: : : denn sie wissen nicht was sie tun sollen : : :

Montag, 3. Mai 2010

Wie Muttern

Im zunehmenden Alter bemerke ich an mir Seiten, die ich so früher an mir nicht finden konnte. Nehmen wir doch einfach mal dieses Paar Schuhe, dessen Ladenpreis beim gut 20-fachen dessen liegt, was für chinesische Herrenschuhe zu bezahlen ist:



Ich bin da ein wenig wie jener Okkultist, der sich Kreuze in die Schuhsohlen schnitzte, um bei jedem Schritt auf ein Symbol der Kirche zu treten. Ich habe gern eine Schicht Italien zwischen mir und dem Rest der Welt. Und je besser dieses Italien ist, desto lieber habe ich es dort. Heute räumte ich die Schuhe ein, zu den anderen, sehr guten Stücken, mit denen ich meine innere Imelda befriedige. Und die ich alle nicht getragen habe. Über einem Preis von 250 Euro, das ist meine Feststellung, denke ich mir, dass es jetzt zu schade ist, diese und jene Schuhe zu tragen, das könne man doch nicht tun, die seien etwas für besondere Anlässe, die dann aber nie in der Menge kommen, als dass es die Existenz dieser Schuhe rechtfertigen würde. Praktischerweise sind Stofftaschen dabei, mit denen man das ungetragene Elend vertuschen kann. Es ist kein schöner Zug, es ist kein hedonistischer Zug, es ist kein Luxus, es ist eigentlich nur doof.

Und wenn es so weiter geht, sitze ich bald mit einer angestossenen Tasse vor einem nicht passenden Teller und esse Kuchen mit einer Nirostagabel.

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Sonntag, 2. Mai 2010

Tag der Arbeit

Wo ich gerade bin - in einem verschlafenen, Schweizer Provinznest mit Modelleisenbahnanschein - gibt es noch nicht mal den Tag der Arbeit. Es ist 1. Mai, und alles hat hier offen, der Wochenmarkt findet statt, und übersaturierte Wohlstandskinder schieben überteuerte Räder durch die Stadt, deren Reflektoren eine ganz andere Sprache sprechen, als ihre martialischen Formen und Reifen. Hier zündet niemand ein Auto an, hier prügelt niemand ritualisiert auf die Polizei ein. Und selbst, wenn ich hier einige Aspekte ziemlich abscheulich finde, weil zu viel und zu dumm zufrieden, ist es in gewisser Hinsicht besser als in Berlin, wenngleich auch schlechter als in Deutschland.



Denn in Deutschland ist "Tag der Arbeit". Ich finde diesen säkularen Feiertag als Machtdemonstration der Beschäftigten enorm wichtig, und als ich bei der grossen Autofabrik Werksstudent war, ging ich natürlich auch mit zum Paradeplatz. Wenn man mit Medien und ihrer Korruption zu tun hat, weiss man nur zu gut, wie leicht es die andere Seite hat, sich Einfluss und Stimmen zu kaufen; die meisten Wirtschaftsredaktionen sind gespickt mit Arschkriecherkohorten, die geradezu danach gieren, jeden journalistischen Standard für Billighäppchen zu verraten und zu verkaufen. Reise- und Autoressorts sind vielleicht auch widerlich in ihrer Selbstzuhaltung, aber die Wirtschaftsredaktion hat leider einen gewissen Einfluss, den sie anbietet. Und da ist es nur hilfreich, wenn einen Tag lang das Pack still ist und sich anhört, was man ihm zu sagen hat. Aktuell ist das ja eine ganze Menge, Stichworte Hartz IV, Förderung des Binnenkonsums, Bekämpfung der Raubbanken.

Aber das spielt heute alles keine Rolle mehr. Wichtiger als die Arbeiter sind ein paar versiffte Arschkrampen in Berlin, die Arbeit scheisse finden, Leute um Geld anhauen, bestenfalls mit Scheibenwaschdiensten belästigen und dann am 1. Mai die Sau rauslassen. Das will jeder sehen, das ist Event, Spektakel, Kamera drauf, ein brennendes Auto sagt mehr als eine Stunde Analyse der Spätfolgen der Bankenkrise. Die angeblichen Revolutionäre liefern genau das, was die Medien brauchen, um auch noch am 1. Mai von ernsten Themen abzulenken, sie stehen dann für den Sinn des Tages, wie er medial rüberkommt, sie diskreditieren genau die arbeitenden Menschen, die sie selbst nicht sind, und die sie verachten. Sage bitte keiner, dass die Autonomen eine Revolution wünschen, bei der sie dann an die Werkbänke dürfen - das wollen die ebensowenig wie ihre Neffen, die Berliner Blogunterschichtler, die nach Grundeinkommen ohne Bedingung plärren. Dazu gibt es dann noch lustige Gegenveranstaltungen, Naziaufmärsche, alles, was man braucht. Den perfekten Mix für die Medien.

Etwas Besseres kann jenen, die nicht über Umverteilung und Ungerechtigkeit nicht reden wollen, eigentlich gar nicht passieren, und die Kosten für die Ablenkung trägt auch noch der Staat. Noch ein paar Jahre Randale, und wir werden dann auch eine Debatte um die Abschaffung des 1. Mai erleben, zumal man dann sicher auch wieder irgendwie Arbeitgeber entlasten kann. Insofern ist mein Mitleid für die gezielt in Kauf genommenen Opfer des Konflikts mit der Polizei am 1. Mai, vorsichtig gesagt, eher begrenzt. Schliesslich weine ich ja auch nicht, wenn ein Bankster vor Gericht landet.

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Freitag, 30. April 2010

In Parma, am Ort des Grauens

Eines meiner - vielleicht 10? - Lieblingsbücer ist Stendhals Karthause von Parma. Einige Teile davon haben mich so ergriffen, dass ich sie nach dem ersten Lesen auswendig konnte. Natürlich ist das Parma Stendhals rein fiktional, aber dennoch, im Palazzo della Pilotta wird das Grauen, das den kleinen Duodezfürstentümern der Restauration innewohnt, sofort wieder greifbar. Geschildert in der FAZ.

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Freitag, 30. April 2010

San Bernardino

Chiasso, der Geldschmugglergrenzübergang in die Schweiz schlechthin. Auf dem Beifahrersitz: Der Vuittonkoffer, aus dem deutlich sichtbar ein paar hundert Euro Bargeld rausquellen.

An der italienischen Grenze werde ich durchgewunken, ohne meinen Pass zu zeigen. An der Schweizer ein Blick auf das Bild, weiterwinken. Ich halte an.
Ich so: Pardon, wissen Sie, wo ist hier die nächste Filiale der UBS ist?
Grenzer so: Nix deutsch, sono italiano e francais.
Ich so: Trotzdem danke!

Ich wollte eigentlich gar nicht über Chiasso fahren, aber Lecco war unfassbar überfüllt, ich hatte Zeitdruck und nahm dann eben die andere Route. Vor mir waren ein deutsche Opel und ein Audi, und in Como war die rechte Vorderradbremse am Ende. Weil meine $&§")/-Landesgenossen bei jeder Kurve eine Vollbremsung machten, bei jedem Radler und jedem entgegenkommenden Fahrzeug.

Über den San Bernardino bin ich dann trotzdem gefahren.









In einem anderen Leben haben wir sowas ja öfters gemacht, nur zum Spass geschaut, ob man ohne Bremsen einen Pass fahren kann. Ich habe es nicht verlernt.

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Gemütliches Schaukeln durch die Schweiz

Malojapass, Julierpass, Lenzerheide, und dann weiter. Und es dauert etwas, bis ich wieder online sein werde.

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Donnerstag, 29. April 2010

Die krummen Wege auf geraden Strecken

Natürlich hat mir die Sache mit dem Ideor keine Ruhe gelassen. Und nachdem die Besitzerin meiner Herberge immun gegen meine Plüschaugen war, mir aber wenigstens von einem Gebrauchtwarenmarkt erzählte, wo Räder rumstehen sollten, stattete ich dem einen kleinen Besuch ab. Um es kurz zu machen: Es war ramschig, teuer und frei von allen akzeptablen Zweirädern. Dafür hing der Himmel voller Lampen. Und für die Kleinste, aber auch Schönste habe ich einen Verwendungszweck.



Und gerade die wiederum war wirklich nicht teuer. Also kein Rad, aber ein anderer Grund, morgen den Koffer auf den Gepäckträger zu klemmen. Entzückendes, kleines Stück. Glanz für kleine Hütten und Palästchen.

Ich habe ja nichts gegen langsames Verfransen in Oberitalien. Wer neorealistische Filme aus dieser Gegend kennt, weiss ja, was passiert, wenn ein Sohn auf gerader Strecke, auf diesen endlosen Betonstreifen in der Poebene unterwegs ist: Irgendwann kommt er von der Strasse ab und überschlägt sich. Da ist es besser, ab und an selbst von der Strasse runter zu fahren. ich war oft in der Region unterwegs und dachte mir: Irgendwann schaue ich mir hier die Dorfkirchen an. Heute wollte ich in das relativ kleine archäologische Museum von Parma und dachte, ich hätte Zeot. Also hielt ich an, und wurde mit Rokokofreuden in einem unscheinbaren Kaff belohnt.



Ja, die kleinen, oberitalienischen Dorfkirchen, die habe nn es manchmal in sich. Gestern war es eher schlecht, aber die beiden heutigen Exemplare, die waren sehr fein, wenngleich auch etwas marode. Ausserdem ist es nach dem ganzen "Photographieren ve4rboten" Elend, das sich in Oberitalien rasant ausbrietet - vor ein paar Jahren war das in Sabbioneta noch nicht so - wirklich angenehm, wenn man explizit zum Ablichten angehalten wird, wenn man nur Interesse zeigt. Sabbioneta ist für die Zeit des Manierismus künstlerisch wirklich ein rückständiges Provinzkaff - aber die Rokokokirche kurz vor der Stadt, die ist grandios.



Verwehrt blieb mir dagegen die mächtige Abtei nordwestlich von Parma. Die gehört der Universität und ist nicht zugänglich. Zumindest nicht, als ich gerade kam. Nicht mal ein Wärter an den Gattern. Aber ich hatte ja noch das Museum in Parma, zumindest für eine Stunde, so spät, wie ich dran war, mit meinen krummen Wegen. Im Palazzo della Pilotta dann die nächste Überraschung: Das Museum und die Nationalgalerie haben nur von 9-14 Uhr geöffnet. Ja dann. Dann war es richtig, sich nicht zu beeilen.



Und so ging ich wieder in Kirchen. Irgendwann war da aber auch keine Kirche mehr, sondern nur noch Geschäfte. Das letzte Mal habe ich mir in Parma Sportschuhe gekauft, die nicht so entsetzlich wie Turnschuhe aussehen, sondern so, wie ich sie mir vorstelle. Ein Paar, man will es ja nicht übertreiben mit dem Sport. Daheim probierte ich sie aus, und ich kann sagen: Gar nicht so schlecht, diese Schuhe. Und: Hätte ich damals auch noch die anderen genommen. So günstig, wie sie waren... aber die sind sicher schon weg. Aber vorbeischauen kann man ja mal, und was war da noch in 44 1/2? Das letzte Paar.



Auf krummen Wegen kommt man eben auch zu Zielen, von denen man vorher nicht wusste, dass man sie haben würde. Nur nach Mantua zurück, da ging es gerade und ohne weitere Schlenker.

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Mittwoch, 28. April 2010

Ich war allein.

Man kann Altes so und so erleben. Da gibt es die klassische Methode mit zig anderen Touristen, lärmenden Schulklassen, tumben Sandalenträgern und anderen Auchreinwollern, die nichts begreifen und jeden Raum mit ihrer dummen Anwesenheit verschmutzen. So ist es fast immer. Aber gestern war ich in Sabbioneta. Um ehrlich zu sein: Sabioneta ist drittklassig; man muss es sich vorstellen wie einen Maler, der wenig konnte, aber berühmt wurde, weil sein Gesamtwerk als einziges an einem Oert überdauert hat. Sabbioneta ist zwar nicht wie ein Lager der Leipziger Schule oder ein Buchregal neuer Deutscher Literatur, aber die Besonderheit liegt nun mal im Umstand, dass der Ort eine Fehlplanung war, und lange vergessen war. Nur so hat sich das alles so gut erhalten.

Ich war natürlich auch im Teatro all'Antica von 1590.



Allein. So wie man es immer gerne wäre. Ich war ganz allein eine halbe Stunde dort. Nicht mal die Wärterin war zu sehen. Niemand. Nichts. Ich konnte die nicht überwältigende Akustik ausprobieren, alle Malereien betrachten, herumlaufen, Gedichte aufsagen: Ich war allein. Wie auch schon vorher in der Galerie des Gartenpalastes. 96 Meter lang und niemand ausser mir. Das ist wirklich sehr eindrucksvoll, ich sah das alles ganz anders, es ist so, wie es sein sollte. Ein Gebäude, ein Betrachter. Gut für mich.



Aber schlecht für Italien, das vermutlich bald eine Rettung braucht, aber auch dafür gibt es eine Lösung. In der FAZ.

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Wie daheim

Wie lange dauert es, bis ich nach Überschreiten der italienischen Grenze Schuhe kaufe? Trotz Sonntag war die Antwort, der Geschäfte am Gardasee sei dank: 4 Stunden.



Schliesslich meinte die nicht anwesende Copilotin bei der letzten Fahrt zu meiner inneren Imelda Marcos, Full Brouges mit Longwings wären nicht unschick. Inzwischen bin ich deutlich gebremst, alles geht langsamer, ich kann wieder schlafen, wirklich lang und ohne Beschwerden schlafen, ich huste nicht mehr, ich bin auch nicht mehr von Atemnot gebläht, sondern von anderen Dingen, und ich bin auf das Rad umgestiegen. Meine Herberge hat nämlich ein Ideor aus den 60er Jahren rumstehen, das ich verwenden kann. Und es ist wunderbar einfach und leicht, damit durch Mantua zu fahren.



wenn ich es nur mitnehmen könnte! Sara hat auf mein unterschwelliges Andeuten meiner Wünsche nicht wirklich aufgeschlossen reagiert, aber das ist nicht so schlimm, schlieslich ist das hier mein zweites Zuhause, und somit ist es auch mein Rad. Irgendwie. In Torbole stand an einem hübschen Haus ein "Zu verkaufen"-Schild, aber wenn ich das hier habe, und so ein Rad, und dazu Mantua, muss es wirklich etwas Eigenes sein?



Natürlich denkr man nach, Griechenland, Euro, Währungskollaps, eigentlich könnte man, und besser als es dem unvermeidlochen Währungsschnitt in den Rachen zu werfen, oder den Banken... aber es geht auch so. Überhaupt, alle Sorgen sind weit, weit weg, wenn ich durch Mantua radle und eins werde mit dem Ort.

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Montag, 26. April 2010

Italia bella


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Sie üben noch

Sie haben das über 60 Jahre nicht mehr richtug machen können. Und jetzt müssen sie nicht nur die Toten wegbringen, sondern auch noch für ihre Ziele Werbung machen, und behaupten, es hätte einen Sinn, wenn junge Männer in Afghanistan umgebracht werden. Ausgerechnet in meiner Stadt sagen sie es, die schon so viel am Militär gelitten hat. Da kamen sie hin, die Kanzlerin und der Minister, und sagten das, was man so sagt. Sie üben noch, das nächste Mal, ein halbes Dutzend Tote weiter, wird es noch besser.

Aber diesmal war es nicht so toll, wie ich beobachten konnte.

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Montag, 26. April 2010

Zum Sonnenuntergang

und nach einigen, sagen wir mal, Kommunikationsprozessen, die die Abreise immer weiter nach hinten verschoben, war ich dann doch am Gardasee.



Ich hatte sogar noch Zeit, davor ein Fresspaket zu beginnen, Schuhe zu kaufen - am Sonntag, aber: Italien! - und danach im Miralago in Costermano essen zu gehen, und Bilder zu machen.



Vorsaison eben. So übervoll es am Tegernsee war, so ruhig ist es in Oberitalien. Bis Donnerstag bleibe ich. Unruhig. Mal hierhin, mal dorthin. Man wird sehen.

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Auf der Flucht

Ich bin, wenn das Wetter schön ist, immer aufs Neue überwältigt von der Pracht des Tegernsees.



Aber diesmal nicht. Diesmal muss ich die geröteten Augen zusammenkneifen, um etwas zu sehen, und meine marode Atmung lässt kaum die Konzentration auf etwas anderes zu.



Ausser natürlich auf die Strasse Richtung Italien.

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