: : : denn sie wissen nicht was sie tun sollen : : :

Donnerstag, 11. Dezember 2003

Lernfähig

Es ist ja nicht so, dass etwas unsexy wird, nur weil daran viele zugrunde gegangen sind. Heroin, Zigaretten, Alkohol, New Economy. All das hat seinen cool-morbiden Reiz.

Studenten machen Powerpoint-Präsis und sind beleidigt, wenn sich das Institut keinen Beamer leisten kann. Das Executive Summary findet seinen Weg auch in mündliche Antworten. Niemand fragt nach, wenn jemand Return on Investment fallen lässt. Sie demonstrieren nicht gegen Studiengebühren, sondern dagegen, etwas zahlen zu müssen und keinen adäquaten Kundennutzen zu erhalten. Die Cost of Ownership verschlechtert sich dadurch.

Nun kann man sagen, gut, privilegierte Perlenkettchenhalterungen und Laptoplegaztenika waren schon immer so. Die 68er sind längst vorbei, die letzten aufrechten Mohikaner hängen als Punks irgendwo auf dem Bahnhof rum und machen Leute an. Stimmt. In gewisser Weise. Oder auch nicht.

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BOOOOOM

Wachstum und Aufbau neuer Geschäfte sind die großen Herausforderungen aller Unternehmen. Einige besonders erfolgreiche Unternehmen zeigen, wie sie reüssieren, indem sie die Spielregeln neu definieren. Dadurch erzielen sie enorme Wachstumsraten und bringen einzelne Märkte quasi zum Explodieren.
Rainer Lindenau/Thomas Helbig, Klappentext zu "Exploding Markets", Dr. Th. Gabler Verlag, 2000

Wenn verschiedene Entwicklungsstufen der materiellen Produktion Widersprüche erzeugen, wenn überalterte Produktionsverhältnisse in ein unangemessenes Verhältnis zu den Produktivkräften, wenn private Interessen in Gegensatz zu Bedürfnissen und Interessen der Allgemeinheit geraten, dann geschieht es, dass solche Widersprüche auch im Bereich der Organisationsform der gesellschaftlichen Verhältnisse, der Rechtsform aufbrechen.
Götz von Olenhusen/Christa Gnirß, Handbuch der Raubdrucke 2: Theorie und Klassenkampf, 1973

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Köpfe

http://www.koepfe.de war eine prächtige Idee. Gegründet von einem Menschen, von dem man nie wusste, ob er nur genial oder schon verrückt war. Einmal hatte er Erfolg, ein zweites Mal auch.

Dann kam Köpfe. Information entscheidet. Im Kampf um die besten Köpfe auf dem deutschen Markt. Wer sich selbst dort einstellte, war flexibel und leistungsbereit. Die Mitarbeiter gingen mit gutem Beispiel vorran, trugen sich ein und begannen bald zu hoffen, dass jemand auf sie stossen würde.

Denn der Mensch dahinter verlor die Kontrolle. Kaufte den Namen einer NE-Zeitung, heuerte Leute an, und plötzlich blieben Rechnungen offen. Ganz andere, grössere hatten sich in diesem Geschäft auch schon übernommen. Es war, als hätte er es auf die Katastrophe angelegt. Selbstmord eines Nimbus. In dieser Hinsicht noch einmal erfolgreich. Nur sahen damals alle schon weg.

Köpfe ist immer noch im Netz, aber der Gesellschafter ist ein anderer. Die Köpfe sind noch da. Viele waren einfach zu faul, ihre Profile zu löschen, und zu frustriert, um sie mit den Pleiten des Downturns upzudaten. Sie sind weiterhin in voller Pracht der späten New Economy zu bestaunen. Soon 40andsomethings mit allen inzwischen verlorenen Titeln, Nobelbrillen und einsetzenden Sorgenfalten, für deren Liftung heute das Geld fehlt. Fossilien des Wirtschaftsjuras, fein konserviert und präzise detailliert.

Die grauen Asseln des Old Economy Pleistozäns, die vorher schon da waren und immer da sein werden, krabbeln achtlos an den Grabplatten vorbei zu den Pornoseiten und Focus Online.

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Mittwoch, 10. Dezember 2003

Topographie des ökonomischen Terrors



1999 verwandelte sich die Gegend um die Ludwigs-Maximilians-Universität in einen Hotspot der New Economy. Wer konnte, setzte Mieter vor die Tür und richtete Büros ein. Die ohnehin schon astronomischen Mietpreise kannten keine Grenzen mehr. Startups mit Venture Capital im Rücken zahlten jeden Preis. Und repräsentative Objekte mit altem Parkett im Piano Nobile suggerierten den Kunden, dass hier solide gearbeitet wurde. Gründerzeithäuser für Gründerzeitmenschen.

Dort oben wurde Geld gemacht, ganz im Gegensatz zu der Buchhandlung darunter. Die machten nur in Büchern. Sie hatten vielleicht ein engagiertes Programm, machten Lesungen und boten nachher Gratiswein an, ohne die Leute zum Buchkauf zu zwingen. Mit sowas kann man aber nicht die Kostensteigerungen auffangen. Und wird 2003, letztlich, vom Markt gefegt. Wie die New Eco Klitsche darüber.

Das Piano Nobile ist immer noch zu vermieten. Und wenn es nicht so teuer wäre, würde man vielleicht auch zu Wohnungen rückbauen. Immerhin ist unten jetzt wieder eine Buchhandlung eingezogen.


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Real life - September 1998

Er ist noch nicht runter vom Trip. Im Gegenteil. Vor drei Tagen hat er unterzeichnet, seitdem läuft alles mit 10facher Geschwindigkeit ab. Sein Büro ist schon fertig, aber draussen wird noch heftig an Kirschholz und gebürstetem Aluminium geschraubt.

Er streicht mit den Fingern an den Lehnen des Eames Chair entlang, als wäre dieser Stuhl die Erfüllung eines Lebenstraumes. Ist er vielleicht auch. Durch alle Zeiten definieren sich Menschen durch ihre Sitzmöbel. Er ist nur ein Glied in einer historisch grenzenlosen Kette von Stuhlfreaks. Und an seinem Stuhl kann keiner sägen. Er ist ganz oben in der flachen Hierarchie. Er ist CEO und hat 2,8 Millionen Venture Capital under Management. Nicht schlecht für jemanden, der bisher noch mit Mamas Polo fuhr.

Aber auch nichts Besonderes in diesen Zeiten. Er muss es schaffen, zu etwas Besonderem zu werden. Am besten in einem Jahr, denn dann ist der Börsengang geplant. Dazu braucht er Mitarbeiter. Schnell. Schnelle Leute, die er kennt und denen er vertraut. Leute wie mich.

Was sagst Du dazu? Dazu kommen noch die Stock Options.

Tu Dir selbst den Gefallen und such Dir jemand anderen. Ich habe keine Ahnung von der Thematik.

Mann, Don... er steht auf, geht zum Fenster und schaut hinaus ins Grüne, wo die Unit der Alphatiere ihr Meeting unter einem Baum abhält, mit Laptop und alkoholfreien Longdrinks. Don. Niemand hat Ahnung davon. We´re on the cutting edge. Da wo wir sind, ist ganz vorne. Die Ahnung kommt, wenn wir es tun. Ich habe doch selbst auch keine Ahnung. Und? Where´s the point? Der VC hat noch viel weniger Ahnung. Das spielt nicht die geringste Rolle. Es geht um den Markt da draussen. Es geht darum, ihn kennenzulernen und zu durchdringen. Ihn zu beschreiben. Und das kannst Du.

Hol Dir einen richtigen PR-Berater. OK? Der kann Dir den Markt notfalls auch erfinden, wenn es ihn nicht gibt.

Es gibt ihn. Und wenn es ihn nicht gibt, werden wir ihn nicht erfinden, sondern erschaffen. Vielleicht vergibst Du die Chance Deines Lebens.

Weisst Du, was Dein Fehler ist? Du glaubst, die Welt da draussen ist wie Du. Du siehst mich, Deine Freunde, Dein Umfeld, die ganze Strasse runter und drei Blocks rauf nur solche Menschen. Aber der Rest ist anders. Und die werden sich nicht für Deinen Businessplan verändern, auch wenn Du Dich verändert hast.

Er nimmt wieder auf dem Eames Chair Platz, verschränkt die Hände vor dem Kinn und tappt mit den Zeigefingern auf die Unterlippe. Er denkt nach. Vielleicht an die Zeit vor drei Jahren, als ich einen Typen kennenlernte, der für Pizza und Bier Rechner aufbohrte und von der Freiheit des Netzes schwärmte. Und der glaubte, dass man die Konzerne da raushalten müsste. Dieser Typ wäre nie sein Kunde geworden. Aber vor drei Jahren war er dieser Typ.

Er dachte lang nach. Nicht lang genug. Im Januar 2000 war der Laden völlig überschuldet, ohne je einen Markt entdeckt zu haben, der grösser war als die Strasse runter und drei Blocks rauf.

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Dienstag, 9. Dezember 2003

Es ist zu spät

Der Anflug hat begonnen. Die Kurve noch, und dann sind wir im Zielgebiet. Neben uns donnern die schweren Motoren und spucken papierweisse Kondensstreifen in das Nichts des Netzes.

Es ist sternenklar, und vor uns auf den Hügeln und in den Gräben scheint das Feuer kleiner Kämpfe und Massaker auf. Sie schauen nicht nach oben, im Erdkampf aller gegen alle. Wir waren wie sie, aber wir haben diesen Nachtjäger entwickelt, die Crew gefunden und uns eine neue Dimension geschaffen. Sie werden das nicht verstehen, und wenn wir über ihnen sind, blicken sie hoch und werden mit Dreck und Steinen werfen.

Doch wir sind zu schnell. Wir werden über sie hinwegbrüllen, ihr blinder, dummer Hass wird uns antreiben, hinein in das eigentliche Ziel, in die verdammte Stadt der Etablierten, wo die grellen Fassaden auf der Vernichtung harren, die bereits ihre Eingeweide verzehrt. Sie erwarten uns nicht, sie wissen noch nicht mal, dass es uns gibt, aber wenn wir kommen, werden unsere Freunde den Weg durch die Flakstellungen weisen.



Das kalte Licht der Abwehrbatterie wird uns nicht blenden. Das Belfern ihrer windigen MGs stört uns nicht. Wenn sie uns sehen, ist es schon zu spät. Wir sind zu schnell.

Bevor sie wissen, was wir sind, werden die Bomben in ihr Zentrum fallen. Und es gibt nichts, was den Brand löschen kann.

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Der Kriechgang durch die Institutionen

Früher war es schick, links zu sein. Sponti. Steine schmeissen gegen den Bullenstaat. Mit Joschkas Putztruppe die Strasse von den grünen Misthaufen säubern. Im Pflasterstrand dem Cohn-Bendit nach dem Mund schreiben, für die Weltrevolution und in der Hoffnung, auch mal so Puppen wie der Langhans auf die Ökomatte zu bekommen. Uschi Obermeier, die wär´s gewesen.

Von sowas träumte wohl der junge R. Mohr, aber leider war er etwas zu jung für die Kommune und die freie Liebe, bei der die Frauen trotz des theoretischen Feminismus die praktisch besetzten Löcher putzten. Die Revolutionäre guckten so lang Pinups in der Konkret, den Big Mezz in der Hand. Die Goldenen Zeiten ihrer Revolte eben. R. Mohr bekam nur noch den Niedergang der Bewegung mit. Als er im Pflasterstrand noch linke Parolen orgelte, waren andere schon auf dem Weg in die Realpolitik.

Joschka spricht vor der UN.
Cohn-Bendit will weiterhin im Europaparlament sitzen.
R. Mohr schreibt als Quotensponti für Spiegel Online. Beim Argon-Verlag sollte er mit seinem Buch Generation Z die Lücken schliessen, die der dem Kapitalismus systemimmanente Weggang von Florian Illies gerissen hat.

Hat nicht geklappt. R. Mohr war zu jung für Uschi, und wird auch keine Maike als Groupie bei seinen Lesungen finden. Er ist ein Auslaufsmodell, selbst, wenn er sich den fragwürdigen Methoden eines Kapitalismus bedient, der die Meinungsfreiheit nur als Asset seiner ureigensten Interessen versteht.

Er war nie das richtige Produkt für den sich stetig ändernden Markt.

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Jung und Matt

und beileibe nicht an der Isar. Das Gelände an der Schwere-Reiter-Strasse ist weit weg vom Fluss. Euphemistisch könnte man es noch als "Schwabing" bezeichnen. Letztlich ist das Areal aber nicht mehr als eine altes Gelände der Post, das zum Medienzentrum aufgehübscht wurde. In direkter Nachbarschaft ist 9live.



Das hier war früher mal die Heimat von Jung von Matt an der Isar. Mitte 2003 wurden sie mit JvM Alster "fusioniert", und zwar so, dass nichts übrig blieb. Trotz des Referenzkunden BMW. Die Krise war stärker. Vielleicht waren sie auch einfach nur zu oft im Liegestuhl davor gelegen. Sowas kommt nicht gut im Downturn.

Auf den Toren der ehemaligen Montagehalle ist ein Männchen mit Megaphon aufgemalt. Darüber steht, in Englisch natürlich: For Sale.

Es sind eben Werber. Und das Areal war als internationales Medienkluster gedacht. Für den globalen Markt.

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Dienstag, 9. Dezember 2003

Grusswort

Literarisch, nicht aber persönlich gemeint. Adult Advisory - Explicit Lyrics!

Hallo Du

überhebliches Luxusweibchensurrogat, aufgeblasener Businessplanscheiterer, anorexische Kotzbrechsuchtlerin, unabgeholter Dauerbarhocker, H&Mkaufende Bizzdeveloperbefriedigerin auf Probezeit, mit dem naturgeprallten Vorstandsunterschlagerchef im Dauerstreit, Du redakteuse Hirnfickstricherin und übersextes Karrierieplanungstool, Du afterworkgedröhnte Caipischluckerin und arbeitsloser Schleim aus dem Beraterpfuhl,

Du koksadrige Werberüsselsau mit Porschlochausgang,
Du steroidgedopte Marktforschfrau mit Fickmichaushang
Du schwanzverkürzte Versacefummeltrine
und dauermobbende Sekretariatsvitrine,

All Ihr Popkultursacklutscher,
Tripper-A-TopBranding-Eiterschlucker
und Namedroppingsaftabwichser
Ihr vollentzogenen VentureCapitalfixer,

Kreativschreibseminar-oder-so-Erzähler,
Literaturbordellier und Debutantenquäler,
InstitutsliteratHuren, Ihr promovertierten,
und drinsteckende Fäuilleklagenfurztonierten

Zukunftshoffer, Jetztversager,
Ihr rektionäres Luxuslumpenlager,
Flohrian, AKlecksa, Gähnjamin, aNedde,
Grunzer an der Popverwertungskette,

Keiner braucht Euch, niemand will Euch noch sehen.
Zum Besten der Gesellschaft mögt ihr zur Hölle gehen.
Ihr bekifften Loser, Ihr habt alle versagt.

Willkommen bei Rebellen ohne Markt.

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Krähenlogic

Die Verzweiflung ist mit Händen greifbar. Seit einem Jahr macht ihr Agent rum, verspricht viel und erreicht nichts. Dabei hat sie es fast in seinem Auftrag geschrieben, weil er damals dringend junge Autorinnen brauchte. Und Geschichten über unschlüssige Frauen, die sich beim Sex als besteig- aber unfickbar erweisen.

Sie hat alle Qualifikationen: Jung, schlank, talkshowkompatibel, und nennt ein paar weniger bekannte Pop/Jungliteraten ihr Umfeld, weil sie schon mal mit ihnen im Atomic Cafe war. Um der Krise gerecht zu werden, verzichtet sie auf Starallüren und setzt manchmal mit Haarklammern einen authentischen Aspekt in ihre Personality. Sie ist bei einer Mediensache, die sich selbst gern als Kult sieht.

Nach einem Jahr der Absagen könnte sie auch damit leben, dass es als Softcover kommt. Es muss auch nicht KiWi sein. Eichborn ja eh nicht. Bei BOD ist sie noch nicht angekommen. Das ist erst der Endpunkt der Katastrophe, wenn der Agent offiziell aufgibt.

In der Zwischenzeit macht sie weiter junge Kulturberichterstattung. Gerne Randthemen, schwierige Musik, Pop, der ausgrenzt. Oder Bücher ohne Handlung. Was diesen Herbst schwer ist, weil Bücher junger Autoren selten geworden sind. Die paar Glücksraben, die es geschafft haben, erleben zweigeteilte Interviews und Gespräche.

Gestänkere, solange es um das Buch geht, denn sie weiss, dass in jeder ihrer Kurzgeschichten mehr Gehalt ist. Geschleime beim Smalltalk danach. Sie hat ja auch eines geschrieben und braucht nur noch einen Verlag, natürlich ist es schwer, aber sie weiss: Sie wird es schaffen. Sie erwartet die Bitte, doch mal reinlesen zu dürfen.

Später schickt sie eine der Geschichten, aufgeschrieben 2001. Am Abend ruft sie an und will was hören. Erinnert an Autorinnen, deren Vornamen mit A beginnen. Sie überhört den Zynismus und freut sich, mit ihren Vorbildern in einen Topf geworfen zu werden.

Immerhin. Eine Kurzgeschichte hat sie schon veröffentlicht. Autorin - Journalistin steht auf ihrer Visitenkarte.

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New revolutionary Economy

Die Wirtschaft hat sich durch die Globalisierung von den Ebenen der Politik gelöst und sich von der Nation verabschiedet.
Lothar Späth, 2000


In vergangenen Epochen machten die Revolutionäre ihre Arbeit im wesentlichen unter nationalstaatlichen Bedingungen. Wir machen unsere Arbeit heute unter weltgeschichtlichen Bedingungen, in einem ganz realen Sinne.
Rudi Dutschke, 1967

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Real life - 7. Dezember 2003

Housecooling Parties sind im Dezember abzuhalten. Was ein guter Werber ist, nutzt auch im Niedergang die Märkte optimal aus. Selbst, wenn es die Märkte nicht mehr gibt. Weihnachten, Leerräumen mit den Friends, steuerlich abgeschriebene Bildschirme an die Entlassenen verschenken, Trostfick für die Zeit zwischen dem 24. und 31.12. festlegen. Draussen auf dem Boden stehen zwei Laternen mit Kerzen, die den Rauchern in der Kälte etwas Licht geben. Drinnen darf nur noch geschnupft werden. Rauchen ist schlecht für die frisch getünchten Wände.

Der Typ mit der blonden Mähne stellt seinen Alpha souverän ab und begrüsst die Mädchen, die sich am Glimmstengel festhalten. Alles klar, na super, ist Tonia schon da, toll, bis nachher. Für das Buffet hat er nichts mitgebracht. Warum auch. Er bezahlt wegen dem saublöden Mietvertrag immer noch die Räumlichkeiten. Das wird jetzt alles anders. Für seine drei Mitarbeiter reicht das kleine Büro irgendwo im Lehel.

Später kommt Clea. Ihr Fiesta rollt aus, aber sie bleibt erst mal sitzen. Dann schaltet sie die Innenbeleuchtung ein und macht was mit Schminke an ihren Augen. Es wird wieder dunkel, und alles bleibt in einer fragilen Balance. Durch die grossen Fensterflächen müht sich warmes Licht hinaus in die Nacht. Nach ein paar Minuten lässt sie den Motor an und fährt weiter. Erst hinter dem Firmengelände schaltet sie sie Scheinwerfer wieder ein.

Die Raucherinnen vor der Tür, die seit ein paar Minuten nicht mehr richtig ins Gespräch kommen, sehen ihr nur flüchtig nach. Clea hat zu viel falsch gemacht, damals.

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Remastered

In der Schule überlegten Wir, wer welche Platten kaufte. Dann gingen sie Reih um, und es gab immer einen coolen blonden Typen, der seine Platten nie verlieh, aber sich alle auf Kasette überspielte. Dann verlor er die Platte auf einer Party und gab dem früheren Besitzer die Kasette, sie sowieso viel praktischer war. Die Platte tauchte später bei einer Frau auf, mit der der coole Blonde etwas zu haben schien. Damit waren Frau und Platte verloren.

Der Blonde studierte BWL nach dem Wehrdienst und wirkte genervt, wenn er jemanden aus seiner alten Stadt im Dorian Grey sah. Er war früh genug dran, um heute noch einen Posten zu haben, der sicher ist. Halbwegs. Zumindest liegt dort am Montag noch ein Freiexemplar der FASZ.



Er wird das Bild links oben sehen und sich an die Zeit erinnern, wo andere die Platten im Müller kauften, die er dann verschenkte. Sie hat sich zwar nicht deflorieren lassen, weil das schon ein anderer gemacht hatte, und sie wollte nicht als seine Freundin gelten. Aber die Platte brachte ihm zumindest ein vorteilhaftes Gerücht ein. Das Bild gefällt ihm. So aufgeilend hat er sie sich damals gewünscht. Und er kennt den Benefit, den Vinyl verspricht. Er findet es amüsant, dass ihn die FASZ-Redakteure durchschaut haben.

Das Mädchen hat inzwischen geheiratet und wohnt in der Vorstadt. Ihr Mann ist Ingenieur. Die Platten stehen im Speicher, darunter auch die äusserst seltene erste Pressung von Yello.

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Sonntag, 7. Dezember 2003

FASZ

Als ich um 9 Uhr das Haus verliess, um in die alte Pinakothek zu gehen, lag dort, in einer weissen Tüte, die FASZ, eines der letzten Ambitionen habenden Printprodukte der Hype-Ära. Sie liegt eigentlich fast jeden Sonntag hier. Die FAZ glaubt, dadurch Kunden in diesem Haus voller Eigentumswohnungsbesitzer zu gewinnen.

Der langgestreckte Raum mit den kleinen Stilleben ist immer leer. Nur manchmal kommt ein Japaner, schaut irritiert die dunklen Leinwandfetzen an, und geht dann wieder hinaus zu den Schlachtengemälden. Den Sebatsian Stosskopf habe ich für mich allein. Nur noch wenige verstehen den Aufschrei der Abwesenheit.

Als ich drei Stunden später wiederkomme, liegt die FASZ immer noch da, in ihrem Plastikkleid, das ihr jemand hochgeschoben hat, ohne sie zu nehmen. Sie ist am Rand angeknittert, nicht mehr glatt wie die Haut einer Praktikantin aus gutem Hause mit angesehenem Dermatologen. Sie ist schon auf dem halben Weg im Altpapier, und niemand wird zwischen den Zeilen von der Angst der Redakteure um ihren Arbeitsplatz lesen.

Ich nehme sie mit. Seit Illies weg ist und Möllemann keine Interviews mehr gibt, ist sie im dieser Form in Ordnung. Ausserdem brauche ich eine Mülltüte, und die Zeitung nackt liegenzulassen würde von zu wenig Standesbewusstsein Zeugnis ablegen.

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Samstag, 6. Dezember 2003

Manifesto

1986

wurden die 68er spiessig. Hippe Schreiber, witzige Werber und flotte Kreative rebellierten. Die 68er sagten selbst, dass sie die Welt von ihren Kindern nur geliehen hatten - also her damit.


1997

hatten sie es geschafft. Die 68er hatten fertig. Die Rebellen sassen in den Feuilletons, erfanden Trends, gaben in der Jugend den Ton an. Zusammen mit den Neokonservativen und der Wirtschaft machten sie Revolution. Popkultur goes Business. Sie nannten es: Die New Economy. Alle wollten dabei sein. Diese Revolution wird ein Festessen


2000

gab es für New Economy und Rebellen ein unvorhersehbares Problem.


2002

Die Wirtschaft will sie nicht mehr. Die Popkultur ist tot. Die Reaktion frisst ihre Kinder. Sie sind REBELLEN OHNE MARKT.


2003

sitzen die Rebellen im Arbeitsamt. Und die 68er als Generation Mallorca auf ihrer Finca. Die Rebellen hätten jetzt gern einen Marsch durch die Institutionen, wie ihn die 68er geschafft haben. Und die neukonservativen Freunde in Politik und Medien diktieren ihre Konditionen: Soziale Einschnitte, Fleiss, Gehorsam, Unterordnung und Schwangerschaft. Die Party ist vorbei. Die Ideologie der spiessigen 50er Jahre ist wieder da. Die Rebellen waren erst die nützlichen Idioten der Reaktion. Jetzt, nach der Pleite, sind sie die Opfer.


2004

hilft nur eins: Kreativ sein. Firmen gründen. Nochmal rebellieren und einen eigenen Markt schaffen. Denn wenn es Alternativen zur konservativen Reaktion gibt, muss man sich nicht mehr unterordnen. Von den 68ern lernen heisst da siegen lernen. Diese Revolution wird ist kein Festessen, sondern ein Akt der Gewalt gegen die Mächtigen.


Don Alphonso dixit.

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2 Fehleinschätzungen und 30 Jahre

Es beginnt eine neue Phase einer überaus chancenreichen und interessanten Entwicklung: das Verschmelzen zweier Welten, der Old und der New Economy. Was wir erleben, ist der Strukturwandel zur Netzwerkökonomie, eine digitale Revolution, die praktisch den gesamten Alltag durchdringt.
Werner Schulz, B90/Grüne, 15.02.2001 im Bundestag

Der Autoritätsanspruch der Älteren ist in dieser Lage nur noch eine Waffe zur Verteidigung ihrer materiellen Interessen gegenüber den jüngeren. Diese sind die Träger des für den kapitalistischen Verwertungsprozeß unentbehrlichen aktuellen Wissens und der modernen technologischen Qualifikation und Soziopraktiken, die aus diesem Grunde die Älteren immer schneller aus ihren Positionen im Produktionsprozeß verdrängen, dequalifizieren und schließlich deklassieren.
Rote Armee Fraktion, Über den bewaffneten Kampf in Westeuropa, Mai 1971

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Fettschlanke Malle-Spiesserrevolutionäre

Irgendwo in Mittelbayern. An prominenter Stelle ein Schmuckgeschäft. Schräg davor ein silberner Audi TT. Aus den Sitzen schälen sich zwei Berufsjugendliche weit jenseits der 50er Grenze. Nachbarn meiner Eltern, Makler. Sie hat das Grinsen chirurgisch hochgetackert, er kunstvoll die Löcher im Haupthaar mit Wetgel zugeschleimt. Lässige Freizeitkleidung, braunverbrannt.

Sie gehen zum Juwelier. Sie streckt eine Hand mit viel Weissgold-Plunder aus und zeigt auf etwas. Das da, sagt sie, ist doch was schönes für Anabel, oder? So jugendlich.

Er greift mit lässiger Pose in die Hosentasche, den Daumen in Richtung Primärgenital, die Breitling sichtbar, und nickt cool. Klar, sagt er, greift um ihre Taille und gibt ihr einen Kuss. Öffentlich, damit es jeder sieht, dass sie immer noch guten Sex haben. Da kaufen wir aber lieber zwei, denn Dir steht das sicher auch, Babe. Dann verschwinden sie im Laden.

Anabel ist ihre Tochter. Sie ist Ende 20 und arbeitslos. Sie sitzt in München in der Eigentumswohnung ihrer Eltern und macht irgendwelche Freelancersachen. Manchmal treffen wir uns, und sie erzählt, dass sie sich nicht mal Mallorcaurlaub leisten kann. Sie sagt es ihren Eltern nicht, denn die hätten sicher Verständnis und würden ihr was zustecken.

Schliesslich waren sie auch noch jünger als heute und wissen, dass das Leben was kostet. Wahrscheinlich würden sie nur mit den Schultern zucken, wenn sie bei Anabel Haschisch finden würden. Sie verstehen es. Sie können es sich leisten, und später mal kann Anabel alles haben. Dann haben ihre Eltern ja noch die Rente.

Und das Haus in der Provence mit Ökogarten, von dem Mama schon geträumt hat, als sie noch Soziologie in Marburg studierte. Und der Kontakt mit dem Bullenstaat noch was anderes war als der Strafzettel, den sie hier im Halteverbot bekommen wird.

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Don Alphonso

ist

: : Mitte 30 Inzwischen schon eher Mitte 40

ist nicht

: : real, nur ein Pseudonym

lebt

: : Hideout irgendwo in Bayern
: : München Maxvorstadt Nicht mehr seit 2006
: : Berlin Wedding Nicht mehr seit 2005
: : seit 2006 in einer sehr viel grösseren Wohnung an der Donau
: : seit 2008 in Gmund am Tegernsee
: : seit 2011 auch ein Viertel des Jahres in Mantua

macht

: : Journalismus
: : Bücher
: : 2003 Liquide
: : 2004 Doppelschlag:
: : Blogs! eine kleine Kampfschrift gegen die etablierten Medienmonopole
: : Rebellen ohne Markt: eine Schmähschrift über Tempo, New Economy und die Folgen wegen Schreibfaulheit gestrichen

liest

: : Giovanni Boccaccio
: : Pietro Aretino
: : Christine de Pizan
: : Francois Villon
: : Niccolo Machiavelli
: : Alain Renee Le Sage
: : Denis Diderot
: : Voltaire
: : Lorenzo da Ponte
: : Ambrose Bierce
: : Louis Aragon
: : Oskar Panizza
: : Lion Feuchtwanger
: : Kurt Tucholsky
: : Bert Brecht
: : Ilja Ehrenburg
: : Louise Brooks
: : Pitigrilli
: : Raymond Chandler
: : Evelyn Waugh
: : Ruth Westheimer

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Katastrophentourismus

am mittleren Ring in München. Geplant Ende der 90er. Auf Grundlage falscher Erwartungen der Mietpreissteigerung. Hier sollten die Startups der Jahre 2004 bis 2007 unterkommen.



Mit Videoconferencing, redundanter Highspeed-Anbindung und Parkett nach Belieben. Gern auch Tropenhölzer.

Nach oben hin kommen nochmal 10 hell erleuchtete Stockwerke. Mit nichts drin ausser Licht. München leuchtet.

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Samstag, 6. Dezember 2003

Real Life - Oktober 2003

Ach, guten Tag, sagte die Pressefrau auf der Buchmesse, etwas betreten. Es war nicht ihre Schuld, dass der Verlag damals das "Autorenschmoren" mit mir gespielt hatte. Erst als die Rechte weg waren, wurde sie vorgeschickt: Wir hätten doch bei den Interviews ein gutes Verhältnis gehabt, und wir sollten nochmal drüber reden. Aber da war es schon zu spät, und die Wochen davor waren nicht gerade ein gutes Beispiel für die Pflege von Jungautoren. Jetzt war die Jungautorin, die sie statt dessen gross bringen wollten, bei Amazon dauerhaft nicht unter den 100.000 bestverkauften Büchern, und Liquide nach 100 Tagen in der 2. Auflage.

Nein, gut ging es ihr nicht. Es war schwer, die paar jungen Leute in die Medien zu bringen. Das Geld machten sie mit ein paar Glücksgriffen im internationalen Rechtehandel. Die Popliteratur ist tot, es gibt nichts neues, alles ist irgendwie schon gesagt, es gibt keinen erkennbaren Trend mehr, gab sie zu und bot mir einen Prosecco an. Eine nostalgische Reminiszenz an bessere Tage. Ich trinke nicht.

Macht nichts, sagte ich. Es könnte schlimmer kommen. Lebert, Illies, Franck, Jenny, die schönen Hoffnungen, alles beim Teufel. Ihre Verlage verdienen keinen roten Heller. In ein paar Monaten wird die Restauflage eingestampft. Egger und Landwehr mit ihren durchgeknallten Forderungen können sich auch gleich in die Papiermühle begeben, direkt, nicht über Los und keinen weiteren Vorschuss einziehen.
Judithakenzinkenhermann ballert der Markt beim nächsten Buch aus dem Orbit. Sie wird es sich still gefallen lassen, denn sie gehört auch zu dieser Lahmarschclique, für die Revolution der Applaus des Establishments war. Kein Mut, kein revolutionäres Bewusstsein.
Und dann kommt was Neues. Kracht, Biller, Lager, Casati, ich selbst, wir sind alte Säcke für die nächste Generation. Die werden jeden über 30 abschaffen, bevor wir Riesterrente sagen können. Und ihr Verlage werdet sie drucken und hypen. Geschieht uns recht. Wir haben uns über den Markt definiert, und ohne Markt gibt es uns nicht. So what. Hey, it´s the end of the world as we know it, but I feel fine.

Ein lichtblondes Ding, das eine Weile sinnlos eine banal hübsche Figur abgegeben hatte, setzte ihre dünnen Beine in Bewegung und kam rüber. Die Pressefrau stellte sie als die litarische Hoffnung vor, die nicht zu den besten 100.000 gehörte. Sie sagte zwar ihren Namen, aber sie meinte es so. Die deflorierte Hoffnung gab mir die Hand, leicht, anämisch, von ober herab und am Gelenk abgewinkelt. Das Wort Ficken hatte wahrscheinlich der Lektor für sie in ihre federleichten Erzählungen genagelt.

Ah ja - Don Alphonso - der mit Liquide. Jetzt schreibt sie ja auch an einem Roman, erzählte sie. Wieder über ziellose junge Leute, und andere ziellose Leute sollen ihn kaufen. Es gibt keine Richtung, aber eine Menge Leute gehen dorthin und werden das Buch kaufen. Glaubt sie.

Die Pressefrau sagt nichts. Weil die Autorin trotz der netten Kritiken bei ein paar 100 Stück hängen bleibt, ist sie verbrannt. Es gibt keinen Markt für sie. Es sei denn, sie wird nach Klagenfurt eingeladen. Eine Runde harthirnficken, kein Blümchensex oder poppen auf der Wiese, sondern hardcore, dann wird sie auch noch kulturseitlich genommen.

Auf ihrem Klappentext steht was von atemlos stiller Literatur. Abgewürgt nennt man das beim Auto.

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Wachstum

Die Krise entsteht nicht so sehr durch den Stillstand der Entwicklungsmechanismen als vielmehr durch die Entwicklung selbst.
Rote Armee Fraktion, Das Konzept Stadtguerilla, April 1971

Wir erwarten einen Umsatz für das Gesamtjahr 2000 von über 100 Millionen Euro und werden uns darauf konzentrieren den Umsatzanteil des Kerngeschaft auf über 70 Prozent auszuweiten.
Alexander Falk, Vorstandsvorsitzender ISION AG, AdHoc vom 26. April 2000

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Unsere RAF

Niemand bringt heute Rebellen um. Kein Einsatzkommando des Bundesgrenzschutzes jagt einen signalgrünen 911er-Porsche, aus dem junge Leute mit H&K-Maschinengewehren feuern. Es gibt keine Leichen, kein Blut und keine Märtyrer.

Die Helden der Wir müssen weiterleben. Sie begeben sich freiwillig in U-Haft. Die Beschlagnahmung ihres Vermögens schmerzt sie etwas, und ihre Anwälte unterstellen dem Staat nur Raubabsichten. Aber keine Isolationsfolter oder Nazi-Methoden, was die Sache sehr unsexy macht. Und so vergessen Wir das PopBizzIdol Alexander Falk, das genau 6 Monate nach dem Haftbefehl immer noch einsitzt.

Die Köpfe der Bande leben. Aber sie sind zu abgeklärt und zu wenig von ihrer Mission (Mischn) überzeugt, als dass sie mit einer Kugel einen Mythos schaffen. Sie haben keine Mission. Es wird kein Stammheim geben.

Das ist der Fehler, der das Scheitern total macht.

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Donnerstag, 4. Dezember 2003

Real Life - Dezember 2003

Mein kleines Terrarium. Sind die nicht niedlich? Beschäftigungstherapie in der Auswegslosigkeit. Was tun Autoren/Kreative/Rebellen, wenn man ihnen den Spielplatz nimmt?

Sie blicken zurück, sehen den Technics MK II, erinnern sich an die Zeit, als er die Schlagzahl ihres Lebens vorgab, der Pitchregler immer auf +8%. Der Technics ist etwas, das Bestand hat. Er ist das Maschinengewehr ihrer Revolte. Auf jedem First Tuesday standen zwei davon rum und zerhackten die brennende Luft.

New Economy war Pop. Und mit Pop konnten sie alle was anfangen.

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Real Life - Sommer 2003

Stille -
herrscht in der Bibliothek der Elite-Universität, tief in der Provinz und weitab von der grossen Stadt. Die Hitze sickert durch die Fenster und macht müde. Ich verliere das Interesse am Buch über Change Management. Ruhe - dösen -

da flipflopen Sandalen gegenüber. Aus dem Bücherturm kommt eine junge Frau, Mitte 20, blonde, kinnlange Haare, rosa Top, und weil ich sie über den Saal so intensiv anstarrte, lächelte sie eines dieser unverbindlichen Munich-Area-Lächeln, diskret, höflich, nichtssagend.

Sie sieht aus wie eine normale Studentin, mit schweren Büchern und einem Mäppchen für Stifte und dicken Ordnern. Es ist nichts an ihr, was einem wirklich aufgefallen wäre; nicht schön, aber hübsch, keine Grandezza, aber sicher nett. Kein Lippenstift, kein Kajal, kein Mascara. Wieder eine ganz normale Studentin.

Und trotzdem -

ist sofort eine Spannung im Raum, denn in diesem Moment faltet sich die Zeit, und die Epochen des Hypes und des Untergangs schieben sich in meinem Kopf kreischend übereinander.

Ich hatte sie schon mal gesehen. Nicht nur einmal. Ich kannte sie. Sie hatte in der irrsten Zeit der New Economy bei rasend schnellen Firmen gearbeitet. Sie war damals alles andere als eine Studentin. Sie war eine der "Besten der Besten", eine Anfüherin der digitalen Revolution; sie hatte die idealen Vorraussetzungen, um überall on the top zu landen, ganz gleich ob Business Development oder Consulting.

Sie war eine Kriegerin eines neuen Zeitalters, das nicht kam. Bessere Referenzen konnte man bis 2001 nicht haben. Jedes Startup hätte sie mit Handkuss genommen. Ihre Vita war die eines New Economy Ideals.

Als ich sie damals gesehen hatte, trug sie schwarze Kostüme, weisse Blusen und ein professionelles Lächeln. Mit dem Niedergang der Eventkultur hatte ich sie aus den Augen verloren - und hier, in der tiefsten Provinz, völlig von allen Insignien des Rebellion gegen das System entkleidet, sehe ich sie wieder.

Ihre Referenzen von längst vergangenen Firmen mit net und .com im Namen sind heute bei jeder Bewerbung Gift. Die Reaktion der Wirtschaft hat sie ausgespuckt. Sie ist nur noch eine Studentin, die dringend ihren Abschluss hinbekommen muss.

Sie ist eine Rebellin ohne Markt.

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Rebellion

Die Revolution ist kein Festessen, kein literarisches Fest, keine Stickerei, die Revolution ist ein Akt der Gewalt"
Mao Tse-Tung, Untersuchungsbericht über die Bauernbewegung in Hunan 1927

Bunte Blattsalate mit Austernpilzen an Basilikum-Sauerrahm-Dressing
Legiertes Lauchrahmsüppchen mit feinen Lachsstreifen
Brasiertes Maispoulardenbrüschen an Zitronenbuttersosse mit
Marillenknödel auf Fruchtmarksosse
1999 Max Cuvee Blone & Noir Weingut Dr. Unger, Göttweig
Kostenloses Menu beim Founders Forum Elmau 2001

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68er

Wir hatten genug von den sozialschmarotzenden Lehrern, die mit uns über Weltverbesserung diskutieren wollten. Wir gingen in die Stadt, um was zu werden.

Aber dort standen Wir plötzlich vor lahmarschigen Professoren, die genau so jutemässig drauf waren waren wie der Sozialkundeonkel daheim. Sie zeigten Bilder aus ihrer Jugend, langhaarig mit Joint, und erzählten, wie das war, mit dem Hafermaß und den Markuse. Zu ihrer Zeit war das noch richtig toll, glaubten sie. Und jetzt sind sie als Quasibeamte an der Uni und kommen mit so Scheiss wie Oskar Negt oder Sozialethik.

Sogar, wenn Wir was Hippes wie Jura, BWL, Kommunikationswissenschaften oder Informatik studieren.

Die müssen weg. Schnell.

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Wir

Wir wären gerne anders gewesen. Echt.

Die Zeit war günstig. Als Wir an den Start gingen, sich ihren Anteil an dieser Gesellschaft zu nehmen, ging es nach oben. Zumindest für den Teil der Gesellschaft, aus dem Wir stammen. Wir hatten solide Eltern, die sie aufs Gymnasium schickten, mit 18 den Führerschein machen liessen und auch sonst darauf achteten, dass sie es gut hatten. Nicht nur gut, sondern besser. Wir waren diejenigen, von denen all die alten Säcke die Welt ja nur geborgt hatten.

Sagten sie immer. Na denn. Her damit.

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