Niemand hört Dich schrein

Ich mag diesen Beitrag von Sebastian Horn. Ich mag übrigens auch die Communityarbeit der Zeit, für die er zuständig ist. Noch mehr mag ich übrigens die Arbeit von Tessa Bücker, die mit den inferioren Mitteln des Freitag superiore Ergebnisse abliefert, aber in der Gesamtschau kann man sagen, dass die Zeit mit Wolfgang Blau und Sebastian Horn zwei Leute hat, die das Communitymanagement wirklich beherrschen. Nicht beherrschen im Sinne von anschaffen, oder im Sinne von Page Impressions, sondern im Sinne von Eingehen auf die Leser. Ich finde, dass sie manchmal mit dem Löschen zu streng sind, aber soweit ich sehen kann, funktioniert das, was bei meinem FAZ-Blog im Kleinen ganz gut läuft, bei der Zeit einigermassen in der ganzen Zeitung.



Trotzdem wüsste ich gerne, was gewisse Leute in der Zeit zu solchen Thesen sagen. Ich versuche mir dabei das Gesicht der Literaturchefin vorzustellen. Uh-Oh. Oder das Gesicht von Josef Joffe. Die Vorstellung ist keine angenehme Vision. Zumal es in der Zeit sicher auch genug Leute gibt, die auf allen Ebenen froh snd, nichts mit dem Leser da draussen zu tun zu haben. Das Ergebnis sieht man bei den - mitunter wirklich beeindruckenden - Kommentaransammlungen unter den Beiträgen: Kaum ein Journalist lässt sich zu den Forderungen von Horn herab, das als Teil seiner Arbeit zu begreifen. Bei Bloomberg steht immer die Email der Autoren drunter, und die Ergebnisse sieht man bei den Updates. Updates bei der Zeit? Ich wüsste nicht, wo. Zumal auch die Beiträge nicht als Einladung an die Leser geschrieben sind. Das kann man tun, aber es gibt genug Leute, die das Ausgrenzen für eine Qualität halten.

Es gibt bei Horn ein klares Missverständnis in der Begrifflichkeit des Journalisten: Journalisten sind nicht Leute, die für Leser schreiben, sondern allenfalls für die Leser, die sie haben wollen, oder gerade mal die Leser, von denen sie denken, dass sie von ihnen belehrt werden möchten. Das ist eine vollkommen absurde Vorstellung, denn der Beruf bringt es mit sich, dass die durchschnittliche Bildungstiefe nicht eben im Metern gemessen werden kann, und sich die Bildung des Schreiberlings in gelesenen, aber nicht verstandenen Vorworten, möglichst obskuren Teilbereichen oder einfach dem Programmheft einer Ausstellung oder Oper erschöpft.

XY hat bekanntlich, in seinem kanonischen Werk hat AB, der ihnen vollkommen unbekannte CD ist ein Vorläufer des ebenfalls vergessenen EF, und es stört sie sicher nicht, wenn ich jetzt ohne weitere Erläuterung ein Gerücht zitiere, das GH 300 jahre nach den Geschehnissen erfand, weil es ihm in den Kram passte. So macht man das, dann kommt gar keiner mehr so weit, dass er den aufgeblasenen Müll noch in Frage stellen will. Und wenn die Klickraten mies sind, wähnt man sich eben als Schöpfer eines wichtiges Programms zur Rettung der alteuropäischen Kultur, das andernorts nicht berücksichtigt wird.

Man sieht sich überhaupt nicht als der Hirnfickschmierer, der jedem ausser ein paar verqueren Spezialisten jede Lust raubt, sich mit dem Thema auseinander zu setzen Es ist keine Kunst, Schwieriges schwierig darzustellen, es ist auch keine Kunst, einfaches mit schwerer Bedeutung und Anforderungen an den Leser zu überfrachten, und das Ergebnis Popjournalismus zu nennen. Eine Kunst wäre es, mit einer Opernbesprechung oder einer Vernisage Leser zu begeistern. Eine Kunst ist es, Dinge mit dem Leser zusammen zu entdecken. Aber das würde bedeuten, sich mit dem Leser als dem zu beschäftigen, der er ist, und Abschied zu nehmen von der absurden Einstellung, dass der Leser mehr als das eigene Hirngespinst ist.

Man bräuchte Leute, die es wirklich wollen. Und solange eine Zeitung im Communitymanagement Leute braucht, die andere dorthin tragen müssen, wo sie dann wieder nur rumliegen und über Arbeitsüberlastung jammern, wird sich daran nichts ändern. Und es sind so viele, und es ist so bequem, und man macht sich so zum Deppen, wenn man es anders betreibt, dass ich mich wirklich frage, wie diese hehren Ideale effektiv umgesetzt werden können.

Dienstag, 22. Juni 2010, 00:51, von donalphons | |comment

 
"...es ist auch keine Kunst, einfaches mit schwerer Bedeutung und Anforderungen an den Leser zu überfrachten, und das Ergebnis Popjournalismus zu nennen."
Da fällt mir doch prompt ein Name ein: Diedrich Diederichsen.

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Spex hätte es nie geben dürfen.

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Ich lese die Spex immer noch. Warum weiss ich manchmal aber auch nicht.

Aber Dath ist dann ja auch zur FAZ gegangen ... Inzwischen schreibt er aber nur noch Bücher, oder?

Seit Diederichsen und Dath weg sind, ist die Spex harmlos (=lesbar) geworden. Was die sicherlich nicht als Lob auffassen werden, das ist mir aber ziemlich egal.
Generell muss man schon sagen, dass es Musik-Zeitschriften gegen das Netz nicht wirklich leicht haben ...

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Das hat nichts mit dem Netz tu tun. Das Ende von "Sounds" 1983 war auch das Ende der anspruchvollen Musikzeitschriften in Deutschland. Spex war immer ein Kölner Pop-Esoterikerhaufen.

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Und ich denke noch wehmütig an meine Sounds-Plattenkritik-Bibel, die sich -da zweitausendeins-Klopapier-Produktion- in ihre Bestandteile zerlegte.

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Gut, ich mnuss generell sagen, dasss mir jede Bedeutungsdiskussion um Pop wie Pop selbst extrem fremd ist. Trotzdem habe ich auch da reingeschaut, und die gleiche dröge Selbstverliebtheit dieser Leute verabscheut, die ich auch aus den normalen Medien kenne. Vielleicht gewinnt das Internet ja auch, weil man sich nicht den Mund von solchen Checkern verbieten lassen will, die im Prinzip den gleichen Müll wie das Establishment abliefern.

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Interessanter Beitrag...
allerdings hätte ich den jetzt eher an der Blogbar erwartet.
Bitte, nicht dass ich nörgeln wollte deshalb. Gern mehr davon, wo auch immer.

Aber die Frage sei erlaubt: ist das so gewollt, dass es an der Bar dort so eher verhalten ruhig zugeht?

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Stress ganz anderer und nicht blogbarer Art. Leider.

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nicht doch...
das wäre doch nun nicht gleich nötig gewesen... obwohl, wieder mein Faseln seit Generatoren.

Mich hat die Frage nur wirklich ein wenig umgetrieben, bei allem Verständnis für das Leben ausserhalb der Blogs und abseits des Netzes. Ich meine, wenn man schon etwas erschafft wie die Bar, die ja ursprünglich doch eher die Begleitung für ein Buch sein sollte, und das wächst dann so vor sich hin - tja, dann kann man es natürlich den Weg allen Lebens gehen lassen. Und den Verfall beschleunigen oder aufhalten. Letzteres wäre mir lieber.

Aber es ist nicht mein Leben, und schon gar nicht mein Stress. Insofern... ist schon gut. Ziemlich gut.

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Ich habe ja schon was geschrieben, siehe oben.

Das Problem ist auch ein wenig, dass ich schon noch weiter denke, aber das gerade in einem Bereich tue, über den ich eher ungern öffentlich reden möchte, weil ich mir selbst noch etwas unsicher bin. Nicht mehr Blogs vs. Medien, sondern Information vs. Partizipation, Verkündung vs. Diskurs, Always on vs. Selektion - und das passt nicht mehr so oder so auf "die" Blogs.

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Das ist aber doch kein Problem.
Im Gegenteil. Das alte "Blogs vs. Medien" auf ganz neuem Masstab. Und ganz nebenbei könnte es ein Redesign des alten Bar-Ambientes werden. De gustibus non est disputandum, klar, aber etwas weniger scrollen wär schon handlich. Und etwas weniger rosa auf schwarz auch.

Aber das hat Zeit, so viel Zeit... auch wenn natürlich die Spannung steigt... gerade.

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Es gibt auch Dinge, die eine andere Sprache sprechen. Der Erfolg von Business Insider in den USA zum Beispiel, der mir gar nicht behagt.

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Ja, schön wär's.

Aber wenn man sich die Diskussion um das Leistungsschutzrecht ansieht, geht der Trend eher in die entgegengesetzte Richtung.

Dialog mit dem Leser passt da nicht rein. Die wollen was anderes. Eine GEZ für die Medien, und weitermachen wie bisher.

Die jämmerlichen "Foren" von SZ, Spiegel, Welt und Co sind ganz bewusst so aufgezogen. Die wollen geradezu demonstrieren, dass sie das nicht wollen und Leser eh nur Mist produzieren.

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Das allerdings ist richtig. ich sehe auch keine echte Veränderung zum Besseren; mit dem iPad wird das sogar wieder erheblich schlechter, denn was man sich da als App lädt, lädt natürlich keine Kommentare nach. Bitter, wenn sich dann em Ende eben doch HTML breitflächig durchsetzt.

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