: : : denn sie wissen nicht was sie tun sollen : : :

Dienstag, 4. Januar 2005

Brutstätte der neuen Menschen

Ein Stück Atlantikwall mit Schiessscharten (Blow away your Competition), einige Ecken und Kanten (Personality), ein Hauch Dekonstruktivismus (neue Wege gehen), und das alles in deuerhaftem Material (Nachhaltigkeit ist ein Top Issue),



fertig ist dieses Eck der Ausbildungsstätte für diejenigen, die die Zukunft gestalten werden. Nicht meine Zukunft, zum Glück. Das gehört zu den Elitessen 2. Ordnung; die der ersten Ordnung sitzen in einem ehemaligen Gebäude von christistischen Missionaren.

... link (7 Kommentare)   ... comment


Contentdiebe, mal wieder

Mitarbeiter gewisser Content-Zulieferer gewisser nicht gerade hochwertiger Kleinformate, die Contentklau für legal halten, sowie ihre weinselige Kamarilla können sich über Nachahmungstäter freuen: Seit neuestem stellt die Firma Izynews automatische, Zitat, "exklusiv erweiterte Newsfeeds" öffentlich zur Verfügung, mit erheblichem Content und natürlich zu kommerziellen Zwecken. Betroffen ist auch dieses Blog.

Anwaltliche Hilfe gibt es hier, wie es technisch geht, muss ich erst mal ausprobieren. ICH HASSE ES! (Danke, IT&W)

... link (38 Kommentare)   ... comment



: : : denn sie wissen nicht was sie tun sollen : : :

Dienstag, 4. Januar 2005

Neueste Schanzer Schnadahüpferl

für die WFI - wem im Bayern kein Schnadahüpferl gedichtet wurde, braucht hier gar nie nicht erst anfangen, und das wollen wir jetzt ändern - Oiso...Ja zefix...

Wos soi de Elite-Uni
mit dene Preissnbutzerl
unsara oidn Schanz eba bringa
wei so a Playboybunny
und gscheade Consultantwuzerl
brachma ned, de kenna auf Minga!

Und wanns do bleibn? Jo mei...

Und wannst im Donaunebel
weast a schiache Marketinghenna
bei de Katholischn von da Hohen Schui
brauchst an Marx und an Hebel
und de Aufklärung net kenna
Hauptsach Du nimmst koa Kokain zvui.

Passt scho.

Oba: Wannst im Renditeobjekt
von de ruachadn Schanzer
a voigsuffana Jungmanager tuast sei
und in am Casestadiprojekt
vakafst de Nega an Panzer
bist schpäda im Gfengnis mit dabei.

Host me?

... link (6 Kommentare)   ... comment


Elitesse 2. Klasse,

B-Elitesse oder vielleicht auch Sub-Elitesse, so könnte man zu denen sagen, die am anderen Ende der Altstadt ihr Domizil haben. Ein der Fachhochschulen, auf die Bayern so stolz ist. Mit den echten Elitessen teilt man sich die Bibliothek – und in gewisser Weise auch das Menschenbild:



Wobei, die hier residieren in einem postkonstruktivistischen geschichtslosen Stahl-Glas-Betonquader-Areal, das alles mögliche vom psychiatrischen Krankenhaus über die Geflügewlzucht bishin zum Sektenhauptquartier sein könnte. Davor aber hat das (Fach)- Hochschulmarketing an der Bushaltestelle diesen Idealtypus gesetzt, diese neuen Menschen mit dem offenen, makellosem, nichtssagendem und bedeutungslosen Blendax-Antibelag-Lächeln, das früher auf keiner Team-Seite der Startup-Homepages fehlen durfte.

Es ist die Ikonographie des Wirtschaftswahnsinns, weltenfern vom Dreck alter Wir-packen-es-an-Kampagnen, die noch Geschichten zu erzählen hatten. Heute gibt es nur noch Glas und Stahl als Deko für ein Lächeln und einen Claim, der aus der Werbeabteilung der Bild-Zeitung stamnmen könnte. Aber das ist wohl wirklich die Zukunft; einfach, klar, und immer irgendwo eine lächelnde Blondine, die das Sanierungskonzept durchzieht, das durch das Totalversagen anderer lächelnder Menschen notwendig wurde. Kein Klischee, innendrin, im Gebäude, sehen sie wirklich so aus. Also, wer sowas sucht, der findet es hier.

... link (21 Kommentare)   ... comment



: : : denn sie wissen nicht was sie tun sollen : : :

Sonntag, 2. Januar 2005

Offline in der Provinz

Der Freistaat hatte grosse Pläne mit den Internet. Virtueller Marktplatz Bayern, Bürgernetz, mit diesen Begriffen und Multimillionen-Subventionen sollte ein virtuelles Wunderland aus dem lehmigen Boden gestampft werden, wo auch der letzte Bauer zum Erzeuger, Marketingspezialisten und E-Commerce-Entrepreneur werden sollte.

Die Städte, zumal die reicheren, wurden gehalten, selbst vergleichbare Institutionen zu schaffen. Und weil man in dieser Provinzstadt meinte, dass auch ein paar Brosamen für sozial benachteiligte Kinder abfallen sollten, stellte man ihnen eine Art Internet-Cafe hin. Es bekam Räume im Erdgeschoss eines restaurierten Hauses, dessen in der Stadt durchaus angesehener Pojektträger eine Weile gewisse Probleme hatte, die Räume zu vermieten.

Dort nun konnten sich die sozial Schwachen 5 Tage die Woche unter Aufsicht von ABM-Kräften ihrer Entwicklung zum E-Bürger widmen, surfen, downloaden, bei der Arbeitsagentur reinschauen und feststellen, dass es auch hier für sie nicht allzu gut aussah. Aber immerhin konnten sie für lau ins Netz, die Technologien wie Chatten und Email erlernen, und hingen so nicht auf der Strasse herum, um so auszusehen, wie sich der typische braune Lokalpolitiker den türkischen Rabauken vorstellt.

(Nur ein Hinweis in Sache Rabauken: Die Provinzstadt beschäftigt einen speziellen Ordnungsdienst, der das Ausspucken von Kaugummi und ähnlichem mit Geldbussen belegt; Abiturfeiern mit einem Lärmpegel von mehr als 70 db im Stadtpark haben einen Aufschrei in der Lokalpresse und verstärkte Polizeipatroullien zur Folge, Sprayer, Tagger oder Street Culture hatten hier noch nie eine Chance, und Autos beschädigen hier allenfalls lokale CSU-Grössen, die beim Ausparken mit 2,5 Promille das Lenken vergessen, aber das Gaspedal voll durchdrücken, weswegen dann ihre Töchter zwei Monate lang versuchen dürfen, deren Mercedes Combi um die Strassenrandbegrünung zu wickeln, für die sich ihre Väter so stark eingesetzt haben - hier läuft alles wieder zusammen, aber nein, Rabauken gibt es nicht).

Nun, letztes Jahr gab es da einen neuen Stadtratsbeschluss, analog zum reduzierten Interesse der alleinseligmachenden Staatsregierung am Internet, und deshalb sieht das Internet Cafe für die Jugend jetzt so aus:



If you can´t bill it, kill it, werden sie sich im Stadtrat gedacht haben. Die Begründung dürfte so gelautet haben: "Inzwischen, ned woa, hod ja a jeda von dene a sowas dahoam, as Indaned hod se sein Plotz in da Geseischoft erobat, so wia bei uns jo a, schaugns nua amoi die schena Fraims auf unsane Seidn o, oiso, i moan, mia hom echt wos damit gschoft, olle Ziele san erreicht, oba etzad miassn mia de Mittl ondast verwendn..."

Die Gymnasiasten und Realschüler haben weiterhin das Programm Schulen ans Netz, und daheim steht auch so eine Kiste, die ihre Eltern nicht bedienen können, und sie werden auch nie die DivX mit all den nackten Frauen finden. Internet braucht keiner mehr, weil schon genug Leute in dieser Stadt für viel teures Geld zum Multimediahansel umgeschult wurden. Eigentlich, sagen die Stützen der Gesellschaft, wollten sie das Internet ja nie nicht haben, sie verstehen auch nicht, was es soll, und was daraus wurde, das sehen sie ja, wenn sie in ihre Depots schauen, alles voller EM.TV und Brokat, hoit na, de Brokat san ja pleite, solchene Hund - und deshalb stimmen sie auch überein, dass der Türke doch bitte was anständiges lernen soll, statt auf Kosten der Allgemeinheit sich im Internet rumzutreiben. Ansonsten hat man immer noch das Bürgernetz, mitsamt eigenem Haus in der Altstadt.

... link (14 Kommentare)   ... comment



: : : denn sie wissen nicht was sie tun sollen : : :

Samstag, 1. Januar 2005

Real Life 31.12.04 - Zwischen Welten

Ich sage artig Guten Tag zu den Stützen der Gesellschaft, die sich bei meinem Clan versammelt haben, und erkläre, warum ich hier und heute leider nicht die Vorzüge ihrer Gesellschaft geniessen kann. Eine geschmacklose Laune des Architekten unseres Hauses erlaubt es, eine zehn Meter lange Tafel mit grandiosem Blick auf ähnliche Domizile aufzufahren, aber ich werde dieses Fest nicht mit meiner Anwesenheit belasten. Bei den eingeladenen Stützen gilt Anstand und Moral noch etwas; folglich haben sie ihre Kinder, soweit immer noch unverheiratet, mitgebracht. Mein Abschied wird nur oberflächlich bedauert. Seitdem ich Literat bin, wissen sie nicht, wie sie mich einordnen sollen; der Journalist galt ihnen nie viel, aber Bücher sind laut ihrer Ideologie eine Form Erfolgs, der man eine gewisse Achtung nicht verwehren kann, auch wenn man sie nicht gelesen hat. Sie wissen jedoch, jeder hat in diesem Viertel davon gehört, dass ich eine Beschreibungen ihrer Domizile in Liquide verwendet habe, und sie sind erleichtert, sich dergleichen Gehässigkeiten nicht auch noch zum Jahresende anhören zu müssen.

Später dann, als ich für Iris und den Anblick ihres dunkelroten Samtkleids koche, und sie mit der silbernen Vorlegegabel einzelne Blätter aus dem schon angemachten Feldsalat stiehlt, frage ich sie, wie sie eigentlich mit all dem Trara hier fertig wird, dem Repräsentieren, dem Was Sein, dem Was Gelten.

Tu ich ja nicht mehr, meint sie und ausserdem, dass sie gar nicht mal unglücklich ist, jetzt als verwöhntes Flittchen zu gelten, dem nichts gut genug ist. Sie ist eigentlich nicht mehr vorzeigbar, repräsentabel oder Teil der Gesellschaft, denn es muss in den Berichten der Stützen der Gesellschaft immer nach oben gehen, das Neue muss stets gut sein, und wenn so ein grosses Ding wie die Ehe scheitert, dann bekommt man zwar die Aufmerksamkeit, aber nicht den Ruf, den man hier braucht. Dass sie dem Pfarrer ihrer Gemeinde, der mit ihr über die Sache reden wollte, einen Korb gegeben hat, hat es für ihre Eltern auch nicht leichter gemacht. Die haben sich über Silvester aller gesellschaftlichen Verpflichtungen ihres Freundeskreises entzogen, indem sie für drei Wochen in Sachen Wellness an die Algarve gefahren sind.



Man entgeht diesen Mechanismen nie, sage ich und lege das Besteck aus. In der Welt, in der ich war, läuft es heute ähnlich. Wer die Anforderungen der Ideologie nicht erfüllen konnte, hat sich eben was zurechterfunden, oder verheimlicht die frühere Pleitenfirma. Am Ende, heute und noch sicher 2005, werden sie sich alle gegenseitig erzählen, dass sie Erfolg haben, dass ihre neue, verhungerte 1-Personen-Firma das einhält, was sie im auf 100 Mitarbeiter aufgeblasenen Startup nicht geschafft haben. Frauen, die aus dem System rausfliegen, landen plötzlich auf dem Hochzeitsstrich. Und die paar Vorreiter, die das Ganze halbwegs überstanden haben, weil sie brutal genug waren, weil sie die besten Ausbeuter sind, geben immer noch den Takt vor. Und für die, die drin sind, gibt es auch kein Entkommen - wo sollen sie mit ihren Erfahrungen auch hin. Das Establishment gibt weiterhin die Durchhalteparolen aus, dass die New Economy jetzt erwachsen ist, und für den Urlaub hat ohnehin keiner mehr Geld, und die Wochen zwischen den Projekten kann man nicht weg, weil ja ein neuer Auftrag kommen könnte. Solang wird weiter an der Legende des Goldenen Zeitalters gestrickt. Die Mechanismen wurden nicht ausser Kraft gesetzt, sondern den neuen Gegebenheiten der neuen Wirtschaft angepasst. Die Flucht vor den alten Spiessern endet bei den neuen, spiessigen Versagern.

Hmja, sagt sie, beugt sich vor, die nackte Schulter und den Arm lang über den Tisch gestreckt, wo der Kerzenschein ein weiches Licht auf ihre Haut wirft, und piekst ein Stück des Scamorza auf, der die Speisenfolge eigentlich beenden sollte. Auch eine Art der Rebellion.

... link (15 Kommentare)   ... comment



: : : denn sie wissen nicht was sie tun sollen : : :

Freitag, 31. Dezember 2004

Liebe Leserschaft,

nun, da der Lauf der Zeiten das Jahr 2004 unerbittlich dem Ende zutreibt, möchte ich hier zumindest einmal vorbehaltlos höflich, freundlich und bar aller Hintergedanken einige Danksagungen anbringen. 2004 war für viele ein schlechtes Jahr, und vieles spricht dafür, dass 2005 in dieser Hinsicht ein würdiger Nachfolger wird. Für mich, den zumeist unbeteiligten, banalen Berichterstatter auf der Anhöhe über dem traurigen Treiben, wird sich nicht viel ändern, und für dieses Blog auch nicht, soweit es in meiner Macht steht. Es bleibt die Bühne, auf der ich die Rebellen ohne Markt vorzuführen gedenke; Unschuldige, Liebenswerte, Gescheiterte, Betrüger, Hoffnungslose, Kokotten, Spiesser, Altersgenossen, Feinde, Dreckschweine, Geliebte und von mir Geachtete, die aber letztlich alle meiner Feder hilflos ausgeliefert sind.

Hilflos bin ich dagegen selbst der Gunst der verehrten Publikums ausgeliefert, das sich im letzten Jahr in grosser Zahl einfand und, so wage ich zu hoffen, auch an den kurz hingeschmierten Texten delektierte. Wer dieses Blog von Anfang an kennt, erinnert sich vielleicht noch an die Zeiten, als es noch keine Kommentare gab und es nichts anderes denn ein virtuelles Schmierblatt eines Poeten war, den es eigentlich jenseits der Internets noch nicht einmal so gibt, wie er hier zu sein vorgibt. Nun, es ist etwas anderes geworden, und der stete Strom der geneigten Leserschaft ist Ansporn genug, das Spiel von Leben und Tod, von Liebe und Verrat, Aufstieg und Fall, Staub fressen und Trüffel kosten, Tee trinken und Galle lassen, niedrigen Geistern und hohen Instinkten, von Provinz wie Metropole verabscheuen und dabei immer das Angenehme suchen, dieses Spiel also noch viele Akte lang durch unsere Welt des Niedergangs und der gescheiterten Hoffnung fortzuführen.

Ich bedanke mich bei Euch für die Aufmerksamkeit, für all die Kommentare und Debatten, die sich hier entwickelt haben, und die auch im nächsten Jahr beträchtlich zu unser aller Gaudium beitragen möchten. Und ich bedanke mich natürlich:



Bei all jenen, denen ich beim Niederschreiben ihrer Gedanken und Gefühle indiskret über die Schulter blicken durfte, nur um hier ein paar zu nennen: Den Demoiselles Girl und Sickgirl, Schnatterliese und Luzie, Perou und Franziska der Rippterin, Tiefseefisch und dem New Economy Ideal, Modeste und Eriador, Kathleen und Ivy, yvonnesonne und dem wortschnittchen, Pepa und dem Wondergirl, in der Küche Kaltmamsell und Meisterköchin, all den Gentilhommes der Minusvisionäre und der Famiglia um Praschl, den Messieurs Mama und Parka, Jim und Markus Breuer, Spalanzani und Plomlompom, dem Exit und der Bloggade, IT&W & Wirres,
zudem booldog, pathologe und Che,
ohnehin allen Dotcomtödern und Hal Faber,
dem anderen Don und Chile,
den Machern von Antville, Twoday und blogg,

und natürlich allen, mit denen ich zusammen das Buch BLOGS! mache durfte,
und hier besonders Kai Pahl.
Und ganz grosses Danke an Dirk Olbertz für die freundliche Aufnahme hier bei Blogger.de.

Auf ein gutes 2005, und auf dass die Dummheit des Volkes stets grösser sein mag als seine Boshaftigkeit!

... link (5 Kommentare)   ... comment


Ausweisung in die Kampfzone

Wem das hier in der Provinz im Moment alles zu friedlich ist: Girl(Berlin) bringt die lange erwartete Taskarena-Pleite und finalisiert damit einen oft geinsiderten DCT-Oldie. Und Kai Pahl (Hamburg) schreibt etwas über Applied Hartz IV 4 Media Worker. Lars Windhorst (wieder Berlin) meldet dagegen private Insolvenz an - weise bei nach Medienberichten 63 - 80 Millionen Forderungen von 55 Gläubigern. Allerdings gibt es jemanden, der ihn weich aufschlagen lassen will - mit 1,5 Millionen zur Begleichung seiner Schulden.

In München hat es nach Weihnachten unter 1502 IN 3694/04 die Axxima Pharmaceuticals AG zum Amxx äh Amtsgericht geschafft, womit ein weiterer Biotech-Traum aus Martinsried - diesmal mit Virenforschung - geplatzt ist. Ich kann es eigentlich fast nicht glauben, denn Axxima hat im Juni dieses Jahres nochmal 10 Millionen VC bekommen; insgesamt 64 Millionen. Kann es sein, dass da die Finanzierung geplatzt ist? Wie auch immer, falls es stimmt: Axxima ist ein ganz fetter Brocken und sollte dem Innovationsstandort Bayern gehörig um die Ohren gehauen werden.

Ausserdem beim Münchner Amtsgericht: Unter Nummer 1501 IN 3510/04 die deutsche Acclaim Entertainment GmbH, Tochter des US-Spiele-Konzerns, und die Radiospot-Agentur Mediatainer unter 1501 IN 3206/04, mitsamt ihrem erst vor 6 Monaten zum Relaunch angekündigten O-Ton-Portal (was für ein Wort).

Eine harte Welt, das da draussen. 360 Punkte bitte in die Provinz.

... link (2 Kommentare)   ... comment



: : : denn sie wissen nicht was sie tun sollen : : :

Donnerstag, 30. Dezember 2004

Die entbehrlichen Liebschaften

Ob ich sie noch attraktiv finde, will Iris zwei Stunden später wissen, direkt und ohne das Herumreden um den heissen Brei, das wir jetzt schon seit zwei Stunden an diesem opulenten Frühstückstisch praktizieren. Wir beide wissen, dass es kein Angebot ist und deshalb auch keiner Nachfrage bedarf, also sage ich einfach nur: Ja, Scheidungen machen Frauen immer schön, gewitzt und erfahrener. Und das mit der Leere in ihrem Leben wird sich mit der Zeit auch noch geben, setze ich hinzu und frage mich, ob ich sie nicht anlüge, denn...

Denn für dieses Szenario gibt es keine Erziehung und keine Erfahrungen. Unsere an sich sehr liberalen Eltern, die um 68 herum Kinder bekamen, haben im Marsch durch die Institutionen brav die Zähne zusammen gebissen, die Ehe tapfer trotz aller Agonie und Ödnis durchgestanden, allein schon wegen uns, und nach 20 Jahren war es dann auch schon zu spät für den Neuanfang; nur wenige entschieden sich hin und wieder für einen vorzeitigen Schlussapplaus, über den man aber nicht laut sprechen durfte; nur beim Kaffeeklatsch tratschen. Scheidung war einfach nicht vorgesehen, zumal ohne triftigen Gründe wie die, die heute morgen berichtet wurden. Ich wüsste gern, wie hoch die Scheidungsrate ohne Psychopharmaka wäre.

Das Zeug hilft auch bei Langeweile, Überdruss, Sinnkrise und Blicken in den Spiegel. Es hilft, das Nichts als etwas Erfüllendes zu begreifen, es verpasst der eigenen Bedeutungslosigkeit eingebildete Relevanz, es beugt dem Wissen vor, dass es in 50 Jahren auf den gleichen blöden Friedhof in das gleiche Loch geht, in dem schon 3 frühere Generationen lagen. Und dabei war die Ehe in ihrem Fall mehr als nur ein Steuersparmodell; ein Teil der Sinnsuche mit einer Erkenntnis, die sicher nicht beim Frühstück bei einem alten, lange Zeit vergessenen Freund so negativ ausfallen sollte. Es gab keinen Lover, keinen Ausrutscher, keine Begierden, keinen Skandal, keine gefährlichen Liebschaften, keine Verführung, kein heimliches Verlangen, nichts - es ging einfach in die Brüche, aus, vorbei, nicht nur die Ehe, sondern eigentlich auch ihr Leben. Und was jetzt?



Laclos verweigert am Ende seiner Liebschaften der Leserschaft sowohl das weitere, grausame Schicksal der Marquise Merteuil, als auch das tugendsame Dasein des gefallenen, aber wohl durch die Ehe geretteten Fräuleins von Volanges. Laclos sei ein kalter Geist gewesen, heisst es, er wollte das Grauen für das Monster und die Reue der Sünderin den Lesern überlassen, um deren Wirkung in ihrer Phantasie noch zu steigern.

Vielleicht hatte Laclos aber auch nur etwas Mitleid mit seinen amoralischen Gestalten, für die es so oder so keine Erlösung geben konnte, und für die das Spiel an sich die Daseinsberechtigung war, nicht dessen Ergebnis. Vielleicht wollte er nicht fortfahren, um keinen unglaubwürdigen Schluss für das dumme, kleine Ding der Volanges erfinden zu müssen - irgendwas mit einer harmonischen, sauberen Ehe.

Im Judentum, sage ich zu ihr, ist die Scheidung kein Drama wie bei Euch Christen; wenn der Mann nicht mehr in der Lage ist, die Frau zu befriedigen, soll sie sich scheiden lassen.

Das hätte ich in den Flitterwochen wissen sollen, platzt es böse aus ihr heraus, und da ist sie wieder, die alte, fiese Giftspritze, die Merteuil in ihr gräbt sich aus dem Grab des Unterbewussten ans Licht, etwas hat überlebt, und das Spiel kann wieder beginnen, denn sie hat etwas einzusetzen - sich selbst. Waaas, setzt sie später mit langem A an, machst Du eigentlich morgen Abend, an Silvester?

Ist das ein Angebot, frage ich.

... link (6 Kommentare)   ... comment


Immer wieder schön:

Die "News-Frankfurt", die in der ansonsten ehrenvollen Verlagsgruppe Handelsblatt eine neue Einstiegsklasse bei der Qualität und journalistischem Ethos setzt - Ansprüche mindest so hoch wie eine plattgetretene Kakerlake - zeigt im Falle Schockwellenreiter, was sie mehr oder weniger drauf hat: Da wird in der Zeitung dem Herrenreiter ein Zitat aus einem Kommentar einer anderen Person unterstellt - und gefragt, ob das Rechtens ist, siehe Urheberrecht, wurde da mitmasslich auch nicht übermässig. (via IT&W)

Heute gingen noch nicht mal 3 Seiten Werbung jenseits der Seiten für eigene Verlagsprodukte weg - und statt 48 Seiten waren es nur wieder 40. Aber lieber auf Knien leben, als...

... link (0 Kommentare)   ... comment



: : : denn sie wissen nicht was sie tun sollen : : :

Mittwoch, 29. Dezember 2004

Real Life 29.12.04 - Stützen der Gesellschaft

Es könnte Yvonne sein. Und obwohl alles in mir hofft, dass sie nicht Teil dieses Worst Case Szenarios ist, das da durch die schmale Gasse meiner Heimatstadt auf mich zukommt, weiss ich innerlich längst, dass sie es ist. Es sind ihre Augen.

Yvonne war Teil eines Kreises von Schülern, die sich jeden zweiten Freitag bei einem Deutschlehrer meines Gymnasiums trafen, um über Literatur zu sprechen. Der Kreis stand allen offen, aber wie es nun mal in der Provinz ist, fanden sich dort viele Sprösslinge dessen ein, was man allgemein als die besseren Kreise bezeichnet. Also der Leute, die froh waren, wenn sich ihre Kinder im zarten Alter von 15 Jahren nicht auf 70PS-Enduros Verfolgungsjagden mit der Polizei in der Altstadt lieferten - was Yvonnes Bruder tatsächlich gemacht hat, und damit eher unfreiwillig dafür sorgte, dass sein Clan auch bei den niedrigeren Schichten der Stadt plötzlich ein gewisses Renommee erhielt.

Yvonne war das Gegenteil ihres kleinen Bruders, und sehr den Büchern zugetan. Ihre Leidenschaft ging leider eher in Richtung Goethe denn zu Heine, Gide und Stendhal, die zu dieser Zeit wegen ihrer libertinären Einstellungen bei den jungen Herren sehr beliebt waren. Yvonne überstand diese Wellen der Aufklärung, indem sie diese Bücher immer nur anlas, ein paar Worte darüber verlor, dass sie leider so viel lernen musste, und den Rest der Nachmittage damit zubrachte, die Reinkarnation der perfekten, klassizistischen Upper-Class-Prinzessinnen darzustellen, von denen unsere Literaturheroen der vergangenen Jahrhunderte so schwärmten. Allerdings liess Yvonne nie einen Zweifel daran, dass sie die lockeren Sitten der Literaten so ablehnte, wie es ihrer Herkunft aus einem Geschlecht angesehener Apotheker entsprach.

Da sass sie also, immer hoch aufgerichtet mit ihren strahlend blauen Augen auf dem Sofa, hatte inhaltlich nicht viel beizutragen, schaffte es aber, sich wegen ihres Rattenschwanzes an Verehrern in den Mittelpunkt zu stellen. Schliesslich gab es auch andere junge Männer, die ihre Ansichten zu Anstand, Moral und Fortbestand des goldenen Zeitalters der Bürgerlichkeit teilten. Wir, die wir bald Tempo lesen sollten und schon damals den Drang verspürten, dem geistigen Morast unserer Heimat zu entkommen, sahen in Yvonne nie mehr als ein geeignetes Objekt, um zu testen, wie man Frauen zum Erröten bringt; andere hingegen applaudierten ihrem Lebensziel, später mal die Apotheke ihrer Eltern zu übernehmen und somit ebenfalls in den gesellschaftlichen Olymp der Provinz vorzustossen, und wähnten sich dabei an ihrer Seite.

Pech für sie, dass ich der Einzige war, der fast den gleichen Heimweg wie Yvonne hatte. Nachdem sich unsere Eltern die notwendigen Besuche abgestattet und sich gegenseitig ihrer alten provinziellen Abstammung sowie des umfangreichen Besitzes an Immobilien, Gärten, Bäumen, Kachelöfen und Rosenthalgeschirrs versichert hatten, wurde ich gebeten, jedesmal die Tochter abzuholen und auch wohlbehalten wiederzubringen. Ihren endurogeschädigten Eltern erschien ich als passionierter Radfahrer die ideale Begleitung, und der Ruf meiner Familie versprach dümmliche Vernunft in Kant´schem Sinne; vieles, was später kommen sollte und schon angelegt war, war schlichtweg jenseits ihrer provinziellen Vorstellungswelt. Yvonne war ein Fräulein und wirklich schön, und konnte nun mal nicht ungeleit nach Hause gehn.

Manchmal, im Sommer, lieferte ich sie zeitig ab, aber an der Ecke vor ihrem Haus verweilten wir noch und spachen mal über unsere Katzen, und manchmal über die Zukunft, ihre Verehrer und das, was aus ihr mal werden würde. Da war etwas in ihr, das das andere Leben jenseits der Provinz kennen lernen wollte. Vielleicht war es auch nur der romantische Wunsch, vom weissen Ritter entführt zu werden, aber sie hörte zu, gab ein paar schüchterne Antworten, blieb, verweilte und ging nicht, was mir zeigte, dass die Saat meines Bemühens auch auf dem kargen Boden des besseren Viertels nicht ohne Früchte blieb. Die Apotheke, das Kind, den einen Mann für immer, die einzige grosse Liebe, das wollte sie eigentlich schon, aber manchmal eben nur eigentlich... sie wusste, dass es nicht nur eine, sondern unendlich viele Alternativen gab.

Später dann, in München zu den grossen Zeiten des Parkcafes, als ich selten vor 12 Uhr auf der Strasse anzutreffen war, sorgten ihre Eltern dafür, dass sie während des Pharmazie-Studiums in einem katholischen Wohnheim landete - dem Strengsten aller Wohnheime. Ich schaffte es unter Umgehung aller dort genau geprüften Regelungen zwei Mal, sie durch die Münchner Nacht bis zum Licht des nächsten Tages zu schleifen - Parkcafe, BaBaLu, Wunderbar, Nachtcafe. Sie sah, sie erlebte die Optionen, und diese beiden Nächte gab sie sich alle Mühe, als lebenshungrige Tochter aus besserem Haus zu erscheinen. Sie kann es, sie weiss, dass es da draussen weiter geht. Beim zweiten Mal wäre es wegen der Wohnheims-Gestapo beinahe in einer Katastrophe geendet, aber als die schwarzen Krähen bei ihren Eltern Alarm schlugen, waren die eher beruhigt. Selbst im Worst Case wäre es eben der junge Alphonso Porcamadonna gewesen, von dem man damals noch erwartete, dass er dem angesehenen Porcamadonna-Clan nachgeraten würde. Yvonne absolvierte das Studium zielstrebig, ging dann zurück in die Provinz, und mich verschlug es in ein ganz anderes Leben, das nur selten von sporadischen Besuchen in der Provinz unterbrochen ist, so wie heute.

Es ist Yvonne, vor ihr ein dreirädriger, sportlicher Kinderwagen mit Inhalt, neben ihr ein Mann mit den typischen kurzen Beinen und breiten Hals der Provinz. Ihre Augen leuchten noch immer, aber ansonsten - früher fand ich ihre langen Haare langweilig und spiessig, jetzt, so aufgewuscht und kurz, wünsche ich sie mir zurück. Wir tauschen die letzte Dekade über das quengelnde Balg und den frierenden, sich erkennbar blöd und überflüssig fühlenden Typen an ihrer Seite hinweg aus. Das heisst, ich erzähle von meinem Leben, den Städten, der Freiheit, zu entscheiden und sich jeden Tag neu zu definieren; sie spricht von Apotheke, die sie übernimmt, dem anstrengenden Haushalt und dem wahrscheinlich auch nicht gerade einfachem Kind. Der Typ, der mehr einem Bauern denn einem Hidalgo gleicht, wird mir noch nicht mal vorgestellt, was nach den Regeln der besseren Gesellschaft ein deutliches Zeichen für Risse in ihrer Beziehung ist. Vielleicht hat er auch nur heute nicht abgetrocknet, wer weiss. Ich verspreche, dass ich vorbei kommen werde, und ihr mein Buch bringe. Sie wird es vielleicht lesen und denken, dass wir da draussen, ausserhalb ihrer Welt der Stützen der Gesellschaft, auch nicht glücklich sind.

Womit sie nicht Unrecht hat, als ich durch die engen Gassen zu Stammhaus meines Clans gehe. Aber was soll´s, es ist doch immer die gleiche Geschichte. Vergiftet sind meine Lieder, wie könnt es anders sein? Da hast mir ja Gift gegossen ins blühende Leben hinein - sagt Heine.

... link (3 Kommentare)   ... comment


Real Life 28.12.04 - Natura morte

oder das langsame Versacken in der Provinz. Es gibt Leute, die mein Verhalten nicht verstehen: Wann immer ich auf Flohmärkten oder in Antiquitätengeschäften bin, steuere ich zielsicher auf alte Kerzenhalter aus den Epochen vor der Elektrifizierung zu; und wenn sie mir leisten kann, nehme ich sie auch mit. In meiner Wohnung in unserem Stadthaus gibt es schon derer zehn; sechs im Hauptraum, zwei im Gang und zwei weitere im Bad.

Warum es nicht zu viele sind, zeigt sich an Abenden wie heute, wenn man die Tafel bereitet, mit frischen badischen Eiernudeln und würzigem Gouda, in Butter gedünsteten Austernpilzen und milden Zwiebeln, dazu Feldsalat mit Öl und altem Balsamico und eine Kanne Assamtee.



Denn genau dann, wenn man die Nudeln servieren will, kommen die Nachteile des Bauwerks zum Vorschein, in dessen oberstem Geschoss man sich befindet. Mit einem Schlag ist der Strom weg, irgendwo ausgeknipst zwischen den Bauperioden des 14. und 16. Jahrhunderts. Wenn man dennoch in Ruhe essen will, ohne bis zum Erkalten der Speisen durch die Strom- und Verteilerkästen zu kriechen - dann ist verständlich, warum man so viele Kerzenhalter sein eigen nennt. Dieses Szenario ergab heute letztlich nur ein hübsch abzusehendes Natura Morte, aber es gibt auch schlimmere Situationen, in denen man ohne Kerzen verloren wäre: Nachts beim Stromausfall unter der Dusche stehen etwa, oder endlich den nackten Rücken einer Frau zu sehen bekommen, auf den man schon so lange gewartet hat. Alles schon erlebt und überstanden. Und deshalb stürze ich mich auch weiterhin auf jeden Kerzenhalter, den ich kriegen kann.

Denn die Wege des Stroms sind in provinzieller Bausubstanz des 16. Jahrhunderts unergründlich, wie auch in Bauten der 20er Jahre in Berlin.

... link (2 Kommentare)   ... comment



: : : denn sie wissen nicht was sie tun sollen : : :

Dienstag, 28. Dezember 2004

JWD

Während andere Städte und Regionen die New Economy als rettenden Strohhalm ansahen, war sie in der Provinz etwas, das man sich eben auch noch leistete - schliesslich war das damals schwer in Mode, und bei solchen Themen wie Innovation und Fortschritt sind die hiesigen Politiker immer vorne mit dabei. Existenzgründerzentrum. Gründer- und Technologiezentrum. Man will ja mit der Zeit gehen.

Nur... wohin damit? Die Provinz ist verschlafen und will das Zeug nicht in den Stadtmauern sehen. Also lieber hinaus damit, an die Autobahn, ins neue Industriegebiet, auch der guten Anbindungen wegen; ausserdem kann man dort so bauen, wie die Zukunft nun mal aussehen soll; voller Licht, Glas und Stahl, passend und noch etwas hübscher als die Raffinerie dahinter.



Gleich nebenan entsteht ein Factory Outlet Center, das die gleichen Politiker nach jahrelangen Kämpfen durchgesetzt haben. Im Moment macht es aber den Anschein, als hätten die Investoren den Mut verloren; der Bau stockt angeblich, und die Prognosen sind nicht wirklich vielversprechend.

Zukunft made in Bavaria.

... link (9 Kommentare)   ... comment


Warum Journalisten PR-Blogs Scheisse finden.

(sorry für die deutlichen Worte) Momentan ist grossen Schulterklopfen angesagt. "Business-Blogger" und die Blogger mit Schwerpunkt auf Corporate Communication (CC oder auch Unternehmenskommunikation) wittern Morgenluft: Blogs wären das nächste grosse Ding in der CC. Intern als Knowledge Management, extern als Möglichkeit zur Selbstdarstellung. Die anderen Blogs, ganz weit draussen sind demzufolge Quelle für Datenschnüffeleien oder eine Chance, was aufs Maul zu bekommen (Jamba lässt grüssen), worauf man am besten mit Überwachung durch sich anbiedernde Möchtegern-Berater reagieren soll – also Geschäftsanwendungen aller Orten.

Zu den Datenschnüffeleien steht hier mehr - meines Erachtens ein Exponat für das Museum of the Future that never happened. Nachdem viele Firmen mit Knowledge Management sehr schlechte Erfahrungen gemacht haben, bleibt die klassische PR im Sinne von Pressearbeit als der Bereich übrig, wo Blogs zeigen können, was sie drauf haben: Im besten Fall werden sie Journalisten egal sein, im schlimmsten Fall nerven.

Der Grund dafür ist das Wesen der typischen PR-Leute, die die Bedeutung ihrer Firma überschätzen und selbstverständlich davon ausgehen, dass Journalisten sie um Neuigkeiten anflehen. Es ist für den PR-Menschen überlebenswichtig, den Bossen diesen Eindruck zu vermitteln - nichts desto trotz sieht ein Journalist wie ich die Sache qua Beruf ganz anders.

Mehr an der Blogbar

... link (4 Kommentare)   ... comment