: : : denn sie wissen nicht was sie tun sollen : : :

Dienstag, 23. Dezember 2003

Der Markt und die Herrlichkeit

Er hatte in Rom seine Gitarre dabei. Nachdem wir um 12 in der Pension sein mussten, klimperte er noch eine Stunde rum und sang christliches Liedgut, nur eine Wand und einen Meter von mir entfernt. Andere sangen manchmal mit. Nach ein paar Nächten gab mein Walkman den Geist auf, und Nero mit seinen Christenverfolgungen wurde mir sehr symphatisch.

Damals, Mitte der 80er, war er eine Art Spätfolge der 68er, missionarisch eifernd und gleichzeitig verständnisvoll, selbst wenn man ihm den Schädel eingeschlagen hätte. Zudem öko und Lennon-Brille. Für meine in Ungarn handgenähten Budapester hatte er kein Verständnis. Er trug Birkenstock, die früher mal beige waren, inzischen aber ins isabellabraun hinüberwesten. Er stank nach Frömmigkeit. Seine erste Freundin wollte er ganz sicher mal heiraten.

So war es denn auch, als er mir heute über den Weg lief. Er hat sich nicht verändert, was kaum überrascht bei Leuten, die schon als alte, faltige Greise auf die Welt kommen. Inzwischen ist er leitender Angestellter bei einer kirchlichen Einrichtung, und betreut dort die "EDV-Anlagen" und den "Internet-Auftritt". So heisst das da. Die Begriffe IT und Website stehen wahrscheinlich noch auf dem Index. Mit dem Internet-Auftritt haben sie jetzt ganz grosse Pläne, nach dem Ende der New Economy sehen sie im "weltweiten Netz" einen Trend zurück zu den wahren Werten. Dass seine Schuhe inzwischen geputzt waren, dürfte an der verhuzelten Kinderhandhalterin neben ihm gelegen haben, sauber und unapetitlich wie Kernseife in der Zoloft-Kapsel.

Er hat alles richtig gemacht. Er ging konsequent den Weg aller irdischen 68 durch die Institutionen. Kein Risiko, keine Visionen, es sei den bei 12 Stunden hardcore Rosenkranz, und dann auch nur Jungfrauen. Dafür hat er ein gesichertes Einkommen, und eine Spielplatz im Netz für seine Ideologie. Dagegen war die Gitarrenfolter nur ein leichter Vorgeschmack.

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Left-out

Verleger, geraden die von kleineren Verlagen, kriegen viel Müll. Wenn sie sich nicht sicher sind, ob es Müll ist, fragen sie jemand anderen. Einen, von dem die Rezensenten sagen, dass er das "Lebensgefühl" der "Generation" getroffen hat. Inzwischen kenne ich viele Verleger, und sie fragen dann mich: Guck doch mal, Du hast doch eine Schwäche für Nachwuchsautoren...

Für Nachwuchs schon. Aber nicht für Kopien von Judith Hermann, die auch nicht besser sind. Diese Leute, die mit einer Anhäufung von Assoziationsbrocken eine Handlung ersetzen wollen. Die keine schwitzenden, stinkenden, scheiternden oder fickenden Helden haben, sondern anämische, abstrakt beischlafende, innenansichtige Pro-ta-go-nis-t-In-nen. Die eine innere Leere wortreich ins künstlerische schleppen wollen, ganz gleich, ob das jemand lesen will. Wohl eher nicht. Oder so. Vielleicht...

Ich will nicht sagen, dass es nicht geht. Es ist hohe Kunst, etwas durch Auslassen zu beschreiben. Peter Glaser zum Beispiel kann das. Rawums. Aber die Typen, die auf meinem Schreibtisch landen, können es nicht.

Also, ihr Sackgesichter aus den Germanistik-Doktoranden-Colloquien: Schaut schlecht aus. Vielleicht solltet ihr lieber mal, kann sein, ficken gehen. Dann klappt´s danach auch mit dem Vorschuss. Vielleicht.

Sagte ich dem Verleger. Der grinste hörbar durchs Telefon.

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Montag, 22. Dezember 2003

Nachts in der kleinen Stadt

ziehen seltsame Leute durch die Strasse. Sie sind betrunken, sie tragen billige Kleidung, sie reden in einem seltsamen Dialekt. Aber sie sind zufrieden mit ihrem Dasein, sie sind mit sich im Reinen, und auf ihre Art haben sie den Zustand der vollkommenen Kontemplation erreicht.

Nie war die elitäre Popkultur der Tristess Royal so tot wie angesichts dieser jungen Menschen, die noch nicht mal wissen, was das ist, Popkultur. Sie sind zufrieden. Sie brauchen das Gewäsch nicht. Und sie sind der Markt, der bedient wird. Es geht auch ohne Kultur. Bohlen ist Pop. Naddel ist Pop. Pop ist, wenn´s knallt. Pop kann so richtig ekelhaft sein.

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Samstag, 20. Dezember 2003

Diese Herren



haben die New Economy überlebt. Sie sind nicht unterzukriegen. Sie sind noch da. Sie haben Zuversicht, und sie wissen, sie werden es nochmal schaffen.

Sie sind Sentinels. Von Dotcomtod. Der Autor ist ganz links.

Ay.

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Grabmal der unbekannten Mitarbeiter

In letzter Zeit vermehrt aufgetreten, zumal hier bei Blogger: Leute am Rande der Kündigung. Downsizing, Shutdowns. Personalanpassungen. Alles in schönster Offenheit.

Es heisst immer, noch schlimmer kann es nicht werden. Irgendwann muss es wieder aufwärtsgehen. Kann schon sein. Für die Älteren, für die Neueinsteiger. Für die Altersklasse zwischen 1965 und 1975 sieht es schlecht aus: Nicht mehr neuwertig, aber für Gebrauchte viel zu teuer. Und die aktuellen Modelle von den Unis sind sagenhaft günstig.

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Neue toitsche literatuhr

Sie haben sich wirklich Mühe gegeben: Halbgare Journalisten aus trendigen Magazinen und TV-Puppen angesprochen, Ideen entwickelt, Märkte analysiert. So wie KiWi wollten sie nicht sein, eher das hippe Münchner Gegenstück dazu. Und damals schien alles möglich, solange die Autorin ihre Telefonsexstimme bei Harald Schmidt uns Mikro hauchen durfte.

Die Notbremse zogen sie erst, als sie wegen unsolider Finanzierung von Büchern ins Gerede gekommen waren. Von den Agenten über den Tisch gezogen, das Buch dann vergeigt und einhellig verrissen, das war mehr als ein normales Scheitern. Die Verantwortlichen gingen erst mal auf Tauchstation, dann wurde der Verlag verkauft, und jetzt herrscht Totenstille.

Die Autoren finden sich bei Book on Demand wieder. Für den Krabbeltisch ist es noch zu früh, obwohl die kritische Marke für das Ausräumen des Lagers bald erreicht sein dürfte. Überhaupt kann man sich im Moment nicht um so junge Leute kümmern. Man hat andere Sorgen.

Das Überleben des Berichts der älteren Berater zum Beispiel, die den Laden überprüften. In einem grossen Verlagskomplex voller alter Pfennigfuchser ist so ein einzelnes Haus nicht mehr als ein Verschiebebahnhof. Vielleicht in Zukunft nur noch Taschenbuchausgaben. Vielleicht ein Merger, bei dem nur der Name übrig bleibt, und die Erinnerung an das komplette Versagen in Sachen Popliteratur.

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Freitag, 19. Dezember 2003

Kultig

Etwas Besonderes sollte es werden. Ein Sprössling einer Unternehmerfamilie wollte sich ein Denkmal setzen. Ein Eck an der Stadtperipherie, das vor zwanzig Jahren nicht mehr weiter entwickelt wurde, würde ein neues, postmodernes Zentrum bilden. So zumindest das Versprechen. Viel Glas, dunkelrot, orange, blau und pastell. Mit Geschäften für Unterhaltungselektronik, High End Audio und teuren Lokalen, verkehrsgünstig in Autobahnnähe.

Die passenden Menschen für das Retortenviertel konnten natürlich nicht von den umliegenden Blocks, Kleinbürger-Doppelhaushälften, Coutry-Saloons und Gebrauchtwagenhändlern kommen. Das einheimische, kaufkräftige Publikum für dieses Zentrum wohnte leider am anderen Ende der Stadt und blieb dort unter sich. Das war dem Sprössling wohl klar. Deshalb holte er sich seine Kundschaft von aussen, und stellte dafür ein Hotel in die Landschaft, wie die Stadt noch keines gesehen hatte.



Quietschorange, viel geheimnisvoll tuendes Licht und Schatten, mit Filmstills als Deckengemälden in den Zimmern. Kult sollte das Hotel werden, um die enormen Preise zu rechtfertigen. Eben mal was ganz anderes in dieser piefigen Provinzstadt, die alle Angehörigen der Generation des Sprösslings verabscheuten.

Das Hotel hat entgegen der Hoffnungen keinen Markt. Die jeunesse doree anderer Städte denkt nicht daran, in dieser Provinzstadt zu bleiben, und fährt weiter nach München. Die älteren Herrschaften sind von den Fratzen an der Decke irritiert und bevorzugen das frisch restaurierte Erste Haus am Platz in der Innenstadt, wo es auch noch was anderes als japanisches Essen gibt.

So dominiert der typisch postmoderne Horror Vacui im neuen Zentrum. Deshalb werden die Lichter in den leeren Zimmern eingeschaltet, um Leben vorzugaukeln. Das strahlende Nichts schreit die Erbärmlichkeit dieses Zustands heraus, aber noch schlimmer ist es bei Tag. Da ist das Hotel nur ein oranger Klotz an einer lauten Ausfallstrasse in einem schlechten Viertel der Stadt.

Und ein zweifelhaftes Denkmal einer Fehleinschätzung in einer Provinz, die den propagierten Lifestyle weder braucht noch will.

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0,5-Generationen-Konflikt

Bei der Frage in grösserer Runde, was Tempo für uns bedeutet hat, und wer der bekannteren Autoren wie einzuschätzen ist, fiel ein Zitat, bei dem auch Verehrer der 100 Zeilen Hass grinsen müssen: Biller sei der Nils Ruf der 80er Jahre.

Eine Beleidigung? Durchaus. Für wen? Schwer zu sagen, wahrscheinlich für beide.

Billers weiteren Lebensweg berücksichtigt, stellen sich für Ruf spannende Fragen. Wie sieht ein verbotener Liebesroman von Ruf aus? Welche Randgruppe stellt er in das Zentrum seiner Arbeiten? Und womit soll sich dieser Wicht quälen, ausser seinem läppischen, verkorxten Ego?

Vielleicht ist der Vergleich vor allem eine Beleidigung für die Zeit, in der die WIRs des Herrn Illies existieren.

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Donnerstag, 18. Dezember 2003

Real Life, 18.Dezember 2003 -Abgeholt

Zwei Bücher kamen schnell, eines brauchte länger: Matias Faldbakken, The Cocka Hola Company. Eines der Bücher, deren Cover es nie in die Auslagen der Buchgeschäfte schaffen wird, obwohl das Werk der Berliner Designerin Crish Klose erstklassig ist. Aber ein Bild von einem Mann und zwei Frauen beim Sex ist nicht das, was der typische Buchhändler gern ins Regal stellt.

Der Autor ist ein netter Revoluzzer, der viel lacht und in seiner Heimat unter Pseudonym schreibt. Es gibt auch sonst einige Parallelen zwischen unseren Büchern, die Motivation der Helden, ihr Standpunkt zur Konsensgesellschaft. Es gibt aber auch Unterschiede, die dazu führten, dass ich das Buch nach kurzer Begeisterung bei der Hälfte weglegte und mich dann etwas mühsam durch den Rest arbeitete, bis es zum Ende hin nochmal richtig gut wurde. Man muss sich auf das Buch einlassen; es ist mehr Kunst als Unterhaltung, und dafür bin ich nicht der richtige Leser. Aber es gibt Menschen, die sowas mögen, auch in meinem Bekanntenkreis, und ausserdem hilft es dem kleinen, feinen Blumenbar-Verlag. Und, wie schon erwähnt, selbst ungelesen gibt es Dank Crish Klose eine gute Figur auf dem Sofa ab.



Sogar an kleine Logos, die Aufschluss über die Inhalte geben, wurde gedacht, für die Analphabeten, die es in der Zielgruppe des Verlages sicher häufig gibt.

Als ich das Buch in die Hand nehme, ist es ein Rettungsring. Um mich herum tobt die Hölle. Eine dynamische Grossmutter mit Öko-Poncho kratzt ein schreiendes Balg aus dem Kinderwagen und hält es neben mein Ohr. Auf der anderen Seite fluchen zwei Rentner über die drohenden Kürzungen ihrer Bezüge, nachdem sie für 200 Euro hässliche Segelbildbände gekauft haben.

Was ist das für ein Buch, will der Buchhändler wissen.

Ein paar Leute gründen ein Pornofilm-Unternehmen, um somit ihren Kampf gegen die Gesellschaft zu finanzieren, sage ich, und das Balg quietscht, laut wie eine Sirene dazwischen. Poncho-Oma schaut mich an, als ob ich eine Aludose in den Biomülll geschmissen hätte.

Fängt mit einer Cumshot-Szene an, danach gibt´s Drogen, und es endet, wo sowas immer endet. In einer Talkshow für die Spiessergesellschaft. Und während ich das noch sage, geht das Balg ab wie ein Thailand-Tourist auf einer Familienpackung Viagra, das Geschrei wird unerträglich, Oma klatscht das Ding zurück in den Kinderwagen, und bleibt bei der Flucht auch noch an der Türe hängen.

QUÄH! QUÄHHHHHHH! QUÄÄ TÜRENRUMMS! äääähhhhhh.....

Der Buchhändler war früher mal Linksradikaler. Deshalb grinst er nur. Ich auch. Aber ist ist schon schlimm, die Monster zu sehen, die da in meinen Lebensraum eindringen. Was wollen solche Leute überhaupt in Buchhandlungen.

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Mittwoch, 17. Dezember 2003

Real Life -17.12.2003

Es hat schon was, sich den schicken Krempel das Jahres 2000 zu kaufen. Das Zeug, das genau für die Zielgruppe der young urban professionals gemacht wurde. Diese Teile haben eine Geschichte, sie sind wie die abgeschnittenen Zungen nach einer Schlacht im alten Ägypten. Im jetzigen Fall ist es eine damalige Semipro-Kamera von jemandem, der sich (wieder) was besseres leisten kann. Glück gehabt, er und ich.

Diese Kamera, eine Fujifilm MX-2900, war genau das gadget, das auf den Events des Jahres 2000 gern benutzt wurde. Von Leuten, die zeigen wollten, dass sie sich sowas leisten können. Mit einem matt schimmernden Magnesiumgehäuse, passend zum Toshiba Portege. So gesehen beim Chef einer Internet-Agentur in München Schwabing, der ein paar Monate später eine Bekannte rausmobte. Aber auf dem Event des Munich Networks, da habe ich mit seiner Kamera ein Bild von den beiden gemacht. Sie sahen auf dem hochauflösenden Display sehr glücklich aus.

Solche Bilder von Worker und Boss mit Drink waren schick, damals.

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Blogbarer Pilot betet zur ewigen Nacht über dem Netz

90 Hinter dieser ewigen Nacht geht es weiter,
89 und an der Grenze zwischen unserer Nacht
88 und ihrem Tag, da sitzen sie, die alten Oligarchien
87 der Desinformation, der geheuchelten Objektivität.
86 In der Lichterstadt des zerstörten Goldenen Zeitalters
85 Mahagonny genannt, auch die Netzestadt gerufen,
84 setzen sie ihre Themen auf den Strich für Geld und Einfluss
83 und nennen das Pressefreiheit und gesellschaftlichen Auftrag.



82 Dieser Auftrag ist für mich so scheissegal wie ihre Freiheit,
81 denn meine Freiheit ist hier im Flug über der Blogosphäre.
80 Meine Freiheit ist das Nitroglycerin, das die Motoren schreien lässt
79 und mich in das Nichts hämmert.
78 Meine Freiheit ist das Phosphor, das ich geladen habe,
77 um es Euch Meinungsmachern in die Fressen zu schütten.

76 Vielleicht haltet Ihr das für Blogschrott oder medialen Slum,
75 was hier draussen entsteht und manchmal bei Euch auftaucht,
74 wenn Ihr faulen Säcke googelt statt recherchiert.
73 So richtig könnt Ihr damit ja nichts anfangen, denn es ist zu kurz.
72 Das alles ist Meinung und unausgewogen, hart formuliert
71 und von Leuten, die kein Geld dafür bekommen und auch nicht
70 zu Events an die Buffets eingeladen werden,
69 um sich die Meinung der Veranstalter zu bilden.

68 Es sind nicht wirklich Medien, was hier entsteht.
67 Zumindest nicht Medien, wie ihr sie kennt.
66 Da braut sich was zusammen, aber es viel zu schwammig,
65 unfassbar und unpräzise. Nebulös. Komisch.
64 Sagt Ihr und geht weiter, ohne nachzudenken.
63 Inzwischen wächst dieses Paralleluniversum aus Information,
62 kopierten, veränderten und neu erschaffenen Datensätzen.
61 Allein dass wir existieren und wachsen
60 ist der entscheidende Anschlag auf Euch.
59 Wir müssen noch nicht mal planen, Euch zu töten.
58 Es passiert einfach. Wir sind nicht Schuld daran.
57 Aber es gibt ein Opfer. Euch.

56 Wir wollen Euch nicht verändern,
55 denn das ist nicht möglich.
54 Ihr seid ein Auslaufsmodell,
53 eine vollkommerzgekotzte Seite
52 irgendwo im hinteren Eck unseres Internets
51 die stinkenden Essensreste der normalen Medien.
50 Beim Gieren nach möglichst breiter Zielgruppe
49 und Profit werden Eure Kiefer brechen.
48 Ihr werdet an Euren eigenen Kosten verrecken
47 und die paar Überlebenden erdrücken wir
46 durch unsere schiere Masse.

45 Was wir von Euch brauchen, nehmen wir uns, ohne zu fragen.
44 Wenn Ihr es uns nicht geben wollt, klauen wir es.
43 Wenn Ihr winselt, lachen wir Euch aus.
42 Wenn Ihr Eure Drecksanwälte losschickt
41 tauchen wir ab und merken es uns
40 und machen Euch bei jeder Gelegenheit zu der Sau, die Ihr seid.
39 Wir haben schon die Musikindustrie fertiggemacht,
38 mit Euch werden wir allemal fertig.

37 Wir nehmen Euren Kommerzschrott und resampeln ihn,
36 wie es uns gefällt, und nicht Euren Werbekunden.
35 Wir legen den 140er-Beat drunter, den wir brauchen
34 um damit durch das Netz zu knallen.
33 Wir zertrümmern die Botschaften, clonen den Rest
32 und hetzen Euch die Inhaltskreaturen an die Gurgel.
31 Euer Informationsmonopol gibt es hier draussen nicht mehr
30 und wir arbeiten daran, es Euch überall wegzunehmen.
29 Wie das gehen soll, wissen wir nicht,
28 denn wir sind ja keine Alleswisser,
27 aber Ihr seid so fertig, dass wir das sicher schaffen werden.

26 Wir machen uns genau dort breit,
25 wohin Ihr es in Eurer Begrenztheit nie schaffen werdet.
24 Wir reden über den Alltag, das pralle Leben,
23 unser Leben, also das einzige, das wichtig ist,
22 und nicht das Siechtum Eurer relevanten Lieblinge.
21 Wir reden über Sex, unseren Sex, den Sex mit uns
20 alles was ihr nicht habt, und hey,
19 wir würden Euch in Arsch ficken,
18 wenn Euer Arsch nicht so verdammt scheusslich wäre.
17 Jeder Click bei uns ist einer weniger bei Euch.
16 Jeder Click bei uns ist ein Tritt in Eure Fresse
15 Jeder Click bei uns ist ein Problem für den ökonomischen Prozess
14 Jeder Click bei uns ist ein Beweis für Eure Unglaubwürdigkeit
13 Jeder Click bei uns ist ein guter Grund für Euch,
12 Euch aus dem Netz zu verpissen und zu krepieren.

11 Ihr findet das menschenverachtend?
10 Gegen den Geist des Grundgesetzes, das Euch privilegiert?
9 Ach kommt, wer wird denn heulen,
8 zu den paar guten Journalisten sind wir doch nett.
7 Aber Ihr Abschreiber und Incentive-Lutscher,
6 Ihr Hirnficker aus dem Föieton und social interest specialists,
5 Ihr Karrieristen bei den Meinungsbildern
4 und Politikerwurmanhänge der Öffentlich-Geschlossenen Anstalten,
3 Ihr seid genau auf 12 Uhr vor uns, und ihr ahnt nichts in Mahagonny.
2 Ihr habt noch immer nicht begriffen,
1 was da aus dem Nichts des Netzes kommt.

0 Ihr werdet es erst verstehen, wenn wir über Euch sind und die Bomben

-01 einschlagen.

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Dienstag, 16. Dezember 2003

4 Fenster

1999 spuckte der Münchner Business Plan Wettbewerb nur Sieger in die Lofts und Büros der Stadt. Manche hatten gleich den Weltmarkt im Visier, andere setzten auf langsames Wachstum. Will sagen: Marktfüherschaft in Deutschland in etwa 6 Monaten, oder wenn es schlecht läuft, in einem Jahr. Wer mit so reduzierten Ansprüchen begann, bekam nur Business Angels. Und musste sich für die ersten Wochen mit einem Gemeinschaftsbüro begnügen, zusammen mit anderen führenden Startups.



Dafür war es im Zentrum, nahe der Uni, gut erreichbar, und man konnte die Server teilen, die im Gang in einem Glaskasten vor sich hinsummten. Es gab eine Gemeinschaftsküche, und den Besprechungsraum konnte man sich auch teilen. Spart Kosten beim Weg in die Marktführerschaft. Und ist ja nur für die ersten Wochen, sagten sie sich.

Nach einem halben Jahr wurden an die Tür doch ordentliche, bunte Schilder geschraubt, mit witzigen Corporate ID´s, und dem alles verheissenden Kürzel AG. Es lief nicht ganz so gut, die Räume reichten gerade noch, und jetzt umziehen hätte nur gestört, beim Aufstieg zum Erfolg. War aber auch nicht schlimm, dass es noch etwas dauerte. Der IPO-Kanal war gerade zu, also konnte man in Ruhe erst mal das Geschäftsmodell modifizieren.

In Richtung B2B, zum Beispiel. Gut, dass man sich dabei mit den anderen bereden konnten, die auch über neuen Strategien nachdachten. Wie sie dem Typen helfen konnten, der sein Startup vor die Wand setzte, wussten sie aber auch nicht. Immerhin war dadurch mehr Platz, den sie laut aktualisiertem Businessplan gebraucht hätten.

Heute wären die Überlebenden froh, wenn sie einen Untermieter finden würden. Damit hinter diesen 4 Fenstern voller falscher Erwartungen wieder etwas Leben einkehrt. Gerne auch so was Solides wie ein Office Outsourcer.

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Kompressor.

Der letzte Check. Alles läuft rund. Wir sind im grünen Bereich. Eigentlich schon viel zu lang. Seit Monaten. Es wird Zeit, alles aus der Mühle rauszuholen, die Motor ans Limit zu peitschen. Der Druck muss steigen. Also schalten wir die Kompressoren zu.

Ein letzter Blick auf den Lufteinlass. Er ist frei, ausgeblasen vom Sturm der Bloggosphäre, der gegen uns anpeitscht. Er will Luft fressen, in die Rotationskammern pressen, wo die Walzen die Brühe für den Feuersturm in den Zylindern zusammenpressen. Er kriegt die Luft. Jetzt.



Für einen Moment sägt sich das Sirren des Kompressers durch den Lärm des Motors. Unvermittelt rattern die Ventile los. Die sechszehn Zylinder schreien unter dem Druck auf wie ein wütendes Höllentier, das seine Kette zerrissen hat. Die Gewalt könnte die Maschine zertrümmern, aber nach ein paar Sekunden setzt der Schub ein, und knallt uns in die ewige Nacht über dem Netz. Alle Insrumente springen auf Rot. Der Motor spuckt schwarzroten Qualm und Flammen aus.

Wir sind schnell. Wir sind ab jetzt verdammt laut. Sie werden uns bald hören. Falls nicht, werden wir bald die Sirenen einschalten.

Sie sollen wissen, was da kommt.

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Montag, 15. Dezember 2003

Real Life - 15. Dezember 2003: Bestellt

Rassistisch? Deutschtümelnd? Auf billige Poser hereinfallend? So what! Ich schenke nur, was Originalsprache, jung und unverschämt ist. Am besten Debutanten, die nicht so viel Glück hatten. Die freuen sich wirklich, wenn jemand ihre Bücher will, noch dazu hier in der Pampa, wo sie es noch schwerer haben als in Berlin Mitte oder FFM City. Ausserdem eines weniger, das nächstes Jahr eingestampft wird.

Obwohl mein Lieblingsbuchhändler auch ein Herz für alles Neue hat, ist nur ein Buch vorrätig. Die anderen muss er bestellen. Er hat noch nie was von denen gehört. Echt nicht. Wie hiess die nochmal? Boehning? Moment...

Ich schaue mich bei den Neuerscheinungen um. Was Popliteratur angeht, ist fast nichts da. Kaminer ist weder Pop noch Literatur, Lebert und Illies gammeln hier schon seit Wochen auf Stapeln vor sich hin und werden noch vor Neujahr remittiert. Oswalds Im Himmel ist schon auf dem Weg zur Hölle. Hier gibt es nur noch einen missglückten Klagenfurth-Winsler und die Schirrmachers Nepoten mit "Hier spricht Berlin".

Verkaufen sich aber auch nicht. Komisch, die Bestellungen, meint der Buchhändler. Da hat ihm kein Vertreter was von erzählt. Von keinem dieser Bücher. Und die taugen was?

Ja. Schon, eigentlich. Kein Evelyn Waugh, kein Pitigrilli, aber auf jeden Fall lesenswert.

Das mit der jungen deutschen Literatur ist einfach nichts mehr, sagt er. Egal was kommt, es kommt nicht mehr bei den Leuten an. Dabei hatte man so viel Hoffnung wegen der DDR-Welle, das sollten die ganz grossen Bringer werden, goldener Bücherherbst, und so. Der Nachwuchs wird nicht verheizt, der wird einfach nicht mal mehr erwähnt. Statt dessen lauter Zeug, das in meiner Jugend schon uralt war.

Ja. Wie war´s denn mit der Lesung von Alexa?

Schlimm. Einfach nur schlimm. Kaum Leute. Du magst sie nicht, oder?

Ich mag niemanden, der in Büchern von Buschheuer über das Heiraten schreibt. Ich hasse diese marktfixierten Schreibsklaven. Ich kann es mir leisten, sie zu hassen.

Was machst Du eigentlich nächste Saison?

Wieder etwas, für das es keinen Markt gibt, sagen die Vertreter. Das heisst, sie sagen es nicht, aber sie denken es. Weil sie es nicht kennen, und keinen Glauben mehr haben. Wir müssen es eben knallig vermarkten, dann wird das schon. Popliteratenschicksal. Eigentlich sollte man den Begriff Popliterat jetzt wieder besetzen, nachdem alle anderen plötzlich züchtig und anständig geworden sind, oder?

Willst Du ein Popliterat sein?

Hey, es gibt echt Schlimmeres. Bachmannpreis-Teilnehmer zum Beispiel ist echt scheisse. Oder Goethe-Instituts-Lesungshalter. Oder Nachwichsförderausgepreister. Popliterat ist besser. Den Begriff wie ein Flugzeug kapern, die letzten Schluffis über Bord kippen, und die Mühle mit neuem Personal wieder in die Luft bringen. Bouncing Betty an das Cockpit malen, so ein Pinup-Girl. Das Föieton damit niederbomben. Es diesen Hirnfick-Strichbubis nochmal zeigen. Rawums reloaded.

Morgen früh ist es da, sagt der Buchhändler und schiebt mir ein Exemplar meines Machwerks zum Signieren hin.

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Fortschritt

Im gesellschaftlichen Kampf haben die Kräfte , die die fortschrittliche Klasse repräsentieren, manchmal Mißerfolg, und zwar nicht etwa, weil ihre Ideen unrichtig wären, sondern weil sie, wenn man die im Kampf stehenden Kräfte miteinander vergleicht, zeitweilig noch nicht so stark sind, wie die reaktionären Kräfte; daher erleiden die vorläufig Niederlagen, doch werden sie früher oder später siegen.
Mao tse Tung, Fünf philosophische Monographien, 1976

Bayern wird als Chancen- und Pionierland aus der gegenwärtigen bundesweiten wirtschaftlichen Schwächephase gestärkt hervorgehen.
Otto Wiesheu, Zukunft der New Economy hat erst begonnen, 2003

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