Textraum

Es ist nicht so, dass ich nicht auch schon in Redaktionen gearbeitet hätte. Tatsächlich habe ich im Feuilleton der FAZ auch drei Beiträge geschrieben, und im Newsroom der Welt habe ich gechattet. Aber ich denke, das Geheimnis meines Erfolgs ist, dass ich weit, weit weg von den Kollegen bin. Und von Räumen, in denen praktisch alles so ist, wie der Arbeitgeber will. Wo man nur zu Gast ist, und nichts wirklich selbst bestimmen kann. In der New Economy war das noch schlimmer, da gab es noch nicht einmal fest definierte Plätze. Gross, licht und gemeinschaftlich musste alles sein, und jetzt wird neben dem Lärm auch das Virus geteilt. Weshalb nun das Gegenteil gilt, und überall Kollegen im Home Office sind. Also dort, wo ich generell bin.



Es ist halt immer eine Frage, wie dieses Home aussieht, und wie gross es ist. Ob man Zimmer und Sitzplätze wechseln kann, ob der Blick aus dem Fenster schön ist, oder ob man im Sommer auch draussen sein kann. Ich habe letztes Jahr festgestellt, dass man mit einem Strommodem sogar bis in den Innenhof kommt, was bei einer Totalsperre sicher noch gute Dienste leisten wird. Generell muss man sich hier nicht zusammenreissen, man kann hemmungslos wüsteste Beschimpfungen artikulieren und eine Grimasse ziehen, man kann den Bildschirm anschreien und so Ärger abbauen. Man muss halt mit den Freiheiten umgehen können. Und das eigene Home mögen. Dann klappt es. Nur glaube ich, dass viele Kollegen kein besonderes Verhältnis haben: Man mietet halt was, das man als Stützpunkt benötigt. Jetzt hat man nur diese Zelle, und alles andere wird verboten, gestrichen, geschlossen. Selbst zum Hamstern dürfte oft nicht genug Platz sein. Und das alles vielleicht auf 30m², und raus darf man nur zum Einkaufen... das wird schwierig. Ich kann wenigstens zwischen zwei Wohnungen wechseln. Und habe ein Trainingsrad im Innenhof, gegen den Lagerkoller. Ich brauche das, ich schreibe nur mit guter Laune schöne Geschichten. Die anderen - ich würde mich nicht über ein paar besonders vermieterhassende Beiträge bei Relotius Online wundern. Es kommt halt viel gerade zusammen, und gerade in meinem Bereich der Medien sieht es wirtschaftlich nicht so gut aus. Besonders in den Innenbezirken von Berlin fordern viele ein Corona-BGE. Wenn sie es nicht kriegen, wird es laut in den Zimmerbüros. So war das in der Metropole alles nicht geplant, und Silberkannen haben sie auch nicht.

Montag, 16. März 2020, 22:26, von donalphons |