: : : denn sie wissen nicht was sie tun sollen : : :

Sonntag, 5. Juni 2005

Real Life 05.06.05 - Studentenbude

15 Quadratmeter für 400 Euro pro Monat kalt in Schwabing. Aber immerhin mit Parkett und Badmitbenutzung. Für 400 Euro muss man hier als angehender Journalist nach 6 Monaten Praktikum bei einer Interactive-TV-Bude 160 Stunden arbeiten, wurde dir gerade von anderer Seite erzählt. Etwas besser als 1-Euro-Job, findest du. München hat ziemlich nachgelassen, seitdem du gegangen bist, denn früher war sowas die Ausnahme. Heute ist es eher normal. Aber was tut so ein junger Mensch nicht alles, um in Schwabing mit Parkett zu wohnen und in den Medien zu arbeiten. So sind sie nun mal.

Bloss gut, dass sie nicht schreiben können, sonst müsstest du dir Sorgen machen.

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Totes Wasser in Dessau

Es gibt an diesem See sehr viele jüngere Männer, die den ganzen Tag Zeit haben. Von Morgens bis Abends. Sie sitzen am Ufer, schauen auf ihre Köder, und an die Schönheit haben sie sich gewöhnt wie an eine Warze auf dem Rücken.



Sie sitzen rum, und wenn es zu langweilig wird, rufen sie ihre Kumpels auf der anderen seite mit dem handy an, trinken Bier, lesen Super Illu, oder gehen pinkeln. Vielleicht bringen sie am Tag ein, zwei Fische um, vielleicht auch nicht. Dann fahren sie zurück in die Stadt, vorbei an Gebrauchtwarenshops, Industrieruinen, Möbelgrossmärkten,



und dem ein oder anderem Weltkulturerbe, zurück in ihre kleinen Häuser irgendwo auf der grünen Wiese, und die Pressspanregale sind voll mit Nippsachen, teils noch Bauernkeramik von den VEBs, teils schon Plastikclowns aus Taiwan.

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Samstag, 4. Juni 2005

Thomas "Tuco" Knüwer

sagt sinngemäss zu Wippermann und dessen Schwarmverblödung: "I like big fat men like you. When they fall they make more noise!"

Note2myself: Im nächsten Roman unbedingt einen Trendforscher jämmerlich verenden lassen, ersticken, platzen, irgendwo aufspiessen, ist zum Glück nur Literatur.

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Real Life 04.06.05 - Zu spät. 10 Minuten.

Und Schuld ist wie immer letztlich deine Unfähigkeit, nach einem Tag harter Arbeit mit 3 Stunden Sclaf auszukommen, und das jetzt schon den 6. Tag in Folge. Das über wir nochmal, sagst du dir im Stau kurz vor München, und rufst den Fotografen an, der schon im Regen auf dich wartet. Die wollen ein Bild vor einem grossen, leeren, unvermietbaren Bürokomplex, um deine kritische Haltung zu gewissen Hypeideen und den verursachenden Brüllaffen zu dokumentieren. Ausserdem passt es zum Blog. Und als du ankommst, siehst du, dass sich der Fotograf was dabei gedacht hat. Das Gebäude kommt so lebendig wie ein verwesender Fisch im Busch, und er hat auch noch einen kaputten Bürostuhl gefunden - Dirt Pucture Contest Munich Area Version.

Dann geht alles rasend schnell, ein Film ratscht durch, dann wird der Regen stärker, die Tastatur des Notebooks wird nass, viel Zeit ist ohnehin nicht mehr, also nochmal 12 Bilder im Schnelldurchlauf. Dann hat der Fotograf nur noch 20 Minuten, um zum Entwickeln zu kommen, und du sagst, dass du ihn schnell zum Bahnhof bringst, damit das alles was wird, Mitte nächster Woche, und ein paar Typen so richtig was zum Abkotzen haben. So sagst du es natürlich nicht, denn der junge Mann hat nicht wirklich Ähnung, um was es hier eigentlich so genau geht.

Er steht noch am Anfang eines Wegs, den du jetzt schon eine Weile gegangen, gestolpert und gerannt bist, und er hat noch sowas von Zuversicht. Kann schon sein. Die Bildqualität der meisten Medien ist verbesserungswürdig, nachdem sich allerorten die Unsitte breit gemacht hat, Praktis die Digicam in die Hand zu drücken - eines deiner übelsten Bilder verdankst du einer New-Media-Blondine einer öffentlich-rechtlichen Anstalt, die irgendwie dachte, dass man auch aus einem halben Meter Entfernung ein Gesicht mit Blitz ausleuchten kann. Is it a ghost? Is it a Supernova? No, it´s Hyperbelichtungs-Alphonso! Sowas kommt übrigens besonders gut, wenn man danach wieder zum Moderator der TV-Sendung schauen soll und die zerschmorten Pupillen nur mittels Gehör positionieren kann.

Der Junge neben dir ist aus anderem Holz geschnitzt. Er hat das gelernt, eine ordentliche und abgeschlossene Ausbildung. Aber als du ihm erzählst, dass das heute hier dein erster Tag in München nach 15 Monaten Berlin ist, will er wissen, was in Berlin so geht. Nichts natürlich, 50 Tacken für ein Bild sind schon viel in Berlin, und davon gehen noch die Kosten weg. Ausserdem gibt es viele Amateure, und wenige Aufträge, also stehen Profis ohne Netzwerk auf verlorenem Posten. Und bis man die Kosten für die Umsiedlung wieder drin hat, dauert das ziemlich lang trotz des dortigen Preisniveaus.

München ist was für Kreative, Berlin ist was für Leute, die kreativ sein möchten. Es gibt da einen Fotografen, der mit seiner Mittelformatkamera durch Mitte zieht, schräge Perspektiven knipst und grosse Abzüge davon auf dem Flohmarkt am Mauerpark verkauft. Nicht schlecht, auch ein Weg, aber sicher nicht das, was er eigentlich erwartet hat. Saubere Arbeit, aber kein Respekt, irgendwie schade um den Mann. Aber zumindest macht der mehr draus als all die Versager, deren Manuskripte in den Verlagen gleich in die Tonne wandern.

Der Junge glaubt dennoch, dass in Berlin mehr los ist, dass da mehr geht. Du weisst, dass es in München wieder losgehen wird, vielleicht auch in Frankfurt, aber ganz sicher nicht in Berlin. Draussen gleiten die noblen Geschäfte der Ludwigstrasse vorbei, der Regen lässt nach, und du überlegst, ob du in den kommenden Tagen nicht vielleicht doch, wie eigentlich versprochen, einen kleinen Einkaufsführer für Berlin schreiben sollst, für Leute wie ihn, die natürlich das Recht haben, ihre eigenen Erfahrungen zu machen - nur muss es ja nicht ganz so teuer werden.

Du bist 5 Minuten vor Ladenschluss beim Labor. Schnell, zuverlässig, dynamisch, in time. München eben. Und die Brüllaffen werden nächste Woche kotzen.

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Freitag, 3. Juni 2005

Dirt Picture Contest - Karton 2 Go

Für jeden, der geht, gibt es auch einen, der kommt. Oder besser gesagt, es kommen 0,8 legale Zuwanderer und 0,2, deren Papiere nicht den Vorstellungen des Staates entsprechen, die aber kaum weiter reichen als bis zum Tor des Innenministeriums. Wenn ich also heute zum letzten Mal in Richtung Süden fahre, bleibt die Gewissheit, dass gleich um die Ecke jemand ankam, der ganz sicher mehr mit dieser Stadt wird anfangen können als ich. Er hat sich jedenfalls schon beim Einzug den hiesigen Umgang mit dem öffentlichen Raum zu eigen gemacht.



War da gar nichts, was an Berlin gut war, werden sie mich in Bayern fragen. Ich werde kurz nachdenken, am Tee nippen, die silberne Untertasse vom Hofjuwelier Gebr. Friedländer streicheln, die irgendeine Mittemama ihr Balg auf dem Flohmarkt hat verticken lassen, leise lächeln und sagen: Doch. Wenn man wegziehen will, findet man an allen Ecken kostenlose Umzugkartons. Das ist schon was. Oder?

Dann werde ich noch mal nachdenken und sagen: Zumindest war das noch zu meiner Zeit dort so. Inzwischen kann es natürlich auch sein, dass die aus den Kartons ihre Hütten bauen, oder die leeren Fensterrahmen im Winter abdichten. Kann ich verstehen. Berlin ist kalt. Und dann werde ich aus dem Fenster meiner Bibliothek hinausschauen auf die kleine,viel zu reiche und geschmacklose Provinzstadt und hoffen, dass die da oben im Bundeshauptslum an der Spree zunmindest immer genug Kohle und Gas oder Kartons haben werden, damit sie keine Bücher verbrennen.

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Donnerstag, 2. Juni 2005

Das Ende des Lachens, und der leichten Lügen

Das ist das Ende, meine wunderbaren Freunde, das Ende einer langen, viel zu langen Zeit, und das, was noch zu tun ist, sind ein paar Gespräche, Telefonate, während draussen vor dem Fenster des 103 ein Mädchen im beginnenden Frühherbst ihre Nieren mit zu viel Eiswürfel in der Cola ruiniert. Immerhin liest sie dabei eines der Bücher, das der Typ neben mir sicher nicht schreiben wird, ganz gleich wie sehr er nach Gigolo aussieht und der etwas zerfallenen Blondine mit der unsäglichen Chanel-Gürtelkopie überlaut von seinem kommenden literarischen Ruhm erzählt.

Irgendetwas wird aus ihnen werden, oder auch nicht, und wenn doch, ist es auch egal. Oder wird egal gemacht, denn es ist eine kalte Stadt, die alles nach unten zieht und ziehen muss. Kalt, das ist das Wort, das ich mit dieser Stadt verbinde, abweisend auch, und berührungsresistent. Gefühllos auch. Mit ein wenig Selbstbetrug kann sich hier mancher einbilden, in einem dieser seltsamen deutschen Autorenfilme zu leben, die aus allen Bildern die warmen Farben filtern und später keinen Verleih finden, mit einer Schnittfolge, die Handlungsstränge zerstückelt und künstlerische Perspektiven vergessener, kulturlastiger Krautfilmer zitiert.

Wenn man erst mal 12 Monate in Berlin war, hat Holgi gesagt, denn kommt man auch nicht mehr weg. Ich wüsste nicht, warum man bleiben sollte; jeder Tag ist einer zu viel am Ende einer historischen Sackgasse. Das die Stadt vortäuschende Slumareal hat sich seit 150 Jahren nur noch in die falsche Richtung entwickelt; die Industrialisierung mit den mühsam kontrollierten Konflikten führte direkt in den Ersten Weltkrieg, in eine Republik ohne Republikaner, in eine Diktatur, die nur Begeisterte und Tote kannte, bis dann alle tot werden konnten, zerschlagen und in Klumpen gehauen, bis sie dann am 8. Mai 45 hätte eingeebnet werden können, aber nichts da, man hat sie zerissen wieder aufgebaut, und als sie noch nicht mehr mal als zugekotzte Latrine bei den Schützengräben des Kalten Krieges taugte, hat man das Ganze den Fonds und Banken vorgeworfen, um Platz zu schaffen für die, die tatsächlich nach 12 Monaten nicht mehr gehen können.

Heute bin ich nur noch zum Besuch hier. Es ist vorbei. Meine Pflanzen, das Lebende nehme ich mit, die zusammengerafften Reste der Bürgerlichkeit, die andere nicht mehr wollten, und keinerlei schlechten Gefühle, das lohnt nicht, dazu ist mein weiteres Leben zu schade und die Monate hier zu sehr eine an sich belanglose Episode. Ein paar Menschen hätte ich gern zumindest zeuitweise mitgenommen, ich habe den Klezmorim immer gegeben und einmal einer Katze eines ihrer Leben gerettet - insofern war es nicht umsonst.

Das ist das Ende, meine Freunde. Fragt nicht, warum ich es nicht mochte, was ich falsch aufgefasst habe. Fragt euch, warum ihr hier bleibt, begraben zwischen Trümmern, Schrott, und all den grenzenlosen Möglichkeiten und der totalen Unfähigkeit, etwas davon zu nutzen.



Es ist eure freie Entscheidung, liebe Freunde, und ich weiss, dass ihr mir nicht folgen werdet, wenn ich morgen dieses kalte Berlin a. d. Spres verlassen werde.

Hier endet nach 15 Monaten der private Teil der Berliner Aufzeichnungen von Don Alphonso Porcamadonna.

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Ich lösche gerne Kommentare

Und zwar dann, wenn mir so ein Kommentararschloch auf die Nerven geht. Dieses Blog hat leidet nicht an Kommentarmangel, ich kann es mir also durchaus leisten, besondere Sülzköppe, Nervlinge und Trolle nach einmaliger netter Mahnung entsprechend hart ranzunehmen. Das wische ich nicht dreilagig extraweich ab, das ballere ich raus, und bei dem Gedanken, wie leicht der Deleteknopf zu drücken ist, im Gegensatz des Gestammel des Arschlochs, muss ich grinsen. Ich gehöre nicht zu den Vertretern der Meinung, dass ich allem, was auf dieser Welt gesabbelt wird, in meinem Blog noch eine Plattform bieten muss.

Ich lösche solche Arschlöcher gerne. Das hier ist mein Blog, dafür bin ich verantwortlich, ich bin der Hausherr, und wer meint, mir hier meine Zeit stehlen und die Laune verderben zu müssen, wird feststellen, dass mir beides mehr wert ist als das Geschmarre eines dahergespülten Stückes Internetscheisse. Wer es nicht mag, soll sein eigenes Blog aufmachen, da kann er dann auch solche Preise



verleihen, ein Fachblog für Winselantentum führen oder einfach nur bei sich selbst Kommentararschlöchern.

Aus dieser Praxis habe ich hier noch nie einen Hehl gemacht, es freut mich wirklich, wenn gewisse Typen deshalb abkotzen, statt hier zu nölen. Wer meint, das bei sich kritisieren zu müssen, kann sogar den Link und den Traffic bekommen.

Zensur, ihr Lieben, Ihr Arschlöcher und Ihr ganz banal trafficgeilen kleinen bedeutungslosen Pinscher, (hier muss sich niemand angesprochen fühlen!) wäre es, wenn ich Eure Beiträge auf Euren Blogs irgendwie aus dem Netz ballern würde. Nicht das Löschen von Kommentaren. Vielleicht schaut ihr erst mal in die einschlägigen Verfassungskommentare - es gibt hierzulande kein Recht auf Verbreitung von Inhalten, wo immer man gerade will.

Zum Verständnis: Der dort als "Bloom" Auftretende dürfte hier als "Santos" in Erscheinung getreten sein. Und Anke ohrfeigt elegant, wo ich wie immer nur kräftig reinbetoniere.

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Dream Picture Contest - Pink my Pumps

An der Ampel: Das rosa Hosenbein findet seine Fortsetzung in einem rosa Jäckchen. Auch die Gegend rund um Bauchnabel und Lenden ist Rosa. Zart Hautrosa. Nur die Haare sind blond. Und die Absätze der Wildlederschuhe glänzen passend zur Vespa in einem Schwarz, das von makellosen Bürgersteigen kündet.



Wir sind in München. An der Isar. Die Sonne geht an einem makellos blauen Himmel zugrunde, verendet an purer Übersättigung. Der Fluss rauscht lustig vor sich hin, drüber braust es weiblich und rosa. Nirgendwo ist diese Stadt müncheniger. Ein Postkartenklischee, geformt nach dem Ruf. Würde ich über rosagekleidete Blondinen auf Vespas an der Isar mit völlig unpassenden Schuhe schreiben, würden alle sagen: Dick aufgetragen, der Don.

Jaja. Aber, liebe Berliner Leser und besonders Leserinnen, so ist das nun mal in einer Stadt, deren Gehwege keiner Trümmerlandschaft sind und deren Strassen keine Truppenübungspisten sind, und damit auch von Motorrädern befahren werden können, die keine Enduros sind. Da kann frau auch schon mal ganz normal solche Schuhe tragen. Wenn sie denn welche besitzt. Das scheint in München allerdings regelmässig der Fall zu sein.

Es ist übrigens nicht so, dass ich ein grosser Fan von Blond und Rosa und diesem spezifischen Sausalito-Style bin. Ich möchte nur auf das Vorhandensein dieser Gattung hinweisen.

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Mittwoch, 1. Juni 2005

Real Life 01.06.05 - Ausziehen! Ausziehen!

Vor gut fünf Jahren hast du in München eine grosse Biedermeierkommode aus rötlichem Nussbaum gefunden, mit angedeutenen Säulenecken und ohne Schlüssel. Jemand hatte versucht, sie aufzubrechen, dann aber angesichts von 5 Zentimeter Massivholz aufgegeben und das Ding - so wie es war - verkauft. An dich. Du hast es nach Hause gebracht, auf dem Platz vor der Garage abgestellt, die gigantische Schlüsselsammlung des Stammhauses durchprobiert - sowas ist in alten Häusern immer von Vorteil - und schon beim dritten Schlüssel machte es Klack, und das Schloss ging auf. Drinnen war wahrscheinlich die komplette Aussteuer einer bayerischen Bürgerstochter, sauber zusammengelegte Stoffe, vom Tischtuch für eine Tafel mit 24 Personen über Bettbezüge bis zu Servietten. Alles weiss, mit Monogramm, und sauber wie am ersten Tag

Deine Eltern sind ohne Habgier in die ansonsten mitunter geldgeile Welt geboren worden, in der sie bis heute leben. Es ist ihnen fremd, anderen etwas zu nehmen, und dir haben sie beigebracht, dass man als Gast immer nur ein Stück Kuchen dankend von der Gastgeberin annimmt und auf die erste Frage, ob man ein zweites Stück will, erst mal betont wie wunderbar der Kuchen doch war, man aber um eine kleine Pause bitte, bis dann das nächste Angebot kommt, das man annehmen darf. Dummerweise war die Familie deines besten Freundes aufgrund der häufigen Auslandskontakte des Oberhaupts zu chinesischen Mandarin-Sitten übergegangen, was ein paar Kollisionen - aber das ist eine andere Geschichte. Deine Eltern jedenfalls gehören nicht zu den Raffzähnen.

Aber an diesem Tag an der Kommode wurde dir von ihnen die Weltentsagung zu Teil, die auch der gemeine Hunne dem römischen Gold angedeihen lässt. Nach dem Motto, dass es ja im Clan bleibt und du sowieso keinen Platz hast, wurde erst Stück für Stück untersucht, Richtung Haus verfrachtet, und als sich herausstellte, dass dein Clan tatsächlich auch keinen Platz mehr hatte - ja, wo soll das denn rein? - kam die Frage, ob du die Kommode jetzt sofort benötigst. Was die langfristige Folge hatte, dass deine Kommode voller Leinen heute die Leinen-Kommode der Eltern deiner kleinen Schwester ist.

Heute nun stand ein Wagen mit 11,8 Kubik vor dem Haus und musste in die Garage teilgeräumt werden. Deine Mutter war mit den Alabasterlampen recht lang verschwunden, auch mit der grünen Lampe, die du gerade im Vestibül gefunden hast, wo sie wirklich gut passt, das Silber sollte sowieso nicht in die Garage und nicht so eng beeinander gestapelt werden, also rein damit, mit dem Verlust des Bernadotte-Kaffeeservices hattest du ohnehin gerechnet, nachdem deine Mutter meinte, dass sie keinen Platz mehr hat. Dein Vater prägte den Imperativ: "Der Foldleaf-Table geht gleich ins obere Wohnzimmer", und auch die Pagodenlampe wurde aus konservatorischen Gründen sofort neben den Paravent postiert, der dir vor einem halben Jahr abhanden kam und jetzt im Wohnzimmer steht.

Sie haben ein grosses Haus. Da ist viel Platz. Die Kisten wirst du besser heimlich auspacken, wenn sie in Urlaub sind. Und was an alten Folianten noch im anderen Auto in Berlin ist, wirst du besser direkt in deine Wohnung bringen. Sie brauchen nichts mehr, und sie haben keinen Platz mehr, es bleibt alles im Clan, aber das hilft dir nichts, wenn du am Ende selbst nichts mehr hast.

Was? Da ist noch was? Das da hinten? Der kleine runde Spiegel und der grüne Lesesessel? Die sind noch da. Die hat aber schon deine Schwester angefordert. Ausserdem kommt am Wochenende deine Freundin und will 2 der verbleibenden Spiegel, und vielleicht noch was kleines...

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15 Dinge, die ich gestern gelernt habe

1. Ohne Freunde bist Du tot. (Danke, wirklich)

2. Es ist wie beim Rennradfahren: Die Muskeln übersäuern erst, wenn man danach ganz langsam zum Essen geht.

3. Ein Marzipanröllchen der Bäckerei Stern reicht nicht wirklich als Tagesration, wenn Du Besitzer von einem Dutzend Teppichen bist, die bewegt werden müssen.

4. Ein klein wenig zeitliche Schludrigkeit bei der Wohnungsabnahme würde dem wie immer pünktlichen Hausdienst mitunter gut zu Gesicht stehen, dann stehst Du nicht mitten im Chaos, wenn er kommt

5. Der Wagen ist zu klein, da passen die Spiegel und der Schrank, die du holen musst, nicht mehr rein.

6. Man sollte die Perserteppiche nicht zu weit vorne verstauen, für den Fall, dass man noch drei grosse Spiegel zwischen 1730 (aus Schloss Limburg) und 1840/60 (venezianisch) abholt, und dort kein Verpackungsmaterial ist - sonst muss man die Teppiche wieder rauszerren.

7. Afghanen und kurdische Teppiche aus der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts ganz ganz hinten unten im Auto sind zum Verpacken besser geeignet als der Täbriz oder der Nain mit dickem Flor weiter vorne, mit dem Du die ersten Versuche gemacht hast.

8. Wenn Herr Miri sagt, dass die Spiegel noch reingehen, dann fällt Punkt 5. aus - sie gehen noch rein.

9. Herr Miri sagt dann, dass der Wagen zu klein ist und ein Schrank keinesfalls mehr reinpasst.

10. Der grosse Regenschauer kommt garantiert, wenn man den grossen Schrank in den Wagen bugsieren will.

11. Wenn Herr Miri sagt, dass der Wagen zu klein ist, stimmt das offensichtlich - zumal 40 Kilo Kirschholz um 1830 auch bei Regen nicht einlaufen.

12. Den halben Wagen beim Wolkenbruch nochmal umräumen ist auch zu dritt nicht wirklich ein Vergnügen.

13. Wenn Herr Miris Kollegen sagen, dass der Schrank auch noch reinpasst, fällt Punkt 9. aus - kaum zu glauben, aber es geht.

14. Vor dem Losfahren ist es tatsächlich sinnvoll, nochmal um den Wagen zu laufen und darauf zu achten, dass nicht der sensibelste venezianische Spiegel noch am Auto lehnt, was beim Losfahren Folgen gehabt hätte, die allenfalls die Volldeppen funktionalen Analphabeten interessieren, die das Blog hier Scheisse finden und es trotzdem lesen.



15. Berlin an der A 100 aus Richtung Süden ist nochmal eine Ecke hässlicher als im Norden. Und wie kriegen die da eigentlich immer diesen Chlorgas-Himmel hin?

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Dienstag, 31. Mai 2005

Ich bin Wohnungseigentümer

Da, wo ich sonst lebe, bin ich der Besitzer, wie es sich gehört, das ist meins und bleibt es auch. Will sagen, es gibt für mich keinen Grund, aus- oder umzuziehen. Heute musste ich zum ersten Mal in meinem Leben beides tun. Ich habe weit mehr als 3 Dekaden diese Erfahrung nicht gemacht, und wenn es nach mir geht, werde ich sie die nächsten 6 Dekaden auch nicht mehr machen.

Weiss einer von Euch da draussen, wie verfickt schwer so ein Perserteppich mit Übergrösse ist? UInd wie verdammt zu klein so ein Ford Transit ist?

Im Ernst: Jeder Politiker, der davon schwafelt, dass die Leute doch einfach mobiler werden sollen und alle paar Jahre an einem neuen Ort umziehen, ist noch nicht umgezogen. Ich sehe hässlich aus. Ich bin schmutzig, übermüdet und abgehetzt. Meine Muskeln sind übersäuert. Kurz, ich bin in einem Zustand, der mir qua Herkunft allenfalls beim Sport zusteht. Und ich hasse es.

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Montag, 30. Mai 2005

Politische-berufliche Bilanz nach 15 Monaten Berlin

Erhaltene Visitenkarten: ca. 250
Behalten davon: 65
Davon erstklassige Trödler: 16
Davon nette Bekannte: 5
Davon Lobbyhuren und Networker: 0
Davon Sex: 0 - I never fuck in the Company

Verärgerte Reaktionen bei den Chefredakteuren: 20
Davon Forderung, mich in die Wüste zu schicken: 7
Erfolgreich davon: 0 - Quellen speichern ist eines meiner Suchtverhalten.
Borderline-Stories: 0 - zum Glück war ich von Anfang an klug genug, Bluesnarfing (Fickanbahnung per Bluetooth-Handies) für eine Erfindung zu halten. Andere waren dümmer.
Kaputtredigierte Interviews: 1 - eines Ministers Pressetante (Visitenkarte nicht behalten).

Gegebene Interviews: ca. 30
Höhepunkt: Mai 04 mit 7 an einem Tag
In Erinnerung behalten: 4 - hoffentlich kommt niemand auf die Idee, das Zeug später mal auszugraben.

Netzwerk aufgebaut: Nein.
Bekannt geworden: Ja.
Feinde gefunden: Viele. Praktisch alles rechts von der Mitte, ein paar NGOs, viele Kollegen. Grösstenteils ohne Absicht. Zu viele Ratten im Käfig. Ausserdem ist das, was mein CR witzig findet, nicht immer allzu fein - wenn man es als Betroffener lesen muss. Auch Jahre der Gewöhnung an die drögen Berliner Sticheleien härten nicht gegen bayerische Axthiebe ab.
Jemanden abgeschossen: Nein - ich arbeite daran.



Warum so wenig darüber geschrieben? Das politische Berlin ist absolut langweilig. Keiner von denen lebt hier - die kommen Montag Morgen und sind Donnerstag Nacht wieder weg. Es gibt auch keine Substanz, die Ministerien sind noch immer nicht richtig da, die Thinktanks und diversen Interessensverbände sind ganz kümmerliche Hinterzimmernummern, absolut grauslig, was da an Visions developed wird. Das politische Berlin ist Journaillen-Inzest ohne Tiefgang und Nachhaltigkeit, und so relevant wie ein Bargespräch im Regierungsviertel. Wahrscheinlich kann man wirklich besser darüber schreiben, wenn man nicht da ist. Das ist so wie bei den Neanderthalern: Die wissen zwar, was gerade an ihrem Feuer los ist, aber die grossen Linien ihrer Geschichte kennt der Archäologe sicher besser.

Warum sollte man als Journalist nach Berlin gehen? Sollte man nicht ohne verdammt guten Grund. Den habe ich gehabt, jetzt ist das Thema zur Zufriedenheit aller gelöst, und ich gehe wieder zurück in den Süden. Wenn man keinen leitenden Posten bekommt, ist Berlin wirklich hässlich. Thematisch bekommt man nur den Kleinscheiss, was wichtig ist und gutes Buffet hat, machen die immer gleichen Adabeis, die sich schon als Berater der Staatssekretäre sehen. Es gibt keine Sicherheit und kaum Chancen für die, die aus dem normalen Dienst wegen Kündigung rausfallen. Dazu kommt bei denen oft der Gedanke, es trotzdem irgendwie zu schaffen, weil das Leben hier so billig ist, und ausserdem so viel los ist... Fakt ist, dass diejenigen, die hierbleiben, einfach nicht den Absprung schaffen. Und älter werden, ohne irgendwas auf die Reihe zu bekommen, von der Hand in den Mund leben, keine Reserven aufbauen, und statt einer gewissen Sicherheit die stete Existenzangst haben, die sie so hibbelig macht. Eine milde Form einer zeitlichen Klaustrophobie. Rasen im Stillstand.

Ich habe es eine Weile mitgemacht, gut abgesichert und nie hungrig. Ich war bei dem Rennen ins Nichts auf Wildcard dabei und bin ausser Konkurrenz und Reglement gelaufen, habe mich über den Dingen beteiligt. Ich kann nur jedem Kollegen raten, es bleiben zu lassen. Die Stadt hat nur viel schlechte Vergangenheit, aber keine Zukunft.

Hier endet nach 15 Monaten der offizielle Berliner Teil des Blogs von Don Alphonso Porcamadonna. Der private Teil kommt morgen.

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Kriminelles Schleusertum

Es gibt keine Grenzkontrollen zwischen Bayern und Thüringen mehr. Der Export von Silber ist nicht mehr zollpflichtig, wie das nach vor 150 Jahren war. Und die Mitnahme von politischer Literatur und Schmutz und Schund aus dem Sündenbabel Berlin, aus denm roten Wedding mit all seinen lockeren Frauen drinnen und draussen, ist heute auch kein Verbrechen mehr.



Und Stalin kann sich auch nicht mehr ärgern, dass seine Pläne am Ende dazu genutzt werden, das kapitalistisch-bürgerliche Fischbesteck und Obstmesser einzuwickeln.

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Sonntag, 29. Mai 2005

Wegen Restaur.antville,

diesem grossartigen Projekt von Peter Praschl. Ich habe jetzt schon das vierte Mal eine Anfrage der Beschriebenen bekommen, ob sie das für sich in Prospekten, Katalogen etc. verwenden dürfen. Und auf der anderen Seite ziemlich viele Mails von Leuten bekommen, die das ausprobiert haben und gut fanden.

Ich denke, auf dieser Basis kann Bloggen etwas sehr Nützliches sein. Und ich sollte da noch mehr schreiben - Berlinnachbereitung für andere, die es ebenfalls hierher verschlägt und stilvoll überleben wollen. Vegetieren ist nicht so schwer, aber alles andere erfordert Willen zur selbstbehauptung und Wissen.

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Generation "0 Bock auf Neuwahlen"

Und das geht so: Keiner der parlamentarischen Wehrheit will wirklich die Regierung stürzen. Nicht wirklich begeistert sind die SPDler, die sich dann einen anderen Job suchen müssten. Was im Parlament da laufen soll, gleicht einer Betriebsversammlung, in deren Folge die ganz alten Säcke vermehrt eingestellt würden, und die jungen, die die Mehrheit haben, in die Arbeitslosigkeit gehen. Das macht eigentlich kein Sozialdemokrat. Sagte einer von denen gestern hinter vorgehaltener Hand.

Kann sein, dass es beim Misstrauensvotum Komplikationen gibt. Kann sein, dass sich die CDU bis dahin in die Nesseln setzt und sich als steuererhöhende Kaputtblockade outet. kann sein, dass es mit jedem blöden Wort mehr Leute gibt, die Schröder somewhat sympathisch finden - zumal er ja wirklich Neuwahlen wollte. Man kann wirklich nicht behaupten, dass er am Sessel klebt. Er ist aufrecht und konsequent, und was Sozis und Grüne in der Abstimmung tun, ist ebenso ihr gutes Recht wie die Blamagen der lebenden Altkleidersammlung, die im Moment voll damit beschäftigt ist, ihre rethorischen Probleme via das rechte Kampfblatt Stern an die Leute zu bringen.

Vielleicht ist Schröder genauso machtgeil wie Kohl, aber einfach etwas klüger. Napoleon hat nach seiner Rückkehr mal etwas ähnliches sehr erfolgreich gemacht - was ihn nich davon abgehalten hat, dennoch bei Waterloo unterzugehen.

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