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Donnerstag, 1. Mai 2008

1180 Meter

Zugegeben: Der als Strasse eingezeichnete Weg zum Gassler Berg ist erheblich rennraduntauglich, und mit einem älteren Klassiker sollte man auch nicht solche Eröffnungstouren fahren. Oder schieben, denn manche Kurven sind für die grossen Übersetzungen definitiv zu steil. Aber es hat sich für die Sonnenstunden hoch über dem See gelohnt.



Auf dem Grat Richtung Norden dann der Aufmarsch der Wolkenformationen über dem flachen Land; über der Donau zieht es zu, Augsburg und München werden grau, nur im Osten über dem Chiemsee, hinter ins Salzburgische, bleibt es durchgehend sonnig. Vorerst.



Denn gegen halb sieben ist dann definitiv Schluss, und die Sonne geht hinter einer wirklich ernsten Wolkenfront unter.



Ohne Rennrad wäre ich irgendwo auf halbem Weg in einen formidablen Sturm marschiert. Mit Rennrad, auf losem Grund und grösseren Steinen im Weg, nicht zu vergessen die Weidegatter und mit praktisch profillosen Reifen ist das kein besonderer Spass, auch die Bremsen könnten besser sein, aber immer noch besser als oben eingesaut zu werden. In der Endzone dann als Bremsanlage freilaufende Hühner. Kein Federvieh musste für diesen Beitrag zur Seite gehen.

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Empfehlung heute - Aufspritzen

Frau S., die es wissen muss, schliesslich verdient ihre Schwiegertochter indirekt mit dem Verkauf neuer Kleider für die neue Haut sehr viel Geld, Frau S. also hat mir mal erklärt, wie das hier funktioniert: Da gibt es daheim in (beliebige Stadt mit einem besseren Viertel) eine Person, die natürlich alles mitnimmt, was so geboten wird, und einen ihr bekannten Arzt, der gegenüber der Allgemeinheit auch kein gutes Verhältnis hat, und der nun entdeckt an dieser armen Person ganz schreckliche Dinge, die eine Verbringung an einen möglichst mondänen Kurort zur Folge haben muss. Der Tegernsee beispielsweise steht da ziemlich weit oben auf der List, Bad Eining und Bad Abbach dagegen sind wirklich banal gerontokratisch dominiert.

Vor zwanzig Jahren, als die Medizin noch nicht so weit war, galten diese Gesundheitstouristen, nennen wir sie mal so, als die grosse Stunde der Juweliere. Im Rahmen der allgemeinen Wortverschönerung heisst die Kur inzwischen ohnehin Wellness, da passt das noch besser, und inzwischen gehören Zusatzleistungen zur Erfrischung von Körper und Haut einfach dazu, und ist dabei, auf den Einkaufslisten der Kommenden den Juwelieren den Spitzenplatz streitig zu machen. Da kommt also Frau Dr. P. aus B. hier an, sieht, dass alle, die schon zwei Wochen hier sind, bräuner und faltenfreier sind, und erfährt dann nebenbei, wer mit welchen Mitteln, keine 20 Minuten mit dem Taxi von hier entfernt, was machen kann. Ist gar nicht teuer. Daheim sehen sie dann aber sowas von erholt aus, nachdem man sie ein paar Wochen nicht sah. Und weil sich neue Haut mit alten Kleidern und Schmuck nicht verträgt, vermeldet man letztlich doch über alle Branchen hinweg steigende Umsätze. Schönheitsoperative Wellness, alles unter einem Hausdach mit einer Rechnung, der Juwelier hat auch seinen Schakasten in der Lobby, das ist die Zukunft des Sex on the beach mit Blick zum persönlichen Sonnenuntergang.



Aber nicht jede kann sich so eine Kur leisten, ausserdem gibt es da noch die Jungen, die auch gerne kleine Macken bereinigt sehen, und ich gehe mal davon aus, dass der von Strappato aufgezeigte Fall von Interessensverschränkungen tatsächlich das zum Ziel hat, was man gemeinhin als arbeitende Bevölkerung bezeichnet. Überhaupt frage ich mich, wann es eigentlich Schönheitsoperationspakete als Do-it-yourself neben der Bräunungscreme in der Drogiere gibt.

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Kulturpessimismus des Tages

Wie die Alten sungen



so pfeifen die Jungen.



Aber wenigstens hat Stefan einen dummen Feind.

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Mittwoch, 30. April 2008

Wetterwechsel II

Zweitwohnsitz, Ferienwohnung, der Garten, der zu bestellen ist: Leider gibt es am See auch noch etwas anderes als Vorruheständler, die das Sozialsystemdes Staates in den Wirtshäusern, Kliniken und Apotheken ruinieren. Am Südende des Sees ist alles mit Hotels zugepflastert, die in dieser Jahreszeit mit günstigen Angeboten für Kongressbuchung locken. Nicht ohne gute Gründe, schliesslich spricht es sich über Anlagen, sagen wir mal in weniger gut bestellten Regionen wie dem Osten, Berlin, dem Balkan und den unsicheren USA besser irgendwo, wo keine hässliche Realität hinter jeder Parkplatzmauer in Form von Platte, Investitionsruine, Aufbau Ost oder Leerstand mit den klapprigen Hüften wackelt. Hier lässt es sich fern von den Anfeindungen vorzüglich essen, reden, geniessen, und, äh, irgendwas war da noch, ach so, etwas zeichnen, zur Vermögenssicherung, nachdem die Rattenlinie von Rottach über Achensee nach Vorarlberg nicht mehr allzu weise ist. Mag sein, dass man in den mir bekannten Münchner Knochenbrecherkreisen gar nicht gut auf solche Anbieter zu sprechen ist, man könnte auch sagen, man ficht jurisistische Endkämpfe aus, aber dennoch ist es spannend zu wissen, was die jetzt so treiben, was sie erzählen, und was sie unerwähnt lassen.



Und während sie noch präsentierten und sich auf der Bühne die Hände schüttelten, und ich brav mit all den anderen Schafen applaudierte, verschwanden draussen die dichten, mehrlagigen Wolkendecken, Blau ward gesehen, Sonne gar, und als ich dann am Abend wieder Richtung Norden fuhr, in das, was unversehens zur Dienstwohnung geworden ist, war der Wetterwechsel wieder rückgängig gemacht. Das Wetter kann wandeln, viel leichter, als eine unvorsichtige Unterschrift, und fast so schnell wie die Jovalität derer, zu deren Gunsten sie geleistet wird, wenn man es endlich gewagt hat, und den grossen Sprung für das eigen Vermögen getan hat, wie es gerne von solchen Podien schallt.



Ich denke, es ist dieses latente Urlaubsszenario. So, wie man im Urlaub nicht auf den Preis schaut und die Köstlichkeiten ordert, für die man daheim acht Wochen am Knäckebrot mümmelt, verlieren sich Vernunft, scharfe Rechenkunst und Vorsicht, wenn es draussen plötzlich schön wird, und die Luft warm über dem Wasser zu flirren beginnt, ein paar Boote schaukeln im Wasser, und über die Hügel erheben sich die immer noch weissen Spitzen der Berge, als wären sie aus Zuckerguss. Hier ein Geschäft abgeschlossen zu haben, ist nochmal was ganz anderes als in einem Mietsaal draussen am Flughafen, wo die Kekse trocken und das einzig sehenswerte die scharfen Schutzmassnahmen für die Flugzeuge der El-Al sind. In der Ferne mag man vielleicht die Berge sehen, als Rand der Tiefebene, hier geht man einfach am Strand spazieren und kommt dann auch bei einem passenden Restaurant an, dessen Bedienungen ebenso schön wie die Portionen üppig sind.



Das alles hier macht milde. Es beschwert sich keiner, dass die Jugend durch den Pavillion ihre Skateboards hetzt, im Gegenteil, die Senioren auf den Bänken klatschen bei gelungenen Sprüngen. Man kann hier viel leichter glauben, dass alles gut ist und seine Ordnung hat, und wenn es morgen hell wird, werden wieder die Berge vor diesem einzigartigen Blau herüberleuchten, wenn man eben noch im Überschwang eine Nacht in einem *****plus-Hotel dranhängt. Das ist gut für einen selber, gut für das Hotel und auch nicht der Schaden des veranstaltenden Wirtschaftskriminellen, dessen Begleiter beim Portier nach dem Weg nach Österreich fragten, um dort schnell noch mal billig zu tanken, Benzin und Alk. Geht es nach denen, die mich bezahlen und mir somit die Überweisung der Grunderwerbssteuer mit meinem eigenen Geld erlauben (ein ärgerlicher, wiederkehrender Topos bis Mitte nächsten Monats, mindestens), werden sie den Alkohol schon bald zur Beruhigung und das Benzin zur Selbstverbrennung brauchen -

aber es ist schön hier. Wirklich schön. Zwei Stunden an der Strandpromenade, und solche Gedanken sind weltenfern.

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Empfehlung heute - Nach Frankfurt

mit Anke Groener zu ihr selbt ins Museum - als Historiker darf ich dazu vielleicht sagen, dass es ein eher seltsames Gefühl ist, sich musealisiert vorzufinden.

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Dienstag, 29. April 2008

Wetterwechsel

Als sich herausstellte, dass die stärker motorisierten Boote lediglich aus Plastik geformt waren, entschied ich mich doch für die schwächere Vatiante - die aber ist aus Holz und hat rote Kunstledersitze, eine gelungene Ergänzung für das Türkis des Wassers, um Bilder wie aus den 50er Jahren zu kreieren, aufgenommen über das Heck einer Riva.

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Und so fuhren wir dann entlang des Ufers, ich gab den Cicerone - dort der Paraplui, dort hinten die Blauberge und drüber Bad Wiessee und das lächerliche Casino - und jagte dazwischen die Lücken in den Wolken. Brachte dann den Gast zur Bahn nach München, wunderte mich schon etwas über die silbrige Farbe des Himmels, und am Seeufer angekommen, zeigte sich das Ende der halcyon days am Firmament.



Inzwischen peitscht ein mittelschwerer Sturm die Bäume in der Finsternis, waagrecht treibt der Regen vorbei, und dank der Höhe liegen die Wolken nun unter mir, über dem See, und gleichzeitig über mir in den Bergen. Ich bin dazwischen, wie immer, und warte auf den nächsten Wechsel.

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Gibt es nur in Berlin.

Über eine halbe Million geistig in allzu Begünstigter, die sich dafür einsetzen, einen Flughafen möglichst nah an den Wohngebieten mit Einflugschneisen und allem, was dazu gehört, Dreck, Gestank, Lärm, Stau und Risiken zu haben.

Liebe Berliner, ich gönne Euch vieles, sogar Ausgleichszahlungen zur Behebung Eurer zweitgrössten Probleme und öffentliche Lagerflächen zur Beseitigung Eurer Kühlschränke und Sofas, aber das grösste Problem, das ist in Euren Köpfen, da kann Euch keiner helfen.

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Ciao-Ciao, brüllte er.

Das Fiese an der Sache ist, dass man sich so schnell daran gewöhnt. Man könnte wirklich einen Sommer am See verleben, was spräche eigentlich dagegen, und solange Berichte über das schreiben, was für eine gewisse - noch ältere - Generation als Sonnenseite des Lebens gilt.



Wobei: Der fette Bayer der U30-Klasse gestern am See, der Geschäftsgeheimnisse über die Uferpromenade in sein Mobiltelefon brüllte, nach Powerpoints schrie und sich mit einem Ciao-Ciao verabschiedete, unter den bewundernden Blicken seiner schlanken Begleitung, die vermutlich Monopol liest und bei Laura Ashley einkauft, war in seiner trachtenjankrigen Vollzufriedenheit schwerer zu ertragen, als alle Fussballerferraris des Abends. Auch nicht schlimmer zwar als Handelsvertreter im ICE, aber hier ist die Fallhöhe für Hässliches angesichts der Landschaft grösser. Man muss das aufschreiben, man muss es erzählen, sonst glaubt es einem niemand. Auch das ist Deutschland, ganz ohne Probleme und eine grosse Koalition kleiner Geister, man ist fett, faul, zufrieden und mit sagenhaft schönem Wetter belohnt. Kein Biergarten erinnert an Hartziges, kein Yachtclub hat eine Finanzkrise, nur der CSU, der geht es sogar hinten in Kreuth dreckig.

Ich glaube, ich miete mir heute ein kleines Elektroboot.

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Montag, 28. April 2008

Von halb Sieben bis halb Acht

am Tegernsee, in Tegernsee







Kurz vor dieser Stelle ist zum Rücken des Betrachters der "Schlosspark" Tegernsee, eine kleine Grünfläche voller dichter Bärlauchbüscheln, die, mit Olivenöl und Grana Padano zu Pesto verarbeitet und einen Klacks Creme Fraiche veredelt, auf den Trüffelravioli diesen Abend bekrönten.

Ist in Ordnung, hier. Sogar den oberbayerischen Seen eher gleichgültig gegenüber stehende Zeitgenossen sind angetan.

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Vom Niedergang der Staatspartei und der eigenen Dummheit

So etwas, diesen Jägerstolz hätte es früher gar niemals auf dem Flohmarkt nicht in den Obstkistl auf dem Boden gegeben:



Fast ist man versucht, Mitleid zu haben, aber dann locken doch der Leuchter, das Imariporzellan, das Silber und die 100 kleinen, geschliffenen Spiegel mehr.

Vor ein paar Jahren, als es um die Einrichtung einer anderen Wohnung ging, sah deren Besitzerin in einer gehobenen Einrichtungszeitschrift eine Wanddekoration aus vielen kleinen, geschliffenen, facettierten Spiegeln und wollte sowas auch haben. Ich ging zum lokalen Glaser, den wir seit langem beschäftigen, und fragte nach einem Kostenvoranschlag. Damals hätte ein kleines, ovales Spiegelglas 10 und ein rindes Gegenstück 8 Euro gekostet. Damit war der Plan hinfällig.

Heute nun fand ich einen ganzen Karton voller solcher Spiegel, das Stück für 20 Cent, und nahm gleich 100 Stück davon. Drei Reihen später dachte ich mir, dass es dumm war; ich hätte einfach alles nehmen sollen. Ich ging zurück, Reihe um Reihe, aber da war nichts mehr. Irgendwann erkannte ich den Verkäufer wieder - und der hatte jemanden getroffen, der die ganze Kiste kaufte. Restlos.

Und sich wahrscheinlich scheckig über mich lachen würde, wüsste er von meiner dummen Knausrigkeit am falschen Fleck.

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Samstag, 26. April 2008

Der Fluch des Oregano

Es gibt Dinge, die sind unmöglich. Dazu gehört auch der Versuch, in der Nacht von Nürnberg in die Alpen zu fahren, wenn auf dem beifahrersitz ein Topf mit Oregano untergebracht ist, den man als Aufmerksamkeit für einen Transport bekommen hat. Nach 70 Kilometer ist man reif für ein Nachtmahl, verbleibt in der Provinz, kocht und schläft dort auch. Oregano ist tückisch.



Allerdings ist am nächsten Morgen dann endlich die neue World of Interiors da, mit exzellenten Beiträgen über einen indischen Palast, eine portugiesische Schlossküche, einen Bibliomanen und andere beneidenswerte Immobilien. Und zudem kommt endlich auch das Paket aus dem krisengeschüttelten England an, dessen Inhalt allerdings bald wieder verschenkt werden wird. Auf dem Wochenmarkt erfreut die Eierfrau mit einer anachronistischen Ansprache in 3. Person, was er, der Kunde, nachad bräuchte, das hat sich hier mancherorts über 200 Jahre gehalten, wie in der Zeit von Christoph Schaffrath, dessen Musik dank einer neuen CD das Frühstück begleitet.

So gesehen war es ein gelungener Morgen, durch den Oregano. Und ohne Blog wäre das alles so nicht passiert.

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Empfehlung heute - In die Puszta

mit der Oma geht es bei Andrea Diener.

Und mit mir morgen auf den Antikmarkt in Pfaffenhofen.

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Freitag, 25. April 2008

Ich war letztes Jahr

auf zu vielen Kongressen und Veranstaltungen, und das, obwohl ich kein einziges Mal als Besucher dort war. Das Problem ist, dass man irgendwann auch zusagt, ohne sich genauer mit dem Umfeld zu beschäftigen, und am Ende trifft man dann auf Leute, bei denen man sich wirklich wundert, wieso die nicht besser eine Schlosserlehre gemacht haben, statt andere ausbilden zu wollen, die am Ende die gleichen eingebildeten Knalltüten werden. Kann alles passieren, es gibt brilliante Organisatoren und Versager, aber irgendwann ist man soweit, dass man sich ein paar klare Regeln aufstellt, denn wenn es die Leute nichts kostet, achten sie es oft nicht besonders, und man sagt lieber dreimal ab, statt sich nochmal auf fragwürdige Typen einzulassen.



Es gibt aber auch die Fälle, da man kennt die Leute, mit denen man es zu tun hat. Den alternativen Medienpreis und seine Veranstalter kenne ich seit der ersten Runde von 1999, und da komme ich gern einfach so, denn Nürnberg ist nicht weit weg, und die Preisverleihung hat mir immer etwas gebracht, neue Ideen, Ansätze, Bekanntschaften, Spass und Parties mit Leuten, die nicht alternativ und anders tun und letztlich genau die gleiche Vermarktungsscheisse betreiben, wenn der passende Werbepleitier den nächsten Hype reiten möchte.



Ja, links. Ja, nichtkommerziell, vielleicht sogar antikommerziell und utopisch. Ganz sicher nicht marktkompatibel. Aber es ist wirklich schön, mal einen Abend nicht an jeder Ecke einen Zyniker sitzen zu haben, einen Koofmich und einen, der das nur als Karriereschritt auffasst, wie man das hier draussen nur zwei Klicks entfernt allenthalben findet. Ich bin Autodidakt, aber ich komme ursprünglich aus der Bürgerfunk-Ecke, ich mag den Ansatz, dass jeder kann und jeder darf und Hierarchien nur dann sein sollten, wenn sie unvermeidbar sind - was sich in Blogs übrigens besser umsetzen lässt, als im Radio.



Es ist viel Zeit vergangen, seit 1999, als Radio noch DAS alternative Medium schlechthin war. Der Wandel der Mediennutzung macht auch vor den Alternativen nicht Halt, egal ob sie nun strukturkonservativ auf Einschaltradio beharren, oder gleich ganz ins Netz gehen - was eigentlich, angesichts der Geschichte der Linken und ihrer normalerweise schnellen Aneignung von Technik, nur logisch wäre. Obwohl ich dort zweimal mit Radiofeatures gewonnen habe, käme es mir heute seltsam vor, einen Podcast zu produzieren, den man nur zu einer bestimmten Zeit auf einer Frequenz hören kann, mit einem immensen Aufwand, der dennoch weniger erreicht, als normaler Text. Ich will mich keinesfalls in die vulgäre Internetüberhöhung einreiehen, die alle anderen Medien im Nebensatz für obsolet erklärt, ich will auch nicht Lampedusa zitieren, aber ich bin verdammt froh, dass es das Internet und freie Software gibt, die Blogs ermöglichen. Es ist eine Chance, mehr erstmal nicht, aber eine bessere Chance, als Alternative sie je hatten.

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Empfehlung heute - Der neue Nachbar

versteht es, eine unkühle Region sehr kühl und fein abzubilden - es ist gar nicht so schlimm dort.

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Freitag, 25. April 2008

Chinesen verstehen

Ich schreibe: Chinesen verstehen. Und nicht: Verständnis für China und die dort regierende Diktatur haben.

Da passt was nicht zusammen. Einerseits das Bild des aufgeklärten Westens, das in China eine Diktatur erkennt, die foltert, unterdrückt, Minderheiten verfolgt, Blogger für einen falschen Satz für Jahre einsperrt und für das schlimmste Hinrichtungssystem unserer Zeit berüchtigt ist. Andererseits die gut ausgebildeten, nach unserer Meinung durchaus westlich orientierten Chinesen der jungen Generation, die das Internet selbstverständlich nutzen, um Kritiker in den eigenen Reihen mundtot zu machen, den Westen angreifen und Boykotte fordern - ganz so, als wäre China mehr als ein marodes Dritte-Welt-Land, das seinen begrenzten wirtschaftlichen Aufschwung billigem Konsummüll, Monopolbanken, dem Ausnutzen der fehlenden Altersvorsorge und Industriespionage verdankt.

In den letzten drei Jahren hatte ich ab und an mit dieser jüngeren Generation zu tun; bei Versteigerungen etwa, wo sie sich den chinesischen Exportkitsch des 19. Jahrhunderts kauften, um sowas wie eine Tradition zusammenzutragen, die es in China nicht mehr gibt. Vom Beginn des Opiumkrieges von 1840 bis zur Niederschlagung der Demokratiebewegung 1989 gibt es in China keine andere Tradition als die der Gewalt, des Mordens, der Unterdrückung, der Kriminellen und der Völkermörder. Es gibt weitgehend unbekannte Katastrophen wie den Krieg der zentralen Ebenen 1930, und bekannte wie den grossen Sprung nach vorn unter Mao. Deutschland hat schon ziemlich am Trauma des Dritten Reiches zu knabbern, aber man kann davon ausgehen, dass die Schrecken der Kulturrevolution in China erheblich näher sind, mit einem weitaus höheren Anteil von direkten Tätern in der Bevölkerung. Ob nun durch Westmächte verschuldet oder selbst gemacht: Die chinesische Geschichte ist für über 150 Jahre nichts, was man mit Wohlgefallen betrachten kann.



Nachdem in China das Äquivalent zum deutschen Faschismus immer noch am Drücker ist, darf es nicht verwundern, wenn die junge Generation ein ziemlich verdrehtes Bild ihrer eigenen Geschichte hat. China ist ein vollkommen skrupelloser Staat, neben dem eroberten Tibet führte es auch Kriege und Konflikte gegen Indien, Vietnam, die UdSSR, Südkorea und faktisch die USA, und ist als Waffenlieferant global an den meisten Krisenherden beteiligt. Und die meisten jungen Leute finden diese Weltmachtpolitik auch nicht schlecht.

Weil sie die Begünstigten des Systems sind. Man studiert in China nicht, wenn man etwas gegen das Regime hat. Man kommt nicht voran, wenn man das System kritisiert. Ich glaube, es ist ein massiver Fehler, diesen jungen Leuten mehr ethisches Bewusstsein zu unterstellen, als rechtsextremen deutschen Burschenschaftlern. Und daran wird auch kein Auslandsaufenthalt viel ändern, zumal die jungen Chinesen dort ohnehin unter dauerndem Rechtfertigungsdruck stehen. Das ist keine gute Gelegenheit für moderate Töne oder das Überdenken von Standpunkten. Diese Begünstigten haben von unseren Vorstellungen nichts, aber auch gar nichts zu gewinnen. Im Gegenteil, es sind gerade die entsetzlichen Bedingungen der Sweat Shops und Zwangsarbeiterlager, die den Reichtum dieser Elite (wie, das muss man natürlich dazusagen, auch die billigen Preise unserer neuesten Handies und Hemden) ausmachen.

Man muss weiter Druck machen. Aber man darf nicht erwarten, dass chinesische Eliten es toll finden, kratzt doch die Kritik an der Expansion nach Tibet an deren Selbstverständnis. China ist eine Diktatur, die wie viele andere ihre Stabilität aus der Begünstigung dieser Eliten bezieht, es gibt dort sowas wie einen Symbiose einer Diktatur und eines Manchester-Kapitalismus, und keinerlei demokratische Traditionen, was immer das sein mag. Sie werden im Schulterschluss versuchen, mit Ausweichen und Erpressung der Kritik zu begegnen, sie haben nicht vor, sich vom Westen irgendwas sagen zu lassen, sie stehen für den Fortbestand des Systems, und sie werden sich einen Dreck um das Ausland scheren, wenn die olympischen Spiele vorbei sind.

Druck ist deshalb nicht sinnlos. Er bringt das System in die Defensive, er bringt sie mehr in die Defensive, als er das System dadurch stabilisiert, und es gubt im Kampf gegen verbrecherische Regime nichts, was man unterlassen sollte - weil es auf der anderen Seite auch nichts gibt, was sie nicht auch tun würden. Aber bei diesem westlichen Anliegen auf Unterstützung aus dem chinesichen Volk hoffen, auf dessen Einsicht und Änderungswillen, ist, vorsichtig gesagt, reichlich optimistisch.

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Mittwoch, 23. April 2008

Empfehlung(sschreiben) heute - Amt für Irrsinn

Ab und an wird mir gesagt, dass dieses Blog auch von Verantwortlichen mancher Medien gelesen wird, vermutlich, weil Medienmenschen als verkappte Masochisten erst dann bereit für eine peinliche Anmache der Praktikantin sind, wenn man ihnen vorher klarmacht, dass sie allesamt eine verlauste Affenbande am stinkenden After der PR-Hängebauchschweine sind. Wie auch immer: Wenn Sie es noch immer nicht - wie der Autor dieser Zeilen - zu einem Job jenseits dieses Höllenkreises sowie einer angenehmen Zweitwohnung in einem angemessenen Millionärsviertel gebracht haben, die ihnen als Masochist auch nichts bringen würde, geben Sie, wenn Sie nicht Turi, Dieckmann, Baron, Graf oder Poschardt heissen - glauben Sie mir, Sie verstehen das sowieso nicht - schleunigst c17h19no3 einen Job. Die hat so viel Talent, die wird ihnen zeigen, wie man sich noch unter 40 in den Ruhestand schreibt.

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Die Skalpe meiner Feinde - Motobecane Mirage II

Es ist Sommer. Du wohnst am See, deine Mutter sieht gut aus, und dein Vater ist - als Sportarzt - reich. Das Wetter ist schön, du fährst jeden Morgen durch ein stilles, nobles Viertel und einen Park in die Schule, kein niederes Dasein ficht dich an, und die Haushaltshilfe nimmst du nicht wahr. Deine Bekannten sind wie du selbst, Kinder von denen, die hier den Ton angeben und festgelegt haben, dass es auch so bleiben soll. Sportarzt sollst du werden, das ist ein feiner Beruf, und garantiert die Stellung.

Allerdings, du bist gerade erst 15 geworden, einen Roller oder gar ein Auto darfst du noch nicht fahren, das fehlt noch zur Vollausstattung, die ansonsten, von Lacoste bis Amiga, längst vorhanden ist. Um diesem Defizit abzuhelfen, geht dein Vater zum Fahrradgeschäft, aus dem just zu dieser Zeit ein globaler Elektroschrotthändler erwächst, und besorgt dir dort eine blaue Motobecane Mirage, ein Rennrad mit 12 Gängen, Sachs-Huret-Schaltung und Weinmann-Bremsen. Es ist noch nicht das Beste, aber für den Schulweg reicht es, und vielleicht macht es dir auch keinen Spass, also ist es eine kluge Wahl: Robust, nicht zu teuer, schnell, aber keine hypernervöse Rennmaschine.

Es macht dir Spass. Denn jetzt bist du schneller als alle anderen, jetzt kannst du es den anderen im Viertel mal zeigen. Keiner ist so schnell wie du. Und keiner hat Lust, gegen dich ein Rennen zu fahren. Du bist nicht besser, du bist nicht sportlicher, aber du hast das bessere Material. Und keiner will sich von dir besiegen lassen. Nun aber kommt der Umstand ins Spiel, dass du nicht nur reiche Eltern und ein schnelles Rad hast, sondern auch einen Dachschaden. Du warst schon immer etwas brutal, du hast nie verstanden, dass es anderen weh tut, wenn du sie schlägst, aber du hast gelernt, dass deine Eltern dich schützen, und dass andere es cool finden, wenn du brutal bist. Du hast gelernt, dich im Viertel zu benehmen, und wenn du in der Schule über die Stränge schlägst, sagt dein Vater, dass es sicher die anderen waren, die weniger gut gestellten, gegen die du dich nur gewehrt hast.

Aber jetzt wurmt es dich. Du möchtest die anderen ihre Unterlegenheit spüren lassen, du willst leichte Siege, und wenn sie nicht wollen, zwingst du sie eben dazu. Zum Beispiel den jungen Porcamadonna mit seinem Tourenrad. Dem lauerst du auf. Du fährst voran, versteckst dich in einer Seitenstrasse, und wenn er vorbeifährt, schiesst du von hinten heran, und reisst ihm die Tasche vom Gepäckträger. Das machst du ein paar mal, und du bekommst dein Rennen. Er versucht, dir zu entkommen, nachdem er bei deiner Aktion gestürzt ist. Jeden zweiten Tag kannst du es ihm zeigen. Bis zu den grossen Ferien. Du gewinnst. Immer. Es ist ganz leicht.

In den grossen Ferien radelt der junge Porcamadonna zum ersten Mal nach Frankreich, mit seinem Tourenrad. Zwischen Bourg und Belfort macht es Zoing, dann nochmal Zoing, noch dreimal, und dann sind fünf Speichen am Hinterrad gerissen, das sich völlig verzogen nicht mehr bewegen lässt. Nach einer elenden Schlepperei kann man in Belfort wenig für ihn tun, er braucht ein neues Hinterrad, und der Patron des Radgeschäftes empfiehlt ihm, für weitere sportliche Aktivitäten das Tourenrad auf Garantie umzutauschen und sich gleich etwas ordentliches zu kaufen.

Dann kommt der Herbst, die Schule geht wieder los, und du freust dich darauf, endlich wieder ein Rennen zu gewinnen. Du siehst den jungen Porcamadonna weiter vorne, aber es ist gar nicht mehr so leicht, ihn einzuholen. Du kommst näher, er hat jetzt keinen Gepäckträger und auch kein Tourenrad mehr, sondern einen Rucksack und ein stahlblaues KTM-Rennrad. Er ist nicht mehr so langsam wie früher. Er ist schnell. Schneller. Es fällt ihm nicht schwer, schneller zu sein. Er ist von nun an immer schneller. Du gewinnst nie mehr. Mit 16 steigst du um auf einen Roller, das Rennrad ist dir egal, jetzt geht es um Frauen.

Mit 17 vergewaltigst du ein Mädchen, dein Vater haut dich vor dem Jugendrichter raus, steckt dich ein paar Wochen in die Klapse und schickt dich in die Schweiz in ein Internat, mit 22 kommst du bei einem Autounfall in Italien ums Leben.



Ein paar Dekaden später zieht der nicht mehr ganz junge Porcamadonna an den Tegernsee, wo er, sparsam, wie er spätestens seit dem Grunderwerbsteuerbescheid geworden ist, einen Teil der Wege mit dem Fahrrad zurückzulegen gedenkt. Auf einem Flohmarkt sucht er vergebens noch etwas Besteck, aber bei einem Händler fällt ihm ein nach über 20 Jahren fast makelloses Motobecane Mirage II auf, bei dem die Schaltungsritzel nicht die geringeste Verschmutzung aufweisen. Es kann nur sehr kurz in Betrieb gewesen sein, bevor der Besitzer das Interesse daran verloren hat. Nach all den Jahren ist der Freilauf blockiert und die Schaltung verstellt, aber das bekommt er hin, er hat ja Erfahrung mit dem Schrauben. Er hat bessere Räder, sehr viel bessere Räder, ein De Rosa mit Campa Super Record wäre natürlich schöner gewesen, aber für das Einkaufen in Tegernsee sollte es reichen, es war kein schlechtes Rad, das du damals hattest, eine klassische Maschine. Vielleicht macht er auch noch einen Gepäckträger hin.

Hier gibt es schliesslich keine Perversen auf Rennrädern, die ihre Überlegenheit demonstrieren, indem sie ihn vom Rad schubsen. Die fahren hier SUV, Q7, X5, M-Klasse. Würdest du vermutlich auch machen, aber du bist tot.

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