: : : denn sie wissen nicht was sie tun sollen : : :

Samstag, 8. September 2007

Freundliche Bitte um Begrenzung des Konflikts

Lieber Herr Rädelsführer Fritz G.,
lieber Herr Bundestrojanerminister Wolgang S.,

darf ich Sie als Landsleute bitten, Ihre innerschwäbischen Differenzen vermittels Bomben und Onlinedurchsuchungen in ihrem Heimatland oder von mir aus wahlweise auch in Neuschwabenland Prenzlauer Berg ohne weitere Beschädigung der Restrepublik auszutragen? Ich bin mir sicher, dass der Rest des Landes weder mit blöden Terroristen noch mit Ermittlungsbehörden zu tun haben will, die Trojaner fordern und dann Ermittlungsergebnisse in einem Rundbrief an die Medien schicken. Es ist Ihre innere Angelegenheit, aber bleiben sie bitte dabei im Land der Schwarzen Wälder und Füsse.

Mit Dank für Ihr Verständnis

Don Alphonso Porcamadonna

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Freitag, 7. September 2007

Sehr zu empfehlen - die alte Tür im Speicher

Man kennt das Problem von gotischen Kathedralen. Grosse Pläne, gigantische Fundamente, der Wünsch nach möglichst hohen Türmen - und dann steht nach zwei Jahrhunderten endlich das Kirchenschiff, man kann drin das tun, wozu der Bau gedacht ist, alles andere würde nur Aufwand ohne Nutzen bedeuten, und so bleiben unvollendete Turmstümpfe übrig.

So ähnlich geht es auch beim Restaurieren zu: Die Farbe ist an den Wänden, die Möbel haben ihren Platz, die Küche ist eingeräumt und alles funktioniert. Es sieht noch nicht perfekt aus, aber der Druck, den eine ungestrichene Wand ausübt, ist weg. Und so bleibt erst mal auch die einzige neuere Tür an ihrem Platz. Bis dann an einem anderen Ort jemand eine Tür öffnet, und

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Doch, man fühlt sich danach etwass ärmlich eingerichtet. Man ist schon ziemlich weit oben auf der Leiter der Interieurreekonstruktion, aber darüber ist dennoch viel, zu viel, unüberwindlich viel Platz. Der darf auch sein, denn Leben wie ein zynischer Ausbeuter und Leuteschinder könnte so eine Supraporte niemals rechtfertigen. Der Mann war ein Schwein, aber sein Baumeister wusste, was er tat. Und schuf eine durchgängige Innenarchitektur, die den Betrachter - hier Don Alphonso mit seiner noch immer nicht ausgewechselten neuen Tür - auf den Boden der stark reduzierten Tatsachen daheim schickt.

Aber wenigstens die Tür ist machbar, denn als die neue Tür eingebaut wurde, landete ihre Vorgängerin nicht auf dem Müll, sondern wurde im Speicher deponiert und dortselbst dann mehr oder weniger vergessen. Man weiss nie, wozu man es noch brauchen kann, war das Credo des Clans durch viele Generationen, und gute 40 Jahre nach dem modernen Fehlgriff zeigt sich heute die Richtigkeit der sparsamen Grundüberzeugung. Denn als meine Eltern das Dach erneuern liessen, wollten sie die Tür auch gleich entsorgen - eine Dummheit, die ich damals verhindern konnte.



Da ist noch viel Arbeit zu tun, der Schmutz der Jahrzehnte hat sich darauf abgelagert, und in den hundert Jahren davor war man nicht pfleglich damit umgegangen. Es ist auch keine Flügeltür, und eine Vergoldung wird es auch nicht geben. Aber es ist etwas, das sein muss. Sie passt. Sie gehört da hin.

Die neue Tür? Die kommt in den Speicher. Mann weiss ja nie, wozu man sie noch brauchen kann.

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Empfehlung heute - Zur Wiedervorlage,

denn Poodlepop schliesst sein Blog, und da wäre es verdammt schade, wenn seine epochemachende Kampfansage vom 17.5.2006 an die kommerzialisierte Blogosphäre im Orkus verschwinden würde. Deshalb hier nochmal die Einmischung im Volltext:

"Sehr geehrte A-Blogger,

dass Sie tendenziell einen an der Mütze haben, ließ sich ja schon länger erkennen, dass Sie in Wahrheit extrem weich im Kopf sind, überrascht mich allerdings doch etwas. Besser gesagt, nicht dass Sie es sind, sondern in welchem Ausmaß. Sicher, von Leuten, die sich ohne jede Not zu willfährigen Erfüllungsgehilfen eines De-facto-Monopolisten machen, indem ihnen als allererstes einfällt, Google-Ads auf ihre Seiten zu pappen, erwarte ich nicht, dass noch viel Gescheites folgt. Schon gar kein Besinnungsaufsatz über die gesellschaftlichen und kulturellen Konsequenzen von Monopolen – mit der Besinnung haben Sie es ja nicht so. Auch dass Sie als nächstes um Geschenke betteln, hat mich nur so lange berührt, bis ich begriffen habe, dass Sie nicht anders können, weil Sie es auch mit dem Anstand nicht so haben.

Wie es überhaupt erschreckend wenig gibt, mit dem Sie es haben. Uferlose Eigenbegeisterung vielleicht, daran scheint es keinem von Ihnen zu mangeln. Nichts, aber wirklich gar nichts ist Ihnen zu abgeschmackt, solange Sie nur im Spiel und im Gerede bleiben, Ihre gefühlte Bedeutung bestätigt und am Ende, wer weiß, sogar noch einen Ständer bekommen – ganz ohne Wichsvorlage, Figuren Ihres Formats sind sich selbst genug. Nun gut, dass soll Ihr Problem sein, nicht meines. Nur die Nummer mit den Autos, die möchte ich Ihnen noch aufs Brot schmieren, wenn Sie gestatten. Da kommt ein Kfz-Hersteller daher, dessen Autos mit viel Wohlwollen als Kfz 0.7 durchgehen und glaubt, wenn ein paar Quatschköpfe seine PR schreiben, die irgendwie Web 2.0 sind, kann er die Quoten addieren und durch zwei dividieren und ist anschließend Kfz 1.35 – mindestens! Wo jeder normale Mensch ihm bedeuten würde, möglichst zügig Land zu gewinnen mit seinem Stumpfsinn, schnappen Sie hochbeglückt zu, alle miteinander. Wo der herkömmliche PR-Texter, den Sie unlängst noch verachtet haben, ab 5.000 € aufwärts im Monat bekommt, damit er die gewünschte Dröhnung absondert, machen Sie es schon für einen Leihwagen. Und wo sich jeder, der noch einen Rest von Würde in sich trägt, in Grund und Boden schämen täte, möchten Sie schier platzen vor unverhohlenem Stolz.

Seit Jahren lassen Sie keine Gelegenheit aus, sich zu einer Art Speerspitze der Erneuerung aufzuplustern, empören sich über dieses und mäkeln an jenem – stets vom hohen moralischen Ross herab natürlich – nur um wie eine billige Straßennutte sofort die Beine breit zu machen, sobald einer mit ein paar Scheinen wedelt. Die Speerspitze der Verblödung sind Sie, dem Volldepp seine Vorhut, nur damit das mal klar wäre. Und bleiben Sie mir bloß vom Leib von wegen »ich darf ja schreiben was ich will«, den Spruch können Sie meinetwegen in Ihr Vesperbrettchen gravieren. »Korruption hat viele Gesichter« empfehle ich für die Rückseite – falls Sie ein ganz besonders widerwärtiges sehen möchten, schauen Sie einfach in Ihren Taschenspiegel. "

Ich hoffe, dieses Bewahren wird nicht als Urheberrechtsverletzung angesehen; es gibt Dinge, die nicht verloren gehen dürfen, und kein Wort ist seitdem falsch geworden.

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Freitag, 7. September 2007

A la mode

Die grosse Zeit der Einrichtungszeitschriften, der Meinungspostillen, der Teeimporteure und der Tortenbäcker hat beegonnen.



Und heute morgen, bevor es hinausging in die Kälte, trank ich die erste Zitrone der Saison, die eigentlich keine ist, sondern lediglich das Ende einer anderen Saison, in der einige späte Gartenempfänge nie stattgefunden haben werden.

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Die Rente ist unsicher

in schlecht bezahlten Gastrojobs, auch in der Munich Area.



Die ist auch nicht mehr das unbeschwerte Paradies der Leichtsinnigen, die sie mal war. Aber wenigstens gibt es hier noch real Business, während woanders schon wieder in Web2.0 überinvestiert wird.

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Dirt Picture Contest - Münchner Interludium

Grosse Glasflächen sind anfällig für Verschmutzung. Deshalb sollte man sie ab und an putzen, will man den gepflegten Eindruck moderner Architektur erhalten. Wenn man es nicht macht, sieht es aus wie in Berlin, obwohl das hier die gefeierte Pinakothek der Moderne in München ist.



Im Betondach haben manche Lampen auch schon die Aabdeckungen verloren. Allerdings ist Versagen bei Prestigebauten fast schon traditionell; WAA, Transrapid und die Staatskanzlei geben Auskunft über den hiesigen Hang zum Grössenwahn. Traditionelles auch in der U-Bahn: Die Wiesn nähert sich mit billig in Fernorst zusammengenähten Minidirndln für Zuagroastntritschn.



Das ist der ewigee Kreislauf der Stadt. Der Münchenroman schlechthin heisst "Erfolg", wurde von einem nach Berlin exilierten Münchner namens Feuchtwanger geschrieben und wird noch lange aktuell bleiben - und um die versöhnlichen Momente beraubt, wäre es ein Abbild der Stadt Berlin a. d. Spree.

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Empfehlung heute - Wie es Frau A.

einmal nicht auf dem Küchentisch gemacht hat, ist eine kleine, lakonische Köstlichkeit.

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Donnerstag, 6. September 2007

Die Geheimnisse von München

Ich kenne keine andere Stadt in Deutschland, deren Antiquatiate über derartige Schlösser, Türgriffe, Schlüssel und dahinter liegende Kammern verfügen, in denen auf staubigen Regalen die Schätze auf den Wissenden warten, der sie zu heben versteht.



Und ich werde mich hüten, dieses verborgene Wissen weiter zu geben. Nur so viel: Hinter all der Pracht und Leichtlebigkeit gibt es auch diese finstere Stadt, die sich nur wenigen erschliesst, die mit den Zungen ihrer Wächter zu reden befähigt sind. Ein Meyrink könnte seine Inspiration hierin finden, wo andere nur staubige Gebrauchtbücher in den Kisten vor der Fassade sehen. Man geht dorthin und kommt auf einem anderen Weg zurück, man geht keinen Schritt zweimal und endet doch wieder bei der Erkenntnis, dass man diesen Weg noch oft gehen muss. Auf der anderen Seite der lärmenden Strasse dann das Spukhaus, auf dessen Kassen zu lesen ist, dass es wegen Personalmangel einige Räume schliessen muss; es ist nicht leicht mit dem Personal, nur oben haben sie ein paar Drachen, die das Photographieren nicht erlauben, in der Räuberkammer, die vom anderen Ufer des grossen Meeres hier angelandet ist.



Und wenn ich nun sage, dass dort alle Herrlichkeit auf den Besucher wartet, so wird es doch kaum einem mehr nutzen. Die Zeit ist fast schon abgelaufen, und so schliessen sich die Tore hinter dem, was Gier und Verschwendung schuf und borgte. Dann bleibt nur die Verlorenheit in Cafes, die Soda heissen und das zu bieten haben, das man im Übermass schon kennt; dünnes Volk mit dünnen Themen, die nie begreifen, was da im Nationalmuseum noch bis Sontag zu sehen war. Der Wissende beeile sich, um einzutauchen in das Schwarz der Erfahrung; die anderen erfreuen sich am leichten Leben des Nichts, das Schutz und Schild ist für das andere, das sie nicht sehen.

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Adical aus Ritaberlin

Als das Blogwerbenetzwerk "Adical" startete, liess sich dessen Geschäftsführer Sascha Lobo mit der Beemerkung zitieren, man könne nicht ernsthaft bezweifeln, dass eine Professionalisierung der Blogosphäre bevor stünde. Wie das gemeint ist, darüber kann man debattieren - wie die Verleihung und gebloggte PR-Hilfsleistungen des Grimme Online Awards unter diversen Beteiligten und Jurymitgliedern zeigt, kann man tatsächlich kaum bestreiten, dass süditalienische Beamten eine ähnliche Auffassung von korrekter Arbeit haben.

Nun hat Lobo der Berliner Zeitung ein paar Einblicke in sein professionelles Tun gegeben, ich zitiere:

Lobo etwa trifft sich zwei, drei Mal die Woche mit den anderen Gründern der Firma Adical, die auf Jahresumsätze im sechsstelligen Bereich kommt.

Jahresumsätze einer Firma, die es erst ein halbes Jahr operativ gibt? Und ein sechsstelliger Bereich, obwohl Adical seit rund sechs Wochen keinerlei Werbung mehr auf Blogs schaltet/schalten kann? Deren Teilnehmer in der Pause inzwischen andere Geschichten treiben? Hm. Klingt für mich nach einem weiteren Gaga-Medienversagen, von dem m an bei Stefan Niggemeier sicher nichts lesen wird. Ich weiss schon, warum ich inzwischen gegen Rankings bin: In den Staub mit den grosskotzigen Lügnern und ihrer erfundenen Klickrelevanz.

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Mittwoch, 5. September 2007

Empfehlung heute: Ich habe

das wahrscheilich perfekte Komplementärbild zu diesem Beitrag von St. Burnster, in dem es eigentlich gar nicht um Berlin geht, das dort abgebildet ist. Heute, hinter dem Haus meiner Eltern, einfach so.



Es ist, so erkläre ich es mir, das Blau des Himmels. Jetzt mal ohne den Schmarrn der Nationalhymne, das Blau ist hier einzigartig, das gibt es sonst nur noch in Italien, und sein Fehlen ist noch schlimmer als die nicht vorhandene Landschaft Brandenburgs.

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Sehr zu empfehlen: Wie nagelalt

Es ist nicht schwer, das Alte um ein paar neue Stücke zu ergänzen, damit es wieder komplett ist.



Die Kunst an der Sache ist, es genau so weit zu treiben, dass sich das Neue in das Alte harmonisch einfügt, ohne dessen Patina zu zerstören. Denn einfach neu kann jeder Depp mit Pinsel.

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Dienstag, 4. September 2007

Erzreaktionär

So, in Berlin über die Vorzimmerfrauen gehen und daheim Anstand und Werte fordern? In der Villa wohnen und ein abgewirtschaftetes Zwangssystem gut finden, nur weil der Boss von den Deppen in Washington bekämpft wird? Ritalin schlucken und meinen, mitreden zu können in der sponsornden Berliner Republik? Neoconzeug schreiben und trotzdem alle Jugendtrends mitmachen? Das schöne Land beschwören und sein Geld in amerikanischen Schrottdarlehen verpulvern, als wäre es so viel wert wie unser hochwertiges Gammelfleisch? Oder den Terroristen indirekt nahelegen, dass sie den Scheiss nicht lang im Internet planen sollen, sondern einfach mit der Wumme handeln?

In all den Fressen sehe ich Franz Josef Strauss. Der war auch so einer. Der erste Neoliberalala. Inkonsequent, daneben, nehmen was man kriegen kann, nichts war zu dreist, es gibt immer welche, die das honorieren. Heute so, morgen anders, der perfekte Mann für ein System, das man eh nicht ändern kann. A Hund is a scho, wie das dann anerkennend vermerkt wird von denen, die auch Köter sein wollen. Linien bitte nur, solange sie nutzen, Steuerhinterziehung ist nur schlecht, wenn sie die eigenen Förderungen und Pfründe begrenzt, und der kleine Mann würde es genauso tun, wenn er könnte. Dem einen sein Puff ist dem anderen sein 7. Stock und dem dritten die Praktikantin und dem vierten der Anlass, sich wieder zu seiner Frau zu bekennen.

Wenn dieses Geschmeiss wieauchimmerliberal ist, dann bin ich erzreaktionär.

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Was man so Fortschritt nennt

Eine warme Suppe am Tag - das war zu den Zeiten, da meine Grossmutter jung war, eine Horrorvision. Nur ein Teller warme Suppe galt als Existenzminimum, das bei den Franziskanern ausgeschenkt wurde. Die Selbstvergewisserung, dass ihr und mein Clan nicht arm war, erfolgte über die Feststellung, es hätte bei ihnen immer Fleisch oder Fisch gegeben. Dinge also, die in der "schlechten Zeit" eher atypisch für die Ernährung weiter Bevölkerungsschichten waren. Die heute skurril anmutende Marotte meines Grossvaters, den Hausgang mit de Geweihen selbst geschossener Rehe und Hirsche zu verzieren, wo heute Kupferstiche von Kräutern und Stadtansichten den Betrachter erfreuen, ist wohl auch dem Vorzeigen der Verfügbarkeit von Essen geschuldet. Die Suppe war allenfalls die Vorspeise, und drückte durch ihre Degradierung den Stand der Familie über denen aus, die sich Fleisch allenfalls am Wochenende leisten konnten.

Diese tägliche Suppe war durch Jahrhunderte ein Fluch der Gesellschaften. König Heinrich IV. von Frankreich verdankt seine Popularität bis heute seiner Forderung "Si Dieu me prête vie, je ferai qu’il n’y aura point de laboureur en mon royaume qui n’ait les moyens d’avoir le dimanche une poule dans son pot!" - sollte ihm ein langes Leben vergönnt sein, werde er sich bemühen, dasss jeder Untertan am Sonntag ein Huhn im Topf habe. Dank Massentierhaltung und Packerlsuppe ist das heute alles kein Problem mehr, Essen ist bei uns zumindest als Junk Convenience Food in grenzenlosen Mengen vorhanden - mit billigsten Zutaten aus industrieller Fertigung. Mit dem Huhnschlachtabfall gelangen auch Färbemittel, Medikamente und andere Abscheulichkeiten der global agierenden "Lebensmittel"produzenten ins Essen, die keiner ohne Brechreiz essen könnte, würde er sie vor ihrer Verpackung sehen. Imagekampagnen zeigen gern die Herstellung des scheinbar frischen Salats, aber weder die Pestizide noch Bilder über die Entstehung von Chicken Extremitäten.



So gesehen ist selbstgemachte Suppe gar nicht das schlimmste, was einem beim Thema Essen heute passieren könnte. Zudem es heute auch Tomatensuppe gibt, was unter Heinrich IV. noch unvorstellbarer Luxus gewesen wäre. Am Wochenmarkt waren die Metzger diesmal ziemlich ausverkauft - weil es dank Gammelfleischskandal wieder mal die Leute scharenweise zu denen trieb, die ihnen ordentliche Waren ohne K3c-Fleisch und andere Freuden der modernen Wertschöpfungsketten anbieten.

Und langsam komme ich in das Alter, in dem das Aufhängen von Leichenresten im Hausgang ein wenig von seiner Schrulligkeit verliert. Diese Reste der Nahrungsbeschaffung konnte man wenigstens vorzeigen; Dönertrophäen stelle ich mir durchaus gewöhnungsbedürftiger vor.

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Montag, 3. September 2007

Man muss es so sehen.

Wenn man es schon sehen muss, weil man einen bayerischen Trachtenmarkt frequentiert, um den Wünschen der Gäste entgegen zu kommen:



In Sachsen würden sie vielleicht nicht tanzen, sondern in Springerstiefeltracht den Weg zum nächsten Wohnheim besprechen.



Ausserdem kann ich im schlimmsten Fall immer noch darauf verweisen, dass Greding in Mittelfranken liegt und somit eigentlich gar nicht Bayern schuld ist, wir sind da nur Besatzungsmacht dringend benötigte Aufbauhelfer.



Und hey, ich habe die Castingallee überlebt, ich werde auch das hier aushalten, zumal hier die Biertischsitten immer noch über denen von Mitte azusiedeln sind - Messer und Gabel in der jeweils richtigen Hand!

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Für den Django der Küche

Kochen, werte Freunde, ist ein Akt der Gewalt. Nirgendwo sonst ausser in der Blogbar wetzt man so Messer, keine andere Beschäftigung hat derartig kreative Zerstörung zum Ziel, die Leiber von Pflaumen bluten in der Hitze des Ofens aus, während oben auf dem Feuer die Butter gequält zischt, und vergebens hofft, an den verbrühten Trüffelravioli letztlich dem Vernichtungswerk der Zähne zu entgehen. Bilder, Porzellan und Silber in meiner Küche täuschen nur über den wahren Zweck hinweg. Ich geniesse das Knirschen des Rucola unter dem Wiegemesser, und wenn ich Teig knete, denke ich an die Hälse der Feinde und drücke zu. Das ferne Niederhäckseln in der Küchenmaschine ist mir zutiefst fremd, ich will es selber tun. Allein der alte Fleischwolf meiner Grosstante mit seiner Drehkurbel hatte es mit angetan, mit dem sie auch Plätzchen, Nudeln und Spätzle schuf.

Dieses Gerät kam irgendwann beim Ausräumen ihres Hauses abhanden, und wurde vermutlich dem Müll übereignet; eine Tat, an der ich nicht beteiligt war, und ausserdem gehört es sich nicht, als Erbschleicher aufzufallen. Dennoch ist es zu bedauern, denn der Fleischwolf, der den Namen des grausamen Blitzeschleuderers Jupiter trug, war in meinen Augen die Gatling Gun der Küchenkrieges; neben der Kaffemühle das Maximum an Mechanisierung, das dem Konflikt gegen Teig und Füllung gerade noch zuträglich ist, bevor mit Moulinetten die Nettigkeit einer Doris Day den Kampfplatz übernimmt. Die Jupiter war in meinen Augen mit ihrem Locheinsatz und dem vierflügeligen Schneidemesser der Höhepunkt der Gewalt, mit ihr zu arbeiten ist wie Django beim Niedermähen zu beobachten. Es gibt eine gewisse Distanz, aber sie trennt nicht, sie intensiviert.

Heute nun fand ich eine alte, vom vielen Verwursten und Zermalmen dunkel gewordene Jupiter:



Und stellte nebenbei fest, dass es die schwäbische Firma bis heute gibt, die auch mein Exemplar fertigte; nur sind heute die Schraubfüsse nicht mehr so schön, und der neue Glanz erzählt nichts von den Dekaden, da dieses 8er Sturmgeschütz in vorderster Front am Herd nie versagte, die gewaltsame Komponente des Food Porns durch lange, lange Jahre und für alle Zeiten.

Sollte ich in Zukunft jemandem also sagen, dass ich in zu Brei mache - sollte er die Küche meiden. Ich habe jetzt eine Jupiter. Und ich werde sie einsetzen.

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Sonntag, 2. September 2007

Tarte Tatin

Tarte Tatin ist eine langwierige Sache, gerade in dieser Jahreszeit. Man muss die richtigen Äpfel haben, und die müssen schon etwas mehlig sein. Also pflückt man sie ungefähr einen Monat vorher im angrenzenden Tal auf den Streuobstwiesen und lässt sie dann liegen. Dann nehme man die 140 Jahre alte Familientradition aus dem Elsass, Mürbeteig, Apfelgelee, Milch und setze es in einen weissen Karamelboden, konstruiere darüber die umgedrehte Torte, backe sie etwa 40 Minuten, stelle sie zum Kühlen ins Fenster, bis der Boden den Saft aufgesogen hat, und dann wird sie umgedreht:



Einen Tag etwa kann man sie essen, dann verliert sie ihren feuchten Glanz und schlägt um in Alkohol, die alten Äpfel und der Zucker sind da gnadenlos. Aber so lange dauert das nie.

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Kalorienhinweis - Dieses Weblog ist für Esser unter 18 Jahren nicht geeignet. Enthält orgiastische Akte und Food-Porn-Darstellungen mit Anklängen an Stilleben des Barock in Wort und Bild. Bleiben Sie, wenn Sie Ihre Ideallinie haben und halten können, oder eh schon alles zu spät ist, was ich in der Regel bevorzuge. Ansonsten verlassen Sie diese Seite und gehen direkt zu den Hungerleiderseiten des Berliner Prekariats.
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Sehr zu empfehlen: Spiegel extreme fonsen

Fonsen, das: Einen Aufwand treiben, der Aussenstehenden ungerechtfertigt hoch erscheint, um Ziele zu erreichen, die Aussenstehenden gering erscheinen.

Letzte Woche kaufte ich zwei böhmische Stuckspiegel nach langem, langem Verhandeln. Ihr Besitzer schleppt sie nun schon seit einem Jahr auf die Märkte der Region, und seine Preisvorstellungen waren leider mehr als angemessen. Der eine Spiegel ist blind, aber dafür ist der Rahmen komplett. Der andere ist das, was Briten so vornehm als "beyond repair" bezeichnen, obwohl das Glas besser erhalten war. Die Gläser nehme ich hin, denn nach 150 oder mehr Jahren darf sich das Quecksilber hie und da lösen. Die Stuckschäden jedoch waren auf die rüde Behandlung der letzten Jahre zurückzuführen, denn so ein Transport zum Verkauf ist alles andere als schonend. Diesmal war der kleinere Spiegel so ramponiert, dass der Händler ein Einsehen hatte und mir die maroden Wracks für 100 Euro anbot. Und ich war inzwischen so weich vom Gedanken an das, was den Spiegeln noch alles drohen würde, dass ich sie für letztlich 60 Euro kaufte.

Ein Viertel der Stuckaplikationen des ramponierten Rahmens waren verloren. Es hatte nicht nur die schlichteren Stabornamente am äusseren Rand erwischt, sondern alle floralen Eckverzierungen. Immerhin war noch genug da, um das Aussehen eines kompletten Ornaments zu rekonstruieren, und das bringt uns zum Thema das Extreme Fonsen: Denn mit ganz normalem Plastilin und vorsichtigem Druck kann man Negative abformen.



Und die wiederum mit Stuck ausgiessen. Gerade bei kleinen Objekten eine irrwitzige Fieselei, bei der man nicht einfach auf das Austrocknen warten kann, sondern auch noch durch geschicktes Verstreichen der zähen Stuckmasse auf der Rückseite die Biegung des Spiegelrandes nachformen muss. Es geht irgendwie, man kann es nebenbei machen, aber am Ende dauert es sechs Tage, bis man alle Teile beisammen hat, mit denen man den Spiegel bekleben kann - wenn die Formen stimmen.

Man könnte in all der Zeit auch die eigene Karriere planen, für die Haifische einen Auftrag erledigen, kellnern oder sich zum blogbilligen Mietmaul machen, und mit dem verdienten Geld dann ein besser erhaltenes Exemplar kaufen. Aber das würde bedeuten, sich mit Vernachlässigung abzugeben, Zerstörung zu akzeptieren und den einfachen Weg zu gehen, der keinen Blick hat für das Alte und Schadhafte, und eine Mentalität anzunehmen, die sich abfindet, dass sich irgendwas nicht mehr lohnt. Es wäre die einfache Lösung. Und ich hasse einfache Lösungen.

Deshalb. Nur deshalb. Denn eigentlich muss ich inzwischen schon einen Platz suchen, wo der Spiegel noch hinpasst. Aber das schaffe ich auch noch. Und wenn ich ein weiteres Haus kaufen muss.

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Scheissregion

Da lacht der Fremdenverkehrsverband: Nach den Experimenten an Frankensteins Monster und den Dunkelmännern der Illuminaten nun auch noch Berühmtheit dank erschlagener Bauern in Hinterkaifeck.



Könnte vielleicht mal jemand einen Bestseller über die positiven Seiten der Region schreiben? Meinjanur.

ok ok. mit unserem high end gammelfleisch ist das etwas viel verlangt.

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