: : : denn sie wissen nicht was sie tun sollen : : :

Dienstag, 14. April 2020

Die Käferreichweite

Früher, in den 50er Jahren, fuhr man, sofern man überhaupt ein Auto hatte, an einem Wochenende so weit, wie der Tank eines VW Käfer Kabrios reichte. Bei uns bedeutete das dem Vernehmen nach: 2 Mal ins Altmühltal. Einmal nach Neuburg und einmal nach Kehlheim. Oder, aber das war selten, zu entfernten Verwandten nach München, was schon ziemlich weit war. Einmal fuhr meinem Mutter mit meiner Grossmutter sogar bis zu einem damals nicht weit bekannten Ort namens Jesolo und weiter mit dem Schiff nach Venedig, aber das ist eine andere Geschichte. Normalerweise machte man zwei Ausflüge am Wochenende, und war damit zufrieden. Eines dieser Ziele waren damals die Kirschgärten von Gietlhausen, die in der Region im Gegensatz zu Jesolo wirklich jeder kannte.



Gietlhausen ist keiner der typischen -ing oder -hofen-Orte, die hier von der bayerischen Landnahme im frühen Mittelalter oder von der Wiederaufsiedlung unter den Ottonen berichten. Das liegt daran, dass der Ort für hiesige Verhältnisse sehr jung ist, und erst im 19. Jahrhundert entstand, als man Bürger der damals bayerischen Rheinpfalz einlud, sich in Bayern anzusiedeln. Auf der anderen Seite landeten die Pfälzer im sumpfigen und verseuchten Donaumoos, aber nördlich des Flusses kamen sie in ein bewaldetes und fruchtbares Tal, und lebten sich artgerecht aus: Sie pflanzten dort nach der Rodung wie daheim im Rheinland einen riesigen Kirschgarten an den Südhang, der ganz anders ist als jene apfellastigen Streuobstwiesen, die wir in Oberbayern haben.



Es war damals ein abgelegenes Tal und gerade zentral liegt es auch heute nicht, und das hat Gietlhausen vor Zersiedlung und Entfernung der Kirschbäume bewahrt. Deshalb besuchte man sie um die Jahreszeit schon in den 50er Jahren und machte darunter Picknick, und auch heute fahren noch viele hin und schauen sich das in der Zeit von Blüte und Ernte an. Man muss auch nicht über die viel befahrene Bundesstrasse rasen, man kann gemütlich hintenrum über Nassenfels und Bergen fahren, was nicht die Adria und Venedig ist, aber auch ganz hübsch, und man hatte dabei 1 Wasserschloss, 1 Rokokokirche, 1 Renaissanceresidenz, 1 Barockkirche und geschätzt 1296 Biergärten auf dem Weg. Heute sind es nur noch 734 Biergärten, aber auch das reicht aus.



Man muss sich halt vergnügen wollen, statt vergnügt werden wollen, wie das heute im Animationstourismus so üblich ist. Es gibt keinen Führer und das Prestige ist auch eher gering, denn, wer kennt schon Gietlhausen? Aber es zeigt doch, was alles in Deutschland in einer Region möglich ist, die auf der Landkarte kaum als Tourismusregion in Erscheinung tritt. Ich könnte noch vieles erzählen, über die Siedlungslagen der Linearbandkeramiker, über die Römerstrasse und die verborgenen Zwetschgenbäume, aber wer nur etwas aufgeschlossen ist, der wird auch finden. Man muss die Augen öffnen und neugierig sein, dann findet man auch eine Zucht von Rindern, die wieder wie die eigentlich ausgestorbenen Auerochsen aussehen, man findet Burgruinen und Cafes, deren Torten einen umbringen können - alles in halber VW-Käfer-Tankreichweite.



ICH WILL ABER FLIEGEN! werden jetzt viele quäken, aber ich sage, wer heute im Donautal eine Familienpension bucht, oder in der fränkischen Schweiz oder bei Solnhofen oder bei Pommersfelden oder 30km nördlich von Lindau, der kann auch seinen Spass bei moderaten Preisen haben. Und ist dann auch schon gebucht, wenn andere erst einmal suchen müssen. Sicher, für reine Veganer wird es schwierig und nicht alle haben Spa-Betrieb, aber man kann froh sein, wenn man nicht am Beatmungsschlauch hängt. So sollte man die Lage sehen, und geniessen, solange es noch geht.

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