: : : denn sie wissen nicht was sie tun sollen : : :

Mittwoch, 12. November 2008

Pastorale im November

Es dürfte sich mittlerweile rumgesprochen haben: Auch ich bin kein Berliner. Allerdings habe ich nur 18 Monate gebraucht um hinlänglich zu verstehen, dass es mir nicht gut täte, würde ich je wirklich dort sein, und so packte ich eines schönen Maientags meinen Salbei und Rosmarin ins Auto und ging, ohne mich je dort registriert zu haben. Seitdem hat sich einiges getan; inzwischen wohne ich so weit von Berlin weg, wie man in Deutschland gerade mal kann, und wenn ich aufstehe, sieht das vor meiner Terrasse so aus:



Was mir anfänglich weniger als die Aussicht gefallen hat, war der Blick auf die Wand. Die hat man nämlich mit schwarz gebeiztem Holz verkleidet, wie das in der Alpenregion üblich ist, auf deren allererstem "Berg" zu wohnen ich das Vergnügen habe. Nun ist das Haus weder ein Rustikalpalast noch ein altes Bauernhaus, sondern ein zweckmässiger und nüchterner Bau der 70er Jahre, bei dem man eher eine weisse Wand erwartet hätte, als Holzbretter und grüne Fensterläden.



Heute morgen jedoch, als ich hinausging und mich an meine Arbeit in Form eines längeren Textes machte, habe ich verstanden: Am Morgen ist es bei uns noch nicht wirklich warm. Aber die Sonne steht niedrig, bestrahlt das schwarze Holz, das die Wärme aufnimmt und wieder abgibt, wenn man sich davor setzt. Sonne von vorne und Holz von Hinten ist wie ein Backherd mit Ober- und Unterhitze. Der Notar, der den Kaufvertrag letzten Februar besiegelte, war sehr braun, und ich fragte mich, wie dieser Mann das mitten im Winter macht. Nun, offensichtlich besass er auch so ein natürliches Solarium.



Und weil keine Arbeit ewig währt und das Thema schnell von der Hand ging, und obendrein ein wenig Sport keine schlechte Idee ist, und weil das Wetter dank Föhn auch schön blieb, schien auch noch eine kleine Bergtour am Nachmittag geraten. Nur zur Erinnerung: Es ist nicht Sommer, sondern der 11. November. Und ich fuhr im offenen Wagen zum Berg. Im Polohemd. Inzwischen war es für den Pulli zu warm.



Die Wärme, die auch beim Aufstieg erhalten bleibt, ist hier übrigens ganz anders als die von Abgasen und Heizluft geschwängerte Atemluftersatzdarreichung in den Städten, deren Wärme mit einer gewissen Stickigkeit einhergeht. Die Wärme durch den Föhn steht dazu in einem Verhältnis wie das Bimmeln der Kuhglocken zum Verkehrslärm. Dass man beim Einstieg unter prachtvollen Bäumen den Entgegenkommenden "Grüss Gott" oder "Servus" entgegenruft und nicht "Scheibenwäsche" oder "Ey was in Fresse ich schwör", hat auch seine Vorteile.



Im Wald wird es ohnehin schnell menschenleer.An Tagen wie diesen, da der Fallwind aus den hohen Alpen in die Täler fliesst, ist die Luft, wie eine hier kurende Prinzessin im 19. Jahrhundert einmal sagte, silbrig-leicht. Ich wüsste nicht, wie man es besser umschreiben könnte, auch auf über 1000 Meter Höhe, wo der Sauerstoff durch die Bäume erhalten bleibt. Am Wochenende erzählte ein Freund, eine Untersuchung hätte ergeben, dass Menschen in der Nähe von Natur und Parks unabhängig vom Einkommen länger leben. Ich tendiere dazu, es zu glauben.



Ich mag die Vorstellung nicht, dass es schon morgen hier oben schneien soll, dass dieser einzigartige Novemberanfang keinen Bestand hat und tatsächlich sowas wie der Winter kommt, aber wenn sich schon der Wetterumschwung ankündigt, mit niedrigen Wolkenbändern im Nordwesten, Regenschlieren zum Boden und dahinjagenden Wolkenfetzen am Übergang zur Föhnzone, dann bitteschön mit exakt diesem Spektakel wie heute auf der Neureuth.



Und trotz der kommenden Kaltfront ist die Sicht noch einmal atemberaubend. Die Spitze da vorne ist der Leonhardstein, den ich dieses Jahr schon bestiegen habe, dahinter die Aufgaben für das kommende Jahr: Die Blauberge mit dem Predigtstuhl, Rofan, Unnütz, dahinter der Karwendel, und schon bedeckt mit Eis und Schnee, 80, 120 Kilometer Richtung Südwesten und dennoch klar und in allen Details zu sehen, das Zentralmassiv der Alpen. Auf den Gipfeln dann: Die Grenze zu Südtirol und Italien.



Man müsste. Man könnte vielleicht sogar, wenn. Und wenn. Und wenn ausserdem. Der Jaufenpass wäre noch offen, die Sellarunde könnte auch noch gehen, oder weiter. Der Koffer wäre noch gepackt, aber. Und so geht es über Stock und Stein zum Wagen und hinab ins Tegernseer Tal und weiter zum Konditor, für die erste Belohnung nach den Strapazen, und die Konditorin fragt, wie es oben war, und schneidet die verbliebenen zweieinhalb Stücke in zwei dicke Hälften.



Wenn ich hier noch die den Tag beschliessenden Schlutzkrapfen mit frischer Bergbutter und Grana Padano zeigen würde, könnte es mir die Leserschaft endgültig übel nehmen. Und das will ich nicht, nach diesem Spätsommertag im Frühwinter.

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Es wird vermutlich noch ein paar Tage dauern

bis ich an der Blogbar das Scheitern von Zoomer und damit auch der einen oder anderen talentlosen Mitarbeiterin vermelden kann, aber man muss kein ostdeutsches Schmalspurstudium haben, um sich mal an der Blogbar ein paar Worte zur Kuschelzoothematik und den unschönen Folgen anzuhören.

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Dienstag, 11. November 2008

Opel, der Markt und der Tod

Ich war vor ein paar Wochen in Rüsselsheim. Prima am Main gelegen. Eine Staumauer den Fluss runter anlegen, fluten, und schon muss man sich kein Gewinsel der Opel-Chefs und ihrer amerikanischen Strippenzieher von GM mehr anhören, die 40 Milliarden Euro für den stockenden Fahrzeugabsatz in Europa wollen. Und dass gerade Opel quäkt, ist kein Zufall - hat die Deutsche Bank doch gerade das Kursziel für die GM-Aktie auf 0 gesenkt. Nachdem der Versuch, in den USA an Staatsgeld für missglückte Karren nicht vorankommt, soll jetzt Europa und Deutschland zahlen.

Das hier ist ein Talbot Lago T26 aus den frühen 50er Jahren in Brescia an der technischen Abnahme für die Mille Miglia:



Das ist nun wirklich ein schönes Auto, ein Klassiker des frühen Nachkriegsdesign, mit 120 PS und einer modernen Karosserie. Dennoch ging Talbot kurz danach fast pleite, die Firma edelster Sport- und Luxuswagen musste an Simca verkauft werden, die selbst an Chrysler verkauft wurde, um dann in der Krise der 70er Jahre wiederum an Peugeot-Citroen verkauft zu werden, wo Talbot dann als Name für Kleinwägen verwendet wurde. Mit den glorreichen Zeiten, als Talbot mit Bugatti, Alfa und Delahaye die Rennstrecken beherrschte, hatte das nichts mehr zu tun. Eine Schande, sicher.

Opel nun verdanken wir Kfz-historisch den Raketenwagen und mit dem Opel Olympia den ersten Serienwagen mit selbsttragender Karosserie. In den 20er Jahren war fast jedes zweite Auto in Deutschland ein Opel, aber die Weltwirtschaftskrise zwang die Firmeninhaber, den Laden an General Motors zu verkaufen. Immerhin ging es mit dem Fahrzeugbau weiter, und auch Öl- und Wirtschaftskrisen konnten der Firma nicht den Garaus machen. Opel hat viele Fehler gemacht - Prollschlitten für das Ruhrgebiet und Blogger in noch hässlicheren Autos - und das alles überlebt. Bis jetzt.

Talbot hat Autos gebaut, die für die Zeit im Vergleich zu anderen zu exotisch und zu teuer waren. Opel baut Autos, die im Vergleich zu anderen zu schlecht, zu gewöhnlich und zu teuer sind. Wir stecken mitten in einer Rezession, und Opel hat weder ein tolles Design noch einen tollen Ruf oder einen tollen Elektromotor oder sonstwas, das einen dazu bringen könnte, trotz Krise und Kreditknappheit genau so einen Opel zu kaufen. Opel ist noch hässlicher als Dacia, schlecht, langweilig und hat sogar die hauseigenen Legenden für Schrott wie den neuen GT verramscht. Wie so oft, konnte eine Firma wie Opel im Boom mithalten, aber die Krise macht solchen Firmen kapitalistisch korrekt das Licht aus. Weil sie keinen Markt mehr haben, den sie kostendeckend beliefern können. Und weil sie wie Ford an einer amerikanischen Mama kurz vor dem Exitus hängen.

Natürlich kommen sie jetzt alle mit der Propagandalüge, sie würden nach Jahrzehnten der Benzinfresserei schnellstens umweltfreundliche Wägen entwickeln - ein dreister Witz, wenn man die Vorlaufszeiten bei der Serienproduktion von Autos und die technischen Hürden neuartiger Antriebe kennt. Wenn Firmen das nicht hinbekommen, wenn Firmen in dieser Richtung die Trends verschlafen haben, dann sind das die amerikanischen Marken und ihre deutschen Ableger. Es würde heute keinen Sinn machen, die Verschrottung von Altautos - wie von Opel vorgeschlagen - mit einer Prämie zu belohnen und dann die Halden der technischen Opeldinosaurier zu verkaufen, die mich dann auf dem Jaufenpass ausbremsen und überholt werden müssen.



Wie man an Talbot und vielen anderen stolzen Marken - man nehme nur mal die ausgestorbene englische Autoindustrie! - sehen kann, ist das normal. Opel hält sich für so wichtig wie Rover oder Panhard oder die Rootes-Gruppe - und alle mussten erkennen, dass es auch ohne sie geht. Es wird auch ohne Opel gehen. Sollte GM pleite gehen, wird Opel verschwinden und den Markt anderen Firmen überlassen, die besser sind und dem Markt bessere Lösungen anbieten. Es gibt keinen plausiblen Grund, der deutschen Tochter eines US-Konzerns Milliarden zur indirekten Finanzierung ihrer lahmen, spritsaufenden Mühlen reinzuschieben, wenn damit innovative Hersteller Absatzprobleme bekommen.

Vielleicht findet sich auch jemand und kauft das Europageschäft von GM. Behält Opel als Billigmarke. Es gibt Emerging Markets und Drittweltstaaten, die kein Problem mit veralteter Technik haben, von den UdSSA bis nach Nigeria, zu betrachten an Firmen wie Jaguar für Indien oder MG und Rover für China. Die Geschichte ist voller Marken, die Krisen nicht überleben. Und es wäre schon ein verdammter Zynismus der Industriegeschichte, wenn Firmen wie Talbot verschwinden müssten, und sowas wie Opel würde auf Steuerzahlerkosten gerettet. Dann lieber wirklich den Adam-Opel-Stausee über Rüsselsheim anlegen.



Wie man am Tegernsee an den Resten der Fischerei im Wasser sieht, kann das sogar durchaus romantisch wirken.

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Die einfachen Dinge

Man kann alles übertreiben. Es gibt immer einen Punkt, an dem der Gewinn an Leistung nicht mehr mit dem Anwachsen des Preises mithalten kann. Wann genau es sich nicht mehr lohnt, muss jeder für sich selbst begründen; es gibt Leute, die finden die farblich abgesetzte Nähte ihrer Ledersitze im Auto für mehr als 2000 Euro für unverzichtbar. Und ich habe mit von TV-Kundigen erzählen lassen, dass der Trend zu japanischen Keramikmessern irgendwelcher Schnittdesigner oder damaszierten Klingen usbekischer Stahlstreichler oder was es da sonst noch gibt durch diverse Kochshows in den Kisten gefördert werden, die erstaunlicherweise von vielen einem guten Buch vorgezogen werden. Angenehm entspannt ist dagegen der Teil des mir soeben von einem Gast verehrten Buches "Hitze" von Bill Buford, der sich mit den Schneidegeräten des Kochs auseinandersetzt, wie ich heute morgen am Frühstückstisch lesen durfte.



Worauf kommt es bei einem Messer an? Dass es gut in der Hand liegt und schneidet, sollte man meinen. Vielleicht nicht so gut, dass man nur mal kurz mit dem Finger daran kommt und eine Tarte a la Blutwurst erfindet. Meiner Meinung nach ist es gar nicht so wünschenswert, wenn Messer spielerisch durch Gemüse gleiten; ganz im Gegenteill, ich schätze den Einsatz von Kraft bis an die Grenze der Gewalttätigkeit, denn Kochen ist keine Häkelstickerei und kein literarisches Fest, sondern der letzte legitime Akt der Alltagsgewalt. Hier bin ich Schlächter, hier darf ich es sein, möchte ich sagen, und deshalb ist es fein, wenn das Messer schneidet, ohne dass es dabei wie das Nichtkochen einer dieser parfümersoffenen Brillitanten aussehen würde, das die Werbung in der World of Interior als Ideal präsentiert. Nun war ich am Wochenende im schönen Meran unter den Lauben, besuchte dabei auch das alteingesessene Fachgeschäft der Frasnellis und dachte mir so, als ein paar dumme Blagen eines unbesorgen Kunden das Porzellan im Schaufenster bedappten und kippelten, dass dieses schlichte Küchenmesser mit dicken Messingnieten und dem schlichten Holzgriff eine feine Sache sein könnte.



Es passte einfach. Es lag schön in der Hand, das unebene Holz fühlte sich gut und wohlgeformt an, und wenn es erst mal ein paar Mal in Gebrauch war, wird es auch eine feine Patina bekommen. Plastik dagegen sieht immer etwas schmutzig aus, und die modisch harten, schwarzen Griffe halten bei meiner Küchenarbeit mitunter nur ein paar Monate, bis das spröde Material an den Nieten bricht. Dieses Messer ist eher schlicht und könnte auch ein paar Jahrhunderte alt sein, denn auch auf den Küchenstücken der flämischen Meister und in mittelalterlichen Latrinen finden sich diese Stücke, mit der breiten Klinge und der Verdickung am Ende des Griffs; die Quintessenz aus Jahrhunderten europäischer Küchenpraxis. Natürlich gibt es elegantere Formen, aber hier geht es nicht um Designwettbewerbe, sondern um Schneiden mit der handgeschliffenen Schneide und - schnell umgedreht - um das Herunderschieben des Geschnittenen vom Brett mit dem Messerrücken. Mehr muss nicht sein, genau das geht perfekt, egal ob grob geschnittene Rauke, fein gewürfelte Mangoldstiele oder die Stücke der fertigen Tarte. Und das alles für 10 Euro unter den Lauben aus Meran.

(10. November 2008. 20 Grad, und von 9 bis 4 sitze ich draussen in der Sonne. Noch so ein einfaches Ding. An Tagen wie heute lohnt sich die Wohnung.)

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Sonntag, 9. November 2008

Blau






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Samstag, 8. November 2008

Erster Schnee

Ich komme von ganz oben. So hoch man gerade noch kommt. Umbrail und Stilfser Joch sind seit ein paar Tagen zu, Lawinengefahr, der Jaufenpass liegt schon verwaist im Schnee.



Nie war die Auffahrt so frei, nie war es da oben so einsam, allein mit den Wolken, dem Wind und den eisgepanzerten Bergen. Ich war in der Zukunft, und was von dort ins Tal kommt, ist kalt, lebensfeindlich und bitter.



Und es war eine Fahrt zum Tod; der lange Zug der Frauen aus Reschen durch das Dorf in die kleine, braungraue Kirche hinter dem Sarg, danach die Kapelle ohne Musik, und eine, die umkehrte, den Hut in der Hand und die Kirche nicht betrat, wer weiss, was sie mit dem Toten an Hass oder Liebe hatte. Da oben stirbt man nicht einfach, man bleibt unter den anderen, so oder so. 1000, 2000 Kurven später ist es nur kalt im offenen Wagen, nur kalt, aber schön, lebendig und voller Erinnerungen.



Ich war in vier Ländern, ich habe Tuorta da Nusch aus Müstair geholt. Bergkäse und Coppa aus Naturns, wo nebenan in St. Prokulus die Heiligen geröstet werden, Öl, Grana und Vinschgauer aus Meran und dort noch einmal unter den Lauben gegessen, Kaffee und Salz aus Österreich mitgebracht und Torte aus Gmund. Das meiste wird halten, manches wurde schon gekocht, und wer weiss, wann ich wieder wie der Wind über die Pässe fege, die im Tal dunkel und an den Spitzen vereist sind. Der Winter kann kommen, für mich und die Gäste.

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Freitag, 7. November 2008

Harte Tage für harte Männer

Vieles in meiner alten Wohngegend hat sich zum Schlechteren verändert. Das La Boheme: Weg. Der türkische Imbiss mit dem selbstgebackenen Brot: Weg. Das nette Antiquariat in der Schellingstrasse: Weg. Der Türkendolch: Weg. Statt dessen ein Lokal, das Soda heisst. Sehr viele Kleiderläden für anämische Globalclone. Studenten wohnen hier kaum noch, und die Kochschule ist immer rappelvoll. All die Probleme, die mit der 1a-Lage in einer zu teuren Stadt vermutlich unvermeidlich sind. Insofern ist es angenehm, dass in der Nordendstrasse/ Ecke Bauerstrasse mit Heckmüller ein Fachgeschäft für Kindermoden und Herrenwäsche existiert, das bruchlos aus den 60er Jahren stammen könnte. Dort kam ich gestern vorbei und sah die Pullis mit der Aufschrift Monza, neben den heute wieder todschicken, in meinen Augen aber eher BWL-spiessigen Rautensweatshirts.



Ich dachte an heute, an die Schneeberge auf den Pässen und den eisigen Wind in den Höhen, betrat alsdann den Laden und sprach: "Ich werde morgen auf einer Passhöhe in den Alpen in meinem offenen Wagen vermutlich erfrieren, und würde das gerne in einem dieser weissen Monza-Pullover tun; haben Sie ihn in Grösse L vorrätig?" Sie hatten, ich probierte und kaufte in der festen Überzeugung, mit der Monza-Aufschrift längst über das Alter hinaus zu sein, in dem man noch sowas wie Midlifecrisis haben kann und Torheiten wie Pässe im Schnee grundlos macht - vielmehr habe ich durchaus rationale Gründe, warum ich heute in Regionen anzutreffen sind, die andere längst auf Skiern betreten und in Rettungshubschraubern verlassen. Um nur mal den geringsten Grund anzuführen:



Ich muss meine einerseits neuen und ungetragenen, andererseits schon ziemlich vintage anmutenden und unverschämt günstigen Autohandschuhe einfahren. Die gerieten heute in einem Antikmarkt in meine Hände, waren noch zusammengenäht und aus dickem Hirschleder gefertig, das über die Jahre hart und unflexibel wurde. Kenner dieses Blogs werden vielleicht anmerken, dass es von mir Bilder mit mindestens vier Paar anderer, weicher und anschmiegsamer Handschuhe für offenes Fahren gibt, und sie haben recht: Aber die neuen Handschuhe sind nicht nur für das Fahren geeignet. Sie sind die einzigen, mit denen man auch den Wagenheber bedienen, Zentralverschlüsse aufschlagen oder ohne grosse Sorgen den heissen Motor anfassen könnte.

Abgesehen davon passen sie perfekt zum Pullover. Oder andersrum. Und das kann man so nicht am See tragen, also muss ich in die Berge. Weitere rationale Gründe kann ich mir ja heute zwischen Innbruck und Vorarlberg einfallen lassen. Sage solange bitter keiner, dass sich Herrenwäsche und Mode für grössere Kinder nicht ausschliessen würden.

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Freitag, 7. November 2008

SM-Himmel

Schlag mich! Martere mich! Gib mir Heiligennamen!



(Aus der beliebten Reihe: Kulturhistoriker belieben zu scherzen)

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Gewissen?

Die SPD in Hessen ist natürlich etwas ungeschickt. Solche Eingeständnisse einer Verräterin in den eigenen Reihen auf der eigenen Website zu veröffentlichen und wieder runterzunehmen, ist suboptimal. Üblicherweise würde man sowas befreundeten Journalisten diskret zur Verfügung stellen, die dann, anders als es die Beihelfer in der FAZ tun, die Fragen stellen könnten, die wirklich spannend sind. Aber wenn sich die Medien weitgehend zur Jagd auf die SPD gleichschalten und erst gar nicht wissen wollen, welche Motive es für den Verrat sonst noch geben könnte, findet man wohl kaum einen Journalisten, der sich dahinterklemmen will und darf. Die schreiben lieber von Gefahr für Leib und Leben, weil der SPD-Mann im Hintergrund mit dem vom Verrat begünstigten Innenminister der CDU übereinkommt, dass Polizeischutz organisiert wird. Keine parteipolitischen und finanziellen Interessen, nirgends.

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Mittwoch, 5. November 2008

Yes we can blackmail

Du hast eine Wohnung am Rande der Berge, gleich oberhalb eines traumhaft schönen Sees. Es ist Anfang November und immer noch sehr warm. Das Wetter ist wunderbar, und du entschliesst dich, heute mit einer Bekannten in ein Kloster zu fahren, das eine Wirtschaft mitsamt Sonnenterasse und einen phänomenalen Blick über die Alpenkette vom Chiemgau bis zur Zugspitze hat. Eine Sonnenterasse, auf der sich fette, alte Münchner an Schweinshaxen vollfressen, bis sie nicht mehr können und der Würgerei überdrüssig die Knödel zurück gehen lassen.



Du setzt dich an den äussersten Rand, denn schön ist das reiche Schauspiel nicht, und entscheidest dich für einen Germknödel. Es dauert ein wenig, weil es trotz Werktag voll ist, aber da ist diese Fernsicht mit 100 Kilometern, an der du dich nicht sattgeaffen kannst. Dann kommt der Germknödel und bildet den ersten Hügel in einer langen, grandiosen Reihe von Bergen voller Wald, Fels und Schnee.



Um das alles perfekt zu machen, erlebst du auch noch einen grandiosen Sonnenuntergang; Du würdest Deine Begleiterin jetzt gerne umarmen, in diesem warmen, satten, alles durchdringenden Licht, das dich aufsaugt mit seinem Glanz,



es zieht dich hinein, entreisst dir den italienischen Namen, das Leben, die Wohnung, den See, den Geschmack des Germknödels, du bist nackt in diesem Licht, es wirft dich auf deine Existenz zurück und obendrein in ein Bett in einem Schwellenland. Genauer, das viertgrösste Schwellenland der Erde, dein Kopf dröhnt noch vom Licht und vom Alk gestern Abend, und langsam fällt es dir ein: Du hast keine Wohnung am Tegernsee und keine Bekannte, die wie Romy Schneider aussieht, du bekommst keine Germknödel und das da vor dem Fenster sind auch keine Berge, sondern die von Favelas umschlossene Hauptstadt Washington. Du heisst Obama, bist seit gestern so eine Art künftiger Diktator, kannst aber im Gegensatz zu den drei grösseren Schwellenländern weder Wahlen kaufen wie die Inder, noch einen Volkskongress einschüchtern wie die Chinesen, und Oligarchen verknacken und Firmen erpressen wie der Putin darfst du auch nicht. Kurz, du bist der Boss eines maroden Landes, und du musst jetzt aufräumen, was dein Vorgänger Idi George Amin Bush an Zerstörung hinterlassen hat; ein paar Kriege, eine angekotzte Welt, und einen Quasi-Staatsbankrott, den Leute angezettelt haben, die dummerweise für deine Wahl gezahlt haben. Du beginnst zu begreifen, dass es eigentlich gar nicht so schlecht wäre, wenn jetzt deine besiegten Gegner, die Alte mit den Glubschaugen oder der Tattergreis die Scheisse angehen müssten.

Gestern warst der Held, heute wollen sie schon, dass du ihnen die fetten Arsche auswischst. Es ist der Tag nach dem Sieg, und die Hauskreditversicherer Ambac und MBIA lassen dich wissen, dass sie zusammen im letzten Quartal über 3,3 Milliarden Dollar Verlust verzeichnet haben. Um das in Relation zu setzen: Die einzelne Ambac-Aktie ist 2,01 Dollar wert, und macht einen Verlust von 8,45 Dollar. Sprich, die Läden sind so fertig und windig wie einer ihrer Subprimekunden im Rust Belt. Leider kannst du sie nicht pleite gehen lassen. Ohne Kreditrisikoversicherung werden Banken keine Kredite geben, und die Wirtschaft wird leiden. Also, das heisst: Was von ihr noch da ist, nachdem tausende Banken durch die Pleite der Versicherer gezwungen wären, die von Ambac und MBIA vertriebenen Derivate mit exakt Null anzusetzen, mit unabsehbaren Folgen für die Weltwirtschaft. Das wird teuer. Zumal jetzt auch wieder das für die Refinanzierung so wichtige Rating wackelt.

Du hängst noch kotzend über dem Waschbecken, da stehen auch schon die Jungs des Autofinanzierer GMAC in der Tür. Eine Hälfte gehört General Motor, die andere dem Hedgefonds Cerberus, dem auch Chrysler gehört. Und siehe da, auch sie haben wegen schlecht zahlender Kundschaft 2,5 Milliarden Quartalsverlust. Wenn die keine Kredite mehr geben - wer soll dann noch einen schrottigen US-Wagen kaufen? Da wird der Staat helfen müssen. Sonst bricht der Staat zusammen. All diese Klitschen sind ziemlich tot, und du musst sie jetzt retten, damit sie im Untergang dem Land nicht den Rest geben. Deren Lage ist verzweifelt, aber deine ist auch nicht besser, wenn du solche Verwerfungen mit vielen Steuermilliarden beheben musst.

Also, es ist der 5. November und du hast die Arschlochkarte in diesem Spiel gezogen, gehe in das Oval Office. Gehe direkt dorthin, gehe nicht über den Biergarten von Kloster Reitberg Reutberg und ziehe keinen Germknödel ein.

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Föhnsturm

Seien wir ehrlich: Ohne den strammen Wind aus dem Süden wäre es heute einfach viel zu heiss.



Grosses Bild hier

Man sagt, es sei die längste Föhnphase seit Menschengedenken.

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Guter Morgen

1985 ging ich in meiner Heimatstadt in die Post, um ein paar englische Bücher abzuholen. Vor dem Gebäude hatten sich ein paar komisch aussehenden Demonstranten aufgebaut, mit antikommunistischen Plakaten, und einer mit offensichtlich amerikanischer Herkunft geiferte mich an: "Wia sin gägen die neue stalinistische Hidler Gorbatschow!" Wie wir erfahren durften, sollte man erst mal abwarten, solange es keine eindeutigen Klogriffe wie Bush, Andropov, Reagan oder Ceaucescu sind.



An dieser Stelle auch ein herzlichen "Fuck you" an die 48% der amerikanischen Wähler, die den Ernst der Lage noch immer nicht begriffen haben und erneut für die Republikaner, ihren Opa und die bigotte Nachfolgekatastrophe gestimmt haben. Hier am Tegernsee ist es wunderschön, es gibt Föhn und jetzt schon über 20 Grad in der Sonne.



Life´s ok.

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Dienstag, 4. November 2008

Pretium laborum non vile

Ein wenig Föhnsturm im Schlosspark Ambras bei Innsbruck















Ich mag diese spezifisch irreale Stimmung, die einem Schlosspark zu eigen ist. Diese Ignoranz der Realität, das Zurechtmachen der Natur, und die Wesen, die davon angezogen werden.

Am Ende dann ein schwarzer Schwan. "Der schwarze Schwan" ist ein im Moment beliebtes Buch über scheinbare Unvorhersehbarkeit in der Wirtschaft, und zu solchen Phänomenen gehört auch, dass seit einer Woche so gut wie keinerlei guten Nachrichten aus der Wirtschaft kommen, und Aktien von Firmen am Anfang der schlimmsten Rezession seit 40 Jahren üppig steigen. Ich habe den Eindruck, dass es vor allem an der begrenzten Sicht der Marktteilnehmer liegt, die Implosion in Irland (da, wo der Staat für kaputte Banken garantieren will) wird so wenig beachtet oder auch nur vermeldet wie die Vollbremsung der ungarischen Wirtschaft. Ryanair bietet ab nächstem Jahr transatlantische Flüge ab 10 Euro an - weil es gerade massenhaft fast unverkäufliche Passagiermaschinen der Konkurrenz gibt, und weil weniger Leute in die USA wollen. Hier kommt sie, die Deflation, und die Aktien frisst sie auch noch, in ein paar Tagen. Oder Wochen. Ausserhalb der Mauern des Schlossparks, in dem gerupfte Pfauen auf Kinder warten, die ihnen für 10 Cent Vogelfutter kaufen, und nicht darauf achten, dass dieser Schwan im Wasser schwarz ist.

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Empfehlung heute - Ich mag Baudrillard

Eigentlich, dachte ich mir heute beim Frühstück, eigentlich hat die Wirtschaftskrise ja auch ihr Gutes. Sie schickt manche Titanen in den Staub, Märkte kommen wieder in ihre Gleise zurück, und ihre Kontraktion sorgt dafür, dass ein paar besonders beschissene Beufszweige demnächst ihre Büttel abwerfen, wie die Bäume da draussen ihre braunen Blätter.



Nehmen wir nur mal die Mediensimulationen, nachgerade im Internet. So Gossenschwemmen wie Spiegel Online, Daytradergeschmiere wie die FTD und noch viele andere. Teilweise natürlich auch Print, man muss nicht weit gehen, um sie zu finden. All die wohlfeilen Strich- und Stricherbuden, deren hugenbergöse Nachgangsgrützlinge seit Monaten andeuten, dass sie jeden Zuwachs der Schwarzbraun helfenden Steigbügelschurkerei bejubeln werden, und es nun - von 0 auf 4 in 65 Jahren - auch ausgiebig würdigen. Das, was ihnen bei Schröder nur teilweise gelungen ist, haben sie jetzt bei der hessischen SPD geschafft, und 4 der heimtückischsten Sozialdemokraten seit Noske dürfen sich nun freuen, bestätigt zu werden. Solange noch Geld für die Büchsenspanner der sog. 4. Gewalt da ist.

Und da schaut es schlecht aus. Wirklich schlecht. Nehmen wir nur mal die FTD, seit Anbeginn ein Verlustbringer für Gruner + Jahr, eine neoliberalalale Heilsverkündigungsklitsche, die nach den eigenen Massstäben als quietschrote Bilanzverschandelung längst in den Orkus gehören würde. Oder unsere Freunde vom Spiegel, die gerade das harte Brot des Auflageneinbruchs in das Maul gestopft bekommen. In Verbindung mit dem Anzeigengeschäft, das schneller fällt, als der Koch einen Umschlag mit jüdischen Vermächtnissen rüberschieben könnte, wird das alles kein Spass. Ja, es trifft sicher auch die Falschen, aber so mancher Richtiger wird unabsichtlich auch vom Markt gestraft werden. Und die PR-Stellen, auf die man sich flüchten kann, sind auch nicht mehr so üppig gesäht. Andere schleimen sicher billiger. Käuflichkeit gehört sowieso dazu. Manche werden unter die Räder kommen, und wie schon 2000 finde ich das gar nicht so schlecht. Damals die New Economy Lügner, heute die neoliberalen Begleitfurzmusikanten.

Ich werde dann immer noch auf meiner Terasse sitzen. Und ich bin mir sicher, dass auch Lübberding dann noch feine Texte über Baudrillard, Gewissen und Verrat schreiben wird. Und das Glas, das ich an dem Tage heben werde, da Hessen entbräunt ist, steht schon in meinem Küchenschrank. Langfristig sind sie alle Haider.

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