: : : denn sie wissen nicht was sie tun sollen : : :

Donnerstag, 31. Dezember 2020

Was uns nicht umbringt.

Ich habe 2020 zwei sehr enge Freunde verloren, und bei beiden dachte ich mir: Viel zu früh. Hätte nicht sein sollen und nicht sein dürfen. Beide übrigens nicht durch Corona. Irgendwie ist die Seuche an mir vorbei gelaufen, obwohl sie Ende Januar 2020 in der Emilia Romagna viele Gelegenheiten für einen Angriff gehabt hätte. Niemand ahnte damals, dass die Krankheit aus China dort auch unterwegs war. Geholt habe ich mir nur eine Fetzenerkältung, weil ich im Januar ohne Mantel nach Italien gefahren bin, aber der Geschmackssinn hat mich nie verlassen. Zu der totalen Schludrigkeit im sonstigen Umgang mit meiner Gesundheit stand dann die Sorge für andere wegen der Seuche in einem bemerkenswerten Gegensatz.



Ich will trotz aller Probleme nicht sagen, dass es ein verlorenes Jahr war. Meine Ziele, die Leute zu schützen, habe ich erreicht. Ich habe eine Arbeit, die mir viel Spass macht, und ohnehin liebe ich seit jeher Home Office. Allerdings bin ich in die höchste Wohnung umgezogen, weil ich in den Zeiten der Einsperrung mehr Licht haben wollte. Ich bin viel geradelt, ohne eine Transalp zu schaffen. Und ich war monatelang nicht am Tegernsee - es ist mit Sicherheit das Jahr, in dem ich seit meinen Berliner Tagen am kürzesten im Ausland war, und seit dem Kauf der Wohnung auch die wenigsten Tage am Tegernsee verbracht habe. Und trotzdem möchte ich, dass dieses Bild letztlich in Erinnerung bleibt.



Weil es ein Recht gibt, in einem Gummiring mit Goldflitter im Tegernsee vor Rottach im Sonnenschein zu dümpeln und zu glauben, dass schon alles irgendwie gut gehen wird. Was uns nicht umbringt, macht uns hoffentlich lebensfroh und befähigt, auch die kleinen Dinge zu geniessen. Solange es eben geht. Ich hatte persönlich einiges an Glück in diesem Jahr, ich gehöre weiter zu den happy few, die keine existenziellen Nöte erfahren. Manchen habe ich geholfen, aber immer mit dem Gefühl, dass das auch zu meinem Wohlbefinden beiträgt. Es hätte alles noch viel schlimmer kommen können, und meine Oma hätte gesagt, das sei alles noch kein Schicksalsschlag, wie sie es bei allen Schicksalsschlägen so treffend formulierte. Kognitive Dissonanz hat 2020 geholfen, und mit etwas Schizophrenie wird vielleicht auch 2021 ein erträgliches Jahr.

So hoffe ich wenigstens, für die Meinigen, die Leser, und meine Wenigkeit.

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