: : : denn sie wissen nicht was sie tun sollen : : :

Dienstag, 2. März 2004

Übrigens, sagte der Mann,

der es nicht mehr nötig hat, im Alter von knapp 60 noch zu arbeiten, wissen Sie, das mit der New Economy habe ich über die Freunde meiner Tochter mitbekommen. Leute von Pixelpark sind das. Waren das, besser gesagt. Die haben grösste Probleme, sich wieder in die Gesellschaft einzugliedern. Und wie es bei Pixelpark aussieht, will ich gar nicht wissen. In Berlin sind nur noch 80 Leute.

8o, frage ich.

80, sagt er, vielleicht auch etwas weniger. Und denen geht es auch nicht gut, was man so hört. Naja.

Und er streichelt die fette Katze, die sich anschickt, sich in die Polster der Stühle zu krallen. Dann erzählt er aus seiner Zeit in der Studentenbewegung.

... link (0 Kommentare)   ... comment


How to become underfucked

Indem man sich so ankündigt - am besten mit leicht quäkendem Tonfall: "Ich komme vorbei, wir trinken einen Tee und ich geh dann wieder, oder so."

... link (2 Kommentare)   ... comment



: : : denn sie wissen nicht was sie tun sollen : : :

Sonntag, 29. Februar 2004

Sowohl als auch

Man kann nicht auf beiden Seiten der Barrikade stehen. Entweder dinieren mit Vidal Sasson, oder Schnibbeln an versauten Eigenversuchen hungriger Viertelstudentinnen im Prenzlauer Berg.



In diesem Fall wohl eher Letzteres. Auch wenn das Marketing etwas anderes sagt. Das hohle Gequatsche der New Economy hat die Figaro-Branche erreicht. Wenn sie dann noch statt "soz." das Wort "Charity" verwenden, ist die Transformation abgeschlossen.

... link (2 Kommentare)   ... comment


Sonntags, wenn der Redakteur pennt

und der Praktikant die Pfote am Freischaltbutton hat, nachdem er die Nachricht zu Toll Collect in der "Welt" kopiert hat, passiert das:

Laut "Welt am Sonntag" hat man sich nun auf eine Obergrenze von rund einer Milliarde Euro pro Jahr und höhere Vertragsstrafen geeinigt. Zudem habe man sich auf höhere Vertragsstrafen geeinigt, schreibt das Blatt.

Vetragsstrafen für Inkompetenz? Aber aber, das sind doch alles Qualitätsjournalisten

... link (0 Kommentare)   ... comment



: : : denn sie wissen nicht was sie tun sollen : : :

Samstag, 28. Februar 2004

Club der schönen Mütter

Alleinstehende Frauen, die um 1960 herum Mitte 20 waren, hatten es nicht leicht. In der Stadt, aus der ich stamme, hätte man ihnen kein Zimmer gegeben - und wenn, hätten sie keine Männer mitbringen dürfen. Falls doch irgendwie einen Kerl ins Bett gebracht hatten, begann das Drama mit der Schwangerschaft. Hoffentlich nicht, und wer kann dann helfen, wenn...? Oder, grauslig, austragen und heiraten? Aber wie soll es sonst gehen, vom Geld her betrachtet?

Dann kam erstmal Carl Djerassi, ein netter jüdischer Ex-Österreicher, der die Pille erfand, aus der die Alpträume der Lebensborn- und Christenzuchtfanatiker sind. Und dann kamen die 68er, und traten die selben Typen kräftig nochmal in den Podex. Nicht kräftig genug, dass die Weltrevolution kam, aber doch so nachhaltig, dass die meisten Studentinnen heute die Pille schlucken und erst mal Single bleiben. Nicht alleinstehend, sondern selbstbewusst.

Bis dann der Trend zu den schönen Müttern kam. In den Redaktionen mancher Gazetten hatten die Lebensbornfreaks überlebt. Was Anfang der 90er bei der Tempo noch zu gehöriger Verachtung der Weicheier führte, die so ein Drecksthema wie Blagen auf den Titel hoben, wird heute akzeptiert. Der Zeitgeist ist einfach so. Hauptsache, man kann es schön wirtschaftlich begründen:

Karin Bayer-Ortner, Theologin und Sozialpädagogin und ihr Mann Michael, Volkswirt aus Köln sprechen über die ökonomische Theorie von Ehe und Familie (u.a. Nobelpreis von US-Ökonom Gary Becker) und die "Operationalisierung" mit Blick auf den erst wenige Monate alten kleinen Johannes.

Von hier.

Dann kann man sich ja sowas altmodisches wie die Pille sparen. Ist ja auch ungesund, im Gegensatz zum Joggen mit dem sportlichen Buggy. Dann kann man, gestählt wie ein BDM-Mädel, auch mit dem Finger auf so einen alten Sack wie Don Alphonso zeigen, der nach dem Lesen der Ankündigung am liebsten eine Tour durch die Kneipen machen wollte, Saufen bis das Schwein pfeift, und morgen um 18 Uhr neben einer netten Frau aus Ungarn aufwachen will, die für die Stunden davor seine letzten 400 Euro vom Vorschuss für das nächste Buch bekommt.

Gut, ich bin Antialkoholiker. Mein Liebesleben ist keinerlei finanziellen Folgen unterworfen. Aber manchmal würde ich einfach gern...

... link (2 Kommentare)   ... comment


Real life 28.2.04 - Online frei,

klar, war die Devise des BWL-Studenten-Zentralorgans Brand Eins, bei anderen auch bekannt als Froitzheimsche Ursuppe, hier nach Spiegelrezept zur Schleimsuppe verkocht. Alles online frei, Internet frei, blabla.

Ooops - was sehen meine optimistisch-blauen Augen? BrandEins verlangt Geld fürs Online-Lesen. War wohl nix mit freiem Internet.

Und Frau Fischer hat nichts gelernt aus dem Scheitern der Pay Content Fritzen, die ihr Flachblatt immer so bejubelt hat.

... link (1 Kommentar)   ... comment



: : : denn sie wissen nicht was sie tun sollen : : :

Freitag, 27. Februar 2004

Unself-Marketing

Die Stadt hat Geld. Immer noch. Deshalb geht es ihr sehr gut. In der Mischung von Preisen, Löhnen, Reichtum, vollkommen unbesuchten Museen (mit Ausnahme des Museums für professionelle Menschenmetzeleien), arroganter Zufriedenheit der Bewohner und bierdimpfliger Provinzialität kommt die Stadt bundesweit ganz vorne.

In dieser Stadt braucht man kein flaches, postkonstruktivistisches Stahlgewitter als Headquarter einer Marketingagentur. Es reicht, einen ehemaligen Edeka und spätere Pizzeria rosa anzustreichen. Niemand stört sich an dem spiessigen Dach und dem spezifischen Retro-Design des 3. Reiches. Ist ja Provinz.



Das Problem ist nur, dass in dieser Provinz Entscheider sitzen, die das Wort "Marketing" nicht kennen. Die hiesigen Stahlbaubarone zum Beispiel begannen als Kids Anno 45, als sie mit dem Leiterwagerl vor die Tore der Stadt zum Fliegerhorst gingen, Flugzeuge zersägten und das Metall verkauften. Neue Märkte braucht hier niemand, denn die Märkte sind verteilt, und das ist gut so. Und die Werbung macht immer noch der Cousin der Sekretärin. Für einen Sonderpreis.

Rosa allein genügt hier nicht. Und es darf auch bezweifelt werden, dass das Schild im Munich Area Style hier besonders gut kommt.

Zumal das Viertel eines ist, in das man heute nicht mehr ziehen würde. Auch wenn man dort vielleicht noch ein Haus hat, das seit 20 Jahren an ein und dieselbe Person vermietet ist. Aber man würde sich dort keinen Geschäftspartner suchen.

... link (1 Kommentar)   ... comment


Accenture

ist einer der Läden, bei dem man sich fragt, wie schamlos man eigentlich sein muss, um jetzt nach Enron und Co. nicht wenigstens an der Arbeitsagentur vor Scham zu verenden.

Sehr, vermutlich. Das Weitervegetieren im Beratungssumpf kann man sich auch nur leisten, wenn Politiker das sagen, was auch jeder Verzweifelte sagt, wenn er von der Brücke vor den Zug springt:

"Im Kern ist dieses Projekt auf einer guten Schiene."

Und wer immer noch nicht glaubt, dass Blogger *etwas* bessere Menschen sind, zumindest manchmal, lese die Elfe:

http://www.elfengleich.de/index.php?log_id=493
http://www.elfengleich.de/index.php?log_id=511

... link (0 Kommentare)   ... comment



: : : denn sie wissen nicht was sie tun sollen : : :

Donnerstag, 26. Februar 2004

Eames Chair

Der Inbegriff der New Economy. Darauf sitzen sie alle, die was zu sagen haben wollten. Den brauchte man, wenn man es geschafft haben wollte. Klassisches Aluminium, keine offenen Schraubenköpfe, Leder, auch nach 20 Jahren noch in Form, wenn das Startup schon 18 Jahre pleite ist und der Entrepreneur sich fragt, wie wohl die Rente als Kellner so sein wird.

Ein Eames Chair muss es sein. Ausser natürlich für den inzwischen etwas älteren Mann, den ich heute traf. Der weiss nicht, was ein Eames Chair ist, auf dem die jungen Hüpfer sitzen.

Ist ihm wohl auch nicht so wichtig, mit ein paar hundert Millionen auf der hohen Kante.

... link (0 Kommentare)   ... comment


b2m

Man merkt es mit geschlossenen Augen, beim Fahren. Die Strassen sind glatt. Wenn man die Augen aufmacht: Die "Zu Vermieten"-Schilder sind nicht so obszön. Die Leute sind 2, 3 Klassen besser angezogen. Die Stadt ist sauber.

Und die Studis haben inzwischen auch die letzten Protestplakate eingerollt, und sitzen in den Cafes und träumen vom Sommer und den Tagen im Englischen Garten. Eine halbverhungerte Frau mit Mikro macht eine Umfrage für ein Privatradio, das an der Pleite entlangschrammt. München eben.

... link (0 Kommentare)   ... comment



: : : denn sie wissen nicht was sie tun sollen : : :

Montag, 23. Februar 2004

Umfrage für all die NE-Addicts da draussen

New Economy Clash! Macht es Sinn, die Vorurteile gegenüber fremden Städten literarisch gelesen aufeinanderprallen zu lassen?
Ich gehe lieber in die Kulturbrauerei, klammere mich an einem Bier fest beim Plantschen im Choriner Sumpf.
Ich komme und beteilige mich an der Groupiehorde, wobei ich vorher ich mich bei Ebay als D&G-Victim ausstaffiere.

  Ergebnis anzeigen

Erstellt von donalphons am 2004.02.23, 02:44.


... link (1 Kommentar)   ... comment


Business Modell

In kleinem Kreis vorgetragen und keinen Widerspruch bekommen: Im Kern Vorurteile kapitalisieren, durch Überspitzung sofort wieder abbauen und Neugier auf Neues wecken.

Schliesslich ist in der Fremde nicht alles schlecht. Das Mädchen wollte nur 1.30 Euro für die heisse Zitrone. Ich war nicht spendabel, sondern einfach nur sehr verdattert, dass ich ihr 2 Euro gab. Immerhin, dachte ich beim Verlassen des Cafes, irgendwann müssen die schlechten Zeiten des Geizes mal aufhören.

Vielleicht reicht es für das Mädchen am Ende des Tages für ein nettes Kleidungsstück, der Umsatz des Herstellers steigt, er investiert in eine neue Maschine, die einen Metallbauer zwingt, einen Arbeitslosen einzustellen, der seinen ersten Lohn im Bordell verjuxt, was die Frauen dazu bringt, sich am nächsten Tag mal frei zu nehmen und auszugehen, eine lächelt einen Bankangestellten an, der fühlt den Frühhling und sagt am nächsten Morgen seinem Boss, eigentlich sollte man doch wieder was für Leute tun, die wieder gründen wollen...

Das nimmt zwar etwas Zeit in Anspruch, aber bis so ein Produkt der Vorurteilskapitalisierung den Markt erreicht, dauert es etwa genauso lang. Und der Gründer wird etwas Schickes, Böses zum lesen brauchen, wenn er seinen ersten Flug als Entrepreneur antritt.

Der Anfang ist getan.

... link (1 Kommentar)   ... comment



: : : denn sie wissen nicht was sie tun sollen : : :

Sonntag, 22. Februar 2004

Generation Golf, Edition "Neue Mitte"

Bitte die Sonderausstattungen beachten: Nasser Einlass von oben, entscheibte Windschutzscheibe Marke "Nemax", sowie bilanzrote Sitze und Autoradioschacht "Leer wie der Kühlschrank".



Und wartet getreulich, dass jemand kommt und das ganze Unglück abholt, einfach so.

Oder so.

... link (0 Kommentare)   ... comment



: : : denn sie wissen nicht was sie tun sollen : : :

Samstag, 21. Februar 2004

Sie hassen den Kapitalismus

obwohl, oder weil sie ihn nicht verstehen. Er macht sie hilflos, er gibt ihnen nur Ramsch für 99 cent, und dafür müssen sie noch 10 Minuten an der Kasse anstehen. Sie hassen den Stillstand, sie werden agressiv und würden die Kassiererin mit ihren lahmen Bewegungen gern stiefeln.

Es geht nicht, und sie wissen es. Der Kapitalismus ist ihnen mit seinen Überwachungskameras und der Privatarmee im Nacken und passt auf, dass sie sich ordentlich aufführen. Dann gehen sie raus zur S-Bahn, die sie in die trostlosen Mietskasernen bringt.



Auf dem Weg dorthin, in der roten Klinkermauer, sind weiche Ziele. Niemand sieht hier, was sie tun. Sie schlagen das Plexiglas ein und zertrümmern die Neonröhren. Es wird dunkel im engen Gang vor dem Einkaufstentrum, das jertzt allein die Nacht über der Stadt bestrahlt.

Der Kapitalismus bleibt unbefleckt. Und morgen werden sie wieder kommen und neuen Ramsch für 99 Cent kaufen.

... link (0 Kommentare)   ... comment


Real Life 21.2.04 - John Henry´s Brunch

Colson Whitehead hat mit John Henry Days ein sehr schönes Erinnerungsbuch an die grossen Zeiten des Dotcom-Journalismus vorgelegt, in denen man sich auf Kosten der Veranstalter ein Jahr lang als Spesenritter durchschlagen konnte.



Das ist vorbei. 12.50 Euro für das Brunch selbst zahlen, bitte. Alk geht extra. Einlass trotzdem nur meit Einladung, für jemanden, den hier praktisch niemand kennt. Und bei der Einladungspolitik auch niemand kennen lernen wird. Wer es sich als Journalist leisten könnte, hat an dem Tag was Besseres zu tun. Und wer arbeitslos ist, hat nicht das Geld.

Für 12.50 Euro bekommt man schliesslich hinter der Schönhauser Allee genug Sroff, um sich eine Nacht nachhaltig zu bedröhnen.

... link (0 Kommentare)   ... comment


zittoyens

Es ist eine geschlossene, hermetische Welt, diese junge Stadtzeitung mit ihren leicht quietschig lachenden Reporterinnen und Photoabteilungsmädchen, die die jpegs verschludern und es erst kurz vor Druck merken, um dann panisch nachzufragen. Sie sehen aus wie die Kids , Models und Filmhalbgrössen auf dem Cover, kaufen bei Ikea und tragen H&M und Mützen, die nicht gerade vorteilhaft aussehen.

Eher, in meiner Jugend hätte man in der Tempo gesagt, gut dass uns der Türsteher vor sowas bewahrt. Leute wie Hansi & Inge Grandl zum Beispiel. Aber die Grandls dürften inzwischen schon auf die 70 zugehen. Ausserdem sind solche Türsteher eine nach Dekaden des Siechtums aussterbende Gattung. Letzte Woche war ich mit meiner kleinen Schwester im Greenwich, einem Lokal mit eingebauter Fischquälerei und Glaseimern voller Cocktailmantsche für Winterschlussverkaufs-Preise, für die man in München allenfalls einen Tee mit Rum bekäme. Die können sich derartiges Personal wohl auch nicht mehr leisten. Was wohl der Grund war, warum die Mädchen auch in extremen Formen des Downdressens reinkommen.

Passt aber auch zur Stimmung dieser Leute. Alles sehr reduziert, bar jeder Erwartung, ausser vielleicht, dass es den Job in einer Woche schon nicht mehr gibt. Kein Glaube, dass irgendwas jemals besser wird. Grosses Thema ist das nächste Praktikum, nicht der nächste Karriereschritt. 6000 arbeitslose Journalisten soll es in Berlin geben, und ein paar Dutzend sind bereit, für den Gegenwert einer vollen H&M-Tüte Groschenromane zu schreiben.

Nur Illies will irgendwann sein Hochglanzteil publizieren. Für die Altersstufe, die die Tempo noch aus eigener Ansicht kennen. Für die, die den zittoyens die verbrannte Erde hinterlassen haben. Und denen es ziemlich egal ist, dass die drei Topthemen der jungen Leute so aussehen: 1. Die Krise, 2. der Selbstmord, 3. das Hoffen auf ein Wunder, vielleicht doch entdeckt zu werden und was im Film zu machen wie Jana Pallaske das doch auch geschafft hat und inzwischen sogar singt und sowas wie Mia werden sie doch auch noch hinbekommen.

Klar. Dafür braucht man auch nicht den Trever Horn, und von "if ya wonna come" zu singen, würde ihnen nicht einfallen.

Niemand kommt in der ersten generation post hype. Sie gehen. Ein.

Nachtrag - Es war wohl Gedankenübertragung: Jens Thiel von den Minusvisionen, den ich in einem anderen Leben, glaube ich, beim First Tuesday kennengelernt habe, war in meiner geliebten und gehassten Heimat München und hat quasi im Vorraus schon den Berliner Stab knackiger gebrochen, als ich hier mein Frühstück angesichts des Marzahner Vororts Berlin a.d. Spree breche.

... link (0 Kommentare)   ... comment