Die geliehenen Privilegien

Momentan gibt es wieder Debatten um die Profiblogs - oder was sich dafür hält, denn die organisierte Schleichwerbung, die mehr oder weniger ehemalige Grössen da so betreiben, bei den Siffbereichen Auto, Mode, Kosmetik und Reisen, ist jetzt auch nicht professioneller als Taschendiebstahl - und nein, dass es sowas gibt, freut mich auch nicht. Es hat halt sehr oft was von "Ich mache das, weil ich keine andere Option und für alles andere nicht gut genug bin." Die selbst gestaltete Unterschicht noch unter der Yellow Press.



Entsprechend lausig ist dann natürlich das erzielbare Einkommen - wobei man bedenken muss, dass die betreffenden Tester und sonstigen Zäpfchen der Wirtschaft natürlich auch ab und zu eingeladen und indirekt bestochen werden, in einer Art, die sich vom traditionellen Journalismus eher nach oben hin unterscheidet. Das heisst, solche Figuren haben dann ein paar Tage den Luxus, den ihnen das sie schmierende Unternehmen bietet. Und dann wieder das, was sie sonst so haben - eine stinkende kleinwohnung in Berlin und die suche nach dem billigsten Chinakocher. Um mal die Rechnung aufzumachen: Wenn man pro Monat tausend Euro Fixkosten hat und davon, sagen wir mal, zehn Tage kostenlos fressen kann, kriegt man die letzten zwanzig Tage auch mit fünfhundert Euro rum. Die Firmen sind natürlich auch nicht dumm und wissen, was für billige Hungerleider sie da einkaufen - und dass sie von ihnen total abhängig sind.



Dass die Debatte gerade hohkocht, hat auch etwas mit Youtube zu tun - das ist ein ganz anderes Universum mit ganz anderen Stars, und soweit ich das sehe, hat es keines der alten Mietmäuler geschafft, dort Fuss zu fassen. Die sogenannten Profis sind auf einem nicht mehr expandierenden Markt unterwegs, und haben selbst auch keine Möglichkeit, das zu ändern, weil die Jugend längst woanders ist. Gleichzeitig sin sie aber zemlich verbrannt und bei den klassischen Medien nach dieses Stunts nicht mehr erwünscht - dort nimmt man zwar gerne Anzeigen, aber nicht die Frettchen mit reinem Eigeninteresse. So sehen Sackgassen aus. Und diejenigen, von denen sie gehalten werden, scheinen auch kein Interesse haben, sie einzukaufen. Ich hatte vorletzte Woche Kontakt mit jemandem aus dem Tourismusgewerbe - die suchen Inhalte. Aber die sollen sich unterscheiden und Besonderheiten präsentieren. Dazu muss man Hand in Hand arbeiten. So ein Blogger in Berlin hilft da auch nicht weiter.

Ich kenne Radio ja ganz gut und ich weiss auch dass man da für vorzeigbare Ergebnisse recht lang braucht. Youtube hat ein paar schnell verbrennende Stars und ganz viele die einfach nur die Kamera hinhalten. Überall ist es eng, und überall präsentieren sie sich als Stars um dann wieder in ein Dasein zu sinken, das Hartz IV mit Computer ist. Lücke im Lebenslauf. Man sollte sich keine Gedanken über das "später" machen, wenn man vielleicht nicht mehr eingeladen wird und nur noch daheim hockt und nicht zahlen kann.



Ich schaue immer nach interessanten Leuten. Ich finde sie nie unter den sog. Profis. Bei einem, dem es gerade nicht so gut ging, habe ich mal vorsichtig angefragt - er wollte dann 900 Euro für ca. 9000 Zeichen. Sowas gibt es natürlich nitunter in diesem Beruf, aber nicht von einem Typen, der nichts vorzuweisen hat, als seine Gier und den Eindruck, jetzt käme das ganz grosse Geld. Das haben wir dann bleiben lassen.Und wenn wir das tun, würde ich vielleicht nach all der Zeit bei der FAZ zu bedenken geben, dass diese unsere Entscheidung vielleicht auch vorbildhaft sein könnte.Es ist kein harter Markt, wenn einen viele wollen, man Leistung liefert und ehrlich ist, und wenn man zudem Vermögen hat, kann man auch gut damit auskommen, selbst wenn es keine Rekordlöhne sind. Aber wer das nicht hat, sollte vielleicht anders glücklich werden.

Und weniger Schande für die Bloggerei.

Sonntag, 8. Februar 2015, 09:02, von donalphons | |comment

 
Peinlich ...
Das muss jeder für sich selbst entscheiden - aber ich finde die ostentative Verachtung von Leuten, die ihren Lebensunterhalt mangels ererbten Vermögens selbst bestreiten müssen, ziemlich peinlich. Das ist dasselbe Gefühl, das ich seit Jahren habe, wenn z.B. irgendein Grossliterat über "Gebrauchsliteratur" herzieht.

Wenn solche Leute moralische Monstranzen vor sich hertragen oder gesellschaftliche Verantwortung mit Egoismus verwechseln, kann man gerechtfertigt hochnäsig werden. Ansonsten sieht Noblesse anders aus.

Gruss,
Thorsten Haupts

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Oho thorha, da sind wir doch glatt mal einer Meinung.

Don, machen wir uns nix vor - ohne Mama und Papa waerst Du mit Deinem Gurkenstudium jetzt genau so eine Wurst wie Du es hier beschreibst, gut eine bayrische Wurst, das schon, aber Wurst bleibt Wurst.

Insofern wuerde ich mir da auch manchmal etwas mehr Demut wuenschen ...

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mhh ist nicht das genau der punkt? das wissen um die eigenen privilegien und der hinweis an alle weniger begüterten sich besser nen anderen job zu suchen, weil man sich sonst entweder aufreibt oder verhurt?

und die die letzteren weg gewählt haben, die auch nicht nein sagen können, wenn ein kunde ums eckerl kommt, weil sie die kröten wirklich dringend dringend brauchen, sind nunmal rufschädigend für die bloggerei.

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hier spielt die music
Es ist eine ganz fremde Welt in die ich als Vater etwas Einblick bekomme. "LetsPlay" ist ein Modell, auf utub Geld zu verdienen. Einige Hundert bis etliche T im Monat. ErklärbärVideos für Jungs und Mädchen.
Es sind große Spieler mittelprächtig dabei: Zdf produziert zB Gartentor und es sind kleine ganz erfolgreich. Y-ttity haben über tausend vids im net und bekommen auch reallife mittlere Hallen voll. Ich empfehle mal Millionerd zu hören. Die Botschaft "brauch ich nicht" erklärt das Konsumverhalten etwas.
Doch das angebot an content ist riesig und schwer ist es, klicks zu erreichen. Von ACDC bis Paganini. "Gern han ich die Fraun geküßt" gibt es von etlichen Interpreten.

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Es können ja nicht alle Dienstleistungen so respektabel und einträglich sein wie die der zungenfertigen Mme de Crécy.

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das sind die Möglichkeiten, Herr Meier. Einer superMIP wichtig werden oder sehr vielen Menschen etwas bedeuten.
Was ohne Ansehen von Talent und Können nicht besonders viel vom filthy lucre einbringt ist das Zahnboren an/Beliefern von/Auftreten vor ein paar Hundert Normalos. Ein Hubet von Goisern muß nicht darben. Doch er oder EAV oder Reinhard Fendrich sind viel näher an mir als an einer Madonna.

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Hm,
diese Debatte ist irgendwie so Nullerjahre, und die Rahmenbedingungen sind in der Zwischenzeit nicht unbedingt besser geworden.

Aber wenn das hier das Modell der Zukunft ist, kann ich's niemandem verdenken, der (oder die) heute noch mitnimmt, was geht.

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Und es wird welche geben, die werden es tun ...
Wenn das nicht so traurig wäre, könnte man über den Versuch lachen, Menschen für echte Arbeit zahlen zu lassen. Mir ist (ehrlich) ein Rätsel, warum Menschen sowas mitmachen. Die Minimalchance auf zufällige Entdeckung kann´s ja wohl nicht sein?

Gruss,
Thorsten Haupts

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Herr Mark,
es gab ja auch früher ein Lehrgeld. Der Lehrling ( jetzt Azubi) musste dem Handwerksmneister Geld zahlen.
So ganz falsch finde ich den Gedanken nicht, wenn der Journalistenschüler für Lektorat und Redaktion seiner Artikel auch einen kleinen Obulus leistet.
Im CV machen sich doch Veröffentlichungen in z.B. der FAZ recht gut (siehe mspro).

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@don ferrando:
Das Lehrgeld wurde gezahlt für die Weitergabe nicht frei verfügbaren Wissens und die Eintrittschance in einen abgeschotteten, parzellierten und wettbewerbsfreien Markt, dessen Kartelle (Handwerksinnungen) Innovationen verboten und Verdienst garantierten. Das gehört zusammen und ist überhaupt nicht mehr vergleichbar.

Gruss,
Thorsten Haupts

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@don ferrando: Mit dem Argument "es ist doch eine Ehre, für uns schreiben zu dürfen" hat die Qualitätspresse auch schon in der guten alten Zeit vor der Medienkrise die Honorare gedrückt. Und ja, ich habe in den ersten Jahren meiner Tätigkeit aus Gründen des Eigenmarkenaufbaus den einen oder anderen Artikel der "Zeit" angedient, wohl wissend, dass es da für den gleichen Aufwand weniger Geld gab als bei der "Wirtschaftswoche", für die ich regelmäßiger arbeitete. Aber die Reichweite und das Renommé des Lehrerblättchens war halt höher, und um ehemalige Deutschlehrer oder künftige Schwiegereltern zu beeindrucken, hat es sich gelohnt. Aber für lau oder gar gegen Obulus? Wirklich nicht.

Ansonsten: was Thorsten Haupts sagt, das ist null vergleichbar.

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So ähnlich wie mit dem Lehrgeld funktionieren in Indonesien Teile des Staatsdienstes, u.A. große Teile der Polizei. Wer ohne gute Kontakte hinein will, bezahlt dafür eine Aufnahmegebühr in Höhe von etwa 1-2 Einsteigerjahresgehältern. Dafür hat er dann ein begrenztes Monopol auf Schmiergelder, von denen er wiederum zwecks Karrierebeschleunigung einen Teil an seine Vorgesetzten weitergibt, bis es sich in Millionenhöhe in den höchsten Hierarchieebenen ablagert. Ähnlich ist es im Journalismus, gute Berichterstattung kostet Geld. Von einem Entsorgungsunternehmer hörte ich, dass er Redaktionen monatlich Geld überweist damit ihre Journalisten über bestimmte Dinge nicht berichten. Hoffentlich sieht Journalismus im Jahre 2025 in Deutschland anders aus als in Indonesien 2015.

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Sometimes when people get what they want, they realize how limited their dreams were!

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Ich denke, man sollte das Durchwursteln und das Durchwurstelnmüssen nicht mit "Wurst" an sich verwechseln, auch wenn nicht abzustreiten ist, dass das Durchwurstelnmüssen in einer nicht so einfachen, kriselnden Branche zu einer gewissen Wurstigkeit führen kann.

Die bedenkenlose Ranschmeiße, die manche "Profiblogger" darob entwickeln, ist damit noch nicht gerechtfertigt. Noch lange nicht. Aber seitens des Hausherren würde ich mir sogar an dieser Stelle doch etwas mehr Großmut wünschen.

Im Übrigen neige ich nicht dazu, den Hausherren und seine provokante Kunstfigur (sowie die von ihr mitunter girlandenartig verfasste, nun - pardon - Großkotzigkeit) zu verwechseln. Ich weiß (als langzeitiger Blogleser hier), dass Don in seinem Leben jede Menge harter Arbeit geleistet hat, zu der nicht jeder bereit gewesen wäre. Und auch, dass er keineswegs dazu neigt, das Geld in hohen Bogen zu verschleudern. Es ist aber eine klassische Falle, wie ich finde, aus dieser Arbeit und einem weitgehend geglücktem Leben den Schluss ziehen zu dürfen, dass es sich bei den weniger Glücklichen allesamt um Würste handeln müsse.

Wobei: Was mich selbst betrifft, würde ich mir diesen "Wurst-Status" inzwischen zubilligen. Ich bin wirklich einer, auf den man spucken könnte. Zumal mit abschätzigen Betrachtungsblick. Gestrampelt, gescheitert, neu gestrampelt, erkrankt, wieder gestrampelt etc.

Vielleicht liegt es auch daran, dass ich auf die ganzen kleinen Krauter, die sich mühen und doch nur knapp den Hals aus dem Wasser strecken: dafür achte. Und welche furchtbaren Erbärmlichkeiten mitunter mit einem geregelten Berufsleben einher gehen, das wird Don kaum fremd sein.

Insofern plädiere ich für eine Prise mehr Verständnis.

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Danke Dr Dean

Danke für diesen Beitrag, danke für Absätz 3 und 5. Das könnte mit auf die Startseite

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