: : : denn sie wissen nicht was sie tun sollen : : :

Dienstag, 14. Juli 2015

Versagen und Gelingen

Das ist ein Pinarello Prince und ich habe es gekauft, obwohl ich andere Pinarellos habe und mit ihnen nicht zurecht komme. Wenig überraschend ist es dann, dass ich auch mit diesem Rad auf längere Strecken Schwierigkeiten habe. Obwohl es ja durchaus etwas hat.



Jetzt also habe ich auch noch den Sattel ausgetauscht gegen einen, der leider zum Knacken neigt. Ich setze besser, aber das Geräusch nervt. Aus irgendwelchen Gründen greifen die ansonsten tollen Bontrager-Bremsen nicht auf der ansonsten sehr griffigen Mavic-Ksyrium-Felge. Ich fahre genau diese Kombination an meinem Fondriest: Da ist es prima. Hier ist es mittelgut, allenfalls.



Dafür ist der flache Carbonlenker ganz fein und zukunftssichernd zerfallstauglich-handschonend, und die Ritzel erlauben jetzt steilere Strecken auch für den kommenden alten Herrn. Trotzdem bleibt viel zu tun. Wenigstens muss ich mich nicht ärgern - gar nicht auszudenken, wie sich das anfühlen würde, hätte ich die absurden Neupreise der diversen Einzelbrocken auch nur annähernd zur Hälfte bezahlt. So sehe ich dieses eigentliche Debakel also durch die rosa Blumenbrille.



Und wenn das auch nicht mehr reicht, greife ich tur rosa Marzipantortenbrille. Das Unwetter ist längst abgezogen und hinterlässt nur ein paar Wolken, aber sofort kann man wieder draussen essen und die Berge und Kühe anschauen.



Den Rest des Tages verbringe ich dann auf dem Liegestuhl mit viel Tee und noch mehr Vergnügen, denn wenn ich schon so ein Pinarello-Versager bin, tauge ich doch als Sommerlektürefinder; das entzückendste Buch jedenfalls lässt sich an einem faulen Tag prima lesen und verspricht seichte, aber liebevolle französische Unterhaltung mit viel Romantik und ein paar bösen Anspielungen.



Ein Buch wie ein Film von Eric Rohmer habe ich da in Wasserburg gefunden, die "wunderbare Welt des Kühlschranks in Zeiten der mangelnden Liebe", in er am Ende natürlich alles gut geht. Keine Leichen, kein Blut, etwas Sex, ein Meerschweinchen und unfassbar viele Kühlschränke, was mich wiederum an etwas erinnert, was nur mich etwas angeht - der Rest kaufe im Buchhandel dieses kleine Dings und verschenke es an Freundinnen.



Es ist auch wirklich liebevoll gemacht, so als Buch. Und irgendwann bekomme ich das Pinarello auch so hin.

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Montag, 13. Juli 2015

Fremdgehen

Man bekommt nie, was man will. München zum Beispiel hat einen Fluss, die Isar. Aber die Isar ist eher ein Flüsschen und reicht nicht weiter als in den Nordrand der Alpen.



Flösse können auf ihr fahren, aber keine Schiffe: Zu seicht, zu tückisch. Die Isar reicht allenfalls für Bauholz, Trinkwasser und Abwasser. Der Fluss jedoch, der die Alpen fast komplett durchzieht und in Silvaplana fast durchschlägt, entlang dem der Weg nach Mailand frei ist, ist der Inn. An dem jedoch liegt München nicht.



Da ist also diese Stadr an der Isar und 40 kilometer weiter östlich wäre der grosse Strom, über den der ganze Italienhandel laufen könnte. Alles kann der Inn ausspucken, was es südlich der Berge gibt, bevor er sich weiter nach Passau begibt, wo die Münchner wegen des Bischofs nichts mehr zu melden haben.



Also geht München fremd und baut mit Wasserburg einen eigenen Hafen am Inn. Die 40 Kilometer rein in die Stadt packt man auch noch, so wie man heute die Strecke zum Flughafen packt. Nur wird der nie so pittoresk wie Wasserburg sein.



Manche nennen München Italiens nördlichste Metropole. Viel mehr aber ist Wasserburg Italiens nördlichste Provinzstadt, selbst an einem regnerischen Tag wie diesem. Alles atmet schon die richtige Leichtigkeit, und es ist auch noch alles erhalten: Ein Kleinod für Freunde von Renaissance und Mittelalter.



Es ist wie so oft beim Fremdgehen: Es macht weitaus mehr Spass und ist weitaus weniger anstrengend. Vieles, was uns heute völlig normal erscheint, wurde hier zum ersten Mal ausgepackt: Seide und Gewürze, Fayence und Korallen, Pfirsiche und Brokat. Für den Menschen der früheren Zeit muss das ein Rausch der Sinne gewesen sein, was hier entladen und verkauft wurde.



Das ist natürlich lang vorbei, und so ist Wasserburg heute verschlafen. Verschlafen und ein wenig aus der Zeit gefallen, wie manche Dörfer, nur eben mit all der Schönheit einer kleinen, aber feinen Handelsstadt am Schnittpunkt zwischen Nord und Süd. Wirklich reizend.



Es ist nicht weit vom Tegernsee entfernt, und wenn das Wetter besser ist, komme ich nochmal. Ausserdem gibt es hier einen gut sortieren Buchladen.

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Unbetretene Räume

Es gibt Orte, an denen ich oft war, die ich aber nicht mehr besuche. Sie sind nicht böse, sie tun mir nichts, aber sie tun mir auch nicht gut. Es gibt sie bei mir daheim, wie etwa eine Strasse, auf der ich einen Unfall miterlebt habe: Um dort nicht zu sein, nehme ich grosse Umwege in Kauf. Es sind ziemlich viele ärztliche Einrichtungen dabei. Eine Werkstatt, ein Feldweg, ein paar Gräber.

Und auch ein paar Blogs, weil ich weiss, dass die Leute keinen Wert darauf legen, dass ich sie lese. Sei es, weil ich mich verändert habe, sei es, weil ihre Frau Druck macht, sei es, weil es noch nie richtig war und ohne Gegner wäre das Leben ja auch langweilig. Es ist schon in Ordnung, einer Lesung nur zur Hälfte beizuwohnen, dann nach Hause zu gehen, zu ficken und später dann einen Verriss über etwas zu schreiben, das einen gar nicht interessiert hat. So ist das Leben. Das heisst noch lang nicht, dass am Ende eine schlechte, frustrierende Ehe dabei heraus kommt.

Er blogt schon lange nicht mehr, glaube ich. Er arbeitet wohl auch nicht mehr bei der windigen Klische von damals, worüber sich in Berlin ohnehin niemand aufgeregt hat. Und wenn irgendwo Links von ihr auftauchen, habe ich das ignoriert, weil ich sie einerseits meines Wissens nie persönlich kennen lernte und andererseits die Themen von Verheirateten jetzt nicht so die meinigen sind - auser, sie sind klug und charmant, was es auch gibt. Ich lese, was mir Freude bereitet oder, wenn es das nicht tut, mich wenigstens weiter bringt. Oder emotional berührt. Oder irgendwie relevant ist. Die privaten Probleme von Leuten, die mir nichts bedeuten, lassen mich kalt.

Aber manchmal sind Links eben hinter Shortenern versteckt, und dann drückt man drauf und liest.

Voll mit Aktivismus.

Das ist es aber nicht. Das ist ein krass schief gegangener, komplett anders als erwarteter Lebensweg in eine Ideologie, offenkundig abgedriftet wegen enttäuschter Erwartungen, Überforderung durch die körperliche Veränderung und die Unterforderung durch das, was Familienleben, Ehe und Mann so mit sich bringt. Dafür sind nun mal manche einfach nicht gemacht. Aktivismus, laut und wütend, ist eine bleibende Option, sich einzubringen und noch jene Bewunderung zu bekommen, die früher fraglos da war, denn damals galt sie - warum, weiss ich auch nicht - als ziemliche Granate unter den Bloggerinnen. Angeblich war klar, dass sie gleich in der ersten Generation der Prenzelmütter weggeheiratet wurde. Und das ist jetzt das Ergebnis: Pampig, mies gelaunt, unzufrieden, unausgeglichen und reizbar. Das sind so die Momente, da mir wieder klar wird, was ich alles in Berlin versäumt habe, und was mir in Bayern erspart blieb. Kann sein, dass man sich da oben so aufführen kann, aber ein Spass ist das Zusammenleben vermutlich nur begrenzt, wenn diese Themen in dieser Form auch in die Beziehung abstrahlen.

Beziehungen habe ich einige gesehen. Manche waren in Ordnung, andere für mich ausgesprochen überraschend gut, viele scheiterten und zum Glück waren einige noch jung genug, sich Alternativen zu angeln. Ein paar Mal hat es auch richtig gekracht und mitunter war das sehr, sehr schade. Eine Weile wurde auch viel geheiratet, und dagegen spricht natürlich auch nichts. Manche tragen die Probleme mit Humor. Bei anderen frage ich mich schon, wie die Partner das aushalten. Diese Launen, diese Zickigkeiten, die in den letzten zehn Jahren offensichtlich dazu kamen, zum sorglosen Geschlechtsverkehr, der nun nicht mehr in Hinterhöfen stattfindet. Glaubt man den Betroffenen, liegt es nicht an den Männern, sondern an den Umständen. Die ungerechte Umwelt, die nicht das liefert, was sie versprochen hat. Das ist schwer zu lösen, nehme ich an.

Wir alle sind seit meinen letzten Tagen in Berlin satte zehn Jahre, wenn schon nicht reifer und klüger, so doch älter geworden und für manche geht es schon eher wieder hinaus. Es gab erste öffentliche Tode auf Blogs und Twitter und es ist nur natürlich, dass es so weiter geht. Die meisten von damals kommen nun in ein Alter, ideal für die Mittlebenskrise, und viele sind darunter, die es gar nicht merken werden, weil ihr Leben schon immer ein Provisorium war. Anderen dagegen möchte man zurufen, sie sollten doch vom Leben nehmen, was sie jetzt noch kriegen können, hinausgehen, frei sein und sich trotz all der kleinen Falten und Zeichen des Verfalls schön finden.

Und dann liest man einen garstigen Artikel und noch einen und noch einen, diese ganze wutgetriebene Kloake, und denkt sich: Das wird kein Spass. Ich kenne Leute, denen so viel angetan wurde, und die sich trotz aller Probleme irgendwie zurecht fanden, und die angenehmsten Menschen der Welt sind: Das geht auch. Ich bewundere das. Ich sehe da auch über manche Petitesse mit Freuden hinweg. Man müsste es irgendwie schaffen, solche Fähigkeiten frühzeitig zu erkennen, bevor die Probleme des Lebens kommen werden. Statt dessen wird gelästert und hergezogen und verachtet und genau das dann auch später genau so gelebt. Man kann Probleme angehen, und man kann darüber bissig, schlecht gelaunt und garstig werden, mit der Aussicht auf weitere fünfzig Jahre Unzufriedenheit.

Man kann einen Mühlstein drumhängen, in einen Tümpel werfen und gehen. Oder auf einen Altar stellen und anbeten. Kann sein, dass ich vielleicht manchmal arg weit weg vom Tümpel bin, weiter als es nötoig wäre. aber ich habe das heute gelesen und finde den Abstand gerade eben so ausreichend. Es gibt in der bayerischen Mythologie die druckade Drud: Die hat der Kerl damals sicher nicht haben wollen, der war eher von der leichtlebigen Sorte. Das hat sich eventuell geändert.

Und ich bin frei, so frei, das jetzt wieder für die nächsten zehn Jahre vergessen zu dürfen.

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Sonntag, 12. Juli 2015

Kein Zufall

Es ist kein Zufall, dass ich mit diesen Laufrädern unterwegs bin. Dinge, seelenlose Metallstücke aus Massenprooduktion, erhalten ihre Bedeutung durch die Art, wie sie weitergegeben und benutzt werden. Die hier haben einfach gepasst, so wie sie kamen, und laufen und laufen und sind einfach nicht zu ruinieren.



Ein klein wenig nimmt man damit auch jene mit, von denen es kommt und die vielleicht nicht mehr können. Oft sitze ich auf Rädern von Toten oder Leuten, die es im Rücken haben und nun zur Untätigkeit verdammt sind. Sie hatten so viele Hoffnungen. Ein klein wenig erfülle ich sie. Man nimmt eben immer etwas mit.



Dann bin ich oben. Es hat etwas gedauert, weil es immer noch so heiss ist, und alles klebt und nässelt, es ist wirklich nicht vorzeigbar. Das sind so Dinge, die man besser alleine macht. Aber machen sollte man sie unbedingt. So oft und so gut es eben geht. Es wird dann auch oft genug nicht mehr gehen.



Da drüben ist der Hirschberg. Bald, sage ich zu ihm. Es wird gehen.

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Samstag, 11. Juli 2015

Ich mache es mir einfach

Ich bin ein richtoger Trödler. ewig wollte ich hinfahren, ewig kam etwas dazwischen.



Aber jetzt bin ich da und erfahrungsgemäss wird dann auch die Heimfahrt wieder lang, sehr lang aufgeschoben. Niemand hat die absicht, hier eine Torte oder eine Rosenblüte zu verpassen, selbst wenn die Hitze nicht allen Pflanzen gut getan hat.



Rosendüngen ist auch eine sinnvolle Beschäftigung in einer Zeit, die irgendwie ihren Halt und geregelten Fluss verloren hat. Die älteren werden sich an Bill Clinton erinnern, und wie gut das alles aussah, als viele alte Männer weg waren. Die sind alle wieder da, und sie sind schrecklich. Hört mit der Griechenschwärmerei auf, rufen mir Leute zu, die so abartig hässlich reden, denken und aussehen, dass man sie bitten möchte, an die Wasserqualität im See zu denken und allenfalls in Chlorbleiche zu baden.



Ich schwärme gerne und werde genau das hier auch eine Weile tun.

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Freitag, 10. Juli 2015

Es ist nicht einfach

Relativ einfach wäre es noch vor ein paar Jahren gewesen: Marode Banken verstaatlichen, die Verluste den Besitzern aufbürden, rekapitalisieren und stark geregelt und verkleinert wieder auf den Markt lassen. Brutal, aber erstens kann man immer Kloputzer mit hoher Qualifikation brauchen und zweitens hätte man dann viele verschleppte Probleme gelöst, die nun seit acht Jahren immer wieder auftauchen. Es sieht auch nicht so aus, als würde sich daran etwas ändern. Dazu kommt auch noch ein Crash in China, was auch so seine Nachteile hat.



Wir können von Glück reden, dass sich genau in diesem Moment die AfD selbst versenkt hat. Aber die CSU übernimmt ihre Rolle, und das ist genauso übel. Zusammen mit diversen Medien wird die Illusion am Leben erhalten, man könnte einen derartig in Schieflage geratenen Währungsraum schon irgendwie weiter fahren, wenn die anderen nur mehr sparen. Es sieht nicht so aus, als ob das geklappt hätte. Statt dessen hat man jetzt gesunde Banken auf einem kranken Kontinent. Mit etwas Pech auch einen Präzedenzfall für weitere Austritte. Italien ist da ein heisser Kandidat, weil man dort die Folgen bei den Banken kaum wird abfedern können.

In Zeiten dieses Irrsinns mache ich deshalb einen anderen Vorschlag, der erklärt, warum es gut ist. Griechenland die Schulden zu erlassen: Wir zahlen alle, aber die Bayern können es sich am besten leisten. Proportional haben alle anderen mehr Schaden als wir. Das muss einem Bayern doch gefallen, oder?



Abgesehen davon ist es ein sehr schöner und ruhiger Sommer, und so kann es auch gern weiter gehen.

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Zehn Minudn auf Achde

Es ist ein guter, ein sehr guter Morgen, denn die Sonne scheint, der Himmel ist blau und der Tee ist fertig.



Und zukünftig geht auch die Arbeit leichter. Ich werde vermutlich weniger provokative Kommentare auf ihre Herkunft überprüfen müssen, indem ich sie mit meiner IP-Sammlung vergleiche. Immer wieder höre ich von Beschwerden, oder ich sehe, wie mein Blog nach Kompromat durchsucht wird: Das wird sich jetzt, da es konfliktreduziert laufen wird, doch eher in Grenzen halten. Und wenn nicht, kommt es von einer Seite, auf die ich keinerlei Rücksichten nehmen muss. Niemand wird mehr in Berliner Frauentreffs und "Nippelsuppen" - nicht meine Erfinung, sondern ein Zitat - herumerzählen, wie sie sich die Aufteilung der alten Blogbärenhäute so vorstellt, und so manche wird ihre Selbstpromo als Nachwuchsautorin mit Fuss in der Tür vielleicht auch etwas bedauern.



Es gibt schon mehr als nur einen Grund, warum ich so lange, noch dazu mit meiner Art und mit meinen Texten, bei der FAZ geblieben bin. Und warum diverse Versuche, das zu ändern, keinen Erfolg hatten. E gibt Gründe, warum ich nach Verwerfungen dann doch meistens so schaue wie das Dromedar. Irgendwann wird sich auch das ändern. Das gehört dazu, ich befüchte nichts und werde dann nichts bedauern.

Aber hier und heute ist es noch Zehn Minuten auch Acht. Und das Leben ist schön.

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Sonntag, 5. Juli 2015

OXI

Wer hätte je in der SPD erwarten können, dass eine Partei ihre Wahlversprechen einhält?

Wer hätte je in der CSU ahnen können, dass die Griechen es wie die Bayern im Bund machen?

Wer hätte bei den Grünen daran gedacht, dass die einzig wahre Lösung der einzig Recht habenden Partei nicht so geteilt wird?

Wie hätte die CDU von Merkel wissen können, dass die Griechen nicht wie die Deutschen den deutschen Medien aus der Hand fressen?

Und Lucke hätte auch nicht gedacht, dass seine AfD hops geht, an genau so einem Tag.

Ein harter Abend. Für Verfassungs- und Demokratiefeinde.

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Sonntag, 28. Juni 2015

Sie mag Dispolimitkratzer und hasst mich

Ausdauernd. Weil es dazu gehört.

Natürlich weiss ich nicht, wer sie ist, und aufgefallen ist sie mir, weil ich dachte, ich würde sie von früher kennen. Tue ich aber nicht. Macht nichts, das Fräulein ist nicht unangenehm und - man merkt es an der Ausdrucksweise - sicher auch eine gut erzogene Bürgerstochter. Dass man aus Landshut einen gewissen Hass auf die CSU mitbringt und sich an die SPD wendet, ist normal. Dass man, in München angekommen, die Privilegien geniesst, die so eine rote Stadt für SPD-Mitglieder und andere Progressive mit sich bringt, auch. Ich würde keine Ehrenkarten für die Filmfestspiele nehmen, aber wenn andere das tun - warum nicht? Privilegien sind ja nicht zwingend schlecht.



Ich kann verstehen, dass sie meiner Heimat ablehnend gegenüber steht - würde ich draussen im Industriegebiet sitzen, ginge es mir genauso. Ich finde es auch gut, wenn hier bei uns Progressive genug Geld verdienen, um viel reisen zu können. Das ist halt sehr Bayerisch im Moment: Dass ein jeder, der etwas kann, sein Auskommen hat, und die meisten sind damit zufrieden. Ich bin mir sicher, dass sie im persönlichen Umgang nett ist. so wie viele aus dem Bereich von WasmitmedienundPolitik, die man bei der IKG treffen konnte, und die einen natürlich nie auf Twitter ausgerichtet hätten. Bei der IKG war ich ja auch kein Rassist, sondern preisgekrönter Journalist.

Aber das hier ist nicht das Kulturzentrum. Das hier ist Internet und in gewissen Kreisen gehört es einfach zu guten Ton, mich abzulehnen. Und das macht man, indem man andere ablehnende Leute retweetet, wenn sie was sagen, das man auch so sieht. Das geht bei Twitter ganz gut, da drückt man auf einen Knopf und fertig. Oder man regt sich über Ronja von Rönne auf, weil die auch privilegiert ist. Und aus Grassau kommt, dem Landshut des Chiemgaus.



Diese junge Frau steht da unter einem enormen Druck. In München ist Feminismus immer noch vor allem KOFRA, und das ist für junge Frauen eher unsexy. Ihre direkte ideologische Peergroup gibt es angesichts des guten Lebens in München allenfalls in dem, was vom ASTA noch übrig ist, und lebt und twittert und hungert in Berlin. Sie selbst ist in München und es geht ihr prima, aber da hat sie kaum ansprechpartner für ihre Einstellung. Und mit der tut man sich da auch beim Wettbewerb um Freunde schwer - München ist halt eher heterosexuell. Denen in Berlin wird nichts geschenkt, die in Kiel kriegt die Diss nicht fertig, die in Regensburg hat Depressionen. Meine Hasserin dagegen hat einen Beruf, gutes Einkommen, viele Optionen und ist rein äusserlich durchaus an München angepasst.

Ich weiss aus Erfahrung, wie hart es für andere sein kann, in Kreisen mitzuspielen, die man nicht kennt. Man muss ihnen Brücken bauen, höllish aufpassen und selbst dann wird es immer noch oft genug heikel. Akkulturation ist enorm schwierig, wenn eine Klasse in ihren Strukturen beharrt. Aber wie es erst sein muss, wenn es da eine Radikalisierung gibt? Da sitzt also ein Mädchen aus Niederbayern in München, grenzt sich die ganze Zeit ab, will bloss nicht als Schickimicki gelten - und wird bei Leuten vorstellig, bei denen der Bonze generell südlich des Mains lebt, überhaupt Karrierewünsche hat und nicht ab dem 2. des Monats am Rand des Dispos herumkrebst. Sie will auf gar keinen Fall Teil eines gewissen Münchner Lebens sein, das sie aber - und bitte, ich war in Berlin und kenne die Akteure teilweise persönlich - aus Berliner Sicht idealtypisch ist.



Wie nimmt man an einer Revolte teil, die sich gegen etwas wendet, das man selbst ist? Indem man Feindbilder auf ganz bestimmte Eigenschaften reduziert und anonsten nicht daraufhinweist, dass die Unterschiede minimal sind. Wären wir beide noch in München, wir würden uns sicher über den Weg laufen, und ihre Einstellung würde sie zwingen, den Teil zu sehen, den ich dort dargestellt habe. Ich habe das zum Glück hinter mir gelassen, und lebe lieber als weisser - höhö, muss man sich mal vorstellen, die arischen Enkel der SS nennen mich weiss - alter Heteromann denn in Kreisen, die Respekt für ihren Aktivismus fordern. Von sowas habe ich mich damals immer fern gehalten, man sollte sich nicht instrumentalisieren lassen, aber andere sehen das anders.

Sie steigt da ein, sie macht da mit, sie klickt auf Sternchen und schaut auf die schönste Grossstadt des Landes und denkt sich, der und ihren arroganten Bewohnern hat sie es jetzt gegeben. Sie ist keine von denen da draussen. Berge sind auch doof, Tollwood ist doof, CSU ist doof, Heimat ist doof, Sigmar Gabriel ist doof, alles ist doof.



In Berlin, wo jede jeden kennt und hasst, nimmt man die Bestätigung gelassen entgegen. Das muss so sein, Berlin hat Recht und die Untertanen der Linken tun, was man erwartet. Da sitzt sie also in der schönen, reichen Stadt, ist relativ jung und hat so viele Möglichkeiten und hasst sich, die Stadt, ihre Rolle darin und irgendwie alles tagein tagaus. Ich habe das Pech, der Kondensationspunkt ihres Ärgers zu sein, maximale Empörung bei maximaler, wenngleich minimaler Bestätigung durch die Filterbubble.

Es macht mir nichts aus. Ich lese das und lächle mitleidig. Was für eine Verschwendung. So viele Privilegien. So unfassbar wenig Nutzen. Um am Ende in Berlin als komische Schickitante dazustehen, die ihre Privilegien nicht checkt und so niederbayerisch-spiessig ist, eine freundliche Bedienung zu verlangen. Es gibt im Feminismus keine Kronzeugenregelung. Nur einen sehr grausamen Wettbewerb der Empörung, und einen eher ungnädigen Umgang mit denen, die sich bei den Dispolimitkratzern als Allys bewerben.

Seit einem viertel Jahr schaue ich mir das an und kann nicht aufhören, mich zu wundern.

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Samstag, 27. Juni 2015

Reichskampfspiele

Ich habe den AfD-Adam wegen seines bescheuerten Lepantovergleichs in die Pfanne gehauen. Und deshalb wäre jetzt eigentlich eine andere dran, mit einem nicht brauen, sondern rotbraunen Rülpser, der die aktuelle Politik in Sachen Migration auf eine Stufe mit der Kriegsführung im 18. Jahrhundert stellt. Da hat eine vor lauter Gendertröterei vergessen, ihren Candide zu lesen.

Aber. Zum Glück hat die FAZ ja belesen Kommentatoren, die so einer geschmacklosen Dummheit über den Fall der"Festung Europa" - an einem Tag mit drei Anschlägen - heimleuchten. Da habe ich dann lieber etwas über die Bundesjugendspiele und ihre abschaffung gemacht, und sie aus dem Ungeist erklärt, der früher herrschte und noch etwas Schlimmer als der Ungeist der Moderne war.

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