: : : denn sie wissen nicht was sie tun sollen : : :

Samstag, 10. Mai 2008

Real Life 8.5.2008: Brettabordä

Und? meint Iris und räkelt sich zufrieden auf dem beifahrersitz. Zufrieden? Hinter ihr knarzen zu viele Papiertüten an ihrer schweren Füllung, und vorne müht sich der Motor eines Autos ab, das nicht wirklich dazu passt.

Ich mein, spricht sie weiter, als unhöflicherweise keine Antwort kommt, ich finde es wirklich gut. Wenn es am See kühler wird, am Abend, zum Beispiel. Als wir letztens dort waren, war es drei Grad kälter als in der Provinz. Tagsüber legst du sie über die Schulter, am Abend ziehst du sie an, und es ist schick, ohne aufgedonnert zu sein. Man wird denken, dass du ein Segelboot hast, und dann wirst du ein passendes Boot kaufen, ich komme vorbei, und dann fährst du mich auf den See, und alles ist prima. Ich finde, du brauchst unbedingt ein Segelboot. Sagt sie, und kichert, weiss sie doch, dass du Segelboote nicht zwingend aufregend und spannend findest, und Surfboards bevorzugst, auf denen nicht mal einer allein stehen kann.

Das, liebe Iris, war ein Zweckkauf. Ich brauche was zum Anziehen, und Hemden allein sind auf Passstrassen etwas zu wenig. Ich brauche was mit hohen Krägen für die endlosen Kilometer zwischen Verona und Modena in der Nacht, und am Gardasee kann es am Abend empfindlich kalt, ganz einfach kalt, arschkalt sein. Die ganze Bardot-Hausschneider-Geschichte, die Nizza-Connection, die mehr-als-Lacoste-Denke, das alles ist mir offen gesagt egal. Krawatten hätte ich nicht gebraucht, aber nachdem du darauf bestehst, auch Krawatten. Aber kein Segelboot, kein Monte Carlo, und das hier ist auch nicht Paris, oder ein Flagship Store, das ist nur die übliche Provinz und ein Witz der Globalisierung.



Und weil diesmal Iris nicht antwortet und du leichte Sorgen hast, dass es zu unhöflich ausgedrückt war, redest du weiter: Du kennst doch Frau W.? Herr W. hat ihr in den 70er Jahren das Zeug von seinen Reisen mitgebracht. Ihr Sohn P. bekam diese Nippesflugzeuge mit den Namen der Fluglinien drauf, und Frau W., die von sich dachte, dass sie aussieht wie Bardot, bekam diese Kleider. Die dann umgearbeitet werden mussten, um zu passen. Das war jedesmal ein enormer logistischer Aufwand, Herr W. musste manchmal die Flüge umbuchen, um in Paris Zwischenaufenthalte zu haben. Legenden kommen noch aus einer Zeit, in der nicht jeder immer alles haben konnte. Legenden entstehen nicht, wenn alles immer sofort verfügbar ist. Legenden sterben, wenn sie zu reduplizieren sind. Das war mal was, vor Jahrzehnten. Inzwischen ist er tot und seine Firma aufgekauft worden, und irgendeine Entscheidung eines Münchner Konzerns sorgt dafür, dass hier Leute sind, die Zugänge zu dem vermitteln, was heute hier hergestellt wird. Paris? Die Legende. Das hier?

Draussen gleitet die Bebauung der 50er Jahre vorbei, nicht gerade das beste Viertel der Provinz.

Das hier ist Globalisierung. Es ist verfügbar. Ich kann in zehn Minuten hinfahren und kaufen. Weil es gut ist, weil es einfacher ist, als nach München zu fahren, weil es sich durchaus lohnt. Es scheint vielleicht Luxus zu sein bei denen, die noch nicht wissen, wie die Globalisierung den Luxus umbringt, aber der Name, den sie reinsticken, könnte beliebig sein. Da steht kein Genuis mehr dahinter, nur noch die brüchige Legende und die Einbildung, selbst wenn es zum sonstigen Wesen passen würde, das auch nur aus brüchigen Legenden besteht. Es ist rational, so etwas zu fertigen, wie es rational ist, so etwas hier zu kaufen, den Rest erfinden wir uns dazu, weil wir es natürlich nicht so haben möchten. Wir würden es natürlich bevorzugen, wenn dergleichen mitgebracht wird, in Flugzeugen, derer sich nur die wenigsten bedienen und die frei sind von Pauschaltouristen, aus Städten, die man nicht für 19 Euro ansteuern kann und von Stoffkünstlern, die wirklich noch mitwirken an der Herstellung. Die Illusion, dass es immer noch so sein könnte, schafft die irrwitzigen Preise auf den Bapperln, und der Umstand, dass es nicht mehr so ist, lässt Susi mit Leuten essen, die es ermöglichen, dass du Möglichkeiten kennst, die illusorischen Preise zerstäuben zu lassen, als wären sie die Legende. Ich, meine Liebe, ich würde doch nie nach solchen Marken gehen. Ich...

Du, mein Bester, mischt sich Iris nun doch ein, bist doch derjenige, der sich mal für 400 Mark mal ein Byblos-Hemd gekauft hat, mit Spitzen am Kragen, und einen lindgrünen Gaultieranzug, und da war doch auch mal so ein schwarzer Yamamoto-Frack, oder?

Nein, sagst du empört.

Ich weiss es aber noch ganz genau, betont Iris.

der frack war nicht schwarz, sondern schwarz mit weissen Kreidestreifen, gibst du klein bei und beginnst, über das wetter zu reden, das ausnehmend schön ist

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4 Jahre für Falk

Auch wenn die alten New Economy Skandale gegenüber der aktuellen Krise Kleinigkeiten sind, so freut es moch doch, dass Alexander Falk in erster Instanz zu vier Jahren Haft verurteilt wurde -wegen versuchten Betruges. Da wäre vielleicht noch mehr gegangen, aber immerhin. Ein kleiner Wink für die Pfeifen der 2. Generation, die auch gerne ihre Zahlen schönlügen.

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Donnerstag, 8. Mai 2008

Luxus in grauen Tagen

Ganz erstaunlich: Da gibt es also eine Finanzkrise. Und was Huber und Beckstein im kleinen Bayern gemacht haben, das Ausmass der Krise wider besseren Wissens vertuscht und gezielt verheimlicht, wird andernorts genauso betrieben. man gibt zu, was man zugeben muss, um weitere Mittel des Staates für die eigenen kriminellen Machenschaften zu erhalten, hält dann die Börsenkurse wackliger Banken im akzeptablen Bereich und spekuliert mit den frischen Mitteln in Boommärkte - man könnte auch sagen, man plundert die Verbraucher mit steigenden Benzin- und Nahrungsmittelkosten, vielleicht fabriziert man, wie es gerade durch den Zyklon in Burma angeheizt wird, zusammen mit der Preistreiberei zu all dem Elend auch noch eine Hungerkatastrophe. Und erstaunlicherweise findet sich noch immer kein Nihilist, der in solcherlei Personen eine Bombe wirft. Wirklich erstaunlich. Oh, bitte, ich lehne solche Gewalt natürlich ab, aber dennoch ist es erstaunlich.

Und so kann die Freundin von Joe Wallstreet auch weiterhin überlegen, welchen Maserati sie will, und in welches Nobelrestaurant sie zum Essen eingeladen werden möchte. Dort versteht sie zwar nicht, warum das Besteck von Christofle stammt, aber egal, hauptsache es sieht gut aus, und sie kann es halten. Haben Sie, verehrte Leser, übrigens schon mal in Kreisen von Investoren gegessen? Ganz erstaunlich, das. Ich bin grundsätzlich der Meinung, dass BWLer seltenst Stil und Umgangsformen jenseits der Ratschläge des per se schon erbärmlichen Managermagazins haben, und bei Tisch kann man das prächtig beobachten, bäuerliche Sitten in städtischer Verkleidung, kein Genuss beim Zuschauen und sicherlich auch absolut kein Grund, etwas Besseres als Einweggeschirr hinzuschmeissen. Gebet den Drecksäuen, was der Drecksäue ist.

Das war nicht immer und überall so. Letzte Woche etwa war ich auf der Auer Dult, die leider wie immer heftig überpreist ist, und, da ich die dortigen Preise für das noch zu findende Gebrauchsbesteck für meine neue Wohnung nicht finden konnte, fuhr ich weiter über die Isar zu einem Haushaltsauflöser. Und wie es der Zufall so wollte: In einer Kiste war ein altes, schwarzes Kistchen, und auf dessen rosa
Rücken stand in alter Schrift: Gebrauchsbesteck.



Allerdings von der Sorte, wie Joe Wallstreet es kaum kennen dürfte: Das klassische Cluny von Christofle, noch mit alten Eisenklingen, und für einen sehr vernünftigen Preis zu haben. Christofle ist übrigens eine dieser amüsanten Wirtschaftsgeschichten, die ihren Ausgang mit massivem Dumping nahm: Nur 1% der von anderen Goldschmieden veranschlagten Summe brauchte die Firma um 1850, um für Napoleon III. ein Luxustafelbesteck zu fertigen. Das Geheimnis war die Elektroversilberung, die bald überall als billige Alternative zum den Festtagen vorbehaltenen Echtsilber geschätzt wurde. Das geht soweit, dass diese Versilberung in Frankreich einfach "Christofle Silber" genannt wird. Und weiter, denn was früher ein Schnäppchen war, kostet heute für das hier gezeigte Set auch schon an die 1000 Euro. Übertrieben wie die Hauspreise in den USA, aber wie man sieht: Wenn man nur an den richtigen Orten sucht und abwartet,ist auch das Beste so gefallen, wie es Huber und Beckstein bald droht. Und das Besteck kann man im Gegensatz zu diesen beiden immer noch verwenden.

Braucht jemand in Brüssel vielleicht noch abgehalfterte Bilanzenzocker?

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Arbeitsplanung

Übernächste Woche schon was vor? Daheim? Unabkömmlich? Tja. Das ist nicht gut. Denn das hier wäre besser: Endlich schafft es die Mille Miglia, alle Fahrzeuge mit Bildern schon vorher online zu stellen. Natürlich immer noch kein Vergleich, wenn nächsten Freitag der Pulk Richtung Desenzano startet, verfolgt von einer kleinen Barchetta und dem Blogautor am Steuer. Nicht, weil ich kann. Sondern weil ich muss. Journalismus ist manchmal gar kein schlechter Beruf.

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Empfehlung heute - Lu ist

besoffen in Zeulenroda. Besoffen in Zeulenroda klingt wie ein Filmtitel über die immer noch nicht ganz untergegangene DDR, aber bei dem Text, wie auch den vorhergehenden, geht es um etwas anderes.

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Donnerstag, 8. Mai 2008

60

Geburtstagstarte für ein kleines Land im Nahen Osten, das von sich behauptet, auch mein Land zu sein, qua Geburt und so.



Zwischenzeitlich hat übrigens ein gewisser Herr Broder, der heutigentags versucht, unter anderem bei einer widerlichen Onlinegosse auf der islamfeindlichen Welle zu reiten, auch mal den Versuch unternommen, in Israel mit seiner einnehmenden Art und seinen Wortbeiträgen Fuss zu fassen. Bald war er wieder in Deutschland, wo man sowas erstaunlicherweise sogar abdruckt, einlädt und, was ich wirklich schlimm finde, als "jüdische Stimme" wahrnimmt.



Gratuliere, Israel. Wären dort alle nur extremistische, publicitygeile Maulhelden gewesen, gäbe es nichts zu feiern.

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Empfehlung heute - Reisebegleitung

Ich hoffe, dass irgendwann einmal auch die andere Geschichte, die mit der Oma, erzählt wird.

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55

Ich habe vorgestern Abend mit dem Vorsatz gebrochen, dieses Früh/Sommerhalbjahr keinerlei Podiumsveranstaltungen zu besuchen, besonders nicht in Ostdeutschland, und werde im Juni in Weimar sein. Das öffentliche Interesse sucht sich andere Wege; Buchbeiträge, Einschätzungen und Meinungen werden gefragt, und weil die Tage schön und die Reisespesen vorhanden sind, kommen auch manche vorbei und machen so eine Art "Home Story". Weitgereiste Gäste, die schon hier und dort waren und aus anderen Städten, namentlich dem grossen Berlin und seinen kleinen Geistern zu berichten wissen, wie dort mein "hier" beurteilt wird. Hintenrum, natürlich.

Heute ist gerade mal keiner da, ich sitze auf meiner Dachterasse und im Ofen zergeht langsam der Grana Padano unter den Auberginenscheiben und den Tomatenschnitten, ich habe etwas Zeit, und deshalb würde ich gerne mal die Frage umdrehen: Wenn meine Gegenwart woanders schon als unerträglich betrachtet wird - wie ist das dann mit der eigenen Zukunft?

Mein geschätzter Namensvetter hat ein Stück verfasst, dem ich ausnahmsweise keinesfalls zustimmen möchte, denn mit 15 Jahren Abstand, das im Alter der üblichen "Topblogger" kein allzu weiter Zeithorizont ist, kann ich mir nicht vorstellen, dass einer von denen noch so hochmütig auf die herabsieht, die nicht zu dem Jobhoppertum und Quarterlifecrisis kennenden und praktizierenden digitalen Lumpenproletariat gehören. Meine Erfahrungen mit der Industrie sind auch dergestalt, dass man sowohl als Firma als auch als Mitarbeiter versucht, der Tätigkeit einen Sinn zu geben, und ich habe sehr viele Firmen kennengelernt, in denen das vorzüglich gelungen ist.

Berliner Arroganz könnte es sich niemals vorstellen, mal 6 Monate über einem Bauabschnitt ein Planum freizukratzen, obwohl sie dank der Alimentierung des Staates für Akademiker sowas wie die geistigen Voraussetzungen haben könnten, darin einen Sinn zu sehen. Die Leute, mit denen ich das gemacht habe, waren weder gebildet, noch standen ihnen irgendwelche anderen Optionen des arbeitsvermeidenden Verarschens von zahlungswilligen Deppen, das Geschäftsmodell derer Adicalinkis, zur Verfügung. Es waren schlecht bezahlte ABM-Stellen, man war auf dieser Siedlung der Chamer Gruppe dem Wetter ausgesetzt, und die Befunde waren nicht so, dass man dabei viel Besonderes hätte erkennen können: Scherben statt Gold, Hauspfosten statt Statuen, das übliche Klein-Klein eines chalkolithischen Dorfes, und nein, in der Chamer Gruppe sind noch nicht mal die Scherben schön, wie etwa noch bei den Bandkeramikern. Trotzdem gab es ein gemeinsames Ziel, eine Arbeitsauffassung, und den gemeinsamen Willen, alle Unterschiede zwischen Studenten des Fachs und arbeitslosen Gemeindearbeitern bei der Erfassung der Fundstellen zu überbrücken, und das bei einer Aufgabe, die Aussenstehenden zumindest leicht esotherisch erscheinen mag.

Es war eine gute Zeit, und es waren gute Leute. Das ist etwas, das ich von einer Reihe nachfolghender, besser bezahlter und nach aussen auch besser wirkenden Beschäftigungen nicht behaupten kann. Es gab in der Audi welche, die am Tag einen halben Kasten soffen, aber das waren - auffällige - Ausnahmen. In der New Economy waren die meisten entweder naturprall, drogensüchtig oder einfach nur Kriminelle, trotzdem fand man diese Leute toll und wollte dort arbeiten. Es hat lange gedauert, bis manche begriffen haben, dass verbindliche Arbeitszeiten, Urlaubsgeld und Feiertage ebenso sinnvoll sind, wie ein Tarifvertrag und ein Arbeitszeugnis, das den Namen einer Firma enthält, deren erste Suchtreffer nicht bei Dotcomtod sind.

Natürlich hat einer, der sich 35 Jahre mit Unterbrechungen von Kleinjob zu Kleinjob hangelt, weniger Ansprüche an das Rentensystem, als ein Bandarbeiter. Ich denke sogar, dass er das Recht hat, Bandarbeiter zu bemitleiden - Bandarbeiter, Angestellte, Sachbearbeiter und Beamte fänden den Zustand derer, die in Berlin bleiben müssen, weil sie woanders so nicht existieren können, auch nicht cool, und legen Wert auf ein Eigenheim mit Garten, Terasse, zwei Kinder und Zweitwagen.

Ich kenne beide Seiten. Ich möchte keine Rente, kein Auto, kein sicherheitsrelevantes Teil, keine Meinungsbildung, keinen Flugzeugmotor, kein Brötchen, keine Möbel, keine Wohnung, bei der das digitale Lumpenpack mitzureden hat. Jenseits von Blogvermarktung, gehäkelten iPodtaschen,Trashtalkshows und Zoomer.de ist für diese Leute Todeszone, man muss dort was können und in Zyklen leisten, die erheblich länger sind als die durchschnittliche Lebensdauer eines Startups von Sascha Lobo. Am Ende gibt es dafür eine Rente, die nicht so sicher ist, wie man es sich wünschen würde. Aber immer noch sicherer als die Gefühle, die solche Typen haben, wenn sie mal etwas älter sind. Weil die anderen am Band nämlich vorgesorgt haben. 1200 Euro Rente sind gar nicht so wenig, wenn man ein eigenes Haus hat, etwas Vermögen und ein intaktes Umfeld mit Beziehungen, die einem das Brennholz für den Kamin billiger beschaffen können, und einen im Sommer mit Obst und Gemüse zuwerfen.

Das ist nicht jedermanns Sache, aber man schliesse jetzt mal die Augen und stelle sich so einen Vorzeige-Hanswursten und seine Arbeitsauffassung mit den 55 Jahren vor, mit denen der normale Bandarbeiter an den Vorruhestand denkt. Grau, sicher auch etwas abgehetzt, nicht wirklich erfolgsverwöhnt und das, was über die Jahre angefallen ist, ging drauf für Miete, Umziehen, Fahrerei, Repräsentation, aber nichts Bleibendes. Das Wissen, mal der König der Berliner Penner gewesen zu sein, ist dann vermutlich weniger wert, als drei Hunderter mehr Rente. Bleiben noch 30 Jahre Lebenszeit, die auch irgendwie gefüllt werden müssen. Aber mit was? Profibloggen? IPhonehüllen häkeln?

Bandarbeit ist nicht cool, und ich würde auch nicht die Arbeit meiner Eltern machen wollen. Genauso, wie meine Eltern den Kopf schütteln, wenn ich ihnen erzähle, wie ich mein Geld verdiene. Das finden sie nicht cool. Alt werden ist auch nicht cool. Vorsorgen ist nicht cool.

Aber Altersarmut ist noch weitaus uncooler. Und ich kann mir nicht vorstellen, dass eine Politik, die der arbeitenden Mehrheit verpflichtet ist, später mal Ausnahmeregelungen für berufsjugendliche Leute schafft, die sich nicht quälen wollen, sondern das tun, was ihnen Spass macht. Das muss man sich erst mal lei.. oh. Himmel! Mein Grana-Padano-Baguette!

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Mittwoch, 7. Mai 2008

Empfehlung heute - Das Treiben der Nachbarn

Ich habe natürlich auch keine Ahnung von Kricket, aber ich finde diesen Text darüber bei Intelligent Life sehr ansprechend. Ich glaube, ich muss gleich noch eine Teekanne bestellen.

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Et ego in

Es sollte sein, wie letztes Jahr: Morgen zum letzten Mal auf den Wochenmarkt, dann die Garderobe passend erweitern, Tags darauf die Reisebegleitung abholen, packen, und dann die übliche Route über den Jaufenpass nach Meran und weiter an den Gardasee, über Landstrassen und Nebenstrecken, und als erstes Ziel Verona ansteuern. Es wird etwas anders: Zwischenstopp am Tegernsee, dann nach Italien, zum arbeiten, davor und danach etwas rumgondeln, auch nach Verona.

Ich war letztes Jahr oft in Verona, es ist für mich die italienische Stadt, die neben Mantua und Piacenza eine Region umschreibt, wo ich fast am liebsten leben würde, übertrumpft nur noch von einer einzigen anderen Region. Ich werde auch dieses Jahr wieder nach verona fahren, aber mit einem wirklich schlechten Gefühl im Bauch. Ein Grossteil meiner Berichte wurde in einem Callshop abgeschickt, mit einer äusserst sympathischen Dame aus Afrika am Schalter, die sich wirklich um meine Blogs verdient gemacht hat, und mir androhte, zukünftig zur Verbesserung meines Italienisch auf Englisch zu verzichten. Sie ist mit einem Stimmorgan gesegnet, das die Wände wackeln liess. Und ich hoffe, dass sie noch da ist.



Denn schon letztes Jahr fühlte sie sich eher unwohl. Letzte Woche nun haben in der Innenstadt fünf Neonazis einen Passanten zu Tode geprügelt, der ihnen keine Zigarette anbieten wollte. Verona ist inzwischen zu einem braunen Schandfleck geworden, zu einem Politically Incorrect Oberitaliens, aller Versuche diverser lokaler Gruppen zum Trotz, sowas wie ein Gefühl für eine offene Stadt zu vermitteln. Und bitte, es ist kein Problem, das mit Ostdeutschland vegleichbar wäre: Verona hat neben Venedig die stärkste aller Traditionen als Handelsstadt, her stiessen seit jeher Kulturen zusammen, und der Reichtum der Stadt liegt genau darin begründet.

Trotzdem ist hier die Lega Nord zusammen mit etlichen anderen, unschönen politischen Auswüchsen am Drücker. Letztes Jahr wurde Flavio Tosi Bürgermeister, der landesweit mit einer unsäglichen Ernennung zweier Faschisten als Vertreter für das Zentrum der Resistanca bekannt wurde. Dass er als Saubermann auftreten will, während der gewöhnliche Veroneser bis ins Industriegebiet Industriegebiet zu den ausländischen Sexarbeiterinnen fährt, gegen die sein gewähltes Stadtoberhaupt vorgeht, ist nur ein weiterer Anlass, von Verona abzurücken. Das betrifft auch andere: Formal ist sogar das Essen auf öffentlichen Plätzen verboten.

Und dazu noch das neu-alte Regime mit Figuren, die vollkommen unerträglich sind, und für Nazis, Faschisten und Leute wie Tisi die Bahn frei machen werden. Es ist nicht leicht, dort einfach mal so wegen des Spasses hinzufahren. ich fahre dorthin, weil mein Heuschnupfen erträglich ist, und ich ausserdem den Job habe, über die Mille Miglia zu schreiben. Ich mag Verona. Aber ich werde gerade nicht wirklich gern dort sein. Es ist noch nicht so wie die USA, in die ich angesichts von Hinrichtungen und Folter nicht reise, aber auch nicht mehr so unbeschwert wie letztes Jahr.

Brescia ist übrigens auch keine Lösung: Dort regiert Berlusconis Schmierentruppe, wenigstens ist in Mantua noch Fiorenza Brioni an der Macht. Mantua. Ich sollte diesmal vielleicht Mantua den Vorzug geben.

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Montag, 5. Mai 2008

München. Nacht.

Wenn ich eines Tages nicht mehr die Sensation empfinde, in der Dunkelheit in München anzukommen, wenn es irgendwann banal sein sollte, die Stadt zu erreichen und kein Gedanke mehr da ist, sich auf das Leben in der Nacht einzulassen, bin ich das geworden, was man wohl als alt bezeichnen muss.



Es gibt Orte, da reicht es schon aus, nur einmal dort gewesen zu sein, um jedes weitere Mal zu oft dort gewesen zu sein, es gibt Tanztempel, die nur noch Erinnerung sind, es gibt das Parkcafe als Architektur ohne Bedeutung und das Ballhaus als banale Kneipe, gehalten hat sich wenig und die Sensationen sind selten geworden in einer Zeit, die Kokain ernst nimmt und posttraumatisch orientierungslos ist, 4 on the floor haben alles zertrümmert und wenig wurde aus den Spolien gebaut, es war früher nicht besser, wer gibt schon zu, dass eine Weile die Herrenbekleidung aussah, als hätte jeder bei Thierry Muglier gekauft, und wegen der vielen Knopflöcher von Gaultier empfand man sich ebenfalls nicht als der Affe, der man war. Es waren wilde Jahre, es gab keine Angst ausser der vor AIDS und Schwangerschaften, es gab noch eine Zukunft, die mehr versprach, als sie gehalten hat.



Und trotzdem hat sich vieles geändert. Manche heiraten und sitzen jetzt in der Provinz, andere heiraten nicht und bieten den Nährboden, auf dem sich Münchens überteuerte Pseudoküche für Pseudofeinschmecker entwickeln kann, andere können immer noch weggehen, und es fällt nicht auf. Die Altersgrenzen verwischen zunehmend, der angebliche Standortvorteil von Berlin, dass man auch mit 40 noch weggehen kann, als wäre man gerade 25, ist ein vollkommen normaler Aspekt der meisten Grossstädte und der Bewohner, die es in den 80ern verlernt haben, sich in Kategorien pressen zu lassen. Alter ist weitgehend irrelevant, die Zeit als Kriterium ist zertrümmert, die Götzen haben sich verändert, aber der Kult ist immer noch der Hedonismus.



Wir sind alle schön. Wir sind alle hässlich. Wir leben, wir dürfen, wir können, jetzt und in alle Ewigkeit. Das ist das Credo an der Isar und den südlichen Regionen, das ist der Anspruch und das Versprechen, das einzulösen man nicht aufhört, die Legenden mögen verschwunden sein, aber es gibt immer noch zu viele Geschichten und Vergangenheiten, und wenn sie schmerzen, schafft man sich eben neue Gegenwarten und bleibt dabei, bis sie, frisch vergangen und immer noch blutig, etwas älter und golden wirken. Wir können das.

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Test für Sozialkompetenz

Ganz einfach: Zahle Deine Grunderwerbssteuer zum letztmöglichen Termin, schreibe eigenhändig die Summe in den Überweisungsträger und werfe ihn bei der Bank ein. Und dann versuche, den ganzen Tag nett, freundlich, aufgeschlossen und joval zu bleiben, selbst wenn du unfreiwillige, nicht allzu nahe Bekanntschft mit dem drängelnden Fahrer eines tiefergelegten 3er BMWs machst.



Zufallsente vor sonnigem Wasser zur Beruhigung. Zumindest eines der beiden Ereignisse wäre unnötig gewesen.

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Montag, 5. Mai 2008

Abyssinische Verhältnisse

Es kommt zusammen, was wohl zusammengehört; neben der heutigen gelungenen Präsentation der erheblich jüngeren Frau des Chefarztes vor der provinziellen Gesellschaft nach deren Heirat ausserorts, sie in schwarz, dunkelgrün und Perlenketten, er in unsicher und vermutlich voller Angst, dass die Verflossene bissige Bemerkungen macht, so von wegen Chefarzt und Pharmazeutin, neben dieses Ereignisses also, auf das gesondert einzugehen ich wohl nicht herumkommen werde, sagt es doch viel über unsere kleine, hiesige Gesellschaft aus, daneben kam auch noch das eine zum anderen bei mir, angefangen von dieser herzigen Vorstellung der Gesellschaft Jesu des freudigen Afrika angesichts des Auftauchens dieses Ordens:



Die barbusige Dame auf dem Elefanten jedenfalls, die man auch als frühes Beispiel für "interracial Porn" ausgerechnet im neben dem Stadtpalast befindlichen Oratorium werten könnte, wäre man böswillig genug, hat viele Schwestern, die heute auf der dachterasse, nach dem Konzert aus den Seiten stiegen von, jetzt wird es lang, "Benjamin Noldmann's Geschichte der Aufklärung in Abyssinien, oder Nachricht von seinem und seines Herrn Vetters Aufenthalte an dem Hofe des grossen Negus, oder Priesters Johannes", welche aus der Feder des Freiherrn von Knigge stammen. Der wiederum war Aufklärer und zeitweise Illuminat, ein Anhänger jener völlig überschätzten Aufklärergemeinschaft, die ausgerechnet in dieser Provinz ihren Ausgang nahm und natürlich, denn wie könnte hier Aufklärung erfolgreich sein, scheiterte wie die SPD in Bayern am Wahlziel 60+x. Aber CSU-Krise, Microsofts verdorbener Magen von dem, was Yahoo ihnen würgte, das alles ist unwichtig angesichts der entzückenden Aufklärungsparodie, die meinen Tisch dank der Anderen Bibliothek zierte.



Allerdings wüsste ich jetzt nur zu gern, ob der von mir verehrte Evelyn "There was some concern that the men under his command might shoot him instead of the enemy" Waugh jenes Buch kannte, als er mit "Black Mischief" das Thema der versagenden Aufklärung mit besten Absichten und schlimmsten Folgen ähnlich sarkastisch in Szene setzte, bezeichnenderweise ebenfalls in einem Land, das Abyssinien gleicht. Ich sollte es nochmal lesen, wenn ich mit Knigge fertig bin. Wobei das aber noch etwas dauern kann, wenn ich weiter nichts tue, als den Sonnenuntergang zu betrachten, der auch über Afrikas Savannen kaum eindrucksvoller sein kann - Knigge, der nie selbst dort war, schweigt zu diesem Thema.



Morgen Abend dann muss ich zu einem Herrn in München, der sich nun einen 20 Jahre alten Porsche gekauft hat, in der Hoffnung, dass sein Wert steigen möchte - nachdem er mit den Investitionen, die Thema unserer Gespräche sein werden, so viel verloren hat, dass er sich 15 Porsche hätte kaufen können. Die Abgründe von Abyssinien, scheint es, sind nie wirklich fern.

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Empfehlung heute - Eine Geschichte,

die ich vermutlich in San Remo ähnlich erlebt haben dürfte, wie Loreley sie in Marseille erlebt hat, werde ich wie sie hier auch nicht aufschreiben - und die Sache mit dem alten Sack in Südfrankreich, die ich selbst nicht viel anders aus Frejus und aus einem öffentlichen, schnell zu verlassenden Cafe kenne, die übernimmt netterweise Loreley frei Haus. In Südfrankreich an der Küste findet man bemerkenswert viele durchgeknallte Leute, ganz anders als im restlichen Frankreich.

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Sonntag, 4. Mai 2008

Der zu perfekte Mieter

Man kann es natürlich auf München schieben. Im ersten Moment dachte ich gar, der an die Marmorsäulen vor dem Hintereingang des Unihauptgebäudes geklebte Zettel sei vielleicht sowas wie eine Form des viralen Protestes gegen Wohnungsnot, Mietwucher und den Druck auf Studenten, sich gnadenlos zu verbiegen, wenn sie eine bezahlbare Wohnung suchen. Ist es offensichtlich nicht.



Ich komme aus einem Clan, der seit dem Beginn des dokumentierten Immobilienbesitzes im frühen 18. Jahrhundert vermietet hat. Wir haben immer vermietet, und mit fast allen Mietern der letzten 20 Jahre sehr viel Glück gehabt. Ich meine, in der Hinsicht die uns eigene Menschenkenntnis geerbt zu haben, und deshalb kann ich mit absoluter Sicherheit sagen, dass ich diesen Herrn ablehnen würde.

Denn das ist ein Drängler. Einer, der für den persönlichen Vorteil viel, zu viel tut. Angefangen vom im Original nicht gebalkten Profilphoto Marke perfekter Schwiegersohn, über die Beschreibung, die Ansprache der Gier des Lesenden - 300! Bar auf die Kralle - bishin zur ungefragten Bereitschaft, einfach so über seine finanziellen Verhältnisse Auskunft zu geben. Das ist jemand, der ohne Notwendigkeit sofort alle noch so üblen Anforderungen zu erfüllen bereit ist, um seine Ziele zu erreichen. Und das auch noch nicht gerade angemessen auf einem Baudenkmal, das keine Litfassäule ist, kundtut.

Er passt sich perfekt und freiwillig dem Markt an. Und ich weiss mit absuluter Sicherheit, dass er die angeboteten 550 Euro warm als Anlass nehmen wird, für jeden lumpigen Cent das Maximum herauszuholen. Ich wette, dass er die Wohnung teurer untervermietet, wenn er mal drei Monate im Ausland ist, er wird das als berechtigung wahrnehmen, zu jeder Tageszeit wegen was auch immer anrufen, die Aufstellung der Mietkosten nach monierbaren Details durchsuchen, und am Ende vorzeitig kündigen, einen Nachmieter anschleppen, den seinen ungewollten Krempel teuer ablösen lassen - so ist das im Markt, es gibt eben immer einen, der für knappen Wohnraum extra zahlt - und sich ausserdem um jede Renovierung drücken. Und davor wird er versuchen, alles, was möglich ist, den Vermietern draufzudrücken. Immer. Bei jeder Gelegenheit. Drängeln ist keine Massnahme, es ist ein Charakterfehler. Besonders bei Leuten, die glauben, sich Vorteile erkaufen zu können.

Das Bestreben von Vermietern jedoch ist es, einmal zu vermieten und dann über Jahre weitgehend Ruhe zu haben. Wenn man wie der Verfasser dieser Zeilen die Kosten der snstehenden Grunderwerbssteuer anders, stressiger erarbeiten muss, möchte man sich in diesem Geschäftsbereich zumindest keine zusätzlichen Schereien aufhalsen, wenn schon die Kundschaft wegen ihrem schönen, falsch investierten Geld jammert.

Mei Ruah mog I. Und keinesfalls solche Mieter.

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Freitag, 2. Mai 2008

Empfehlung heute - Gefährliche Mission

Also, ganz ehrlich: Mich beschleicht beim Betreten von Kirchen immer ein blödes Gefühl, das später das Interesse an der Kunstgeschichte wegwäscht. Aber sowas wie Glamourdick würde ich doch nicht wagen.

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Real Life 1.1.2008 - Besser als jede Vorabendserie

Du gehst gern zu dem Konditor im Ort, wenn Hochbetrieb ist. Bei Hochbetrieb, sagen wir mal, so gegen halb vier an den Sonn- und Feiertagen, kann man immer fünf Minuten spannende sozioethnologische Beobachtungen machen. Armutsforscher gehen in Obdachlosenasyle, Reichtumsforscher, die es in einer vergleichbaren Form nicht gibt, sollten das hier besuchen: Eine etwas teurere Konditorei mit schweren, wirklich schweren Torten an der Strasse zwischen einem Casino und drei Millonärsvierteln, an einem Feiertag um halb vier.



Neben den üblichen Rentnerinnen in Gucci und Chanel, die sofort den Wunsch nach selektiver, gegenläufiger Rentenanpassung in unterschiedlichen sozialen Schichten aufkommen lassen, drücken an solchen Tagen die Nachfolger rein. Besonders herzig in diesem Kontext zwei Clans, zwischen denen eingepfercht du auf deine Torte wartest.

Da ist also die städtische Kleinfamilie, Eltern etwa in meinem Alter mit einem Sohn im niedrigen Grundschulalter. Papa in Schwarz mit dunkelgrauem Lodenjanker, Mama in Schwarz mit diesen beschnallten Stiefeln, die sowas wie Durchsetzungskraft ausdrücken sollen und immer arg bemüht wirken, beide den Eindruck erweckend, man habe gleich in der Villa einen grossen Empfang zu geben, und bräuchte neun Stück Kuchen. Es ist voll, es ist eng, von hinten schiebt die zweite Familie heran, und so wäre es angeraten, die Extremitäten dem Umfeld entsprechend zu kontrollieren. Nicht aber bei Mama. Obwohl auf der Sachertorte fett "Sacher" draufsteht, wippt sie dynamisch in die Knie, lässt die Hand dynamisch in Richtung Torte sausen, ungeachtet des Umstandes, dass du genau dorthin gedrückt wirst, und weil die Torte weiter unten ist, kommt es zu einer Kollision von Hand und einer deiner Körperregionen, das dir, würde dir es bei einer Frau passieren, so peinlich wäre, dass du dich sofort im See ertränkest. Zumindest würdest du daran denken, und dich danach, dunkelrot vor Scham wie eine Himbeertorte, entschuldigen. Sie jedoch nutzt dein instinktives Zurückweichen, um mit dem manikürten, geisterweissen Fingernagel auf das Glas vor der Torte zu tippen. Du findest konservative Leute erträglich, wenn sie sich konservativ benehmen, aber diese Vermischung, Kassieren wie ein Ausbeuter und privates Benehmen wie im antiautoritären Kindergarten, macht dich fertig. Denkst du.

Und drehst den Kopf zur Seite, denn du hast genug gesehen, und wirst jetzt bedient. Du musst nicht deuten, du kennst hier die Torten,du kenne sie alle, leicht und effektiv erbittest du das Gewünschte, einen Kontrast zu setzen gegen Herr und Frau Neokonservativ, da erblickst du den Block, der dich gegen sie drängte: Noch eine Familie, diesmal eindeutig altkonservativ, so, wie man das fette Balg in eine ladenneue Bauerndeppenuniform gezwängt hat: Ladenneue Lederhose mit Hirschhornlametta, Dorfseppelhut, Haferlschuh, Wadlsocken und ein kariertes Hemd. Von Ralph Lauren.

Dergestalt angetan, unternimmt das Balg seine erste Klettertour an den Metallstangen von der Tortenvitrine. Es werden wohl die einzigen bezwungenen Berge sein, eine Ernährung, die das Breitenwachstum im Auge hatte, dürfte selbst die Besteigung des Gasteigs oder des Osterberges bei Gmund unmöglich machen. Seine mutmasslichen Eltern sind möglicherweise gerade aus dem Musikantenstadl ausgebrochen, Kirschbombe und Tegernseetorte werden farblich gebleicht durch die Farbenexplosion von Dirndl und seiner zwischen dem Janker hervorberstenden Weste. Und sie unterhalten sich auf bestem Mitteldeutsch mit hessischem Einschlag über ihre Auswahl. Der Farbschock lässt nach, du erkennst eine üppige Moschinotasche in Glanzleder an der Seite des Dirndls, und der Mann spielt mit seinem Porscheschlüsselanhänger. Draussen steht das passende SUV. Hanauer Kennzeichen, wie du beim Verlassen des Cafes sehe. Konservativ bis in die Knochen ist auch Scheisse.

Sie wiederum werden sich gedacht haben: Äh. Noch so ein Berufssohn, mit seinem mittelbayerischen Tonfall und dem Smalltalk mit der Bedienung, die jetzt zum gefühlt zwanzigsten Mal in der Öffentlichkeit lautstark betont, wie günstig doch diese Wohnung war und wie schön es da ist, wo du wohnst, nicht wissend natürlich, wie dich derzeit die Grunderwerbssteuer schmerzt.

A saubere Bagasch, die da drin war, sagt man dazu in Bayern. Man erfährt hierzulande sehr viel über die tatsächliche Armut, und sehr viel über eine hinkonstruierte Oberschicht und ihren telegen gestalteten Reichtum. Es gibt eine Realität hinter Bunte, Gala, Managermagazin und RTL2-Dokus, sie verschliesst sich, weil sie doch nicht so schön ist, aber ab und zu muss sie raus, und sich was zum Essen beschaffen. Um halb vier, an der Strasse zwischen drei Millionärsvierteln und einem Casino, da kann man sie beobachten, in freier Wildbahn, an der Futterstelle. Danach weiss man mehr über dieses Land, das unseres ist, wenn wir oben stehen.

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