: : : denn sie wissen nicht was sie tun sollen : : :

Montag, 17. Juli 2006

Schwabing for the masses

Wir kennen das Eck ja noch von ganz ganz früher. Da gab es noch ein Parkcafe, in das man gehen konnte. Und auf der anderen seite noch einen Metzger in der Türkenstrasse. Schwabing und besonders die Maxvorstadt hatte in den späten 80ern, so lang ist das schon her, eine gewisse Spannbreite. Es war sehr anders, das Refugium für schräge Vögel, Rentner, Nachtschwärmer und Studenten, die 18 Semester als völlig normal ansahen. Das war nicht immer friedlich, wenn wir mal etwas lauter waren, um 12, und dann Dialoge an der Wohnungstür geschahen wie: "Sie geben mir so-fort die Telefonnummer Ihres Vermieters! Können Sie haben! 089 2xxxxxxx! Nacht! Türenrummsss, Kicher, Telefonklingel, Jaha? Oh, Frau Wolf, so spät, was kann ich für Sie tun? ... Wieso ich Ihnen meine Nummer...? Nun, ich vermiete an mich selbst, es ist meine Wohnung, Sie wissen ja, wir jungen Drogenhändler müssen unser Geld irgendwie, und so, und jetzt möchte ich mit den drei jungen Frauen nicht mehr gestört werden..."

Nun, Frau Wolf, die nur gemietet hatte, fiel eines (wettertechnisch) schönen Tages tot um und erlebte so nicht mehr, wie sich das alles verändert hat. Denn die Rentner hat man hier erfolgreich rausgekegelt, von ein paar Honoratioren abgesehen, die ihre sagenhaften Penthouse-Wohnungen gekauft haben, oder das Flat nur für Opernbesuche nutzen. Ansonsten sind hier nur junge und mittelalte Leute, wie überhaupt in diesem kleinen Bezirk. Es ist alles sehr gleichförmig, die glatte, homogene Mischung schlägt sich auch in den Läden nieder, von der alten Vielfalt ist nur noch wenig da. Statt dem Metzger gibt es einen weiteren Murr, die Bäcker sind Ketten, Antiquariate verschwinden und Modernes Antiquariat kommt, Antiquitätenhändler werden durch Antique Shops ersetzt, und unsere Glühbirnen für die Provinz kaufen wir im Leuchtmittelladen in der Türkenstrasse, damit zumindest dieser eine Laden noch etwas überlebt. Manchen kuriosen Ladenbesitzern gehört das ganze Haus, und das Geschäft ist nur noch Nostalgie der alten Herrschaften, die eigentlichen Einnahmen kommen aus Vermietung an die angrenzende Boutique, die meistens keine 2 Jahre überlebt.

An einer dieser grossen, leeren, international üblichen Boutiquen für das gestandene Schwabinger Luxusgeschöpf nun ist dieses Plakat, das zeigt, wo wir angekommen sind.



Hüpfburg, Oldies, eine Hip Hop dance Group, und das alles bei einem Wirtefest. Sehr einzigartig, sehr anders, das alles. Als ob dieses Strasse noch sowas wie Wirte hätte. Weiter unten heisst ein Cafe "Soda". Kann es Wirte geben, die ein Lokal "Soda" nennen? Warum nicht gleich "Anja Anorexia"? Wir haben keine Wirte mehr, die sind Investoren, die etwas ausprobieren, und was weggeholzt ist, kommt nie wieder, dafür tritt das nächste mittige Business an. Es werden Schneisen geschlagen in den Mikrokosmos, man setzt die Pumpe an und füllt die Lücken mit international bullshit für die Touristen, die schnell noch irgendwo einen Cafe trinken und denken, das ist Schwabing. Könnte aber auch Hamburg sein, Brest, Manchester, oder Moskau. Die Buggyschubserquote ist hoch, die Abwechlung selten, und auf einmal fällt uns auf, dass die meisten Häuser hier nicht wirklich besonders tolle 60er-Jahre-Bauten sind. Es kommt darauf an, was man drin macht.

Wer hier am Sonntag schnell was zum Essen kaufen will, wird Probleme haben. Das türkische Restaurant, in dem eine Seite von "Liquide" spielt und die ein Fladenbrot zum hinknien hatten, existiert nicht mehr. Irgendwann werden sie das alles überdachen und die luxuriöse Maxvorstadt Mall draus machen. Und ein Freund vom Vetter eines hohen Tieres, der mit der Staatsregierung und der Stadt kann, verdient sich an den Parkplätzen dumm und dämlich.

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Freitag, 14. Juli 2006

34° C

Bei aller Liebe, aber heute Nachmittag war die Dachterasse ein kleines, rotglühendes Tschernobyl: 34 Grad bei Windstille.



Die Aktivitäten werden noch mal zwei Stunden nach hinten gelegt, solche Tage kann man eigentlich nur verschlafen. Die Gartenparties des Wochenendes wurden heute auf den Abend verlegt, was gerade am Sonntag keine so gute Idee, ist, da ist nämlich die grosse Nacht der Chöre in den schönsten Kirchen der Provinzstadt. Man wird sich also entscheiden müssen, wenngleich die Karten längst gekauft sind und man schlecht nicht kommen kann, weil man gesehen werden muss, wenn schon mal so ein Marathon stattfindet. Alle extreme stellen diese kleine Welt vor schwerste Prüfungen, man muss neue Wege suchen und eventuell auch mal nein sagen, das können die Leute hier nicht, und so schleppen sie sich noch zwei Wochen durch die hitzegefluteten Strassen, bis dann der Urlaub kommt und man dem Delitium für ein paar Wochen entgeht. Immer noch ungewohnt, wenn man viel mit Medienleuten zu tun hat: Die Provinzler hier fahren bis zu 5 Wochen am Stück in den Urlaub.

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Dienstag, 27. Juni 2006

Die sehr blaue Stunde

Wie lang bist du jetzt schon da?

Soll ich wieder fahren? Langweile ich dich? 9 Tage.

Ganz schön lang. Hör mal, B., zu deinem eigenen Besten: Das mit dem Fahren ist gar nicht dumm, sonst bleibst du hier noch kleben, das hier ist alles so unfassbar nett und lieblich und fett und zufrieden, die lullen dich ein und dann, zack...

Du musst reden. Wer hat denn die Torten augefahren, wer ist denn mit mir zum schwimmen gegangen, und bei wem sitzen wir jetzt?



Hm.

Ich kann auch von hier aus arbeiten, die nächsten Tage, es ist sowieso nicht viel zu wollen mit Pressearbeit, WM, Sommerloch, die Kunden sind alle in Urlaub, die zwei Dinger pro Woche kann ich per Telefon und Internet machen. Ich fahre schon wieder früh genug zurück, und ihm tut es auch gut, wenn er mal alleine ist. Bei all dem Stress. Ich kann Mama im Garten helfen, einkaufen, endlich mal wieder ordentlich essen, und es ist hier nicht so drückend heiss wie in der grossen Stadt. Jetzt will ich noch ein Stück Kuchen, und dann darfst du mich heimfahren.

Wenn es ganz dunkel ist, und alles blau verschwunden.

Genau. Ganz, ganz dunkel.

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Donnerstag, 22. Juni 2006

Das gelbe Kleid

Gelb ist nicht ununstritten. Gelb war in Europa oft die Farbe des Anderen, des Stigmatisierten, Juden trugen sie und Huren. Das leitet sich ursprünglich aus einer besonderen Rechtsposition ab, die durchaus nicht negativ sein musste; Juden etwa waren reichsunmittelbar, Prostituierte hatten einen besonderen Schutz in dem von ihnen bewohnten Bereich. Wer gelb sah, wusste, woran er war - ehrliche, auf Sauberkeit achtende Leute, keine stinkenden, bigotten Moralapostel, die Wasser predigen und Wein saufen, am liebsten durch ein Pogrom oder einen Überfall auf die Fidelgasse erworben. Der Lauf der Geschichte war nicht gut zu Hebräern und Freudenmädchen und Gelb, was die Farbe in unserem Kulturkreis bis heute negativ aufgeladen hat. Gelb ist auch der Neid, gelb wird Judas dargestellt, und der Rest wurde der Farbe gegeben, als sie von den sog. Liberalen tatsächlich als Veranschaulichung ihres billig-bürgerlichen Hobbyhurentums und ihrer Gier verwendet wurde.

Dabei ist Gelb eine wirklich famose Farbe, wie jeder wissen dürfte, der eine Weile in Italien in Strassencafes gesessen hat. Dunklere Frauen werden durch Gelb nachgerade perfekt ergänzt, und wer erinnert sich nicht an die Jugendzeit, als Young MCs bei Bust a move diese Textzeile predigte:

"you spot a fine woman sittin' in your row.
She's dressed in yellow, she says hello,
come sit next to me ya fine fellow."

Und wir wären wohl auch aufgestanden und rübergerannt, denn das Mädchen, nun... es ist seltsam, da läuft beim Polstern und Beziehen die Missa solemnis C-Dur, KV 337, wir haben den festen Seidenstoff in der Hand, treiben die Nägel in das Holz, und was fällt uns in diesem Moment ein? Dieses Video. Und dieser Text.



Weil der Stuhl eben auch ein gelbes Kleid bekommt, das ganz wunderbar mit dem sattbraunen Holz eine Symbiose eingeht. Verständlich, aber dennoch etwas peinlich.

a propos young mc: es gab da auch eine textzeile, die lautete: "got no money and got no car, then you got no woman and there you are." - einem opel-pr-schreiber wurde gerade die karre abgeschleppt, und das wird teuer. ja, da geht die aufwandsentschädigung dahin...

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Dienstag, 20. Juni 2006

Vom Trennen der Schafe von den stinkenden Böcken

in Zeiten der Bockinvasion mit Hilfe eines Hundes und eines Antiquariats - das geht so: Im Gegensatz zu den in den Medien verbreiteten Lügen der nationalen Tretballerhebung ist dieselbige nur ein Randgruppenphänomen, für das man entweder von brauner Brause mit Karten, Unterkunft oder Werbeschaltung beim eigenen Blognetzwerk geschmiert, andersartig dumm oder einfach Fan sein sollte; zum Glück ist das aber ein begrenztes Verhalten. Fakt ist: In München Schwabing sind die Cafes auch ohne Glotze voll, es gibt den typischen Feierabendstau, und asoziaes Verhalten ist nirgends zu erleben. Dennoch ist es der ideale Moment, sich nach einer Frau für das Leben umzuschauen.

Wir betreten also ein beliebiges Antiquariat in München, am besten natürlich in der Maxvorstadt, sammeln schon draussen die ein oder andere Preziose zur Kunstgeschichte auf - Werke aus Riemenschneiders Blütezeit etwa oder Möbel den XVIII. Jahrhunderts am Ludwigsburger Hof - legen sie an der Kasse ab und schauen die feinen, kleines Bände der Bibliothek Suhrkamp durch - die, bei denen man sich nie entscheiden kann, ob man nun den Schutzumschlag entfernt oder dran lässt, beide Varianten sind beim Aufstellen sehr reizvoll.

So stehen wir und warten der Dinge, die da kommen. Draussen laufen Studentinnen vorbei, manche wirft einen Blick auf die Büchertafel, blättert mitunter - aber dann kommt eine, die anders ist, sie ignoriert die Auslagen, betritt zielstrebig den Laden, geht hinter zu den Kunstbänden, und ihr Hund, der ein Teil Mops und viele Teile anderes Getier ist, kennt sie offensichtlich so gut, dass er sich sofort hinlegt und einschläft. Es kann länger dauern.



Und es dauert länger. Sie hat viel Zeit, greift sehr konzentriert zu und weiss wohl, was hier frisch hinzugekommen ist, und was schon länger im Regal den Staubfänger gibt. Der Teilmops macht ab und zu ein schwarzes Auge auf, sieht, dass es gut ist, und schläft weiter. Wir überlegen uns, wie es wäre, sie kennenzulernen und, wenn wir nicht schon vergeben wären, mit ihr eine Beziehung einzugehen, der Hund würde am Fussende des Bettes schlafen und am Morgen würden wir vom Bäcker auch das ein oder andere Buch mitbringen, das wir auf einem Umweg in eben jenes Antiquariat erworben haben. Wir können uns sicher sein, dass sie es mögen wird, und wenn sie uns betrügt, nimmt sie einen mittellosen Künstler oder einen Jungliteraten nach der Lesung, aber kein besoffenes Trötenarschloch. Vielleicht lässt sie sich auch gegen unseren Wunsch irgendwo tätowieren, wo es im Abendkleid nicht auffällt, aber sie wird ihren feinen Teint nie mit irgendwelchen Fahnen beschmieren. Wir könnten, da in den nächsten Tagen Italien entvölkert sein wird, die Zeit nutzen und mit ihr und dem Hund, dem wir ein Hermestuch umbinden und eine Fliegerbille aufsetzen würden, nach Vincenza fahren, und dann weiter an die Riviera.

Wie es sich für moderne Prinzessinnen gehört, die die Aufgaben und Bedrängnisse der sog. Moderne mit Bravour absolvieren.

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Samstag, 17. Juni 2006

Samstagslektüre für alte Europäer

Ein Teller voll frisch gepflückter Erdbeeren vielleicht, eine englische Kanne Tee, ein Stück Apfeltorte und ein Interview der Süddeutschen Zeitung mit einer französischen Schauspielerin mit einer gesunden Einstellung zu Sex, Liebe, Film und Europa, das alles auf der Dachterasse. Danach Biedermeierstühle mit Stoff von Dedar beziehen, einer Marke, deren Website jetzt schon seit Unzeiten nicht fertig ist, was aber keine Rolle spielt. Deren Kunden müssen meist nicht im Internet surfen, zu denen kommt der Raumausstatter ins Haus - durch den Dienstboteneingang. So ist das, im alten Europa.

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Montag, 12. Juni 2006

Technische Probleme

Liebe Leser, mein wirklich vorzüglicher Blogprovider blogger.de hat momentan ein paar kleine technische Probleme, weshalb es zu Aussetzern oder Fehlermeldungen kommen kann. Passiert ab und zu mal, aber es wird sicher bald wieder. Danke für die Nachsicht.

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Donnerstag, 11. Mai 2006

Was wir verlassen

wissen wir erst, wenn wir weg sind. Manches wahrscheinlich, nicht alles, denn das Schlimmste der Heimat, sich selber hat man immer mit dabei. Es wird immer mit uns ankommen, es bleibt nie am Strassenrand zurück, es lümmelt sich im Beifahrersitz und macht dumme Bemerkungen. Uns fällt nichts ein, was wir darauf sagen könnten. Bestenfalls hält das Schlimmste einfach eine Weile die Fresse und geniesst den Sonnenuntergang, bevor es uns den Tip gibt, heute Abend nicht im Decamerone zu lesen, sondern in der Lobby oder auf der Terasse jemanden anzugraben. Wenn es sich aber langweilt, weil auf der Terasse niemand ist, erzählt es uns alte, schlimme Geschichten, in denen wir nicht wirklich gut ausgesehen haben.



Italien ist gespickt mit Orten, wo es sich heimisch fühlt, das kennt es alles schon, keine Stadt ohne Enttäuschung und vergeblichem Sehnen. Die seltenen Ausnahmen wurden von einem halben Kind besucht, das wir heute etwas nervig empfinden würden, leidenschaftslos und auf Dinge wie Surfbretter und Rennräder fixiert. Aber wer weiss, vielleicht steigt es am Brenner aus, das miteingeschleppte Selbst, wir vergessen es in Sterzing, es verläuft sich im Gedrängel Veronas, bleibt zu lang an einem Antiquariat in Mantua stehen, um uns dann auf der Rückreise an einer Landstrassentankstelle wieder aufzugabeln, wo wir mit Tempo 80 hingetingelt sind.

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Mittwoch, 10. Mai 2006

Wenn es langweilt

müsst Ihr es nur sagen. Ich werde es dann lesen und mir sagen, kann Dir doch scheissegal sein, was die sagen über die Abendstimmung vor der Dachterasse.



Und weitermachen. Zumindest morgen. Noch. Dann nicht mehr. Für ein paar Tage.

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Freitag, 14. April 2006

Rolex

braucht dringend einen Google-Optimierer. Die Geschichte ist nicht wirklich gute Werbung.

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