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Dienstag, 4. November 2008
Das lebende Fossil vom Spitzingsee
Man kennt das: In abgelegenen Regionen, nicht weit entfernt von lebensfeindlichen Wüsten und Einöden, wie beispielsweise der in Auflösung befindlichen SchurkengenossenschaRepublik Österreich, überstehen Lebensformen lange Zeitläufe, die sie andernorts längst hinweggespült haben. An der Grenze zu Österreich, in einer deutschen Sackgasse und von einem 1150 Meter hohen Sattel vom eh schon retardierten Schliersee getrennt, befindet sich der Spitzingsee, und an dessen Gestaden wird in einem Cafe ein Apfelrahmkuchen gehalten, den man ansonsten nur noch von Stillleben des 18. Jahrhunderts kennt:

Da ist der hoch überstehende Rand, der früher typisch für Kuchen war, das sind die handgeschnittenen Apfelscheiben, da ist der Rahm, den man heute unter Hungerleiderzwang nicht würde haben wollen, und da ist das Fehlen des Zuckers. Zucker war teuer, deshalb lebt der Kuchen allein vom Fruchtzucker der Äpfel und der Süsse des Honigs. So hat man das früher gemacht, und deshalb glänzen die Kuchen des 18. Jahrhunderts auch so gelblich in den prunkvollen Darstellungen der Tischkultur.

Das Ganze findet sich mit Sonnenterasse und blauweiss bedirndelter Bedienung - inzwischen finde ich diese Tracht gar nicht mehr so besonders, nur hier ist es mir wegen des besonders angenehmen und natürlichen Exemplars aufgefallen - im Cafe Kameter, und selbst, wenn man mich dafür zwischen Ostsee und Main hassen wird: Auf 1100 Meter wurde es heute locker über 20 Grad warm. Der Spaziergang um den Spitzingsee war dann auch nur mit Ablegen des Pullovers zu ertragen. Bei der Gelegenheit habe ich auch das Haus gefunden, in dem man prima einen Roman über die schlechte Zeit schreiben könnte, in der man einen Aston Martin DB7 mit 40.000 Meilen auf dem Tacho für weit unter 20.000 Euro kaufen kann. Allerdings braucht man den hier oben nicht, denn das Haus ist nur zu Fuss zu erreichen, und wozu einkaufen, wenn man zum Cafe rudern kann?

Ein kleiner Nachteil bleibt bestehen: Dieser grandiose Sonnenuntergang liess den See schon kurz nach 3 Uhr in Silber erstrahlen. Toll, wenn man viel zu lesen hat, eine Deadline für einen Roman, oder was immer man sonst so in der Einöde treiben kann. Oder vielleicht doch keinen Roman, sondern Kochübungen nach Grossmuttern Art. Und hoffen, dass auch dieses Jahr der Schnee ausbleibt. Sonst verwandelt sich die Region leider in der Münchner liebstes Skigebiet.

Da ist der hoch überstehende Rand, der früher typisch für Kuchen war, das sind die handgeschnittenen Apfelscheiben, da ist der Rahm, den man heute unter Hungerleiderzwang nicht würde haben wollen, und da ist das Fehlen des Zuckers. Zucker war teuer, deshalb lebt der Kuchen allein vom Fruchtzucker der Äpfel und der Süsse des Honigs. So hat man das früher gemacht, und deshalb glänzen die Kuchen des 18. Jahrhunderts auch so gelblich in den prunkvollen Darstellungen der Tischkultur.

Das Ganze findet sich mit Sonnenterasse und blauweiss bedirndelter Bedienung - inzwischen finde ich diese Tracht gar nicht mehr so besonders, nur hier ist es mir wegen des besonders angenehmen und natürlichen Exemplars aufgefallen - im Cafe Kameter, und selbst, wenn man mich dafür zwischen Ostsee und Main hassen wird: Auf 1100 Meter wurde es heute locker über 20 Grad warm. Der Spaziergang um den Spitzingsee war dann auch nur mit Ablegen des Pullovers zu ertragen. Bei der Gelegenheit habe ich auch das Haus gefunden, in dem man prima einen Roman über die schlechte Zeit schreiben könnte, in der man einen Aston Martin DB7 mit 40.000 Meilen auf dem Tacho für weit unter 20.000 Euro kaufen kann. Allerdings braucht man den hier oben nicht, denn das Haus ist nur zu Fuss zu erreichen, und wozu einkaufen, wenn man zum Cafe rudern kann?

Ein kleiner Nachteil bleibt bestehen: Dieser grandiose Sonnenuntergang liess den See schon kurz nach 3 Uhr in Silber erstrahlen. Toll, wenn man viel zu lesen hat, eine Deadline für einen Roman, oder was immer man sonst so in der Einöde treiben kann. Oder vielleicht doch keinen Roman, sondern Kochübungen nach Grossmuttern Art. Und hoffen, dass auch dieses Jahr der Schnee ausbleibt. Sonst verwandelt sich die Region leider in der Münchner liebstes Skigebiet.
donalphons, 00:55h
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Liebe SPD,
ich hoffe, dass die hinterhältigen Verräter Jürgen Walter, Dagmar Metzger, Silke Tesch und Carmen Everts aus der hessischen SPD so schnell wie möglich ausgeschlossen werden. Bei der Gelegenheit könnte man noch ein paar andere "Sozialdemokraten", die Köche brauner Suppen unterstützen, gleich auch noch rausschmeissen. Dieses Land und diese Partei brauchen keine als "rechte SPD" getarnte Steigbügelhalter der Baureihe "Zentrum 1933".

Ansonsten kann ich ja inzwischen fast froh sein, mit so einem Blick zum Frühstück am Strandbad in Bayern zu leben, wo die CSU noch viel Platz nach unten hat, die Wähler auch nicht dümmer als in Hessen sind und obendrein die Arschlochquote in erträglichen Parteien niedriger als in Hessen ist. Echt. Ich würde in Hessen nicht leben wollen. Nicht mit so einer CDU und solchen Charakteren in der SPD

Ansonsten kann ich ja inzwischen fast froh sein, mit so einem Blick zum Frühstück am Strandbad in Bayern zu leben, wo die CSU noch viel Platz nach unten hat, die Wähler auch nicht dümmer als in Hessen sind und obendrein die Arschlochquote in erträglichen Parteien niedriger als in Hessen ist. Echt. Ich würde in Hessen nicht leben wollen. Nicht mit so einer CDU und solchen Charakteren in der SPD
donalphons, 12:06h
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: : : denn sie wissen nicht was sie tun sollen : : :
Montag, 3. November 2008
Feueradern
Das sieht nur ein paar Minuten so aus, während sich der Stau von Rottach bis zur Autobahn erstreckt.

Hielte man an, würde man ein paar Plätze im Stau verlieren, also fahren sie weiter, und so bin ich allein am See. Die Menschen sind seltsam: Als gäbe es nichts wichtigeres, als in die Dunkelheit und in die grosse Stadt mit der schlechten Luft zu kommen.

Hielte man an, würde man ein paar Plätze im Stau verlieren, also fahren sie weiter, und so bin ich allein am See. Die Menschen sind seltsam: Als gäbe es nichts wichtigeres, als in die Dunkelheit und in die grosse Stadt mit der schlechten Luft zu kommen.
donalphons, 00:44h
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Updike am See
Als ich noch nicht so viele Bücher und sowas wie eine Ordnung in der Bibliothek hatte, gab es ein einfaches Prinzip der Sortierung: Fachbereiche bei Fachbüchern, und Belletristik nach der Nationalität der Autoren. Jedes System hat bekanntlich seine Lücken und Fehler, der Katalog "Ornamennta Ecclesiae" stand in der Buchmalerei, und der Lemberger Joseph Roth fand sich unter den deutschen Autoren jüdischer Abstammung wieder, wobei ich expressis verbis keine Ecke für österreichische Literatur hatte. Im rechten Bücherschrank oben standen die Amerikaner, viele Amerikaner, unter anderem Poe, Twain, Bierce und die gesamte schwarze Serie von Hammett, Woolrich und Chandler. Auch ohne diese eigentlich unamerikanischen Literaturumtriebe - man denke nur an die Verwendung des Namens Marlowe bei Chandler in Anspielung auf den englischen Dramatiker Christopher Marlowe - übertrafen die US-Amerikaner problemlos die Südamerikaner, wie auch die Italiener, Spanier ohnehin und Russen auch, wobei russische Literatur, nun, also. Wie auch immer, mein Bücherschrank sollte eine gerechte Globalisierung bekommen, meinen Steinbeclk hatte ich schon, und so kaufte ich Amado, Ribeiro, Fuentes und Márquez. Für die Vermehrung der amerikanischen Literatur sorgte dann die Bemusterungsunsitte deutscher Verlage in der Hoffnung auf Rezensionen, der ich einen Haufen angelesener Langeweiler wie D. B. C. Pierre und Siri Hustvedt verundanke; traurige Versuche, die es nach Capote und Maraini nicht mehr gebraucht hätte. Dennoch habe ich heute einen selbstgekauften Amerikaner auf meine bevorzugte Lesebank am See mitgenommen.

Die Erzählungen von John Updike könnten in dieser Welt am See kaum fremdartiger sein. Ich habe mitten im Buch mit der Geschichte "Mein Vater am Rande der Schande" begonnen, bei der man davon ausgehen kann, dass sie autobiographische Züge hat. Ein Sohn, der das Tun und Lassen seines Vaters in den Jahren der grossen Depression betrachtet, den Abstieg der Familie vom provinziellen Bürgertum eines Handelsvertreters vor dem 1929er Crash zum Existenzminimum eines prekären Lehrerdaseins, das durch gelegentliche Griffe in die Schulkasse aufgebessert wird. Keine Geschichte, die in Zeiten wie heute besonders angenehm zu lesen wäre, vor denen der Boom für Wenige schon zu viel Armut und Angst bei den Vielen erzeugt hat, und deren Krise das Problem nochmal verschärfen wird. Als ich Berlin verliess, habe ich noch zu vergleichsweise günstigen BaWAG-Zeiten eine unschöne Überraschung nachgeschickt bekommen; was solche Versorgungsräuber 2008 unter den weniger Glücklichen und schlechter Abgesicherten anrichten werden, mag schon diesen Winter ein unschönes Thema für wirkungslose Leitartikel werden. Die Welt hat viele Sorgen, win paar mehr fallen da nicht auf, wenn der Banker um seine Boni weint und der Kaufstricher der Wirtschaftspresse vor der Einstellung seiner lachsfarbenen Lobbygosse sein Anliegen wortreich mit Verweis auf Leistung, die sich lohnen müsse, unterstützt.

Was Updike erzählt, ist dreierlei: Die Menschen finden sich mit dem Abstieg ab. Sie haben im Abstieg durch den Druck überhaupt keine Chance, sich gegen das System der Krise zu wehren. Und es hilft ihnen keiner, denn sie spielen keine Rolle. Updike schreibt über 20 verlorene Jahre im Leben von Menschen, die für die Katastrophe nicht verantwortlich sind, und dennoch die ganze Härte zu spüren bekommen, bis sie sich notgedrungen, unter Ängsten und Einschnitten arrangieren. Updike beschreibt diese Ambivalenz von Angst und Zuneigung sehr treffend in der Rückschau, und es hilft zu verstehen, warum sich Menschen in Krisen derartig passiv verhalten.
Es gibt in der New York Times einen brillianten und gleichzeitig irrwitzigen Beitrag über die neue Krise, und wie sich die Absicherung von amikanischen Lehrerpensionen über unfähige Berater und skrupellose Banker in Dublin bei einer ehemals und jetzt de facto wieder deutschen Bank zu einer Krise der Bildung in Amerika führt, oder warum diese Finanzkrise die Fahrkartenpreise in New York anheben wird. CDOs waren und sind zwar hochgefährlich, aber ein riesiges Geschäft, dessen Abwicklung einer scheinbar sicheren Welt den Boden unter den Füssen wegzieht. Allen, die von Absicherung und den Kapitalmarkt faseln und Schulen und andere Staatsaufgaben privatwirtschaftlich beteiben wollen, sollte man den Text auf Marmor ausdrucken und um die Ohren hauen. Gleichsam denen, die Lafontaine noch immer pauschal als Demagogen abtun.

Ach, Gewalt. Richtig, das gilt als unfein, wie das Verhaften von Bankmanagern. Das darf man nicht verlangen. Nun, in den USA ist es schon so weit, dass sehr viele Rentner nächstes Jahr sehr wenig Rente bekommen werden, weil ihre Pensionsfonds massive Verluste verspekuliert haben - das wird 2009 ein grosses Thema. Das bedeutet, dass sie sich keine gute medizinische Versorgung leisten können. Und nicht alle, aber im Durchschnitt doch kränker und früher tot sein werden. Wer einen Renter umbringt, der noch eine Woche zu leben hätte, ist ein Mörder. Wer sich grosszügig Boni auszahlt und damit für die Verluste kassiert, deren Folgen andere ausbaden müssne, gilt als Leistungsträger, den man halten muss. Sie können das: Manche wählen ja immer noch FDP und CDU. Manche finden es immer noch niederschreibenswert, wenn sich eine Koalition gegen die Erfüllungsgehilfen der Banker in Hessen findet. Die gleichen, die unfähig sind, Geschichten wie die New York Times zu schreiben; Geschichten, die auch sehr viel über unser Land erzählen, die man hier aber nicht hören will. Man soll sich bittschön mit den Folgen abfinden. In saure Äpfel beissen, und nicht in Kehlen.

Die Erzählungen von John Updike könnten in dieser Welt am See kaum fremdartiger sein. Ich habe mitten im Buch mit der Geschichte "Mein Vater am Rande der Schande" begonnen, bei der man davon ausgehen kann, dass sie autobiographische Züge hat. Ein Sohn, der das Tun und Lassen seines Vaters in den Jahren der grossen Depression betrachtet, den Abstieg der Familie vom provinziellen Bürgertum eines Handelsvertreters vor dem 1929er Crash zum Existenzminimum eines prekären Lehrerdaseins, das durch gelegentliche Griffe in die Schulkasse aufgebessert wird. Keine Geschichte, die in Zeiten wie heute besonders angenehm zu lesen wäre, vor denen der Boom für Wenige schon zu viel Armut und Angst bei den Vielen erzeugt hat, und deren Krise das Problem nochmal verschärfen wird. Als ich Berlin verliess, habe ich noch zu vergleichsweise günstigen BaWAG-Zeiten eine unschöne Überraschung nachgeschickt bekommen; was solche Versorgungsräuber 2008 unter den weniger Glücklichen und schlechter Abgesicherten anrichten werden, mag schon diesen Winter ein unschönes Thema für wirkungslose Leitartikel werden. Die Welt hat viele Sorgen, win paar mehr fallen da nicht auf, wenn der Banker um seine Boni weint und der Kaufstricher der Wirtschaftspresse vor der Einstellung seiner lachsfarbenen Lobbygosse sein Anliegen wortreich mit Verweis auf Leistung, die sich lohnen müsse, unterstützt.

Was Updike erzählt, ist dreierlei: Die Menschen finden sich mit dem Abstieg ab. Sie haben im Abstieg durch den Druck überhaupt keine Chance, sich gegen das System der Krise zu wehren. Und es hilft ihnen keiner, denn sie spielen keine Rolle. Updike schreibt über 20 verlorene Jahre im Leben von Menschen, die für die Katastrophe nicht verantwortlich sind, und dennoch die ganze Härte zu spüren bekommen, bis sie sich notgedrungen, unter Ängsten und Einschnitten arrangieren. Updike beschreibt diese Ambivalenz von Angst und Zuneigung sehr treffend in der Rückschau, und es hilft zu verstehen, warum sich Menschen in Krisen derartig passiv verhalten.
Es gibt in der New York Times einen brillianten und gleichzeitig irrwitzigen Beitrag über die neue Krise, und wie sich die Absicherung von amikanischen Lehrerpensionen über unfähige Berater und skrupellose Banker in Dublin bei einer ehemals und jetzt de facto wieder deutschen Bank zu einer Krise der Bildung in Amerika führt, oder warum diese Finanzkrise die Fahrkartenpreise in New York anheben wird. CDOs waren und sind zwar hochgefährlich, aber ein riesiges Geschäft, dessen Abwicklung einer scheinbar sicheren Welt den Boden unter den Füssen wegzieht. Allen, die von Absicherung und den Kapitalmarkt faseln und Schulen und andere Staatsaufgaben privatwirtschaftlich beteiben wollen, sollte man den Text auf Marmor ausdrucken und um die Ohren hauen. Gleichsam denen, die Lafontaine noch immer pauschal als Demagogen abtun.

Ach, Gewalt. Richtig, das gilt als unfein, wie das Verhaften von Bankmanagern. Das darf man nicht verlangen. Nun, in den USA ist es schon so weit, dass sehr viele Rentner nächstes Jahr sehr wenig Rente bekommen werden, weil ihre Pensionsfonds massive Verluste verspekuliert haben - das wird 2009 ein grosses Thema. Das bedeutet, dass sie sich keine gute medizinische Versorgung leisten können. Und nicht alle, aber im Durchschnitt doch kränker und früher tot sein werden. Wer einen Renter umbringt, der noch eine Woche zu leben hätte, ist ein Mörder. Wer sich grosszügig Boni auszahlt und damit für die Verluste kassiert, deren Folgen andere ausbaden müssne, gilt als Leistungsträger, den man halten muss. Sie können das: Manche wählen ja immer noch FDP und CDU. Manche finden es immer noch niederschreibenswert, wenn sich eine Koalition gegen die Erfüllungsgehilfen der Banker in Hessen findet. Die gleichen, die unfähig sind, Geschichten wie die New York Times zu schreiben; Geschichten, die auch sehr viel über unser Land erzählen, die man hier aber nicht hören will. Man soll sich bittschön mit den Folgen abfinden. In saure Äpfel beissen, und nicht in Kehlen.
donalphons, 22:33h
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: : : denn sie wissen nicht was sie tun sollen : : :
Sonntag, 2. November 2008
1. Juni 2008
Fast.

Es ist, mit einem Wort, heiss.

Man könte fast baden gehen, wäre das Wasser nicht schon kalt. In den Trachtenjankern schwitzen die Einheimischen auf dem Friedhof bei den Gräbern.

Die Cafes am See sind voll, die Parkbänke überbelegt, und träge schieben sich Segelboote durch die flirrende Luft, in der die Mücken tanzen.

Punkt vier gibt es den Tee und Kuchen auf der Terasse. Draussen Wanderer im T-Shirt, drinnen die Frage, ob jetzt die Markise nicht eine gute Sache wäre.

Am Abend dauert es lang, bis die letzten Boote wieder am Steg angekommen sind. Es ist Sommer. Am 1. November.

Es ist, mit einem Wort, heiss.

Man könte fast baden gehen, wäre das Wasser nicht schon kalt. In den Trachtenjankern schwitzen die Einheimischen auf dem Friedhof bei den Gräbern.

Die Cafes am See sind voll, die Parkbänke überbelegt, und träge schieben sich Segelboote durch die flirrende Luft, in der die Mücken tanzen.

Punkt vier gibt es den Tee und Kuchen auf der Terasse. Draussen Wanderer im T-Shirt, drinnen die Frage, ob jetzt die Markise nicht eine gute Sache wäre.

Am Abend dauert es lang, bis die letzten Boote wieder am Steg angekommen sind. Es ist Sommer. Am 1. November.
donalphons, 00:46h
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: : : denn sie wissen nicht was sie tun sollen : : :
Freitag, 31. Oktober 2008
Kleines Stillleben mit Wurzeln, Eiern,
schlechten Aussichten, ohne Glauben und Moral. Morgen beginnt der November.

(Mittelbild hier, Grossbild hier)
Ich habe heute Iris beim Überladen des Familiengrabes mit Blumen und beim Abdecken desselben für morgen geholfen, damit kein Laub darauf fällt. Morgen kommt dann Mama und deckt es auf, damit jeder die sorgsame Pflege sieht und die Familie "ned as Gred" bekommt. Mein Einwand, dass niemand das Gerede bekommen würde und alle das nur machen, weil sie glauben, die anderen würden über sie schlecht reden, obwohl es allen egal ist, wie die Gräber der anderen aussehen, und dass es lediglich ein Beispiel für den aus dem 19. Jahrhundert übernommenen, vorrauseilenden Gehorsam, die Unterordnung unter eine nur noch aus Hülle und Ritual bestehende Spiessermoral sei, wurde mit deutlichen Worten zurückgewiesen; Iris Mutter würde tatsächlich morgen durch die Reihen streifen und schauen, wer Ordnung über seinen Vorfahren hält. Und wer nicht.

(Mittelbild hier, Grossbild hier)
Ich habe heute Iris beim Überladen des Familiengrabes mit Blumen und beim Abdecken desselben für morgen geholfen, damit kein Laub darauf fällt. Morgen kommt dann Mama und deckt es auf, damit jeder die sorgsame Pflege sieht und die Familie "ned as Gred" bekommt. Mein Einwand, dass niemand das Gerede bekommen würde und alle das nur machen, weil sie glauben, die anderen würden über sie schlecht reden, obwohl es allen egal ist, wie die Gräber der anderen aussehen, und dass es lediglich ein Beispiel für den aus dem 19. Jahrhundert übernommenen, vorrauseilenden Gehorsam, die Unterordnung unter eine nur noch aus Hülle und Ritual bestehende Spiessermoral sei, wurde mit deutlichen Worten zurückgewiesen; Iris Mutter würde tatsächlich morgen durch die Reihen streifen und schauen, wer Ordnung über seinen Vorfahren hält. Und wer nicht.
donalphons, 20:04h
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: : : denn sie wissen nicht was sie tun sollen : : :
Donnerstag, 30. Oktober 2008
Zwei Tage im Herbst IV
Und wenn man schon daran geht, die Welt zu konservieren, sollte man auch ein paar besonders typische Exemplare in typische Gegend einsetzen und ausstellen. Das pensionierte Studiendirektorehepaar, das mit rotkarierten Hemden um den Haidersee am Reschenpass nordicwalkt. Wenn ich im Berg bin, muss ich immer an mich halten, solche Leute nicht zu beleidigen. Nordic Walker passen hier nicht rein, die sind zu hektisch und marschgeil, die SA unter den Wanderern, die sich nicht mal dafür entschuldigen, wenn sie anderen ihre Stöcke reinrammen. Aber obwohl sie nicht passen, sind sie ein gutes Beispiel für das Ende der klassischen Demographie, für Altershektik und den von ihnen mitverantworteten Niedergang des Kapitalmarkts.
Früher starben die Männer mit 67 am Herzinfarkt, die Frauen sassen im Cafe, pflegten ihre Hypochondrie und setzten die Rendite ihrer Bundesschatzbriefe in Torte um. Heute walken sie nordic, schieben ihr welkes Fleisch in Saunen, die teurer sind als der Eintritt in einen FKK-Club, und reden über die Stars der Private Equity Szene, wie man früher allenfalls über Turn und Taxis geredet hat. Die Krise, die mich in diese Alpentäler bringt, ist eine von jungen Versagern in London, Frankfurt, Dublin und New York produzierte Katastrophe, aber bezahlt haben sie alte Herrschaften, die es sich leisten können. Die Erben, denen man nicht nimmt. Die Abgesicherten, die Profiteure des letzten echten Aufschwungs bis in die 70er Jahre. Der typische Spekulant ist kein junger Schleimbatzen, er ist alt, sehr alt und immer im Glauben, er sei klüger als der Markt, auch wenn er nur auf das reinfällt, worauf alle reinfallen.

Vielleicht muss er dann auch sein historisches Cabrio verkaufen, mit dem er zum Stilfser Joch hochkriecht. Oder auch nicht, denn vier Kurven später bin ich wieder vorbei, und er steht mit offener Motorhaube da. Ein Phänomen, das ich als Bentley-Brescia-Paradox bezeichnen möchte. Ich fahre ja jedes Jahr zur Mille Miglia, und das vorletzte mal war da so ein grosser Bentley Le Mans 4,5 Litre, der es auf den tausend Meilen nach Rom und wieder zurück exakt bis zum Ortsschild von Brescia schaffte, grob geschätzt 5 Kilometer, bevor er mit offener Motorhaube im Strassengraben stand, einige Leute mit Taschenlampe um ihn herum und ohne jedes Lebenszeichen.
Ich würde hier am Stilfser Joch aber keinen Mercedes und keinen Bentley haben wollen. Die Strasse wurde im 19. Jahrhundert geplant, entsprechend eng und steil sind auch die Kurven, und wer einen kleinen Roadster hat, ist klar im Vorteil. Ich sehe in den Serpentinen mit einem Blick, ob etwas kommt, und kann schnell wieder Gas geben. Ich fahre offen. Es ist Mitte Oktober, ich fahre nicht langsam, ich bin über 2000 Meter hoch und auf dem Ortler liegt Schnee, aber ich fahre offen und es ist fast schon zu warm für meinen Feraud-Pullover. Meine Lederjacke habe ich schon am Reschenpass ausgezogen, und meine Pekarihandschuhe gegen die weissbraunen Sommerhandschuhe getauscht, die ich in Brescia gekauft habe. 2000 Meter Höhe, noch 750 Meter und 17 Kehren noch bis zur Passhöhe. Es ist Herbst, es ist heiss, und ich bin schnell unterwegs, ich habe einen Termin im Tal auf der anderen Seite, in Müstair, aber darum geht es nicht.

Es geht nur um die Strasse, die Kurven und die Strecke, die manche als "the best driving road in the world" bezeichnen. 48 Kehren in den Himmel, hinauf in das Eis, immer an der Kulisse des Ortlermassivs vorbei, und die Strasse ist ziemlich frei. Es gibt keine realistische Geschwindigkeitsbegrenzung, und wer vor mir ist, lässt mich vorbei. Ich bin schneller, der Wagen wurde für solche Strecken gebaut, und ein Teil dessen, was neben mir in der braunen Ledertasche ist, habe ich mir mit Fahren verdient. Aber kein Fahren ist wie das hier.
Sollte man jemals dieses Museum der guten alten Zeit vor dem Crash machen, sollte man auch ein Exponat mit mir einplanen. Der schlechtere Sohn aus besserem Hause, mit Rolex und Roadster, der über das Stilfser Joch in die Schweiz fährt, und darüber alles vergisst, es zählt nur noch die nächste Kurve und die Beschleunigung, das Hochdrehen des Motors, das Quietschen der Reifen auf dem schlechten Asphalt und weiter oben dann auch das Knirschen auf dem harschen Schnee, der sich im Schatten der Begrenzung gehalten hat, die Arbeit am Lenkrad, die Luft. Die Sonne. Das Gefühl, weit weg von allem zu sein. 48 Kehren entfernt von allen Ängsten ausser der einen, die mich rechtzeitig bremsen lässt. Ich mag es, wenn ich mit Klischee und Vorurteil verschmelze wie der Mozarella im Ofen mit geriebenem Scamorza und Tomate.

Ich weiss nicht, ob das Stilfser Joch wirklich die beste Strasse der Welt ist. Es ist von oben, von 2750 Meter über dem Meer, aber sicher die schönste, die atemberaubend schönste Strasse der Welt. Sie ist ein wenig wie S., bei der ich immer dachte, die ist zu gut und zu schön und zu stark, es wird mich umbringen, wenn ich mit ihr ins Bett gehe, und als es dann soweit war, war es einfach nur gut. Grandios.
Hätte S. nicht vor 9 Jahren einen Idioten geheiratet, zwei Kinder bekommen und ein Haus in Kösching gebaut, würde ich sie jetzt vielleicht anrufen und sagen, dass ich... aber ganz ehrlich, ich habe nichts gegen Kösching und Mütter mit zwei Kindern und einem Mann im mittleren Management muss es auch geben , aber sie würde es nicht verstehen. Sie war grossartig und letztlich dumm, sie hätte so viel tun können, und nun bin ich hier oben, ganz oben zwischen Meran, Bormio und Müstair, und denke an sie und an den Abgrund Köschung, an das, was sie war und was sie nie geworden ist, an den Ausblick und den Moment, an die Strasse mit ihren geilen Kurven und überhaupt nicht mehr daran, warum ich eigentlich hier bin.

Ich bleibe hier oben ziemlich lang, und wäre auf der anderen Seite nicht die Grenze, Graubünden, der Umbrailpass und im Tal unten Müstair, ich würde gleich noch mal runter. Und wieder rauf. Einfach so, für den Tag, für das Leben und genau heute, weil es noch geht. Wer weiss schon, was sein wird, wenn sie nächstes Jahr hier oben die Wintersperre aufheben, und die Schweiz vielleicht der letzte europäische Währungsraum ist, der den Namen noch verdient.
Teil 3.
Teil 5
Früher starben die Männer mit 67 am Herzinfarkt, die Frauen sassen im Cafe, pflegten ihre Hypochondrie und setzten die Rendite ihrer Bundesschatzbriefe in Torte um. Heute walken sie nordic, schieben ihr welkes Fleisch in Saunen, die teurer sind als der Eintritt in einen FKK-Club, und reden über die Stars der Private Equity Szene, wie man früher allenfalls über Turn und Taxis geredet hat. Die Krise, die mich in diese Alpentäler bringt, ist eine von jungen Versagern in London, Frankfurt, Dublin und New York produzierte Katastrophe, aber bezahlt haben sie alte Herrschaften, die es sich leisten können. Die Erben, denen man nicht nimmt. Die Abgesicherten, die Profiteure des letzten echten Aufschwungs bis in die 70er Jahre. Der typische Spekulant ist kein junger Schleimbatzen, er ist alt, sehr alt und immer im Glauben, er sei klüger als der Markt, auch wenn er nur auf das reinfällt, worauf alle reinfallen.

Vielleicht muss er dann auch sein historisches Cabrio verkaufen, mit dem er zum Stilfser Joch hochkriecht. Oder auch nicht, denn vier Kurven später bin ich wieder vorbei, und er steht mit offener Motorhaube da. Ein Phänomen, das ich als Bentley-Brescia-Paradox bezeichnen möchte. Ich fahre ja jedes Jahr zur Mille Miglia, und das vorletzte mal war da so ein grosser Bentley Le Mans 4,5 Litre, der es auf den tausend Meilen nach Rom und wieder zurück exakt bis zum Ortsschild von Brescia schaffte, grob geschätzt 5 Kilometer, bevor er mit offener Motorhaube im Strassengraben stand, einige Leute mit Taschenlampe um ihn herum und ohne jedes Lebenszeichen.
Ich würde hier am Stilfser Joch aber keinen Mercedes und keinen Bentley haben wollen. Die Strasse wurde im 19. Jahrhundert geplant, entsprechend eng und steil sind auch die Kurven, und wer einen kleinen Roadster hat, ist klar im Vorteil. Ich sehe in den Serpentinen mit einem Blick, ob etwas kommt, und kann schnell wieder Gas geben. Ich fahre offen. Es ist Mitte Oktober, ich fahre nicht langsam, ich bin über 2000 Meter hoch und auf dem Ortler liegt Schnee, aber ich fahre offen und es ist fast schon zu warm für meinen Feraud-Pullover. Meine Lederjacke habe ich schon am Reschenpass ausgezogen, und meine Pekarihandschuhe gegen die weissbraunen Sommerhandschuhe getauscht, die ich in Brescia gekauft habe. 2000 Meter Höhe, noch 750 Meter und 17 Kehren noch bis zur Passhöhe. Es ist Herbst, es ist heiss, und ich bin schnell unterwegs, ich habe einen Termin im Tal auf der anderen Seite, in Müstair, aber darum geht es nicht.

Es geht nur um die Strasse, die Kurven und die Strecke, die manche als "the best driving road in the world" bezeichnen. 48 Kehren in den Himmel, hinauf in das Eis, immer an der Kulisse des Ortlermassivs vorbei, und die Strasse ist ziemlich frei. Es gibt keine realistische Geschwindigkeitsbegrenzung, und wer vor mir ist, lässt mich vorbei. Ich bin schneller, der Wagen wurde für solche Strecken gebaut, und ein Teil dessen, was neben mir in der braunen Ledertasche ist, habe ich mir mit Fahren verdient. Aber kein Fahren ist wie das hier.
Sollte man jemals dieses Museum der guten alten Zeit vor dem Crash machen, sollte man auch ein Exponat mit mir einplanen. Der schlechtere Sohn aus besserem Hause, mit Rolex und Roadster, der über das Stilfser Joch in die Schweiz fährt, und darüber alles vergisst, es zählt nur noch die nächste Kurve und die Beschleunigung, das Hochdrehen des Motors, das Quietschen der Reifen auf dem schlechten Asphalt und weiter oben dann auch das Knirschen auf dem harschen Schnee, der sich im Schatten der Begrenzung gehalten hat, die Arbeit am Lenkrad, die Luft. Die Sonne. Das Gefühl, weit weg von allem zu sein. 48 Kehren entfernt von allen Ängsten ausser der einen, die mich rechtzeitig bremsen lässt. Ich mag es, wenn ich mit Klischee und Vorurteil verschmelze wie der Mozarella im Ofen mit geriebenem Scamorza und Tomate.

Ich weiss nicht, ob das Stilfser Joch wirklich die beste Strasse der Welt ist. Es ist von oben, von 2750 Meter über dem Meer, aber sicher die schönste, die atemberaubend schönste Strasse der Welt. Sie ist ein wenig wie S., bei der ich immer dachte, die ist zu gut und zu schön und zu stark, es wird mich umbringen, wenn ich mit ihr ins Bett gehe, und als es dann soweit war, war es einfach nur gut. Grandios.
Hätte S. nicht vor 9 Jahren einen Idioten geheiratet, zwei Kinder bekommen und ein Haus in Kösching gebaut, würde ich sie jetzt vielleicht anrufen und sagen, dass ich... aber ganz ehrlich, ich habe nichts gegen Kösching und Mütter mit zwei Kindern und einem Mann im mittleren Management muss es auch geben , aber sie würde es nicht verstehen. Sie war grossartig und letztlich dumm, sie hätte so viel tun können, und nun bin ich hier oben, ganz oben zwischen Meran, Bormio und Müstair, und denke an sie und an den Abgrund Köschung, an das, was sie war und was sie nie geworden ist, an den Ausblick und den Moment, an die Strasse mit ihren geilen Kurven und überhaupt nicht mehr daran, warum ich eigentlich hier bin.

Ich bleibe hier oben ziemlich lang, und wäre auf der anderen Seite nicht die Grenze, Graubünden, der Umbrailpass und im Tal unten Müstair, ich würde gleich noch mal runter. Und wieder rauf. Einfach so, für den Tag, für das Leben und genau heute, weil es noch geht. Wer weiss schon, was sein wird, wenn sie nächstes Jahr hier oben die Wintersperre aufheben, und die Schweiz vielleicht der letzte europäische Währungsraum ist, der den Namen noch verdient.
Teil 3.
Teil 5
donalphons, 23:51h
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Empfehlung heute - Am Haken
Die Dummen sterben nie auf, auf beiden Seiten der Bilanz der Krise. Vor einem Monat hat jemand ein äusserst ungünstiges Geschäft gemacht, weil er schlauer als der Markt sein wollte und das KGV einer Aktie attraktiv fand. Das KGV von 2007, wohlgemerkt. Wie sich dann sehr schnell herausstellte, gibt es 2008 nur Verluste, keine Dividende und auch kein KGV. Statt dessen Massnahmen zu Kapitalerhöhung, die de facto einer Verwässerung der Aktien von 25% entsprechen. Für mich ist das insofern blöd, weil ich vorher gewarnt hatte. Aber was ist so ein Risikoanalyst schon gegen einen tollen Beitrag in einer süddeutschen zeitung, deren Deppen noch nicht mal das KGV korrekt berechnen können.
Heute also ein längeres Gespräch mit jemandem, der in den letzten 18 Monaten ein Drittel seines Vermögens verloren hätte, würde er jetzt aussteigen. Er ist ein wenig klamm und liquidiert gerade Assets, um das System seiner selbstgestrickten Vermögensverwaltung am Leben zu erhalten (braucht jemand gerade einen grösseren Bestand brasilianischer Staatsanleihen, die leicht getragene Investorenmode der Sommersaison 2007?). Auf den Fall angesprochen meinte er, dass er in diese Firma sofort einsteigen würde, wenn er Geld hätte, denn schliesslich sei jetzt das Schlimmste vorbei und gerade habe die Aktie wieder 8% gewonnen.
Manche Leute sind unverbesserlich. Von diesen Leuten leben Börsen und grauer Kapitalmarkt, Hedgefonds und Derivateschweisser. Sie glauben immer, klüger als der Markt zu sein. Manche von denen sitzen auch in der Regierung der UdSSA und wundern sich jetzt, dass beim geretteten Versicherungskonzern 90 Milliarden Steuergelder ganz schnell und überraschend verschwunden sind. Die New York Times hat die Suche nach diesen Unsummen sehr intensiv und umfassend begleitet.
Heute also ein längeres Gespräch mit jemandem, der in den letzten 18 Monaten ein Drittel seines Vermögens verloren hätte, würde er jetzt aussteigen. Er ist ein wenig klamm und liquidiert gerade Assets, um das System seiner selbstgestrickten Vermögensverwaltung am Leben zu erhalten (braucht jemand gerade einen grösseren Bestand brasilianischer Staatsanleihen, die leicht getragene Investorenmode der Sommersaison 2007?). Auf den Fall angesprochen meinte er, dass er in diese Firma sofort einsteigen würde, wenn er Geld hätte, denn schliesslich sei jetzt das Schlimmste vorbei und gerade habe die Aktie wieder 8% gewonnen.
Manche Leute sind unverbesserlich. Von diesen Leuten leben Börsen und grauer Kapitalmarkt, Hedgefonds und Derivateschweisser. Sie glauben immer, klüger als der Markt zu sein. Manche von denen sitzen auch in der Regierung der UdSSA und wundern sich jetzt, dass beim geretteten Versicherungskonzern 90 Milliarden Steuergelder ganz schnell und überraschend verschwunden sind. Die New York Times hat die Suche nach diesen Unsummen sehr intensiv und umfassend begleitet.
donalphons, 15:54h
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: : : denn sie wissen nicht was sie tun sollen : : :
Mittwoch, 29. Oktober 2008
Vom Boom betroffen
Es klingt paradox,aber für Vermieter sind Zyklen der wirtschaftlichen Überhitzung nicht gut. Vermieten ist ein gutes Geschäft,wenn Mieter zumindest ein paar Jahre bleiben, und das tun sie nur, wenn sich ihre Lebensumstände nicht zu sehr ändern. Wenn Firmen an diversen Standorten Ausftiegschancen bieten und hohe Flexibilität und Mobilität verlangen, ist das nicht gut für ein normales Bewohnen. Vier Wochen Abwesenheit ist schlecht für alle sanitären Einrichtungen, und je wichtiger andere Orte werden, desto mehr verwahllost das eigene Heim.
Ist dann erst mal der nächste Gehaltschritt da, kommt der Wunsch nach einer besseren Bleibe, der Mieter wird erst ungeduldig, weil er nicht mehr zufrieden ist, weil die Wohnung nicht mehr seinen Ansprüchen gereicht, und dann geht er. Meist recht schnell und überlässt dem Vermieter das Problem, zu ungünstiger Zeit einen neuen Mieter zu suchen. Nur, wenn in der Zeit die Mietpreise angezogen haben, kann man die durch Auszug, Renovierung und Neuvermietung entstehenden Verluste kompensieren. Die Folge: Vermieter rechnen die Geschichte durch, kalkulieren das Risiko häufiger Mieterwechsel mit ein und setzen bei allen, egal ob bleibend oder auf dem Sprung, die Miete hoch. Mobilität ist daher asozial.
Wenn dagegen die wirtschaftliche Entwicklung massvoll voranschreitet oder gar ein wenig schrumpft, wird der Umzug schnell unattraktiv. Schliesslich kostet der Umzug Geld, man weiss nie, wie neue Vermieter sind, das Risiko wandert in solchen Märkten eher zum Mieter, und es entsteht nicht diese grosskotzige Mentalität des "ich leiste mir das einfach", die globale Spieler so angenehm und freundlich erscheinen lässt, dass sie ein advanced Behaviour Coaching benötigen. Für Vermieter sind das goldene Zeiten: Verlässliche Geschäfte ohne grossen Aufwand. So gesehen sollte es gerade in der anstehenden mittelschweren Rezession eine angenehme Sache werden.
Wären da nicht ein Automobilhersteller und ein Rüstungsproduzent in der Stadt. Letzterer hat Verträge bis zum Tag des jüngsten Atomschlags, und ersterer baut nicht die Autos, die man braucht, sondern die Autos, die man will, wenn man zu der weit verbreiteten Klientel gehört, die mit der "Meine Firma leistet sich einfach einen besseren Dienstwagen"-Attitüde durchs Leben geht. Mit dem Ergebnis, dass die Kreditkrise in dieser Stadt der Vollbeschäftigung nichtexistent ist. Marken wie GM, Ford, Chrysler, BMW, Volvo, Renault und Citroen taumeln zwischen Pleite und Vollbermsung, hier braucht man dringend noch ein paar Hallen, und zwar am besten schon vorgestern. Andernorts streicht man Stellen, hier gründet man Entwicklerteams in Firmen aus, für die vor Ort schlichtweg kein Platz mehr ist. Und schickt die Leute Knall auf Fall nach Norden. Umzugswagen, die Mieten bis zum Ende der Kündigungsfrist, Sonderzahlung, alles kein Problem.

Nun habe ich noch Glück, dass mir die fragliche, betroffene Mitarbeiterin nicht mit einer Kündigung das Frühstück vergällt, sondern angesichts der Wohnungsnot in der Stadt sofort eine Freundin weiss, die hier einziehen möchte. Bei der letzten Wohnung gab es 20 Bewerber. Es ist immer noch angenehm, und besser, viel besser, als wenn man in einer entvölkerten Stadt des Ostens vermieten müsste. Es ist besser als Rüsselsheim, Köln oder Stuttgart. Es ist kein Vergleich zu dem, was ich aus dem Journalismus nebenbei höre, auch wenn ich selbst davon nicht betroffen bin.
Trotzdem fände ich eine gesamtgesellschaftliche Debatte wichtig, in der die negativen Effekte von Mobilität und Flexibilität aufgezeigt werden. Ohne dann Sesshaftigkeit und Vorstadttum ein Ideal ist, wäre zu überlegen, ob man statt Ansiedlungs- und Austauschspolitik nicht eher eine Bleibepolitik machen sollte , die ein kontinuierliches Wachstum fördert. Als Negativbeispiel fälllt mir gerade MTV ein, die erst alles nach München zogen, dann über den Gang nach Berlin die Mitarbeiter austauschten, in Kökn bei Viva rumholzten, jetzt in Berlin erneut auf die Kostenbremse treten und vermutlich längst auf der Suche nach einem neuen politschen Arschauswischer sind, der ihnen andernorts Millionenförderungen zuschiebt. MTV, die als cool gelten und ähnlich asozial wie jeder Hedgefond aus Dublin sind. Leerverkäufe mit Mitarbeitern, Leveraging mit staatlichen Mitteln.
Es wird auch ohne diese Verwerfungen noch genug Mobilität geben. Alte Zentren der überflüssigen Dienstleistungen wie Hamburg, Berlin und Frankfurt werden vergehen, industrielle Kernzonen bleiben bestehen, und die Provinz, das Kleinräumige steht vor einer grossen Wiederentdeckung. Kein Umzugunternehmer wird pleite gehen. Es geht nicht um die Wiedereinführung der Leibeigenschaft und der Dorfgestapo, sondern um die Frage, ob der deregulierte Umsiedlungsverkehr der Menschen für Sozialsysteme und Integration nicht ähnliche Probleme nach sich zieht, wie die unregulierte Zirkulation von Geld, Schulden und Derivaten.
Ist dann erst mal der nächste Gehaltschritt da, kommt der Wunsch nach einer besseren Bleibe, der Mieter wird erst ungeduldig, weil er nicht mehr zufrieden ist, weil die Wohnung nicht mehr seinen Ansprüchen gereicht, und dann geht er. Meist recht schnell und überlässt dem Vermieter das Problem, zu ungünstiger Zeit einen neuen Mieter zu suchen. Nur, wenn in der Zeit die Mietpreise angezogen haben, kann man die durch Auszug, Renovierung und Neuvermietung entstehenden Verluste kompensieren. Die Folge: Vermieter rechnen die Geschichte durch, kalkulieren das Risiko häufiger Mieterwechsel mit ein und setzen bei allen, egal ob bleibend oder auf dem Sprung, die Miete hoch. Mobilität ist daher asozial.
Wenn dagegen die wirtschaftliche Entwicklung massvoll voranschreitet oder gar ein wenig schrumpft, wird der Umzug schnell unattraktiv. Schliesslich kostet der Umzug Geld, man weiss nie, wie neue Vermieter sind, das Risiko wandert in solchen Märkten eher zum Mieter, und es entsteht nicht diese grosskotzige Mentalität des "ich leiste mir das einfach", die globale Spieler so angenehm und freundlich erscheinen lässt, dass sie ein advanced Behaviour Coaching benötigen. Für Vermieter sind das goldene Zeiten: Verlässliche Geschäfte ohne grossen Aufwand. So gesehen sollte es gerade in der anstehenden mittelschweren Rezession eine angenehme Sache werden.
Wären da nicht ein Automobilhersteller und ein Rüstungsproduzent in der Stadt. Letzterer hat Verträge bis zum Tag des jüngsten Atomschlags, und ersterer baut nicht die Autos, die man braucht, sondern die Autos, die man will, wenn man zu der weit verbreiteten Klientel gehört, die mit der "Meine Firma leistet sich einfach einen besseren Dienstwagen"-Attitüde durchs Leben geht. Mit dem Ergebnis, dass die Kreditkrise in dieser Stadt der Vollbeschäftigung nichtexistent ist. Marken wie GM, Ford, Chrysler, BMW, Volvo, Renault und Citroen taumeln zwischen Pleite und Vollbermsung, hier braucht man dringend noch ein paar Hallen, und zwar am besten schon vorgestern. Andernorts streicht man Stellen, hier gründet man Entwicklerteams in Firmen aus, für die vor Ort schlichtweg kein Platz mehr ist. Und schickt die Leute Knall auf Fall nach Norden. Umzugswagen, die Mieten bis zum Ende der Kündigungsfrist, Sonderzahlung, alles kein Problem.

Nun habe ich noch Glück, dass mir die fragliche, betroffene Mitarbeiterin nicht mit einer Kündigung das Frühstück vergällt, sondern angesichts der Wohnungsnot in der Stadt sofort eine Freundin weiss, die hier einziehen möchte. Bei der letzten Wohnung gab es 20 Bewerber. Es ist immer noch angenehm, und besser, viel besser, als wenn man in einer entvölkerten Stadt des Ostens vermieten müsste. Es ist besser als Rüsselsheim, Köln oder Stuttgart. Es ist kein Vergleich zu dem, was ich aus dem Journalismus nebenbei höre, auch wenn ich selbst davon nicht betroffen bin.
Trotzdem fände ich eine gesamtgesellschaftliche Debatte wichtig, in der die negativen Effekte von Mobilität und Flexibilität aufgezeigt werden. Ohne dann Sesshaftigkeit und Vorstadttum ein Ideal ist, wäre zu überlegen, ob man statt Ansiedlungs- und Austauschspolitik nicht eher eine Bleibepolitik machen sollte , die ein kontinuierliches Wachstum fördert. Als Negativbeispiel fälllt mir gerade MTV ein, die erst alles nach München zogen, dann über den Gang nach Berlin die Mitarbeiter austauschten, in Kökn bei Viva rumholzten, jetzt in Berlin erneut auf die Kostenbremse treten und vermutlich längst auf der Suche nach einem neuen politschen Arschauswischer sind, der ihnen andernorts Millionenförderungen zuschiebt. MTV, die als cool gelten und ähnlich asozial wie jeder Hedgefond aus Dublin sind. Leerverkäufe mit Mitarbeitern, Leveraging mit staatlichen Mitteln.
Es wird auch ohne diese Verwerfungen noch genug Mobilität geben. Alte Zentren der überflüssigen Dienstleistungen wie Hamburg, Berlin und Frankfurt werden vergehen, industrielle Kernzonen bleiben bestehen, und die Provinz, das Kleinräumige steht vor einer grossen Wiederentdeckung. Kein Umzugunternehmer wird pleite gehen. Es geht nicht um die Wiedereinführung der Leibeigenschaft und der Dorfgestapo, sondern um die Frage, ob der deregulierte Umsiedlungsverkehr der Menschen für Sozialsysteme und Integration nicht ähnliche Probleme nach sich zieht, wie die unregulierte Zirkulation von Geld, Schulden und Derivaten.
donalphons, 16:21h
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: : : denn sie wissen nicht was sie tun sollen : : :
Mittwoch, 29. Oktober 2008
Grün unter Blau.
Weil der Tag, an dem ich an einem Biedermeierstuhl mit Mahagonifurnier aus der Zeit um 1820 für 25 Euro vorbei komme und ihn nicht kaufe, der Tag sein wird, da man mich im Leichenwagen daran vorbeifährt.

Auch bei 35 Euro und einer Entstehungszeit um 1830 kann ich offensichtlich nicht nein sagen, und es macht mir auch nichts aus, wenn es diesmal kein Mahagoni, sondern Nussholz ist. Sogar den scheusslichen Stoff kann man verschmerzen. Als ich in Schwabing wohnte, spazierte ich zu oft an Antiquitätengeschäften vorbei und wünschte mir genau solche Stühle mit geschwungenen Zargen und Lehnen, die nur zur Zier gestaltet wurden.

Man kann auf solchen Stühlen nicht lümmeln; es gilt, Haltung zu bewahren, und die berühmte Handbreit muss zwischen der viel zu schmalen Lehne und Rücken bleiben. Neben der Büchervitrine ist jedenfalls noch genug Platz für einen gleich gemaserten Stuhl, ab und an liest man nur kurz in ein Buch hinein und möchte sich auf eine Seite setzen. Allerdings weniger auf den wirklich scheusslichen blausilbernen dekostoff des Sitzkissens, den jemand in völliger Verkennung der Biedermeieroriginale aufgetackert hat.

Glücklicherweise waren frühere Generationen verständiger, und haben einen feinen, dezenten Gobelinbezug mit Streublumen gewält, den abzureissen die Freunde der Tackers zu faul waren. Es war offensichtlich eine Frage des fehlenden Geschmacks und nicht die Abnutzung, die das schreinede Silberblau das fein gemaserte Holz beleidigen liess. Schneller wurde wohl nie ein Stuhl in seinen früheren Glanz versetzt.

Es ist Zufall, dass es passt. Es ist Glück. Eine Trouvaille. Immer nur her damit, ich habe noch viel Platz, und irgendwann in diesem Winter werde ich auch einen grösseren Kulturempfang machen müssen, dann kann ich ihn tatsächlich auch brauchen.

Hält praktisch unbegrenzt. Sieht hübsch aus. Und war spottbillig. So wird man den Winter der Rezession aussitzen können.

Auch bei 35 Euro und einer Entstehungszeit um 1830 kann ich offensichtlich nicht nein sagen, und es macht mir auch nichts aus, wenn es diesmal kein Mahagoni, sondern Nussholz ist. Sogar den scheusslichen Stoff kann man verschmerzen. Als ich in Schwabing wohnte, spazierte ich zu oft an Antiquitätengeschäften vorbei und wünschte mir genau solche Stühle mit geschwungenen Zargen und Lehnen, die nur zur Zier gestaltet wurden.

Man kann auf solchen Stühlen nicht lümmeln; es gilt, Haltung zu bewahren, und die berühmte Handbreit muss zwischen der viel zu schmalen Lehne und Rücken bleiben. Neben der Büchervitrine ist jedenfalls noch genug Platz für einen gleich gemaserten Stuhl, ab und an liest man nur kurz in ein Buch hinein und möchte sich auf eine Seite setzen. Allerdings weniger auf den wirklich scheusslichen blausilbernen dekostoff des Sitzkissens, den jemand in völliger Verkennung der Biedermeieroriginale aufgetackert hat.

Glücklicherweise waren frühere Generationen verständiger, und haben einen feinen, dezenten Gobelinbezug mit Streublumen gewält, den abzureissen die Freunde der Tackers zu faul waren. Es war offensichtlich eine Frage des fehlenden Geschmacks und nicht die Abnutzung, die das schreinede Silberblau das fein gemaserte Holz beleidigen liess. Schneller wurde wohl nie ein Stuhl in seinen früheren Glanz versetzt.

Es ist Zufall, dass es passt. Es ist Glück. Eine Trouvaille. Immer nur her damit, ich habe noch viel Platz, und irgendwann in diesem Winter werde ich auch einen grösseren Kulturempfang machen müssen, dann kann ich ihn tatsächlich auch brauchen.

Hält praktisch unbegrenzt. Sieht hübsch aus. Und war spottbillig. So wird man den Winter der Rezession aussitzen können.
donalphons, 00:21h
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Trostlos
Nicht einmal mit auf Augenhöhe vorbeitreibenden Wolken mag mir Fontane, selbst in Leder gebunden, zusagen. Fontane und ich, das geht nicht zusammen, weder in der Mark Brandenburg noch am See.

Dann doch lieber, dick eingepackt, im englischen Wetter erneut den Mönch von M. G. Lewis gelesen.

Dann doch lieber, dick eingepackt, im englischen Wetter erneut den Mönch von M. G. Lewis gelesen.
donalphons, 23:42h
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: : : denn sie wissen nicht was sie tun sollen : : :
Dienstag, 28. Oktober 2008
Zwei Tage im Herbst III
Der B., der seine Söhne in die Schweiz geschickt hat, war so einer. So wie der, der mit seiner blonden Frau hinter mir am Einstieg in den Reschenpass fährt. Nur sahen die SL damals noch so aus, als kämen sie aus der Serie Dallas. Flach, kantig, gerade, amerikanisch. Ausserdem war der SL von B. rot und nicht silber. Aber so muss man sich das vorstellen, wenn er dann in die Schweiz gefahren ist, um seine Söhne zu besuchen. Also, ich weiss ja auch nicht mehr, wie oft der wirklich gefahren ist, sehr oft kann es nicht gewesen sein. Der hatte endlich Zeit, sich einen Ersatz für seine Frau zu suchen, und blieb dann in der Stadt. Vielleicht ist er auch eine andere Strecke gefahren, oder geflogen, das hat zu ihm gepasst, der war so einer, der immer den Flieger genommen hat. Aber wenn er mal mit dem SL über den Reschenpass ist, dann muss es so ausgesehen haben.

Das mit dem B. und seinen Söhnen war damals ziemlich ungewöhnlich bei uns in der Stadt. Es war schon peinlich, wenn einer Nachhilfe brauchte. Nachhilfe war nur für die Idioten, aber gleich in ein Schweizer Internat war neu. Es war bei allen klar war, dass sie ins Gymnasium gehen, was anderes gab es sowieso nicht. Für die Mädchen war es leichter, wenn die nichts konnten, gingen sie in die katholische Schule mit Samstagsunterricht und Musik und Haushaltsführung, und bekamen da ihre Einser. Ein Beruf war da noch nicht so wichtig. Es gab Karrierefrauen, aber die waren dann so wie die Frau vom B..
Die war schwierig. Der war nie was gut genug. Der Ältere von ihren Söhnen war ein Jahr unter mir. Da war schon in der 7. bei der zweiten Fremdsprache Latein klar, dass er es nicht packt. Seine Mutter hat damals begriffen, dass nichts weiter geht, ihr Mann wollte gar nicht mehr als seine Firma, die Kinder waren zu stressig, und dann ging sie im Jahr drauf einfach. Brannte durch zu einem Freund ihres Mannes. Das war damals ein ziemliches Thema in der Stadt, aber wir haben nichts gesagt. Ich mein, das tut man nicht, und so ganz haben wir es auch nicht verstanden, was da los war. Der junge B. hat es selber erzählt, und er fand es super, dass sie weg war und er sich jetzt endlich hängen lassen und schlecht werden konnte.
Ende der achten hatte er dann zwei Fünfer und einen Sechser und fiel durch. Dem haben alle Lehrer geholfen, weil sie dachten, den hat der Skandal kaputt gemacht, aber der war einfach so. Der wollte nicht anders. Der hat lieber an seinem Roller rumgeschraubt und im Attest die Unterschrift seines Vaters gefälscht. Fand er cool, und sein Vater deckte das. Schule hat ihn genervt, weil die anderen in seiner Klasse zu jung waren. Sein Bruder wechselte damals die Schule und war auch nicht besser. Manchmal haben wir uns um 7 Uhr draussen am See getroffen. Ich habe auf sie gewartet, weil ich daneben wohnte, und sie kamen sie mit ihren Rollern mit M. und S. hinten drauf, und wir sind vor der Schule durch den See geschwommen. Manchmal sind wir natürlich zu spät gekommen und haben Ausreden erfunden. Das mit dem Verspäten liegt vielleicht an den Seen, denn als ich endlich oben am Reschenpass wieder losfahre, ist es auch schon später, als ich dachte.

Kurz vor dem Reschensee könnte ich auch rechts abbiegen, Richtung St. Moritz und Silvaplana, und in Tschlin zur Bank. Da müsste ich nicht durch Italien, das wäre der nächste Weg. Aber wenn ich schon mal so weit bin, fahre ich auch nach Italien. Ich habe am See kein Olivenöl vom Gardasee mehr, ich muss jemandem ein paar Würste mitbringen, und meinen Eltern italienischen Schinken, ich will Vinschgauer kaufen und richtige Polenta. Wenn sie mich beim Grenzübertritt nicht festnageln und blöde Fragen stellen. Es ist ja nichts Illegales, aber was sagt man, wenn sie einen anhalten? Die Wahrheit vielleicht. Dass es im 21. Jahrhundert mit der ganzen tollen Technik und der Risikoabschätzung so toll, so sicher ist, dass einem der Euro um die Ohren fliegt.
Am Reschenpass ist aber keine Kontrolle, das Zollhäuserl zerfällt in grandioser, sattgrüner Landschaft vor sich hin. Danach weitet sich das Tal wieder Richtung Italien. Ich fahre unter funktionslosen, faschistischen Gallerien am See hindurch, die Mussolini vermutlich nur hat bauen lassen, damit in dieser Landschaft ein paar eckige, faschistische Betonklötze stehen, die modern wirken sollten. Ich fahre aus Mussolinis Strasse, um das zu tun, was Mussolini versagt blieb, als ihn 1945 die Kugeln der Partisanen niederstreckten: Ich gehe in die Schweiz. Da ist sicher eine historische Ironie drin, wenn der Duce dem Linken so einen Weg baut, den er selbst nicht nehmen darf. Überhaupt ist der ganze Weg voller Ironien.

Das da zum Beispiel. Kein Mensch würde sich für einen spätromanischen Kirchturm in dieser Region interessieren. Diese Kirchtürme gibt es in jedem Kaff, und der hier ist auch noch besonders schmucklos. Aber man hat das Dorf Graun um ihn herum abgerissen und die Gegend mit der Aufstauung des Reschensees geflutet. Jetzt steht der blöde Kirchturm allein im Wasser, und alle wollen ihn sehen. Weniger ist mehr, könnte man sagen. Versenken ist sexy. Vielleicht sollte man Manhatten oder Frankfurt auch fluten und nur einen Wolkenkratzer stehen lassen, wenn diese Krise die Wirtschaft platt macht, dann kann man gegenüber ein Cafe bauen, einen teuren Parkplatz, und dann hat man noch was davon. Eine Sensation. Der letzte Bankenturm, und im Cafe gibt es dann echtes Fingerfood und Prosecco nach dem Motte "Essen wie 2007 vor dem Untergang". Mit ein paar Hungerbildern auf Erklärungstafeln neben dem Fernrohr, eine Minute für zwei Kartoffeln: "Besonders schlimm waren alle dran, die an die Stabilität der Euroregion geglaubt hatten".
Teil 2.
Teil 4.

Das mit dem B. und seinen Söhnen war damals ziemlich ungewöhnlich bei uns in der Stadt. Es war schon peinlich, wenn einer Nachhilfe brauchte. Nachhilfe war nur für die Idioten, aber gleich in ein Schweizer Internat war neu. Es war bei allen klar war, dass sie ins Gymnasium gehen, was anderes gab es sowieso nicht. Für die Mädchen war es leichter, wenn die nichts konnten, gingen sie in die katholische Schule mit Samstagsunterricht und Musik und Haushaltsführung, und bekamen da ihre Einser. Ein Beruf war da noch nicht so wichtig. Es gab Karrierefrauen, aber die waren dann so wie die Frau vom B..
Die war schwierig. Der war nie was gut genug. Der Ältere von ihren Söhnen war ein Jahr unter mir. Da war schon in der 7. bei der zweiten Fremdsprache Latein klar, dass er es nicht packt. Seine Mutter hat damals begriffen, dass nichts weiter geht, ihr Mann wollte gar nicht mehr als seine Firma, die Kinder waren zu stressig, und dann ging sie im Jahr drauf einfach. Brannte durch zu einem Freund ihres Mannes. Das war damals ein ziemliches Thema in der Stadt, aber wir haben nichts gesagt. Ich mein, das tut man nicht, und so ganz haben wir es auch nicht verstanden, was da los war. Der junge B. hat es selber erzählt, und er fand es super, dass sie weg war und er sich jetzt endlich hängen lassen und schlecht werden konnte.
Ende der achten hatte er dann zwei Fünfer und einen Sechser und fiel durch. Dem haben alle Lehrer geholfen, weil sie dachten, den hat der Skandal kaputt gemacht, aber der war einfach so. Der wollte nicht anders. Der hat lieber an seinem Roller rumgeschraubt und im Attest die Unterschrift seines Vaters gefälscht. Fand er cool, und sein Vater deckte das. Schule hat ihn genervt, weil die anderen in seiner Klasse zu jung waren. Sein Bruder wechselte damals die Schule und war auch nicht besser. Manchmal haben wir uns um 7 Uhr draussen am See getroffen. Ich habe auf sie gewartet, weil ich daneben wohnte, und sie kamen sie mit ihren Rollern mit M. und S. hinten drauf, und wir sind vor der Schule durch den See geschwommen. Manchmal sind wir natürlich zu spät gekommen und haben Ausreden erfunden. Das mit dem Verspäten liegt vielleicht an den Seen, denn als ich endlich oben am Reschenpass wieder losfahre, ist es auch schon später, als ich dachte.

Kurz vor dem Reschensee könnte ich auch rechts abbiegen, Richtung St. Moritz und Silvaplana, und in Tschlin zur Bank. Da müsste ich nicht durch Italien, das wäre der nächste Weg. Aber wenn ich schon mal so weit bin, fahre ich auch nach Italien. Ich habe am See kein Olivenöl vom Gardasee mehr, ich muss jemandem ein paar Würste mitbringen, und meinen Eltern italienischen Schinken, ich will Vinschgauer kaufen und richtige Polenta. Wenn sie mich beim Grenzübertritt nicht festnageln und blöde Fragen stellen. Es ist ja nichts Illegales, aber was sagt man, wenn sie einen anhalten? Die Wahrheit vielleicht. Dass es im 21. Jahrhundert mit der ganzen tollen Technik und der Risikoabschätzung so toll, so sicher ist, dass einem der Euro um die Ohren fliegt.
Am Reschenpass ist aber keine Kontrolle, das Zollhäuserl zerfällt in grandioser, sattgrüner Landschaft vor sich hin. Danach weitet sich das Tal wieder Richtung Italien. Ich fahre unter funktionslosen, faschistischen Gallerien am See hindurch, die Mussolini vermutlich nur hat bauen lassen, damit in dieser Landschaft ein paar eckige, faschistische Betonklötze stehen, die modern wirken sollten. Ich fahre aus Mussolinis Strasse, um das zu tun, was Mussolini versagt blieb, als ihn 1945 die Kugeln der Partisanen niederstreckten: Ich gehe in die Schweiz. Da ist sicher eine historische Ironie drin, wenn der Duce dem Linken so einen Weg baut, den er selbst nicht nehmen darf. Überhaupt ist der ganze Weg voller Ironien.

Das da zum Beispiel. Kein Mensch würde sich für einen spätromanischen Kirchturm in dieser Region interessieren. Diese Kirchtürme gibt es in jedem Kaff, und der hier ist auch noch besonders schmucklos. Aber man hat das Dorf Graun um ihn herum abgerissen und die Gegend mit der Aufstauung des Reschensees geflutet. Jetzt steht der blöde Kirchturm allein im Wasser, und alle wollen ihn sehen. Weniger ist mehr, könnte man sagen. Versenken ist sexy. Vielleicht sollte man Manhatten oder Frankfurt auch fluten und nur einen Wolkenkratzer stehen lassen, wenn diese Krise die Wirtschaft platt macht, dann kann man gegenüber ein Cafe bauen, einen teuren Parkplatz, und dann hat man noch was davon. Eine Sensation. Der letzte Bankenturm, und im Cafe gibt es dann echtes Fingerfood und Prosecco nach dem Motte "Essen wie 2007 vor dem Untergang". Mit ein paar Hungerbildern auf Erklärungstafeln neben dem Fernrohr, eine Minute für zwei Kartoffeln: "Besonders schlimm waren alle dran, die an die Stabilität der Euroregion geglaubt hatten".
Teil 2.
Teil 4.
donalphons, 00:34h
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Und nun ausgewählte Wetterwerte aus Deutschland
Hamburg, starker Regen, 9 Grad.

Emden, Regen 10 Grad.

Berlin, Regen, 11 Grad.

Köln, leicher Regen, 12 Grad.

Dresden, starker Regen bei 9 Grad.

Stuttgart, Regen, 15 Grad

München, stark bewölkt, 15 Grad.

Chiemsee, längere sonnige Abschnitte, 19 Grad.

Emden, Regen 10 Grad.

Berlin, Regen, 11 Grad.

Köln, leicher Regen, 12 Grad.

Dresden, starker Regen bei 9 Grad.

Stuttgart, Regen, 15 Grad

München, stark bewölkt, 15 Grad.

Chiemsee, längere sonnige Abschnitte, 19 Grad.
donalphons, 19:57h
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