: : : denn sie wissen nicht was sie tun sollen : : :

Sonntag, 17. Juli 2005

Objekt der Begierde: Soooolche Erker, Mann...

Irgendwann werde ich fertig sein mit unserem Monstrum. Dann ist es Zeit, das Imperium des Clans wieder in alte Grösse zurückzuführen, nachdem von den früher mal vier Altstadthäusern nur noch zwei - Stadtpalast und Hinterhaus - im Familienbesitz sind, und der Rest zugunsten von Vorortscheusslichkeiten verkauft wurde. Es dreht mir jedesmal den Magen um, wenn ich sehe, was die verkauft haben, auch, wenn ich noch gar nicht gelebt habe, als das passierte. Wie auch immer - irgendwann, in nicht allzu langer Zeit vielleicht, wird das Haus in der Mitte zu verkaufen sein.



Man muss es sich restauriert vorstellen können. Natürlich nicht totsaniert, sondern behutsam erneuert, was unvermeidlich ist. Das Dach, die Fenster, die charakteristischen grünen Holzteile auf jeden Fall so lassen. Nur den Rost weg, das Dach ausbessern, streichen, den Putz sichern. Es hat im Verhältnis zu seiner Grösse den grössten Erker der Stadt, und schon als Kind hätte ich das gern gehabt.

Es ist sehr klein, 100 Quadratmeter, die ideale Beschäftigung für einen Sommer. Und durch die alten Scheiben hat es sicher ein wunderbares Licht in allen Räumen.

... link (5 Kommentare)   ... comment


Nachtarbeit

Im ersten Tageslicht, nach langen Wochen, war der Raum, der in wenigen Wochen meine Bibliothek sein wird, heute morgen dann zum ersten Mal fast leer.



Nicht ganz, denn: Ein Filmteam war der Meinung, dass der Raum ganz vorzüglich für einen Kurzfilm über das Leben von jungen deutschen Arbeitslosen taugen würde, und das, nachdem der Raum 30 Jahre leer und voller Gerümpel gestanden hatte. Und sie wollten ihn genau so, mit zerissenen Tapeten, 60er-Jahre-Fussboden, 50er Jahre Tische (einen wollen sie übrigens auch gleich haben, wenn möglich, so coooool), und der Resopalküche.



Es kann schon stimmen, Ingo Niermann hat in Minusvisionen einen ähnlichen Raum im Besitz von Unternehmern ohne Geld beschrieben. Damit enden aber auch schon die Gemeinsamkeiten; wenn sie morgen fertig sind, wird die Decke abgezogen, verspachtelt, und dann kommt auch schon am Montag der Stuck an die Decke. Und spätestens von da an würde es sich nicht mehr als Kulisse eignen.

Hoffen wir mal, dass die junge Regisseurin das Material wirklich im Kasten hat und nicht nachdrehen muss. Falls sie in drei Wochen auf die Idee kommt, doch nochmal einen Take zu brauchen, müssen die Charaktere irgendwie schlüssig erklären, warumn sie dann plötzlich auf Seidenteppichen auf Louis-Seize-Möbeln sitzen, und ihre Töpfe in chinesischen, hochglanzpolierten Lackschränken aufbewahren, die im Licht des Kronleuchters schimmern.

... link (10 Kommentare)   ... comment



: : : denn sie wissen nicht was sie tun sollen : : :

Samstag, 16. Juli 2005

So sieht es aus,

wenn der Himmel gerade eine kleine Strafaktion gegen Wettstetten mit Sturm, Blitz und Platzregen gegen Wettstetten durchführt und man selbst auf der Dachterasse ist, und sich vorstellt, wie das da gerade wohl ist - vielleicht gibt´s auch ein paar taubeneigrosse Hagelkörner...



und an uns geht das alles vorbei... aber ein gewisser Minister aus Wettstetten hat inzwischen ganz andere Probleme. Bei Pisa ist er ja vielleicht in der Champions League, aber wenn es dann um tatsächlich um Fussball geht, können seine Beamten wohl doch nicht so gut rechnen - da sind sie wohl dem Kaiser Franz verfallen, oder es gab auch ein paar Buchungsfehler, und Millionenverluste dank der einzigartigen Wirtschaftskompetenz des Freistaates und seines Ministerpräsidenten, der das alles früher ganz toll fand - diesen Sumpf, den jetzt der Rechnungshof durchsucht. Bayern eben.

... link (0 Kommentare)   ... comment


Real Life 15.07.2005 - Vita brevis

Falls jemand ein Buch plant mit dem Titel - "Es geht auch ohne Tiger, Doppeldecker und Gurkhadolch - so leben schlechtere Söhne besserer Häuser im postkolonialen Zeitalter stilvoll & vorzeitig ab" - da hättest du heute beinahe einen interessanten Beitrag gehabt. Oder nicht du, sondern dein Leichenbeschauer: Adulter Mann in hellbrauner Hose und gestreiften Hemd mit Button-Down-Kragen, aufgefunden auf einem damastbezogenen Bett mit einem Bild - impressionistische Meeresansicht im Stil Claude Monets - in der linken und einem roten, spitzen Schraubenzieher in der rechten Hand. Gestorben an einer inneren Blutung nach dem offensichtlich vergeblichen Versuch, mit dem dafür untauglichen Schraubenzieher die das Gemälde im Rahmen fixierenden Nägel zu ziehen, wobei er einen Nagel in Richtung seines Bauchnabels gedrückt hat und unter Durchstossung von Lunge, Leber, Milz und Darm (?, in Bio warst du immer schlecht) abgerutscht ist. Fremdverschulden ist auszuschliessen, auf dem Plattenspieler drehte sich noch die Etüde Nr. 2 für Waldhorn und Streicher von Cherubini, Sie wissen schon, eines dieser Stücke, die von der Jagdmusik inspiriert waren, die man im Barock spielte, wenn man das Wild ausgeweidet hat - an sowas hat Modeste nicht gedacht, btw.

Ironie am Rande: Der Händler, bei dem du das Bild erstanden hast, lieferte dir eine harte Verhandlung, die mit seinen Worten gipfelte: "Geld, was ist schon Geld, hier geht es um Kunst, daran erfreut man sich ein Leben lang." "Ars longa, sed vita brevis", hättest du antworten sollen.

Du hast ein Loch im Bauch. Es tut weh. Du blutest. Hm, ein klein wenig, gut, ok, eigentlich fast gar nicht, aber zumindest fühlt es sich so an. Und du brauchst ein frisches Hemd ohne Loch. Und eine Zange, oder doch endlich mal einen Butler.

... link (14 Kommentare)   ... comment



: : : denn sie wissen nicht was sie tun sollen : : :

Donnerstag, 14. Juli 2005

In aller Freundschaft gegen den Wind

ging die bayerische Staatsregierung lange mit dem Boss der Bavaria Film. Der, ein idealtypischer Vertreter bayerischer Medienpolitik unter dem Medienstaatsobermacher und Staatskanzleichef Erwin Huber, zog alles mögliche für die geheiligte Kuh und Tschiev Fiutscha Wöaking Plaiss Tschäneräitoa und Medienstandort München - neudeutsch auch Mediencluster Munich Area - an Land. Offensichtlich auch eine grosse Menge an Schleichwerbeverträgen bei einer ganzen Reihe von öffentlich-rechtlichen Sendungen, wie die SZ berichtet. Tatort, wie passend, gegen den Wind, In aller Freundschaft - so heissen die Serien, bei denen jetzt die Freundschaft endet. Und deshalb san die, die wo früha scho Hund gwesen sind, plötzlich ohne Job.

Jaja, so ist das im schönen Bayernland, wo man knallhart die Konsequenzen zieht und niemanden politisch oder mit Druck auf Staatsanwälte oder Polizei deckt - wenn er den Machthabern nach langen Jahren der dicksten Freundschaft gefährlich werden kann.

Was dem Stoiber sein Versagen bei den Hypo-Immobilien und der Landesbank-Finanzierung für Kirch, wird dem Huber wohl seine Bavaria - allerdings kaum zur Patrone Bavaria, die ihn aus dem Amt ballert. Statt dessen wird man uns diese Leute mitsamt den von ihnen betriebenen Stil als Wirtschaftskompetenzlinge vorführen. Besonders in den bayerischen Medien, und garantiert ohne Zahlungen für Schleichwerbung. Weil, Hund sans scho.

... link (5 Kommentare)   ... comment


Wie kann es unter so einem Himmel

solche Parteien geben? Die allen Ernstes einen Mann aus Wettstetten zum Schulminister und Hohlmeierersatz machen?



Nördlich von diesem schönen Abendhimmel wird es noch schlimmer, als es 15 Meter weiter unten ohnehin schon ist. Nördlich kommen Käffer, die beweisen, dass der Bayer als ein solcher so intelligent und schriftbefähigt ist, wie nun mal Leute sind, die es mit dem Stift allenfalls auf ein Kreuz alle 4-5 Jahre bringen, und das auch noch an der immer gleichen Stelle machen. Ich bin überzeugt, dass die CSU an der 5%-Hürde scheitern würde, wenn ihre Wähler "Ich stimme für die CSU" auf den Zettel schreiben müssten - meist würde man dort "Mia san de Mearan" oder "Des bleibt ois wias is" finden.

Das Kernland dieses geistigen Einbahnstrassenbajuwarentums ist der Ort Wettstetten, gelegen im ohnehin schon ultraschwarzen Bistumslandkreis Eichstätt. Und ich sage Euch: Wettstetten hat die Website, die es verdient. Wettstetten ist Fett triefender Speckgürtel der selbstzufriedensten Sorte, mit riesigen Arealen an toskanagelben Turmwalmdachburgen und Kachelöfen und Butzenscheibenimitat und Jodlerbalkonen, zu deren Gunsten man die ortstypischen Bautraditionen des Jura auf den Müll gekippt hat. Wettstetten ist die Hölle, Wettstetten ist neureich, und die Sozialkontrolle arbeitet effektiv wie in Nordkorea. Das ist Wettstetten. Dort gibt es den Krieger- und Soldatenverein Wettstetten-Echenzell e.V., und zwar nicht als Satire, sondern wirklich, mit Fahnenweihe, und weil das noch nicht reicht, eine Reservisten-Kammeradschaft und zwei Schützenvereine. Und vermutlich einen Schrank voller Schiessprügel in jedem zweiten Haus.

Und wenn man dann auf der Dachterasse sitzt und Wettstetten kennt und dann im Radio einen Bewohner dieses Ortes hört, der hierzulande nun mal Minister für Unterricht ist, und der redet davon, dass Bayern beim Pisa-Test "in der Champions League" mitspiele, weil was anderes der Bayer als ein solcher nicht kapiert - Champions League macht neben Beer und Laptop 50% seines englischen Aktivwortschatzes aus - dann fasst man es nicht. Das kann nicht sein.

Und in Wettstetten grinsen sie sich in den Zirbelholzstuben und vor dem Rauhputz und der Bildtapete und dem Schwämmchenorange einen ab. Die Welt ist nicht gerecht.

... link (12 Kommentare)   ... comment



: : : denn sie wissen nicht was sie tun sollen : : :

Donnerstag, 14. Juli 2005

Extreme Kreuznageling bei Cross IT.Media AG

Das waren noch Zeiten - 2002 ahnte niemand, wer ich bin, es gab noch eine Anja "Das Original" Fahs bei Cassiopeia und Liquide existierte nur als Dokument auf einer Festplatte. Überall verreckten tolle Firmen, und trotzdem glaubte jeder auf den Aufschwung nach einer Phase der Konsolidierung, die Thema des obigen Artikels des damals noch jungen, nur Insidern und seinen Todfeinden bekannten Don Alphonso war.

Das ist, wie auch der letzte FIWM-Vorständler und andere heute wissen dürften, lange her, und manche Hoffnung hat sich inzwischen zerschlagen, aus dem CEO des Weltmarktführers wurde ein freier Berater mit Blogschwerpunkt, aus dem Agenturbesitzer ein Einzelkämpfer am Küchentisch, aus dem Medienunternehmer der digitalen Wirtschaft ein kleiner Websitebetreiber auf der Suche nach neuen Märkten, irgendwo unter einem Stein bloggen die wohl auch ihr Leid, man muss das nicht lesen, denn hier geht es einfach darum die Geschichte schmerzlos zu Ende zu erzählen: Die Cross IT.Media AG, früher hoffnungsfroh an der bayerischen Börse, hat jetzt die Strassenseite am Karlsplatz gewechselt und taucht unter der Nummer 1507 IN 1931/05 beim Amtsgericht auf. Ende der Ad hoc.

... link (8 Kommentare)   ... comment


Autowelt AG - New Economy, wie sie sein soll.

Zuerst: Revolution des Autohandels im Zeitalter der Globalisierung und des geilen Geizes - mit einem Franchisekonzept und EU-Fahrzeugen an die Spitze.

Dann: Geplante Übernahme der schon 2003 verendeten German Brokers AG, einem Kadaver aus Zeiten des Internet-Aktienrausches. Ziel der Autowelt ist es, dadurch an der Börse gehandelt zu werden.

Dann: Doch lieber nicht.

Und schon einen Tag später hat man Besuch von der Kripo - da war wohl schon die eine oder andere Garantie wegen Auslandszulassung abgelaufen.

Und nur 5 Tage nach diesem Bericht, nach dem noch nicht klar war, ob es einen Insolvenzantrag gäbe, lesen wir heute: Es hat die Autowelt AG bei Kilometer 1 IN 168/05 aus der Kurve getragen, einRechtsanwalt leistet erste Hilfe, aber ob die noch Sinn macht?

... link (1 Kommentar)   ... comment


Sehr zu empfehlen - kein venezianischer Spiegel für die Ä.

Die Ä. sitzt mit dem E. bei ihrem Lieblingsitaliener. Sie geht gern hierher, vor allem, weil sie die Spaghetti Bolognese und die Cola inzwischen ohne Sächseln aussprechen kann, E. auch sein Schweinefleisch bekommt und die Gesamtrechnung mit einem Bier hinten auf 90 Cent ausgeht - das heisst, die geizistgeilige Ä. kommt mit 10 Cent Trinkgeld aus. Weil, zu nett soll man mit den Fremdländern auch nicht sein, solange man von ihnen keine jüdischen Vermächtnisse, saudische Exportbeihilfen oder französische Nummernkonten in Lugano bekommt. Das Leben ist ok für Ä., denn gerade hat ein grosser Elektrokonzern seinen Umzug von München nach Zug in die Schweiz verkündet - und das bringt kurzfristig 10.000 neue Stellen für die Umsiedlung, zur Hälfte finanziert durch die Arbeitsagenturen, zur anderen Hälfte dank grosser Steuerreform steuerlich absetzbar bei reduziertem Arbeitgeberanteil. Das sind Erfolge für Ä. und E., während der fidele G. am anderen Ufer der Spree Party mit den hübschen Jungunternehmern der New Economy 2.0 macht.

Alles prima, oder besser gesagt, fast alles, im Jahr 2 nach der bildvolksdemokratischen Machtergreifung. Nicht ganz. Denn gegenüber von Ä. hängt einer dieser Prunkspiegel, und Ä. renkt sich beim Versuch, den Kopf herrisch mit Ausblick auf die Naseninnenbehaarung zu recken, so, wie sie sich immer auf den Titelseiten der Spiegel-Hofberichterstatter findet, die Nackenwirbel aus. Der Prunkspiegel zeigt jedes Detail, er ist obszön brandneu, wurde im Sommer 2005 angeschafft, als das Restaurant in Erwartung neuer goldener Spesenzeiten umsattelte vom Toskana-Landhausstil hin zum spanisch-norditalienischen Barock, mit Anleihen zwischen heiligem Offizium und Metternich. Alles atmet Schwere und Strenge, auch wenn der Spiegel nur Kopie ist, denn die eigentlich nötigen Originale haben sie damals nur teilweise gefunden. Und so hängt gegenüber von der Ä. ein hässlicher Glasklops, der besser zu den Fleischklöpsen gegenüber passt, als denen lieb sein kann.

Die ultrakonservative Rechristianisierung und Umverteilung verdankt ihr Spiegelbild einem moslemischen Antikenhändler der zweiten Generation und einem dezidiert nichtchristlichen Kunden sowie der grauenvollen Überfüllung eines kleinen Kellerladens in Berlins Bergmannstrasse. Im heissen Sommer 2005 zog das Einrichtungsteam des Nobelitalieners durch diese Strasse, nur um festzustellen, dass die kleine Schwester des Kunden bereits grossflächig alles zusammengerafft hatte, was an älteren venezianischen Spiegeln zu holen war. In diesem Keller hatte es viele davon gegeben, aber nun sind sie alle weg, und so zog das Team weiter und bestellte letztlich sündteure, billig und protzig aussehende Kopien der Originale. Der Kunde jedoch hatte ein untrügliches Gespür für Verborgenes, und schliesslich, in einem kleinen Zwischenraum, hinter einem Barockschrank, einem Packen schlechter Öldrucke und einer durchnässten Kiste voller mottenzerfressener Stoffe, entdeckte er ein zartes Glasblümlein, grau von Staub und Schmutz, daran eine Glasleiste, ein Glasblatt, noch eine Leiste, eine matte Spiegelfläche, und so zog er am Ende einen halbwegs gut erhaltenen, venezianischen Spiegel der Zeit um 1850 oder älter hervor. Er tat so, als würde ihn der allenfalls als Ersatzteillager interessieren, wies auf abertausend Mängel hin, verhandelte eine Stunde mit dem Händler der 2. Generation, wie nur levantinische Nichtchristen mit Libanesen verhandeln - und einigte sich am Ende auf einen Preis, der vielleicht fünf mal so hoch war wie das, was der ein Verlustgeschäft beteuernde Händler gezahlt hatte, und ein Viertel dessen, was so ein Spiegel in einem normalen Antiquitätengeschäft heute kostet.

Venezianische Spiegel vor 1900 sind extrem selten, und purer Luxus und Verschwendung. Niemand braucht solche Spiegel mit den vielen Glasstücken, die Spiegelfläche ist klein und durch aufwendigen Schliff weitgehend unbrauchbar, und die Teile sind auch nicht geschaffen, alt zu werden. Ein Sturz, und sie sind Geschichte - ausserhalb von Venedig fand sich kaum jemand, der die vielfältigen Glasformen nachmachen konnte. Heute ist das unmöglich, weil sich die alten Verfärbungen und Weichheit des Glases aus echter Pottasche nicht mehr reproduzieren lässt. Weil klar war, dass diese Spiegel trotz ihres immensen Preises nur Verschleissgüter waren, wurde auch der Holzrahmen aus eher schlechtem Holz, wie Pinie oder Pappel gefertigt. Kurz, kaum einer hat Wischmobs, Umzüge, Bombenkrieg und spielende Drecksblagen überlebt, und selbst die, die durchgekommen sind, haben immer Schäden. Im Einzelnen sieht das nach dem Abschrauben einzelner Leisten so aus:



1. An dieser Stelle ist eine einzige Blume im Rahmen verschraubt, hier war früher weitaus mehr, also fehlt was.
2. Nochmal eine kleine Blume, daneben vier glasbesetzte Zierschrauben, brutal in das Holz gedreht. Gegenüber waren dagegen jeweils ein grosses Glasblatt. Da stimmt was nicht.
3. Der Rahmen ist unten wie auch die dortige Glasleiste gebrochen.
4. Eines der Blätter ist zertrümmert und wurde mit grünem Glaskitt wieder geklebt. Nicht besonders sauber, übrigens, wie überhaupt das Ding schon mal restauriert wurde, vermutlich in den 20er Jahren.
5. An dieser Stelle sind mitten in der Leiste zwei Blümchen, weil
6. die originale Leiste fehlt und durch zwei jüngere Bruchstücke ersetzt, deren Produktionsweise mit maschineller Bohrung sie auf die Zeit nach 1950 datiert.
7. Oben ist nochmal die Leiste und der Rahmen gebrochen.

Den Beschädigungen und Reparaturen zufolge hat der Spiegel zweimal Stürze überlebt und wurde mit geringen Mitteln nicht sehr sauber erneuert.



Hier zum Beispiel eine nicht originale, verrostete Fabrikschraube, die die Blume 1. fixiert. Damit sie nicht wackelt, wurde dahinter auf den Holzsockel harziger Klebstoff aufgebracht, der heute schwarzbraun wie die Sozialpolitik der Äs und Es ist - klebrig, scheusslich, ekelhaft, verstaubt, eine Beleidigung für jeden Betrachter, der kein Drecksfetischist ist. Runtergekommen wie die Moral eines schwarzen Parteispendeneintreibers ist der - im übrigen extrem seltene - geschnitzte Zwischenrahmen mit Blattgoldauflage.



Das verrät uns einiges über die Kosten beim ursprünglichen Kauf; die Ausnahmeform deutet darauf hin, dass dieser Spiegel damals eine Spezialanfertigung für ein mitteleuropäisches Interieur war. Bevor venezianische Spiegel nach 1945 zum Touristenkitsch herabsanken, konnten sie nach Bedarf bestellt werden. Gerade gehobene Einrichtungen nördlich der Alpen verlangten im vorletzten Jahrhundert nach goldenen Leisten; klassische venezianische Prunkspiegel bestehen komplett aus Glas und sind optisch zu massiv, wenn sie in kleinen Räumen hängen - sie erdrücken die Einrichtung. Auf der Rückeite finden sich dann auch einige Anpassungen bei der Aufhängung, die die These wahrscheinlich machen.

Zum anderen zeigt der gleichmässig verteilte Dreck, dass der Spiegel die letzten Dekaden irgendwo auf dem Schrank gelegen haben muss. Aufhängen war wegen der Brüche im Rahmen - sichtbar im obigen Bild links unten - riskant.



Da hilft nur eines - komplett auseinandernehmen wie Joschka die Merkel, und die Gläser in warmen Wasser sauberer waschen, als der Koch seine Dreckspfoten in Unschuld. Das dauert etwa eine Stunde, aber das Ergebnis lohnt sich. Solange wird der Rahmen vorsichtig geputzt, alte Klebereste werden entfernt, der silberne Grund wird an den nötigen Stellen nachgestrichen - sehr zu empfehlen ist dafür die matte silberne Künstlerfarbe auf Wasserbasis der bayerischen Firma Kreul. Keinesfalls überstreichen sollte man das Blattgold - so gut wie das Original wird das niemals, und wenn man die Fehlstellen nur ordentlich säubert, passt der Farbton des Holzes sehr gut zum matten Schimmer der alten Vergoldung.



Das Zusammenschrauben ist ein Puzzlespiel. Alle Teile ausser den Leisten des Problems 6 haben die gleiche grünlich-graue Tönung und viele längliche Lufteinschlüsse - it´s a feature, not a bug, die Blasen lassen das Glas schimmern. Soweit erkennbar, sind die Teile also original, wenngleich mitunter etwas bestossen. Die Bruchstelle der Leiste von 7 wird geklebt, der grüne Glaskleber von 4 wird silbern überstrichen. Die Blümchen von 1, 2 und 5 werden dort angebracht, wo sie nach Aussage alter Löcher hingehören: in die kleinen Zwickel oberhalb der unteren Leiste. Und siehe da, plötzlich stimmt es wieder mit der Symmetrie und den Objekten - zumindest im unteren Bereich. Die Nahtstelle der Ersatzleisten von 5 bleibt dann aber sichtbar, was zu verschmerzen ist - das Glas hat eine hellere Farbe und wäre so oder so bei genauem Hinschauen als spätere Ergänzung erkennbar. Jetzt wird die Stelle wenigstens nicht mehr durch eine Asymmetrie betont. Hinten werden dann noch zwei horizontale Latten aufgenagelt, um den gebrochenen Rahmen zu fixieren; Kleben würde da kaum helfen, zu hoch ist das Gewicht des 10 Kilo schweren Spiegels.

Letztendlich sind alle Zierschrauben noch da, spätere Schrauben der Reparaturen können entfernt werden, und die Glasteile sind ebenfalls komplett. Aufgehängt in der Wohnung sieht der Spiegel dann so aus:



Nachbemerkung: Äs würden es hassen, wenn sie wüssten, dass die Spiegelfläche einen typischen Makel hat, der dem Betrachter zum Vorteil gereicht. Die Fläche ist leicht gewellt und verzerrt das Bild; in der Mitte zieht sie zusammen und verbreitert an den Rändern. Will sagen: Das Gesicht wird schlanker, die Schultern werden breiter. Sofern man nicht aussieht wie geplatzter falscher Hase, macht der Spiegel den Betrachter also schöner - und niemand muss die Nasenhaare zeigen, um das Gesicht covererträglich zu machen.

Und noch der Ikea-Check: Natürlich gibt es bei Ikea keinen derartig teuren Spiegel; selbst, wenn dieses Stück Muranokunst sehr günstig erworben wurde. Das ist Gift für das Bestreben, am Ende dieser Serie alles billiger als Ikea bekommen zu haben. Aber: Nur eine Stunde später war auf dem Flohmarkt am Fehrbelliner Platz eine Frau, die im Auftrag der Tochter einer Freundin Omas altes Hutschenreuther Tee- und Kaffe-Service verkaufte - ein Bilderbuchfall für den Niedergang des Bürgertums. Für 12 Personen mit Dessert- und Kuchentellern, 76 Teile perfekt erhalten, die klassische "Margarethe"-Form. Mit vielen Extrateilen wie Kuchenplatten und so weiter. Für 60 Euro, damit hat sich der Spiegel mehr als amortisiert.

... link (10 Kommentare)   ... comment



: : : denn sie wissen nicht was sie tun sollen : : :

Dienstag, 12. Juli 2005

Extreme Vorortsposhing

Es ist so: In den wirklich teueren Vororten, wo der Quadratmeter Boden so viel kostet wie der Quadratmeter Wohnung in einer mittleren Berliner Lage, ist alles dicht - weiter vorne etwa gibt es einen Chefarzt, der ein Grundstück neben seinem gekauft hat und verwildern lässt, damit er keinen nervtötenden Nachbarn hat. Andere, die ihren Reichtum erst später in eine architektonische Demonstration ihrer selbst umsetzen konnten, müssen also in die billigeren Vororte, wo man für das Grundstück auch ein halbes thüringer Dorf bekommen würde - aber das ist ein anderes Thema. Jedenfalls bleibt dadurch Geld übrig, das dann in die aufgehende Substanz gehen kann.



Nicht nur toskanaorange, wie das heute nun mal so sein muss. Nein, auch zwei achteckige, zweigeschossige Türme mit eigenem Dach. Dazu Fensterfronten Modell Stackenblochen (danke Holgi), gerade und mit 90° -Winkeln ausgerichtet. Weil Symetrie ist gerade ein Must Have. Und statt der Schiessscharten ein postmodernes Dreiecksfenster unter dem Dach. Und Jalousien auch im zweiten Stock, die eigentlich die Nachbarn besser brauchen könnten.

Burgkathedralenbauernhaus. Interessante Kombination. Ob die da drinnen Acrylmöbel mit Goldkanten haben werden?

... link (63 Kommentare)   ... comment


Wenn ich mir einen Artikel wünschen dürfte

Liebe Presseleute, wenn ich mir einen Beitrag über Blogs wünschen dürfte, dann wäre er ziemlich anders als vieles, was im Moment von Euch so geschrieben wird. Denn, liebe Kollegen, in Wirklichkeit erzählt Ihr Euren Lesern viel Scheisse, und das wisst Ihr auch. Wie so vieles entwickeln sich die Blogs hierzulade kontinierlich, es werden mehr, sie werden besser. Es gibt nicht irgendwelche besonders einflussreichen Blogger, in deren Gefolge zigtausende damit beginnen, und es gibt auch keine Themen, die Blogger enstehen lassen. Es gibt auch keine Business-Trends beim Bloggen über dem Niveau einer Selbstdarstellung von mehr oder weniger kompetenten Kleinstunternehmern. Es stimmt auch nicht, dass Blogs die Medienwelt jetzt und auf der Stelle umkrempeln werden, wie Ihr das in Euren Artikeln so gern schreibt, um eine heisse News zu haben. Die Ihr ja braucht, um das Thema zu machen und damit in der Redaktion gut dazustehen. mehr an der Blogbar

... link (0 Kommentare)   ... comment



: : : denn sie wissen nicht was sie tun sollen : : :

Dienstag, 12. Juli 2005

Kreuzgang

200 Kilometer südlich von Berlin sollte man tunlichst nicht auf die Idee kommen, jenseits der Autobahn eine Tankstelle zu suchen. Kleinere Käffer haben allenfalls einen Bäcker oder etwas grüne Wiese, aber keine Tankstelle. Allenfalls, wenn man ohnehin vorhat, nach Naumburg zu fahren, kann man es wagen, den Tank weitegehend leer zu fahren. Naumburg hat dank seiner historischen Rolle und der intakten Altstadt, sowie einer berühmten Plastik der späten Romanik so etwas wie Fremdenverkehr, und deshalb wohl auch eine Tankstelle. Und natürlich den Dom, an dem viel zu viele auf der A8 Richtung München vorbeirasen. Mit einem schlichten, aber gelungenen spätromanischen Kreuzgang.



Der Weg zurück zur A8 führt wegen einer grösseren Baumassnahme durch Sachsen-Anhalts Pampa Richtung Osterfeld. Und dann kommen eben diese kleinen Städte, an deren Rand eine aufgelassene Fabrik den Reigen des Niedergangs eröffnet. Danach zieht sich der Zerfall Haus für Haus in den Ortskern, alles unbewohnt und marode. Niemand macht sich hier noch die Mühe, etwas zu vermieten. 15 Häuser, eins nach dem anderen, alle historische Bausubstanz, die Türen eingeschlagen, baufällig, verrottet, egal.

Am Ende dann ein Haus, in dem sich eine Werbeagentur niedergelassen hat. Noch ist sie da, in der langen Folge von Zerstörung und Aufgabe. Aber was hier beworben werden soll?

In der Zeit, als man den Kreuzgang baute, zog man die Bewohner mit speziellen Förderprogrammen in diese Region. Vielleicht sollte man den Arbeitslosen, den Faulen, den chancenlosen Kreativen ein anderes Angebot als teure Adobe-Fortbildungen anbieten. Die verlorene Generation hier herziehen lassen, steuerbefreien und die Unterkunft geschenkt, wenn sie es herrichten. Dann können sie nach ihrer Facon leben, und der Staat spart sich ganz nebenbei die Enstorgung ganzer Landstriche.

Nach Berlin sind es zwei Stunden mit dem Auto, die Lebenshaltungskosten sind niedrig, und wenn die richtigen Leute zusammenkommen, kann es eine hübsche Kolonie der Moderne im Niedergang werden. Und ich muss mich daheim am Abend dann nicht über den Munich Area Dreck ärgern, den die mir per Mail schicken. Wir haben viel Platz im Osten und viele unvermittelbare Kreative und New-Eco-Restbestände im Westen. Das gilt es zusammenzuführen. Da gibt es Synergien. Und wenn es dann so richtig gut läuft, verkloppen wir das Ganze an die Rumänen gegen ein Stück Wald in Siebenbürgen...

... link (12 Kommentare)   ... comment



: : : denn sie wissen nicht was sie tun sollen : : :

Sonntag, 10. Juli 2005

Dirt Picture Contest - warum denn so förmlich?

So ein Ledersessel ist doch nicht stylisch... allenfalls was für Zigarillostinker und/oder als Wartesessel im SM-Bordell, aber doch keinesfalls was für die typische Berliner Wohnung. Zumal es dann dieses Stilmischmach gibt, 5 Teile Ikea, 2 Teile von Mama, ein Brocken Leder, der Tisch der Ex, die Klappstühle vomVormieter - das ist einfach nicht stylisch. Bunt darf es schon sein, aber es muss passen.



Na also! Identisch bis auf die poppige Farbe, lässig, loungig, Mitte vor 2 Jahren, taugt aber immer noch. So was findet man natürlich nicht in Mitte, da muss man schon in die besseren Viertel fahren, Fehrbelliner Platz, da stehen die rum und warten auf Liebhaber. Am Umstand, dass sie Stühle nicht den Bürgersteig unpassierbar machen, erkennt man die hohe Geisteshaltung des Spenders und der Passanten. In Mitte wären das sicher schon 14 Teile, auf 100 Meter verstreut - ach ja, der gute alte Westen.

Also schnell hin. Vielleicht überprüft die Mama hinten, ob die Dinger in den Kinderwagen passen.

... link (7 Kommentare)   ... comment


Gelbe Organzaseide

oder wie ich n ochmal nach Berlin komme - das geht so: Eigentlich komme icfh nur, um den Umzug in Form von 5 zurückgebliebenen Bürostühlen eines guten Herstellers und eines fast bankrotten Vorbesitzerfirma abzuholen. Und ein wenig Haifische durch das Riff mit seinen Immobilienwracks und Haifischmeetings zu kutschieren, nebst einigen kleinen Plünderungszügen durch die seichten Gewässer der Antikhändler. Eigentlich sind das reine Synergien, man fährt durch die Gegend, bepackt den Wagen, geht Abends aus, und wenn man am GBrillgestank nicht erstickt und um Mittag dem Betrunkenen auf der Strasse ausweicht und die Gang sich lieber mit den Russen prügelt und einem keiner die Reifen schlitzt oder eine Bierflasche drunter stellt -

dann kommt man unter Erreichung der selbstgesteckten Ziele schnell und unkompliziert nach Hause. Das geht so lange gut, bis man sich einen Sessel und einen dazugehörigen Pouf aus den 50er Jahren kauft, der ohne jede Frage vernünftig argumentiert werden kann, der Sinn macht, und der das Auto genau da vollmacht, wo die Stühle, die Ursache der Reise liegen sollten - quer hinten über dem Hutschenreuther-Service "Margarethe" für 12 Personen und unter dem gut 200 Jahre alten venezianischen Spiegel, die erst gekauft wurden, als es wegen dem gelben Sessel aus gelber Organzaseide ohnehin schon egal war.

Man kann das alles so erklären, dass man Berlin ausplündert, und die Goten ja auch öfters die römischen Provinzen heimsuchten. Am Ende steht aber immer die Erkenntknis, dass man nochmal hierher muss, früher oder später. Und man braucht eine gute Erklärung daheim. Zu sagen, dass andere ihr Geld verrauchen, mit Freundenmädchen durchbringen oder in stinkenden Alkoholikaresten ins Klo kotzen, mag vielleicht bei einer Berliner Familie ziehen - dummerweise ist dergleichen in den besseren Vierteln der Provinz kein anerkanntes akulturelles Phänomen.

Da hilft nur irgendwo verstecken - aber wo versteckt man einen kanariengelben Sessel und Pouf aus Organzaseide?

... link (15 Kommentare)   ... comment



: : : denn sie wissen nicht was sie tun sollen : : :

Sonntag, 10. Juli 2005

Real Life 09.07.2005 - Nebentisch

Die fette Sau, die dir den Zigarrenrauch zwei Stunden ins Gesicht bläst. Sein raushängendes Hemd. Sein Freund mit Photohandy, das er benutzt, wenn die fette Sau zum zehnten Mal seinen übermässigen Alkoholkonsum ins Klo trägt. Ihre gegenseitige Versicherung, dass alles gut so ist, und dass sie massig geld bei dem Consulting verdienen werden.

Davor die Rolexbubis, vielleicht gefälscht, die keinen Job haben und sich beim Franzosen in der Bergmannstrasse überlegen, wie sie die Yacht des Vaters verticken. Das Problem ist die Welle zum Propellor, die ein früherer Mieter ruiniert hat. Deshalb ist jetzt ein Aussenborder dran. Geht trotzdem 60 oder mehr. Wird sicher ein geiles Geschäft.

Die beiden Mütter auf dem Betonklotz. Noch ein Kind oder reicht es erst Mal. Die Nachfahren sind solang bei Oma zwischengelagert, aus deren Besitz auch die Wohnung kommt. Eine willd as Geld ihres Bausparers anlegen, aber statt Aktien denkt sie im Moment eher an einen Kombi. BMW. Nebenbei schreiben sie pausenlos SMS. Sie sind höchstens 25.

Mal regnet es fast, dann ist wieder diese schwüle Hitze. Es sind viele Bettler in der Stadt, viel Verwahllosung mit und ohne soziale Sicherung. Und gegenüber sitzt ein Haifisch und sagt, dass er trotzdem lieber in Berlin als in der Provinz leben würde. Vier Stunden später ruft er dich vom Flughafen aus an, denn sein Taxi ist einfach losgefahren, sein gepäck noch im Kofferraum, und er hat nur noch sein Handy und das Kleingeld und er weiss nicht, was er jetzt in dieser Traumstadt machen soll.

... link (16 Kommentare)   ... comment