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Samstag, 15. November 2008

Eiskalt

Es ist warm, der Kuchen steht auf dem Tisch, und jetzt sollte ich eigentlich zuschauen, wie es draussen langsam dunkel wird, bevor ich heimfahre. Draussen, wo es kalt ist.



Statt dessen eine gewisse Verärgerung über all die Leute, die meinen, eine durch niedrige Zinsen, hohe Verschuldung und Kauf von Dreck entstandene Krise liesse sich dadurch beheben, dass der Staat für noch niedrigere Zinsen, noch weniger Haushaltsdiszplin, mehr Defizite und noch viel mehr Dreck und sogar staatlich subventionierten Opels sorgt. Beispiele hier. Ich bin der festen Überzeugung, von Wirtschaft keine Ahnung zu haben, ich habe nachweislich keine Stunde meines Lebens in so einem Seminar gesessen, ich habe Kulturgeschichte gemacht und kann auch keine Bilanz schreiben. Ich glaube, dass Krugmann und andere Freunde der staatlichen Stimulanz mehr verstehen als ich. Aber was ich nicht, unter gar keinen Umständen glaube ist, dass man das massive Reflationieren sorglos betreiben kann, weil in der Rezession ohnehin nichts anderes möglich ist, und dass die Inflationsgefahr schon irgendwie zu bremsen sei. Die Mittel für die Stimulierung können nur durch Schulden kommen, und um nicht an der Schuldenlast zu krepieren, werden die betroffenen Länder gar nichts anderes tun können, als eine wie auch immer geartete Inflation zu generieren, die sich gewaschen hat. Vielleicht auch eine Währungsschnitt.

Und v0n allen staatlichen Massnahmen ist diese Form der Enteignung die Letzte, die Vertrauen schafft.

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Real Life 14.11.08 - Der Schlüssel zur gehobenen Gesellschaft

Gleich hinter der Kurve hoch zur Sassa Bar, wo im Sommer die Frau des Fussballers mit dem Schönheitschirurgen trinkt und auf den See blickt, beginnt der Winter. Das Wasser des Sees ist noch warm genug, um das Ufer frei von Schnee und Matsch zu halten. Aber mit jeder Serpentine ergreift das Eis Besitz von den Gärten, Hecken und abgesicherten Privatstrassen, die Rabatten verschwinden im hellen Grau der Wolken, und wer nicht weiss, wo er hin will, verliert schnell die Orientierung zwischen Mauern, Nebeldunst und einer Strasse, die ins Nirgendwo zu führen scheint. Jetzt stehen viele Häuser leer und kalt, erst zu Weihnachten ist hier wieder Saison, und so steigt heute kaum Rauch von den Kaminen auf, die Dächer haben einen Hut aus Schnee, und keine Menschenseele - oder Seelchen - ist zu sehen. Wie ausgestorben. 6000 Euro aufwärts kostet der Quadratmeter in diesem frühwinterlichen Nichts.

Du ignorierst das Schild, das dir das Befahren dieser Privatstrasse verbietet. Du ignorierst es, weil es illegal ist; im Sommer wurde das Schild behördlich entfernt, weil das hier eine öffentliche Strasse ist, aber ein Bewohner hat es wieder angebracht. Hier ist sowieso kaum einer, der nicht hier wohnt, es gibt nur Hecken, Mauern und keinen Ort, von wo aus man den See sehen könnte. Natürlich verspricht diese Seitenstrasse ein grandioses Panorama, aber die Anwohner tun alles, um es zu verbauen. Du stellst den Wagen ab, klingelst an einer Pforte, und eilst im Schneetreiben den steilen Weg hinauf.

Frau S. empfängt dich im Salon mit der Panoramascheibe, von der aus man einen prächtigen Blick über Rottach und Bad Wiessee hätte, wäre da draussen nicht gerade eine dichte, tiefe Wolke, ein helles, weisses Rauschen ohne Anfang und Ende. Sie dankt dir für den Schlüssel und entschuldigt sich wortreich, dass sie so schlecht organisiert hat; normalerweise hätte sie für die Gäste des kommenden Abends Hotelzimmer gebucht, aber die sagten im letzten Moment zu, und da unten treffen sich Kardiologen, ein paar Spitzenmusiker, wohl auch die Pharmabranche, kleinere Hotels hätten jetzt gerade zu, und in Bad Wiessee kenne sie die Hotels nicht so gut. Die Gäste würden ohnehin nur die erste Nacht bleiben und müssten dann zurück, und du hättest doch diese geschiedene Bekannte, vielleicht hättest du Lust, am Samstag zu kommen und dem zweiten Abend beizuwohnen, deine Bekannte würde sich blendend amüsieren, es wären auch einige Männer da, die sehr klug und krisensicher wären.

Iris würde sich vermutlich grossartig amüsieren, keine Frage, sie würde fast auf den Tischen tanzen und schrecklich mit dem Familienvermögen angeben, wenn sie auf der Hinfahrt nicht den desolaten Sportwagen endgültig in den Baum setzte, um damit ein weiteres trauriges Kapitel der modeneser Automobilkunst zu einem guten Ende zu bringen. Für Iris sind solche Feste mit mittelgrossem Rahmen ein Fest, das ist ihre Bühne, dafür wurde sie buchstäblich gezeugt, erzogen und abgerichtet. Iris kann das alles, von der Kunst bis zum Einschenken einer Sektpyramide, und weil das Elend bekanntlich Gesellschaft liebt, würden in der Woche darauf einige Herren anrufen und um Treffen nachfragen, deren Nachbereitung und seelische Reinigung - der ist ein Depp und der andere ein Cretin und der Dritte soll besser in ein Bordell gehen - dir überlassen bliebe. Inclusive der Verwerfungen im Haushalt S., die das zur Folge hätte. Iris soziale Intelligenz hat manchmal Aussetzer, und die wiederum kämen bei Frau S. und schlussendlich bei dir an. Manche lieben Iris dafür. Andere dagegen. Nun. Ausserdem ist Iris gerade in Urlaub. Lügst du.



Über verschneite Strassen und Wiesen geht es zurück, die Betten frisch zu überziehen, die Wohnung blitzblank zu hinterlassen und auch ansonsten keinen Anlass zu Gerede zu geben. Natürlich, musst du konzidieren, wäre es auch ein prachtvoller Spass, die hohen Ansprüche von Iris auf die niedrigen Ansprüche der Ehesuchenden loszulassen, zumal Iris ganz sicher das Kleid tragen würde, das sie beim Geschäft der S. in München gekauft hat - rot wie eine Christbaumkugel und geschlitzt wie die Kinderlein von Bethlehem - aber ausserdem müsstest du auch ihren Eltern erklären, warum und ach und überhaupt. Dein Leben ist natürlich durch diesen Verzicht in den kommenden Tagen langweilig.

Die Sorte Langeweile, die das stressfreie Überleben als gesellschaftlich respekierte Person so mit sich bringt.

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Donnerstag, 13. November 2008

Die Kunst der Deflation

Es gibt so eine bestimmte Art der Kunst, die ich als "Bankerkunst" bezeichnen würde. Benkerkunst, das ist der Dreck, den sich zuerst überbezahlter Abschaum der Werbebranche ins Büro gestellt hat, von dem dann die niveualosen Parasiten der diversen Finanzkriminellen dachten, dass es auch was für ihr eigenes Image wäre. Das ist nicht wirklich neu in der Kunstgeschichte; schon in der frühen Neuzeit machten Propagandisten wie Pietro Aretino Stimmung für Maler, die sich dann an Ausbeuter, Mörder und Staatsterroristen verkauften. Man ist nicht wirklich gut beraten, sich an diese Art der Kunst zu halten; auf einen Tizian kommen viele Modemaler, und mit etwas Pech endet man beim modernen Pendant zum Lügner, Aufschneider und Selbstpromoter Benvenuto Cellini; die Namen Damien Hirst, Francis Bacon, Neo Rauch und, für die Damen der White Collar Kriminalität, Sarah Lucas könnten einem da einfallen, um diese lange Linie fortzuziehen. Es gibt eine Kunst, die ohne extreme Geldmittel nicht gedeiht, und was dem Renaissancekünstler Karl der V. und Ungewaschene war, ist heute der russische Oligarch, des Hedge Fonds Managers Gattin oder der Investmentbanker - gewesen.



Vorbei die Zeiten, da man nur ein Körbchen voller kunsthandwerlicher Vergänglichkeit in den grossen Auktionshallen hochheben mussten, und schon strömten die Herren des Geldes vorbei. Das zumindest beobachtete die Times bei der jüngsten Versteigerung von Bacon in New York. Solcherlei passiert gerade vielen Häusern, die zudem so dumm waren, Einlieferern wie zu besten Zeiten hohe Garantiepreise bieten zu müssen; Häuser, die quasi eine Option auf das Bild erworben haben, die nun bei ausbleibenden Käufern für frühere Rekordwerke fällig werden. Es ist müssig zu streiten, ob sich die Wall Street das Hochtreiben der Preise bei den Auktionen abgeschaut hat, oder umgekehrt - zusammen hatten sie tolle Jahre, und nun sind sie in einem deflationären Zirkel gefangen.

Der Kunstmarkt hat eine Art Subprimeproblem. Über Jahre wurden Leipziger Schüler im Dutzend gemacht und gefeiert; wer da nicht die Galerien mit seinem Zeug schnellstens flutete und es den Bankfreunden in Sachen Bentley gleich tat, war dumm. Es gibt sagenhaft viel Leipziger Schule und New British Artists, gigantische Mengen wurden schon gekauft und viel wird noch gemacht werden, der Boom wollte bedient werden und trifft nun auf eine Käuferschaft, die sich mangels Liquidität und mitunter auch geregelter Beschäftigung den Ulf Puder abschminken muss, wie der Sixpacksäufer im kalifornischen Central Valley sein Wohneigentum mit Pool und SUV. Nicht nur, dass die Käufer streiken; sie verkaufen auch wieder: Demnächst gibt es 20 geschätzte Kunstmillionen von Lehman Brothers und weitere 8 Millionen vom Ex-Chef Fuld. Grosse Angebote, kleine Nachfrage. Man hört sowas in der Art übrigens auch von den besseren Münchner Häusern; jetzt kommen die Weihnachtsauktionen, und sollte ich da in der Lage sein, irgendetwas zu erwerben, nun, dann sieht es wirklich schlecht aus.

Aber immer noch besser als in England. Bei den Briten geht es gerade wirklich übel zu. Die Leser hier wissen vielleicht, dass ich einem alten Automobil nicht abgeneigt wäre. Da gibt es zwei Möglichkeiten: Entweder der Kauf über Angebote wie bei Carandclassic, oder Versteigerung bei Ebay. Manche stellen ihren Rolls, den Sunbeam oder die Spitfire bei beiden Plattformen ein, setzen bei Ebay einen Mindestpreis und behalten sich das Recht vor, den Wagen bei anderem Verkauf zurück zu ziehen. Das Ergebnis ist erstaunlich. Autos, die in den einschlägigen deutsche Magazinen für 10.000 Euro gehandelt werden, gehen bei Ebay in England auf mickrige 3000 Pfund hoch, oder auch nicht.

Von ein paar ganz wenigen, herausragenden Typen wie dem Austin Healey 3000, dem Bentley Continental, Ferraris oder frühen MGs der T-Reihe augesehen, sind die Preise äusserst niedrig. Aber schon bei älteren Porsche 911 wendet sich das Blatt. Weil es einfach keine Käufer gibt. Und das Angebot aufgrund der Kreditkrise zu gross ist; die Begründung, den Unterstellplatz verloren zu haben, bedeutet auf Deutsch: Da muss sich jemand schleunigst verkleinern. Im letzten Winter habe ich in Deutschland keinen fahrbereiten MGB unter 4000 Euro gesehen. Der überflüssige Luxus einen Spassautos für den Sommer ist auf der Insel de facto für weniger als die Hälfte zu haben, dann aber mit einer langen Liste von Ersatzteilen und Reparaturen. Oder wie wäre es mit einem Bentley für 2700 Pfund? Das hat letzte Woche ein Besitzer für einen 74er bei Ebay bekommen, der mit knapp 9000 bei Carandclassic vergeblich offeriert wurde.

Schlimm? Sicher. Es kommt nur auf die Perspektive an, und was man daraus macht. Es war, man kann sich das nicht vorstellen, schon mal schlimmer. Noch schlimmer, wie die Familiengeschichte aus Gewinnersicht zu berichten weiss. 1945 besass ein naher Verwandter meiner väterlichen Familie einen Bauernhof nahe der Stadt, und war klug genug gewesen, für die Zeit nach dem Krieg das Vieh zu verstecken, und verfügte obendrein einen ansonsten eher wertlosen Auwald. Fleisch, Milch, Eier und Brennholz klingt heute banal, aber damals wurden in der Provinzstadt Tauben gejagt und der Stadtpark Nachts gerodet. Dem Bauern brachten die Städter in diesem Annus Horribilis für Brennmaterial und Essen, was ihnen so geblieben war - zum Beispiel verstecktes Silber. Oder für die Kriegsproduktion unbrauchbare Perserteppiche. Viele Perserteppiche. Die waren jetzt verzichtbar, im Sommer 1945, relativ zum Essen. Als dann der strenge 45/46er Winter kam, und es an Isoliermaterial für die neu gebauten Schweineställe fehlte, griff der Bauer zu Hammer, Nagel und Perserteppich und - nun.

DAS ist Deflation. So schlimm wird es hoffentlich nicht kommen, und bei Bildern und Bentleys ist es wirklich so, wie man es über das Geld fälschlicherweise sagt: Sie verschwinden nicht. Es hat sie nur ein anderer.

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10 Zentimeter Neuschnee.

Draussen. Jetzt. Alles weiss.



Wolken weiss, Berge weiss, Auto weiss. Zum Glück habe ich Winterreifen drauf.



Und eine volle Speisekammer.

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Donnerstag, 13. November 2008

Wetterumschwünge

So schnell kann es gehen. Gestern noch offen und im Hemd, heute Graupel und knapp über Null Grad.



Es ist das Wetter; zum Glück nur das Wetter. Kälter, viel kälter ist es dagegen in Essen; ich habe keine hohe Meinung vom Journalismus im Allgemeinen, aber sowas wie das, was die WAZ und hier besonders ein gewisser Herr Reitz mit Rückendeckung der Eigentümer abzieht, sowas haben die Kollegen nicht verdient. Durch Einsparungen und dem Fortführen gescheiterter Konzepte bekommt man Schleimer, Arschkriecher und Gefälligkeitsstricher, aber keine Zeitung, die man gerne lesen würde. Man wird sich bundesweit an solche Halsabschneiderspektakel gewöhnen müssen; man lese besonders die Kommentare, dann weiss man, wo die Pressfreiheit 2008 steht.



Und in den UdSSA wird aus 700 Milliarden für toxische Immobilenkreditrisiken eine Hälfte Zuschüsse für Banken und eine andere Hälfte Zuschüsse für Auto- und Kreditkartenindustrie. Die Legislative, die etwas anderes beschlossen hat und diese Form der Notstandsdekrete schluckt, ist keinen Schuss Pulver mehr wert. Glücklich, wer in so einer Welt im trockenen sitzt, ohne Schulden im eigenen Objekt und das eigene freie Journal im Internet besitzt.

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Mörder der Märkte oder Ich mag Rezession

Der Erfolg des Kapitalismus ist seine simple Existenzgrundlage, genauer: Der Markt. Entweder eine Firma hat einen Markt, um Geld zu verdienen. Dann ist es gut. Oder sie hat keinen Markt. Dann muss sie dem Markt etwas Besseres bieten, sich einen anderen Markt suchen, oder die Märkte verlassen. Auch das ist gut, denn es garantiert Fortschritt, Anstrengungen und das Gedeihen der besten Lösungen. Ob das überall funktioniert und umfassend gerecht ist, darf diskutiert und per Eingriff notfalls reguliert werden, aber insgesamt ist Marktwirtschaft eine so gute Sache, dass man sich global darauf verständigen konnte. Bis vor kurzem.

Aber aktuell haben es die Marktteilnehmer übertrieben und Märkte erfunden, auf denen erfundene Assets zu erfundenen Preisen gehandelt wurden, mit denen Wirtschaften ohne realen Gegenbwert expandierten und Übertreibungen in Gang gesetzt wurden, deren logische Kösung eine Rezession sein muss. Rezession ist kein Übel und kein Verbrechen, sondern die Antwort des Marktes auf den Versuch seiner Aushebelung. Rezession muss sein, Rezession ist gut - denn wer die Rezession durch ein weiteres Aufblasen des Systems aufhalten will, wird früher oder später in der Depression, im Staatsbankrott oder Wirtschaftszusammenbruch enden. Wenn ein Haus auf der einen Seite durch eine Gasexplosion eingestürzt ist, macht es wenig Sinn, in der anderen Hälfte gleich nochmal die nächste Flasche ins Feuer zu stellen.



Nun haben wir in den USA einen neuen Präsidenten und Demokraten, die wie schon das alte Arschloch von Präsidenten keinen Sinn darin sehen, zu sparen und die Wirtschaft zu reorganisieren. Statt dessen werden Steuern praktisch gestrichen, Staatsgelder weiter an Banken verteilt, und ein neuer Bailout für den Versicherungskonzern AIG ist auch kein Problem - der Staat zahlt. Demnächst bekommen die amerikanischen Autohersteller massenhaft Geld von den Demokraten. Vor Weihnachten wird sich auch Boeing melden. Der Markt ist schlichtweg unlukrativ im Vergleich zu dem, was man gerade mit ein wenig Winseln vom Staat bekommt. Mit diesem Geld kann man genau so weiter machen. Schlechte Autos, zu viele Flugzeuge, teure Parties für AIG. Das ist gut für die Rentner, die ihre Vorsorge in Aktien haben, für die Arbeiter, die nicht gefeuert werden, für die Manager, die weiter Maseratis kaufen, für den Import und überhaupt alle; zumindest erst mal besser als eine schwere Rezession. Prima für das ganze Land - ausser dem amerikanischen Defizit und den Markt.

Das Problem ist, dass dieses Land, das die Demokraten und ihr Präsident auf dem Stand von 2006 mit einem auf andere abgewälzten Dauerkrieg im Mittleren Osten einfrieren wollen, schon 2006 ein Anachronismus war. Dieses Amerika der niedrigen Zinsen, eines vollkommen unproduktiven Finanz- und Juristenmolochs, einer katastrophalen Umweltbilanz und eines künstlich erzeugten Hypes verdankte seine Existenz einem Staatsdefizit, das erst jetzt allgemein erkennbar wird, weil es in den Büchern des Staates landet. Die 2006er Marktwirtschaft war schon damals nichts mehr, was dem realen Markt entsprach. Sie wird auch nicht besser, wenn man mit Staatshilfe Kreditlinien für Leute verlängert, die sich noch immer die Häuser nicht leisten können, in denen sie wohnen. Oder mit immer neuen Bailouts Firmen am Leben hält, die als Insolvenzfall vermutlich billiger wären.

Die Hoffnung, die dem marktfeindlichen Irrsinn zugrunde liegt, ist ein schneller Neustart "der Wirtschaft", der mehr als nur unwahrscheinlich ist. Allein schon, weil die Wirtschaft, um die es geht, schon vor Jahren eigentlich nicht mehr marktwirtschaftlich funktional war, und nur durch das Fetter, Breiter und Dümmer des American Way of Bushismus von Konsumenten und ihren Schulden am Leben gehalten wurde. Die Alternative - die Schwächen zu suchen, einzugestehen und auch unter Schmerzen zu beheben - ist angesichts der Fehlentwicklung seit dem Ende des Kalten Kriegs alles andere als spassig, oder gar erfolgsversprechend.

Trotzdem wäre es eine feine Sache, wenn sich die Idioten der Demokraten jetzt nicht auf die Spur der republikanischen Psychopathen setzen würden, sondern überlegen, was ihnen lieber ist: Eine Rückkehr zu echten, dann aber kleineren Märkten durch das Tal einer bitterbösen Rezession, oder ein weiteres Befeuern der marktfeindlichen Mechanismen der Verschwendung und des Protektionismus, an deren Ende jenseits von Tauschhandel und Schwarzmarkt jede andere Marktfunktion schon eine optimistische Annahme wäre.

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Mittwoch, 12. November 2008

Pastorale im November

Es dürfte sich mittlerweile rumgesprochen haben: Auch ich bin kein Berliner. Allerdings habe ich nur 18 Monate gebraucht um hinlänglich zu verstehen, dass es mir nicht gut täte, würde ich je wirklich dort sein, und so packte ich eines schönen Maientags meinen Salbei und Rosmarin ins Auto und ging, ohne mich je dort registriert zu haben. Seitdem hat sich einiges getan; inzwischen wohne ich so weit von Berlin weg, wie man in Deutschland gerade mal kann, und wenn ich aufstehe, sieht das vor meiner Terrasse so aus:



Was mir anfänglich weniger als die Aussicht gefallen hat, war der Blick auf die Wand. Die hat man nämlich mit schwarz gebeiztem Holz verkleidet, wie das in der Alpenregion üblich ist, auf deren allererstem "Berg" zu wohnen ich das Vergnügen habe. Nun ist das Haus weder ein Rustikalpalast noch ein altes Bauernhaus, sondern ein zweckmässiger und nüchterner Bau der 70er Jahre, bei dem man eher eine weisse Wand erwartet hätte, als Holzbretter und grüne Fensterläden.



Heute morgen jedoch, als ich hinausging und mich an meine Arbeit in Form eines längeren Textes machte, habe ich verstanden: Am Morgen ist es bei uns noch nicht wirklich warm. Aber die Sonne steht niedrig, bestrahlt das schwarze Holz, das die Wärme aufnimmt und wieder abgibt, wenn man sich davor setzt. Sonne von vorne und Holz von Hinten ist wie ein Backherd mit Ober- und Unterhitze. Der Notar, der den Kaufvertrag letzten Februar besiegelte, war sehr braun, und ich fragte mich, wie dieser Mann das mitten im Winter macht. Nun, offensichtlich besass er auch so ein natürliches Solarium.



Und weil keine Arbeit ewig währt und das Thema schnell von der Hand ging, und obendrein ein wenig Sport keine schlechte Idee ist, und weil das Wetter dank Föhn auch schön blieb, schien auch noch eine kleine Bergtour am Nachmittag geraten. Nur zur Erinnerung: Es ist nicht Sommer, sondern der 11. November. Und ich fuhr im offenen Wagen zum Berg. Im Polohemd. Inzwischen war es für den Pulli zu warm.



Die Wärme, die auch beim Aufstieg erhalten bleibt, ist hier übrigens ganz anders als die von Abgasen und Heizluft geschwängerte Atemluftersatzdarreichung in den Städten, deren Wärme mit einer gewissen Stickigkeit einhergeht. Die Wärme durch den Föhn steht dazu in einem Verhältnis wie das Bimmeln der Kuhglocken zum Verkehrslärm. Dass man beim Einstieg unter prachtvollen Bäumen den Entgegenkommenden "Grüss Gott" oder "Servus" entgegenruft und nicht "Scheibenwäsche" oder "Ey was in Fresse ich schwör", hat auch seine Vorteile.



Im Wald wird es ohnehin schnell menschenleer.An Tagen wie diesen, da der Fallwind aus den hohen Alpen in die Täler fliesst, ist die Luft, wie eine hier kurende Prinzessin im 19. Jahrhundert einmal sagte, silbrig-leicht. Ich wüsste nicht, wie man es besser umschreiben könnte, auch auf über 1000 Meter Höhe, wo der Sauerstoff durch die Bäume erhalten bleibt. Am Wochenende erzählte ein Freund, eine Untersuchung hätte ergeben, dass Menschen in der Nähe von Natur und Parks unabhängig vom Einkommen länger leben. Ich tendiere dazu, es zu glauben.



Ich mag die Vorstellung nicht, dass es schon morgen hier oben schneien soll, dass dieser einzigartige Novemberanfang keinen Bestand hat und tatsächlich sowas wie der Winter kommt, aber wenn sich schon der Wetterumschwung ankündigt, mit niedrigen Wolkenbändern im Nordwesten, Regenschlieren zum Boden und dahinjagenden Wolkenfetzen am Übergang zur Föhnzone, dann bitteschön mit exakt diesem Spektakel wie heute auf der Neureuth.



Und trotz der kommenden Kaltfront ist die Sicht noch einmal atemberaubend. Die Spitze da vorne ist der Leonhardstein, den ich dieses Jahr schon bestiegen habe, dahinter die Aufgaben für das kommende Jahr: Die Blauberge mit dem Predigtstuhl, Rofan, Unnütz, dahinter der Karwendel, und schon bedeckt mit Eis und Schnee, 80, 120 Kilometer Richtung Südwesten und dennoch klar und in allen Details zu sehen, das Zentralmassiv der Alpen. Auf den Gipfeln dann: Die Grenze zu Südtirol und Italien.



Man müsste. Man könnte vielleicht sogar, wenn. Und wenn. Und wenn ausserdem. Der Jaufenpass wäre noch offen, die Sellarunde könnte auch noch gehen, oder weiter. Der Koffer wäre noch gepackt, aber. Und so geht es über Stock und Stein zum Wagen und hinab ins Tegernseer Tal und weiter zum Konditor, für die erste Belohnung nach den Strapazen, und die Konditorin fragt, wie es oben war, und schneidet die verbliebenen zweieinhalb Stücke in zwei dicke Hälften.



Wenn ich hier noch die den Tag beschliessenden Schlutzkrapfen mit frischer Bergbutter und Grana Padano zeigen würde, könnte es mir die Leserschaft endgültig übel nehmen. Und das will ich nicht, nach diesem Spätsommertag im Frühwinter.

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Es wird vermutlich noch ein paar Tage dauern

bis ich an der Blogbar das Scheitern von Zoomer und damit auch der einen oder anderen talentlosen Mitarbeiterin vermelden kann, aber man muss kein ostdeutsches Schmalspurstudium haben, um sich mal an der Blogbar ein paar Worte zur Kuschelzoothematik und den unschönen Folgen anzuhören.

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Dienstag, 11. November 2008

Opel, der Markt und der Tod

Ich war vor ein paar Wochen in Rüsselsheim. Prima am Main gelegen. Eine Staumauer den Fluss runter anlegen, fluten, und schon muss man sich kein Gewinsel der Opel-Chefs und ihrer amerikanischen Strippenzieher von GM mehr anhören, die 40 Milliarden Euro für den stockenden Fahrzeugabsatz in Europa wollen. Und dass gerade Opel quäkt, ist kein Zufall - hat die Deutsche Bank doch gerade das Kursziel für die GM-Aktie auf 0 gesenkt. Nachdem der Versuch, in den USA an Staatsgeld für missglückte Karren nicht vorankommt, soll jetzt Europa und Deutschland zahlen.

Das hier ist ein Talbot Lago T26 aus den frühen 50er Jahren in Brescia an der technischen Abnahme für die Mille Miglia:



Das ist nun wirklich ein schönes Auto, ein Klassiker des frühen Nachkriegsdesign, mit 120 PS und einer modernen Karosserie. Dennoch ging Talbot kurz danach fast pleite, die Firma edelster Sport- und Luxuswagen musste an Simca verkauft werden, die selbst an Chrysler verkauft wurde, um dann in der Krise der 70er Jahre wiederum an Peugeot-Citroen verkauft zu werden, wo Talbot dann als Name für Kleinwägen verwendet wurde. Mit den glorreichen Zeiten, als Talbot mit Bugatti, Alfa und Delahaye die Rennstrecken beherrschte, hatte das nichts mehr zu tun. Eine Schande, sicher.

Opel nun verdanken wir Kfz-historisch den Raketenwagen und mit dem Opel Olympia den ersten Serienwagen mit selbsttragender Karosserie. In den 20er Jahren war fast jedes zweite Auto in Deutschland ein Opel, aber die Weltwirtschaftskrise zwang die Firmeninhaber, den Laden an General Motors zu verkaufen. Immerhin ging es mit dem Fahrzeugbau weiter, und auch Öl- und Wirtschaftskrisen konnten der Firma nicht den Garaus machen. Opel hat viele Fehler gemacht - Prollschlitten für das Ruhrgebiet und Blogger in noch hässlicheren Autos - und das alles überlebt. Bis jetzt.

Talbot hat Autos gebaut, die für die Zeit im Vergleich zu anderen zu exotisch und zu teuer waren. Opel baut Autos, die im Vergleich zu anderen zu schlecht, zu gewöhnlich und zu teuer sind. Wir stecken mitten in einer Rezession, und Opel hat weder ein tolles Design noch einen tollen Ruf oder einen tollen Elektromotor oder sonstwas, das einen dazu bringen könnte, trotz Krise und Kreditknappheit genau so einen Opel zu kaufen. Opel ist noch hässlicher als Dacia, schlecht, langweilig und hat sogar die hauseigenen Legenden für Schrott wie den neuen GT verramscht. Wie so oft, konnte eine Firma wie Opel im Boom mithalten, aber die Krise macht solchen Firmen kapitalistisch korrekt das Licht aus. Weil sie keinen Markt mehr haben, den sie kostendeckend beliefern können. Und weil sie wie Ford an einer amerikanischen Mama kurz vor dem Exitus hängen.

Natürlich kommen sie jetzt alle mit der Propagandalüge, sie würden nach Jahrzehnten der Benzinfresserei schnellstens umweltfreundliche Wägen entwickeln - ein dreister Witz, wenn man die Vorlaufszeiten bei der Serienproduktion von Autos und die technischen Hürden neuartiger Antriebe kennt. Wenn Firmen das nicht hinbekommen, wenn Firmen in dieser Richtung die Trends verschlafen haben, dann sind das die amerikanischen Marken und ihre deutschen Ableger. Es würde heute keinen Sinn machen, die Verschrottung von Altautos - wie von Opel vorgeschlagen - mit einer Prämie zu belohnen und dann die Halden der technischen Opeldinosaurier zu verkaufen, die mich dann auf dem Jaufenpass ausbremsen und überholt werden müssen.



Wie man an Talbot und vielen anderen stolzen Marken - man nehme nur mal die ausgestorbene englische Autoindustrie! - sehen kann, ist das normal. Opel hält sich für so wichtig wie Rover oder Panhard oder die Rootes-Gruppe - und alle mussten erkennen, dass es auch ohne sie geht. Es wird auch ohne Opel gehen. Sollte GM pleite gehen, wird Opel verschwinden und den Markt anderen Firmen überlassen, die besser sind und dem Markt bessere Lösungen anbieten. Es gibt keinen plausiblen Grund, der deutschen Tochter eines US-Konzerns Milliarden zur indirekten Finanzierung ihrer lahmen, spritsaufenden Mühlen reinzuschieben, wenn damit innovative Hersteller Absatzprobleme bekommen.

Vielleicht findet sich auch jemand und kauft das Europageschäft von GM. Behält Opel als Billigmarke. Es gibt Emerging Markets und Drittweltstaaten, die kein Problem mit veralteter Technik haben, von den UdSSA bis nach Nigeria, zu betrachten an Firmen wie Jaguar für Indien oder MG und Rover für China. Die Geschichte ist voller Marken, die Krisen nicht überleben. Und es wäre schon ein verdammter Zynismus der Industriegeschichte, wenn Firmen wie Talbot verschwinden müssten, und sowas wie Opel würde auf Steuerzahlerkosten gerettet. Dann lieber wirklich den Adam-Opel-Stausee über Rüsselsheim anlegen.



Wie man am Tegernsee an den Resten der Fischerei im Wasser sieht, kann das sogar durchaus romantisch wirken.

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Die einfachen Dinge

Man kann alles übertreiben. Es gibt immer einen Punkt, an dem der Gewinn an Leistung nicht mehr mit dem Anwachsen des Preises mithalten kann. Wann genau es sich nicht mehr lohnt, muss jeder für sich selbst begründen; es gibt Leute, die finden die farblich abgesetzte Nähte ihrer Ledersitze im Auto für mehr als 2000 Euro für unverzichtbar. Und ich habe mit von TV-Kundigen erzählen lassen, dass der Trend zu japanischen Keramikmessern irgendwelcher Schnittdesigner oder damaszierten Klingen usbekischer Stahlstreichler oder was es da sonst noch gibt durch diverse Kochshows in den Kisten gefördert werden, die erstaunlicherweise von vielen einem guten Buch vorgezogen werden. Angenehm entspannt ist dagegen der Teil des mir soeben von einem Gast verehrten Buches "Hitze" von Bill Buford, der sich mit den Schneidegeräten des Kochs auseinandersetzt, wie ich heute morgen am Frühstückstisch lesen durfte.



Worauf kommt es bei einem Messer an? Dass es gut in der Hand liegt und schneidet, sollte man meinen. Vielleicht nicht so gut, dass man nur mal kurz mit dem Finger daran kommt und eine Tarte a la Blutwurst erfindet. Meiner Meinung nach ist es gar nicht so wünschenswert, wenn Messer spielerisch durch Gemüse gleiten; ganz im Gegenteill, ich schätze den Einsatz von Kraft bis an die Grenze der Gewalttätigkeit, denn Kochen ist keine Häkelstickerei und kein literarisches Fest, sondern der letzte legitime Akt der Alltagsgewalt. Hier bin ich Schlächter, hier darf ich es sein, möchte ich sagen, und deshalb ist es fein, wenn das Messer schneidet, ohne dass es dabei wie das Nichtkochen einer dieser parfümersoffenen Brillitanten aussehen würde, das die Werbung in der World of Interior als Ideal präsentiert. Nun war ich am Wochenende im schönen Meran unter den Lauben, besuchte dabei auch das alteingesessene Fachgeschäft der Frasnellis und dachte mir so, als ein paar dumme Blagen eines unbesorgen Kunden das Porzellan im Schaufenster bedappten und kippelten, dass dieses schlichte Küchenmesser mit dicken Messingnieten und dem schlichten Holzgriff eine feine Sache sein könnte.



Es passte einfach. Es lag schön in der Hand, das unebene Holz fühlte sich gut und wohlgeformt an, und wenn es erst mal ein paar Mal in Gebrauch war, wird es auch eine feine Patina bekommen. Plastik dagegen sieht immer etwas schmutzig aus, und die modisch harten, schwarzen Griffe halten bei meiner Küchenarbeit mitunter nur ein paar Monate, bis das spröde Material an den Nieten bricht. Dieses Messer ist eher schlicht und könnte auch ein paar Jahrhunderte alt sein, denn auch auf den Küchenstücken der flämischen Meister und in mittelalterlichen Latrinen finden sich diese Stücke, mit der breiten Klinge und der Verdickung am Ende des Griffs; die Quintessenz aus Jahrhunderten europäischer Küchenpraxis. Natürlich gibt es elegantere Formen, aber hier geht es nicht um Designwettbewerbe, sondern um Schneiden mit der handgeschliffenen Schneide und - schnell umgedreht - um das Herunderschieben des Geschnittenen vom Brett mit dem Messerrücken. Mehr muss nicht sein, genau das geht perfekt, egal ob grob geschnittene Rauke, fein gewürfelte Mangoldstiele oder die Stücke der fertigen Tarte. Und das alles für 10 Euro unter den Lauben aus Meran.

(10. November 2008. 20 Grad, und von 9 bis 4 sitze ich draussen in der Sonne. Noch so ein einfaches Ding. An Tagen wie heute lohnt sich die Wohnung.)

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Sonntag, 9. November 2008

Blau






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Samstag, 8. November 2008

Erster Schnee

Ich komme von ganz oben. So hoch man gerade noch kommt. Umbrail und Stilfser Joch sind seit ein paar Tagen zu, Lawinengefahr, der Jaufenpass liegt schon verwaist im Schnee.



Nie war die Auffahrt so frei, nie war es da oben so einsam, allein mit den Wolken, dem Wind und den eisgepanzerten Bergen. Ich war in der Zukunft, und was von dort ins Tal kommt, ist kalt, lebensfeindlich und bitter.



Und es war eine Fahrt zum Tod; der lange Zug der Frauen aus Reschen durch das Dorf in die kleine, braungraue Kirche hinter dem Sarg, danach die Kapelle ohne Musik, und eine, die umkehrte, den Hut in der Hand und die Kirche nicht betrat, wer weiss, was sie mit dem Toten an Hass oder Liebe hatte. Da oben stirbt man nicht einfach, man bleibt unter den anderen, so oder so. 1000, 2000 Kurven später ist es nur kalt im offenen Wagen, nur kalt, aber schön, lebendig und voller Erinnerungen.



Ich war in vier Ländern, ich habe Tuorta da Nusch aus Müstair geholt. Bergkäse und Coppa aus Naturns, wo nebenan in St. Prokulus die Heiligen geröstet werden, Öl, Grana und Vinschgauer aus Meran und dort noch einmal unter den Lauben gegessen, Kaffee und Salz aus Österreich mitgebracht und Torte aus Gmund. Das meiste wird halten, manches wurde schon gekocht, und wer weiss, wann ich wieder wie der Wind über die Pässe fege, die im Tal dunkel und an den Spitzen vereist sind. Der Winter kann kommen, für mich und die Gäste.

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Freitag, 7. November 2008

Harte Tage für harte Männer

Vieles in meiner alten Wohngegend hat sich zum Schlechteren verändert. Das La Boheme: Weg. Der türkische Imbiss mit dem selbstgebackenen Brot: Weg. Das nette Antiquariat in der Schellingstrasse: Weg. Der Türkendolch: Weg. Statt dessen ein Lokal, das Soda heisst. Sehr viele Kleiderläden für anämische Globalclone. Studenten wohnen hier kaum noch, und die Kochschule ist immer rappelvoll. All die Probleme, die mit der 1a-Lage in einer zu teuren Stadt vermutlich unvermeidlich sind. Insofern ist es angenehm, dass in der Nordendstrasse/ Ecke Bauerstrasse mit Heckmüller ein Fachgeschäft für Kindermoden und Herrenwäsche existiert, das bruchlos aus den 60er Jahren stammen könnte. Dort kam ich gestern vorbei und sah die Pullis mit der Aufschrift Monza, neben den heute wieder todschicken, in meinen Augen aber eher BWL-spiessigen Rautensweatshirts.



Ich dachte an heute, an die Schneeberge auf den Pässen und den eisigen Wind in den Höhen, betrat alsdann den Laden und sprach: "Ich werde morgen auf einer Passhöhe in den Alpen in meinem offenen Wagen vermutlich erfrieren, und würde das gerne in einem dieser weissen Monza-Pullover tun; haben Sie ihn in Grösse L vorrätig?" Sie hatten, ich probierte und kaufte in der festen Überzeugung, mit der Monza-Aufschrift längst über das Alter hinaus zu sein, in dem man noch sowas wie Midlifecrisis haben kann und Torheiten wie Pässe im Schnee grundlos macht - vielmehr habe ich durchaus rationale Gründe, warum ich heute in Regionen anzutreffen sind, die andere längst auf Skiern betreten und in Rettungshubschraubern verlassen. Um nur mal den geringsten Grund anzuführen:



Ich muss meine einerseits neuen und ungetragenen, andererseits schon ziemlich vintage anmutenden und unverschämt günstigen Autohandschuhe einfahren. Die gerieten heute in einem Antikmarkt in meine Hände, waren noch zusammengenäht und aus dickem Hirschleder gefertig, das über die Jahre hart und unflexibel wurde. Kenner dieses Blogs werden vielleicht anmerken, dass es von mir Bilder mit mindestens vier Paar anderer, weicher und anschmiegsamer Handschuhe für offenes Fahren gibt, und sie haben recht: Aber die neuen Handschuhe sind nicht nur für das Fahren geeignet. Sie sind die einzigen, mit denen man auch den Wagenheber bedienen, Zentralverschlüsse aufschlagen oder ohne grosse Sorgen den heissen Motor anfassen könnte.

Abgesehen davon passen sie perfekt zum Pullover. Oder andersrum. Und das kann man so nicht am See tragen, also muss ich in die Berge. Weitere rationale Gründe kann ich mir ja heute zwischen Innbruck und Vorarlberg einfallen lassen. Sage solange bitter keiner, dass sich Herrenwäsche und Mode für grössere Kinder nicht ausschliessen würden.

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