: : : denn sie wissen nicht was sie tun sollen : : :

Dienstag, 15. April 2008

Entsagung und Anstrengung

Von unten, aus dem Inntal kommend, sieht es so aus, als liege gleich hinter Schwaz auf einer kleinen Anhöhe Schloss Freundsberg, auch bekannt als Sigmundsruh, nach Sigmund dem Münzreichen, der hier im XV. Jahrhundert seine Finanzen verwaltete. Was recht einfach war, denn gleich unter der Burg waren die reichsten Silberminen der damals bekannten westlichen Welt, und es sollte weit über 100 Jahre dauern, bis die früher Globalisierung mit Silberimporten aus Amerika den Bergbau in Schwaz erstmals gefährdete. Solang war Schwaz eine der reichsten Städte der Welt, und oben auf Freundsberg hatten die österreichischen Herrscher alle Vorteile des edelmetallbasierten Währungssystems für sich.

Man hat Zeit, sich darüber Gedanken zu machen, wenn man von ganz unten aus losmarschiert, denn es zieht sich. Da oben ist der Tresor einer mittelalterlichen Grossmacht, der liegt doch etwas höher, als man glauben mag, die Fusswege sind steil und durch das Schmelzwasser ausgewaschen. Die Habsburger nahmen natürlich Träger oder Kutschen, deshalb waren sie nicht die Allerdünnsten, wie generell der Adel bis ins XVIII. Jahrhundert rund als Schönheitsideal betrachtete. Unfreiwillig dürre Landeskinder in einem Ausmass, wie man es heute nur noch unter der Herrschaft von Berlins Pascha Klaus I, der Auchgutsoige, kennt, hatte man mehr, als einem lieb sein konnte. Dennoch, ab und an etwas Sport mit Panorama vom Achenpass bis zum Anstieg des Brenner und danach gesunde Rohkost kann auch nicht schaden.



(Grossbild hier, Riesenbild hier)

Und was das Dressing angeht: Unten in Schwaz gibt es den Feinkost Pedevilla, die neben Salatzutaten sehr vieles im Programm haben, für das sich die 60 Kilometer über den Achenpass mehr als lohnen. Etwa einen Kräuterfrischkäse, den man nur mit Öl und Essig mischen muss, um ein Dressing zu haben, das man feiner nie hinbe - , was? Wie meinen? 60% Fett im Käse und Öl würden die Fastenbemühungen conterkarieren?

Dann schweige ich jetzt zu den Steinpilzschlutzkrapfen und dem Gorgonzola, die ich auch mitgebracht habe, vom Zwiebelbaguette, und ausserdem ist jetzt eh Kochzeit.

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Stilvolles Häschen

Als ich es zum ersten Mal sah, musste ich lachen. Weniger wegen der rosa Streifen; vielmehr wegen dessen, was man heute als "Brand Extension" bezeichnet, die zudem äusserst hinterhältig sein könnte, wendet sie sich doch an die Kleinsten. Die wollen es haben, können irgendwann lesen, was drauf steht, und wenn Ann-Sophie dann gross ist, im Stil des vorletzten Jahrhunderts geheiratet und nun von ihrem Gatten die Aufgabe übertragen bekommen hat, das gemeinsame Haus einzurichten, wird sie sich an ihre Kindheit erinnern, und dass es auch die rüdesten Katzenangriffe überstanden hat, und dann sagen, dass sie einerseits nicht unter dem Niveau wohnen will, das sie seit der Krippe kennt, und andererseits hat der Stoff sie jahrzehntelang ertragen, das geht jetzt sicher auch bei Sofas lange gut. Wo dreistellige Eurobeträge für den laufenden Meter erheblich mehr zu Buche schlagen, als damals, als sie einen originalen JAB Anstötz Hasen geschenkt bekam. Dann haben Naht, Füllung und rosa Streifen ihren Zweck erfüllt; eine frühkindliche Verführung mit Langzeitwirkung und verzögertem Zünder.

Beim ersten Betrachten fand ich das Ding, vom Marketingstandpunkt gesehen, fies gemacht, billig und effektiv wie eine Tretmine. Zumal es auch noch aus dem Affenfelsen Rottach kommt. Aber die Zeiten haben sich geändert. Es gibt einen Trend in meinem weiteren Umfeld, Kinder nicht mehr ganz so vehement abzulehnen. Die Transporte zur Beratung und zu einer Abtreibungsklinik, die in Bayern bis heute nicht gerade kundenfreundlich abzuwickeln sind, oftmal auch unter enormen Zeitdruck, weil es den Betreffenden reichlich spät kam und die Verursacher dieser Spätfolgen von Spass und Sex die Fliege machten - sowas kommt in den besten Familien vor - diese Fahrten und das Patschehändchen halten und die Nachbetreuung sind selten geworden. Statt dessen werden Kinder gezielt gemacht, und inzwischen sind die Einschläge so nah, dass ich sie nicht mehr ignorieren kann. Und auch sowas wie ein "gchrtulire" zwischen meinen plötzlich sehr schmalen Lippen entkommen muss, um nicht allzu unhöflich zu erscheinen.

Und da dachte ich mir...



Ich mein, wenn die anderen schon zur Erhaltung einer Spezies beitragen, die man diesem Planeten eigentlich nicht guten Gewissens zumuten kann, wäre es doch zumindest der Nachhaltigkeit geschuldet, wenn ich den Samen lege für ein sozialverträgliches Verhalten, das sich gegen Raubbau an der Natur, Wegwerfmöbel und Lohndumping in Osteuropa entscheidet, eine Initialzündung für das Bewusstsein einleite, das Bessere zu wollen und zu kennen*. Man steckt heute kleinen Kindern keinen Silberlöffel mehr in den Mund, aber nach meiner Erfahrung kann man die meisten Frauen mit Luxus ordentlich so gestalten, dass später Geringeres überhaupt nicht mehr in Frage kommt.

Man kann vielleicht gar nicht früh genug damit anfangen. Hier, bitte, ist er nicht süss, und er fusselt auch nicht, ist ja Stoff, extrem guter Stoff, aber bitte, nein, nichts zu danken, wirklich nicht, nur mein Beitrag zur Erhaltung einer Art nach meiner Vorstellung.

*gestern wollte einer an der Blogbar, dass ich mich in Zukunft mit 7 Wörtern pro Satz bescheide. Der Satz oben enthält, ich habe sie gezählt, 63 Wörter. Und ich sage ohne falsche Höflichkeit, dass ich meine, das den Lesern hier zumuten zu können.

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Montag, 14. April 2008

Die farceistische Diktatur in Italien.

Ich geh kotzen.

Und danach überarbeite ich meine Urlaubspläne leicht, selbst wenn die Ansicht von Beckstein und Merkel auch nicht gerade viel hübscher als die vom Italo-Hanswursten ist.

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Ein´s zuviel

Ein Starkoch
Ein Stern im Michelin
Eine Villa
Ein See
Ein neues Restaurant
und ein Apostroph



Ob sie auch Hirsch-Rücken oder Forelle nach Müllerin´s Art haben, weiss ich nicht, und werde es wohl auch nicht erfahren. Ich habe da gewisse Prinzipien.

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Warten auf den Kühlschrank

Einmal war er schon da, aber da war ich in Österreich.



Jetzt schraubt er in der Küche, ich dagegen esse die Reste, und dann geht es zum Auffüllen. Nach Österreich. Und abgesehen von einer immer noch fehlenden Küchenlampe an der Stelle, wo gerade noch ein "Berliner Lüster" aka nackte Glühbirne hängt, bin ich jetzt eigentlich komplett fertig mit meinem Sommersitz.

Heute, hörte ich, soll es noch schneien.

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Montag, 14. April 2008

Real Life 13.4.2008 - Plexiglas

Gleich hinter der Abzweigung zum Achensee stehen ein paar Biker am Strassenrand, ein Auto mit Warnblinkanlage, ein Warnschild und, malerisch zwischen Asphalt und Gras verteilt, ein paar lose Kleinteile eines motorisierten Zweirades, dessen letzte Saison gerade begonnen und zugleich geendet hat, wie die verbeulte Masse belegt, neben der - offensichtlich unverletzt - der Fahrer auf die Polizei wartet. Es ist gar nicht so leicht in dieser Ecke zu entscheiden, ob es noch in Deutschland oder schon in Tirol passiert ist, was - als Unglück im Unglück - natürlich erheblich unerfreulicher wäre.



So etwas passiert. Besonders dann, wenn ungeduldige Fahrer erst mal lange im Stau stecken. Das passiert hier oft, auf dem Weg hoch zum Sylvenstein etwa schlich auf der Gegenfahrbahn durch den Ort Tegernsee eine schier endlose Schlange von Automobilen, deren Besitzern die Ungeduld ins Gesicht geschrieben war. Weil es so langsam, monoton und langweilig voranging. Und natürlich keiner weiss, warum es nicht weiter geht, warum Lambo, Z8 und die halbe Jahresproduktion von Porsche hier verdammt sind, ein paar hundert PS sinnlos durch die schmale Hauptstrasse zu schieben. Nach ein par hundert Metern hat man auch keine Lust mehr, den Motor aufheulen zu lassen. Was bleibt, ist die ungewohnte Ohnmacht von Entscheidern, nicht über ihr Fortkommen entscheiden zu können. Man sieht es ihnen an.

Es ist vielleicht ganz gut, dass sie nicht wissen, warum sie so kriechen. Es könnte ja sein, dass einer in seinem offenen Wagen deshalb lautstark den inneren Bohlen rauslässt und blöde Bemerkungen macht, die mich als Betrachter zwingen könnten, ihm jeglichen Respekt als Mitmensch zu verweigern. Und da gäbe es ganz sicher den ein oder anderen, denn die Ursache ist nicht nur menschlich - sie ist gegenüber den Leuten in ihren polierten, teuren Geschossen eine unangenehmer Hinweis.

Ein Mann. Ein Mann in bayerischer Tracht nämlich, mit Hut und Feder und Janker, und einer Decke an der Stelle, wo vielleicht Lederhose und Haferlschuhe sein könnten. Er kann nicht laufen, denn er führt nicht mal Krücken mit sich. Aber er hat diesen kleinen, gelben Elektrowagen, um sich herum weissgrün gestreifte Kissen, und nach hinten und vorne grob zugeschnittene Plexiglasscheiben. So, in Augen mancher vielleicht unangemessen, zockelt er mit 10 Kilometern pro Stunde über die Hauptstrasse von Tegernsee Richtung Gmund, und alle müssen sich seinem Tempo anpassen. Er weiss es. Und weil er es weiss, hält er in den Kurven auch ab und zu an, um Fussgänger passieren zu lassen, die der ein oder andere Verfolger in seinem Zorn über das Tempo am liebsten umnieten würde, einfach so.



Das Wetter ist inzwischen angenehm, du schaust nicht ohne ein Lächeln dem Mann mit seinem absurden Hütchen zwischen Plexiglas nach, der langen Reihe ungeduldiger Menschen hinter ihm, seiner Prozession der Entschleunigung, und weisst, wie sie nachher vorbeiziehen werden, und ihren Hass verschlucken, sie werden lieber darauf verzichten, als zu genau zu überlegen, was da unter der Decke ist, die der gleicht, die ihnen vielleicht auch bald droht, hinter dieser Kurve, einer anderen, einer Gelenkerkrankung und obendrein der nicht gerade lustigen Preisentwicklung im Gesundheitswesen.

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Nur 56k

Endlich Internet am Tegernsee, wenn auch nur mit Gepiepse und wackliger Verbindung.

Wirklich gefehlt hat es mir nicht, aber es ist nett zu haben. Was hingegen unerträglich ist, ist TV. Seit 20 Jahren halte ich mich zum ersten Mal wieder in einem Raum auf, der über eine Gästeglotze verfügt.



Und ich wüsste jetzt gerne, ob sich diese versanmelte Scheisse irgendjemand mal bewusst anschaut, und es erträgt. Was für ein Müll. Glücklicherweise sind hier jetzt endlich die ersten dreissig Bücher eingetroffen.

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Samstag, 12. April 2008

Weggewaschen

Dieser Samstag ist kein normaler Samstag. Es ist ein Samstag, der mich aus meinen Bergen in die Schotterebene treibt, zu einem Platz, auf dem ich sonst nie bin: Die Theresienwiese. Meine Gefühle gegen das dort stattfindende Oktoberfest als "Hass" zu bezeichnen, wäre eine linde Untertreibung, Wann immer ich konnte, habe ich diese Wochen ausserhalb von München verbracht. Sollten doch andere in die Kotze treten und in Messer stolpern.

Aber: Diesmal ist das Frühlingsfest, und wenn es den Plebs dorthin zieht, ist auch am ersten Samstag der grosse, nur einmal im Jahr stattfindende Flohmarkt. Und der ist richtig, richtig gut. Normalerweise. Dann wäre es auch kein Problem

1 versilbertes Besteck
1 Schreibtisch (Biedermeier)
2 Lampen für die Terasse
1 Perserteppich (Seide) für die Wand
1 Rosenthalservice
noch 1 versilbertes Besteck
1 Stehlampe

und noch ein paar Kleinigkeiten zu kaufen. Aber zuerst war meine kleine Schwester dabei, und die erzwang (nur Ramsch!) einen Abbruch, und beim zweiten Versuch, diesmal allein, kam der Regen.



Und ich stellte fest, dass auch ein Schirm auf meine Einkaufsliste gehören würde. Erst im letzten Moment kaufte ich einem runden Italiener einen Schreib-, oder besser Spieltisch ab. Biedermeier. Glück gehabt.

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Freitag, 11. April 2008

Empfehlung heute - Eine böse, alte Geschichte.

Es ist vielleicht nicht ganz dumm, sich mal wieder mit Wirtschaftsgeschichte zu beschäftigen. Nelson Bunker Hunt und die Silbereuphorie von 1979/80 sind ein prima Beispiel, wie wenige Leute ein ganzes Marktsystem dauerhaft zerstören können, und ich wage zu behaupten, dass sie nur Amateure gegen diejenigen waren, die uns aktuell in die Katastrophe reiten.

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Dienstleister

Wie soll man sich bei einer Hotline beschweren, die per Computerstimme vor der Weiterschaltung Basisinformationen zur Dienstleistung verlangt, die man aufgrund deren Versagens nicht erhalten hat und jetzt anfordern möchte? Und die keine Emailadresse zur Anforderung der Information hat?

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Freitag, 11. April 2008

Empfehlung heute - Ein glatter Schnitt

Aus dem finstren Stadtwald kommt der Henker
mit einem langem Strick und scharfer Axt.
Du bist die Frau von einem Zeitungslenker?
Egal! Im Schwertstreich dein Genick leis knackst.

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Real Life 10.4.2008 - Eine kompakte, schwarze Masse

Nachmittags, ungefähr zu der Zeit, da jenseits der Berliner Prekariatisten so ziemlich jeder Mensch, der Arbeit hat, dieser auch nachgeht, treffen sich die anderen in einer Konditorei in Gmund, und geben einen Vorgeschmack auf weitere Möglichkeiten, die soziale Schere zu öffnen.

Am Eingang sind ein paar sehr wohlerzogene Hunde angebunden und warten auf die leckerlibestückten Besitzer. An der Theke steht eine Frau, für die jede Elle-Diät umsonst Kiwis und Mangos mordet, und spielt beim Auswählen mit ihrer giftgrünen Pornobrille. Für ihren indischen Shawl hat vermutlich den Förderpreis für bengalische Kinderarbeit bekommen, und die in ihrer Sportlichkeit nicht ganz passenden Walkingschuhe verdanken ihre Entstehung vermutlich auch chinesischen Leuteschindern. Ein Wunder, dass sie die Damen hinter der Theke so liebenswürdig von einer Torte zur nächsten scheucht. Präventiv hat sie schon eine ebenfalls giftgrüne Brieftasche aus Lackleder in der Hand, und einen Schlüsselbund, an dem etwas unpassend ein kleines, gelbes Quietscheentchen hängt.

Während du noch überlegst, was du willst - leider ist mal wieder vieles, allzu vieles alkoholbedingt geeignet, Erbtanten reif für ein Treffen mit den hiesigen, fussballergatinnengeprüften Entziehungspfuscher zu machen - geht die Tür auf, und ein ziemlich altes Paar kommt herein. Sie hat das leidige Problem recht gut im Griff, Schaftstiefel wie aus "Gerti, die blonde SS-Bestie", und irgendwie hat es ein sicher nicht billiger Figaro geschafft, das Blond mit Strähnchen halbwegs echt aussehen zu lassen. Solang man das Gesicht nicht zu genau anschaut. Dann könnte man auch fast den Eindruck haben, dass sie erheblich jünger als ihr Mann ist.

Bei dem stimmt, statisch betrachtet, auch so einiges. Der Anzug, die Manschettenknöpfe, die Schuhe, ein Mann von Welt. Einer Welt, die vermutlich sehr klein geworden ist, so wie er seiner Frau hinterhertippelt. Eine gefühlte Ewigkeit nach ihr kommt er an der Theke an, von der Anstrenung fast so grau wie sein Anzug, bis auf die vielen Altersflecke, die er nicht wie seine Frau unter Kontrolle hat bringen lassen, weist mit zitternder Hand auf etwas und nuschelt "Frngfudr". "Ist das ein Frankfurter Kranz?", bescheidet seine Frau die Bedienung, und du wunderst dich fast, dass hier keine Peitsche im Spiel ist, oder jemand die Hacken zusammenschlägt. Sie nimmt, zahlt und knallt mit den Schuhen über die Fliessen, und der Mann kreucht ihr hinterher. Sie ist schon am Auto, einem 7er BMW, als du ihm die schwere Tür aufhältst. "Dnge", nuschelt er nach etwas Nachdenken, diese Sekunde, bis das Gehirn wieder die Koordination aus Bewegung, Erkenntnis und Reaktion zusammen hat , und schleppt sich weiter, die Blicke auf den Boden gerichtet und mit erkennbarer Anstrengung, diese kleine Welt, die ihm verblieben ist, zu überstehen, das ist die Hauptsache, von der traumhaft schöne Gegend hat er nichts mehr.



Du kaufst ein, und als du auf den Platz vor der Konditorei trittst, kommt eine kompakte, schwarze Masse die Strasse hoch, laut fauchend, ein 456er Ferrari. Nicht irgendein 456, sondern der, der früher auf deinem Parkplatz stand und der, zusammen mit zwei anderen, auch zu verkaufen gewesen wäre, aber du warst so vernünftig und hast dich für die Wohnung entschieden, und dem Verkäufer, der am Steuer sitzt, war es auch lieber so. Er sieht dich nicht, er fährt weiter, und vielleicht hat er gar nicht so unrecht, sich einen schönen Tag zu machen, und noch einen, das andere kommt vielleicht schneller, als man glauben mag, und dann profitiert nur noch derjenige, der die Frau für den kommenden Zweitmann renoviert, wenn man selbst längst in einem Premium Ressort alles vergessen hat.

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Der Tod in Tyrol

oder vom Glück, zu alt für Popkultur zu sein.





Zu alt für billiges Erschrecken und Splatter, für Brust-OP-Talks und Pieps über dem Fuck, zu alt für die allgegenwärtige Pseudosexualität und uneingelöste Versprechen nach dem guten, alten Fick, dem Versprechen ewiger Jugend als Vorgruppe, dem neuesten Scheiss und all dem Plastik, in dem derselbe verwahrt ist, überall von den Pimpcars bis zu den Wohnungen von neureichen Leuten aus Startup, Werbung und Plastiktönerei, die sich alles ausser Geschmack leisten können, mit einem mokanten Lächeln und der Hoffnung, leicht zu sterben, wenn die anderen bittschön an ihrer Dummheit krepiert sind, obwohl die eigentliche Strafe so ein Leben, so ein besschissenes Vegetieren in Würdelosigkeit als ein verfickter Popopa ist.

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Donnerstag, 10. April 2008

Es ist gerade mal 23 Uhr

und ich bin so müde, als wäre es bereits früher Morgen.

Das Spiel geht so: Es treffen sich ein Dutzend Leute mit vorher aufbereiteten Detailkenntnissen, und werfen das alles zusammen. In zehn Stunden entsteht so langsam ein ziemlich umfassendes Bild der Lage. Sowas kann spannend sein, wenn es um neue Erkenntnisse zur Formensprache pseudovenezianischer Gläser aus dem Böhmerwald im 18. Jahrhundert geht, da jucken dann auch die vergangenen Sozialbedingungen nicht mehr.

Aber diese Phase meines Lebens ist schon etwas länger vorbei, so vorbei, wie ich mir eigentlich das von der aktuellen Tätigkeit wünschen würde. Man ist mittlerweile so abgehärtet, dass Bankenpleiten mur mehr ein Schulterzucken auslösen, und wenn es um Billionen geht, sagt jeder - egal, sind ja nur Dollar. Das geht eine Weile gut, aber wenn man heimfährt und hört, dass auf der A9 16 Kilometer Stau sind, überrascht es doch, dass es ein LKW-Unfall ist, und kein Massenselbstmord der Mandantschaft. Die hat einen Teil des Vermögens riskiert - damit habe ich jetzt zu tun - und den grösseren Teil sicher angelegt - das erweist sich gerade als ähnlich beschissen wie das Risikogeschäft.

Ich kenne Leute, die inzwischen wöchentlich Rechnungen schreiben, und andere, die keine Rechnungen mehr schreiben in der Hoffnung, irgendwann noch irgendwas realisieren zu können. Das Ding hat verfluchte Ähnlichkeit mit einer Pestepedemie, keiner weiss, wer schon infiziert ist und wie lange die Inkubationszeit dauert. Man schüttelt nur noch spitze Finger, im Hinterkopf immer die Überlegung, was nun eigentlich die Wahrheit hinter der realistischen Einschätzung der Gesundheit des Anderen ist. Manche glauben, es sind spannende Zeiten, aber am Ende hänt man doch tiefer im Geschehen drin, als es einem lieb sein kann. In einer Situation, in der es jedem nur noch um das Kleinhalten der Verluste geht.

Man hört viel, was man nicht hören will. Das fängt mit der Ankündigung an, dass die Kündigung nicht angenommen wird, man hat sonst keinen, der das machen kann, und endet mit der Frage, ob man den Journalisten P. kenne, der sich offensichtlich von der anderen Seite hat kaufen lassen, als wäre er nicht beim investigativen Teil, sondern bei der Reiseseite angestellt.

Morgen muss ich ein bestelltes Schriftstück abgeben, und ich würde gern für die Leser etwas nettes reinschreiben, etwa, dass ich einen Laden entdeckt habe, der aus JAB-Anstötz-Stoffen genähte Hasen führt, und etwas für mich, dass ich ab jetzt ein Infoportal für südbayerische Seen betreibe. Leider fehlt es der Kundschaft an der nötigen fatalistischen Einstellung, solche Ablenkung als Win-Win-Situation zu begreifen. Ich bin sehr, sehr müde, und habe noch 12 Stunden, kein Infoportal und ziemlich viele Leute an der Backe, die so immens viel Geld verlieren werden, VerlustReiche, so heissen sie bei uns, zynisch, kann sein, aber selbst wenn man davon profitiert, geht man nicht als Sieger vom Platz. Es geht nur noch darum, wie übel man verliert.

Warum? Manche sind süchtig nach dem Spiel, andere haben nie etwas anders gelernt, ein paar verstehen nicht, was sie tun, und ich - ich habe einen Bescheid über die Grunderwerbssteuer bekommen. Ich war Seeimmobilienbesitzer und brauchte das Geld, kann ich später mal als Ausrede sagen.

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Empfehlung heute - Die DDR

und ihr langer Atem bei Miss Manierlich.

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Dienstag, 8. April 2008

Empfehlung heute - Morgen werde ich aufschreiben,

wie es ist, wenn man am Tegernsee wohnt und mit dem Roadster im Sonnenschein einen Alpenpass überquert, um dann im zauberhaften Schwaz bei einem Delicatessengeschäft namens Hörtnagl an der Theke von einem Spezialisten, der aussieht wie der mittelalte Charlton Heston nach drei Wochen Gletscherski, einen selbstgebackenen Cracker mit einem Batzen selbst gemachten Kräuterkäse angeboten zu bekommen, den man sich nach der Geschmacksexplosion im Mund zur Vermeidung eines Fressanfalls besser nicht dem gerade gekauften Zwiebelbaguette vorstellt, das es auch noch mit Bärlauch gäbe - ich denke, das ist das perfekte Kontrastprogramm zum Konsum an der Reeperbahn und zeigt zusammen idealtypisch, was in diesem unserem "Deutschland, dem Land des Aufschwungs", wie Matt es bezeichnet, an Erfahrungen möglich ist.

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Wo man bleiben kann - Platz 3: Lissabon

Da sass ich also im Winter 1995 in einem eher kleinen Kino in der Altstadt von Lissabon, das sich schnell füllte. Kurz vor dem Start des Films drückte sich ein älterer Herr mit den anderen Besuchern herein, blieb aber vorne stehen, wartete, bis sich alle gesetzt hatten, und begann zun erzählen. Über die Zeit unter Salazar, als man ihn eingesperrt hatte, über Diktaturen im Allgemeinen und im Speziellen, wie man sie zerbricht, und darüber, dass ihm bei seinem Weg der nun kommende Film "Casablanca" so geholfen habe, dass es für ihn der Kultfilm schlechthin sei, selbst wenn er sich auch überlegt hatte, dass er gerne nochmal den Körper von Anita Ekberg in Fellinis La dolce Vita gesehen hätte, aber letztendlich sei Bogart doch sein Ideal des Kämpfers, der Film drücke das aus, was ihn angetrieben habe, also wünsche er uns viel Spass. Er setzte sich in die erste Reihe, und dann begann der Film. Und ich dachte mir: Man kann viel Schlechtes über Portugal sagen, aber ich würde verdammt gerne in einem Land leben, in dem der Staatspräsident in einem ganz normalen Kino in seiner Nachbarschaft ganz normalen Leuten seinen Lieblingsfilm zeigt und obendrein nicht ein Politapparatschik ist, sondern ein Held.

Ich fand Lissabon schon grossartig, als ich mit dem Zug aus Madrid über die verschneiten Hochebenen der iberischen Halbinsel ankam. Madrid war grausam kalt, aber in Lissabon ist im Dezember Frühling. Es war mir vollkommen egal, dass die Wohnung gleich am Schwulenstrich war, die mitbewohnenden Waliser Dinge kochten, die noch schlimmer als der allgegenwärtige Bacalao stanken, und selbst der Machismo älterer Männer störte mich nicht weiter, angesichts dieser Stadt, dieser unfassbar schönen, weitgehend erhaltenen und früher mal sagenhaft reichen Stadt, die all das einzulösen vermag, was Neapel nur verspricht. Lissabon ist das Ende Europas, aber es ist extrem altes Europa, angefangen bei den Cafehäusern bis zu den Spuren all der Kulturen, die sich hier ein Stelldichein geben.

Die Erinnerung täuscht mich natürlich, ich habe in Lissabon sehr viel mehr gemacht, aber rückblickend bleiben Stunde und Tage in Cafes, wie es sie in Deutschland nicht gibt, es bleiben die Beutezüge über die Feira di Ladra und all die vollgestopften Antiquitätenläden der Alfama, und das Meeresufer von Belem runter nach Cascais, entlang der Strecke, an der ich mir etwas suchen würde. Lissabon zum Wohnen? Etwas laut vielleicht, und jenseits der Alfama und Bairro Alto mit lebensgefährlichem Autoverkehr versehen. Dortselbst aber - auch wohnenswert. Allerdings, wenn man Immobilienbesitzerblut hat, fallen einem die vielen resaturierungsbedürftigen Villen zwischen der Stadt und Estoril mit Meerblick auf, manchmal gar im maurischen Stil, und mit der Bahn ist man auch schnell in der Stadt.

Lissabon ist in jedem Fall eine sichere Adresse: Für Mitteleuropa günstige Lebenshaltungskosten, eine Stadt, die weiter wachsen wird, und obendrein noch nicht ganz verstanden hat, dass Altbauten ihre Qualitäten haben. Einrichten dürfte kein Problem sein; seit dem grossen Erdbeben (dessen Ausmasse wohl doch etwas übertrieben wurden, suchte man doch einen passenden Anlass für den grossen aufgeklärt-absolutistischen Wurf) ist man von grösseren Konflikten verschont geblieben, und als Anfang des 19. Jahrhunderts der Niedergang einsetzte, wurde immens viel einfach bewahrt. Nur um mal einen Begriff davon zu vermitteln: 18 klassisch geformte Karaffen, die in Deutschland als "Biedermeier" verkauft werden, konnte ich am Ende in den Flieger bringen, mehr als ich in all den Jahren in Deutschland sah, nebenbei gekauft für Kleinstbeträge und ausreichend bis in die dritte Generation nach mir.

Nach Lissabon sollte man gleich mit dem Lastwagen fahren, aber ich habe Angst, dass nach dem dritten Leuchter ein Händler sagen könnte, wenn man eine etwas beschädigte Villa am Strand dafür suche, sein Cousin wüsste da was - und dann würde ich mein Herz verlieren.

An etwas, das ich mir jetzt nicht mehr leisten kann. Aber zwei Karaffen aus Lissabon stehen als Mahnung am Tegernsee. Man merkt in diesem Satz vielleicht den Unterschied. Lissabon. Tegernsee. Das ist eigentlich keine Entscheidung, sondern ein Abgrund.

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Die Ähnlichkeit der Verlierer

Als ich den Tatzelwurm da sah, überlegte ich mir, an wen mich der eigentlich erinnert. Diese kalten, blauen Augen. Das Gegeifer. Dieses Rumwinden. Der ganze Charakter, der ihm innewohnt.



Jetzt ist es mir eingefallen. Der schaut aus wie der derzeitig noch im Amt verweilende CSU-Vorsitzende Huber. Dem es grad genauso nass reingeht. Wenn unser schwarzbraunes Regionalschmarrnblatt schon behauptrn muss, dass die neuesten Umfragen nicht allzu schlimm sind, weiss man, was los ist im Bayernland.

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