: : : denn sie wissen nicht was sie tun sollen : : :

Dienstag, 3. Oktober 2006

Potschamperl

Als chronischem Nachtarbeiter und ebensolcher Spätaufsteher kann ich mit Lärm zu später Stunde eher leben als mit, sagen wir mal, wohlgelaunten Gerüstabbauern, die schon um 7 Uhr, nach Ende der offiziellen Nachtruhe der Provinz, Stahlstangen schmeissen. Ohnehin ist der Trend zum Spätaufstehen an dieser kleinen Stadt spurlos vorüber gegangen. In München-Schwabing bekam man so gegen 9 Uhr problemlos die später begehrten Parkplätze, hier hingegen sollte man sich so um 6 Uhr auf den Weg machen, wenn man dem Parkverbot und dem Strafzettel entgehen will. Dafür kann man auf dem Heimweg gleich Semmeln und Käse einkaufen. Und sich anhören, dass man schlecht ausschaut, was um die Tageszeit ohne Schlaf jetzt nicht so sehr verwundert, und an die Sozialkontrolle hier gewöhnt man sich besser, wenn man überleben will. Man versuche hier mal, die Hautür offen zu lassen - sofort eilt ein Nachbar herbei, wittert Ungemach und Gefahr, schliesst die Tür und weist einen beim nächsten Treffen auf die Problematik solchen Tuns hin, selbst wenn man nur schnell etwas im Kartoffelkammerl abgestellt hat.

Die Sozialkontrolle aber greift nicht mehr in der Nacht und schon gar nicht zu Zeiten des Volksfestes, mit dem der Pöbel aus dem Umland beweist, dass es sich auch ohne japanische und australische Gäste gnadenlos daneben benehmen kann. Wer nicht im Sanka abtransportiert wird, oder beim Ausparken erst den Vordermann und dann den Hintermann rammt und der Polizei dann mit den Worten "Des woa scho so, Ia kennz ma nixn, I bin da Büagamoaschta vo Grossdingshausen" (Name des Ortes geändert, Geschichte durch die damals mein Bett zierende Tochter aber verifiziert, die dann ein halbes Jahr lang Papis Mercedes fahren konnte) - wenn man also nicht durch die kleinlichen Racheversuche des Schicksals aufgehalten wurde, zieht man zu später Stunde weiter in Kneipen, die an diesem Abend das Fehlen einer anständigen Türkontrolle bitter bereuen. Um halb drei dann, zu meiner Hauptarbeitszeit findet sich das Pack dann unter meinem Fenster ein, und während ich eine Wahlanalyse über das braune Pack in Österreich auf Englisch schreibe, sucht man mir mit lauten, nicht immer gesetzeskonformen Gesängen zu beweisen, dass die Probleme des Nachbarlandes auch bei uns zu finden sind. Mitunter suchen sie an der Haustür auch ein Urinal, und dann mache ich sicherheitshalber Festbeleuchtung im Gang und drehe Torelli LAUT auf.

In früheren Tagen gab es noch eine Art Waffengleichheit auf zwei Ebenen. Zum einem, wenn es ganz hart kommen sollte, gab es in diesem Haus mit seinen passionierten Viecherabknallern eine grosse Menge an Schiessprügeln, Schrotflinten und auch Gerätschaften, die heute gegen das Kriegswaffenkontrollgesetz verstossen würden. Dessen Einsatz hätte fraglos gewirkt, aber es gab noch eine niedrigere Eskalationsstufe: Das Potschamperl, ein mit Rokokodekor verziertes Porzellangefäss, das seinen Namen der liebevoll-bayerischen Verballhornung des französischen Wortes "Pot de Chambre" verdankt - die eigentliche Übersetzung in unseren Dialekt wäre dagegen Brunzkachel. Das sagt man aber in den besseren Häusern nicht. Nur zu Menschen, da kann man das sagen. Etwa, wenn man den aus warmen Wasser und etwas Essig bestehenden Inhalt des gut sichtbaren Potschamperls auf die Schreihälsen platschen lässt.

Gestern Abend habe ich so ein Potschamperl dringend vermisst. In irgendeinem der vielen Wandschränke müsste es aber noch sein und auf neue Abenteuer warten. Vielleicht liegt ja auch noch irgendwo eine Flinte herum. Gehackte Sauborsten und Salz, das soll wirken. Und ich will eigentlich gar nicht wissen, woher ich das alles weiss, eigentlich wäre es schon in Ordnung, wenn die da unten einfach ihr Maul halten würden und mit ihren gepimpten Kleinwägen den Versuch starteten, die Strecke nach Neuburg mit neuen Marterln zu versehen.

P.S.: Etwas nördlich, bei den Beutebayern Franken ist es auch nicht besser.

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Dienstag, 3. Oktober 2006

Aus gegebenem Anlass

Katharina Hacker Rezension.

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Sehr zu empfehlen - Puzzle für Innendekoration

Berlin sollte nur 3 Monate dauern - es dauerte anderthalb Jahre, bis das Projekt wieder auf stabil und sauber lief, und ich die Stadt endlich verlassen konnte. Bilder habe ich kaum mitgebracht, zu unstetig und vorübergehend war der Aufenthalt. In München waren die Wände weitgehend voll mit Moderne, und in der Provinz über der Stadt war an den Wänden mit ihren Schrägen nicht viel Platz. Aber irgendwann, das wusste ich, würde ich genug Wände haben. Bilder gehören zu den Gegenständen, die man bedenkenlos auf Vorrat kaufen kann, solange sie nicht gerahmt sind, bis zum Moment der Hängung reicht ihnen eine weitgehend staubdichte, leicht durchlüftete Kiste aus schädlingsresistenten Holz als Ort der Aufbewahrung. Stiche zumal machen alles klaglos mit, denn ihr Papier, so es vor 1850 geschöpft wurde, kann Jahrtausende überdauern, und selbst die fein schwellenden Linien meines 400 Jahre alten Goltzius haben der Zeit problemlos widerstanden.

Hinweggefegt aber hat die Zeit zumeist die Rahmen, und die nun gilt es nachzukaufen, auszuprobieren und einzufügen. Was im ersten Moment nach einer leichten Aufgabe klingt, erweist sich schnell als nie enden wollende Plage. Denn DIN-Normen kannten die Alten nicht, und neue Rahmen ohne Patina und Macken lassen den ehrwürdigsten Triumpf von Alexis Loir grauenvoll kitschig aussehen. Was bleibt, ist die beschwerliche Suche nach alten Rahmen, und die sind mitunter alles andere als billig. Denn im Wissen um das Problem haben sich Händler gefunden, die Abhilfe schaffen - und zwar in der Form, dass sie am frühen Morgen die Flohmärkte abgrasen und das Erworbene danach mit hohem Gewinn weiterverkaufen. Unsereins muss dagegen lange suchen, bis sich Entsprechendes findet, das einen nicht gleich ruiniert.



Idealerweise hat so ein alter Rahmen ein Glas, ein Passepartout, und eine Rückseite aus stabilem Karton. Perfekt wäre es, wenn der die richtige Grösse hätte, doch da beginnt das Übel: Nachdem man kaum mit Butzenden von Bildmassen die Märkte absuchen kann, kauft man, was man kriegen kann, und versucht dann, die passenden Stiche zu finden. Mitunter fällt der Denker nach Giovanni Barbieri geradezu in den Rahmen, das dunkle Braun der Druckfarbe ergänzt sich fein mit dem hellbraunen Deckblatt - andererseits gibt es da diese römische Statue um 1680, die sich seit nunmehr 8 Jahren jedem Rahmen verweigert. Oder das fränkische Rokokoportal. Oder der Kostümumzug in Amsterdam.

Was zur Folge hat, dass sich zu den unpassenden Stichen irgendwann auch nicht passende Rahmen gesellen. Gesehen, gehofft, gekauft, zu gross, zu klein, zu schmal, nicht harmonisch oder einfach die falsche Farbe, es gibt immer wieder Kombinationen, die einen kapitulieren lassen. Und die Folge? Das nächste Mal sieht man einen Stich und denkt - da hätte ich den passenden Rahmen dafür. Vielleicht gibt es irgendwann eine Grenzmenge an Rahmen und Stichen, bei der man statistisch nichts mehr falsch machen kann, wo so viele Vorräte da sind, dass es keinen Fehlkauf mehr geben kann. Aber bis dahin ist noch ein weiter Weg.

Egal. Ein paar Wände habe ich noch.

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Real Life 1.10.06 - Finale, Allegro

Noch ein paar Sekunden steht der Hall der Trompeten im Raum, aber da bricht auch schon der Applaus los, verscheucht die feine Harmonie aus den prachtvoll verzierten Wänden und lobpreist die Damen und Herren, die fünf Monate lang, Sonntag für Sonntag, dem Spiesser der kleinen Stadt etwas klassische Kurzweil zwischen Gottesdienst und Schweinshaxn verschafft hat. Noch einmal ist der Saal bis zu den Stehplätzen gefüllt mit denen, für die es dazu gehört, oder anderen, die mitgeschleift werden, um danach die heile Familie zu präsentieren. Manche fehlen, wie etwa die Frau mit der Tochter und deren Tennislehrer und einem vor kurzem empfangenen Sohn, der sicher mal, wenn die väterlichen Gene durchschlagen, ein witziges Kerlchen wird - sein Papa jedoch ist, erzählt dir Iris im abflauenden Applaus, ab diesem Sonntag in einem Club in Norddeutschland zu Gange, wo er eine Knabenmannschaft trainiert. Dabei wippt sie fröhlich mit ihren schwarzen Lackballerinas, und die Schnürchen federn im Takt mit, ein Tänzchen der Bosheit zum Hohne derer, die aus religiösen Irrsinn heraus dieses Gebäude erschaffen haben. Hoch sind die Ideale, niedrig die Motive und der Schmutz, der uns bekotet, ist immer noch besser als der Staub der Langeweile. Lieber den Schweiss der Erregung abwischen, die Galle der Bosheit gegenüber ehemalig angeheirateten Moralisten, als im reinen Wasser der Unschuld eingelegt zu verschrumpeln.



Ihr verlasst den Raum, werft einen recht ansehnlichen Betrag in das Weidenkörbchen, das prall gefüllt ist mit den Zuwendungen der anderen, und tretet hinaus in das immer gleissende Sonnenlicht. Fast immer scheint die Sonne in diesem Moment, als wolle das Schicksal seine immerwährende Bevorzugung dieses Fleckens jeden Sonntag aufs Neue beweisen, zur Freude der Spiesser, die trockenen Fusses zu den schweren Wägen gelangen, um dann wieder in die Vorstädte zu entschwinden. Es ist alles wohlgeordnet, passend und korrekt. Probleme gibt es woanders, allein das Thema mit den Siemens-Handies verstört manchen, aber sowas gibt es hier nicht. Auch kein Handygebimmel während des Konzerts. Alles so still hier.

Übrigens sagt Iris, kennst du eigentlich die S.? und weist mich auf eine nicht mehr ganz junge Frau hin, die in einem Pulk von bekennenden Müttern und bisweilen flennenden Blagen umgeben ist. Vom Sehen, sagst du, aber du kannst Sie nicht zuordnen, die Stadt ist voll mit diesen abgemagerten, energischen Frauen um die 40 auf der Suche nach Ablenkung vom Hausfrauendasein. S., erzählt Iris, habe gerade einen Laden für bessere Kinder aufgemacht. Schuhe, Hosen, Röcke, Oberteile fernab des Looks, mit dem sich heute schon 10-jährige als Gangster oder Ghettobitch aufstylen. Kleidung, die ihnen sicher kein Fleischklops aus den Blocks entreisst. Stil eben.

Du erinnerst dich, du bringst das Gesicht mit einem Laden zusammen und mit einem Luxusgefährt, das allenthalben mikt Strafzetteln bewehrt im Parkverbot nicht weit von dir steht. S. nun ist eine Freundin des Clans, aus dem Iris kommt, und habe ihr angeboten, ihre nun doch schon etwas längere Phase der Untätigkeit nach der Scheidung mit einer kleinen Beteiligung an diesem Zukunftsgeschäft zu beenden. Das muss ein Erfolg werden, man kann es den reichen Eltern dieser Stadt nicht zumuten, ihren Nachwuchs nicht von Kindesbeinen an der ihnen vorbestimmten Position zuzuführen. Diese Leute wollen Beratung, sie wollen einen stimmigen Gesamtauftritt, viel und lang und mit Juchzern, wenn sie was sooo Süüüses gefunden haben, da muss alles sitzen, und die Sozialkontrolle des Luxuskindergartens im Grünen werde schon ihr Übriges tun, dass bislang auch abstinente Mütter in Scharen bei ihr einlaufen.

Du denkst an die Apothekerstochter G., die ihren mühsam erschlafenen Beitrag zur Arterhaltung in einem 1000 Euro teuren Sportkinderwagen durch die Parks rollt, an die Grossbauerntochter H., die gerade ein Baugrundstück verkauft, um dem Nachwuchs ein Polster mitzugeben, und all die unausgelasteten Gebärmutterträgerinnen ohne Job aber mit Gatten im gehobenen Management, die irgendwas mit ihrer Zeit anfangen müssen, und an Kinder, die wahrscheinlich die Klamotten hassen, aber wenn sie mal einen Nachmittag nicht lernen müssen, damit sie auch ja die richtige Note in der Endabrechnung haben, um Medizin studieren zu können, freiwillig in die Stadt gehen werden, du denkst an V., der nach dem Tod seiner strengen Mutter Playboy hätte werden können und nun den Porsche Boxter gegen einen Cayenne eingetauscht hat, zwecks Familientransport, und an die Geschäftsmodelle, die...

Dummerweise, sagtr Iris, hasse ich Kinder. Wir grüssen höflich die Geschäftsfrau, begeben uns in Richtung Konditorei, während hinter uns Blagen quengeln, die später sicher mal erstklassige Stützen der Gesellschaft sein werden. Tennislehrer sind out, aber Golflehrer werden ihren Platz einnehmen auf den Dreilochplätzen dieser kleinen, privilegierten Stadt am Rande der einzigartigen greater Munich Area.

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Montag, 2. Oktober 2006

Das Gegenteil der Miesmacher

Bettermacher.



In einem kleinen Tal, wo selten jemand durchkommt, gelegen. Nicht weit davon ist eine der übelsten Discotheken des Landes. Und die Leute dort sehen aus, als würden sie alles untereinander machen. Ziemlich kleiner Genpool, der da vererbt wird. Ein bischen piefig und öde, aber hey, wenn man zusammensitzt beim Bier, findet man schon einen Konsens. Gibt es so nur in Bettermacher; in der Maxvorstadt, an der Kastanienallee, am Medienfafen, bei Sinnerschrader und VM-People, im Web2.o, auf den Medientagen und anderswo gibt es noch ein paar exterritoriale Gebiete.

Gebt es zu, ihr kommt aus Bettermacher. Der kleine Genpool verrät Euch, das festbetonierte Grinsen und das Wissen, dass es genau so sein muss, wie ihr es macht. Es war schon immer richtig, nur jetzt noch much more better.

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Real existierende soziale Netzwerke

Momentan bin ich gerade dabei, zwei Beispiele für gute, schlüssige Netzwerke durchzuschauen - eines kommerziell, einen nichtkommerziell. Wenn ich dazwischen dann so etwas lese, bestärkt das wieder meine Meinung, dass man trotz allem vorsichtig sein sollte, wo man seine Daten lässt. Sprich, am Beispiel von Unister zeigt sich, dass Software nichts ist und die Menschen alles.

Und ich hoffe, dass Unister und ähnliche Firmen das entsprechend zu spüren bekommen, wie damals der Vorreiter dieser Branche Friendster - falls das noch einer kennt.

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Sonntag, 1. Oktober 2006

Das letzte Mal

geht heute hoffentlich die Sonne für die reaktionär-rechtsextrene Koalition in Österreich unter. Endlich.



Um 17 Uhr schliessen die Wahllokale, und dann sind Politgestalten wie Haider, Schüssel und all ihre Gefolgsleute für die nächsten Paar Jahre, Jahrzehnte oder Leben aus der Politik des Landes weggeputzt. Gewöhnlich muss man sich - leider - um die weitere Vita österreichischer Schranzen keine Sorge machen; befreundete und unterstützte Unternehmer oder Staatsbetriebe nehmen dergleichen Pack gewohnheitsmässig in die Führungspositionen auf. Wo sie durchaus auch herkommen, wie diesmal ein Nazigutfinder am rechten Rand. Die Chancen jedenfalls stehen gut, dass man nach fünfeinhalb Jahren wieder halbwegs guten Gewissens nach Österreich fahren kann.



Eventuell ist es bald soweit, zumindest auf der Durchreise nach Italien. Weshalb ich heute auf dem Weg zu einer grauenvollen Plünderei durch drei Jahrhunderte Kupferstecherei schon wieder Kurven trainiert habe, abseits der verstopften Autobahn nach Süden. Wer weiss schon, was die nächsten Wochen passiert. Leider zu spät bin ich dran für diese Veranstaltung in Wien, die ich meinen österreichischen Lesern ans Herz legen will. Dann fängt die neue Zeit gleich gut an.

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Freitag, 29. September 2006

Globalisierung ist,

wenn Siemens eine Handyfirma an die Taiwanesen verschenkt, die sie ausplündern und Deutsche auf die Strasse schicken, was dann in der CDU den Rüttgers an den Drücker bringt und er das Merkel ablöst.

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Schweinisches auf der Sauwiese

Hinweis für morgen: Ab 11 Uhr ist auf der Sauwiese bei Weihenstephan nahe Freising Flohmarkt - und ich werde, so es nicht regnet, auch dort sein, so ab 12. Ja, ich weiss, Bayern wie es zecht und dantelt.

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Entgleiste Cluetrains

Zwei zusammengestossene PR-Agenturen, SinnerSchrader (Millionenabzieher vom Neuen Markt) und Fischer Appelt (Du bist Deutschland) zu besichtigen an der Blogbar.

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Donnerstag, 28. September 2006

Einfache Freuden

Johann, gehn´S, wenn jemand anruft, vertrösten Sie ihn bittschön auf morgen, ich bin beschäftigt.



Die immer geäusserte Frage für kommende Besucher - da gibt es in den nächsten Wochen einige - lautet: Kommst Du noch zur Datschizeit oder erst zur Strudelzeit? Beides geht ineinander über, aber grob kann man sagen: Sobald die Zwetschgen gar sind, holt man die Äpfel aus dem Keller. So in ungefähr 2, 3 Wochen.

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Privates Sammeln, öffentliches Besitzen

Keine Frage, der Deal, den der Ministerpräsident von Baden-Württemberg mit dem ehemaligen Herrscherhaus Baden ausgehandelt hat, ist widerlich: Grosser Auktionsramsch der Landesbibliothek Karlsruhe zugunsten des letzten Schlosses Salem, das der Familie noch bleibt. Und es ist auch ein Schlag ins Gesicht für alle anderen, die sich den Rücken wundarbeiten, um historische Bausubstanz zu retten, ohne dass sie dafür irgendwas anderes bekommen als teure Auflagen vom Denkmalschutz.

Natürlich ist die Erhaltung grosser Häuser ein Verdienst, den man honorieren kann, und Salem ist sicher keine kleine Verpflichtung. Würde ich mich aber hinstellen und ähnlich rumkrakeelen - da wäre nämlich durchaus noch eine Geschichte offen aus der Zeit vor 1945 - und ansonsten versuchen, dem alten Glanz der Familie durch Bewohnen von zweieinhalb Stockwerken und 25 Zimmern nachzueifern, weil es früher so war, und würde ich dann pleite gehen - keine Träne würde man mir nachweinen, und ich kann das nachvollziehen. Das Leben im 21. Jahrhundert zwingt alle Besitzer alter grosser Häuser zu Kompromissen, egal wie sehr das Ergebnnis später nach verlorener Grösse riecht. 10 Zimmer müssen für das kleine spanische Hofzeremoniell reichen ;-). Meine Mutter war eben die letzte der Familie, die noch eine Haushälterin hatte, und die Zeiten, in denen der Patron hinten aufstockt, um nochmal Platz zu schaffen für 5 Arbeitskräfte, die ihm auf Gedeih und Verderb ausgeliefert sind, sind glücklicherweise vorbei. Ich putze eben meine Wohnung selber, und wenn die Hilfskräfte Urlaub haben, sieht man mich durchaus auch beim Treppenputzen. Und nachher schneide ich den Wein. Ich mache das gerne.

Es hat also schon seine Gründe, wenn die grossen Häuser Englands, Italiens und Frankreichs meist im Staatsbesitz sind. Das ist wegen der Grösse nicht anders zu machen. Wer so ein Haus haben will, muss mit den Konsequenzen leben, und die sind durchaus heftig. Und dennoch, bei allem Widerwillen gegen diese Entscheidung des Ausverkaufs zugunsten der ehemaligen Herren, in einem Punkt kann ich die Sache nicht nachvollziehen - und das ist die Angst vor dem Übergang von Kulturgut in Privathände. Denn das Wechselspiel zwischen Privat und Öffentlichkeit hat durchaus Tradition und Sinn.



Denn wer Museumsleute und ihre Marotten kennt, weiss um die Zweiseitigkeit dieser Geschichte. Museumsleute gehören auf den Auktionen dieser Welt zum Übelsten, was man sich vorstellen kann, vom MoMa bis runter zum Ortskundezimmerchen. Der Grund dafür sind weniger die staatlichen Budgets für Ankäufe, als vielmehr der Zwang, möglichst spektakuläre Neuerwerbungen zu haben. Die Gier, die aus den Seiten mit den frischen Prunkstücken des Städel-Jahrbuchs trieft, ist immens. Museumsleute profilieren sich mit solchen Zukäufen, für die eigene Berühmtheit und zum Requirieren weiterer Mittel bei Stiftern und öffentlichen Stellen. Die Folgen sind Vorkaufsdeals mit Auktionshäusern, überzogene Preise etwa bei Chippendale- und Röntgenmöbeln, und das, obwohl die Depots weltweit überquellen von derartigen Stücken. Und nachher fehlt das Geld zur Erhaltung - man schaue sich nur mal etwas genauer in Nymphenburg oder Ansbach die Möbel an.

Was in Depots verschimmelt, in Kisten schläft oder in Hallen abgestellt wird, ist der unter dem Wasser liegende Körper des Eisbergs, ohne den es scheinbar in der Kulturpolitik nicht geht. Kein Privatsammler könnte seinen Besitz mehr wegschliessen, als die Vorratspolitik staatlicher Stellen. Und weil von dort etwas kaum mehr in den Handel gelangt, verknappt es auf Dauer die freie Zirkulation, die man sehr schön in den Katalogen von Sotheby´s und Christie nachvollziehen kann: Denn dort tauchen viele Stücke nach 20, 40, 60 Jahren wieder auf, wenn eine Sammlung zerschlagen wird. Sie wurden geschätzt, beliebt und bewundert, der Besitzer hat sich daran gefreut, und dann ist der Nächste dran, denn jeder Sammler stirbt irgendwann, Es gibt dann zumindest einen Katalog und eine Einordnung der Werke - mehr als die staatlichen Stellen hinbekommen. Und der Katalog eröffnet einen neuen Kreislauf.

Nur der Staat, der ist ewig. Es gibt da ein Buch in meiner Bibliothek, das eine bestimmte staatliche Stelle dringend haben will; ein Philosph hat in den 20er Jahren eines seiner wichtigsten Quellenwerke mit Anstreichungen und Notizen - noch dazu eine Originalausgabe aus dem XVIII. Jahrhundet - verschenkt, und somit ein Loch in seine Bibliothek gerissen. Durch Zufall gelangte das Buch zu mir, und wenn ich sterbe, dachte ich, können sie es haben. Sollen sie doch die Habil "Philosoph X und seine Rezeption der kleinen Romane Voltaires unter besonderer Berücksichtigung des Candide" schreiben. Aber so, wie es gerade in der Heimat des Philosphen abgeht, in Baden-Württemberg nämlich, wäre das ein doppelter Fehler - es käme zu einem gierigen Staat, der es erst wegsperrt und vielleicht später die gesparten Mittel einem noch gierigeren Haus in den Rachen wirft.

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Mittwoch, 27. September 2006

Real Life 26.9.06 - Tracht global

Du trägst keine Tracht. Es gibt keinen Grund dazu, obwohl dein Clan länger in dieser Region ist, als die meisten anderen Bewohner der Stadt, und auch länger, als die "Tracht" im Historismus erfunden wurde. Genau genommen hast du keine Tracht, eben weil ihr schon länger da seid. Denn Stadterer tragen keine Tracht, das ist ein Standeskennzeichen der Dorfbewohner. Als Stadtbewohner Tracht anzuziehen, wäre in etwa so, als würde ein Bewohner Moskaus den Kaftan anziehen. Tracht hat das wenige an Tradition, das es besitzt, nur draussen, aber nicht hier drinnen. Der dreiteilige Anzug, das ist es, was dich und deine Vorfahren als Angehörige der städtischen sog. besseren Gesellschaft ausweist und hier und allen anderen Städten erkennbar macht. Tracht geht gar nicht.

Tracht aber trägt der Typ auf der anderen Strassenseite: Blond, gross, schlacksig, vom Körperbau her, das erkennt man als Eingeborener sofort, kein Bayer. Der ausschreitende Gang, die schlenkernden Arme, das alles passt nicht zur Krachledernen. Obwohl, er hat keine Krachlederne an, sondern eine Hose aus hellbraunem Wildleder, aufwendig von oben bis unten bestickt, und mit geflochtenen Kordeln an den Trägern. Hinten hat er eine gerade Arschnaht - billig und nicht bayerisch. Und als wäre das alles noch nicht gebrochen genug, isst er Eis aus der Waffel. Natürlich ist es der hiesigen Bauern Sitte, ohne Manieren auf der Strasse zu fressen, aber kein Eis. Und noch etwas passt nicht. Du hörst keine Schritte. Die Schuhe haben keinen Klang. Du schaust genau hin - es sind keine Haferlschuhe, sondern seitlich gebundene Moccasins mit flacher Plastiksohle und Haferloptik.

He, da jehts lang, tönt es von hinten. Der Typ dreht sich um, du auch, und hinter ihm kommen noch drei andere, ähnlich verkleidete Typen her. Nö, ruft er zurück. Doch, da runter, sagt einer, der zum Holzfällerhemd allerdings eine Jeans trägt. Die anderen beiden reden was von den Prüfungen im Kurs Marketing II. Wir können doch auch vorne rumgehen, insistiert der Eislutscher, fügt sich dann aber der abbiegenden Mehrheit und kehrt um, in die Richtung, wo das Volksfest das Gschwerl des Umlandes und der Elite-Uni anzieht.

Du gehst weiter Richtung Stadtmitte, wunderst dich noch, wo die eigentlich ihre abartig falschen Wildlederhosen herhaben, und dann kommst du an einem Geschäft vorbei und weisst es:



Der einzige Trost ist das Wissen, dass sich die in China gefertigten Nähte bald auflösen werden, das auf den Weltmärkten zusammengekaufte Leder mit unschönen Substanzen verseucht ist, sie sich einem schnellen Tod entgegensaufen und den Alterungsprozess mit Aldifood noch beschleunigen. Und wenn sie vergangen sind, werden andere Deppen hierher kommen und wieder billige chinesische Trachten kaufen und bayerisches Bier drüberschütten, das ist die Globalisierung, Baby, oans zwoa, drei, gsuffa, denn der Sonderpreis macht immer das Rennen, 199, dea kriegt man sonst doch nur ein paar Schuhe, hey das ist cool, und so billig, dieses Bayern, und den anderen bleibt nur das granteln -

oder ihnen aufm Blog oane einzubetonian, dene varegtn Brunzkacheln, dene elendiglichn.

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Mittwoch, 27. September 2006

Fahren kann er wohl

Aber das Zitat mit dem "dunkelsten Mittelalter, dem späten achten und frühen neunten Jahrhundert" kann ich absolut nicht so stehen lassen. Zum einem war das Mittelalter keineswegs dunkel, sondern von der Spätantike und dem Untergang des römischen Reiches bis zum 13. Jahrhundert fraglos und trotz aller Probleme, Kriege und einer bescheuerten, gegen Ende dieser Phase dominierenden Religion eine Erfolgsgeschichte für Europa. Zum anderen ist die Zeit um 800 die von Karl dem Grossen, über die man sich in der Geschichtsschreibung recht einig ist, dass sie ein erster Höhepunkt des Mittelalters ist, Stichworte Reichenau, St. Gallen (Klosterplan!), Aachen, Trier, Mainz, Regensburg. Nicht umsonst nennt man die Phase in der Kunstgeschichte "karolingische Renaissance".

Problematisch wurde es in der Zeit zwischen Karolingern und Ottonen, aber die Finsternis, die man gern dem Mittelalter zuschreibt, ist mitsamt Hexenverfolgungen, Ketzerausrottung und Judenvernichtung eher eine Sache von Spätmittelalter und Renaissance - die übrigens fieserweise erst hinter dem abwertenden Begriff Medii Aevi steckt. Mit etwas mehr Wissen hätte der Autor vielleicht auch noch in St. Prokulus in Naturns angehalten, wo ebenfalls karolingische Fresken erhalten sind. Und ein Pestfriedhof - das wäre dann übrigens wirklich dunkelste Neuzeit. Ich bin ja der Meinung, dass zwei Semester verpflichtende Kulturgeschichte und Soziologie - das, was früher die Grand Tour der Briten war - die Studenten zu besseren, aufgeschlosseneren Menschen machen würde. Nicht Typen, von denen ein befreundeter Dozent an einer Schweizer Eliteuni mal gesagt hat: Sie haben zwar keine Ahnung, aber das können sie mit Powerpoint perfekt präsentieren.

Wie auch immer. Schöne Photos von einer schönen Strecke.

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Chez Moi

Dr. Interiorlove oder wie ich lernte, die gestern gekauften Appliken zu lieben.



Die Hütchen auf den Lampen. Die fand ich früher auch ganz grauenvoll. Wozu Licht verringern? Warum kein Feuerglanz in den Kristallen? Sind die nicht grauenvoll omahaft, oder bestenfalls was für Mädchenzimmer? Dachte ich früher.

Heute denke ich mitunter etwas anders. Bei Lampen über dem Bett allemal. Ja, es sieht aus wie eine Elitessenfalle. Nein, es ist nicht so gemeint. Es ist einach ein gutes Licht für´s Lesen im Bett. Was an manchen Wochenenden der kommenden Monate sicher eine Hauptbeschäftigung sein wird, wenn es so dunkel bleibt.

Übrigens: Die famose Helga Birnstiel macht sich hier Gedanken über passende Ficksessel im angehenden "Die Zitrone hat noch Saft"-Alter. Nicht schlecht, aber ich würde vielleicht doch auf ein originales Anbahnungsstuhlensemble hinweisen wollen:



So ist das nämlich ideal: Ein Liegesessel für die Dame und drei furchtbar unbequeme Sessel für die Herren. Sie kann sich schon weitgehend horizontal in ihren körperlichen Reizen wälzen, die Beine fast durch die Form gezwungen spreizen, die Arme willenlos seitlich fallen lassen, und ihn wie die in der Falle des umfassenden Geflechts gefangene Hirschkuh von unten flehentlich ansehen, während er mit seiner Erektion auf dem Stühlchen umherrutscht. Stuhl 2 und 3 dienen der Ablage des Porzellans, damit es bei den abzusehenden Handlungen nicht zu Schaden kommt. Der Zustand des Sitzgeflechts beweist hinreichend, dass das Objekt sinnfällig verwendet wurde. Die wussten damals, wie das mit den Ficken geht. Von denen können wir noch was lernen. Wohnst Du noch in Ikea oder kriegst Du schon Sex? Das ist die Frage, deren Lösung in Form einer Bezugsadresse ich gerne zur Verfügung stellen kann.

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Die Sense im Blätterwald

Das Handelsblatt tut es.
Springer tut es.
Du Mont tut es jetzt auch.
Und nach den Medientagen hört man dergleichen vielleicht auch von der Süddeutschen. Die WAZ wird da auch nicht zurückstehen. Das ist wie bei den Benzinpreisen, dieses interne Abrüben überflüssigen Schreib- und Vermarktungsmaterials.

Update: Die Frankfurter Rundschau macht auch mit.

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