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Samstag, 28. August 2010

Es gibt kein AKW am Tegernsee

Hätte ich heute, wie eigentlich geplant, mein Seminar gehalten, und wäre ich nicht nur marode auf dem Sofa gelegen, wo mich am Morgen dann die Putzfrau vorfand und sich vermutlich ihren Teil dachte, dann hätte ich gesagt: Kinder, hätte ich gesagt, es bloggt sich leichter, wenn man weniger denkt. Bei manchen klingt das dann beschissen, das sind betriebsdeformierte Journalisten und andere von irgendwelchen Presseschulen verblödete Hungerleider, und wenn es bei Euch so ist - dann schreibt besser DPA-Meldungen ab und macht Klickstrecken, aber kein Blog. Dann hätte ich ihnen ein paar abschreckende Beispiele gezeigt. Es ist ja nicht so, dass manche Versager es für Bloggen halten, wenn sie wie SPONschleimer TV-Gossenlachnummern kopieren oder zwei Agenturmeldungen mit Anmerkungen versehen oder Parteientwürfe in ihr Blog einstellen, so dass ich mir auf die Zähne beissen muss, wenn ich eigentlich gern 5 verkopfte neue Blogs des SZ-Magazins kollegial als Hirnfick bezeichnen möchte.

Aber dank meiner suboptimalen Fahrkünste (eine Bewohnerin im Haus, ca. 75 Jahre alt, sagte: Was? Da hinten? Da fahren wir auch immer, da ist noch NIE jemand runtergefallen) geht das jetzt alles nicht, und schlimmer: Auch mein Kopf denkt weniger.



Was ich erst gemerkt habe, als ich den Notartikel für die FAZ heute nochmal durchgelesen habe. Da könnte man wirklich sehr viel falsch verstehen, so wie ich da auf den Formulierungen ausgerutscht bin, immer dann, wenn es zufällig um CSU und Atomenergiefreunde geht. Weniger denken ist gut, aber nicht denken ist schlecht. Dabei geht es wirklich nicht um Kritik an den Herrschern des Landes in Banken und Industrie und auch nicht um Nachtreten gegen ihre Mietsklaven im Reichstag, sondern nur darum, dass dahinten zwischen Ringberg und Blaubergen kein AKW steht, obwohl es hinpassen würde.

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Freitag, 27. August 2010

Tagesprogramm

Der Arzt meint, dass man jung ist, wenn man sich am Tag danach besser fühlt, und alt, wenn es schlechter geht. Gestern hatte ich das Gefühl, von einem Panzer überrollt zu sein. Heute ist es nur noch ein LKW, morgen vielleicht sogar nur ein Opel. Ich bin also eher noch jung, aber die Leichtigkeit bei den Bewegungen ist dahin. Ausserdem bekomme ich voin der Sonne Kopfschmerzen.



Ausserdem auf dem Tagesprogramm: Absagen, Verschiebungen, Vertröstungen. Alles sehr ärgerlich. wenn ich mich schoin mal nach Norden aufmache und mich an den Gedanken gewöhnt habe, möchte ich das auch durchziehen. Nur ein Punkt bleibt auf der Planung - er ist ganz zuletzt und problemlos mit dem Zug zu erreichen. Es könnte ein schöner Tag sein, aber das meiste verschlafe, vertrödle, vergucke ich.

In der Nähe von Nürnberg stünde ein Basso Astra aus Columbus EL zum Verkauf, eines der unerschweinglichen Traumräder meiner aktiven Zeit in Magenta und Pink und sehr italienisch, für weniger als 1/10 des damaligen Preises, von rund 7000 Mark, aber das lasse ich besser. Erst mal. ich habe genug mit anderen Patienten zu tun, zu allererst mit mir selbst.

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Donnerstag, 26. August 2010

Endlich Urlaub!

Eigentlich sollte es hier noch eine Weile still sein, schliesslich wollte ich zu ganz anderen Dingen an den See fahren und Spass haben, bevor die grosse, faktisach stark netzreduzierte Rundreise durch das Land zu den Vorträgen nach Bonn und anderswo über Internet, Internet, Internet beginnt. An den See bin ich dann auch gefahren. Mit dem Bergradl. Erst mal runter an den Strand.



Dann zum Konditor und in unseren brandneuen Dorfladen, und danach wieder zurück in meine Wohnung, wo ich ausgeschlafen habe. Schliesslich brauchte ich etwas Urlaub auch wegen der ungesunden Arbeitszeiten spät in den Nächten. Dann noch eine kleine abendliche Runde ins Mangfalltal, über Wiesen, Wälder und Feldwege, so schön kann Oberbayern sein, die richtigen Berge muss man ja nicht gleich am ersten Nachmittag machen.



Ich kenne den Weg und weiss um die gegen das Gefälle eingezogenen Regenabläufe, und den ersten überwand ich ohne Probleme. Beim zweiten Exemplar schlug es mir den Lenker aus der rechten Hand, und das Vorderrad drehte mir das andere Lenkerende zum Oberkörper, den es in luftige Höhen zog. Um es positiv zu sagen: Den Helm hat es schlimmer erwischt, und das rechte Knie fühlt sich noch recht heil an. Ebenso wie der dritte Zeh am rechten Fuss, mit dem ich das hier schreibe. Wirklich schlimm, meint Onkel Doktor, ist nur die Sache mit den Rippen, das wird eine Weile weh tun, wo der Lenker war, aber machen kann man da nichts, ausser ausruhen, ein Guter hält es aus und um einen Schlechten ist es nicht schad. Weit verreisen kommt auch wegen diverser anderer Folgen nicht in Frage, und einer von der Sorte Kollegen, die auch noch halbbtot in die Arbeit rennen, wollte ich sowieso nie werden.

Wohlmeinende Leser werden nun vielleicht sagen, ich sollte doch die Kisten verkaufen und wieder Tortenprogramm machen, da kippt man nur wegen Verfettung um, wenn die Muskeln nicht mehr tragen, und das Fett fängt einen weich auf, und was soll ich sagen? Ich habe tatsächlich, gewissermassen vorgreifend, mein gelbes Battaglin an einen Freund verkauft! Eine gefährliche Rennsemmel weniger.



Dass ich das Geld dafür allerdings gleich wieder in ein schlecht erhaltenes und restaurierungsbedürftiges Trek OCLV steckte, das an den Laufrädern hing, die ich haben wollte, sollte man unter dem Gesichtspunkt des in weiser, an den Regenrinnen dann leider fehlender Voraussicht beschafften Ablenkungsprogramms daheim sehen. Ich habe ja keinen Fernseher für die Ablenkung, und schrauben kann ich auch mit den letzten drei Zähnen.

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Totalverlust durch Bildung

Es gibt gewisse Arten der Bildung, die ich ebenso wenig mag wie die Dummheit, weil sie weitgehend deckungsgleich ist. Dieses "wie wir ja alle wissen, ist es ja ohnehin längst geklärt, dass der nur vielen Idioten vollkommen unbekannte, aber von meiner Kollegin hochgeschriebene Sprechreimsänger Dagobert D. Düdelhoff den endgültigen Berlinroman geschrieben hat." Der Hegemannismus. Ich denke mir immer, dass diese Bildung4Dünkel am Ende mit dem Hirntod ebenso verschwindet wie alles, was uns die Abgründe von Spiegel Onschleim gebracht hat. Das ist nun mal so. Allerdings geht auch jede andere Bildung verloren, und da muss man schon mal fragen, ob eine Patek nicht die bessere Art der Vermögensverwaltung ist, wenn Bildung schon als Investment gilt. In der FAZ.

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Mittwoch, 25. August 2010

Spätsommerkrisen

Ooopsie - na, wer hätte das gedacht, weigert sich die Krise doch, einfach so vorbei zu sein und aus toxischen Papieren wieder Werte werden zu lassen. Generell habe ich auch nichts gegen Preistreiberei in Sachen Silber, aber wenn die Finanzenesotherikerabteilung der FAZ schon Silberspinner zu Wort kommen lässt, sagt das nicht nur was über die Qualität deren Ratschläge, sondern auch die generelle Lage der Wirtschaft aus. Trotzdem stand ich heute lange, lange am Bahndamm, erst ein Autozug nach Norden, dann ein Zulieferteilzug nach Süden, dann wieder ein Autozug nach Norden, irgendwo kann es sich jemand leisten, Vorstadtbewohner oder Firma, also ist alles bestens, hier zumindest.



Vergessen vermutlich all die Sprüche, der Osten werde sich durch die Krise dem Westen angleichen , oder ein Paradigmenwechsel stünde bevor. Sollte der noch kommen, weg von Statussymbolen und grossen Autos, hat er eine Menge Weg zu gehen. Prinzipiell stimmt es natürlich: Die Aussichten für noch mehr Mobilität sind eher nicht gut. Aber auf einen Radler sehe ich an diesem windigen Sommertag auf Kurzstrecke 30, 40 Autos. Wie überall. Würde man die Menschen fragen, was sie aus der Krise gelernt haben, wäre die Antwort vermutlich: Welche Krise? Selbst wenn ihre Steuern immer noch und auf Jahre und Jahrzehnte in das Debakel der Banken und der kriminellen Wirtschaft fliessen werden.

Und war da nicht noch was mit der Bayern LB und der Hypo Alpe Adria? Unsere sauberen bayerischen Politiker, die von den Kärntnern unter Jörg Haider getäuscht wurden... da gibt es jetzt eine lustige Sache, aus der Zeit nach dem Verkauf der HAA an die Bayern: Verdacht auf Geldwäsche für einen mutmasslichen Mafia-Paten. Das war dann schon unter dem Ministerpräsidenten Beckstein. Dem Mann, der immer so hart gegen Drogenhändler vorgehen wollte. Ich glaube nicht, dass der wusste, was die Tochterbank der Landesbank da getan hat, aber es ist schon eine hübsche Ironie, wer da alles Kunde bei unserem höchstanständigen Staat ist, und wohin all das Geld geflossen ist.

Wozu braucht eigentlich eine Staatsbank nochmal Konten in Liechtenstein, auf denen dann andere geschützt Gelder anlegen können, deren Verbleib den Staat sehr interessiert? Das sind so die Fragen, die mir in den Sinn kommen. Aber sonst geht alles seinen gewohnten Gang, und mit jedem Autozug wird die Lage besser.

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Montag, 23. August 2010

Hebungen und Senkungen

Ich bin den Rest der Woche ziemlich viel unterwegs, mal nach Süden, dann nach Norden, dann auch mal zwischendrin, mit serh unterschiedlichen Anfo0rderungen und Aufgaben: Ein Workshop, ein Podium, Besprechungen, Familie und sogar Landwirtschaft - was angesichts der kommenden nächsten Krise aus den USA und England vielleicht nicht der dümmste Punkt ist.

Bei einigen dieser Veranstaltungen muss man lange Listen mit den Wünschen und Bedürfnissen ausfüllen, als da sind bevorzugte Reiseart (Auto), warum nicht Zug (weil man von mir gute Laune erwartet), benötigte Hilfsmittel (Viagra?) und Vorlieben beim Essen. Genauer: Vegetarisch oder nicht. Nun heisst vegtarisch nicht, dass ich es deshalb mag, auch bei Gemüse sind enorm viele Dinge dabei, die ich eher fragwürdig finde: Blaukraut und generell Kraut, Rüben und Linsen, Blumenkohl und Mais, um nur einiges zu nennen. Einmal war ich bei einem Kongress als einziger Vegetarier eingeladen, und es gab für mich Blumenkohl- und Rübenpflanzerl mit Kraut, man kann sich das Ergebnis vorstellen. Dass ich Kartoffeln auch noch kritisch gegenüber stehe, macht die Sache nicht leichter. Trotzdem bin ich jemand, der kein Fleisch isst, denn bei Fleisch hebt es mich.



Ein Ziel nun ist exakt jene Region, in der ich das vorletzte Mal absolut nichts, nicht mal einen Salat auf einer Speisekarte fand, was ich hätte essen können. Es war nicht Bayern (auch das Letzte mal nicht, das war in Frankreich), es war im Rheinland, an einem verregneten Novembertag, und ich hatte Grippe und Ärger wegen zwischenmenschlichen Indifferenzen. Ich denke, das wird diesmal nicht so schlimm, aber präventiv habe ich schon in der FAZ mal an meinen Argumentationen geübt, sollte mich ein ungnädiges Schicksal erneut in jenen Rheinort verrschlagen, wo sogar der Salat mit Presssack angereichert war.

Man weiss ja nie, bei denen da im Norden. Die Woche drauf bin ich wieder im sicheren Bayern.

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Sonntag, 22. August 2010

Das Benehmen der Dinge

Da stand der Vorschlag im Raum, es doch auch mal mit der digitalen Öffentlichkeit zu probieren. Eine Einkaufsliste in Pfaffenhofen zu schreiben und mit anderen, die ebenfalls ihren Konsum öffentlich machen, zu deren Demütigung veröffentlichen. In etwa so:

1 spätklassisches Relief (Replik)
1 attischer Kouros (0,5 m hoch, Replik)
1 Lithographie nach Joseph Stieler, gerahmt
1 unverschämt rote Lackdose in Kürbisform aus China, ca. 1900
1 englisches Eisenmesser aus Sheffield
1 Buch mit Privateinband
Wunderbare Bettwäsche, an der vor 80 Jahren ein paar Omas lang genäht hatten, damit sie dann auf Niebenutzung im Schrank verschwand.
Alles lächerlich billig.
Kein Silber, kein Porzellan, kein Gemälde, aber nur beinahe keines.
Und dann noch, nach der Heimkehr, eine Spur von Glassteinen die Treppe hoch.



Er bröselt nur so vor sich hin, auch wenn es nicht den Anschein macht, dass etwas daran fehlen würde. Es hängt einfach zu viel dran.

Es ist nämlich so mit den Kronleuchtern. Man braucht nicht nur eine grosse Wohnung mit hohen Decken. Die Wohnung muss auch passen, damit der Kronleuchter nicht alles erschlägt. Je üppiger und irrer der Kronleuchter, desto knalliger muss die Wohnung sein. Und wer wäre ich, dass ich anderen erkläre, wie man in so einen Kronleuchter hineinwächst. So ein echtes Monstrum an der Decke, und schon ist das üppige Barocksofa wieder relativ schlicht, das Parkett braucht dringenst einen Perserteppich, die venezianischen Spiegel werden relativ dezent. Hat man sich an das Gleissen erst mal gewöhnt, vergisst man schnell, dass es auch anders gehen musste, als man mal kein Monster hatte. Aber diese Erkenntnis fehlt vielen, sie wollen sich nicht verändern, und so erklärt es sich, dass der, grob gesagt, drittüppigste Kronleuchter, den ich je gekauft habe, und bei Gott, es waren wirklich viele, in einer Kiste gammelte und von niemanden für ein paar Euro gekauft wurde - bis er dann mich mit seinen 9 Flammen und mehr als 1000 Steinen angesprungen hat. Soweit so ein schweres Trumm springen kann. Vermutlich kann es das nicht, aber plötzlich hatte ich jedenfalls die Kiste in der Hand und schwitzte mein Hemd durch.



Ich suche das nicht. Es sucht mich. Es lauert irgendwo unten und nutzt die Gelegenheit, wenn ich vorbei komme. Sehr undezent, fast schon obszön, dieses Benehmen der Dinge. Platz habe ich dafür natürlich nicht, also habe ich beschlossen, dass es der erste Kronleuchter für meinen Altersruhesitz in Meran ist. Ich denke, mit seiner dreisten Art passt er ganz gut über die Alpen in ein Land mit dickerem Blut.

Aber natürlich kann man damit schlecht angeben: Die nackte Glühbirne an der Decke (russischer Lüster sagt man dazu in Berlin) von Einkäufeinsinternetstellern ist natürlich sehr viel pflegeleichter.

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Sonntag, 22. August 2010

Öffentlichkeit in Demokratie und Totalitarismus

Mit den deutschen Neonerdzisten ist es wie mit allen anderen totalitären Gruppen, die einen an der Waffel haben: Man kann gar nicht so schnell argumentieren, wie die den nächsten irren Rülpser absondern. Unter dem Label angeblicher Freiheitsrechte soll nun nicht nur Google Streetview gegen den Willen der Betroffenen von ein paar Asozialen um deren Häuser und damit auch Daten erweitert werden, nein, es geht um grundsätzliches; nehmen wir nur mal den Michael Seemann, seines Zeichens glücklicherweise - und ich kann echt sagen, ich war froh, als der endlich den Tritt bekam - gefeuerter Ex-Faz-Blogger mit Hang zur kommerziellen Verwertung von Bildern, für die er keine Rechte hatte:

Hier geht es nicht um Menschen, die nicht ohne Internet könnten, sondern darum, dass auch diese Leute Teil des Internets werden. Ohne selbst aktiv zu werden.

kommentiert er bei Carta in Bezug auf Menschen, die mit dem Netz und besonders ihren Häusern bei Google nichts am Hut haben, im Sinne einer digitalen Öffentlichkeit.

Und ich denke, das ist eine feine Aussage, um zu zeigen, wie nah solche Leute am Totalitarismus sind: Denn Öffentlichkeit sieht so aus:



Ich darf mich in der Öffentlichkeit bewegen, wann immer ich will. Es gibt keine Beschränkung dieser Freiheit, das erlaubt mir das Grundgesetz. Ich kann jederzeit daran teilnehmen, wann, wo und wie ich will. Das ist mein Recht in dieser freiheitlichen Grundordnung.

Aber ich muss nicht. Weder im Internet wie oben mit dem Bild, noch in der Realität. Ich kann mir jederzeit überlegen, diese Teilnahme an der Öffentlichkeit zu begrenzen. Oder es auch bleiben zu lassen. Niemand kann mir das verbieten. Keiner kann sagen: Du musst rauskommen und Dich zeigen. Das machen freiheitliche Grundordnungen aus allerbesten Gründen nicht: Der Zwang zur Öffentlichkeit ist nämlich ein Kennzeichen des Totalitarismus.

Und das sogar im Unterschied zu einem normalen autokratischen System. Der Autokratie ist es wurscht, was man tut, solange man funktioniert. Normale Autokraten setzen auf Befehle und deren Befolgung, auf Druck und Reaktion, auf Kommandostrukturen und Hierarchien. Solange das gewährt ist, ist die Öffentlichkeit in Autokratien eine eher irrelevante Grösse. Dieses Prinzip kennt man aus dem 19. Jahrhundert in Mitteleuropa - keine richtigen Demokratien, durchaus ein starker Staat, aber wer nicht aufmuckt, wird auch nicht behelligt und darf ziemlich viel. Auch und gerade in der Öffentlichkeit.

Das ändert sich erst mit der totalitären Ideologie, und hier besonders: Dem 20. Jahrhundert. Der Totalitarismus ist eben nicht mehr damit zufrieden, öffentliche Bereiche und deren Nutzung anderen zu überlassen. Naziaufmärsche, Sowietparaden, die chinesische Kulturrevolution: Alles öffentlich, aber auch in einer Art öffentlich, die nichts mit Freiwilligkeit zu tun hat. Keine Hakenkreuzfahne beim Führerbesuch? Tja, wo ist das nächste KZ? Kein Lust, dem Parteisekretär zuzuhören? Kein Bedürfnis, mit den roten Brigarden durch das Land zu reisen und Tempel zu schänden? Da ist wohl ein bürgerlicher Klassenfeind. Hier geht es nicht um Menschen, die nicht ohne unsere Ideologie sein könnten, sondern darum, dass auch diese Leute Teil unserer Ideologie werden. Ohne selbst aktiv zu werden. Wer braucht schon Menschen? Leute reichen. Volksgenossen, egal wie. Klassenangehörige, egal wie. Google Streetview Zwangsvorgeführte. Jens Best befiehlt, ein paar hundert folgen ihm.



Und dabei ist das Internet noch nicht mal "Öffentlichkeit". Das Internet ist eben kein Raum, den jeder frei und ungehindert betreten kann. Man braucht dafür Kenntnisse, einen Rechner und einen Provider, und obendrein schon reichlich Ahnung von der Materie, um sich dort zurecht zu finden. Und notfalls auch sein Recht zu bekommen. Hausbilder und Daten auf dem Server einer Firma oder einem Haufen Asozialer sind keine Öffentlichkeit, sondern Daten mit nichtöffentlicher Verfügungsgewalt. Es ist kein Ort der Gleichheit und der Gleichberechtigung, es ist kein Forum und nichts, was jedem als Recht zusteht. Es gibt kein Recht auf Internet, und noch weniger Pflicht dazu.

Gäbe es Ersteres in einer freiheitlichen Form, müsste man die Apologeten des Zweiteren als Feinde dieser Ordnung bekämpfen. Ich nehme mir hier das Recht, meine eigene Öffentlichkeit zu schaffen, wie ich es für richtig halte. Wenn einer von denen meint, darüber hinaus müsste man mich in irgendeinem Punkt zwingen - nun, dann gibt es verschiedene Möglichkeiten des Umgangs mit diesem Pack. Totalitaristen jedenfalls sollte man als Feinde der Grundordnung dieses Staates bekämpfen, und nicht nach der Software, die sie zur Verbreitung ihres Gedankenunguts benutzen.

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Samstag, 21. August 2010

Und noch ein Reiseratschlag zum Schluss.

Die Schweiz ist toll. Und die letzte innereuropäische Gelegenheit für Schmuggeleien.



Früher, als man nur ein paar Flaschen Wein aus Italien mitbringen durfte, war es immer ein Nervenkitzel für manche Eltern, die natürlich nie erwischt wurden. Die kleine Illegalität am Rande, das Wohligkeitsgefühl, den teuren Importeuren und Steuern ein Schnippchen geschlagen zu haben.



In Glurns, einem elend überlaufenen Städtchen vor der Schweizer Grenze, erinnert ein wenig daran der Kuchenkauf, im Vergleich zur Schweiz unfassbar billig, gleich ein ganzer Apfelstrudel muss es sein - und wirklich, den Namen der Konditorei Riedl in Glurns, den sollte man sich merken.



Die machen nämlich neben dem höchst soliden Apfelstrudel auch einen Marillenkuchen, der sich gewaschen hat. Eine Fruchtbombe. Warum, fragt man sich, wenn man ihn im Schweizer Nationalpark gegessen hat, warum hat man nur 2 Stücke und nicht das eine grosse, runde, ganze Stück genommen, das sie auch hatten?



Es gibt dafür keine sinnvolle Antwort, ausser: Weil man einen guten Vorwand mehr hat, den Flüelapass und den Ofenpass zu fahren, Italien zu besuchen und es sich gut gehen zu lassen. Das nächste Mal.



Bald. Hoffentlich.

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Balkone, Twitter, Blogs und die Strassenschauerei

Ich weiss nicht, ob das schon mal jemandem aufgefallen ist: In Sachen Google Streetview verlinken sich die kritischen Blogs recht stark. Wenn es dagegen um die Befürwortung eines Streetviewtotalitarismus geht, wird das vor allem vertwittert. Ich tendiere dazu zu glauben, dass sich ein grosser Teil der selbsternannten Webelite inzwischen wirklich vor allem bei Twitter und weniger in den Blogs herumtreibt. Gleichzeitig sind aber Twitterverlinkungen noch immer recht wenig effektiv, ich hatte jüngst mal ein Beispiel von einem (nicht von mir geschriebenen) Beitrag, bei dem 160 Twittermeldungen gerade mal1200 PIs zur Folge hatten. Zum Vergleich: Das ist rund das Doppelte bis Dreifache, was ich allein mit meinem Blog andernorts rüberschicken kann.

Wie auch immer, bei der FAZ habe ich versucht, Streetview mal von der Nichtinternetseite her zu erklären. Wie erlebt einer derjenigen, die nicht hier im Netz intensiv unterwegs sind, seine Halböffentlichkeit auf einem Balkon, und wie verschiebt sich die Wahrnehmung seiner Halböffentlichkeit mit Streetview. Das ist eine Sache, über die zu wenig nachgedacht wird, obwohl sie eigentlich das Kernproblem für Google ist. Es ist egal, ob da ein paar Mitläufer Privatstasi machen. Google droht die Gefahr von Nichtnetznutzern.

Wenn wir eine Stradt wie München betrachten, haben wir im für Google vor allem interessanten Innenstadtbereich eine durchgehend dichte Bebauung mit hohen Häusern und im Durchschnitt (meine Zahlen sind etwas älter, sorry) von 40 Parteien. Gleichzeitig wohnen weniger als die Hälfte der Innenstadtmenschen in Privateigentum, die grosse Mehrheit hat gemietet (60% war das Ende der 90er). Grob gerechnet haben wir also im Innenstadtbereich pro Haus 60 drin Wohnende und konservativ gerechnet nochmal 20 Personen, die Besitzer sind, aber nicht im Haus wohnen. 80 Personen pro Haus, die jeder füre sich entscheiden können, ob es verpixelt wird. Da reicht schon eine Beteiligung von 3 oder 4% der Bevölkerung am Widerspruchsverfahren aus, um München Innenstadt komplett zu verpixeln. Bei "meinem" recht grossen Haus in München, in dem ich eine Eigentumswohnung besitze, habe ich bei der Verwaltung nachgefragt, die dazu informiert: Die wissen von 5 Einsprüchen. Und ob sich jemand für Streetview Ottobrunn erwärmen kann, wo pro Haus nur ein paar Leute wohnen?

Nachdem sich die Belegungsdichte bei Häusern bei sinkendem Einkommen erhöht, glaube ich auch nicht, dass Google auf die Wurschtigkeit ärmerer Schichten zählen kann. 52% der Deutschen sind laut einer Umfrage gegen Streetview, ein paar hundert Knipser wollen dagegen halten: Ich sag mal, das wird keine leichte Aufgabe. Wenn Google nicht ohnehin einknickt. Ich denke, ab einer Verpixelung von einem Drittel der Häuser wird der Spass so teuer, bei gleichzeitig niedrigeren Einnahmen und mangelnder Attraktivität, dass sie aufgeben. Also:

Verpixelt Eure Häuser. Wenn Google diesmal was aufs Maul kriegt, werden andere vorsichtiger sein.

Und amüsiert Euch bei den Balkonen von Meran drüben bei der FAZ.

Edit: Lest auch dazu FIXMBR mit Echtzitaten der angeblichen Kulturretter mit Stasiknipse.

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