: : : denn sie wissen nicht was sie tun sollen : : :

Samstag, 9. Februar 2013

Ausweitung der Tage

Meine Freunde haben inzwischen so etwas wie einen Lagerkollen; sie verlassen das Haus in der Finsternis, es umfängt sie das künstliche Licht, und dann gehen sie in Finsternis wieder heim in die künstliche Beleuchtung. Ich dagegen entwickle gegenüber dem Winter so eine Art Stockholm-Syndrom: Er ist nicht schön. Aber er gefällt mir.







Meiner generellen Neigung zur Trödelei ist der Winter natürlich nicht zuträglich, kaum hat man gefrühstückt und ein paar zwingend nötige Tätigkeiten verrichtet, ist der Tag schon wieder vorbei. Aber dann trotze ich der Natur eben noch ein paar Stunden ab und mache mich in der Dämmerung auf den Weg, denn ich habe Licht am Rodel und eigentlich mag ich es ja, wenn am Berg nicht gar so viel los ist. Wenn ich komme, sind die meisten, so sie überhaupt da waren, schon wieder an der Abfahrt.







Für 165 Euro, so sagt mir eine Einladung, könnte ich auch etwas ganz anderes machen und mir im Haus der Bayerischen (!) Wirtschaft etwas über Going Global - wie ziehen wir Geschäfte in Lateinamerika auf - anhören. Samba, Rio, Karneval, davon wird mir geschrieben, weil: Die Globalisierung rollt trotz aller Niederlagen weiter, und gerade in meinem Beruf muss ich mir doch die Chancen in den Emerging Markets offen halten. Manchmal wünsche ich mir, man würde nach all den Pleiten und Fehleinschätzungen ein wenig klüger werden, und etwas nachdenken, bevor man sich schon wieder bei Finger Food mit Leuten trifft, die heisse Luft in Grosspackungen anbieten. Es ändern sich einige Worte, der Rest bleibt von der new Economy über die Photovoltaik bis heute, da man über den Atlantik blickt. Man möchte mehr von einer Welt, von der nicht mehr da ist; mir jedoch reicht der immer gleiche Berg und der nie gleiche Blick in die Landschaft.







Ich komme gerade noch rechtzeitig oben an, das Licht reicht gerade eben für ein paar schöne Aufnahmen, und dann warte ich, bis es wirklich finster ist. Es wird hier nicht "jetzt schon" einfach dunkel, es kommt die Dämmerung mit ihrem ganz eigenen Charme und einer Kälte, die einen irgendwann wissen lässt: Jetzt ist der Tag wirklich vorbei. Jetzt kannst Du gehen.







Wie gesagt, meine Freunde packen das alles nicht mehr und werden depressiv, man wünscht sich ein Ende und nach Italien fliehen geht auch nicht, denn die Schneewolken terrorisieren das land bis zur Meeresküste. Man muss das Beste daraus machen, dann muss man auch nicht in der Fremde scheitern. Und trotzdem, ich merke es jedes Mal, wenn ich hier oben bin: Der Tag gewinnt langsam wieder die Oberhand. Diese Gewissheit macht das Leben leichter.

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