Real life - September 1998

Er ist noch nicht runter vom Trip. Im Gegenteil. Vor drei Tagen hat er unterzeichnet, seitdem läuft alles mit 10facher Geschwindigkeit ab. Sein Büro ist schon fertig, aber draussen wird noch heftig an Kirschholz und gebürstetem Aluminium geschraubt.

Er streicht mit den Fingern an den Lehnen des Eames Chair entlang, als wäre dieser Stuhl die Erfüllung eines Lebenstraumes. Ist er vielleicht auch. Durch alle Zeiten definieren sich Menschen durch ihre Sitzmöbel. Er ist nur ein Glied in einer historisch grenzenlosen Kette von Stuhlfreaks. Und an seinem Stuhl kann keiner sägen. Er ist ganz oben in der flachen Hierarchie. Er ist CEO und hat 2,8 Millionen Venture Capital under Management. Nicht schlecht für jemanden, der bisher noch mit Mamas Polo fuhr.

Aber auch nichts Besonderes in diesen Zeiten. Er muss es schaffen, zu etwas Besonderem zu werden. Am besten in einem Jahr, denn dann ist der Börsengang geplant. Dazu braucht er Mitarbeiter. Schnell. Schnelle Leute, die er kennt und denen er vertraut. Leute wie mich.

Was sagst Du dazu? Dazu kommen noch die Stock Options.

Tu Dir selbst den Gefallen und such Dir jemand anderen. Ich habe keine Ahnung von der Thematik.

Mann, Don... er steht auf, geht zum Fenster und schaut hinaus ins Grüne, wo die Unit der Alphatiere ihr Meeting unter einem Baum abhält, mit Laptop und alkoholfreien Longdrinks. Don. Niemand hat Ahnung davon. We´re on the cutting edge. Da wo wir sind, ist ganz vorne. Die Ahnung kommt, wenn wir es tun. Ich habe doch selbst auch keine Ahnung. Und? Where´s the point? Der VC hat noch viel weniger Ahnung. Das spielt nicht die geringste Rolle. Es geht um den Markt da draussen. Es geht darum, ihn kennenzulernen und zu durchdringen. Ihn zu beschreiben. Und das kannst Du.

Hol Dir einen richtigen PR-Berater. OK? Der kann Dir den Markt notfalls auch erfinden, wenn es ihn nicht gibt.

Es gibt ihn. Und wenn es ihn nicht gibt, werden wir ihn nicht erfinden, sondern erschaffen. Vielleicht vergibst Du die Chance Deines Lebens.

Weisst Du, was Dein Fehler ist? Du glaubst, die Welt da draussen ist wie Du. Du siehst mich, Deine Freunde, Dein Umfeld, die ganze Strasse runter und drei Blocks rauf nur solche Menschen. Aber der Rest ist anders. Und die werden sich nicht für Deinen Businessplan verändern, auch wenn Du Dich verändert hast.

Er nimmt wieder auf dem Eames Chair Platz, verschränkt die Hände vor dem Kinn und tappt mit den Zeigefingern auf die Unterlippe. Er denkt nach. Vielleicht an die Zeit vor drei Jahren, als ich einen Typen kennenlernte, der für Pizza und Bier Rechner aufbohrte und von der Freiheit des Netzes schwärmte. Und der glaubte, dass man die Konzerne da raushalten müsste. Dieser Typ wäre nie sein Kunde geworden. Aber vor drei Jahren war er dieser Typ.

Er dachte lang nach. Nicht lang genug. Im Januar 2000 war der Laden völlig überschuldet, ohne je einen Markt entdeckt zu haben, der grösser war als die Strasse runter und drei Blocks rauf.

Mittwoch, 10. Dezember 2003, 09:20, von donalphons | |comment