: : : denn sie wissen nicht was sie tun sollen : : :

Montag, 9. März 2020

Es sind die kleinen Dinge

Wie schon mal erwähnt, der Übergang meiner Blogs von der FAZ zur Welt vor zwei Jahren war für mich keine gosse Sache: Ich bekam eine längere Mail von der FAZ, und während ich noch nicht einmal wusste, was genau die wollten - die Botschaft war im letzten Absatz verborgen und auch nur so mittelklar in ihrer Intention - hatte ich schon das Angebot, zur Welt zu wechseln. Dort sah ich die Paywall zuerst als drohendes Elend, aber inzwischen erspart sie mir, würde ich sagen, 75% der Shitstorms und jede Menge üble Nachrede.



Mir ist klar, dass das manche ausschliesst, weshalb sich hier jetzt auch wieder ein wenig die Vorhänge heben. Die wichtigen Grundinformationen zu COVID19 bringe ich auch bei Twitter, weil vieles in Deutschland kaum in den Medien steht. Aber nach den zwei Jahren ist es vielleicht ganz interessant zu sehen, wo ich gerade so stehe. Das hier war bei der FAZ der letzte Beitrag, bevor es etwas lauter wurde, und er kam auf über 60.000 Klicks und 645 Kommentare. Er war damit überdurchschnittlich, 40.000 Klicks und 400 Kommentare sind in der Spätphase bei der FAZ normal gewesen. Nach einem Tag bei der Welt sieht ein sehr gut laufender Beitrag jetzt so aus.



Ja, ich weiss, die Kommentarsoftware ist immer noch eine Pest und ich weiss auch, dass in anderen Bereichen der Welt zu rigide eingegriffen wird - letzthin hat mal jemand einen Ausschnitt meines Beitrags im kommentar zitiert und wurde dann gelöscht. Aber ich kümmere mich darum und die Löschquote liegt momentan bei 0,3%. Was man bei der Welt nicht sieht, sind die Klickzahlen, aber ich kann sagen: Obwohl der Beitrag hinter der Paywall liegt, waren es deutlich mehr als bei der FAZ. Und die Verweildauer ist, obwohl die Beiträge deutlich länger sind, so an die 15000-18000 Zeichen, sehr gut. Die Leute lesen das wirklich, und diesmal hat der Beitrag auch sauber Abos verkauft, im Bereich mittlerer Zweistelligkeit: Keiner von den Neuen hat sich beschwert, das hätte sich jetzt nicht gelohnt - was ansonsten immer so eine Urangst ist.



Sieht nicht o aus, als böte ich zu viel Anlass zur Unzufriedenheit auf allen Seiten. Es geht voran. Eventuell überleben Medien doch im Internet, und die kommenden Wochen, wenn hier die Bewegungsfreiheit eingeschränkt wird, werden zeigen, wie es sich ohne Papier so ausgeht. Die FAZ kommuniziert nicht umfassend, wie es bei F+ so läuft, aber man wird sehen, wie sich das entwickelt. Eine Art Ersatz für mich in Sachen Aktivität sehe ich da jedenfalls bislang noch nicht.

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Freitag, 6. März 2020

Dinge, die der Geschichte egal sein werden

Ich habe das studiert: In 500 Jahren kommt niemand und sagt, ah, schön, sie haben sich zurückgehalten und immer nur das Schlichte genommen, sie warteten geduldig auf das Ende und richteten ihre Gedanken auf die Ordnung ihrer Dinge - Quatsch! In 500 Jahren kommen die Archäologen, die meisten sind jung und werden von der Arbeit schlank und sexy, und wenn sie die Überreste der Leichen im blauen Müllsack oder in der Obstkiste in den Bauwagen getragen haben, grillen sie davor und denken gar nicht mehr an das Tagwerk in der Leichengrube. sondern an ganz andere Dinge. So ist das Leben, wenn die Knochen im Bauwagen liegen.



Wenn ich irgendwas im Studium gelernt habe, neben Grabfeldanalysen, etwas Allgemeinbildung und Sterbetabellen auswerten und einer längeren Arbeit über historische Seuchen, dann ist es das: Niemand interessiert sich wirklich dafür, wie man gelebt hat. Mit ein paar Jahren abstand gibt es für den Prasser nicht weniger Schulterzucken als für den Sparsamen, der Sexbesessene wird genauso apathisch betrachtet wie der Beichtbruder. Ruf ist nur das, was die Leute sagen, die selbst noch nicht unter der Erde sind, und wenn sie es sind, hat sich das auch mit dem Ruf.



Sicher, mitunter kommen einem selbst auch Zweifel, ob es das Stückerl Strudel noch sein muss, und ob man diese eine verschnörkelte und jetzt nicht absolut geschmackvolle Kanne wirklich braucht. Aber es tut keinem weh, die Kalorien gleichen sich zwischen Null beim Tee und Vielen beim Strudel aus, und ein wenig Fett ist auch nur Preppern am eigenen Körper. Also nicht darüber nachdenken, was an Giftspritzen in diesen Moraltagen der Seuche aus den Löchern kriechen mag. Nehmen, was man kriegen kann.

Es gibt einem sonst keiner.

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Dienstag, 3. März 2020

Ohne Sex und Alkohol, mit Pollen und Viren

Was haben die Leute früher gemacht, als es Winter war, als es kalt war, als es ständig dunkel war?

Sex, Saufen, Kartenspielen und Handwerk. Es ist wirklich so, denn mit wärmendem Alkohol kam man gut über den Winter, war zudem enthemmt, und es gibt historisch belegbar eine Geburtenschwemme gegen Oktober, wenn die Erntearbeiten vorbei waren. Wie man vielleicht weiss, trinke ich nicht, vertrete aber liberale Positionen beim Sex - nur momentan nicht. Ich glaube, man ist gut beraten, momentan für ein paar Monate auf Sex mit weniger gut Bekannten zu verzichten. Das ist einfach zu viel Kontakt. Kartenspielen ist nicht so meins, bleiben also: Handarbeiten.



Da kommt man keinem zu nah, speziell nicht auf dem Schrottplatz in der frischen Luft, und in meiner Werkstatt. Über den Winter kam viel rein, was noch auf Retaurierung wartet - natürlich nichts wie dieser hübsche, unzerstörbare Dynamo an einem Damenrad, sondern Sportgerät. Beispielsweise Mountainbikes und Systemlaufräder für Rennräder. Die sind halt etwas anfällig, manchmal bricht die hintere Naben und manchmal verzieht sich die vordere Felge: Also gibt es auf dem Schrottplatz haufenweise Paare, die nicht passen. Aber ich habe seit langem ein Viner Evolution, das ich nur gebaut habe, um ein paar Reste unterzubringen, und um zu zeigen, was unter 200 Euro geht. Da waren die klassischen Laufräder relativ teuer, und nun bekam ich ein ungleiches Paar, Shimano 550 hinten und Citec Air vorne, für 10 Euro. Nur die sehr unterschiedlichen Aufkleber störten. Aber deren Entfernung ist keine grosse Sache, und jetzt sieht es so aus:



Jetzt passen auch die hohen Felgen zum Rahmen. Das sind so die kleinen Freuden in einer Zeit, da man ahnt, dass es böse enden wird, und die Frage ist nur noch: Wie böse. Da wissen wir alle ungefähr gleich wenig, aber der Umstand, dass man in Südtirol 1 Infizierten mit Corona gefunden hat, aber 4 Feriengäste in Südtirol haben den Virus mitgebracht - das gibt zu denken. Wir wissen wirklich nicht viel, und das macht die Sache so problematisch. Bei einem Laufrad kann ich die Speichen prüfen und sagen: Wird schon halten. Tut es dann auch meistens. Aber das hier ist nun mal eine andere Kategorie, und zum ersten Mal seit 15 Jahren werde ich vermutlich eher nicht den Frühling in Italien verbringen. Hallo Pollen, hallo Heuschnpfen.



Das wird wenig erbaulich, vielleicht lasse ich mir ein Trikot mit der Aufschrift besticken: JA MEINE AUGEN TRÄNEN NEIN ES IST NICHT COVID19 NUR DER HEUSCHNUPFEN. Ich werde es, sofern ich in diesem Mastjahr rausgehen kann, brauchen. Glücklicherweise haben wir wenigstens Klimaerwärmung: Frühblüher sind jetzt schon weg, Erle ist gerde da und den Rest schaffe ich auch noch. Oder ich sitze halt in der Werkstatt, werde fett, womit das Entfallen von Sex auch nicht mehr so schlimm ist, und schraube an Rädern und Beiträgen. Ohne italienische Sonne.

Ernsthaft. Was soll das alles? Das habe ich alles nicht erwartet.

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Samstag, 29. Februar 2020

Seuche statt Beben

Das letzte grosse Erdbeben in Oberitalien war vor über 400 Jahren, und es war eine mehr als hässliche Erfahrung: Nach dem ersten Beben hatte man ein paar Jahre Zeit, alles wiederaufzubauen, und dann kam das zweite, genauso schlimme Beben. Zum Glück hatten manche Städte damals aber schon sicher gebaut, und zwar so sicher, dass das Gemäuer auch 2012 nochmal gehalten hat. Ferrara stand recht gut da, aber ein par Dörfer weiter sanken Bauten des 20. Jahrhunderts in Schutt und Asche nieder.



Für den neuen Beitrag in der Welt, der sich noch einmal umfassend mit den Tücken des italienischen Medizinsystems auseinander setzt, habe ich ein paar Bilder aus der damaligen Zeit gebraucht. Dafür musste ich die SD-Karte einlegen, die ich eigentlich nicht so gern durchschaue - es ging mir damals nämlich nicht sonderlich gut. Es war 2012 nicht schön, das Land in so einem Zustand zu sehen, und bei ein paar Bildern sagte man auch bei der FAZ, dass sie etwas zu hart seien. Die Zeit hat sich bei mir so eingeprägt, dass ich auch nach 8 Jahren noch weiss, wo in dem einen riesigen, 8GB grossen Ordner welches Bild sein muss, aber es ist keine schöne Prägung.



Wir haben damals öfters, weil es nichts Vergleichbares gab, über das alte Beben gesprochen, und dass ich wohl diesmal, wenn alles fertig wäre, wieder kommen müsste, um den nächsten Niedergang abzulichten. Aber wie man sieht, Geschichte macht es einem bei den Wiederholungen nicht so einfach, und jetzt könnte man in Italien praktisch alles buchen: Die Seuche ist da, und die Touristen schauen, dass sie, mit Virus oder ohne, über den Brenner nach Hause kommen. Zurück bleibt ein Land, das damit überhaupt nicht gerechnet hat. Und die üblen Nachrichten reissen gerade nicht ab.



Und für mich macht es diesmal keinen Sinn, dorthin zu fahren. Mehr als Strassenposten und Kliniken von Aussen könnte ich auch nicht ablichten. Die Italiener informieren wirklich zum ersten Mal seit dem Beginn des Virus richtig umfassend, und nicht mit Lügen wie China oder der Iran. Es gibt also keinen Grund, sich selbst in Gefahr zu begeben. Ein Erdbeben, eine Flut, ein Feuer kann man kalkulieren, aber einen Virus? Ich will hier gar nicht weiter in die Tiefe gehen, warum das alles noch deutlich schlimmer wird. Nur eines ist klar: Diesmal komme ich wahrscheinlich nicht. Ich mache das, wenn überhaupt, von Deutschland auch. Was überhaupt nicht meine Art ist.



Aber auch so wird das alles vermutlich ein Megaexperiment in Sachen Home Office, denn ich glaube nicht, dass es in Newswooms gerade viel sicherer als in Bussen und Zügen ist. Am Rande, mein Beitrag wurde schon von der Realität eingeholt: Den ersten deutschen Flixbuserkrankten gibt es mittlerweile auch schon. Also dableiben und allen Freunden in Italien sagen, dass man sie liebt, und sie gut auf sich aufpassen sollen.

Trotzdem ist da dieses Gefühl eines Verrats, klein und schäbig.

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Freitag, 28. Februar 2020

Ich liebe Italien, aber nicht das Gesundheitssystem

Wohin geht man in Deutschland, wenn man richtig krank ist? Zum Arzt.

Wohin geht man in Italien, wenn man richtig krank ist? Erst mal nicht zum Arzt, das Gesundheitssystem in Italien ist nicht sonderlich gut, es gibt wirklich scheussliche Krankenhäuser, und Termine sind auch nicht so leicht zu bekommen. In Italien googelt man eher, geht in die Apotheke und kauft dort, was einem der Apotheker empfiehlt.

Das ist anonym, man kann es im Zweifelsfall sogar über einen Mittelsmann machen, und die Rezeptpflicht wird oft durch das Versprechen ersetzt, man habe das Rezept daheim vergessen - sofern man überhaupt danach gefragt wird. Ich mache das auch so, nachdem mir mein Hausarzt in Deutschland ein Atemmitel verschrieben hat, gegen das ich allergisch bin, und ich in italien Ventolin problemlos bekomme. Warum soll ich eine teure Stunde unter Kranken im Wartezimmer sitzen und dann eine deutsche Winzdosis mit langen Ermahnungen erhalten, wenn es auch so geht, Anhalten an einer Apotheke und kaufen für 3 Euro?



Das alles ist ziemlich harmlos, Italien hat halt einen Teil der Gesundheitsvorsorge an die Apotheken ausgelagert, und deshalb gibt es dort auch so viele. Bei den kleineren Problemen kann der Arzt auch nicht mehr tun, als irgendwelche Mittel zu verschreiben, die man in Deutschland ohne Konsultation nie bekäme. In Italien verkauft das halt der Apotheker, und wenn man Italiener kennt, dann sagen sie einem auch, welcher Apotheker besonders abgabefreudig ist. Meiner in Staggia zum Beispiel ist es überhaupt nicht, da wird wirklich nur nach Rezept verkauft. Aber der ist eine Ausnahme, und als ich Ende Januar in Modena war, bekam ich auch ein *besonders gut wirkendes* Mittel gegen meine Erkältung.

Das heisst, man kommt in Italien deutlich länger um einen Besuch beim Arzt herum, als in Deutschland. Und wenn die Erkrankung Grippe gleicht, und man ein Mittel bekommt, das die Symptome reduziert, mag es sein, dass eine Infektion mit dem Coronavirus erst mal gar nicht besonders auffällt: Der Arzt wird nicht gefragt, das Krankenhaus wird nicht aufgesucht, es fühlt sich für viele auch nicht schlimmer an. Mit dieser italienischen Eigenheit kann man vielleicht erklären, waum in den letzten 72 Stunden die Lage ausser Kontrolle geraten ist: Sie war nie unter Kontrolle. Jetzt merkt man das eben, weil doch viele zum Arzt gehen.



Das ist übrigens auch ein Klassenproblem, denn in Italien gibt es viele Leute, die sich nicht mehr als den staatlichen Grunddienst leisten können - alles, was darüber hinaus geht, muss bezahlt werden. Clandestini, nicht oder nur teilweise erfasste EU-Migranten und abgelehnte Flüchtlinge fallen zudem auch aus diesem System heraus. Für die gibt es an manchen Orten Notfallkliniken in privater Trägerschaft, oder eben den Apotheker. Und diese Leute haben auch ihre Gründe, das normale System zu meiden.

Das sind dann auch diejenigen, die bei Reisen Methoden bevorzugen, bei denen keine Registrierung im klassischen Sinn nötig ist. Das sind dann halt keine Fluggäste und auch eher nicht Zugfahrer, sondern diejenigen, die den Flixbus direkt und bar beim Busfahrer bezahlen. Oder halt all die anderen Busse, die zwischen Deutschland und Italien verkehren. Es gibt ja noch genügend private Kleinunternehmen, die das auch machen, und als ich das mal benutzt habe, hat uns auch niemand kontrolliert. Und selbst wenn man als Nicht-EU-Ausländer kontrolliert wird: Nach allem, was man so hört, ist es in Italien nicht wirklich schwer, deutsche Dokumente aus dem dysfunktionalen Asylsystem zu bekommen. Wer mit dem eigenen Auto aus Italien kommt, wird ohnehin nicht angehalten, egal ob Deutscher oder Italiener. Die Deutschen können das wegen der fehlenden Grenze zu Italien bei den Deutschen nicht einmal feststellen.



Da kommen also zwei Dinge zusammen: Ein Gesundheitssystem, das bei einer grippeartigen Erkrankung von der grossen Mehrheit unterlaufen wird, weil es geht, und sogar von vielen unterlaufen werden muss. Und offene Grenzen ohne Registrierung der Reisenden.

Israel steckt Einreisende aus Italien 14 Tage in die Quarantäne, Deutschland verteilt freiwillig auszufüllende Aussteigerkarten - wenn man sie gedruckt haben wird. Der enorme Anstieg der Fälle in Italien, und der Umstand, dass reisende Menschen aus Italien gerade in vielen Länder als erste Coronafälle auftauchen, müsste eigentlich zu denken geben, und das oben Gesagte sollte dabei in die Enscheidungsfindung einfliessen. Was sich in Italien jenseits des Gesundheitssystems speziell bei Jüngeren und Ärmeren und Unregistrierten abspielt, ist nicht abzuschätzen. Deshalb haben auch so viele in Italien Angst vor den Zuständen in Mailand, wo es auch viele Ecken gibt, die der Staat mehr oder weniger aufgegeben hat, und in denen Menschen ohne die jetzt eigentlich nötigen, sanitären Einrichtungen leben. Bis zu meinem Erdbebeneinsatz konnte ich mir das Ausmass auch nicht vorstellen, aber dann war ich in ein paar Lagern für Pakistanis und Afrikaner: Schon damals hatte man Angst vor der Ausbreitung von Seuchen in all den Ruinen, die immer noch als illegale Unterkünfte benutzt werden. Diese Leute sind auch diejenigen, die wegen fehlender sozialer Bindungen als erste die Regionen verlassen, in denen es kritisch wird. Das war so beim Erdbeben in Oberitalien, das wird jetzt auch nicht viel anders sein. Tests kann man bislang nur bei Menschen machen, die den Test haben wollen. Das dafür nötige Bewusstsein kann man bei denen, die von der Hand in den Mund leben und Taschentücher auf der Strasse verkaufen, wahrlich nicht erwarten. Und diese Leute sind die grosse Unbekannte bei den Zahlen aus Italien. Und warum sollte sich auch der aus dem System Gefallene im Alter von 25 dafür interessieren, was sein Schnupfen 2 Wochen später bei einem deutschen Rentner bewirken kann.

(Ich schreibe das hier auf der Probebühne, weil ich bei der Welt mit diesen Überlegungen vermutlich nur zur Panik beitragen würde, und um danach sagen zu können, schaut her, das hätte man in Deutschland bedenken müssen. M.E. bräuchte man rigide Grenzkontrollen schon in der Schweiz und in Österreicht, den wie schlimm es in Oberitalien wirklich ist, weiss noch niemand.)

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Dienstag, 25. Februar 2020

Wuhan-Milano-Berlin

Du hast ein Auto? Gut, sehr gut, Du hast eine gefilterte Frischluftkapsel mit filtern und hoher Reichweite, die Du selbst lenken kannst. Nebenstrassen sind Deine Freunde.



Du hast nur einen Flixbus, eine S-Bahn, einen Zug, eine U-Bahn, in der sich alle drängeln? Das ist schlecht. Dann steht man in der Pampa und wird vielleicht zwangsuntersucht. Handschuhe sind auch nicht verehrt, man weiss da drin nie, wen man anfasst.

Du wohnst auf dem Dorf, der nächste Mensch ist etwas weiter weg und die Luft ist ohne Schadstoffe? Sehr gut, das hält die Lungen auf Trab, und senkt das Infektionsrisiko. Am Tegernsee sind nur 177 Menschen auf dem Quaratkilometer Heilklimaregion. Immer schön lüften.



Du bist in der Metropole, in einem Büro mit Klimaanlage, in dem man die Fenster nicht öffnen kann, mit der zuläsigen Minimalfläche im Grossraumbüro? Hoffentlich werden die Griffe der Kaffemaschine und Türen immer desinfiziert. Vielleicht hast Du noch Urlaub und besuchst Deine Eltern in der Provinz.

Du bist reich? Heb ein paar Tausend Euro ab, tank Dein Auto voll und den Reservekanister, lass die Arbeit bleiben, und stell die Küche mit haltbaren Lebensmitteln voll, und überlege Dir, welcher Wohnsitz gerade der beste ist.



Du bist arm? Puh. Spring über Deinen Schatten und frage Freunde um Hilfe.

Du hast Familie? Pass gut auf die Alten auf, und wenn es geht, hole sie rechtzeitig aus den Gefahrenzonen. Mache ich auch. Erst die Familie und die Freunde. Dann alles andere.

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Freitag, 21. Februar 2020

Eine einfache Frage

Ich bin zwar alles andere als ein Katholik, aber in einer erzkatholischen Umgebung gross geworden. Ich wohne sogar in einem ehemaligen Jesuitenseminar und sammle deren Bücher. Daher kenne ich die Katholiken und ihre Strategien, ohne einer zu sein.

Ich bin zwar alles andere als ein AfD-Wähler, aber diese früher katholische Stadt ist eine ihrer Hochburgen. Leute, die ich kenne, und bei denen man das nie gedacht hätte, wählen AfD. Daher kenne ich die Partei und die Denkweise ihrer Anhänger, ohne einer zu sein.



Schauen Sie, der Katholizismus war lange in einer kaum lösbaren Dauerkrise, und seitdem es die lutheranischen Ketzer gab, schien die Dominanz verloren. Verbote, Verfolgungen, rigide Unterdrückung, das alles funktionierte nicht mehr, die Methoden allein konnten die Menschen umbringen, aber nicht die Ideologie. Deshalb begriff der Katholizismus, dass er im Wettbewerb ist, und den Menschen Angebote machen muss, jenseits von Angst, Leid, Tod und Höllenqualen. Besuchen Sie eine katholische Rokokokirche, Sie werden irgendwo einen kleinen Teufel finden, und ansonsten Glanz, Gold und Gloria. Selbst Marterung ist spielerisch in den Hintergrund gerückt. Der Katholizsmus verspricht, dass für den Gläubigen eine ganze Menge drin ist, wenn er nur brav mitzieht. Pralle Kinder, geile Frauen, Wohlstand, Prunk, Party. Die Fresken der Kirche nebenan, die zum Seminar gehörte, müsste in Berlin abgedeckt werden, so geht es dort zu.

Komm rüber, sagt der Katholizismus, wir haben Platz für alle, wir sind alle nur kleine Sünderlein und wir verstehen es ja, wenn jemand über die Stränge schlägt - es gibt bei uns nichts, was man mit Beichte und Stiftung nicht klären könnte. Wir bieten was für das Geld. Da, wo die Protestanten ihre Ursünde präsentieren, hängt der Katholizismus einen goldenen Vorhang drüber und, schau mal, ein nackter Engel dort drüben und da, alles Marmor! Ist es nicht schön? Der Katholizismus war opportunistisch, anpassungsfähig, und hatte keine Angst vor dem Suhlen in Niederungen, die er 200 Jahre früher noch mit allen Mitteln ausgerottet hätte. Nun ja.



Der AfDler dagegen bekommt gerade etwas anderes zu sehen. Der AfDler als Abgefallener, als Ausgeschlossener, der sich aber nicht im Unrecht sieht, erlebt gerade, wie es jenen ergeht, die um Wiederaufnahme in die Gemeinschaft der Gläubigen bitten. Die Demonstrationen gegen Lucke in Hamburg wurden von einem SPD-Mitarbeiter orchestriert und von einer Grünen überhaupt erst möglich gemacht, weil man darauf verzichtete, die Antifa mit Staatsgewalt in die Schranken zu weisen. Nach der Wahl von Kemmerich in Erfurt brachte es Lindner überhaupt nichts, dass er sich sofort distanzierte: Der volle Hass der linken Parteien brachen über ihn herein, auch mit dem erklärten Ziel, die FDP aus der Hamburger Bürgerschaft zu verdrängen. Und gestern, siehe oben, wurde die FDP sogar gehindert, ihre ehrliche Betroffenheit zu zeigen.

Und niemand hilft ihr. Die FDP ist auf verlorenem Posten, denn sie ist klein, sie hat sich entschuldigt, und sie lernt jetzt, dass es aber keine Vergebung gibt: Wenn sie im Bund rausfliegt, ist der Weg für R2G im Bund offen. Also wird man alles tun, was möglich ist - und im Moment sind sogar Listen durch Zwangsgebührenkomiker bei Twitter möglich, die woanders als Todeslisten gälten - um die FDP klein zu halten. Die FDP bekommt momentn deutlich mehr ab, als man es vor vier Jahren in einem zivilisierten Rechtsstaat noch für möglich gehalten hätte. Sie kann nicht anders, als die Tagen und Wochen am Pranger zu ertragen, und muss hoffen, dass es irgendwann vorbei ist. Mit Verlaub, ich kenne den Mob persönlich: Es wird nie vorbei sein. Es geht um die kulturelle Dominanz der Linken, da ist die FDP ein viel zu saftiges Opfer.



Die Anhänger der AfD bekommen nach dem entsetzlichen Anschlag von Hanau gerade einen Vorgeschmack auf das, was ihnen droht, wenn sie mal schutzlos sein sollten. Obwohl der Fall bislang nicht direkt (und m.W. auch nicht durch die Täteraussagen indirekt) mit der AfD zu verbinden ist, wird momentan alles gegen sie gefordert, was irgendwie rechtlich denkbar ist - und das nur von den demokratischen Parteien im Bundestag. Die Stimmung im Netz ist nochmal deutlich problematischer, und mitunter auch für Nicht-AfDler klar jenseits dessen, was moralisch vertretbar wäre. Es ist völlig klar, dass an dem Tag, da die AfD aus den Parlementen fliegen würde, bei den Gegnern die Überzeugung vorherrschen würde: Erst maximaler Druck, auch mit fragwürdigen Methoden, hat die Leute davon abgehalten, die AfD zu wählen. Das ist der richtige Weg, so kriegen wir sie klein.

Würden die Politiker dann aufhören und verzeihen? Ich habe da so meine Zweifel, weil ich öfters mal den Hass auf frühere Piraten miterlebe, die Grünen und SPD ihre Verletzlichkeit vorgeführt haben. Würden die Medien aufhören? Und damit ihre Dominanz aufgeben? Sicher nicht, die würden das als Gelegenheit nehmen, jetzt den Staat so umzubrüllen, damit so etwas nie wieder passieren kann: Sicherheitsgesetze, Frauenquoten, Verbote, Kontrolle, Definition undenkbarer Wörter - immer mit dem Schlachtruf Nie wieder, auch wenn das mit freiheitlicher Demokratie nicht so arg viel zu tun hat. Würde der anonyme Mob im Netz dann aufhören? Garantiert nicht. Da sind so viele Zukurzgekommene dabei, die scharf auf Beute sind. Es ist also kein glänzendes Rokoko, das dem AfD-Wähler im Falle der Einsicht versprochen wird, sondern maximale Bedrohung und die Bestätigung seiner Sichtweise, dass dieses System ihn und seine Wertvorstellungen zerstören will. Wenn man eine Stunde bei Twitter ist, kann man sich dieses Eindrucks wirklich nicht erwehren. Da macht die eine Seite die früheren Verschwörungstheorien der anderen Seite wahr.



Man wählt ja, damit etwas für einen herauskommt, oder wenigstens, um etwas Schlimmeres zu verhindern. Ich nehme an, dass es für die AfD-Anhänger schwer ist, irgendwo einen Anknüpfungspunkt zu finden, der sie überzeugen könnte, dass sie auch nur davonkommen, so aufgeheizt und undifferenziert ist inzwischen die Stimmung. Und mit einer AfD in den Parlamenten - so eklig ihr Malbuch auch gewesen sein mag - hat der AfD-Wähler jemand, auf den sich dieser ganze Hass richtet. Er kann Leute bestimmen, die sich das alles antun, und steht dann selbst nur in 3. oder 4. Reihe. Wo steht man, wenn die Partei aus den Parlamenten fällt? Aus dieser Angst heraus funktionierten Sekten im Kampf gegen die katholische Kirche, so funktioniert Zusammenhalt gegen eine als feindlich empfundene Umwelt, und so bin ich mir gar nicht so sicher, ob die AfD am Sonntag in Hamburg aus der Bürgerschaft trotz ihrer miserablen Leistung fliegt.

Ich bin kein Prophet, ich bin nur jemand mit einem zynischen Geschichtsbild und Erfahrung mit politischen Sekten. Die Steinzeitkommunisten bei uns im Bürgerfunk haben den Grünen schliesslich, weil es um Enfluss und Schutz ihrer Pfründe ging. die teure Sause mit den Journalisten im französichen Lokal verziehen. Daher würde ich momentan keiner Umfrage trauen, was die Werte der Parteien angeht, für deren Nennung man eventuell ein Risiko eingeht.

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Dienstag, 28. Januar 2020

Unqualifizierte Mutmassung

Sicher - in allen Städten gibt es Verluste. Die kleinen Delikatessenläden. Die Schreibwarengeschäfte. Die Damenausstatter mit den massgeschreinerten Inneneinrichtungen in dunklem Holz. So einer hat gerade die Schränke abgebaut, als ich in Mantua war. Un es gibt leider auch Strassenzüge mit enorm viel Leerstand.



Trotzdem habe ich den Eindruck - er mag von der guten Hoffnung getrübt sein - dass bei der grossen Krise, die nun schon 12 Jahre dauert, das Schlimmste vorbei ist. Es machen neue Geschäfte für ein Publikum auf, bei dem das Geld recht locker sitzen muss. Solche "Nein wir verkaufen den Essig nicht in einzelnen Flaschen, Sie müssen schon beide nehmen und die kosten dann über 100 Euro"-Läden, die es nicht geben würde, gäbe es nicht auch diese Kundschaft. Die Strassen der Altstädte sind voll, und ich habe übrigens auch meinen Teil dazu getan, dass dort auch Umsätze entstehen. Es war in einem Restaurant der oberen Mittelklasse in einem kleinen Städtchen an einem Montag Abend recht voll. Das sind alles gute Zeichen, dass man sich wieder mehr leistet. Und das, obwohl die Abwertung von Immobilien weiterhin wie ein Damoklesschwert über Schuldner und Banken hängt.



Es ist sicher noch nicht alles gut, und es bleiben enorme Probleme, aber mein Eindruck ist, dass man sich mit den Risiken langsam arrangiert hat. Es wirkt nicht mehr alles so grau und unlösbar wie vor ein paar Jahren. Die Strukturprobleme des Landes und seiner Wirtschaft sind nicht gelöst, aber Parmesanexporte gehen wohl immer, wie auch der Tourismus. Das ist schon mal was. Das ist auf jeden Fall mehr als nach dem Ausbruch der Krise und dem Erdbeben.

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