befund auch in aller unschönen Breite und mit vielen historischen Bezügen und Pseudoevidenzien ausbreiteten. Mag der IS Schwule von Gebäuden werfen, mag man im Iran Frauen ins Gefängnis stecken, weil sie Sportveranstaltungen besuchen und bei den Saudis Anhänger anderer muslimischer Richtungen töten: Näher ist uns immer noch die (sehr späte) Aufhebung der fraglos höchst unfairen Urteile gegen Homosexuelle bei uns, die Erinnerung an die erste Frau, die gegen den Willen der Veranstalter beim Boston Marathon mitgelaufen ist, oder eben unsere eigenen christlich-blutigen Glaubenskriege, siehe oben. Nichts auf dieser Welt kann geschehen, ohne das zeigen ließe: Der alte, weisse Mann hat früher oft genauso schändlich gehandelt. Speziell, wenn er deutsch war.

So gesehen ist der alte, weisse, heterosexuelle Mann eine sehr angenehme Konstruktion sehr unangenehmer Eigenschaften, ideal geeignet für den tobenden Kulturkampf, in dem die sehr alten, weissen Toten Hosen auch mit linker Gewaltverherrlichung und Verachtung herkömmlicher Medien als deutsches Kulturgut gelten (“es war so schnell / wie alles begann / ein fliegender Stein / als Kampfsignal / auf einmal war die Hölle los / ein Wechselbad zwischen Angriff und Flucht / und aus dem Radio / kommt ein Liebeslied“) - und dem deutlich jüngerem, nicht weissen Xavier Naidoo die öffentlich-rechtliche Unterstützung abgedreht wird. Bei der Gelegenheit darf dann auch ein Staatskomiker “Hurensöhne” sagen, und niemand beschwert sich bei der Linken wegen der implizierten Diskriminierung von Sexarbeiterinnen. Man braucht eben Feindbilder, da kann man keine Rücksicht nehmen, selbst wenn es dabei diejenigen erwischt, die man angeblich gegen den Rassismus und Sexismus alter, weisser Männer verteidigen will.



Die Sache ist nur, und das fällt mir momentan besonders auf, weil ich hier in Italien gerade mit dem Rad eines alten, weissen und sehr netten Mannes fahre: Man kann sich das nicht aussuchen. Das biologische Geschlecht lässt sich nur mit grössten Mühen und auch dann nur unvollständig ändern. Gewisse Aspekte des Geschlechtsdimorphismus lassen sich nicht einfach ausschalten, und dass gerade die härtesten Kämpferinnen für Gleichstellung typisch weiblich-hinterhältiges Verhalten an den Tag legen, lässt die Unveränderbarkeit für mich gar nicht so schlecht erscheinen: Bei Twitter lobt, während ich dies schreibe, ausgerechnet eine andere diffamierende Feministin der ARD eine anderen Fraudie einem politischen Gegner das Kind abgenommen sehen möchte - bei der Veranstaltung mit dem Titel “Loveoutloud”. Da treffen sich vor allem junge Leute, auch wenn die Veranstalter inzwischen schon in Richtung Restlaufzeit gehen, wie wir alten, weissen Männer selbstironisch sagen. Auch das Alter kann man sich nicht heraussuchen, und es ist bei uns noch nicht üblich, es mit Photoshop zu kaschieren, selbst wenn wir mit 45 wie andere mit 105 aussehen würden.

Das Rad, auf dem ich fahre, ja, also, das ist so: Alte; weisse Männer werden schnell wieder jung und infantil, wenn man ihnen Spielzeug anbietet, und so, wie Netzfeministinnen gefühlt 30% des deutschen Photoshopdienstleistungsgewerbes für Fazial- und Figurbereinigung bei kargem Lohn und trocken Brot erhalten, sorgen wir dafür, dass ebenso alternde Rennradidole reich werden, indem sie Räder bauen, die ihren Namen tragen. Das ist viel angenehmer als Fettabsaugung und Botox, denn alte, weisse Männer gehen nicht so gern zum Arzt. Besonders gern kauft unsereins das, wenn es gilt, sich für besondere, oder auch nur eingebildet besondere Leistungen zu belohnen, und so kam ich mit Fabio in Kontakt. Fabio ist Italiener und hat einerseits ein Battaglin und andererseits das, was unsereins verkürzt als “Rücken” bezeichnet - eine dem Alter und der Abnutzung geschuldete Beschädigung des Rückgrats, die es verhindert, sich tief gebückt über dem Rennlenker durch Italien zu bewegen.



In reicheren Ländern verkaufen die Männer dann ihre Sportautos, deren Federung die Bandscheiben platt quetscht, hier in Italien müssen die Bici da Corsa den Stadträdern weichen, und aus langen Touren über weiblich geformte Hügel werden dann kurze Fahrten zum Wochenmarkt oder zum Cafe. Deshalb hat Fabio einen guten neuen Besitzer für das Rad gesucht, das nun schon Jahre in der Garage hing, und in mit gefunden. Fraglos wird auch in nicht allzu ferner Zukunft der Moment kommen, da ich einen neuen Besitzer für das Rad suchen muss, aber noch fahre ich damit von Staggia nach Monteriggione, über Abbadia Isola und die Via Francingena hinauf in die Oberstadt von Colle val di Elsa, und von dort aus nach San Gimignano. Solange man nach 62km bei 27 Grad in der Sonne nur people of healthy colour und erschöpft, aber nicht am Ende ist, ist es gut.

Aller Gebrechen und Erkrankungen zum Trotz ist der Wechsel vom Ungestüm der Jugend hin zur Bedächtigkeit des Alters - siehe die inzwischen in Talkshows zum Nationaldenkmal abgesunkenen Toten Hosen - etwas, das den Umgang mit unsereins wirklich unangenehm macht. Die Restlaufzeit ist lang und wird bei Frauen kürzer, und bis zum endgültigen Freimachen des Platzes dauert es, sofern es den Angreifenden nicht gelingt, einen Mann anderweitig zur Strecke zu bringen. Alte, weisse Männer sind zäh und oft genug, wenn sie vorne sind, die gehärtete Auslese ihrer Zeit: Und vor allem sind sie gerissen genug, den Zeitpunkt zu kennen, zu dem sie besser anhalten und Jüngere ins Verderben gehen lassen. Speziell in meinem Bereich ist es so, dass sich die alten, weissen Männer hervorragend halten, und wenn doch mal einer gehen muss, wird seine Stelle nicht einer Feministin gegeben, sondern lediglich eingespart, und mit einem Bruchteil eine junge, wütende, multidiskriminierte Quotenmigrationsfeministin mit labilen Ausbrüchen frei angestellt: Man hält sich so ein Personal heute, bei bento, bei Ze.tt, bei jetzt.de, und ideal ist es natürlich, wenn man alle moralisch gewünschte Quotenandersartigkeit mit einer einzigen Überweisung ohne Arbeitgeberanteil bezahlen kann.



Nicht ganz von ungefähr ähnelt das übrigens unserem Anfangsbeispiel, bei dem man zwar einen Mann einsargen konnte, aber viele andere Kranke dafür an der ausgegrabenen Wasserleitung verdursten mussten Daraus speist sich vermutlich die Annahme, mit dem weissen, alten Mann könnte man es ja machen, denn das Übel wüchse ständig frisch nach, wie auch Armut ständig neu entsteht, obwohl alle Parteien von sich behaupten, die würden sie energisch auf die ein oder andere Art bekämpfen. Besondere Verbitterung ist in unserer schnelllebigen Internetzeit ebenso erlaubt, denn sie verlangt minimale Zeitabstände zwischen Verdacht, Bestätigung, Urteil und Strafe: So einem Shitstorm geht nach drei, vier Tagen die Puste aus, aber alte, weisse Männer halten sicher länger als 30, 40 Jahre, wenn sie halbwegs fit bleiben, und sich nicht zu sehr aufregen. Ich mache das auch schon etwas länger, und den Einschlag von Kritik an meinen alten, weissen Thesen nehme ich mannhaft wie den Sonnenschein in der Toskana, selbst wenn ich um den erfrischenden Regen in Deutschland weiss. So ist das mit dem Alter. Wer auf den Blutdruck achtet, achtet auf Ruhe.

Und wer eine Partnerin hat, die die Vorzüge eines alten, weissen Mannes kennt, muss gar nicht darauf achten, sondern wird dezent, liebevoll und nachsichtig in die richtige Haltung geschubst. Nach Rückenleiden sind Frauenleiden der zweitwichtigste Grund für den Verkauf eines Rennrades. Frauenleiden, die zu viel Sorge um das Wohl des Gatten haben, und den Umstieg auf ein E-Bike fördern, so wie sie 20 Jahre davor schon die Abschaffung des italienischen Sportwagens zugunsten eines Grossraumfahrzeugs, mit dem man auch zu Ikea kam, durchgesetzt haben. Das ist gut für mich und meine Colnagosammlung, und Ernesto Colnago muss sich nicht fürchten, denn auch diese Männer wachsen nach und altern dann wieder. Es ist ein ewiger Kreislauf, so wie ich bei Lecchi immer an einer Schafweide vorbei komme und mich die immer gleichen Köter ankläffen: Wir kommen, wir sind da, anderen passt es nicht, aber irgendwann sind die heiser gebellt und vergehen sich aus Frust an wehrlosen Schafen, wie Arbeitslose mit Aussicht auf Alterarmut im Internet am Feindbild der alten, weissen Männer, die es zu überwinden gilt.



Manchmal treffen sie sich und halten Seminare, wie man das am besten macht, und manchmal treffen sich alte, weisse Männer und arbeiten daran, dass sie hart, zäh und beständig bleiben. Sie erklimmen alte Städte auf Bergen und werden beklatscht von noch älteren Männern, die im Cafe sitzen. Oder auch nicht. Wissen Sie, hier in Staggia Senese gibt es die bedächtigen Fabios, die ihr Battaglin verkaufen, auch einen sehr alten Herrn, der mit einem völlig heruntergewirtschafteten Colnago aus den frühen 70er Jahre zum Bäcker radelt und seinen Krückstock mit Stricken am Oberrohr festbindet. Er will nicht, dass man um die Tür aufhält. Das ist eine Aussage. Das ist Stärke und Wille. Da habe ich den Respekt und die Achtung, die mir vollkommen fehlen, wenn ich die neueste Hasskolumne gegen alte, weisse Männer gar nicht anklicke, sondern lieber Rad fahren gehe.

Montag, 8. Mai 2017, 08:44, von donalphons | |comment

 
Wow

Dieser Text ist viel Regen. Die Oase hier ist wieder grün, üppig grün. Gleich sprießen auch die Kommentare

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Die letzten Tage mit den Bildern auf Twitter waren schon hart, bei Dauerregen in München. Die Bilder im Beitrag hier auch, trotz Sonnenschein.

Aber im September, da bin ich wieder da. Im Dreieck Florenz, Volterra, Siena. Ich zähle jetzt schon die Tage bis dahin.

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Die knapp drei Wochen ligurische Küste, seit Jahren fester Bestandteil der Rekreation werden diesmal, angefixt durch die freundlicherweise hier und anderswo geposteten Impressionen von der L’Eroica, um die intensivere Erkundung des Sieneser Umlands vervollkommnet.

Übrigens, ganz egal, wo einer im Land der Bayern sein Dasein fristet, Urlaub braucht jeder mal:
http://www.donaukurier.de/lokales/schrobenhausen/Schrobenhausen-Asylbewerber-Schrobenhausen-2017-DKmobil-Asylbewerber-auf-Reisen;art603,3371996#plx338247219

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Drei Wochen? Hachja, da träumt mancher ständig von . "Ständig" wie in "selbständig".

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Wenn ich wirklich arbeiten müsste, könnte ich das vermutlich aber wirklich auch nur empfehlen.

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Schön, wieder an dieser Stelle von Ihnen zu hören!
Tja, die etablierte Presse unterscheidet sich in Teilen weniger und weniger vom typischen Twitter-Lynchmob.

Hier ein nettes Schmankerl aus "Zensur Zentral" aka ZEIT-Forum zum Thema:

"Aber das ändert eben nichts an der Tatsache, dass es ist was es ist, nämlich eine Drohung mit und eine zumindest "Einladung" zu Gewalt, v.a. gegen demokratisch gewählte Volksvertreter, n o c h d a z u pauschalierend o h n e Unterscheidung nach politischer A u s r i c h t u n g."

http://www.zeit.de/kultur/musik/2017-05/xavier-naidoo-marionetten-statement-mannheim-kommentar?cid=12929316#cid-12929316

Mit anderen Worten: Drohung/Einladung "zu Gewalt (...) gegen demokratisch gewählte Volksvertreter" ist grundsätzlich ok, wenn deren politische "Ausrichtung" es in den Augen des Autors wie der ZEIT-Zensoren es rechtfertigt - wow!

Noch viel Spaß in Italien!

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Die Einladung des Hasses, sich ihm anzuverwandeln, gilt es auszuschlagen …

Wenn man nach anverwandeln bei DWDS (Das Wortauskunftssystem zur deutschen Sprache in Geschichte und Gegenwart) sucht, tut sich unter den Belegen eine Zeitung durch die Benutzung dieses seltsamen Verbs besonders hervor.
Ratet mal, welche.

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Sie enablen Harasser!

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Anverwandeln steht im Wörterbuch knapp hinter Anus praeter.

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I can't conceal it, don't you see?
Can't you feel it?
Don't you too? I do, I do, I do, I do, I do

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Auch beim Anus (praeter) liegt die Z. bei der Trefferliste ganz oben.

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Loveoutloud roflcopter kekkek.

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