: : : denn sie wissen nicht was sie tun sollen : : :

Sonntag, 14. Dezember 2003

Makassar

Guten Tag, kann ich Ihnen helfen?

Guten Tag, Wahnsinn. Sie sind ja rappelvoll.

Ja, wir haben gerade eine neue Lieferung bekommen. Erstklassige Ware. Der Verkäufer ist offensichtlich stolz auf sein vollgestopftes 2nd-Hand-Möbel-Geschäft.

Das war mal ein Startup, oder?

Stimmt. Das hier ist die letzte Fuhre eines schicken Online-Marketeers, von dem er dreimal die gesamte Einrichtung bekam. Früher, Ende der 90er Jahre war einfach zu viel Geld im Markt. Wenn die Firmen expandierten und neue Räume bezogen, liessen sie ihn die alten Möbel abholen und richteten sich neu ein.

Dieses Interieur wurde angeschafft, bevor sie sich auf den Börsengang vorbereiteten. Und es sind wirklich schöne Möbel. Ein grosser Teil ist kaum benutzt worden, denn nach den ersten Verzögerungen verschlankten sie sich. Ein Berater-Team sagte damals zu ihnen, man könnte das sicher auch mit zwei Drittel der Leute machen. So seien es zu viele, keine Chance auf eine ordentliche Rendite. Sie sassen an einem mandelförmigen Konferenztisch aus Makassar, genau wie der, der vorne im Schaufenster kaum Platz hat.

Man entliess die Leute und behielt die Möbel. Es spielte keine Rolle, ob die Möbel rumstanden, denn die Räume waren auf drei Jahre gemietet, mitsamt einer nicht gerade billigen Option auf ein weiteres Stockwerk. Es war genügend Platz, um die Möbel in den leeren Zimmern stehen zu lassen. Die Zeit, sich mit der Untervermietung zu beschäftigen, hatten sie nicht. Denn von da an ging alles rasend schnell, und obwohl es über zwei Jahre dauerte, hatten sie nie Zeit zum Nachdenken.

Jetzt haben sie Zeit. Die Abwicklung machen andere. Die Möbel verstopfen das Geschäft, und das Lager ist brechend voll.

Wissen Sie, sagt der Verkäufer, früher mussten es jedes Jahr neue Möbel sein, allein schon wegen der Abschreibung. Heute gehen sie zum 3. Quartal pleite, und ich bekomme die Möbel immer noch pünktlich vom Insolvenzverwalter. Naja. Gefallen Sie Ihnen?

Nein, wehre ich mich gegen die sales attack, nein, sorry. Ich habe nur diesen Makassartisch da vorne gesehen, und dachte, ich kenn den irgendwoher.

Sie verstehen was davon. Eine exklusive Einzelanfertigung.

Makassar, Mies van der Rohes Lieblingsholz. Ein Stück Goldenes Zeitalter für Entrepreneure. Und Berater, die früher Kulturhistoriker waren. Auf Wiedersehen.

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Achtung!

Wegen heftiger Heiseverlinkung kann es heute beim Laden der Seite manchmal etwas dauern. Üben Sie sich in Geduld. Rebellieren bringt nichts. Dafür gibt es hier keinen Markt - und in der Bloggosphäre hört Sie niemand schreien. :-)

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Samstag, 13. Dezember 2003

Damals, in den besten Zeiten

Damals gab es einen Chipkonzern, der ein paar Probleme hatte. Damals, in den besten Zeiten, wollte man wissen, was in der Unternehmenskommunikation falsch läuft. Damals fragte man jemanden an, der sich das mal anschauen sollte. Der jemand war nicht billig, aber gut.

Der jemand begann mit seiner Recherche auf den Seiten diverser Jobbörsen. Der Chiphersteller hatte 3 HR-Abteilungen. Alle drei verwendeten ein unterschiedliches Layout mit entsprechend unterschiedlichen Logos. Ein ganz altes, ein weiteres aus Zeiten des Börsengangs, ein aktuelles.

Das war schon mal schlecht.

Der jemand suchte ein Stellenangebot heraus, der genau auf ihn zugeschnitten war, und bewarb sich online. Sein Auftraggeber sagte ihm, das sei die perfekte Bewerbung für den Posten. Der jemand hörte 6 Wochen nichts und bekam dann eine Absage. Er sei nicht geeignet. Das Schreiben kam von einer anderen HR-Abteilung als der, die die Stelle ausgeschrieben hatte. Noch ein paar Wochen später kam noch ein Brief, diesmal von der dritten HR. Man wolle seine Daten speichern und ihn zu einem exclusiven Recruiting Event einladen. Die Stelle, um die es ging, was damals noch immer nicht besetzt - angeblich gab es keine Bewerber.

Der jemand schrieb einen Bericht und machte Vorschläge. Der Chiphersteller fand das spannend und wollte die Vorschläge umsetzen. Man bedankte sich. Allerdings waren Monate später noch immer die falschen Layouts online. Bekannte des jemand, die als Highpotentials händeringend gesucht wurden, erhielten noch nicht mal Absagen auf ihre Bewerbungen. Und der Mann, der damals etwas verändern wollte, war abgeschoben worden.

Vielleicht sind die Deutschen wirklich faul und technologiefeindlich, wie der Chef des Münchner Chipherstellers Infineon heute im Münchner Merkur sagt. Er selbst ist ja sehr umtriebig; seine Rennergebnisse wurden sogar als Teil der Unternehmensphilosophie im Konzern bekannt gemacht. Da kann nicht jeder mithalten. Kein Wunder, wenn so jemand die Reaktion fordert, zurück zu den Entbehrungen der 50er Jahre. Auch damals gab es schon Leute, die Porsche hatten.

Ob das etwas an der Inkompetenz und Intriganz der leitenden Mitarbeiter von Chipherstellern ändern würde, die Millliarden Verluste verursachen, ist eine andere Frage.

Die Herrn Schuhmacher niemand stellt.

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Real Life - November 2003

Niemand ist besser geeignet als Sie, das Thema zu vertiefen, stand in der Mail der Fernsehstation. Liquide und Dotcomtod bei einer Sendung zum Tod im Internet. Das Format ist auf Internet spezialisiert. Warum nicht.

Alles soweit normal. Eine Praktikantin holt mich ab und kümmert sich um mich. Wir reden über die Krise am Medienstandort, ich erzähle, wer ich bin. Wie das damals war, 2000, als die Nacht über dem Netz voller brennender Maschinen war, und wie ich durchgekommen bin. Warum es die anderen erwischt hat und nicht mich. Sie ist zu jung, um den Irrsinn damals miterlebt zu haben. Sie sagt nicht, dass er ihr noch bevorsteht.

Danach Maske, bei der Produktion zuschauen. Dann der Auftritt. Es ist nichts vorher abgesprochen, aber es läuft gut. Der Moderator ist kein Quatschkopf, sondern setzt auch leicht kritische Fragen gegen mich. Es gibt fast so etwas wie eine Diskussion. Ich bin ziemlich zynisch, mache sarkastische Witze über die Leichen des Hypes, und bringe den schwarzen Humor rein. Gefeixe hinter den Kameras.

Nach einer halben Stunde ist alles im Kasten. Ich habe das letzte Wort, nochmal ein Lacher. Dann die Abmod des Moderators, vielen Dank fürs Zuschauen, wer will, im Internet bleibt das Archiv der Sendung, aber das Format wird im Fernsehen eingestellt. Tod nicht nur im Internet.

Sie müssen sparen. Das Format, vor ein paar Jahren mit grossem Bohei on Air gebracht, hat die Unterstützer verloren. Passt nicht mehr in die Zeit, lohnt sich nicht mehr, ist ja nur Internet, und von New Economy will man nichts mehr hören. Mitttelstandsförderung wäre dagegen ein klasse Thema, lassen die Gremien durchsickern, und der Sender vollstreckt. Erfahre ich danach. Es ist auch nicht lange her, als sie es selbst erfahren haben. Sowas geht schnell.

Es gibt nicht viel zu sagen. Es ist das übliche Spiel, es sind die immer gleichen persönlichen Folgen, eine weitere banale Geschichte vom Scheitern an den Gegebenheiten des Marktes und an den feigen Schweinen, die es entscheiden und deshalb nicht ausbaden müssen.

Die Praktikantin bringt mich zur Pforte. Ich schenke ihr zum Abschied mein Buch. Sie hat bald genug Zeit, es zu lesen. Draussen, in der Tiefebene, ist es neblig.

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Highspeed Vergänglichkeit

Die Hausverwaltungen sind zu langsam. Als in diesem Gebäude in der Theresienstrasse ein Incubator einzog, gab es keine Möglichkeit, ein Schild anzubringen. Die Leitung zögerte nicht lange und druckte einen Zettel mit einem orangen @ und dem Firmennamen aus. Der wurde in eine Klarsichthülle gesteckt an die Tür geklebt. Über die Glasfläche mit den Namen seltsamer Verbände; Relikte einer vergangenen Epoche. Es war das Jahr 2000.

In diesem Sommer knirschten die Märkte. VCs liefen aufgeregt glücklich durch die Büros und freuten sich, dass Startup-Beteiligungen jetzt wieder billig zu haben waren. Die beginnende Krise heizte den Gründerhype nochmal an. Jeder Exit in Richtung Insolvenz machte ein Stück Markt frei. Incubatoren, wie der in diesem Haus, jagten die Firmen in wenigen Monaten zur Marktreife. Für Schilder hatten sie einfach keine Zeit, zwischen Notartermin und Pizza spät Nachts.



Es war also nur ein einziger Handgriff nötig, um Anfang 2001 das Schild wieder abzunehmen. Die Fensterreinigung, die langsam, aber zuverlässlich ist, besorgte den Rest. Der Incubator war, wie fast alle anderen auch, vom nicht existierenden Markt gefegt worden. Die Verbände und die Hausverwaltung haben jetzt wieder Ruhe in ihrem Gebäude.

Und der Pizzaabend, der auf einem der anderen aufgeklebten Schilder angekündigt wird, hat nichts mit mehr New Economy zu tun.

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Roll out. So fühlt es sich an.

Niemand sieht uns kommen. Dabei sollten sie es ahnen. Der Typ am Steuer hat schon einmal so einen Angriff geflogen. Danach gab es für die anderen keinen Markt mehr, nur noch eine ausgeglühte Hölle, und niemand interessierte sich für die Nachfolger. Nicht der erste gewinnt, nicht der grösste, sondern der, der alle anderen aus der Atmosphäre putzt. Das ist die Regel des Spiels, das wir ab sofort wieder spielen. Denn seit 18.00 Uhr gibt es kein Zurück mehr.



Bald werden wir auf ihrem Radar sein. Wir sind etwas, das diese Welt noch nicht gesehen hat, und wir hatten Monate für die Planung dieses Einsatzes. Sie werden trotzdem ihre Jäger in einem ungleichen Kampf schicken. Sie werden uns den ganzen Weg verfolgen, aber wir sind schneller. Wir kennen ihre Taktik, ihre technischen Möglichkeiten, und wir wissen, wie unendlich langsam sie im Vergleich zu uns sind. Wir haben sie schon mal abgeschossen. Wir werden es wieder tun.

Aber noch durchschneiden wir ungehindert die Atmosphäre der ewigen Nacht des Netzes. An den Spitzen der Propeller glüht die Luft schon jetzt neongelb wie Phosphor. Wir sind noch nicht mal auf halber Angriffsgeschwindigkeit. Noch sind die gewaltigen Kompressoren abgeschaltet. Aber bald werden sich die Walzen drehen, und dann brüllen die Zylinder unter vollem Druck. Statt Kerosin haben wir Nitroglycerin im Tank.

Es ist wieder da, das Startup-Feeling, wenn sich das Leben zum schmalen Abgrund verengt, und die Zeit wird wie Papier verknittern, bis sie sich dann letztlich in flüssig wird. Die Luft wird brennen, wenn wir vorbeifliegen.

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Freitag, 12. Dezember 2003

Eybel

Irgendwann ist Schluss mit den Gebräuchen. Kein Kindergeburtstag mehr, keine Ostereier, kein Nikolaus. Zumindest war das noch vor ein paar Jahren so. Niemand hatte Zeit, den 6. Dezember mit den Eltern zu verbringen. Das hat sich geändert.

Eybel hat wieder Hochkonjunktur. Zumindest bei Julias Eltern. Sie kamen auf dem Rückweg vom Tegernsee vorbei und brachten ihr eine Tüte gemischtes Durcheinander mit. Von allem etwas, Nougat, Meeresfrüchte, Marzipan, weisse Schokolade, weil sie sich nicht sicher waren, was Julia nach all den Jahren mag.

Julia rührt nichts davon nicht an. Die Tüte mit der grünen Schleife stand eine Weile hinten auf dem Küchentisch und wartete darauf, dass sie wieder von ihrem Schlankheitswahn runterkommt. Sie wiegt 56 Kilo bei 1,75 Meter. Zu viel, als dass sie das Zeug von Eybel anfassen würde.

Am Montag kommen ihre Eltern wieder. Es geht um die Wohnung. Seitdem Julia keine Arbeit mehr hat, wird es mit der Miete eng. Ihr Vater hat inzwischen mit dem Vermieter über den Kauf der Wohnung gesprochen, und hat einen guten Preis erzielt. Er will, dass sie sicher leben kann. Am Montag ist der Notartermin, und dann ist sie eine Sorge los. Ihre Eltern würden auch für alles andere aufkommen, aber das ist keine Lösung. Die Arbeitslosenhilfe läuft aus, sie braucht dringend irgendeinen Job, und nächste Woche sind wieder zwei Vorstellungsgespräche. Sie darf nicht fett werden. Aber wenn die Eybel Pralinen immer noch da sind, werden ihre Eltern beleidigt sein.

Seit gestern verfüttert Julia die Pralinen deshalb an ihre Bekannten. Es tut ihrer Laune nicht gut. Der Sack hat 50 Euro oder mehr gekostet. Das Geld hätte sie dringend anderweitig bräuchte. Aber ihre Eltern, die gerne ins Oberland und an die Seen fahren, hätten nur wenig Verständnis für neue Straussenlederstiefel. In Cremebraun. Ihre Mutter hat einen Ökofimmel, der sich gegen Straussenleder sträubt und echte Schokolade befürwortet. Auch wenn letztlich damit Bekannte ihrer Tochter gestopft werden.

Die Schokolade auf den Mandelplätzchen ist nur ein dünner, fast geschmacksneutraler Film, mit zarten, rautenförmigen Linien auf der Rückseite. Nur sehr gute Schokolade kann so fein geformt werden.

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Real Life - Oktober 2002

Wieviele Unternehmen haben Sie wirklich in den Abgrund geschrieben, fragte mich der ältere Herr.

Kann ich schlecht sagen. Eine Information führt nicht zur Insolvenz, das verfehlte Geschäftsmodell tut es. Manchmal streichen die Banken dann eher die Kreditlinien. Wenn es Konzerntöchter sind, wird schneller durchgegriffen. Wenn´s hochkommt: Als Don Alphonso von Dotcomtod vielleicht 5, 6 Firmen in der Munich Area.

Nicht mehr?

Nein. Jeder McK-Senior richtet mehr Schaden an als ich. Wenn man das als Schaden sehen will.

Wissen Sie, sagte der ältere Herr und winkte der Kellnerin, eigentlich haben Sie Recht mit dem, was Sie schreiben. Diese Welt, die wir beide erlebt haben, wird es in ein paar Monaten endgültig nicht mehr geben. Für Sie wirkt das wie das Ende einer Ära. Ich habe die Rezession Anfang der 80er miterlebt, den 87er Crash, und das waren echte Einschnitte. Dagegen ist das heutige Scheitern der New Economy eine Lappalie. Diese Generation nicht geht vor die Hunde, sie wird nur etwas zurückgestutzt. Sie dachten, sie müssten nicht mehr aufbauen, wie ich das in den 70ern noch machen musste. Sie wollten abräumen. Und das ist es, was der Markt letztlich nicht mitgemacht hat.

Ihr Businessplan legte das Abräumen zugrunde. Irgendwann standen sie dann vor mir als grossem Konzern und haben es versucht. Sie wollten gleich, sofort nach oben. Aber seit ein paar Monaten sind die Märkte wieder sauber. Man macht wieder reale Geschäfte. Niemand versucht, mich heute noch über den Tisch zu ziehen. Diese jungen Leute haben vielleicht etwas über den Markt gelernt, bei Ihnen und bei mir. Vielleicht merken sie es sich.

Ich grinste. Er grinste zurück. Dann kam die Studentin, die in diesem restlos überteuerten Cafe kellnerte. Er gab ihr ein sehr galantes Trinkgeld.

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Donnerstag, 11. Dezember 2003

Lernfähig

Es ist ja nicht so, dass etwas unsexy wird, nur weil daran viele zugrunde gegangen sind. Heroin, Zigaretten, Alkohol, New Economy. All das hat seinen cool-morbiden Reiz.

Studenten machen Powerpoint-Präsis und sind beleidigt, wenn sich das Institut keinen Beamer leisten kann. Das Executive Summary findet seinen Weg auch in mündliche Antworten. Niemand fragt nach, wenn jemand Return on Investment fallen lässt. Sie demonstrieren nicht gegen Studiengebühren, sondern dagegen, etwas zahlen zu müssen und keinen adäquaten Kundennutzen zu erhalten. Die Cost of Ownership verschlechtert sich dadurch.

Nun kann man sagen, gut, privilegierte Perlenkettchenhalterungen und Laptoplegaztenika waren schon immer so. Die 68er sind längst vorbei, die letzten aufrechten Mohikaner hängen als Punks irgendwo auf dem Bahnhof rum und machen Leute an. Stimmt. In gewisser Weise. Oder auch nicht.

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BOOOOOM

Wachstum und Aufbau neuer Geschäfte sind die großen Herausforderungen aller Unternehmen. Einige besonders erfolgreiche Unternehmen zeigen, wie sie reüssieren, indem sie die Spielregeln neu definieren. Dadurch erzielen sie enorme Wachstumsraten und bringen einzelne Märkte quasi zum Explodieren.
Rainer Lindenau/Thomas Helbig, Klappentext zu "Exploding Markets", Dr. Th. Gabler Verlag, 2000

Wenn verschiedene Entwicklungsstufen der materiellen Produktion Widersprüche erzeugen, wenn überalterte Produktionsverhältnisse in ein unangemessenes Verhältnis zu den Produktivkräften, wenn private Interessen in Gegensatz zu Bedürfnissen und Interessen der Allgemeinheit geraten, dann geschieht es, dass solche Widersprüche auch im Bereich der Organisationsform der gesellschaftlichen Verhältnisse, der Rechtsform aufbrechen.
Götz von Olenhusen/Christa Gnirß, Handbuch der Raubdrucke 2: Theorie und Klassenkampf, 1973

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Köpfe

http://www.koepfe.de war eine prächtige Idee. Gegründet von einem Menschen, von dem man nie wusste, ob er nur genial oder schon verrückt war. Einmal hatte er Erfolg, ein zweites Mal auch.

Dann kam Köpfe. Information entscheidet. Im Kampf um die besten Köpfe auf dem deutschen Markt. Wer sich selbst dort einstellte, war flexibel und leistungsbereit. Die Mitarbeiter gingen mit gutem Beispiel vorran, trugen sich ein und begannen bald zu hoffen, dass jemand auf sie stossen würde.

Denn der Mensch dahinter verlor die Kontrolle. Kaufte den Namen einer NE-Zeitung, heuerte Leute an, und plötzlich blieben Rechnungen offen. Ganz andere, grössere hatten sich in diesem Geschäft auch schon übernommen. Es war, als hätte er es auf die Katastrophe angelegt. Selbstmord eines Nimbus. In dieser Hinsicht noch einmal erfolgreich. Nur sahen damals alle schon weg.

Köpfe ist immer noch im Netz, aber der Gesellschafter ist ein anderer. Die Köpfe sind noch da. Viele waren einfach zu faul, ihre Profile zu löschen, und zu frustriert, um sie mit den Pleiten des Downturns upzudaten. Sie sind weiterhin in voller Pracht der späten New Economy zu bestaunen. Soon 40andsomethings mit allen inzwischen verlorenen Titeln, Nobelbrillen und einsetzenden Sorgenfalten, für deren Liftung heute das Geld fehlt. Fossilien des Wirtschaftsjuras, fein konserviert und präzise detailliert.

Die grauen Asseln des Old Economy Pleistozäns, die vorher schon da waren und immer da sein werden, krabbeln achtlos an den Grabplatten vorbei zu den Pornoseiten und Focus Online.

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Mittwoch, 10. Dezember 2003

Topographie des ökonomischen Terrors



1999 verwandelte sich die Gegend um die Ludwigs-Maximilians-Universität in einen Hotspot der New Economy. Wer konnte, setzte Mieter vor die Tür und richtete Büros ein. Die ohnehin schon astronomischen Mietpreise kannten keine Grenzen mehr. Startups mit Venture Capital im Rücken zahlten jeden Preis. Und repräsentative Objekte mit altem Parkett im Piano Nobile suggerierten den Kunden, dass hier solide gearbeitet wurde. Gründerzeithäuser für Gründerzeitmenschen.

Dort oben wurde Geld gemacht, ganz im Gegensatz zu der Buchhandlung darunter. Die machten nur in Büchern. Sie hatten vielleicht ein engagiertes Programm, machten Lesungen und boten nachher Gratiswein an, ohne die Leute zum Buchkauf zu zwingen. Mit sowas kann man aber nicht die Kostensteigerungen auffangen. Und wird 2003, letztlich, vom Markt gefegt. Wie die New Eco Klitsche darüber.

Das Piano Nobile ist immer noch zu vermieten. Und wenn es nicht so teuer wäre, würde man vielleicht auch zu Wohnungen rückbauen. Immerhin ist unten jetzt wieder eine Buchhandlung eingezogen.


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Real life - September 1998

Er ist noch nicht runter vom Trip. Im Gegenteil. Vor drei Tagen hat er unterzeichnet, seitdem läuft alles mit 10facher Geschwindigkeit ab. Sein Büro ist schon fertig, aber draussen wird noch heftig an Kirschholz und gebürstetem Aluminium geschraubt.

Er streicht mit den Fingern an den Lehnen des Eames Chair entlang, als wäre dieser Stuhl die Erfüllung eines Lebenstraumes. Ist er vielleicht auch. Durch alle Zeiten definieren sich Menschen durch ihre Sitzmöbel. Er ist nur ein Glied in einer historisch grenzenlosen Kette von Stuhlfreaks. Und an seinem Stuhl kann keiner sägen. Er ist ganz oben in der flachen Hierarchie. Er ist CEO und hat 2,8 Millionen Venture Capital under Management. Nicht schlecht für jemanden, der bisher noch mit Mamas Polo fuhr.

Aber auch nichts Besonderes in diesen Zeiten. Er muss es schaffen, zu etwas Besonderem zu werden. Am besten in einem Jahr, denn dann ist der Börsengang geplant. Dazu braucht er Mitarbeiter. Schnell. Schnelle Leute, die er kennt und denen er vertraut. Leute wie mich.

Was sagst Du dazu? Dazu kommen noch die Stock Options.

Tu Dir selbst den Gefallen und such Dir jemand anderen. Ich habe keine Ahnung von der Thematik.

Mann, Don... er steht auf, geht zum Fenster und schaut hinaus ins Grüne, wo die Unit der Alphatiere ihr Meeting unter einem Baum abhält, mit Laptop und alkoholfreien Longdrinks. Don. Niemand hat Ahnung davon. We´re on the cutting edge. Da wo wir sind, ist ganz vorne. Die Ahnung kommt, wenn wir es tun. Ich habe doch selbst auch keine Ahnung. Und? Where´s the point? Der VC hat noch viel weniger Ahnung. Das spielt nicht die geringste Rolle. Es geht um den Markt da draussen. Es geht darum, ihn kennenzulernen und zu durchdringen. Ihn zu beschreiben. Und das kannst Du.

Hol Dir einen richtigen PR-Berater. OK? Der kann Dir den Markt notfalls auch erfinden, wenn es ihn nicht gibt.

Es gibt ihn. Und wenn es ihn nicht gibt, werden wir ihn nicht erfinden, sondern erschaffen. Vielleicht vergibst Du die Chance Deines Lebens.

Weisst Du, was Dein Fehler ist? Du glaubst, die Welt da draussen ist wie Du. Du siehst mich, Deine Freunde, Dein Umfeld, die ganze Strasse runter und drei Blocks rauf nur solche Menschen. Aber der Rest ist anders. Und die werden sich nicht für Deinen Businessplan verändern, auch wenn Du Dich verändert hast.

Er nimmt wieder auf dem Eames Chair Platz, verschränkt die Hände vor dem Kinn und tappt mit den Zeigefingern auf die Unterlippe. Er denkt nach. Vielleicht an die Zeit vor drei Jahren, als ich einen Typen kennenlernte, der für Pizza und Bier Rechner aufbohrte und von der Freiheit des Netzes schwärmte. Und der glaubte, dass man die Konzerne da raushalten müsste. Dieser Typ wäre nie sein Kunde geworden. Aber vor drei Jahren war er dieser Typ.

Er dachte lang nach. Nicht lang genug. Im Januar 2000 war der Laden völlig überschuldet, ohne je einen Markt entdeckt zu haben, der grösser war als die Strasse runter und drei Blocks rauf.

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Dienstag, 9. Dezember 2003

Es ist zu spät

Der Anflug hat begonnen. Die Kurve noch, und dann sind wir im Zielgebiet. Neben uns donnern die schweren Motoren und spucken papierweisse Kondensstreifen in das Nichts des Netzes.

Es ist sternenklar, und vor uns auf den Hügeln und in den Gräben scheint das Feuer kleiner Kämpfe und Massaker auf. Sie schauen nicht nach oben, im Erdkampf aller gegen alle. Wir waren wie sie, aber wir haben diesen Nachtjäger entwickelt, die Crew gefunden und uns eine neue Dimension geschaffen. Sie werden das nicht verstehen, und wenn wir über ihnen sind, blicken sie hoch und werden mit Dreck und Steinen werfen.

Doch wir sind zu schnell. Wir werden über sie hinwegbrüllen, ihr blinder, dummer Hass wird uns antreiben, hinein in das eigentliche Ziel, in die verdammte Stadt der Etablierten, wo die grellen Fassaden auf der Vernichtung harren, die bereits ihre Eingeweide verzehrt. Sie erwarten uns nicht, sie wissen noch nicht mal, dass es uns gibt, aber wenn wir kommen, werden unsere Freunde den Weg durch die Flakstellungen weisen.



Das kalte Licht der Abwehrbatterie wird uns nicht blenden. Das Belfern ihrer windigen MGs stört uns nicht. Wenn sie uns sehen, ist es schon zu spät. Wir sind zu schnell.

Bevor sie wissen, was wir sind, werden die Bomben in ihr Zentrum fallen. Und es gibt nichts, was den Brand löschen kann.

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Der Kriechgang durch die Institutionen

Früher war es schick, links zu sein. Sponti. Steine schmeissen gegen den Bullenstaat. Mit Joschkas Putztruppe die Strasse von den grünen Misthaufen säubern. Im Pflasterstrand dem Cohn-Bendit nach dem Mund schreiben, für die Weltrevolution und in der Hoffnung, auch mal so Puppen wie der Langhans auf die Ökomatte zu bekommen. Uschi Obermeier, die wär´s gewesen.

Von sowas träumte wohl der junge R. Mohr, aber leider war er etwas zu jung für die Kommune und die freie Liebe, bei der die Frauen trotz des theoretischen Feminismus die praktisch besetzten Löcher putzten. Die Revolutionäre guckten so lang Pinups in der Konkret, den Big Mezz in der Hand. Die Goldenen Zeiten ihrer Revolte eben. R. Mohr bekam nur noch den Niedergang der Bewegung mit. Als er im Pflasterstrand noch linke Parolen orgelte, waren andere schon auf dem Weg in die Realpolitik.

Joschka spricht vor der UN.
Cohn-Bendit will weiterhin im Europaparlament sitzen.
R. Mohr schreibt als Quotensponti für Spiegel Online. Beim Argon-Verlag sollte er mit seinem Buch Generation Z die Lücken schliessen, die der dem Kapitalismus systemimmanente Weggang von Florian Illies gerissen hat.

Hat nicht geklappt. R. Mohr war zu jung für Uschi, und wird auch keine Maike als Groupie bei seinen Lesungen finden. Er ist ein Auslaufsmodell, selbst, wenn er sich den fragwürdigen Methoden eines Kapitalismus bedient, der die Meinungsfreiheit nur als Asset seiner ureigensten Interessen versteht.

Er war nie das richtige Produkt für den sich stetig ändernden Markt.

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Jung und Matt

und beileibe nicht an der Isar. Das Gelände an der Schwere-Reiter-Strasse ist weit weg vom Fluss. Euphemistisch könnte man es noch als "Schwabing" bezeichnen. Letztlich ist das Areal aber nicht mehr als eine altes Gelände der Post, das zum Medienzentrum aufgehübscht wurde. In direkter Nachbarschaft ist 9live.



Das hier war früher mal die Heimat von Jung von Matt an der Isar. Mitte 2003 wurden sie mit JvM Alster "fusioniert", und zwar so, dass nichts übrig blieb. Trotz des Referenzkunden BMW. Die Krise war stärker. Vielleicht waren sie auch einfach nur zu oft im Liegestuhl davor gelegen. Sowas kommt nicht gut im Downturn.

Auf den Toren der ehemaligen Montagehalle ist ein Männchen mit Megaphon aufgemalt. Darüber steht, in Englisch natürlich: For Sale.

Es sind eben Werber. Und das Areal war als internationales Medienkluster gedacht. Für den globalen Markt.

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Dienstag, 9. Dezember 2003

Grusswort

Literarisch, nicht aber persönlich gemeint. Adult Advisory - Explicit Lyrics!

Hallo Du

überhebliches Luxusweibchensurrogat, aufgeblasener Businessplanscheiterer, anorexische Kotzbrechsuchtlerin, unabgeholter Dauerbarhocker, H&Mkaufende Bizzdeveloperbefriedigerin auf Probezeit, mit dem naturgeprallten Vorstandsunterschlagerchef im Dauerstreit, Du redakteuse Hirnfickstricherin und übersextes Karrierieplanungstool, Du afterworkgedröhnte Caipischluckerin und arbeitsloser Schleim aus dem Beraterpfuhl,

Du koksadrige Werberüsselsau mit Porschlochausgang,
Du steroidgedopte Marktforschfrau mit Fickmichaushang
Du schwanzverkürzte Versacefummeltrine
und dauermobbende Sekretariatsvitrine,

All Ihr Popkultursacklutscher,
Tripper-A-TopBranding-Eiterschlucker
und Namedroppingsaftabwichser
Ihr vollentzogenen VentureCapitalfixer,

Kreativschreibseminar-oder-so-Erzähler,
Literaturbordellier und Debutantenquäler,
InstitutsliteratHuren, Ihr promovertierten,
und drinsteckende Fäuilleklagenfurztonierten

Zukunftshoffer, Jetztversager,
Ihr rektionäres Luxuslumpenlager,
Flohrian, AKlecksa, Gähnjamin, aNedde,
Grunzer an der Popverwertungskette,

Keiner braucht Euch, niemand will Euch noch sehen.
Zum Besten der Gesellschaft mögt ihr zur Hölle gehen.
Ihr bekifften Loser, Ihr habt alle versagt.

Willkommen bei Rebellen ohne Markt.

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Krähenlogic

Die Verzweiflung ist mit Händen greifbar. Seit einem Jahr macht ihr Agent rum, verspricht viel und erreicht nichts. Dabei hat sie es fast in seinem Auftrag geschrieben, weil er damals dringend junge Autorinnen brauchte. Und Geschichten über unschlüssige Frauen, die sich beim Sex als besteig- aber unfickbar erweisen.

Sie hat alle Qualifikationen: Jung, schlank, talkshowkompatibel, und nennt ein paar weniger bekannte Pop/Jungliteraten ihr Umfeld, weil sie schon mal mit ihnen im Atomic Cafe war. Um der Krise gerecht zu werden, verzichtet sie auf Starallüren und setzt manchmal mit Haarklammern einen authentischen Aspekt in ihre Personality. Sie ist bei einer Mediensache, die sich selbst gern als Kult sieht.

Nach einem Jahr der Absagen könnte sie auch damit leben, dass es als Softcover kommt. Es muss auch nicht KiWi sein. Eichborn ja eh nicht. Bei BOD ist sie noch nicht angekommen. Das ist erst der Endpunkt der Katastrophe, wenn der Agent offiziell aufgibt.

In der Zwischenzeit macht sie weiter junge Kulturberichterstattung. Gerne Randthemen, schwierige Musik, Pop, der ausgrenzt. Oder Bücher ohne Handlung. Was diesen Herbst schwer ist, weil Bücher junger Autoren selten geworden sind. Die paar Glücksraben, die es geschafft haben, erleben zweigeteilte Interviews und Gespräche.

Gestänkere, solange es um das Buch geht, denn sie weiss, dass in jeder ihrer Kurzgeschichten mehr Gehalt ist. Geschleime beim Smalltalk danach. Sie hat ja auch eines geschrieben und braucht nur noch einen Verlag, natürlich ist es schwer, aber sie weiss: Sie wird es schaffen. Sie erwartet die Bitte, doch mal reinlesen zu dürfen.

Später schickt sie eine der Geschichten, aufgeschrieben 2001. Am Abend ruft sie an und will was hören. Erinnert an Autorinnen, deren Vornamen mit A beginnen. Sie überhört den Zynismus und freut sich, mit ihren Vorbildern in einen Topf geworfen zu werden.

Immerhin. Eine Kurzgeschichte hat sie schon veröffentlicht. Autorin - Journalistin steht auf ihrer Visitenkarte.

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New revolutionary Economy

Die Wirtschaft hat sich durch die Globalisierung von den Ebenen der Politik gelöst und sich von der Nation verabschiedet.
Lothar Späth, 2000


In vergangenen Epochen machten die Revolutionäre ihre Arbeit im wesentlichen unter nationalstaatlichen Bedingungen. Wir machen unsere Arbeit heute unter weltgeschichtlichen Bedingungen, in einem ganz realen Sinne.
Rudi Dutschke, 1967

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Real life - 7. Dezember 2003

Housecooling Parties sind im Dezember abzuhalten. Was ein guter Werber ist, nutzt auch im Niedergang die Märkte optimal aus. Selbst, wenn es die Märkte nicht mehr gibt. Weihnachten, Leerräumen mit den Friends, steuerlich abgeschriebene Bildschirme an die Entlassenen verschenken, Trostfick für die Zeit zwischen dem 24. und 31.12. festlegen. Draussen auf dem Boden stehen zwei Laternen mit Kerzen, die den Rauchern in der Kälte etwas Licht geben. Drinnen darf nur noch geschnupft werden. Rauchen ist schlecht für die frisch getünchten Wände.

Der Typ mit der blonden Mähne stellt seinen Alpha souverän ab und begrüsst die Mädchen, die sich am Glimmstengel festhalten. Alles klar, na super, ist Tonia schon da, toll, bis nachher. Für das Buffet hat er nichts mitgebracht. Warum auch. Er bezahlt wegen dem saublöden Mietvertrag immer noch die Räumlichkeiten. Das wird jetzt alles anders. Für seine drei Mitarbeiter reicht das kleine Büro irgendwo im Lehel.

Später kommt Clea. Ihr Fiesta rollt aus, aber sie bleibt erst mal sitzen. Dann schaltet sie die Innenbeleuchtung ein und macht was mit Schminke an ihren Augen. Es wird wieder dunkel, und alles bleibt in einer fragilen Balance. Durch die grossen Fensterflächen müht sich warmes Licht hinaus in die Nacht. Nach ein paar Minuten lässt sie den Motor an und fährt weiter. Erst hinter dem Firmengelände schaltet sie sie Scheinwerfer wieder ein.

Die Raucherinnen vor der Tür, die seit ein paar Minuten nicht mehr richtig ins Gespräch kommen, sehen ihr nur flüchtig nach. Clea hat zu viel falsch gemacht, damals.

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Remastered

In der Schule überlegten Wir, wer welche Platten kaufte. Dann gingen sie Reih um, und es gab immer einen coolen blonden Typen, der seine Platten nie verlieh, aber sich alle auf Kasette überspielte. Dann verlor er die Platte auf einer Party und gab dem früheren Besitzer die Kasette, sie sowieso viel praktischer war. Die Platte tauchte später bei einer Frau auf, mit der der coole Blonde etwas zu haben schien. Damit waren Frau und Platte verloren.

Der Blonde studierte BWL nach dem Wehrdienst und wirkte genervt, wenn er jemanden aus seiner alten Stadt im Dorian Grey sah. Er war früh genug dran, um heute noch einen Posten zu haben, der sicher ist. Halbwegs. Zumindest liegt dort am Montag noch ein Freiexemplar der FASZ.



Er wird das Bild links oben sehen und sich an die Zeit erinnern, wo andere die Platten im Müller kauften, die er dann verschenkte. Sie hat sich zwar nicht deflorieren lassen, weil das schon ein anderer gemacht hatte, und sie wollte nicht als seine Freundin gelten. Aber die Platte brachte ihm zumindest ein vorteilhaftes Gerücht ein. Das Bild gefällt ihm. So aufgeilend hat er sie sich damals gewünscht. Und er kennt den Benefit, den Vinyl verspricht. Er findet es amüsant, dass ihn die FASZ-Redakteure durchschaut haben.

Das Mädchen hat inzwischen geheiratet und wohnt in der Vorstadt. Ihr Mann ist Ingenieur. Die Platten stehen im Speicher, darunter auch die äusserst seltene erste Pressung von Yello.

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: : : denn sie wissen nicht was sie tun sollen : : :

Sonntag, 7. Dezember 2003

FASZ

Als ich um 9 Uhr das Haus verliess, um in die alte Pinakothek zu gehen, lag dort, in einer weissen Tüte, die FASZ, eines der letzten Ambitionen habenden Printprodukte der Hype-Ära. Sie liegt eigentlich fast jeden Sonntag hier. Die FAZ glaubt, dadurch Kunden in diesem Haus voller Eigentumswohnungsbesitzer zu gewinnen.

Der langgestreckte Raum mit den kleinen Stilleben ist immer leer. Nur manchmal kommt ein Japaner, schaut irritiert die dunklen Leinwandfetzen an, und geht dann wieder hinaus zu den Schlachtengemälden. Den Sebatsian Stosskopf habe ich für mich allein. Nur noch wenige verstehen den Aufschrei der Abwesenheit.

Als ich drei Stunden später wiederkomme, liegt die FASZ immer noch da, in ihrem Plastikkleid, das ihr jemand hochgeschoben hat, ohne sie zu nehmen. Sie ist am Rand angeknittert, nicht mehr glatt wie die Haut einer Praktikantin aus gutem Hause mit angesehenem Dermatologen. Sie ist schon auf dem halben Weg im Altpapier, und niemand wird zwischen den Zeilen von der Angst der Redakteure um ihren Arbeitsplatz lesen.

Ich nehme sie mit. Seit Illies weg ist und Möllemann keine Interviews mehr gibt, ist sie im dieser Form in Ordnung. Ausserdem brauche ich eine Mülltüte, und die Zeitung nackt liegenzulassen würde von zu wenig Standesbewusstsein Zeugnis ablegen.

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