: : : denn sie wissen nicht was sie tun sollen : : :

Montag, 13. Juni 2005

Stell dir vor

du bist hellwach und trotzdem in einem Bild von Spitzweg, beschaulichstes, schlimmstes Biedermeier.



Stell dir vor, du bist gerade durch ein besseres Viertel gefahren, wo sich Bankdirektoren, Hofapotheker und Medizinalräte schon lange nicht mehr um das Unkraut auf den Wegen und die wuchernden Hecken kümmern, wo die Katzen auf der Strasse schlafen und man um sie einen Bogen fährt. Stell dir vor, die Frau da vorne in der Wiese ist eine alte Freundin, und sie erzählt dir, dass sie schon vor 10 Jahren einen alten Freund geheiratet hat, mit dem sie schon in der Schule zusammen war, und immer noch da vorne wohnt. Stell dir vor, die Luft ist mild, ein leichter Wind streichelt über die Gräser, und sie reicht dir zum Abschied zart die Hand.

Das müsste jetzt noch jemand mit Könnerschaft malen, dann würde es auch einen Platz in der alten Pinakothek in München bekommen. Und als Postkarte tausendfach gedruckt werden, und Mädchen, die Evelyn oder Ann-Sophie heissen, würden es sie an ihre männlichen Bekannten verschicken, die versprochen haben, sie nur platonisch zu lieben. Es grüsst Dich von ganzem Herzen, Deine Evelyn, würde dann am Ende stehen.

P.S.: Schöne Grüsse an Deine liebe Mutter.

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Real Life 12.06.05 - Matinée

Gegenüber von deinem Haus, das früher auch der Gesellschaft Jesu gehörte, hat die Vermessenheit, die Prunksucht, der Weltmachtsanspruch dieser ehrenwerten Gesellschaft eine dauerhaften Manifestation hinterlassen; rosa, weiss, innen bunt und hell, ein Bau, gegen den die hiesigen Hochzeitstorte einer Brauereibesitzerstochter schlicht wirkt. Es drückt eine überschäumende Lebensfreude des Rokoko aus, und man würde überhaupt nicht auf die Idee kommen, dass die Bauherren daneben noch solch Zeitvertreib hatten wie Ketzer verfolgen, Andersdenkende ermorden lassen, protofaschistische Strukturen legitimieren und Hasspredigten schreiben. Nein, das würde niemand erwarten, denn kurz ist die Schandtat, schnell vergisst der Spiesser die Stiefel, die ihn lange knechteten, und ewig währt die Kunst - besonders am Sonntag um 12, zwischen Kirchgang und Schweinsbraten.

Und so pilgert die bessere Gesellschaft der kleinen Provinzstadt von Frühjahr bis Herbst unter dem weissblauen Himmel zu dieser Perle der Baukunst, ausgemalt von keinem geringeren als Cosmas Damian Asam, der hier in zwei Monaten den Sieg der auf Maria zentrierten Heilsvorstellung der Gesellschaft an die Decke pinselte. Da oben ächzen, stöhnen und geifern der Jungfrau - daran herrscht hier kein Zweifel! - die Kontinente zu, liefern ihr freiwillig die Schätze aus, die in der Realität fern dieser Provinz mit dem ein oder anderen Vernichtungskrieg, Völkermord oder Versklavung der Dargestellten erreicht wurde. Oben an der Decke, gemalt dürfen sie nochmal jauchzen, auch wenn die zarten Töchter Asiens fett aufgeqollen mit riesigen Glupschaugen und langen Nasen verunstaltet sind, und der wilde Mann Afrikas so obszön grinst, wie er das sonst nur als rassistischen Niggerstatue in den amerikanischen Südstaaten vor 1968 tat.



Darunter treffen sie dann zusammen, die Vertreter des kunstliebenden Publikums. Es kommen die Herrschaften aus den Kirchengemeinden, die den Besuch der Kathedrale genau so legen, dass sie nach Gottesdienstnickerchen und einer viertel Stunde Geratsche über die neuesten Scheidungsskandälchen der Stadt frühzeitig hier eintreffen und die besten Plätze bekommen. Es folgen in loser Reihe diejenigen, die man nur mit Kunst, Weihnachten, Beerdigungen oder Hochzeiten in die Kirchen bekommt, und natürlich mit dem gesellschaftlichen Anlass, den dieser Moment darstellt. Denn hier, bei dieser dreiviertel Stunde in einer Rokoko-Kirche und feinsinniger Orgelmusik vergangener Seaculi, offenbart sich das Wesen dieser besseren Gesellschaft der kleinen Stadt. Hier ist die Welt so, wie sie sein soll: In Ordnung, und dass die eigene Ordnung hier erkauft wird eine Sonderkonjunktur, durch eine Abspaltung dieser greater Munich Area vom desolaten Rest der Republik, das stört sie nicht, solange nur die sponsornde Stadtsparkasse ihnen jeden Sonntag diese Zeit hier unter Asams Deckengemälde garantiert.

Du nimmst Platz unter ihnen, unter ihren selbstzufriedenen Frauen und blöden Bratzn, die später einmal das alles hier auch als gottgegeben betrachten werden, die totsanierte Altstadt, die pittoresken, innen entkernten Häuser, die brummende Wirtschaft, die gesellschaftlichen Verpflichtungen, ihre eigene Heirat, ihre beschissene Ehe und das absurde Haus in der Vorstadt mit den beiden Autos und der Doppelgarage. Sie werden es nicht anders kennen und nicht wissen wollen, dass ihre Sonderstellung in diesem Land mittelfristig durch die brutale Durchsetzung einer regionalen und asozialen Oligarchie erkauft wird. Hier ist niemand, der nicht auch 20 Euro für eine Karte zahlen könnte, aber das hier ist Kulturförderung, und zahlen werden sie, wenn sie ihre grossen Limousinen zu den Sommerkonzerten in andere Städte der Region bringen, zu den grossen Namen, die man für sie ankarrt, und danach werden sie andere privilegierte Vorstadtmenschen treffen und in der Pause darüber reden, dass der Staat ihnen alles nimmt, da ist es ja kein Wunder, wenn man sein Geld in den grauen Kapitalmarkt trägt.

Du lauscht den feinen Klängen der historisch korrekten Orgel, sie haben hier sogar ein Apfelregister, und für ein paar Minuten spült die Musik die kranken Visionen aus deinem Kopf, aber dann siehst irgendwo die Gesichter von Leuten deiner Peer Group, deiner Klasse, deiner Schicht, alte Bekannte, du siehst ihre dreiste Zufriedenheit mit dem Fortbestand des goldenen Zeitalters und das immer gleiche, aufmerksame Lächeln, mit dem sie in Kulturertragungsstarre verharren, wie die gemalten Gestalten oben an der Decke, und danach werden sie zu den Mitgliedern selbsternannten Kulturführerclans der kleinen Stadt gehen, blassen, seltsam verstockten und überzeugt christlichen Blondinen aus alten Familien der Stadt, mit Lippen wie aus Stahl gefräst, echte Jungfrauen und garantiert mangels Neigung treu, Skandälchen ausgeschlossen, deshalb begehrt, und ein wenig über Musik reden, über Heiraten und das Anbringen weiterer zartrosa Fassaden vor dem Nichts ihrer wirtschaftlich erfolgreichen Existenz. Dann werden in noch die Galerie gegenüber schauen, ob da irgendwas an deutscher Moderne ist, was zum Picasso-Druck passen könnte. Oder weiter zum Verkäufer von Hi End Musikgerätschaften, von denen es hier gleich drei gibt. Oder zur Sparkasse, wegen Immobilienangeboten in der bevorzugten westlichen Vorstadt.

Und so löst sie sich auf, in kleine Gruppen der üblichen Kreise, manche fahren heim zum Sonntagsbraten, andere suchen die Gastwirtschaften auf, und du wirst auch angesprochen, niemand muss hier allein bleiben, wenn er den richtigen Namen und die richtige Geschichte hat. Denn diese Woche wird der schwarze Sheriff kommen, der zukünftige Landesvater, und den alten Stadthausbesitzern, einen Pakt anbieten. Also auch dir, du musst da natürlich kommen, denn dein wird sein der Jesuitenpalast nebenan, du bist einer der wenigen, die wieder zurückgekommen sind in die dicken Mauern ihrer Vorfahren, dich wollen sie dem zukünftigen Landesvater präsentieren - und du sagst zu, denn nach dieser Woche hier bist du genau in der richtigen Stimmung, um dem Kerl mal zu sagen, was du von der verfickten Kaputtmacherei der Altstadt durch seine Lederhosen-Musikantenstadl-Traditionsbewahrer und ihren Shopping Malls a la Berlinaise auf der grünen Wiese hältst.

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Montag, 13. Juni 2005

Sehr zu empfehlen: Die Wohnungsauflöser.

Um es gleich vorauszuschicken: Das Credo, die dauernd zu wiederholende kabbalistische Beschwörung für die jetzt folgende Tätigkeit ist ein Spruch, den ich von meiner allzeit raffgierigen Grosstante gelernt habe - dofia find si scho no a Platzl - für dieses Objekt findet sich sicher noch ein passender Ort. Und meine Frau Mama, die es nicht mochte, dass meine Grosstante ihren Grossneffen schon als Kind zu solchen Plünderungstouren mitschleifte, antwortete bei jedem angeschleppten Trumm mit pikiertem Schriftdeutsch: Also, für so etwas (hier leichter Schauder in der Stimme) ist wirklich kein Platz mehr. Angesichts des riesigen, rappelvollen Lieferwagens aus Berlin sagte sie gar nichts mehr, da verschlug es ihr die Sprache. Nichtsdestotrotz sind in den letzten zwei Wochen seit meiner Rückkehr aus Berlin vier Stehlampen und zwei Spiegel von ihr konfisziert worden, und ich fragte mich heute morgen, wo die Kiste mit dem Bernadotteporzellan vom Zarenlieferanten Concordia wohl sein mag, bis ich es heute Nachmittag fand - meine Mutter hat es mitsamt Kuchen ihren neidig-blassen Freundinnen vorgesetzt, die garantiert kein Porzellan aus Karlsbad haben. Also immer daran denken: Dofia find si scho a Platzl.

Ob ich Berlin nicht doch schon vermisse, etwas zumindest, werde ich gefragt. Nein. Absolut nicht. Ich bin froh, dass ich weg bin. Ich habe Berlin schon immer nicht leiden können, und ich habe 15 Monate am Stück die Kälte, den Gestank, den Dreck, die unfreundlichen Berliner und ihre versifften Nachäffer aus der Provinz gehasst. Einmal die schmatzschaufelnden Tischsitten der Kastanienallee sehen heisst begreifen, dass das Oktoberfest eigentlich doch eine recht zivilierte Angelegenheit ist. Ich hatte eine Bauhaus-Wohnung, in der es sich aushalten liess, ich hatte das Blog hier zum Abreagieren, ich habe ein paar nette Leute kennengelernt, die sich nicht so haben gehen lassen, aber als vor einer Woche mein kleiner, blauer Punto spät Nachts die Landesgrenze nach Bayern passiert hat, dachte ich gar nicht mehr an das, was da hinter mir lag. Vorbei, aus, kein Thema, ich bin ein sonniges Gemüt, selbst mein Hass verfliegt nach ein paar Stunden. Hauptsache, ich muss da nie wieder hin.

Dennoch werde ich ab und zu hinauf fahren. Zum Plündern. Denn so sehr mir Berlin mittlerweile egal ist, so sehr fehlt hier in Bayern der Luxus, den einem der Berliner bereitwillig nachwirft. Berlin war schon immer die Blutzecke an der deutschen Lebenader, aber was heute als Privilegien- und Unterstützungsempfänger die Wirtschaft ruiniert, war etwa ein Jahrhundert lang, von 1840 bis 1940, der wirtschaftliche Motor dieses Landes. In Berlin wurde die Eisenbahn, die Dampf- und Elektroindustrie, und später dann die Industrie des Massenmords konzentriert; alles hochprofitabel und durch Exporte in andere Landesteile vorzüglich geeignet, um sie auszuplündern. Der Berliner verdiente gut anderthalb mal soviel wie der normale Deutsche, und das Verhältnis zum unterentwickelten Bayern lag bei 2:1. Setzt man voraus, dass die Lebenshaltungskosten annähernd identisch waren, konnte die bessere Gesellschaft von Berlin für Luxusartikel das drei- oder vierfache von dem ausgeben, was eine im Status entsprechende bayerische Familie (wie die meinige) zur Verfügung hatte.



Die Folgen sieht man, wenn in Berlin Haushalte aufgelöst werden. Die besseren Familien spucken Silber in Mengen aus, die alles, was man in Bayern an versilbertem Besteck findet, in den Schatten stellen. Der bayerische Antikhändler deutet auf die 90er oder 100er Stempel seiner auf schwarzem Samt ausgebreiteten Bestecke und sagt voller Stolz: WMF versilbert! Stück 10 Euro! Der Berliner Wohnungsauflöser stellt einem eine Kiste hin und sagt: Jedes Teil 2 Euro. Von einem 800er-Silberstempel hat er so viel Ahnung wie von dem Umstand, dass die Gebrüder Friedländer, die die Griffe der obigen Messer gefertigt haben, preussische Hofjuweliere waren. In Berlin habe ich nach kurzer Begeisterung über 36 versilberte Teile BSF für ein paar Euro ganz schnell aufgehört, etwas anderes als Silber zu kaufen. Alles andere lohnt sich nicht. Berlin hat solche Unmengen davon; offensichtlich waren weder die Russen noch die Metallkollekten der Weltkriege besonders effektiv.

Aber jetzt sterben die Leute, die das noch zu schätzen wussten, ihre Erben geben das Kilo für ein paar Euro an die Auflöser, und die finden noch nicht mal Kunden - denn Berlin ist heute arm. All die Illegalen dort berücksichtigt und die Steuerhinterzieher und Vermögensverstecker hier in Bayern mit einbezogen, hat sich das Verhältnis trotz Transferleistungen umgekehrt. Bayerischer Antiquitätenhandel ist fünf bis zehn mal so teuer wie Wohnungsauflöser in Berlin. In zwei Wochen Berlin kann man, wenn man die richtigen Adressen kennt, mehr zusammentragen, als in Bayern in einem Jahr - und das zu einem Bruchteil des Preises.



Das hier ist einer dieser Wohnungsauflöser. Er ist im Wedding, also einem Stadtteil, der seine Existenz dem grossen Industrieboom in der Zeit um 1900 verdankt. Es ist sinnvoll, sich bei der Suche nach derartigen Läden an die Gegenden zu halten, die früher von besseren Leuten bewohnt wurden, und das gab es im Wedding entgegen aller Gerüchte auch - in dieser Strasse, zum Beispiel. Heute ist sie heruntergekommen, die Stuckfassaden bröckeln, aber bei Nacht sieht man hinter dem ein oder anderem Fenster noch einen grossen Kristallleuchter erstrahlen.

Wohnungsauflösung in Berlin ist meist eine Kiezangelegenheit. Der Berliner geht zu den Auflösern um die Ecke, lässt sie die Einrichtung schätzen, nimmt ein paar hundert Euro für alles und glaubt, ein gutes Geschäft gemacht zu haben, für den alten Plunder. Der Wohnungsauflöser stopft das alles irgendwie in seinen kleinen Laden, der meist nur 2, 3 Zimmer hat, stapelt hoch bis unter den oft grandiosen Stuck, und so steht alles zusammen: Billige Stahllöffel neben silbernem Fischbesteck, Pressglas neben Kristallkelchen, Lausitzer Emailtopf neben japanischer Cloisonné-Vase, China-Nippes neben Murano, geschmackloser Webteppich neben Täbris, oder da oben:



Schreckliche Geschmacksverirrungen neben einem Paar Alabasterlampen aus den dreissiger Jahren, zeitlos klassisch mit speziell gefertigten Seidenschirmen. Die gleichen könnten ohne Probleme auch in einem englischen Landhaus stehen, oder bei einem Münchner Antiquitätenhändler. Tun sie auch, letzte Woche gesehen im Gärtnerplatzviertel für 550 Euro das Paar. Die auf dem Bild stehen jetzt allerdings bei mir, und gekostet haben sie 32 Euro.

Es gibt so viel davon... wie gesagt, mein Ford Transit war voll bis unter die Decke, als ich zurück kam. Manches habe ich stehen lassen. Für manches war ich einfach zu dumm. 72 Teile Hutschenreuther Porzellan für 12 Personen mit allem Drum und Dran, profiliert aus den 60er Jahren - das habe ich erst mal photographiert, meiner Mutter das Bild geschickt, festgestellt, dass ihre Gegenwehr nicht allzu gross war, und dann, als ich es kaufen wollte, war es weg. Eine Schwäbin verliess den Laden mit zwei Kisten, als ich ihn betrat. Hutschenreuther, K(rister)PM, Thomas, Seltmann, und all die alten, in den letzten Jahrzehnten untergegangenen Porzellanfirmen mit ihren exquisiten Produkten - das gilt dem Berliner wenig oder nichts, das kennt er nicht mehr. Wohnungsauflöser kennen Berliner KPM, Meissen, manchmal noch Rosenthal, das war´s dann aber auch schon. 1 Euro pro Stück ist meist schon die Obergrenze, oder bei diesem Service, 41 Teile Essgeschirr für 12 Personen:



35 Euro Ausgangspreis. Elfenbeinfarben, praktisch neu, wahrscheinlich ein mie benutztes Hochzeitsgeschenk. Mit einem damals, in den späten 50er Jahren, gewagten Motiv mit vielen kleinen, umlaufenden Sternchen auf den Spiegeln. Ein wenig verspielt, ein wenig glamurös. Es steht seit einem halben Jahr in diesem Laden, ich habe einfach keinen Platz dafür, und es passt stilistisch nicht in meine Wohnungen. Vielleicht kommt mal ein Leser in die Amsterdamer Strasse, direkt gegenüber vom Cafe Schraders, Berlin Wedding, da ist ein Laden namens Meyers Kaufhaus, im zweiten Schaufenster von links. Es ist sicher keine Rarität, keine Kostbarkeit, und so viel wird man nie brauchen - wer lädt heute noch 12 Personen ein? - aber wenn mal ein, zwei, drei, vier Teller herunterfallen, hat man immer noch genug. Oder, wenn man eine Freundin hat und sich trennt, kann man es in zwei 6er-Service teilen. Man kann sicher auch noch etwas handeln.

Man muss nur zwei Dinge können; man muss ich vorstellen können, wie es wirkt, wenn es auf einem ordentlichen Tisch steht. Und immer daran denken: Dafür findet man schon noch einen Platz. Garantiert. Und wenn nicht: Das junge Mädchen, das es bei einem sieht, sofort von den Sternchen begeistert ist und es soooo gern haben würde, das läuft schon zu Hunderten durch die angesagten Strassen von Berlin. Aber da zieht es mich nicht hin. Mich wird es in die schäbigen Gassen ziehen, in denen früher der Reichtum zu Hause war, der bei mir ein neues Zuhause bekommen wird.

Die Berliner, die geschmacklosen Vollproleten, wollen es ja nicht anders, solange sie dafür ihre zwei Euro bekommen.

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Sonntag, 12. Juni 2005

Aria di Passacaglia

Cosi mi disperazette?
Cosi voi, voi mi burlate?
Tempo verra, ch´Amore
Fara di vostre core
Quel, che fate del mio
Non piu parole, addio.

Arhythmisch, in schrillen Septen baut sich das Geklingel über Girolamo Frescobaldis Arie auf, viel zu schnell, viel zu laut, und bis ich dran bin, ist es schon wieder vorbei. Aber die Nummer ist noch da - da hat sie doch tatsächlich angerufen, nach gut und gern 10 selten beantworteten Mails. Dann eben andersrum - Hi.

Hi. Bist du da?
Ja.
Ich habe das Licht in deinem Fenster gesehen, und dachte, ich schau mal...
Ich habe dir geschrieben, dass ich da bin.
Ja, schon gut. Kann ich kurz hochkommen?
Gern. Der Tee ist fertig.
Aber nur kurz.

Sie muss neben der Tür gestanden haben, so schnell wie es klingelt. Sie sieht müde aus, fertig, gar nicht gut. Sie lässt sich das Mäntelchen von den Schultern nehmen, die in einen dicken, weissen Zopfpulli gut verpackt sind, zu gut vielleicht, aber es ist schon wieder Spätherbst, insofern - als ich den Mantel aufgehängt habe, sitzt sie schon auf dem nüchternen Küchenstuhl, gut, sie nimmt 1 Glas Tee, aber bitte nicht zu voll, weil sie nachher noch wohin muss, und also...

Also - gab es Ärger.
Ja.
...
Er hat es bemerkt. Und ich bin eine schlechte Lügnerin. Ich habe ihm nicht alles gesagt, aber er...
War nicht angetan.
Nein. Er wollte sich trennen.
Und jetzt?
Ich habe ihm versprochen, dass es nicht wieder passiert.

Irgendwann werde ich vielleicht ein Buch über Liebe und Sex in der New Economy schreiben, so ein schmales Ding mit Case Studies, gerade mal dick genug für die ICE-Fahrt Hamburg Frankfurt, das sie in Bahnhofsbuchhandlungen in Stapeln rumliegen lassen. Darin werde ich erklären, wie es die Neue Wirtschaft geschafft hat, eine Renaissance entsetzlich alter Pseudotugenden auf den Weg zu bringen. Früher, ganz ganz früher, war Sex mit BWLerinnen nichts, wessen man sich rühmen konnte. Solange man sich an die Regeln hielt, konnte nichts schief gehen. Die BWLer-Freunde waren sowieso nur kurzfristige Angelegenheiten, denn nach dem Studium würden beide den jeweils passenden Job nehmen und eine Weile, bis zum gehobenen Management, allein durch die Welt gondeln. Wer dabei treu bleibt, sitzt während der zweiten Hälfte der Jugend- und Sexblüte verdammt oft in unterurchschnittlichen Hotelzimmern vor der Glotze, säuft Martini D´Oro und hasst sich, weil die Pralinen von der Tanke gegenüber fett machen. Eine gewisse moralische Flexibilität passte ganz gut zur beruflichen Mobilität dieser Gruppe, solange es nicht in der Firma passierte...

Wie es dann fast üblich wurde, in den grossen Zeiten von 1997ff.. Damals ging alles ganz schnell, von Frankfurt aus verbreitete sich die After Work Party endemisch, irgrendwo zwischen Jahrmarkt der Eitelkeiten, PR-Rhetorik-Seminar und Swingerclub. Formal sortierte sich Gründer zu Gründerin, die Praktikanten fanden notwendigerweise zueinander, sobald sie von den höheren Herrschaften abgelegt wurden, und Heiraten war vor allen ein Tool zum Steuersparen. Darunter gab es unbegrenzte Möglichkeiten für alle und jeden, auch dank der Sogwirkung des Internets, die alles brauchen konnte, Sinologen als Vertriebschef East Asia, Kunstgeschichtlerinnen als Creative Consultants, abgebrochene Maschinenbauer als CEOs, und faule Luftnummern au besserem Hause für alles, was halbwegs seriös wirken sollte, idealerweise CFO. Da kam viel zusammen, auch viel Alk und wenig Freizeit, und deshalb waren Vorspiele und längeres Daten vor der ersten Nacht unangemessen, bei den 180 bpm der neuen Wirtschaft.

Heute hat man und besonders Frau wieder Zeit. In Berlin vergrössert sich jetzt jede Nacht das Sportbuggykampfgeschwader Mitte "Walküre", in den Bankentürmen Frankfurts merkt man, dass eine treue Ehe mit Kindern den Job retten kann, in München, erzählen mir alte Freunde, gibt es Einladungen, zu denen Begleitung vorrausgesetzt wird, und die Elitesse mir gegenüber -verspricht- ihrem Freund, dass -es- nicht wieder -passiert-. Und so, wie sie es sagt, so, wie sie nicht auf die Mails reagiert hat, meint sie es ernst. Und ehrlich. Nicht mit voller Überzeugung, aber mit Entschlossenheit.

Und du hast vor, dich daran zu halten
Ja.
OK. Es geht auch ohne -es-. Hast Du Hunger? Soll ich was kochen?
Du bist unmöglich.
Ja, durchaus. Gemüseravioli in Pfifferlingrahm? Sehr gesund, macht nicht dick..

...von dem Käse mit Doppelrahmstufe mal abgesehen, zum Glück stellt sie keine blöden Fragen, auf die ich mit einer 3%-Fett-Lüge reagieren müsste, sondern streift durch die Wohnung, betrachtet lange das Bild und findet auch, dass es nach Paris ausschaut, wo sie eigentlich mal mit ihrem Freund hinwollte, aber sie hat sicher keine Zeit, alles so stressig im Moment. Ich lasse die Hände bei mir und verkneife mir irgendwelche Bemerkungen über die Form meiner Tomaten, -es- passt einfach nicht. Nicht heute Nacht.



Irgendwann später steht sie auf, geht zum Fenster und fragt, wieviel Uhr es ist, denn da draussen wird es schon fast wieder hell. 4 Uhr, sage ich, und sie muss jetzt aber wirklich los, denn morgen ist sie eingeladen bei einem Studententreffen, da will sie noch etwas schlafen, vor diesem Abend, und ausserdem, tja - und weg ist sie. Ich drehe die Schallplatte mit Frescobaldi um, lege mich ins Bett und lese eine Geschichte von Fitzgerald, über einen Toten in einem Zug, der aus einer kleinen, elitären Provinzstadt seine letzte Reise ins ferne Chicago antritt, ohne die blonde Tochter aus besserem Hause zu treffen, für die er noch einmal unter die Lebenden zurückgekehrt ist.

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Freitag, 10. Juni 2005

HVB

Wenn ich Sozialdemokrat wäre und was zu sagen hätte, würde ich mir die lange, peinliche Geschichte der Hypovereinsbank antun und daran erinnern, dass diese Grossbank mit all ihren Katastrophen ein gewolltes Produkt der CSU ist. Inklusive ihres wahnwitzigen Engagement im Osten und der New Economy.

Wenn mir jemand sagt, dass die Bayern immer nur kassieren: Nein. Dank HVB haben die Bayern, die bayerischen Steuerzahler, wenngleich auch nur indirekt, furchtbar im Osten geblutet. Da stehen unsere Bauruinen, unsere Wertberichtigungen, und wenn in München in den nächsten Monaten plötzlich viele überflüssige mittlere Banker beim Arbeitsamt und bei der Schuldnerberatung auflaufen, dann ist das auch ein grosses Stück langfristiger Fehlplanung der CSU-Landesregierung. Unfassbar, was in 15 Jahren aus zwei grundsoliden Banken wurde. Unfassbar, dass niemand darüber berichtet, angefangen vom Krieg der Management-Heere beider Banken bishin zu den VC-Investments und der Fondstochter Activest, die ganz plötzlich die Leute gefeuert hat...



Es ging alles so schnell, und wenn es jetzt auch schnell geht, dann kommt der "Internet ist die Zukunft" Stoiber mal wieder, schon wieder davon.

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100% Müll: Schleichwerbung bei Spiegel Online

Also, das geht so: Ich bin im Management einer Firma tätig. Und in dieser Firma haben wir ein Produkt, und dessen - von uns zumindest so gesehene - Vorzüge will ich möglichst bekannt machen. Das geht ganz einfach - ich schreibe einen Artikel, wie toll unser Produkt ist, schicke den an Spiegel Online, und die bringen das dann - natürlich ohne zu sagen, dass ich im Management der Firma bin, die das Produkt verkauft.

So gerade hier nachzulesen, in einem begeisterten SPON-Artikel über angeblich tolle Bilder des Glamourphotographen Horst P. Horst - die besagter Photograph hat grössere Serien geschossen, und den Abfall daraus veröffentlicht jetzt das Kunsthandweksblättchen Monopol. Lyrisch-lockend heisst es da:

Auch deshalb ist es etwas indiskret, nun Serien zu zeigen, aus denen Horst P. Horst schließlich die perfekte Aufnahme wählte.

Nicht indiskret, sondern eine Riesensauerei ist es, dass der Spiegel diesen Werbetext bringt, der aus der Feder von Tobias Rüther stammt. Rüther ist kein normaler Mitarbeiter von Spiegel Online, der über das Thema schreibt, sondern der Textchef von Monopol, dem man beim Spiegel offensichtlich einfach den Platz zur Verfügung stellt, um bar jeder Distanz für sein Blättchen zu werben. Ein Hinweis, wer dieser von der eigenen Postille so angetane Herr Rüther ist, findet sich bei Spiegel Online natürlich nicht. Aber was tut so einen Contentfabrik nicht alles, um billig an Texte zu kommen, und Pressecodex - was war das nochmal...

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Grosses Finale

Barocke, bayerische Sonnenoper, Spielzeit 90 Minuten. Die nächsten Monate fast jeden Abend. Immer grandios, immer anders, jede Minute neu, unendliche Koloraturen, jedesmal könnte ich es mir stundenlang anschauen, bis es dann im Nachtblauen vergeht.


grössere version, 93kb

Als hätten es die Gebrüder Asam entworfen, passend zu ihrem Oratorium im Vordergrund.

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Donnerstag, 9. Juni 2005

Sehr zu empfehlen - was alles geht

Und irgendwann ist dann der Moment erreicht, da das Unheil in das Leben eines Wohnungsrestaurateurs tritt. Oft, allzu oft ist das Unheil die Zweitgeborenenbrut der eigenen Eltern, und die wirft, weil genervt, neidisch oder einfach nur so, einen schiefen Blick auf einen Teppich und sagt: Das passt überhaupt nicht zur Wandbespannung. Und verweist auf Hypeblättchen wie AD - Architectural Digest, in der irgendwelche Villen von Sachsen-Glorias und Häuser von promotiongeilen Tütü-Architekten vorgestellt werden. Da ist das von mir geplante Ambiente nämlich nicht abgebildet, also kann es gar nicht passen.

Nun bin ich Kulturhistoriker mit einem Schwerpunkt auf frühe Neuzeit und die AD nur ein von vielen Anwaltsgattinnnen gehaltenes Werbeblättchen, das mitunter heute das nachzuschreibt, was vor 6 Monaten bei International Interieur zu lesen stand - so sieht man da momentan auf Kronleuchtern die spiessigen Hütchen auf den Lampen, die Dolce & Gabbana in einem Anfall von Interieurverarsche verwendet haben. Bitte, wie gay ist das denn? Hütchen. Also echt.

Nichts desto trotz hilft es, sich die zeitgemässen Farben der geplanten Einrichtung am lebenden Objekt anzuschauen. Gleich neben meiner Provinz ist gewissermassen die Provinz der Provinz mit dem Namen Neuburg an der Donau. Neuburg ist für uns das, was Tschernobyl für Kiew ist, und ihr Autokennzeichen ND steht bei uns für "Nationaldepp". Nach Neuburg fährt man über den Deadroad Track der B16, eine Strasse mit ziemlich hoher Unfallquote. Da stehen alle paar Meter die Marterl, an manchen Kurven auch zwei oder drei. Das ist hart. Am Ende kommt dann ein geschlossenes frühneuzeitliches Ensemble, das von der Donau aus so aussieht:



Neuburg war ab 1505 Residenz der damals neugeschaffenen Pfalz, hat ein entsprechend üppiges manieristisches Schloss und eine fast völlig intakte Altstadt. Und Bewohner, die bereitwillig die alten Fassungen und Farben wieder so auftragen, wie es zur Hochzeit des Ortes Mode war. Will sagen, früher war Neuburg nie so authentisch, wie es heute aussieht; kein Dreck, kein Kot auf den Strassen, kein Zerfall und kein Niedergang, obwohl es das hier immer wieder nachweislich gab.

Dafür findet man hier wie in einer riesigen Datenbank die Farben, die in dieser Region tatsächlich vorhanden waren. Die Hausbauer waren keine Kinder von Traurigkeit und dezenter Kolorierung, gleich nebenan in der Kirche war ein Farbrausch von Rubens, da brauchte sich keiner was wegen ein bisschen orange oder rosa denken. Da wurde vieles aufgetragen und gemischt, was heutigen Innenarchitekten die Eier abfallen lassen würde:



Rosa, Grün und Goldgelb kommen zusammen an ein und dem selben Gebäude vor, es wird Stein vorgetäuscht und kräftig gepinselt, bis das letzte Kalkweiss verschwunden ist. Alles geht. Nach einer Stunde kann einen keine Bonbon- oder Tortenfarbe mehr schockieren, das alles ist kein Problem, es harmoniert, nur feige sollte man nicht sein. Dagegen sind meine Teppiche und die Wandbespannung dezent.

Im Schloss selbst gibt es dann noch Beispiele für originale Wandbespannung aus dem 18. Jahrhundert, die nicht im Mindesten so sauber gemacht war, wie man das vielleicht erwarten würde. Und eine Ausstellung über den hiesigen Ottheinrich und den Landshuter Erbfolgekrieg, die zeigt, dass Bayern das System der Landesausstellungen noch immer nicht begriffen hat. Ohne fundiertes Fachwissen, intensives Studium des Katalogs oder Don Alphonso als Begleiter ist man da drinnen ziemlich verloren unter schlecht erklärten Zusammenhängen und Exponaten. Aber das war ja nicht das Ziel der Exkursion. Sondern Selbstbestätigung.

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Mittwoch, 8. Juni 2005

Goatln.

Liebe Berliner, Hamburger, Kölner, Frankfurter und andere preussische Wohlstandslumbewohner, es gibt hier nicht viel zu sagen und zu berichten. Die Strassen sind sauber, die Leute sind freundlich, das Leben ist angenehm und die Eierfrau auf dem Wochenmarkt hat sich jetzt nach langem Überlegen doch für den hochgelegten Chevy-Pickup entschieden, der zwar a bisserl teurer war, aber wer ko, der ko, wie man hier in der Provinz die Sache trefflich auf den Punkt oder auf den Chevy bringt.

Und weil es hier so ruhig ist, vom lauten, freudigen Neuwahl-Gekreische der ortstypischen Atomanlagenbauer bei Siemens, der Rüstungsexporteure, der durchgeknallten Hassprediger und der Lobbyhuren mal abgesehen, weil es hier also nichts zu tun gibt ausser vielleicht über die Frage nachzudenken, ab wann man sich auf das Widerstandsrecht berufen kann und man als politischer Gefangener gilt, begebe ich mich wie jeden Mittwoch morgen auf den Wochenmarkt, mit einem Lied von Georg Kreisler auf den Lippen, mit dem schönen Titel "Blumen giessen". Denn mein Dachgarten ist etwas nackt, der Winter hat so einiges hinweggerafft, und nun ist die Zeit, ihn wieder zu begrünen, oder wie man das in Bayern mit einem Terminus technicus umschreibt: Es ist Zeit zum goatln (garteln).

Der bürgerliche Bayer als ein solcher ist in der Regel mit einer Frau gesegnet, die immer so viel Pflanzen anschleppt, dass er im Sommer keinen Tag nicht ein oder zwei Stunden damit zubringt, in dem subalpinen Regenwald zumindest die 15 Quadratmeter Wiese freizuhalten, wo sie dann am Nachmittag Kaffee trinken, in den sich von den überhängenden Blättern so manches Insekt zu Tode stürzt. Genauso, wie ich an keinem Antiquariat vorbeikomme, kommt meine Frau Mama nie an einem Dehner oder ähnlichen Grünzeugdealern vorbei, und ein Plätzchen findet sich immer noch - wenn nicht, muss der Bayer als ein solcher eben noch ein Kasten an die Hauswand dübeln.

Normalerweise wird die nachfolgende Generation mit dem Überflüssigen eingedeckt, nur in meinem Fall will das nichts werden - ich habe Heuschnupfen und vertrage kaum Blumen. Weshalb ich die Kräuter anbaue, die meine Mutter mir nicht geben kann, weil sie vom Erzfeind, der gemeinen, ungeniessbaren Schnecke gefressen werden. Kräuter widerum gibt es auf dem Wochenmarkt in grosser Fülle - das hier ist mal ein Teil des Angebots an Basilikum, und während ich das knipse, drängelt sich davor das weibliche Bürgertum und will wissen, was das jeweils ist. Rechts unten zum Beispiel ist Basilikum aus Thailand - do deafas ma zwoa mitgem, mei is dea sche mit dene vahuzltn Bletta - links oben ist eine Sorte aus dem vorderen Orient, mit zarten Lila Blüten, der Renner unter den älteren Bürgerinnen, denn Lila zieht die Männer an, wer nicht mehr zieht - dea schiasst ind He, des basst, do hed i gean stuckara dreie. Einen banalen italienischen nehme ich auch, dazu die oben beschriebenen, und den mit den kleinen Blättern - nun, das nächste Mal.



Der Basilikum wird in Blätter eines rechtschauvinistischen Drecksblatts meiner Heimat eingewickelt, denn irgendeine Existenzberechtigung braucht diese altbraune Gleischschaltungs-Kamarilla ja, neben der Verkündigung der Geschwindigkeitsrekorde, mit denen sich die Dorfjugend um die hier zahlreichen Bäume am Strassenrand wickelt. Das ist eben noch echte bayerische Natur, hier wird ökolögisch gestorben, nicht an so einem laschen Betonpfeiler, an dem man auch kein Marterl anbringen kann. Die Todesanzeigen sind sowieso ein vollwertiger Blogersatz für die meisten hier... mit diesen leichten Gedanken schlendere ich durch die Altstadt, kaufe mein Brot bei einer rasend schönen Bäckereiverkäuferin von vollendeter Höflichkeit (über die ich auch mal was schreiben muss), gehe hinauf in den Stadtpalast, und goatle. Pflanze meine drei Basilikumsorten an, und probiere sie natürlich sofort aus. In einer sehr weltoffenen Mischung. Der Frischkäse vom Wochenmarkt heisst Saint Ceols und ist echter Frischkäse. Er ist zwar dreimal so teuer wie geschmacksverstärkte A&P-Chemomolkerestverwertung mit naturidentischen Aromastoffen und feuchtem Glibber (aka "Frischkäse"), schmeckt aber extrem intensiv und frisch und sollte nur in kleinen Mengen verwendet werden. Wer den noch nicht probiert hat, weiss nicht, was Frischkäse war, bevor ein paar verkommene Marketingstrategen den Begriff für minderwertigen weissen Schleim vergewaltigt haben.



Dazu dann den Schnittlauch und dreierlei Basilikum aus dem Dachgarten, das Porzellan aus der Oberpfalz, der Brotkorb und das Frühstückssilber gerafft in Berlin, der Teebecher aus dem zaristischen Russland, die Kanne aus dem England vor dem Krieg, die Tischdecke aus der Kommode, nebenbei Heines Buch der Lieder, Carl Krabbe 1887 - wertkonservativ könnte man das nennen, wäre ich nicht ziemlich links. Zumindest verweigere ich mich weitgehend der kapitalistischen Konsumwelt.

Und während ich hier sitze und geniesse, ist irgendwo ein älterer Bayer als ein solcher und dübelt in einem subalpinen Urwaldareal für den Thai-Basilikum in die Wand, an deren Innenseite ein Rosina-Wachtmeister-Bild hängt, eine gekantete Glasschrankwand mit Kirschfurnier steht und ein paar teure, pseudostylische Geschenke von Interlübke, überreicht von den anderen Frauen aus dem Kirchenvorstand, der Frauenunion oder ein paar Bierkrüge von einem Schützenverein, dessen junge Mitglieder vielleicht schon für einen Sido-mässigen Amoklauf trainieren, nachdem sie zum Frühstück eine Semmel mit Kunsthonig und eine mit Leberwurst aus dem Supermarkt gegessen haben. Irgendwo im Norden bekommt jemand wortlos ein paar Schrippen auf den Tresen geknallt, und dazu ein paar in Staniolpapier eingewickelte, fetttriefende Würste oder Buletten, und die neueste Bild-Zeitung mit Wichsbeilage, und nach dem Essen wirft er den Müll auf die Strasse. Unten, vor meinem Fenster, rennt eine Elitesse, dürr und klapprig, mit leerem Magen in die Uni, aber dafür hat sie ihren Körper auf Topform gebracht, und nachher wird sie vielleicht einen Apfel essen, auf dem Weg ins nächste Seminar, wenn es dann um Value Chains geht. Und alle werden sie mit ihrem Leben zufrieden sein, nur nicht mit der Regierung, aber die werden sie schon wegputzen, auf die eine oder andere Art.

Es ist 11 Uhr Morgen in Deutschland.

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: : : denn sie wissen nicht was sie tun sollen : : :

Mittwoch, 8. Juni 2005

Neues Headerbild

nach einer Kopie von einem gewissen Rubens aus meiner heimatlichen Provinz - irgendwie konnte ich dieses Berliner Mitte-Consultant-Ambiente nicht mehr ertragen.

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Real Life 24.05.05 - Concours Berlin-Paris

Wettbewerbsbeitrag. Du bist beim dritten Miri dieser Stadt, in der Gneisenaustrasse. Während die Läden der anderen beiden Miris eher Höhlen sind, Gänge und Kuppeln tief im Inneren der Erde, ist dieser Miri eher eine Art Grotte; ebenerdig, grosse Öffnungen, aber auch voll und von aussen nicht im Mindesten als das feine Geschäft zu erkennen, das es tatsächlich ist. Hier hat deine kleine Schwester ihren ersten Kronleuchter gekauft, und es zieht sie natürlich zurück zum Ort der Plünderung

Du sitzt im hinteren Raum auf einem der alten Clubmöbel, erzählst Herrn Miri bei einem Glas Tee von deiner bevorstehenden Abreise nach München, und ihr beide lauscht den Tapsern vorne im Laden, dem Klimpern von Glas und dem Knarzen alter Schränke, die gerade von deiner kleinen Schwester durchwühlt werden. So klingt Habgier, lächelst du in dich hinein, der du jenseits von solchen Begehrlichkeiten bist, denn du hast schon so viel gekauft, dass du ihr gerne den Vortritt lässt. Etwas lebensüberdrüssig schweift dein Blick über Jugendstilknorpel und Barockintarsien, deine einzige echte Empfindung ist gerade die Süsse des libanesischen Tees, warm und dick in deinem Mund, du hebst das Glas wieder zum Mund, beglückt vom satten Rot der Flüssigkeit, und als das Glas auf einer Linie mit der Scheuerleiste ganz hinten im Raum ist, siehst du, dass da im Hintergrund die Sacre Ceour ist, diese Kirche auf dem Montmatre, keine Frage.

Künstlergruppe Nabis oder knapp später, Bonnard nicht unähnlich, 1900 oder 1910, französischer Expressionismus, rattert es in deinem Kopf, aber auch ganz frühe Anflüge von Kubismus, die Strasse in Gold, die enge Gasse mit den verschachtelten Häusern in tiefem Braun, und auf der Strasse fährt eine Kutsche durch das Häusergewirr, in Richtung der Kirche, die sich hoch oben gelblich-weiss in den Himmel reckt, der im Gold einer Ikone glänzt, und dieses Gold war es auch, was dir aus der dunklen Ecke des Ladens heraus ins Auge gestochen ist. Es ist nicht gross, 25 mal 40 Zentimeter vielleicht, aber du bist überwältigt von diesem -- Öldruck? Du stehst auf, gehst hin und hebst es hoch. Kein Öldruck. Echt.

Du kennst diese Strasse, das war jetzt vor 15 Jahren, als deine Liebste Abitur gemacht hatte. Damals seid ihr zwei Wochen nach Paris gefahren. Zwei Wochen voller Katastrophen, als habe sich die Stadt gegen euch verschworen; die Deutsche Bank hatte in ganz Paris nur einen einzigen Geldautomaten, und der ging nicht. Das erste Hotel, das der Reiseführer als hübsche, saubere Pension beschrieben hatte, war die Mutter aller Kakerlaken, das zweite und dritte hatten immer nur kurz etwas frei, und erst nach 6 Tagen des ständigen Umziehens, der Flucht von einem Stadtteil zum nächsten, habt ihr dann in einem ehemaligen Bordell am Montmatre, das unverkennbar viel von seinem alten, verlotterten Charme durch ein paar notdürftige Restaurierungen behalten hatte, einen Ort der Ruhe gefunden. Zumindest so lange, bis die Freudenmädchen unten auf der Strasse wieder zu streiten anfingen. Dann drangen unübersetzbare, wüste Worte hoch zu euch in den schmalen, hohen Raum mit seiner roten Blümchentapete, dem roten Teppichboden und der glutäugigen Spanierin, die seit den alten Lotterzeiten ihren Platz an der Wand, aus einem Plasitk-Barockrahmen heraus, behalten hatte. Wenn du nach einer der Nächte der frisch Verliebten, die den professionellen Vorgängerinnen zeigen wollen wie das wirklich mit dem Ficken und Schreien geht, wenn du am Mittag dann auf den Balkon getreten bist, und von den Damen unten vor dem Haus die Strasse hochgeschaut hast, dann war da oben Sacre Ceour, und wenn sie nachkam, deinen Hals berührte, war der Himmel und die Welt golden, bis sie dir dann ins Ohr flüsterte, dass sie jetzt Lust auf - Schokolade habe, und du jetzt bitte runter gehen möchtest, vorbei an den diversen Fleischangeboten und ohne Französischkenntnisse etwas kaufen solltest, was sie dann nach ihrem Bad in der alten Gusseisenwanne wieder zu Kräften kommen liesse. Und nicht auf den Flohmarkt sträunen, Liebster...

Wo der Mensch in der Kutsche wohl hin will? Hinauf zur Kirche, die eines der abartigsten Bauwerke eines antisemitischen, faschistoiden Katholizismus ist, geweiht der Niederringung der Revolutionen dieser Stadt? Oder doch zu einem Freudenmädchen, die diese Religion und ihre verlogenen Werte verhöhnte? Einfach nur Flanieren?

Ahhhh, sagt Herr Miri, haben Sie was gefunden? Er schaut sich das Bild kurz an und erzählt, dass es von der Auflösung bei einem englischen Diplomaten kommt und jetzt schon seit zehn Jahren in einem der hinteren Zimmer war, er hat es erst letzte Woche wiedergefunden und vorgeräumt. Der Vorbesitzer muss es gemocht haben, denn es ist superb erhalten, und irgendwann in den 70er Jahren, erklärt ein Stempel auf der Rückseite, bekam es einen schlichten, schwarzen Rahmen in "Herran near Mabini, Ermita, Manila". Wahrscheinlich hat es der Vorbesitzer in Paris gekauft, und dann sein ganzes Leben mitgenommen, von Stadt zu Stadt, vom philipinischen Dschungel in die Asphaltwüste Berlins, vielleicht in Erinnerung an seine Jugend in der Stadt der Liebe, an seine tollen Stunden als junger Botschaftsangehöriger nach dem zweiten Weltkrieg, bis er dann in Her Majesties Service hier in Berlin starb und seine Erben damit nichts anzufangen wussten.

Nett, sagst du abschätzig, legst es wieder hin, um deine eigene Gier nicht zu deutlich zu machen, du sagst Hm und naja, mäklest am ramponierten Rahmen, und Herr Miri meint, nachdem ihr euch schon so lange kennt - Soundsoviel Euro. Na? Gut, sagst du, und steckst es schnell in eine Tüte, bevor es deine Schwester entdeckt.

Zwei Wochen später wird ein Galerist in München Glupschaugen bekommen, aber das ist eine andere Geschichte, die keine Rolle mehr spielt, denn all das Gold im Himmel über Paris hängt jetzt an deinem Bett und wird dort noch lange hängen, bis du verfault bist und dein Leben vergessen wird (Don Alphonso, kurzzeitiger Modeliterat und Mitglied der "Blogger-Gruppe", aktiv im 1. Jahrzehnt des 21. Jahrhunderts), und das Bild weiterwandert zu jemandem, der hoffentlich auch eine gute Geschichte dazu erzählen kann. Ars longa, vita brevis.

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Montag, 6. Juni 2005

Kompliment an die Leser

Keiner von Euch hat geschrieben: He Don! Du bist heute im Focus! Mit Bild!

Ihr habt einen ziemlich guten Zeitschriftengeschmack, nehme ich an.

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Dirt Picture Contest - Hauslamot

In Bayern gibt es ein Fleischgericht mit dem schönen Namen Böfflamot. Das Böfflamot leitet sich vom Französischen boef a la mode - quasi angesagtes Fleischgericht - ab und ist als Begriff ein typisches Beispiel für die Verballhornung, die dem Wunsch zur Aufwertung entspringen kann.

Nun gibt es in Bayern bekanntlich zugereiste Menschen, die nicht ganz arm sind, in eigenen Häusern mit eigenem Garten leben und auch an keinerlei Vorgaben bezüglich der Architektur gebunden sind. Kurz, sie können tun, was sie wollen. Dominierten in den späten 60er Jahren noch die Bauten des Flachlandtirols mit gedrechselten Balkonen und Zirbelstübchen, tendierte man in der wohlhabenden Provinz später zur heimischen Burg, in krasser Verkennung des Sinngehalts des englischen Mottos "My Home is my Castle". So eine Burg braucht natürlich einen der feindlichen Umwelt zugewandten Turm, oder zumindest einen Turmstumpf, der die Bereitschaft signalisiert, die innere Gemütlichkeit bis aufs Messer und den letzten Tropfen Zugereistenblut zu verteidigen.

Jahre zogen ins Land wie weisse Wolken über den blauen bayerischen Himmel, unter denen sich die Burgen der Piefkegeschlechter ausbreiteten, und dann geschah das Unerwartete: Jungere Zugereiste verzichteten mangels ausgebliebener Bajuwarenhorden auf den Turm und bemalten die Wände statt dessen in Pastellorange, und orientierten die Augen ihrer bezahlten Architekten auch sonst gegen die Toskana, oder besser gegen das, von dem sie dachten, dass die Toskana so ausschaut. Nicht mehr die Burg, das Landhaus dominierte die Neubaugebiete der Zugereisten und aus der Art geschlagenen Bayern sowie den Mischehen aus beiden.

Und was macht so ein Burgnichtmehrlamotbesitzer? Nun, dieses Prachtexemplar - man beachte die echten Bleiglasrundbogenfenster! - verpasste seiner Burg einen pastellorangen Tarnanstrich. Mit rosa Scheuerleiste unten.



Vielleicht sitzen die Bewohner jetzt drinnen und hassen sich für ihre Holzdecken. Mit imitierten Tragbalken und Geweihleuchter. Aber zuerst kommen mal die Bleigläser raus. Spätestens, wenn dann Neugelsenkirchner Barock in ist, haben sie auch ihren Palladiolamot daraus geschnitzt.

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Sie wissen, dass ich wieder da bin.

Ich sollte mein Handy ausschalten. Und nicht mehr meine normale Mailbox aufmachen. Sie haben es schon gehört. Sie haben auch schon ein paar Ideen, was ich machen könnte. Für sie.

Ein Expose schreiben zum Beispiel, für ein hübsches Objekt in bester Lage. Der Stuhl von dem, der das bislang hätte machen sollen, ist noch warm, er selbst versucht wahrscheinlich gerade, einen Termin beim Arbeitsgericht zu bekommen. Jaja, so ist das, wenn man sich auf mündlich geschlossenen Arbeitsverträge verlässt. Keine gute Idee in dieser Branche, aber er selbst wollte es auch so, Hauptsache er kriegt den Job. Jetzt hat er den Ärger. Und ich den Stress mit Leuten, die denglisch aus dem Mund stinken: C´mon, du machst das sexy, Don. Gib ihnen Zucker, mach sie heiss.

Und wenn sie gerade keine Zeit haben, darf ich auch noch die Verhandlungen führen. Die immer hübsch unangenehm sind, denn dieses Geschäft, das den Endkunden so viel Zufriedenheit und Sicherheit verspricht, ist voller reissbarer Messlatten und Unwägbarkeiten. Und es ist ein Bereich, bei dem die Ratten gerade nervös werden. Ein Bereich, der seinen Crash noch nicht hatte, aber die Schrift ist an der Wand, und die Bretter für den Sarg sind schon gesägt.

Es soll Leute geben, die kommen nach langer Zeit zurück nach Hause, und das Schlimmste, was ihnen passiert, ist Frau Mama mit der Tekanne, dem Gebäck und mit den Worten "Iss, Kind, iss." Da, wo die Stimme herkommt, gibt es nur Selters und von Sekretätinnen gekaufte Pralinenmischungen, aber das alles aus Designerchromblech auf Systemtischen, und Raumteiler aus Milchglas. Das war mal mein Zuhause, in einem anderen Leben, und dafür bin ich eigentlich nicht zurückgekommen, denke ich, als die andere Seite von einer Deadline am Freitag spricht. Notebook stellen sie. Kann ich dann auch behalten. Auch den Reload-Button, frage ich?

Was, meint die andere Seite.

Nur ein Witz, sage ich. Haha.

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