: : : denn sie wissen nicht was sie tun sollen : : :

Donnerstag, 5. August 2004

Aus der beliebten Serie

"Autorenbilder, bei denen der Verlag schneller Nein sagt, als eine Praktikantin mit Caipi-Overdose beim Chefredakteur auf dem Schoss sitzt".



Don auf Grab im Wald/5.8.04/Rothenberg/Mittelfranken

100 Meter oberhalb von hier ist übrigens eine Investitionsruine des 18. Jahrhunderts, die es in Sachen Katastrophe locker mit den Immobilienfonds aus Berlin aufnehmen kann: Viel zu teuer gekauft, Altbau einfach weggerissen, Neubau zu schnell hingeklotzt und unzureichend fundamentiert, nach kürzester Zeit Einstürze in zentralen Bereichen, dann noch die falsche Standortwahl, und nach kurzer Zeit war das Ding veraltet und nur noch als Knast brauchbar.

Klingt nach New Economy, ist aber nur eine churbayerische Festung. Und 1083 Menschen waren am Ende tot, und wurden hier auf ein paar Quadratmetern im Wald verscharrt.

Trotz allem: Es gibt Stiche des späten 18. Jahrhunderts, auf denen zierliche, junge, der gesellschaftlichen Elite zugehörende Damen mit Sonnenschirm im Graben vor der Festung spazieren gehen und dabei scheinbar nette, gepflegte Convrsation machen.

Man darf nie glauben, dass sich je irgendwas ändert.

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Mittwoch, 4. August 2004

Seminar Witschaftsjournalismus

Man hat ihnen gesagt, dass es was bringt, später. Wenn sie in die Medien wollen. Denn Wirtschaftsinformationen sind wichtig, das ist also ein Zukunftsmarkt. Etwas, das jeder Arbeitgeber abfragen wird. Ein Core Asset, ergänze ich in Gedanken und höre weiter zu. ich gehöre nicht hier rein, ich war aber schon da, als sie gekommen sind, und sie haben hier, rund um mich, Platz genommen.

Sie haben Pause. Sie reden, wiederholen das Gelernte und schmeissen mit Fachwortbrocken durch die Gegend, die sich für mich unfassbar schal anhören. Der Unterschied zwischen ihnen und mir ist, dass ich eine Erinnerung und eine Vergangenheit an der Stelle habe, wo bei ihnen die Erwartung und die Ahnungslosigkeit ist. Sie sehen in diesen Begriffen noch einen Inhalt, vielleicht sogar sowas wie "Sinn". In der Theorie ist das alles auch logisch, es gibt Zahlen, Pressemitteilungen, und den Wink aus der Chefredaktion, das einfach abzuschreiben und nicht gross Fragen zu stellen.

In der Praxis werden sie erst gar nicht so weit kommen, von einem Chefredakteur einen Wink zu erleben. Auch nicht die ganzen tollen Partys, die es schon seit Jahren nicht mehr gibt, und die auch nicht mehr kommen werden. In der Wirtschaft regiert die Neue Enthaltsamkeit, und wenn draussen Millionen Arbeitslose stehen, schmeisst man keine Feste, von denen Medien berichten könnten. Es geht alles in Richtung stilles Meeting in Hotels, aber devote Interviews in gemieteten Clubsesseln sind wohl nicht das, was sich die Leute hier unter ihrer Zukunft vorstellen.

Sie sind übrigens keine BWLer. Germanisten, Politologen, Informatiker, die eine weitere Option haben wollen, bevor sie nach dem Ende des Studiums ins Nichts stürzen. Sie basteln an einer Hoffnung, die vor ihnen schon so viele andere hatten. 2000 ging, was schreiben konnte, in die neuen Wirtschaftsgazetten wie Konr@d, Net Investor, Bizz und die Internetseiten, die damals auch das letzte Provinzblatt wie "Die Welt" haben musste. Diese Leute sind immer noch auf dem Markt, und aufgrund der Nachfrage fast kostenlos zu haben. Was soll´s , immer nur rein in das gute Schlammloch, hier ist noch viel Platz, und spätestens 2010 geht es wieder aufwärts, dann braucht man wieder Leute, die Worte wie Success Story kennen.

Und keine Erinnerung haben.



Dann werfen sie die Pizzakartons weg und gehen wieder ins Seminar. Damit eine Zeit kommt, in der sie auch mal am Buffet essen können.

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Dienstag, 3. August 2004

Munich Area revisited

Im Sommer des Jahres 1999 kam ich zum ersten Mal auf das sogenannte Stettenkasernen-Gelände an der Schwere-Reiter-Strasse im nördlichen Schwabing. Hier ist Schwabing nicht mehr das, was es in den Tourismusbroschüren ist. Die Gegend wurde erst in den 20er und 30er Jahren bebaut; es herrscht eine fast kleinbürgerliche Atmosphäre, und das Gelände, das hier vor allem in den 50er Jahren entstand, war nochmal eine Steigerung der Hässlichkeit.

Er hatte mich eingeladen. Wir kannten uns aus einem anderen Leben, Anfang der 90er in München. Keiner von uns machte sich damals Gedanken über das weitere Leben. Fast 10 Jahre später waren wir beide irgendwie in diese neue Wirtschaft geschlüpft, er als Entrepreneur und ich als etwas, das sich weder mit dem Wort "Journalist" noch mit "Berater" adäquat umschreiben lässt. Er suchte Informationen über einen Zukunftsmarkt, in den er mit seiner Company eindringen wollte, und war dabei auf mich gestossen. Wir sprachen über die guten alten Zeiten und die noch besseren Zeiten, die er vor uns sah.

Ich sagte ihm etwas, was ich 1999 so sonst fast nie gesagt habe, weil mein normaler Job nicht die Wahrheit, sondern die Verankerung der Phantasien in der Realität war - und die Phantasien waren das Einzige, was damals Geld brachte. Ich sagte ihm, er sollte da mal rausschauen und überlegen, was das ist: Nur ein paar kleine Softwarebuden in einer runtergekommenen Gegend, kein New Media Cluster der First Mover der Emerging Markets, die hier aufgrund des kreativen Networkings vielleicht in 5 statt in 6 Monaten zum IPO kommen. Ich sagte ihm, was wir intern längst wussten, dass die Party bald vorbei sein würde, und ich machte den Fehler, ihm zu sagen, er soll das Geld zusammenhalten.

Manchmal frage ich mich, wozu ich eigentlich aus dieser Schicht komme, wenn ich dann solche Dinge sage. Das Geld haben die 2, 3 Generationen vor uns zusammengehalten; für uns war das ein Zeichen von Spiessigkeit, genauso wie Kachelöfen und signierte Kunstdrucke von Dali. Wir hatten damals, in den frühen 90ern kein Geld, sondern eine Karte, und wenn die kein Geld mehr ausspuckte, gab es manchmal einen Anruf von Mama, oder auch nicht. Manche klauten einfach ein paar Wochen Zeug zusammen, bis die nächste Apanage das Konto wieder aus der Alarmstufe tiefrot gehoben hatte. Mein Gegenüber war von meinen Ratschlägen nicht direkt beleidigt, aber das Gespräch war bald vorbei. Ich hatte in seinen Augen nicht den richtigen Spirit, und auch nicht den Willen, mit dem er das Ding zum Fliegen bringen wollte.

2002 ging er pleite. Er hatte eine FFF - Family Fools & Friends - Finanzierung gemacht, und dadurch wohl auch einen grossen Teil seines Erbes durchgeorgelt. Der Insolvenzverwalter hat, erzählt man, mehrfach versucht, ihm das Auto abzunehmen. Er nennt sich jetzt freier Berater, lese ich auf seiner Website. Wir haben seit 1999 nicht mehr miteinander gesprochen, und meine paar Mails wurden, wenn überhaupt, nur sehr kurz beantwortet; ohne Anrede, Grüsse, und die Unterschrift ist nur ein Buchstabe und ein Punkt dahinter.

X Dot Nichtsmehr, wenn man so will.

Letztes Wochenende bin ich mal wieder über das Gelände gegangen und habe ein paar Bilder gemacht. Bilder von den Schildern, mit denen man sich dort präsentiert. Vieles ist dort verfallen, aber an den Schildern sieht man es überdeutlich. Bitte einfach clicken.



Dahinter stehen menschliche Schicksale. Ich glaube aber nicht, dass man Mitleid empfinden soll. Schliesslich ist es eine Luxuskrise, und solche Regungen hatten sie - wir, wenn man so will - auch nicht. Nicht genug, also kein Grund für Mitleid. Nicht wirklich.

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Schwere-Reiter-Strasse 35

Man betritt das Gelände durch ein altes Eisentor. Angesichts der tiefen Löcher im Pflaster sollte man das Auto draussen abstellen, sofern es sich um einen Sportwagen handelt und man gesteigerten Wert auf den Auspuff und die Spoiler legt.




An Eingangstor ist ein Farbausdruck in Plastikfolie, für eine Veranstaltung von CapGemini. Der Drucker ist wahrscheinlich nicht mehr der Beste. Der Wegweiser wird von einer Schnur mit alten, schlaffen Luftballons umrankt. Der Symbolismus wurde hier unwillkürlich zu dick aufgetragen.




Man hat bei den Wegweisern die alten Schilder nicht abmontiert, um die neuen darauf befestigen zu können. Nun, da die neuen Schilder mitsamt Firmen verschwunden sind, weisen die alten Schilder wieder zu Einrichtungen, die es längst nicht mehr gibt.




Fast 600 Euro pro Monat für 43,5 Quadratmeter in dieser nicht eben luxuriösen Lage - das ist heute zu teuer. Ich glaube nicht, dass er dafür einen Nachmieter findet. Wenn man sich hier 2000 einmieten wollte, hatte man keine andere Wahl. München war vollkommen überbevölkert und ausgebucht. Manche mussten 5-jährige Laufzeiten akzeptieren. Mit den Startups kamen die Mitarbeiter. Die besten Köpfe aus der gesamten Republik, und die liessen auch die Mietpreise für Wohnungen explodieren. Studenten mussten deshalb noch im Winter 2001/02 in Turnhallen schlafen. Ich war damals eine Weile out of town und habe meine Wohnung an eine Studentin verliehen, die in der New Economy gescheitert war und eine Zuflucht brauchte.




Links hat die Krise ein grosses Loch gerissen. Es muss ein komisches Gefühl sein, das Firmenschild darüber oder darunter montiert zu haben und jeden Tag gleich zu Beginn des Arbeitstages das Scheitern der anderen zu sehen. Aber der Mensch gewöhnt sich an alles. Auch an das Schild rechts oben, ein vergilbter Farbausdruck in Plastikhülle, der mit Tesa angeklebt ist.




Eine andere Lösung ist es, den Firmennamen an die Wand zu schreiben. Nur sollte man das bisweilen nachpinseln lassen. Verwitterung macht bei aufstrebenden Jungunternehmen keinen so tollen Eindruck.




Manche leisten sich doch noch ordentliche Schilder an den Briefkästen, nachdem man die Reste der Vorgänger entfernt hat. Manchmal kleben aber die Rückstände noch dran, weil man wohl mit dem Schild an sich zufrieden war. Vielleicht haben die Leute hier gar nicht mehr die Kraft, ihren Besuchern etwas vorzumachen, und ihre Facilities rauszuputzen. Oder das pralle Leben aufzuführen, das hat man sich hier vorgestellt. Damals, 2000. Lauter junge, success-orientierte Kreative, vor einem schnellen Aufstieg in die Toppositionen der Neuen Wirtschaft, die alles Dagewesene in den Schatten stellt. Eine neue Welt sollte das hier werden, jung, aufgeschlosen, lässig, casual friday every day, good looking, sexy.




Dieser Anspruch wird nur noch von 9live-Mitarbeiterinnen erfüllt, die manchmal über das kaputte Kopfsteinpflaster stackseln. 9live verdient ja noch Geld. Einer Erfolgsgeschichte. Immerhin.

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Dienstag, 3. August 2004

Real Life 2.8.04 - Pacellistrasse

Es gibt Orte, an denen sollte man gewesen sein, und Orte, die man sich getrost sparen kann. Die Pacellistrasse in Münchens Zentrum ist so ein Ort. Jeder Event, den ich in der näheren Umgebung besucht habe, war entweder geschmacklos wie die Sozialdemokraten im Bayerischen Hof, dumm wie die Modeschau beim Nobelfriseur oder prall wie die beiden alten Chanelschachteln, die sich daselbst im 80qm-Toilettenfoyer die Nasenschleimhäute bekoksten.

Der krönende Abschluss ist dann das Gebäude der Bayerischen Börse auf der anderen Seite des Altstadtrings. Unten drunter ist das Epizentrum des Kolonialstils, das Kokon, wo ich mal ein sagenhaft mieses Buffet bei der Buchpräsentation von Christine Kaufmann er- und mit erheblichen Komplikationen überlebte - tunesische Küche, die man mal dem Schily geben sollte, bevor er glaubt, dass man in Nordafrika irgendwelche Lager einrichten kann. Das Buch von Frau Kaufmann noch dazu. und es wäre eine Menschenrechtsverletzung.

Nicht alle erleben die Pacellistrasse als den Ort, wo zu viel Geld von zu wenig Hirn gefickt wird. Meine kleine Schwester zum Beispiel kauft hier Teile ihrer Einrichtung bei Kartell. Kartell hat all das vergleichsweise billige Plastikmöbelzeug, das die jüngere Generation aus den Videos kennt und geil findet, bis sie mal versucht haben, darauf länger als eine Stunde zu sitzen. Meine Schwester meint, dass Kartell nach Jahren der Krise gestärkt aus dem Downturn der New Economy hervor, denn die Klassiker der frühen 80er Jahre sind wieder todschick.



Mag sein. Aber wenn ich bei Kartell in der Pacellistrasse vorbeikomme, kommen sicher zwei aufgedonnerte Frauen aus dem Laden, Mama mit Ethnofetzen und roten Turnschuhen und Tochter mit Versace Jeans. Sie haben einen Gartenzwerg von Philippe Starck gekauft. Und einen weissen Plastiktisch. Sie steigen in ein Mercedes Cabrio mit Erdinger Kennzeichen. Es riecht, als hätten sie sich einmal durch eine Parfumerie geprobt, aber das ist nicht der Typ dafür.

Die kaufen einfach alles, was in der Glamour beworben wird. Todschick eben.

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Kleiner Relaunch

Nein, ich bin nicht das Mädchen, sie ist auch nicht meine Schwester, und ihre Telefonnummer gebe ich auch nicht raus. Warum sie? Sie guckt so, wie ich denke, dass Rebellen eben gucken, wenn sie keinen Markt mehr haben.

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Alfa Romeo, Schwere-Reiter-Strasse

Das ehemalige Postgelände an der Schwere-Reiter-Strasse hat jede Zukunft lang hinter sich. In den Boomzeiten der New Economy sollte hier ein Mediencluster entstehen. Mit dem Ergebnis, dass Neun Live noch nichts Billigeres gefunden hat, Jung von Matt seine Isar-Leute los ist, und Farbausdrucke in Klarsichthüllen die früheren Plexiglas-Orgien der Firmenschilder ersetzt haben.

Du fährst man über das kaputte Kopfsteinpflaster in den Hof, biegst dann den dritten Weg nach links und dann gleich wieder nach rechts ab, und dann siehst du sie schon. Vintage Alfas, von der 1300 Guiletta über rote Rundheck-Spider bishin zum Superleggero. Alle im Originalzustand und unrestauriert.

Mittags streichen die Angestellten der New Media Klitschen drum herum und würden gerne so einen Wagen haben, um über die Leopold zu cruisen. Aber die kargen Löhne im Kreativbusiness reichen dafür kaum mehr aus. Dann doch lieber weiter den Golf von Mami, ist auch praktischer.

Deshalb bleiben die Alfas hier in langer Reihe stehen; nur manchmal kommt ein Unfallwagen dazu, oder ein frisch polierter Wagen huscht schnell vom Hof. Dann ist wieder Ruhe, und die Wägen träumen weiter von der Jagd auf engen süditalienischen Serpentinen. Am Sonntag kannst du lange einsam durch die Karossen schlendern und das glitzernde Chrom befühlen. Sind die Fenster bei Sonnenschein etwas geöffnet, riechst du das alte Leder.

Die niedrige Werkstatt, das marode Kopfsteinpflaster und hin und wieder ein Wrack eines Porsche oder S-Klasse Mercedes runden das Bild ab. Sie sind hier nur eine Weile, dann haben sie wieder eine Zukunft.

Im Gegensatz zu den Verlierern des New Media Zeitalters, die in den anderen Schuppen angespült wurden.

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Alfa Romeo
Schwere-Reiter-Strasse 35
80797 München

siehe mit Bildern auch hier

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Sonntag, 1. August 2004

Freund der Nacht.

Er versteht nicht, was Glas ist, er würde immer so weiter gegen mein Fenster fliegen, bis er sterben würde.



In der grossen Bilanz des Lebens spielt es keine Rolle. Aber wen interessieren schon grosse Bilanzen. Ich stelle einen Bleikristallkelch über ihn, schiebe ein Blatt von einem McK-Resaerch runter, der keine Bedeutung mehr hat, ausser sein grosses Spiel weiter gehen zu lassen, und bringe ihn raus, in die Nacht, die sich manchmal als Tag tarnt, aber ich kenne dieses Spiel ja schon. Er fliegt weg, dem nächsten Glas, Kühlergrill oder Paarungsmöglichkeit entgegen.

Erinnert mich irgendwie an ein paar alte Freunde.

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Real Life 31.7.04 -Was ich an ihr so mag

Sie ist hochintelligent. Ich habe mich immer gefragt, wrum sie dann trotzdem so daneben gegriffen hat mit ihren Jobs. Sie hatte all die hard und soft scills, die man brauchte, um zu sehen, was da kam, aber ihre leicht grün schimmernden Augen - die sind nicht grün, würde sie jetzt sagen - waren blind. Sie nimmt das alles mit einer schlichten Ergebenheit in das Schicksal hin. Sie sagt selbst, dass ihre Chancen im Grossen und Ganzen vobei sind, und bis es wieder besser wird, setzt sie alles auf hold und wartet ab. Sie wartet jetzt seit drei Jahren auf diesem Posten, für den sie restlos überqualifiziert ist.

Sie ist sowas wie eine Konstante in meinem Leben, das keine geraden Linien kennt und keine Reisegeschwindigkeit. Sie ist eine von denen, mit denen man sofort gründen möchte, damit sie wieder ihre Flügel aufmacht und fliegt, denn dafür ist sie eigentlich geschaffen, das hat sie gelernt, und das, was ist, stand in keinem Plan und keinem Proposal.

Wir sitzen in diesem Restaurant/Cafe, wo so viel begann, und wo ich eigentlich nicht mehr hin sollte, weil es hier zu viele bad memories gibt, mein Augen rattern über die Tische wie ein Lesekopf über eine defekte Festplatte, denn die Tische sind noch da, im Winter wird hier auch wieder so ein grosser, grünroter Weihnachtsbaum in der Mitte stehen, aber die Leute von damals sind alle weg, verschwunden, mein alter 2001er Business-Verteiler hat 97% Bounces. Erst gestern Nacht wieder ausprobiert. Irre, vielleicht. Kann sein. Sie hat als einzige geantwortet, ob ich wieder in der Stadt bin.

Wir sitzen in den Trümmern unserer Vergangenheit und schauen den Studentinnen beim Geldabzählen zu, 2 Getränke und eine halbe Schachtel ist ein Frühabend ohne zu viel Belästigung. Alles steht still. Alles auf Anfang. Sagt sie, und ich vermute, dass sie Recht hat. Dann lesen wir Kontaktanzeigen "Sie sucht Sie", und damit sind wir wirklich wieder am Anfang, denn 1996, als alles begann, haben wir das auch gemacht und uns überlegt, was eigentlich eine gute "Sie sucht Sie" Anzeige ausmacht. Ich hatte einen dummen Vorschlag, einfach so, und sie sagte, ne, der ist nicht dumm, da kann man was draus machen.

Sie hat was draus gemacht. Einen Nobeleingang zu ihrer privaten Hölle, für die sie vielleicht sonst einen Nebeneingang hätte nehmen müssen.

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Samstag, 31. Juli 2004

Dotcomtod down

Wer drüben bei Dotcomtod war, oder auf der Suche nach Dotcomtod hier her kam, wird es gemerkt haben: Dotcomtod ist, nein, nicht tot, aber im Moment nicht verfügbar.



Wenn man so will: Das ist eine Solidaritätsabschaltung für Antville und Blogg.de. Nicht von uns, sondern vom Server. Aber es wird eifrig geschraubt und debugged.

Gehen Sie doch so lange zu Spiegel Online und ärgern Sie sich ein wenig über den dortigen Qualitätsjournalismus. Lesen Sie ein gutes Buch. Gehen Sie baden - tun wir ja auch gerade mit unserem Server.

Geniessen Sie das Leben jenseits des Netzes. Genau.

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Freitag, 30. Juli 2004

Schwarze Rosen am Grab:

Black Roses Project bei Bondage verunglückt

MAMMAAAAAA! plärrt das Balg auf seinem Tretrad in das Blau über Berlin Mitte hinein. MAMMAAAAAAAA!!! Mama ist gut 20 Meter weit die Strasse runter in einem Cafe. Sie trägt einen Batik-Rock und darf als Idealtypus der aus dem New-Economy-Erwerbsleben ausgeschiedenen Neumutter Modell Berlin Mitte gelten. Sie hat einen orangen Kinderwagen dabei. Dass ihr Balg mir die Trommelfelle durchdengelt, ist ihr egal. Sie starrt weiter in ihre Zitty, Monopol, Voss oder was auch immer.

Ich stehe also neben diesem Balg. Und zufällig auch vor diesem Bordell in der Nähe der Kastanienallee, dessen rotes Herz mit Lämpchen auf mich bislang eher wenig einladend gewirkt hat.



Schliesslich wohnt in der Nähe eine Frau, die beim Kochen an mir vorbei Paprikaschoten, Halloumischeiben und Pfifferling geklaut hat, mit einem Blick voller Durchtriebenheit und Gier, und wenn Frauen das machen, kann man an mit Sicherheit gernzender Wahrscheinlichkeit sagen: Absolut kein Grund dafür, Geld für etwas auszugeben, was man in bester Qualität nach dem Kochen in, sagen wie mal, Tauschhandel geboten gekommt. Nein, ich kaufe mir keine notleidenden, hungrigen Frauen am Rande des Existenzminimums. Ich koche für Luxusweibchen und bleibe für weiteres. Wenn sie das wollen. MAMMMMAAAAAAA!

Mama sieht auf, sagt "Na komm", schaut wieder ihr Magazin. Das Balg fängt an zu flennen, und ich bekomme schlagartig so ein komisches Gefühl, meiner inneren Genervtheit Ausdruck geben zu wollen. Irgendwas zu tun, um den Druck abzubauen. Sozial auffällig zu werden. Irgend so was. Vielleicht hoch erhobenen Hauptes in diesen Laden da reinzugehen. Ein Zeichen des Widerstandes gegen die Invasion der orangen Kinderwägen und der Mütter mit Batik-Rock zu setzen, die am Bett wahrscheinlich auch noch Räucherkerzen abbrennen und und mit ihrer Freundin über die mangelnde Dienstleistungsmentalität in den KiTas schimpfen, bevor sie denken, dass die Kinder doch irgendwie nerven beim Glamour lesen, und überhaupt ist jetzt eigentlich Zeit, wieder an die Karriere zu denken. KRÄÄÄÄÄHHHHHHHHH!!!!

mehr

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Real Life 29/30.07.04 - Nachttransfer

22.30 Uhr auf der Stadtautobahn



und dann in die Nacht. Der gleissende Mond macht aus Wäldern, Orten und Ruinen bizarre Schattenrisse, bis er fahlorange gegen 3.30 Uhr hinter Franken absäuft. Dann erst sieht man die Sterne, und sie säumen den Weg bis in die Tiefebene, wo sie vom Neonlicht der Petrochemie und der Tankbehälter verdrängt werden.

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Donnerstag, 29. Juli 2004

Es geht dir auf den Sack.

Dieser Typ auf der anderen Seite des Schreibtischs. Er hat dich zugetextet mit seinen Referenzen und Erfahrungen, aber er hat dir nicht gesagt, was er hier will. Ausser endlich wieder ein Berufsleben, aus dem er vor zwei Jahren herausgefallen ist, wegen zu hoher Geschwindigkeit in der Abwärtskurve der New Economy. Und Karriere machen will er natürlich auch. Aber keine Revolution, sondern brav den vorgeschriebenen Weg.

Und dann puhlt er an der kleinen Macke des Eames Chairs herum. Er will dir damit zeigen, dass er weiss, dass hier auch nicht alles perfekt ist. Waffengleichheit herstellen. Dir auf diesem Weg ironisch kommen, auf der Konsumprodukts-Ebene. Bei ihm zu Hause kommt vermutlich alles von Ikea.

Du beugst dich über den Tisch und sagst, ihre Referenzen sind ausgezeichnet, keine Frage, nur bei der Beständigkeit siehst du leichte, hm, du überlegst zwei Sekunden, eins, zwei, sagen wir mal, Indifferenzen.

Hier ist es nämlich so, dass eine gewisse Beständigkeit schon wichtig ist. Du musst dafür sorgen, dass es langfristig glatt läuft, du magst straighte, konsequente Arbeit, und dafür bist du bereit, den ordentlichen Preis zu zahlen. Es ist wie mit diesen Stühlen hier, die standen hier schon lange. Die sind nicht billig gewesen, aber das weiss er ja. Eames, wir verstehen uns. Hatten wir schon lange bevor die New Economy CEOs mit ihrem toteln, kalten Hintern von ihnen wieder runtergekippt sind. Du willst Mitarbeiter wie diese Stühle. Und du willst, dass er sich als ge-nau-so zuverlässig erweist.

Seine Hand hat aufgehört, an der Macke rumzupuhlen. Er gibt klein bei und erklärt sich bereit, es erst mal mit zwei Monaten Praktikum zu probieren. Nur um endlich weiterhin auf einem Eames Chair zu sitzen, der hier schon so lange steht und nur etwas Patina angesetzt hat.

Du sagst, du gibst ihm bald Bescheid, und als du ihm kräftig die Hand drückst, damit er merkt, who has got the power, sagst du ihm natürlich nicht, dass die Eames Chairs erst seit ein paar Wochen hier sind. Da hast du ihn nämlich angelogen.



Die Eames Chairs hast du zufällig gesehen, als du geschäftlich in Mitte warst. Am Zionskirchplatz ist ein Laden mit 70ies-Möbeln, und die hatten diese Eames Chairs in blau für nicht mal 20% des Originalpreises. la fonda heisst das Geschäft, hat nicht unangenehme Kunst an den Wänden und all das Zeug aud Plastik, worauf Mitte im Moment so steht, aber auch Arne Jacobsen und Eames. Gepflegte, alte Originale aus den späten 80ern von Vitra. Die hast du sofort genommen, um das Büro aufzupeppen. Auch über den Preis konnte man gut reden. Ohne das Piercing und die 70ies-Klamotten hätte dir auch die Verkäuferin sehr gut gefallen. Deine Office Managerin, die auch dabei war, fand den farbig-schlacksigen Boss (?) des Ladens ziemlich anregend.

Und wenn du den Typen nimmst und er als unterbezahlter Prakti ordentlich Werbekunden ranschafft, dann holst du dir auch noch die Executive Chairs. Als Paar. Für dich. Privat.

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la fonda
Fehrbelliner Str. 25
10119 Berlin Tel.: 030 443 557 23
Mo. - Fr. 12-20 Uhr

siehe auch hier

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denn sie ahnen nicht, was sie damit anrichten

Da sage noch einer, man könne nichts Neues in der Blogosphäre erfinden:



Also, diese internetversaute Jugend heutzutage... wenn die so weitermachen, dann werden sich Blogs wirklich noch durchsetzen....

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