: : : denn sie wissen nicht was sie tun sollen : : :

Samstag, 15. Dezember 2012

Mobilversaut

Am Morgen, trotz Eis und Rutschpartien, sind sie doch wieder alle da und beleben den tristen Raum, den zwei Klassiker des grosskotzigen Fortschrittsversagens einrahmen: Das Rathaus und die Stadtsparkasse. Man hat den Platz so richtig tot gemacht und alle Chancen vertan, die man hatte, weil ja alles modern und der Zukunft zugetan sein muss, damit sich auch Gäste aus aller Welt wie daheim fühlen können. Bezeichnenderweise ist der Platz reine Durchgangsstation, es sei denn, es ist hier ausnahmsweise Wochenmarkt mit regionalen Spezialitäten. Dann ist hier was los. Und alle beschweren sich, dass hier immer der Wind so scheusslich weht. Haben sie toll gemacht, die Stadtoberen.



Da kann sich die Gemürlichkeit nicht richtig entwickeln, also mache ich meine Einkäufe und stapfe, rutsche und tapse zurück nach Hause, wobei, ein kleiner Abstecher zum Buchladen ist eingedenk des Klimas sicher auch keine ganz schlechte Idee. Dort jedoch wartet die nächste unschöne Begegnung mit der Zukunft auf mich: Manche Verlage verlangen jetzt zwei Euro mehr für ihre Bücher; dafür ist auch ein Code dabei, mit dem man das E-Book herunterladen kann. Und alle, die das nicht tun, zahlen das mit. Sprich, der Verlag verhält sich wie ein asoziales Stück Scheissdr die Stromkonzerne eine Bank die GEZ und kassiert von allen für eine Leistung, damit ein paar mobilversaute Nerds einfacher an ihr Wischzeug gelangen. Das ist der Moment, da ich in Kaufstreik gehe und mich anderen Büchern zuwende.



Mobilversaut ist übrigens nicht meine Wortschöpfung, ich habe das von Franziscript übernommen, die das vermutlich berufsbedingt sein muss. Kein Drama, bei mir müsste es ähnlich sein. Ist es aber nicht, ganz im Gegenteil, die paar tausend Leute bei G+ sind mir so egal wie das, was ich gerade bei Twitter erlebe; ich mache den Kanal auf, weil es nötig und für manche praktisch sein kann, und dann tue ich das, was ich am besten kann, und auch nur so lange, wie ich brauche. Bei Twitter bekommt man, viel schlimmer als im Blog, die volle Ladung der Onlineaktivitäten mit, und da fragt man sich als älterer Herr in einer bayerischen Kleinstadt schon, wann die mal Schluss machen. Es gibt so ein Video im Netz von einer Hochzeit, und im wichtigsten Moment klatschen sie nicht, sondern zücken alle ihre Mobiltelefone und machen verwaschene Telefonbilder: Würde ich so etwas machen, müssten die Leute Schusswaffen und Elektrogeräte draussen abgeben. Ich würde Menschen um mich haben wollen, und keine netzwerkenden Maschinenerweiterungen. Ich möchte es mit leuten zu tun haben, die wissen, wann Zeit für die Liebe und das Leben ist, und wie sie sich zu verhalten haben, wenn sie Zeuge der Intimität sein dürfen.



Oh, sicher, das wird die Normalität sein. In Raymond Chandlers "The big sleep" geht es unter anderem um eine Buchhandlung, in der heimlich Pr0neaux verliehen werden; das war damals auf der ganzen Strecke ein komplexes und riskantes Geschäft, und das Anrüchoge hätte man auch vor 20 Jahren sicher so empfunden. Heute ist das unvorstellbar; das, wofür der Buchhändler Frauen unter Drogen setzen musste, wird heute als mit dem Handy erstellte Taschengeldergänzung vertrieben und muss sich mit einer Unzahl von freien Angeboten im Netz herumschlagen. Photos leihen? Heimlich holen? Angst haben? Wegen ein wenig Geschlechtsverkehr im Bewegtbild? Kaum. Mit Geolokalisation, Facebook, Gesichtserkennung und Statusanzeigen wird sich vielleicht auch im privaten Bereich so einiges tun. Es gibt viele Möglichkeiten, gerade für all die gestressten Dauermobilisten; macht das mal. Ohne mich.



Für mich gibt es ein Geschenk, wie immer, man kennt sich aus einer Zeit lang vor dem Mobiltelefon und ist sich guter Nachbar. Ich könnte mir vermutlich auch meine Bücher als rezis beschaffen, wie es abgefyckte Anfangsfyckziger ohne Job aber mit Presseausweis in München tun, aber ich will das auf gar keine Fall. Ich möchte Bücher kaufen und besitzen. Ich habe gar kein Interesse an Downloads und lesen am Rechner, ich will ein Buch und ein Sofa und Tee in einer Silberkanne, und dann Stunde um Stunde nichts von diesem Netz mitbekommen. Und dann, wenn ich dort wieder arbeite, über die Versauten lachen, die in der Zeit wieder 30 wichtigtuerische Tweets veröffentlicht haben und nicht verstehen, warum man sie nicht endlich kauft: Ganz einfach, kulturloses Geschmeiss gibt es im Internet noch grenzen- un kostenloser als alle illegalen Downloads. Zahlen? Nie.



Jeder kann heute E-Book-Autor sein, es ist ganz leicht. Liest das wirklich jemand? Vielleicht. Vielleicht auch nicht. Die Mobilversauten vielleicht. Die digitale Elite, die Fortschrittlichen, zwische zwei Pr0neauxdownloads. Warum auch nicht, das ist eine eigene Welt.

Und meine ist die andere. Ich bin buchversaut. Und ich lache über jene, die Mobilität für ein Feature und keinen Bug halten, und von einem Haus, das wie die Stadtsparkasse aussieht, zum nächsten, das dem Rathaus ähnelt, hasten müssen, mit all den Insignien des Fortschritts, und sich wundern, warum man sie einst so überwischen wird, wie sie selbst Content überwischen.

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Samstag, 15. Dezember 2012

Liebe, Fürsorge und Zuneigung

Es ist nun diese Zeit, da man sich Gedanken macht um das, was da kommen wird, und was man den Menschen Gutes tun möchte. Das können Kleinigkeiten sein, wie echte Bienenwachskerzen, die für Besucher ein vielleicht noch etwas wärmeres Licht machen - seie wir ehrlich, die Stearinkerze ist die Energiesparlampe unter den Kerzen. (Übrigens, dass ausgerechnet das Büro des Berliner Finanzsenators ausbrannte, weil dort niemand sich bemüssigt sah, am Abend den Adventskranz zu löschen... ich sage jetzt nichts.)



Es ist die Zeit, da das grosse Vorbestellen beginnt, und man sich stets sagt, dieses und jenes könnte man auch noch nehmen, schliesslich kommt der ein oder andere vielleicht später auch noch vorbei und wenn man jene trifft, dann hätte man gern eine Kleinigkeit unterhalb eines venezianischen Spiegels, oder eines Gemäldes; so etwas ist immer nicht ganz leicht zu verschenken, aber etwas zum essen, das geht, hier zumindest, immer.



Selbst jene, die man nicht kennt, die nur auf der Strasse vorbeieilen, sollten einen warmen Gruss erhalten, wenn sie hoch schauen und durch das Fenster den Stuck und die Kristalle sehen; da reichen dann auch normale Kerzen, immerhin wurden wir uns nicht vorgestellt. Ich meine aber, dass so ein hübscher Schein die Seelen aufhellt und überlegen lässt, ob man zur Krönung des Abends wirklich noch Drogen nimmt, vor die Haustür kotzt und einem Auto die Tür eintritt. Allgemein sollte man netter miteinander umgehen, und ich mache gern den Anfang.



Natürlich schaue ich auch nach, wenn draussen jemand entsetzt schreit, denn dunkel ist die Nacht und ich will nicht, dass jemand Schlimmes erleidet. Ich öffne also das Fenster und schaue, ob da nur wieder jemand entdeckt hat, dass sein Mobiltelefon beim Tanzen gebrochen ist, oder eine andere Katastrophe droht - aber heute Nacht ist alles ganz anders, die Nüchternen und Betrunkenen fallen zusammen, denn es herrscht Blitzeis. Am Morgen, so lautet meine gesetzlich vorgeschriebene Pflicht, müsste ich die Strasse räumen, aber ich bin ja nicht so: Es ist 2:33 Uhr, ich ziehe massives Schuhwerk an, gehe hinunter und befreie Hof und Bürgersteig vom Eis.



Um 2:47 kommen dann, sich aneinander festklammernd, Betrunkene auf der anderen Strassenseite daher. Das ist dumm, denn dorthin wird der Regen gepeitscht, und dort ist es auch stets kälter, glatter und gefährlicher. Also rufe ich ihnen zu, sie sollten vielleicht hier herüber kommen, hier wäre schon Salz und Streumaterial und der Eishacker im Einsatz, ja sogar bis zur Kreuzung und zum Nachbarn hätte ich mein fürsorgliches Werk getan. Sie betrachten das als Beleidigung, grölen zurück und schliddern weiter. Der erste rutscht aus, reisst den zweiten zuneigend mit, dessen Gesäss mit einem, ich würde sagen, knochenzermalmenden Ton aufschlägt, und ohne Halt stürzt der Dritte auf ihn, der ihm fürsorglich einen weichen Landeplatz bietet. Der Zweite kann nicht mehr gehen, läuft weiss an, und kriecht nach einer Pause auf allen Vieren weiter, bis ihn seine Kumpane dann hochziehen und weiterrutschen. Ob ich einen Krankenwagen rufen soll, frage ich, aber sie schreien mir Verwünschungen zu und bleiben weiterhin auf der falschen Seite. Als ich die Tpr schliesse, wieder die typischen Flüche der Fallenden.

Nun ja. Vielleicht nutze ich meine Zeit in Zukunft doch besser mit Staubwischen und dem Verfassen von Grusskarten.

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Suhrkamp ist zwar nur ein Verlag,

aber auch eine Form des Widerstandes und recht wichtig in Regionen, in denen die Aufklärung etwas länger brauchte, schreibe ich in der FAZ.

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Freitag, 14. Dezember 2012

Über das Weiss

Wenn man in diesem Blog fast beliebig einen Tag des Sommers aufschlägt, sieht man dort pralle Früchte und goldenes Getreide, das sich im warmen Wind über dem Jura wiegt. Nachdem ich ein positiv eingestellter Mensch bin, würde ich nun sagen: Dieses schöne Land ist zwar manchmal nicht ganz so schön, aber, wenn man es stets mit dem Rad durchmisst, sehr abwechslungsreich.





Abwechslungsreich ist auch die Ausgestaltung der Hoffnungen von Frühjahr und Sommer, die auf einen frostigen Winter treffen; so haben gleich 6 prominente deutsche Blogger und Internetaktivisten Bücher vorgelegt, Haeusler, Bunz, Passig/Lobo, Bekedahl und (hoho) die Schramm Frau, und vielleicht ist 2013 dann wieder eines der Jahre, in denen die Lust am netzbegleitenden Buch wieder schwerst nachlässt. Falls die geneigte Leserschaft nicht weiss, um welche Bücher es sich da handelt: Macht nichts, kaum jemand weiss das. Und während ich so durch Eis und Schnee knirsche, sage ich mir zwei Dinge; Rutsch nicht aus wie die. Und: Das hier wird alles wieder grünen und gedeihen. Vielleicht muss man noch mehr aus der Provinz zeigen, vielleicht muss man sie besser verstehen, um die richtigen Bücher zu machen. Hier quatscht niemand über die Bedeutung des Internets, man nutzt es halt, aber man hat auch sonst ein Leben, und zwar gar kein schlechtes. Nicht mal in diesen Tagen. (Dass man dann am Abend eine vollkommen gegenteilige Geschichte hört, die einem dann, wie man das hier sagt, das Standgas einstellt, ist eine andere Sache. Wie man so schön sagt: Gesundheit....)





An solchen Winternachmittagen. allein da draussen, gehen einem so Dinge durch den Kopf, die sich erweitern und Verschüttetes freilegen; da war beispielsweise mal diese Kulturveranstaltung eines längst vergangenen Berliner Prekariats, das damals noch Lesebühne hiess, wo sich einer ohne Vermögen darüber freute, dass der Friseur ein Sonderangebot von 4 Euro hatte. Man kann über Trickle-down-Effekte viel Schlechtes sagen, so richtig glaube ich auch nicht dran, aber diese Freude, dass man da auf dem letzten Cent genau hinkommt und so gut wie nichts weitergeben muss, und sich die Badreinigung auch noch gespart hat, das hat mir damals den Abend schlagartig verdorben. Würde ich mich hinstellen und mich freuen, weil die Orangen so billig sind, obwohl mir klar ist, dass diese Preise in Italien nur durch sklavenähnliche Ausbeutung von Migranten in Calabrien und Sizilien möglich ist, und EU-Förderung - ich würde mir allseits wenig Freude machen. Ich habe übrigens trotzdem Bücher aus diesem Umfeld gekauft, die allesamt von finanziell prekär lebenden Berlinern auf der Suche nach dem Nichts handelten, ich habe sie gelesen und nicht wirklich genossen; und mit dem Eindruck habe ich sie weggelegt, dass sie die Probleme nur erkennen, wenn es sie selbst betrifft. Das ist, was vom Wähnen und Denken übrig blieb.





Es ist kein Wetter für warme, freundliche Gedanken. Mein Mitleid hebe ich mir eher für die jungen Leute in Spanien und Italien auf, für die das Prekariat keine Attitüde, sondern Schicksal ist, und die das nicht einfach so beenden könnten, weil es dort nicht die immer noch vergleichsweise guten Möglichkeiten des deutschen Arbeitsmarktes gibt. Natürlich kommen da keine Romane heraus, oder Filme über Studienabbrecher und was da an Prekariatskreislaufwirtschaft sonst noch sein Geld letztlich zu Apple trägt. Die Geschichten, die ich privat aus Italien höre, sind extrem ätzend und launeverderbend, und so wenig Verständnis die deutschen Medien für die 5Stelle haben - ich glaube, man muss diese Menschen verstehen. Die ganze deutsche Debatte rund um BGE ist Ausdruck eines zynischen sozialen Luxus, abgestrengt und vorgetragen von Leuten, deren sozial Frage bei ihrer Wohnungtür anfängt, deren Miete sie nicht bezahlen, und bei der Füllung ihres Kühlschranks endet, weil: Wir haben es ja. Wir können es uns wirklich von unseren Überschüssen leisten, eine solche Schicht zu ernähren und zu erhalten. Es geht. Und dann wiederum verstehe ich meine italienischen Freunde, wenn die sagen: Dann gebt es lieber uns, wir hängen uns auch entsprechend rein. Das tun sie wirklich, wenn sie die Möglichkeit haben, auch wenn dabei Jahr für Jahr weniger bei ihnen ankommt. Dort bin ich in diesen kalten Gedanken. Und mein Hass auf alle, die ihre Ideologie des BGE vor den wichtigen ersten Schritt eines Mindestlohns setzen, der ist so grenzenlos wie das Weiss auf den Feldern.

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Übersetzungsdienst Don Alphonso

"Die belgischen Verleger haben sich mit Google geeinigt"

heisst

"Sich nach langen, schmerzvollen Erfahrungen demütig und bäuchlings in den kalten Schlamm der Verwertung gelegt habende Winzblättchen heben in chinesischer Kotau-Tradition die Bürzel und flehen um die Einführung der kleinsten Adword-Protuberanz Googles"

Da darf man sich jetzt schon auf die entwürdigende Zeremonie freuen, die man hierzuilande Keese und Döpfner angedeihen lassen wird - wenn das nachher nicht sowieso die ersten sein sollten, die die Fronten wechseln und zum besten Rabatt überlaufen. Dann gibt es vielleicht sowas wie Volksgmail und Volksdatenmissbrauch zum Fastnulltarif.

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Mittwoch, 12. Dezember 2012

Penegal

Das nächste Mal, wenn ich in Italien bin, lasse ich mir bei Besia neue Visitenkarten drucken, mit der Anschrift

Grand Hotel Penegal
Mendelpass, IT
Zimmer 116
(um Voranmeldung wird gebeten)

Das Grand Hotel gibt es noch, aber natürlich ist es, wie so viele andere, längst geschlossen. Natürlich wohne ich dort nicht, aber ich finde es einfach nett, eine Anschrift dort zu haben, und die bekommen dann all die, von denen ich keine Post bekommen möchte. Sollten sie mich darauf ansprechen, so werde ich sagen, dass tatsächlich die Qualität der das Mauleseltreiber zum Pass hinauf abgenommen hat, und bis März wegen der Lawinen ohnehin kein Durchkommen ist: Meistens sind sogar die Telefon- und Telegraphenleitungen von den hungrigen Hausbären im Garten durchgekaut, aber ich frage das nachste Mal, ob es da nicht vielleicht Funk gibt, zum Anmorsen. Das wird das beste sein, denn alles andere, ich mein, bei den Bären weiss man nie...



Und dann werde ich solche Bilder von den Ebenen rund um Nürnberg zeigen und behaupten, da unten, unter dem Schnee, läge der Kalterer See begraben und gegenüber, das sei der Rittem, ja das ist schon hart im Winter, aber im Granhotel ist genug Essen für Monate, und einzige echte Problem sind die Leute, die in der Zeit sterben, denn man kann sie nicht im Schnee begraben, und in den Kühlräumen kann man sie auch nicht lagern. Aber im Hof steht eine uralte Tanne, da werden sie dann in bunten Ballkleidern aufgehängt und gehen als Christbaumkugeln durch, und wir passen schon auf, dass die Kinder an Sylvester nicht mit Böllern und Raketen darauf schiessen. Lustig geht es zu im Grand Hotel Penegal, und wenn uns gar nichts anderes mehr einfällt, dann machen wir eine Seance und schauen, ob man so eine Leiche nicht doch wieder auferwecken kann: Steh auf oder wir geben Dich den Bären zu fressen! Erfölbe blieben bislang aus, aber die Angehörigen haben sich noch nie beschwert, und die Bären auch nicht. Nur die Pailetten und Geschmeide zwischen den Zähnen, da muss man aufpassen.



So überstehen wir da oben also den Winter, spielen am Abend Rommee oder sitzen nur am Kamin und hören zu, wie das Feuer prasselt. Das Penegal war einst das modernste Haus, aber inzwischen, nun, man weiss ja, wie das geht, und man gewöhnt sich auch an die offen liegenden Rohre und die wacklige Electricität, Jeder zweite Kronleuchter kann deshalb auch mit Kerzen betrieben werden, und wenn es länger dauert, trifft man sich eben im Ballsaal und wärmt sich mit akrobatischem Engtanz. Ganz kalt wird es auch in strengsten Polarnächten nicht, denn man hat genug Bärenfelle, die einen warm halten. Man sieht also, trotz gewisser Eigenschaften, die aus der Zeit gefallen sind, kann man es im Penegal schon aushalten. Und deshalb kommen auch alle jedes Jahr wieder. Fast schon eine Familie, da oben auf dem Pass. Sie haben dort oben immer noch das Porzellan und das Benehmen aus den 20er Jahren. Und einen Monokelschleifer.



Ich denke, das ist eine ganz nette Geste für all die, die sich von solchen Lebenswelten noch ein erheblich weiter weg befinden, als ich das schon tue. Lebenswelten, in denen Wort wie entzückend und reizvoll gar keine Rolle mehr spielen, und das ganze Dasein im immer gleichen indirekten Licht der Neonröhren verläuft, mit uniformen Ritualen und vorgegebenen Einrichtungsgegenständen. Gleichzeitig aber frage ich mich, ob ich denn der einzige bin, dem das schmewrzhaft bewusst wird: Wie monoton und identisch durchgestaltet das Dasein wird, und wie frei von Abenteuern es ist. Das Penegal ist nur eine künstlerische Erweiterung des Tegernsees, aber eben nicht so weit weg,wie all die Videospiele von der Realität derer ist, die sich darum mehr bemühen sollten - man darf nicht vergessen, wie diese Branche inzwischen auch ältere Menschen und ihre Wünsche in ihr Geschäftsmodell integriert. Da sind Defizite, ich fühle sie, weil sie nicht so arg weit weg sind, aber andere überbrücken sie einfach und spielen das nach, am Ikratisch über dem Kabelsalat, den Becher mit Firmenaufdruck neben sich.



Man kann viel über Ungleichhheit und das Auseinanderbrechen der Gesellschaft reden, und ich finde auch, dass es stimmt - es gibt eine extreme Leistungsungerechtigkeit in vielen Berufen, Medien sind da sicher nur ein Beispiel, wenn man an die FTD denkt und welche seltsamen Leute trotzdem Karriere machn - aber letztzlich kümmern doch die meisten unter den immer gleichen Bedingungen vor sich hin. Immer dieses Licht, bei dem man schlechte Laune bekommt. Immer die gleichen 50x50 Zentimeter Stoff und Schaumstoff auf Rollen, und immer die gleichen, steuerlich absetzbaren Advenztskränze. Sehr ungleich ist das alles, und doch sehr gleich. Und deshalb also die Visitenkarten mit der falschen Adresse. Ein aus der Realität gefallenes Hotel für einen aus der Zeit und den Umständen gefallenen Menschen.

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Dienstag, 11. Dezember 2012

Ohne Papst und Duce

Das Prinzip der Prachtstrassen, oder lateinisch gesagt, der Via Triumphalis, hat in den letzten Jahrzehnten doch etwas ausgedient. Das war in Zeiten noch ganz nett, als Kriege lokal begrenzte Auseinandersetzungen waren, und man nichts dabei fand., ein Denkmal für Massenschlächterei mit einem hübschen Areal für Flaneure zu verbinden; und besonders nett war das natürlich oftmals im feulen, verbeischlafenen Rokoko, als man so etwas gar nicht haben wollte, weil man die Kriege als Sache der Kabinette betrachtete, und das Leben ansonsten zu geniessen wusste. Aber dann kamen eben die Volksheere und erzwungenermassen auch die gebaute Propaganda, und nie wurde mehr Blödheit gebaut wie im 20. Jahrhundert: Noch irrer als alles, was in Berlin und Nürnberg angegangen wurde, ist das, was in Rom in zwei Etappen verwirklicht wurde: Die Strasse hinaus zum Weltausstellungsgelände EUR und die Via della Conciliazione, die Strasse der Versöhnung zwischen Tiber und Vatican, die sich Kirche und Faschisten gemeinsam nach dem Konkordat von 1929 schenkten. Erste war noch halbwegs Stadtentwicklung, zweitere eine brutale Zerstörung zugunsten gebauter Monstrosität.







Aufmarschalleen sind seitdem natürlich etwas in Verruf gekommen, und überhaupt hat die Änderung der Mobilität auch genug andere Zwänge zur Folge gehabt: Ausfallstrassen und Einfallschneisen ziehen sich durch die Städte, Ader, in denen zumeist wenig schönes Blut der Bewegung gepumpt wird. Und selten ist das so hübsch wie in der Maximiliansstrase, die trotz ihrer Vergewaltigung durch den Verkehr immer noch dem aus dem Norden kommenden wohlig umfängt. Da entsteht gleich ein Gefühl der Vertrautheit. selbst wenn am Ende des Strasse mit der Feldherrnhalle gleich der nächste Unsinn steht. Man kann das irgendwie verdrängen, und dann ist es eine schöne Einladung in die Stadt. Manchmal glaube ich, dass das einer der Gründe ist, weshalb München so wächst: Man kommt oft schön in dieser Stadt an.







Frankfurt ist eine andere Sache.Frankfurt lädt nicht wirklich zum Flanieren ein, es ist sehr Auto- Flugzeug- und Bahngercht, aber nicht wirklich eine Stadt für Menschen und Füsse. Effektiv ist die Strecke Hauptbahnhof zum Verlag durchaus so, dass man sie laufen könnte, aber ich nehme die S-Bahn, obwohl ich öffentliche Verkehrsmittel nicht mag. Das ist immer ein ganz schlechtes Zeichen; in Lissabon zum Beispiel gibt es zwar wunderschöne Strassenbahnen, und trotzdem bin ich sehr gern gelaufen. Rom zu Fuss, Verona zu Fuss, München zu Fuss, überall gibt es dafür gute Gründe. Frankfurt, so kommt es mir vor, ist eher eine Stadt für Dienstaustos auf dem Weg zum Flughafen. Und die dafür nötige Radikalität im Bauen wird auch nicht kaschiert. Ich rege mich ja schon in meiner relativ intakten Altstadt jeden Tag auf: Ich glaube, in Frankfurt wäre ich ein unerträglicher Bürgerschaftsversammlungsnörgler. Ohne dass es dort allersings einen Papst oder einen Duce gäbe, die man dafür verantwortlich machen könnte, was, wie wir alle wissen, das Haupthobby eines Flaneurs ist.







Da ist zum Beispiel dieses New-Economy-Viertel, an dem man mit der Bahn vorbeiruckelt, und das jetzt im neuen Hype wieder zügig ausgebaut werden soll, nachdem lange Jahre alle Arbeiten ruhten: Nicht ganz zufällig mögen die Anklänge an das EUR-Gelände sein, nur ist es heute nicht mehr für die Ewigkeit der feschistischen Bewegung und aus echtem Travertin, sondern so, wie es eben überall ist: Minimale Kosten für maximale Rendite, das gilt heute überall, egal ob nun die Armen einziehen, die verdrängt wurden, oder diejenigen, die über die Immobilien- und Mietpreise jammern, und sie doch selbst über ihre Ansprüche steigen lassen. Es müssen immer noch mehr Quadratmeter sein, noch ein Balkon und am besten unten auch Consierge: So siegt das Kapital und hat genug Einnahmen, das nächste Eckerl aufzuwerten. Und jetzt auch auf einstweilige Anordnung zu entmieten. Man schaue mich nicht so an, ich habe vor den Leuten an der Regierung gewarnt, und so ist nun das Spiel: Man baut heute keine Tpiumofbögen mehr. Man erhöht automatisch die Miete.







Möglicherweise wird Frankfurt dem Ruf, die Stadt des Geldes zu sein, gar nicht mehr so lange gerecht; so richtig gesund sehen die Banken nicht aus, auch da wird man weiter sparen müssen, selbst wenn die nächste Occupy-Bewegung der Staatsanwaltschaft andere trifft. Man hat EUR im guten Glauben errichtet, dass man 1942 etwas zu feiern hätte, und so ist es vielleicht auch mit vielen anderen Prunkbauten. Ich habe nie ein besonders gutes Gefühl, wenn ich dorthin fahre, weil eine Stadt, die einen so empfängt... aber diesmal dachte ich mir das auch beim Verlassen.Das dicke Ende, sagt mein gar nicht dicker Bauch, kommt noch. Aber hoffentlich nicht weiter als bis zum Main. Einfallsstrassen haben wir dafür nicht, nur enge, verwinkelte Altstadtgassen und das Wissen, dass es irgendwie immer weiter gegangen ist.

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Werber schauen Dich an

Die freundliche Dame, die mir meine Marmelade macht, hat mir meine Vorräte für den Winter vorbeigebracht, weil sie nicht auf dem Wochenmarkt ist: das ist sehr freundlich und menschlich und reicht hoffentlich die nächsten paar Wochen. Nach dem, was ich im schnellen Blick in die Taschen gesehen habe, passt es, die ideale Mischung aus genug Fett und nicht zu dick werden. So finde ich das wunderbar. Sie kennt mich. Und ich kenne sie.

Das ist ein wenig anders, wenn einen Werber kennen, und mittlerweile meine ich auch, dass man sich wird überlegen müssen, wie man Modelle und Datenmechanismen gezielt schädigt, damit sie mehr Fehler machen: Ich halte es für falsch, so ein Wissen dem Abschaum der Werber zu überlassen, denen meine Existenz und meine Daten nur so lange etwas wert sind, wie sie mich ideal aussaugen können.

Das geht bei mir eher schlecht, aber trotzdem.

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Montag, 10. Dezember 2012

Anderweitig umschauen

Es sind diese Tage wie dieser, an denen ich daheim erklären kann, warum ich so viele Bilder mache. Meine Mutter, die das filmbasierte Verhalten meines Vaters gewöhnt ist - diese "3 36er reichen für den Urlaub"-Mentalität - etwa findet, dass diese unterbrochenen Tätigkeiten und Gespräche alle 2, 3 Minuten eher seltsam sind. Photo war früher: Bewusst anhalten, überlegen, Standort suchen, Belcihtsungsmesser und Kamera einstellen, abdrücken und dann war eine Stunde Ruhe. Fairerweise muss ich sagen, dass ich schon früh auch auf Film davon abgekommen bin; gerade auf Exkursionen hatte ich schon mal 12 oder 20 Filme dabei. Heute liegt mein Schnitt bei 10 Bildern am Tag, wenn ich wenig tue, und 5o, wenn ich normal unterwegs bin. Bei der Mille Miglia oder beim Erdbeben bis zu 800. Mein eigentliches Blog ist nicht das hier, sondern mein Bilderspeicher. Und natürlich unterbricht das Anfertigen das Leben.







An eher unphotogenen Tagen wie diesem - noch nicht mal 1 Meter in Richtung Frankfurt gefahren, und schon ist alles grau und unschön - gehe ich dann zurück und schaue alte Ordner durch, so wie den der letzten Monate, und denke zurück an Meran. In Meran selbst hatte ich nicht wirklich viel Zeit, mich darum zu kommern, also habe ich lediglich den Ordner anschwellen lassen, und mir gesagt: Dezember ist auch noch ein Monat. Draussen ist es scheusslich, aber drinnen glimmt mich das Gold und das Grün der Weinberge an. Ich bin da genauso sentimental wie ein alter Mann, der sich durch sein Album blättert. Oh, das Bild von Algund von oben könnte ich noch zeigen und das von der vergessenen Rebe noch und hier, schaut mal, das ist ein Portal in Obermais.







Und das da, das war mal die SPD.

Nein, das ist jetzt gemein, aber inzwischen bin ich bei den Sozis auf dem Standpunkt, den ich auch bei den Medien habe: Die wollen auf die Fresse fallen, die wollen mit dem Kopf durch die Wand der Zielgruppen, und dem Gegreine, egal ob für Paywall oder Paysteinbrückt, für Leistungsschutzrecht und Bestandsgarntie, anders gehe es halt nicht und man habe keine Alternative, sollte man entgegenschreien.

WEIL IHR FAULEN SÄCKE EUCH NICHT GENUG ABGEARBEITET HABT UND GLAUBT, DASS WIR MIT DEM AM WENIGSTEN SCHLECHTEN ZUFRIEDEN SIND!







Das sind so Dinge, die man wird lernen müssen, oder auch nicht, so richtig schade finde ich es auch nicht, sterben gehört dazu. Oder wie es so schön auf meinem Specialized steht: Innovate or die. Die Zeit für Lampedusa - Es muss sich alles ändern, damit alles so bleiben kann, wie es ist - ist jedenfalls vorbei.

Es ist nämlich schon längst nicht mehr so, wie es ist. Amüsanterweise haben vermutlich viele Leser dieses Satzes nicht weitergelesen; die Gesellschaft, die Lampedusa beschreibt, reagiert viel zu spät und zu verhalten, und geht unter, ja sie ist schon untergegangen, als der Satz gesprochen wird. Der Satz beschreibt keine Strategie, sondern eine verhängnisvolle Fehleinschätzung. Und weder der SPD noch den Verbreitern von Inhalten bringe ich die Verehrung entgegen, die ich bei einer guten, alten Kamera empfinde.







Auch die deutsche Kameraindustrie ist nicht mehr so ganz weltweit führend, ja, es ist schon so, dass mein japanischer Hersteller auf seine eigene Geschichte zurückgreift, statt noch die Deutschen zu kopieren. Es hat sich nicht genug geändert, deshalb ist alles anders geworden und bleibt weg. Weil früher die Zwänge des Beharrens in einer fest gefügten Gesellschaft ganz anders waren. Weil man früher geglaubt hat, für das Wohl eines wichtigen Systems unterzugehen. Und man fragt sich schon, wieso man in Zeitungen und bei der SPD meint, anderen gute Ratschläge zu Wandel und Überleben geben zu müssen, wenn die eigene Antwort politisch garantierte Pfründe und die Hoffnung sind, dass es anderen noch schlechter ergeht. So lapprig und unengagiert will ich nicht informiert und beherrscht werden. Ich mag durchaus die gute, alte Zeit mit Urlaub in Meran und Blick auf den Passeier, und ich mag auch soziale Gerechtigkeit und ehrliche Information. Und ich mag es, wenn die Repräsentanten des Systems sich dabei nicht weniger als ein Hochofenarbeiter von Krupp oder eine Regaleinräumerin von Schlecker anstrengen. Und dafür gibt es jede Menge Gelegenheit.

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Montag, 10. Dezember 2012

So ist es richtig

Wirklich zu schätzen weiss man dieses Bild vielleicht erst, wenn ich verrate, wo genau es zu finden ist, und was es mit dem Gerüst auf sich hat:



Dort lagerten in der Bäckerei die Kaffeestollen, die eigentlich Marzipanstollen heissen sollten, so wie sie schmecken. Lagerten, weil das Schild erst sichtbar wurde, als ich die Stollen abräumn liess.

Das sind so die Momente, da liebe ich meine Heimat heiss und innig. Kann sein, dass die Medien untergehen, aber diese Bäckerei gibt es länger als den Buchdruck, und diese Einstellung werde ich mir bewahren.

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Blödsinn der Woche, Nerd Version

Mit ähnlich aussehenden Rokokodamen die eigene Bloglist in Öl und Leinwand ersteigern -> Ich.

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Samstag, 8. Dezember 2012

Also bitte

Es kann keinen Zweifel geben: Die Sonne scheint.







Und es ist auch nicht zu bestreiten, dass der Himmel blau ist. Silbrig kaltblau, aber blau.







Ausserdem ist die Strasse wirklich trocken wie die Verabschiedung eines FTD- und bald auch anderen Redakteurs.







Und obendrein, das muss man sagen, wäre es doch schade, das schöne Rad jetzt, wo alles schnurrt, nicht nochmal auszuführen.







Und ausserdem, wer braucht schon Zehen?

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