Mittwoch, 12. Januar 2005
Ab in die Nacht
... link (7 Kommentare) ... comment
Die Leute auf den Bildern

Da sind sie also, die Heroen von damals, deren Musik längst das Beste der 7oer Jahre ist für den Dudelfunk und für die 12-CD-Box von Past Death für 99 Euro rufen Sie jetzt an und hören Sie die Lieder Ihrer Jugend. Da sind sie, die Heroen, und grinsen von den Wänden wunter und freuen sich, dass man ihr Geschrubbel plus die paar Steineschmeisser heute als Goldenes Zeitalter betrachtet. Sie sind Götzen einer untergegangenen Revolte, die genauso von ihrem mickrigen Image leben wie der arbeitslose Berater durch seine Angeberei in den üblichen social networks - nur dass die einen auf dem Weg in die Unsterblichkeit sind, für immer umlächelt von den Schönen der Incrouds, und die anderen sehen am Abend das gefrustete Gesicht ihrer mittelalten PR-Partnerin, die am Küchentisch Gegendarstellungen formuliert.
Gerecht ist das im ersten Fall nicht unbedingt.
... link (43 Kommentare) ... comment
Buzzword Bullshit Bingo
Anschliessend, weil das in ihren Häusern gar keine und besonders keine alte Entscheidungsträgersau versteht, muss das wieder ins Deutsche übersetzt werden. Aber Hauptsache, Gerold und Frank können sich nachher in die Augen blicken und sagen, dass sie ready for the markets of a globalised (oder globalized?) world sind.
Ich habe auch schon mal in Nachtschichten Fondprospekte eines amerikanischen Milliardenunternehmens übersetzt. Das war klar, stringent, verständlich, bar aller Phrasen und Doppeldeutigkeiten. Die reine Freude im Vergleich zu diesem Furzgeschäftlein, das hier mit 120 Seiten, 40 davon nur überflüssige Floskeln, festbetoniert wird - bis es sich der Vorstand doch wieder anders überlegen wird. Dafür muss ich nicht mehr überlegen, wer mein nächster Lieblingsfinal wird - solche Dienstleister verdienen den Tod und nichts anderes.
... link (6 Kommentare) ... comment
Übrigens:
Interessieren könnte das aber die Unternehmensberater der Atanvo AG aus dem badischen Leonberg, die nach Eigenaussage vor der Verleihung des Aktenzeichens 5 IN 607/04 international tätig waren. In Leonberg ist übrigens auch Caatoosee....
... link (8 Kommentare) ... comment
: : : denn sie wissen nicht was sie tun sollen : : :
Mittwoch, 12. Januar 2005
Vorschauzeit
Jetzt ist Januar, und die Vorschauen trudeln ein. Und es schaut schlecht aus. Ganz wenig junge deutsche Auroren - nie war es leichter, als das wichtigste deutsche Debut dieses Frühjahrs in einer Zeitung, bei einem Preis oder einer staubtrockenen Akademie für angewandtes Hirnfickertum im inzestuösen Kontext zu gelten. Ein paar Leichtgewichte von den üblichen Literatenschulen, hier und da ein Preisträger, und in allen Taschenbuchverlagen die wässrige Hoffnung, aus den 03er Pleiten doch noch den einen oder anderen Euro rauszuquetschen. Zweite Hälfte 04 war ganz, ganz schlimm, wurde mir heute zugetragen. Und die Verlage sourcen das Autorentum eben in die USA zu Produktschreibern aus, die nachweislich die Märkte bedienen können.
Wird Zeit, dass sich ein gefrusteter und geschasster Verlagsboss als der Timm Renner der Buchbranche produziert und etwas Reisserisches wie "Ihr Kinderlein kommet - Geständnisse eines Debutantenpenetrators" publiziert.
... link (3 Kommentare) ... comment
Dirt Picture Contest - Westmüll
Aber es stimmt schon: Westberlin, die alte konsumfreudige Frontstadt, kümmert sich um den Müll.

Dan werden in den Passagen extra Zwischenräume angelegt, in die ein blauer Müllsack präzise reinpasst. Der wird ordentlich mit Papptellern und Speiseresten gefüllt, so dass die ordentliche Berliner Passagenratte auch Abends was zum Knabbern vor ihrem Versteck hat, und nicht draussen die Passanten erschreckt (das machen die beiden Verückten schon selbst, die sich gegenseitig belauern und Leute anschnauzen, was sie hier tun).
Und nachdem in den drei Wochen, seitdem diese Mülltüte hier eingeklemmt mindestens ist, kein Punk auf die Idee kam, der Tüte einen herzhaften Tritt zu versetzen und ihre Eingeweide über den brüchigen Marmor aus besseren Tagen zu verteilen, ist bewiesen, dass hier ein anderer Menschenschlag zu Hause ist. Ordentliche Leute eben.
... link (24 Kommentare) ... comment
Präventivschlag
Liebe Geschäftemacher, Contentklauer und Inhalteverwertwer: Dem Schwanitz habe ich mit einer Anwaltsdrohung den Schwanz einziehen lassen. Der nächste wird seinen Schwanz oben halten - weil ich ihn hinterrücks ohne Verzögerung von einem anwaltlichen Sniperkommando so tödlich ab
... link (12 Kommentare) ... comment
: : : denn sie wissen nicht was sie tun sollen : : :
Montag, 10. Januar 2005
Das ziehen wir ganz gross auf
So hat das wahrscheinlich vor vier Jahren geklungen, als sie sich über den Komplex hergemacht haben. Der Prospekt zumindest klang nach diesen nassforschen, kumpelhaften Händereibern, denen das Wort "Macher" wahrscheinlich schon bei der Geburt in die Hoden tätowiert wurde. Die eine Hälfte ist fertig, die andere noch nicht, leer sind sie beide. Und Steuern hat auch keiner der Investoren gespart, weil die aufgenommenen Kredite jetzt bedient werden müssen, und das wird wirklich teuer.

Draussen rosten die Container, drinnen schimmelt der Beton unter dem feuchten Müll. Noch ein, zwei Jahre in diesem Zustand, und man wird es wegreissen müssen, und mit den Mauern fällt dann auch die Erinnerung an das, was hier früher mal ein anderer Grössenwahnsinniger hinstellen liess. Einer von denen, die das aktuelle Objekt gross verkaufen wollten, soll einige Fragen seitens gewisser staatlicher Stellen beantworten müssen; so hört man zumindest; ein anderer macht laut Homepage angeblich andernorts Consulting und Projektentwicklung.
Was man bekanntlich ganz gross aufziehen kann.
... link (2 Kommentare) ... comment
Die Antwort auf Bildblog:
... link (9 Kommentare) ... comment
Real Life 09.01.04 - 1 kleine Anfrage
So wird das nichts mit dem Bett, aber was weiss so eine 9-5-Verlagsfrau schon von den typischen Arbeitszeiten des typischen NE-Survivors. Und wenn die Dame bis Mittag trödelt, wird das auch nichts mit dem Artikel - Pech gehabt.
... link (3 Kommentare) ... comment
: : : denn sie wissen nicht was sie tun sollen : : :
Sonntag, 9. Januar 2005
Eins dieser Telefonate
Das ist das Schöne an Juristin B.: Die kommt niemals mit so seltsamen Angeboten. Es geht immer um Zwischenmenschliches, die Hunde etwa, die, falls man sie auch nur auf die Wange küsst, verdammt zwischenmenschlich werden. Juristin B. ruft also an und fragt, was ich denn so tue. Nichts, den Sonntag geniessen. Gut. Weil... ich habe doch mal für ******fonds einen Prospekt übersetzt. Ja, und? Und sie hat jetzt einen Auftrag und braucht bis morgen früh um 5 Uhr 20 Seiten Vertragstext voller Fachtermini zu IPO und, und, weil ich doch sowas schon mal...
Schon mal ... Das ist drei Jahre her. Das war einer der Jobs, der selbst für ein Übersetzungsbüro zu heikel war. Da stand drin, welche US-Celebrity wann mit wem und was es an Investition kosten würde, um ein paar Millionen Steuern zu sparen, und führte dann in ein Debakel, über das man eigentlich noch einen Roman schreiben müsste. Über Kickbacks, über zusammenbrechende Fonds, über Anwälte, die plötzlich verschwinden und Initiatoren, die innerhalb einer Nacht ein paar Millionen auftreiben müssen, und ich stand damals daneben und dachte mir, he, das waren doch nur Worte, ich hab es nur übersetzt und ein klein wenig sexy gemacht, das darf doch nicht solche Folgen, ich mein - und während ich das damals dachte, als ich mich verfluchte, dass ich diesen Job entgegen meiner Vorsätze nur noch ein einziges Mal angenommen hatte, sank vor meinen Augen alles in Schutt und Asche, alle, die meinen hübschen Formulierungen glaubten, haben geblutet, es war ein Massaker, aber ich musste nur den Staub von meinen Schuhen wischen, und konnte weiter meines Weges gehen. Das war "Schon mal".
Aber so weit komme ich in meiner Erwiederung gar nicht, denn auch für Juristin B. geht es um die Karriere und Geld, viel Geld. Also, Zeit läuft. Bis morgen um 5 Uhr. Ich mache es für eine Handvoll Euro mehr als damals bei "Schon mal".
Aber eines sage ich jetzt gleich hier: Falls nächstes Jahr ein multinational angeleierter IPO den Investoren in die Fresse explodiert, nicht wundern. Selbst Schuld, wenn die mich da ran lassen.
... link (4 Kommentare) ... comment
Ich habe keinen Fernseher
... link (4 Kommentare) ... comment
: : : denn sie wissen nicht was sie tun sollen : : :
Samstag, 8. Januar 2005
Nix Reschärscha beim Medienmagazin Insight
1. Ich habe Dotcomtod nicht gegründet - das war Lanu.
2. Wenn, dann haben Kai Pahl und Don Alphonso ein Buch mit Autoren herausgegeben, das
3. schon das dritte auf dem deutschen Markt ist.
Peinlich. Aber dann anderen Belanglosigkeit vorwerfen, ja ja.
... link (8 Kommentare) ... comment
Ja sagen

Denn manchmal sind all die Verursacher Welten entfernt, es gibt kein Netz und keine schmutzigen Ganoven, die sich darin austoben, es gibt keine Elite und auch keine Blödschwätzer, nur das Licht, die Landschaft mit ihren anmutigen Hügeln und den Wind, der einen die Arme ausbreiten lässt. Und dann sagt man Ja. Ja zu diesem Land, das unschuldig ist an der Dummheit seiner Politiker, die sich jeden Scheiss aufschwatzen lassen, weil sie in der Munich Area vor Fremden vergessen machen möchten, dass sie von hier stammen, aus dem grünen Herz des Landes.
Es gab Zeiten, etwa in den 60er Jahren, da war Bayern arm an dem, was man an Fortschritt als Grundvorraussetzung für Reichtum angesehen hat. Man hat mit viel Geld aus Bonn die Fluren "bereinigt", die Flüsse und Bäche begradigt und völlig überzogene Strassenprojekte in die Erde betoniert. Und in viel zu vielen Ecken steht ein Atomkraftwerk; die WAA, gut 50 Kilometer von hier entfernt, haben wir gerade noch verhindert. Aber die Schönheit des Landes lässt sich nicht so schnell zerstören. Alle paar Meter gibt es diese unfassbaren Panoramen, wenn die Berge weit hinten das Blau des Himmels annehmen, und das satte Grün schon den Frühling ahnen lässt.
Unfassbar, dass ich nicht hier gebieben bin, sondern in Richtung Wolkendecke und Sturmfront gefahren bin. Gut, hier in Berlin gibt es auch Natur - abgesägt, entnadelt, immer noch mit Lametta, und in grossen Mengen auf den Bürgersteigen und Strassen.
... link (15 Kommentare) ... comment
Richtung Norden

Dann wieder berliner Dreck und dreckiges Berlin, so genau lässt sich das ja nicht unterscheiden, es gehört zusammen und bedingt sich.
... link (8 Kommentare) ... comment
: : : denn sie wissen nicht was sie tun sollen : : :
Freitag, 7. Januar 2005
Auf den Knien verrecken
Die haben zwei Sender. Keiner muss schweigen, sie könnten kämpfen, und niemand könnte sie stoppen. Die könnten die Sender besetzen und zeigen, was sie können, was gut war und was da an Scheisse aus Berlin von MTV kommt. Sie würden alle Aufmerksamkeit der Nation bekommen. Aber keiner sagt: Noch einmal leben, besetzen wir den Sender. Sie wollen auf den Knien verrecken. Ein gutes beispiel für ihre Zuschauer, ich muss schon sagen. Die Diktatur der Angepassten eben.
... link (1 Kommentar) ... comment
Was für Hella
Vielleicht hat das junge, engagierte Team jetzt mehr Zeit, golfen zu gehen. Aber einerseits ist Winter, und andererseits lauern da auch gewisse Tücken - etwa beim Märkischen Golfclub Potsdam e.V.. Der wird unterstützt von der Quasar Solutions Consulting GmbH, und auch die hat ein Aktenzeichen in Charlottenburg, 106 IN 5796/04. Komisch, ich dachte immer, SAP-Consulting wäre eine sichere Bank, aber in Berlin weiss man ja nie... Jedenfalls, dieses Charlottenburger Business braucht auch kein taxfreebusiness.net mehr, das wohl ein Onlineportal zur Mehrwertsteuervermeidung werden sollte.
Und dann brennt und brutzelt was in Prenzelberg, in der Helmholtzstrasse: Die NETNOVO GmbH sieht mit Az 107 IN 5011/04 ein klein wenig alt aus. Nun, Content Management Systeme wie SINTRAS waren 98 der Brüller, heute reicht es meist nur noch für den Todesseufzer, da hilft es auch nicht, wenn man Software für das Portal Heilpraktiker.de entwickelt hat. Prima. Dann kann ich morgen beruhigt wieder nach Berlin fahren. Welt in Ordnung, 360 Punkte bitte.
... link (8 Kommentare) ... comment
Real Life 07.01.05 - Prada auf dem Weg alles Irdischen

Aber es entspricht nicht mehr dem, was die amerikanische Vouge abbildet. Und so geht auch Prada den Weg alles Irdischen - zum Glück konnte die Besitzerin einiges als Berufskleidung steuerlich geltend machen.
Es gibt so Tage, da frage ich mich schon, in was für einer Welt ich eigentlich lebe, und ob diese Welt nicht abgeschafft werden sollte.
... link (19 Kommentare) ... comment
M - da ist sie wieder,
Und dann gehen sie, ihrem Schicksal, ihren Freunden, ihren Anlageberatern entgegen und an viel freiem Büroraum vorbei, und glauben, dass alles besser wird, 2005. Münchens PR-Tanten sind schon was einzigartiges.
... link (6 Kommentare) ... comment
: : : denn sie wissen nicht was sie tun sollen : : :
Donnerstag, 6. Januar 2005
Gier fressen Gehirn auf
... link (2 Kommentare) ... comment
Lustiger Zufall für mich, tödlicher Fall für Cando AG
Wie auch immer, mit 2 Runden VC und 4,3 Millionen Euro galt Cando wörtlich als "ausfinanziert". Trauern dürfen ausgerechnet enjoyventure (harhar), WGZ-Venture Capital ("Mit unserem Engagement bei der cando AG sind wir überzeugt, in eine zukunftsträchtige Technologie und in ein vielversprechendes Unternehmen zu investieren") und - mal wieder - die tbg. Nur der Don kann lachen - über 120 weitere Punkte.
... link (2 Kommentare) ... comment
DCT-vs-Entrepreneur-Debatten
... link (0 Kommentare) ... comment
: : : denn sie wissen nicht was sie tun sollen : : :
Mittwoch, 5. Januar 2005
Real Life 05.01.05 - 200 Meter Richtung Hölle
Wenn man aus der Provinz kommt, erkennt man die Elitessen an ihrer Andersartigkeit. Sie san einfach a andere Rass, wie man hier sagt. Die hier trägt einen schlanken Ordner, in dem die Blätter penibel ausgerichtet sind, und eine praktische kleine Thermoskanne. Im Rucksack zeichnet sich das Notebook durch ein tiefhängendes Rechteck ab. Sie schaut nicht nach links oder rechts, die mausbraunen oder rehbraunen Haare, je nach sexueller Bedürftigkeit des Betrachters, sind entgegen der leichten Wellen zu einem Knödel am Hinterkopf festgezurrt. Sie ist lang und dünn, sehr dünn, selbst unter der dicken, gesteppten weissen Jacke erscheinen ihre Bewegungen hart, ruckartig und rabiat. Sie ist vielleicht 23, aber der strenge Zug um ihre Lippen, und die wie Pergament über hohe Wangenknochen gespannte Haut zeigen schon erste Spuren des durch Sekundärtugenden bedingten Niedergangs. Sie riecht nicht unschön nach Sandelholz, aber es ist zu trocken, zu abweisend, es macht sie in den Begriffen ihrer erfolgsorientierten Peergroup sicher begehrenswert, perfekt geeignet für das kleinste, effektivste Netzwerk, die Double Income Family, vorzeigbar, und mit dem gleichen Willen ausgestattet, der es ihnen zusammen erlauben wird, den ganzen Weg nach oben zu gehen.
Und als ich sie rieche, muss ich an meine ruhende Teilzeitgeliebte in Berlin denken; sie ist klein, dunkel, drall und dabei sehr wohlproportioniert, sie riecht warm und laut, und sie hat beruflich oft mit solchen Produkten der Leistungsgesellschaft zu tun, die aus ihren geraden Lebenswegen eine Tugend machen und dafür Unterwerfung einfordern. Meine Teilzeitliebste, die mich gerade beurlaubt hat, ist eine Hermia, um es in den Dramatis Personae von Shakespeares Sommernachtstraum zu sagen, und ich weiss, dass sie diese hochgeschossenen, kargen Helenas hasst; ich stelle mir vor, und wie sie, klein, wütend und innerlich bebend, ihrem Hass Ausdruck verleihen würde:
How low am I, thou painted maypole? speak;
How low am I? I am not yet so low,
but that my nails can reach unto thine eyes. (Act III Scene II)

Die Elitessen-Helena schreitet unaufhaltsam voran, zwängt sich an zwei dicken Biermännern vorbei, die ihren Laster mit leeren Fässern der heimischen Brauerei beladen, und nur einer dreht sich kurz nach ihr um, als sie ihn beinahe anrempelt, ohne auch nur einen Moment an Geschwindigkeit zu verlieren - und dann verschwindet sie um die Ecke, und ihre knallenden Schritte verstummen.
Es dauert, bis ich dann auch um die Ecke komme; ich mache den Biermännern Platz, ich habe Zeit. Gleich hinter der Ecke liegt schon das Ziel meines Wegs; die alte Bäckerei, die hier seit Jahrhunderten ist und in der sich die Menschen der Provinz stur und unbeugsam das immer gleiche Brot holen. Ciabatta kennt hier keiner, und trotzdem ist es hier immer voll. Hinten in der Schlange ist sie wieder, die Elitesse.
Die Bäckermeisterin grüsst mich, ich grüsse sie, die alte Frau Fürnrieder ist auch da, und die Elitesse dreht sich zu mir um. Vielleicht ist sie doch nicht so, vielleicht täuscht der äussere Eindruck, und sie kennt den Müssiggang und schätzt Essen - aber dann quetscht sie sich schnell zwischen den zwei alten Damen vor ihr durch, reicht einen 20-Euro-Schein über die Theke und fragt, ob man ihr das schnell wechseln kann, sie braucht Münzen für den Zigarettenautomaten, die sie auch schnell bekommt. Man ist ja nicht so, hier in der Provinz, auch wenn die Elitesse nicht mal gefragt hat, ob das in Ordnung geht, wenn sie sich vordrängelt. Dann ist sie schon wieder draussen und knallt in Richtung Uni, und die alte Frau Fürnrieder, der man ihre 78 Jahre nicht ansieht, schaut ihr fassungslos hinterher.
Nach den Begriffen der verlogenen Wirtschaftsmagazine, der an den Buffets der Grosskonzerne rundgefressennen JouHurnaille geht da draussen die Zukunft, unser aller Zukunft, die Leadership von Morgen, das Business für den globalisierten Markt, effektiv und vorzeigbar im Vergleich zu den alten Frauen und dem unrasierten, spazierenden Libertin. Aber wenn ich überlege, wie fertig die Elitesse in 20 Jahren sein wird, ausgebrannt, abgestresst, kettenrauchend und midlifekriselnd, und wenn ich überlege, dass der halbe Block hier der Bäckermeisterin gehört und dann noch ein Anwesen draussen und die Villen ihrer Kinder, wenn ich an das Fürnrieder-Imperium denke, das nach 200 Jahren immer noch wie ein Uhrwerk läuft und allein von den Patenten dieses unscheinbaren Weltmarktführers leben könnte, und wenn ich daran denke, dass ich nachher die Freiheit habe, Hermias wunderbare Zickigkeiten nachzulesen,
dann drängelt sich da draussen jemand hoch aufgerichtet, schnell und reinlich nicht in unser aller Zukunft, denn die gehört immer noch den Fürnrieders dieses Landes, sondern nur in ihre kleine, private Zukunftshölle mit steuerlich absetzbaren Möbeln und gelebtem Powerpoint.
... link (16 Kommentare) ... comment



