: : : denn sie wissen nicht was sie tun sollen : : :

Mittwoch, 4. Mai 2005

Heute

in Bayern. Vorletzter Tag.



Links in der Mitte unter dem Kamindach ist der taubenbetriebene Weckdienst.

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They hired a contract shopper

Du fühlst dich etwas schmutzig, als du deinen verdreckten Punto hinter dem blitzsauberen, lindgrünen Mercedes abstellst. Keine gute Vorraussetzung, denn da drinnen musst du der ordentliche Sohn aus besserem Haus sein, der täglich zweimal duscht und gepflegte Fingernägel hat. Nicht, dass du nicht darauf achtest; es ist dir in Fleisch und Blut übergagangen, aber der lindgrüne Mercedes verheisst gesteigerte Ansprüche. Da drinnen krachen gerade geballte Repräsentationswünsche aufeinander. Frau P., die schon immer, seit du sie kennst, lindgrüne Mercedes-Limousinen fährt, wird die nötigen Assets an ihrem Körper mitgeschleift haben, und deine Eltern sind auf solche Überfallkommandos der besseren Gesellschaft eingestellt.

Es ist nicht so, dass sie nicht auch schon früher aus mehreren Geschirren hätten auswählen können. Aber das hat sich dank deiner Einkäufe in Berlin und der Neigung deiner Frau Mama geändert, diese Dinge, die sie eigentlich gar nicht braucht, dann nach zwei Wochen dringenst zu benötigen. Das geht dann so: *bimmelbimmel* - "Mein mittelgrosser Pastetenheber. Alphonso, ich brauche den jetzt." "Frau Mama, Sie sagten aber, ich könnte den wieder mitnehmen..." "Wirklich, Alphonso." "Frau Mama, Sie haben doch auch den grossen Pastetenheber." "Ja, aber mit dem beschäme ich Frau K., der ist zu protzig." Nur falls sich jemand mal wundern sollte, warum du nur zwei mickrige Pastetenheber besitzt. Für die Frau P.s dieser kleinstädtischen Welt stehen jetzt immer zwei grosse Tabletts voller notwendiger Waffen bereit, und die Abwehrfront steht meistens, noch bevor sich der Besuch gebührend über das Wasserspiel vor der Terasse äussern kann.

Tatsächlich plätschert ein wenig Wasser über den arabesken Steinbrocken, und daneben sitzen sie vor Damast, Silber und Porzellan und tauschen sich über die Neuigkeiten des Provinzdaseins aus. Du gibst artig die Hand, mit angedeuteter Verbeugung, und kannst schlecht einfach Richtung Arbeitszimmer und Internet verschwinden, zumal dir ausdrücklich ein Platz angeboten wird. Frau P. erzählt von ihren Töchtern, deren ältere gerade dabei ist, sie zum dritten Mal zur Grossmutter zu machen. Und alle sehen aus wie die Mutter. Die weiblichen P.´s haben die Sorte Gene, mit denen man notfalls auch Metall fräsen, Flugzeuge abschiessen oder Tunnel sprengen kann. Noch in Jahrhunderten werden sich die P.´s ihre Bresche durch den Genpool dieser Welt schlagen, keine Frage. Die jüngere Tochter ist etwas aus der Art gschlagen; immer noch Single und nie daheim. Noch. Aber das werde sich schon ändern.

Deine Frau Mama erklärt, dass du nun auch wieder oft in der Provinz sein wirst, und deine Zelte in Berlin abbrichst. In Frau P.´s Kopf entsteht wahrscheinlich die Illusion eines verlorenen Sohns, eines reuigen Sünders, der in den Schoss seines Clans zurückkehrt. So zumindest interpretierst du ihre Begeisterung, ihren dezenten Hinweis, du könntest doch dann mal ihre jüngere Tochter treffen, wenn sie auch hier ist. Du revanchierst dich mit ein paar Bemerkungen über deine Pläne zum Ausbau deiner Wohnung; schön soll sie werden, antik, repräsentativ, nicht so billig, und vor allem: Kein Acryl. Sagt auch übrigens die aktuelle House & Garden. Das sitzt. Frau P. schaut etwas betroffen auf den Tisch, und stochert mit der Vorlegegabel in den kleinen Gebäcken.

"Schöne Gabeln", wechselt sie das Thema und läuft deiner Mutter damit gleich ins Vorlegemesser. Die, so sagt sie, hat ihr Sohn aus Berlin mitgebracht, Geburtstagsgeschenk, allerliebst mit kleinen Putti drauf. Tatsächlich fandest du die Teile damals ziemlich grenzwertig; knorpelige Gründerzeit, die versucht, falschverstandenes Rokkoko zu imitieren. Hier, auf dem Gartentisch, sind sie erträglich. Irgendwie sogar hübsch. Ob es in Berlin oft dergleichen gebe, will Frau P. wissen, und bereitwillig gibst du ihr Auskunft. Frau P. japst schlussendlich nach Luft, als Du beiläufig die Notwendigkeit einer neuen Silbervitrine erwähnst. Und als du sagst, dass du es inzwischen einfach nicht mehr kaufst, weil du nicht nochmal so Zeug brauchst, kann sie nicht mehr an sich halten und fragt, ob du ihr nicht vielleicht, natürlich nur wenn du so etwas siehst und natürlich gegen sofortige Bezahlung dieses und jenes und das, was sie nie findet, mitbringen könntest. Habgier ist in diesen Kreisen normal, man kennt sich ja, und wird zumindest hier kaum kaschiert vorgetragen.

Mit deiner Einwilligung in ihr Begehren ist auch die Höflichkeits-Viertelstunde vorüber, und du ziehst dich zum Rechner zurück. Du wirst ihr das Gewünschte mitbringen, sie werden dich einladen, in ihrem Garten zu sitzen, ihre ältere obszön aufgequollene Tochter wird dabei sein, die quäkenden Blagen, vielleicht auch die Missratene, und du wirst dir wünschen, dass man dich erschiesst, wenn du auch so werden solltest. Denn du kennst diese lindgrünen Mercedes-Schlitten noch aus den 70er Jahren. Frau P. hatte den damals von ihrem Vater bekommen, und über uns über mit Blumen und Parolen bemalt. Am Wochenende war der Mercedes über irgendwelche Feldwege gehoppelt, wo Frau P. Gerüchten zufolge seltsame Sachen rauchte. Ihre Kinder hatte sie am Anfang noch auf alle Ostermärsche mitgeschleift. Und überhaupt sehr progressiv getan, die indischen Perlen gleich neben der Luxusuhr, und die Gabeln aus dem Familiensilber hatte sie zu Armringen umarbeiten lassen. Du wirst bei ihr Tee trinken und den kleinen Finger nicht zu sehr abspreizen, du wirst das ordinäre, viel zu teure Stilmöbel bewundern, das den Acryltisch abgelöst haben wird, und in dem Wissen lächeln, dass es im Netz jederzeit und immer Anleitungen zum Bombenbau gibt.

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On Air offline

bin ich mit Modeste und Johnny bei Holgi auf Fritz. Und das drei Stunden lang. Am kommenden Montag ab 22 Uhr. Und ihr könnt und sollt anrufen.

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Dienstag, 3. Mai 2005

Ehemaliges Jung von Matt/Isar Gebäude, Munich Area

Der Zerfall der New Economy manifestiert sich, im Gegensatz zu Industrieregionen, in der Regel nicht in Ruinen und verkommenen Gebäuden. Die New Economy war standortunabhängig, mobil und flexibel. Die Produktionsmittel - in der Regel Rechner und Server - waren klein und innerhalb weniger Stunden an einem neuen Ort aufgestellt. Das galt als eine Grundvorraussetzung für dynamisches Wachstum. Eigene Immobilien wären da nur ein Klotz am Bein gewesen, die obendrein die Rendite geschmälert hätten - selbst in München mit den steigenden Preisen. Was bingt einem 5% Wertzuwachs von Mauern, wenn die Firma nach einem Jahr mit 5.000% Wertzuwachs an die Börse geht?

Während also früher das Industriegebäude ein Alleinstellungsmerkmal war, Zeichen für Erfolg und Repräsentation, oft stolz auf den Aktien abgebildet wurde, standen für die Bauten der New Economy andere Merkmale im Vordergrund. Sie sollten flexibel teil- und erweiterbar sein, günstig, schnell erreichbar, und in einem kreativen Umfeld, das unter dem Schlagwort "Mediencluster" Austausch, Kooperationen und gegenseitige Verstärkung einer Zukunftsbranche versprach. Die Folge waren neue Komplexe wie die Oberbaum City in Berlin oder das Siemens Business Center of E-Excellence am Münchner Flughafen. Andere zog es ironischerweise in alte, brach liegende Industriebauten und Lofts früherer Gründerzeiten wie 1871, 1900, 1924 und 1948, die nach den Anforderungen der New Economy flexibel umgestaltet wurde. Beispiele sind die Hanauer Landstrasse in Frankfurt, die Brotfabrik in Berlin und die Media Works Munich an der Rosenheimer Strasse.

Überall ging dort ab 2000 der Dotcomtod um - die Folge waren sinkende Mietpreise, die Ansiedlung gar nicht mehr so zukunftsträchtiger Dienstleisten, und viel Leerstand. Aber kein sichtbarer Zerfall. Wann immer eine dieser Firmen drauf ging, reichte ein Container für den Müll aus. Die meisten Möbel waren praktisch neu, schick, und landeten in Geschäften wie etwa diesem Gebrauchtmöbelhändler in Münchens Gabelsberger Strasse, die Rechner waren ohnehin oft nur geleast. Man wollte schliesslich schlanke Strukturen und sich allein aufs Business konzentrieren, alles andere wurde outgesourced.

Die New Economy hat es in der Folge tatsächlich geschafft, zumindest in ihrem Untergang fast vollkommen virtuell zu bleiben. Die virtuellen Produkte wurden gelöscht und von den Servern geschmissen, die Hardware landete bei den Verwertern, und die Gebäude, die sie für ein paar Jahre wie Kakerlakenschwärme überfielen, sind jetzt von ihnen gereinigt, als ob es sie nie gegeben hätte. Keine Trümmer, keine Ruinen, keine Brandschicht. Nur dort, woher die folgenden Bilder stammen.



Wir befinden uns im nördlichen Schwabing, dem berühmten Künstlerviertel von München, in der ehemaligen Stettenkaserne an der Schwere-Reiter-Strasse. Die ist noch innerhalb des Mittleren Rings, aber die bevorzugten Wohngegenden, das klassische Schwabing der Türken- und Theresienstrasse, das eigentlich "Maxvorstadt" heisst, oder die Leopoldstrasse und der englische Garten sind weit weg von hier. Die Stettenkaserne lag in den 20er Jahren am nördlichen Stadtrand von München, und hier war genügend Platz für ein grosses Militärareal. Nach dem zweiten Weltkrieg wurde die Anlage konsequent erweitert, bis sie nach dem Ende des kalten Krieges aufgegeben wurde. Gerade rechtzeitig für den Boom der New Economy übernahm die Stadt München das Gelände, und förderte die Ansiedlung junger, innovativer Firmen. Im Zufahrtsbereich steht das obige Gebäude; eine ehemalige Werkhalle, die früher unter anderem Jung von Matt an der Isar beherbergte. Und heute? Bitte hier lang.

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Real Life 02.05.2005 - Grosses Rokkokotheater

Im Original hat dieses Bild eine grenzenlose Auflösung. Im Original kommen viele Vogelstimmen dazu, und nur manchmal das dröge Geschnatter einer Elitesse. Im Original ist das ein exklusiver Blick in splendid isolation, es gibt ihn nur hier und für mich allein. Es ist, wie so oft in Bayern, fast schon italienisch, und weil es so hoch droben ist, weht immer eine angenehme Brise. Es ist nie zu heiss, wenngleich hier oben Feigen reif werden.



Manchmal sitze ich hier auf der Dachterasse ein, zwei Stunden, kaue an einem Schnittlauchhalm, und frage mich, warum ich gegangen bin. Es gab keine Notwendigkeit, der in der Munich Area zu werden, aus dem dann später Don Alphonso entstand. Es gab keinen Zwang, nach Berlin zu gehen. Natürlich ist das Leben hier langweilig, aber sage bitte keiner, dass es spannend ist, sich im 103 oder im Tresznjewski Gerede über nie vollendete Romane oder Businesspläne anzuhören. Location Based Stories sind sowieso dumm, was fehlt sind Geschichten über das Unterwegs mit Zielen, die sich auflösen, desto näher man ihnen kommt.

Das Essen hier ist exzellent, die Menschen sind freundlich, an Frauen herrschte, falls nötig, kein Mangel, schliesslich rollt bei alten Freundinnen die grosse Scheidungswelle. Wenn es doch einmal zu langweilig wird, liegt München keine Stunde von hier entfernt. In der Nacht ist es unfassbar ruhig, und wenn ich nach oben schaue, sehe ich unendlich viele Sterne. Am nächsten Morgen wecken mich die Tauben im barocken Kamin neben meinem Fenster. Es ist buchstäblich mein Fenster, es gehört mir. Es ist mein Haus, mein Blick, mein alltäglicher Urlaub, ein, zwei, drei Tage ohne Netz sind kein Problem.

Ich habe heute die Wohnung in Berlin gekündigt.

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Montag, 2. Mai 2005

München, gestern Abend

Die Stadt kann sehr schön sein.



Wenn man nicht alle fünf Meter auf Reste der schlimmen Zeit 97-02 stossen würde, wenn man nicht dauernd daran erinnert werden würde, mit wem man mal wo war und was aus ihnen wurde - langweilige Mütter, wenn sie Glück hatten, 2 qm Souterrain-Wohnungen in nicht allzubester Lage in den Heimatstädten für die nächsten Jahrzente, wenn sie viel Pech hatten. Und viel dazwischen. Aber nichts von dem, was man sich 99 gewünscht hätte.

Es ist eine schöne Stadt. Ohne diese Stadt hätte es die New Economy so nicht gegeben. Diese Stadt ist teuer und fordert die Menschen. Ohne Leistung fliegt man raus. Man dachte, dass grosse Leistung am richtigen Ort zur richtigen Zeit einen einzigartigen Flug macht. Diese Strasse da oben war die Startbahn für ein halbes Dutzend Startups. Und auch ihre Absturzstelle.

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Consultantnewbankingmainhatten/Donau

Die Stadt, aus der ich komme, hat eine gut 700 Jahre alte Tradition als Festungsstadt. An dieser Stadt bissen sich die Schweden und Protestanten im 30-jährigen Krieg die Zähne aus. beinahe hätten sie hier den Schwedenkönig abgeknallt. Sowas macht stolz. Und anfällig. Für Militärarschitektur. Weshalb jetzt die Sparkasse statt ihres alten, unpassenden Hochhauses an einem totsanierten Rathausplatz jetzt einen zeitgemässen Sperrriegel gebaut hat, wie er im Lehrbuch für den barocken Festungsbau steht.



Da spielen natürlich noch mehrere Faktoren mit rein. Ein guter Teil ortstypischer "Wer ko, der ko"-Haltung. Auch der in Diktaturen und lokalen Bürgermeistereien nicht unübliche Wunsch, sich frühzeitig ein Denkmal zu setzen.

Aber diese Scharten - die gleichen sind am völlig überzogenenen und heute nicht wirklich überfüllten Deloitte-Gebäude in München zu sehen. Die flache Form ist auch bei Siemens in München beim Headquarter - nur ist daneben eine breite Strasse, und keine mittelalterliche Gasse. In Frankfurt hat man das auch probiert, und in der Nacht ist es ein Teil des Drogenstrichs. Überhaupt Frankfurt, die Dominanz der Banken im öffentlichen Raum: Wenn man hier schon nicht hoch darf, dann eben in die Breite. Aber es gefällt den Stadtoberhäuptern. Weiss, sachlich, modern. Wie in der Munich Area.

Und, auch wenn es ihnen nicht aufgefallen ist: Auf einer Achse mit der weissen Kirche und dem langgestreckten Gebäude dahinter. Das ist das alte Spital meiner Heimatstadt, gegründet gegen 1320 von Kaiser Ludwig dem Bayern. Zur Unterbringung der Verrückten. Wie man sieht, bauen sich die heute die Erweiterung selbst.

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Sonntag, 1. Mai 2005

Jetzt muss ich doch was sagen.

Wer mich kennt, weiss, dass ich so gut wie nichts für die FTD und ihren Hollywood-Stil übrig habe. Statt dessen mag ich das Handelsblatt mit seinen Berichten über Schraubenhersteller, Pinselproduzenten und kleine Weltmarktführer im Maschinenbau. Die FTD, aber auch WiWo und Manager-Magazin erfinden sich eine Wirtschaft, in der der Manager das omnipotente, schicke, saubere, berolexte Wesen ist, ohne den absolut nichts gehen würde. Das Handelsblatt schreibt über Wirtschaft so, wie sie ist: Langweilig, stupide mit vielen unübersichtlichen Zahlen, und wichtig ist nur, dass die am Ende schwarz sind.

Gut, da gab es ein paar Ausrutscher. Zum Beispiel die Tatsache, dass bei Handelsblatt.com allen Ernstes Lothar Späth Kommentare schreiben kann, obwohl der als Aufsichtsratschef von I-D Media un Herausgeber peinlichster Hype-Bücher bewiesen hat, dass sein Wissen über Wirtschaft nicht weit über dem Niveau eines Kleinkinds liegen kann, das zu Hause das Familiensilber klaut und im Kundergarten gegen Überraschungseier eintauscht. Aber gut, das ist dann ebenso eine Art Pausenclown. Ernster war dagegen die ECONOMY.ONE, die Dinge wie die Pre-IPO-Hype-Site GH100 verbrochen hat. Oder auch die unsagbar peinlichen Handelsblatt E-People, so eine Art Proto-OpenBC.

Das ist jetzt dicht, Gott sei Dank. Endlich. War ja lang und peinlich genug. Sollte man denken. Aber nein, was macht man dort ganz frisch? Handelsblatt.net, eine Community a la openBC, die auch die Software stellen. Und wie wird das beworben?

Handelsblatt.net ist die führende deutsche Wirtschafts-Networking-Plattform für professionelles und sicheres Kontaktmanagement.

Die führende deutsche, jaja. Kaum da, schon an der Spitze, wo denn sonst. Und das mit dem sicheren Kontaktmanagement kann ausgerechnet ich, Don Alphonso Porcamadonna, lesen. (Gut, der kriegt jetzt das alltime-high bei den Aufrufen, was soll´s, seid nett zu PRlern, die haben´s schwer genug in Zeiten wie diesen)

Liebes Handelsblatt: Das ist nicht Dein Stil. Das ist peinlich. Das ist grosskotzig, das stinkt, das ist Anja-Tanja im PR-Sandwichfick, und es untergräbt Deine Glaubwürdigkeit. Sei ehrlicher als Haffa und Falk. Zeig, dass Du was gelernt hast aus der Pleite. Hör auf, solchen Bullshit zu verbreiten. Glaubt Dir sowieso keiner. Du bist eine nette, alte Tante mit den korrekten Zahlen. In der Kuppel-Disco mit den NE-Versager-Netzwerk bist Du nur die alte Schachtel.

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Luzide

Nicht, dass es bei mir passen würde. Nicht, dass ich es haben wollte. Nicht, dass ich daran erinnert werden müsste. Es gibt sie ohnehin viel zu oft, die ihre Durchsichtigkeit ein- und ausknipsen, so wie Beziehungen, die nach Nutzen und Aufwand beurteilt werden.



Wenn man in den falschen Kreisen verkehrt, gewöhnt man sich daran, an diese binäre Nettigkeit, die Lichtschalterfreundschaften, die Geheimnisse in den Augen und das blankschimmernde Nichts dahinter. Man spielt damit und nimmt immer ein paar Münzen Verständnis dabei, mit denen man nach zwei Uhr Morgens bezahlen kann. Das ist die Währung, solange niemand mit BlueChip-Offers und Freunden in der HR den Markt kaputtmacht. Solange betrachtet man die eingebildeten Seelenmetastasen und findet alles sehr hübsch und angenehm.

Solang man nur genug geschlafen hat, und nicht über das nachdenkt, was dann hochkommt. Wenn man die Beliebigkeit der Optionslosen zu hassen beginnt, die Agonie auf höchstem Niveau und den auswechselbaren Smalltalk, wenn man die Wahrheit sagen müsste, dass wir alle weder nett noch hübsch noch freundlich sind, dass die Ideale nur dann akzeptabel sind, wenn sie valuekompatibel sind. Sie, wir, wenn man so 1. Person will, sind zu lebendig für die Schattenwelt, zu ahnungslos für die Verdamnis, bleibt also nur das innere Leuchten des Limbo. Leben ist auch nur ein Tod, der gerade keine Zeit hat.

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Harpunieren bei OpenBC

Nein, nicht OpenBC selbst. OpenBC ist nur ein Stück Communitysoftware. Und ein Geschäftsmodell. Und eine Idee, wie man das "Netzwerk", auch bekannt als die Seilschaft ins Netz übertragen kann. Das ist so, wie es ist, das ist schon immer so, und es ist für dieses Blog egal.

OpenBC ist also nur eine Art Pool. Ein grosser Pool. Ein Pool, den die Nutzer selbst laufend erweitern. Da gibt es Nichtschwimmerbereiche und Arschbomben vom Beckenrand, da gibt es Sprungbretter, die manchmal ins tiefe Wasser führen und ein andermal auf die nur Millimeter tief liegenden Kacheln, da sind lange Bahnen für schnelle Schwimmer und Plantschbreiche für Wasserschlachten, ganz unten ziehen Haie und schleimige Quallen ihre Bahnen, und am Rand sind viele Schwimmtrainer und professionelle Rettungsringzuwerfer, die bei genauerer Betrachtung allerdings nur zu oft mit Mühlsteinen schmeissen. Manchmal erlebt man angestengtes Wasserballett, nebenan wird Wasserball gespielt, und zuviele erledigen ihr Bedürfnis hier, wo es keiner mitbekommt - hier bitte weiter

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Samstag, 30. April 2005

Ankündigung.

Demnächst gibt es hier eine neue Kategorie/Blog, die manche vielleicht überraschen wird: OhneOpenBC. Ich war da ein Jahr Mitglied, oder besser gesagt, jemand hat mir just for Fun seinen Account überlassen, weil er nach ein paar üblen Erfahrungen dachte, es könnte mal ganz witzig sein, so eine skrupellose Sau wie den Don als stinkreiches Blaublut auf die Schnullis da loszulassen. Der Name und die Identität war echt, aber der Inhalt...

Um es gleich zu sagen: Ja, ich habe gelogen, erfunden, getrickst und mich nicht gewehrt, als sie meine von und zu Zehen geleckt haben, bis dann - aber das ist eine andere Geschichte. Jedenfalls war ich dabei kein Jota unehrlicher als das, was sich da sonst noch rumtreibt. Und damit das ganze kein Solo wird, gibt es auch noch Unterstützung von einem anderen Aussteiger.

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Angewandtes Mastdarmakrobatentum

OK, reden wir mal über meinen Beruf. Reder wir über Medien, und die Medienmacher. Nennen wir sie mal pauschal und fuckgerecht Ärsche. Dar typische Arsch hockt auf einem Stuhl und sieht darin seine Lebensaufgabe. Rausgehen und eine Story machen, das ist für sie Scheisse, das wollen sie nicht, das ist anstrengend, bringt wenig Kohle und noch weniger Anerkennung. Weil die Ärsche qua Definition ebensolche sind, halten sie es für überflüssig, darüber zu reden, solange sie alle ihren Stuhl haben. Da schreiben sie brav PR ab, freuen sich über vorgefertigte Zitate, die so ehrlich wie eine 45er Rede von Goebbels sind, und danken ihrem Schöpfer, der seine Welt offensichtlich hasste und im Bereich Journaille nach der Erfindung der Amöbe hat liegen lassen, für die Themenvorgaben von Bild, SPON und dpa.

Die Welt dieser Ärsche zerfällt neben ihren essentiellen Arschbacken und dem obligatorischen Loch zwischendrin in zwei Komplexe: Die Arschabwischer, auch bekannt als PR. Bevorzugen tun Arschlöcher dabei die Version Fuckle Extrafeucht mit monetärem Schmierzusatz, es geht aber auch SofTanja, oder irgendetwas, das dem Arschloch das Gefühl vermittelt, sauber genug auch noch für andere Stühle bei der Privatwirtschaft zu sein.

Und dann gibt es noch die Dinge, nennen wir es mal trendige Themenkissen, auf denen sich so ein Arsch richtig wohlfühlt. Da setzt er sich dann rein, egal wie dreckig, wackelt darauf rum und macht es schön platt. Am besten soll es dann auch noch nach Arsch riechen. Es gehört einfach dazu zum Arschtum, wenn es ein Arsch macht, tun es alle. Momentan hört man besonders viele dieser arschigen Flazgerausche beim Thema Blog. Da wollen sie gerade alle drauf, ist ja auch superbequem, weil es ja schon ein paar mal besetzt wurde. Es gibt da schon eine schmierigbraune Kuhle von Instapundit bis zu Scoble, in die man sich dann setzt, und am Ende heisst es: Das ist inzwischen auch Meines Arsches Traum, oder besser das amerikanische Buzzword: Mainstream. Und sicher auch was, was man an die alten Freunde von der Arschabwischergilde verkloppen kann.

Und deshalb hätten sie gerne nette Blogger. Mit freundlichen Worten, korrekt in der Sache, ohne Aggressivität, ohne Hass auf Arsche, ohne den Wunsch, sie jeden Morgen und Abend und dazwischen zu stiefeln, und oh mein Gott das ist ja ein Skinwort das wollen sie natürlich auch nicht, weil es ja in ihre Arschträume passen soll und so nicht verwertbar ist. Und da sagen uns die Ärsche: Verhaltet Euch anders. Nehmt Euch nicht so wichtig. So viele seid Ihr nicht. Verhaltet Euch wie so einverficktes Furzkissen, wir wollen da drauf sitzen und brauchen das so. Wehe, wenn Ihr das nicht tut wie wir wollen, dann beachten wir Euch nicht. Seid nett, und wir sind bereit, das alles mit Euch zu bereden. Macht dieses Angebot ja nicht kaputt.

Alles Lüge. Sie werden jammern und schreien, sie werden ihrer Leserschaft sagen, dass Blogs doof, Müll, zu schlecht, zu niveaulos, zu unausgegoren und viel zu wenig im Vergleich zu Frankreich, zu schmutzig, zu schnell, zu unausgegoren, zu wenig bereit sie zu linken, wenn sie selbst sich am Blog versuchen, zu Wolf für die Pudel, zu laut, zu Punk, zu 3 Akkorde, kurz:

ZU WENIG ARSCH SIND.

Und noch nicht ma für die Publicity der Ärsche kriechen wollen, wie das eigentlich alle machen sollten.

Muss man auch nicht. Man kann in einen Arsch kriechen, man kann ihm aber auch einen Einlauf verpassen. Und es ist scheissegal, was sie dann hintenrum mainstreamen oder vornerum auskotzen, denn laut und Scheisse ist es so oder so. Es ist so oder so ein Drecksspiel, aber der Funfucktor ist beim Klistier wesentlich höher. Wem´s nicht gefällt, der kann ja gehen.

OK, das war mein Solo, Johnny, das Bass-Solo, bitte.

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Freitag, 29. April 2005

Und das zum Wochenausklang:

Gute Nachrichten und wie sie entstehen - Thomas Knüwer war beim Erstellen von PR vor Ort.

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Ein paar Worte an die Insight

Soso, man mag mich also bei der Journalistenzeitung Insight nicht. Zumindest nicht als Don Alphonso. Ist aber dann doch zu feige, hier her zu linken. Frau Skibowski - haben Sie Angst?

Der Autor des Blogs schrieb voller Stolz und Eigenlob darüber, dass es heute alle bei ihm lesen könnten und erst morgen in den großen Zeitungen. Er vergaß allerdings zu erwähnen, dass der Link, den er zu der Insolvenzmeldung setzte, für jeden erreichbar ist und man sich über alle (!) Insolvenzen in Deutschland, die bis zu zwei Wochen vor Anfrage angemeldet worden sind, informieren kann. So investigativ, wie er gerne gewesen wäre, war Don Alphonso also nicht – er hatte den richtigen Link und ein sehr schnelles Medium.

Nun, liebe Frau Skibowski, ich scheisse hier bekanntlich auf die Regeln des real existierenden klassischen Journalismus. Ich leiste mir diesen Luxus, und ob es Ihnen und Ihrer Zeitung behagt, ist mir egal. Hier ist alles erlaubt, ausser der branchentypischen Arschkriecherei, Demut und Anpassung. Aber, mit Verlaub: Wie grenzverblödet muss man eigentlich sein, wenn man sich beschwert, dass in meinem Text ein Hinweis fehlt, dass der Link öffentlich zugänglich ist? Und wo bitte sollte man denn sonst recherchieren? So viel Ahnung von Internet, wie Sir zu haben vorgeben, besitzen Sie wohl doch nicht.

Ich sage noch nicht mal, dass ich investigativ bin - ich bin nur schneller, was vielleicht daran liegt, dass ich nicht dauernd auf den Schleimpisten der traditionellen Medien schlittere. Ich darf das. Und alle Etepetete-Pseudomoralisten der Branche mit ihrem dauernden Qualitätsgebrabbel, das beim nächsten Werbekunden gleich wieder den Bach runtergeht, können hier gerne aufschlagen und den offenen Dialog suchen. Tun Sie nicht? Tja, dann kann ich Ihnen auch nicht direkt reinwürgen, dass ich in Ihrem Blatt als realer Mensch schon mal als leuchtendes Vorbild präsentiert wurde - lag aber vielleicht auch nur am Anschleimen einer bestimmten Randgruppe, so genau kann man das ja nie sagen.

Sie mögen es nicht, wenn wir den traditionellen Medien wie Bild und Focus bei der Blogbar eins reinwürgen. Das kann ich verstehen. Aber wir tun es zumindest mit einer guten Begründung. Irgendwelches Pack, das im Gegenzug dann versucht, jemanden über fehlende Linkerklärungen zu diskreditieren, hat keine Begründung oder Argumente, sondern nur Angst.

Kann ich auch verstehen. Vielleicht sollte man mal auf die "Themenvorschläge" zu sprechen kommen, die in Insight von PR-oleten angeboten werden. Das sind dann die wahren Gründe, warum Blogs gerne gelesen werden, und nicht, "weil sie einfach nur Spaß machen und auch manchmal einen mehr oder weniger guten Scoop landen. "

Die Leser haben schlichtweg genug von der Verarsche. Die Leser wollen Blut sehen, zumindest viele, die hierher kommen. Sie wollen das Blut der Heuchler und der Schleimis. Sollen sie haben.

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Berlins schönste Ecke:

Das alte Avus-Gebäude, bei knapp 100 km/h von der Innenstadt aus kommend in Richtung A9, Richtungs Süden, Richtung München und Berge und Heimat photographiert.



Man lernt in den Gründerschulen, vor einem entscheidenden Pitch gut und lang zu schlafen, damit man ruhig und locker in die entscheidenden Gespräche geht. Auf die Idee, dass man die Nacht zuvor 600 Kilometer abreissen könnte, Irgendwann gegen 4 Uhr eintrudelt und in diesem Zustand noch irgendwelche Visionen entwirft, kommen die Coaches erst gar nicht. Ist vielleicht ganz gut so.

Trotzdem würde mich mal interessieren, wieso ich kein einziges Mal in meinem Leben ganz normal arbeiten kann, wie alle anderen auch. Warum es immer auf den letzten Drücker, unvorbereitet und ohne Verstand abläuft. Weil ich es nicht gelernt habe, klar. Weil ich keiner von denen bin, auch klar. Aber seich ein ganz klein wenig geordnete Verhältnisse sollte man sich irgendwann angewöhnen. Sonst werden die Coaches bei solchen Vorbildern wie mir irgendwann arbeitslos. This is Punk Economy.

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Donnerstag, 28. April 2005

Heim als Fremder

Von den Leuten, mit denen ich mich in der New Economy in der Munich Area blendend verstanden habe - allesamt ein weinig zynisch, witzig, auch in schlimmen Stunden noch gelassen und menschlich - sind vier inzwischen nicht mehr da; drei davon sogar im Ausland. Die andere Seite ist noch da, verbissen, verbittert, voller selbstgerechtem Schmerz, und immer noch uneinsichtig.

Vielleicht sollte ich ganz aus den Metropolen wegziehen. Im Prinzip kann man das, was ich tun muss, mit DSLund Telefon überall machen. Nichts gegen Cluster, nichts gegen Areas, aber ich denke, dass die verbliebenen Reste in München keine besonders schöne Lebensumgebung sind. Ganz München ist nur noch ein grosser OpenBC-Stammtisch. Extreme Schulterklopfing ist das Zukunftsgeschäft. Auf allen Freiberuflerseiten wird "wir" stehen, auch wenn der Boss gleichzeitig die Putzfrau ist und das Office nicht besucht werden sollte, weil es daheim ist.

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Real Life 27.04.2005 - in Herrn Miris Reich

So ganz hast du die Microökonomie des Kellers noch nicht verstanden. Von Aussen sieht es nach absolut nichts aus, kaum jemand, der es nicht kennt, verirrt sich hierher. Über eine enge Treppe geht es in ein schlecht beleuchtetes Souterrain. Mit dem, was hier unten steht, könnte man fünf Antiquitätenläden in bester Lage Münchens füllen. Wer das wohl alles kauft? Aber Woche für Woche verschwindet ein dir bekanntes Stück, und ein neues taucht auf. Es gibt nicht viele Käufer - aber wer kommt, sagt her Miri, nimmt immer etwas mit.

Du bist wegen deiner kleinen Schwester da, die ein Jahr lang eine Silbermenage wollte und sich jetzt endlich dazu durchgerungen hat, sie zu kaufen. Wie sich herrausstellt, bist du auch dazu da, später auch noch ein paar Biedermeier-Brotschalen zum Auto zu schleppen, Spiegel zu prüfen, in Uhrwerke zu schauen. Man kämpft sich Millimeter für Millimeter an den Vitrienen vorbei, die auch schon ein Vermögen kosten würden, wenn sie hier nicht banale Lagermöglichkeiten für weitere Schätze, klein und kostbar, wären.

Für jedes Teil, das sie nimmt, entdeckt sie drei andere, die sie haben will. Es ist viel, sehr viel. Du stehst daneben und unterdrückst ein Lachen - seit ein paar Stunden solltest du mit ihr beim Essen sitzen, aber Herr Miri lässt sich Zeit, erklärt, berät, und bietet Package Prices, die die Standhaftigkeit deiner kleinen Schwester so hart wie Marzipan werden lässt. Es wird mehr als vorgesehen. Du nimmst nichts, gibst nur Ratschläge, suchst nach Silberstempeln und Meistermarken. Und wenn sie lange feilschen, ziehst Du die Gemälde aus dem Stapel, findest eine Szene aus Sorrent, Mitte 18., aber auch Herr Miri weiss das, also ... vielleicht, wenn du aus Berlin gehst. Zum Abschied.



Zum Schluss zeigt er deiner Schwester noch ein Brilliantenkollier. Nicht so ein winziges mit einem Halbkaräter, sondern eines, das man im ersten Moment für Strass halten würde, denn das kann sich in echt kaum jemand leisten. Konnte es in diesem Fall wohl auch nicht. Herr Miri steckt den dazugehörigen Ring an seinen kleinen Finger, dreht ihn, erfreut sich am Glanz. Er weiss, dass es lang dauern wird, bis die richtige Kundin den Weg die enge Treppe herunter kommt. Zeit spielt für ihn keine allzu grosse Rolle, wie auch für seine Schätze.

Und wenn es dann weg ist, holt er etwas Neues. Es gibt genug gehobenes Bürgertum zum Auflösen. Er macht aber auch Schlösser - dafür hat er jetzt ein neues Lager. Er wird dir es mal zeigen, aber ihr sucht schon seit längerem einen Termin, und du hast den Verdacht, dass er gar nicht unbedingt verkaufen will, sondern sammeln und bewahren, was an verstreuten Trümmern von dem blieb, was man früher als die bessere Gesellschaft bezeichnete.

Zwischen all dem Prunk stehen auch ein paar Globen. Auf einem, aus den späten 20er Jahren, den du ganz zum Schluss entdeckst, sind noch alle damals ca. 100 Flugplätze der Welt mit kleinen Doppeldecker-Symbolen verzeichnet. Besonders abgegriffen sind die Regionen um Usedom, Biarritz und Ligurien. Da hatte jemand noch Träume, bevor alles Mitte des letzten Jahrhunderts unterging. Wer weiss, ob der Besitzer nicht auf den Kaukasus, Rumänien, Griechenland oder Nordafrika verreisen musste, und vielleicht in den Ardennen, Tunis oder im warmen, unendlich blauen Wasser vor Malta blieb.

Der Preis ist zu hoch, noch, aber nächste Woche wirst du auf einen Tee bei Herrn Miri vorbeischauen, mit ihm draussen auf der Bergmannstrasse sitzen, und noch mal ordentlich über den Preis reden. Wenn er ihn überhaupt her geben will.

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Mittwoch, 27. April 2005

Real Life 26.04.2005 - Braun nach sechs

Sie ist noch lange nicht fertig, die braucht noch Zeit für die Auswahl der Kleider und schmückenden Beiwerke, mit denen sie im Nachtleben des Reichshauptslums overdressed sein will. Und das, obwohl sie die zwei Leisure Hours hatte, die du damit zugebracht hast, ihre Einkäufe zu verpacken und transportfertig für die grosse Reise nach München zu machen, wo sie bald den Überfluss ihrer schlossartigen Wohnung vergrössern sollen. Herr Miri wird den heutigen Tag in ehrender Erinnerung behalten, obwohl sein Silberschrank jetzt nicht mehr so üppig aussieht. Du selbst siehst auch nicht mehr wirklich üppig aus, immer noch in der Tageskleidung, helles, leichtes, knittriges Braun wegen des schönen Wetters, und während du im Aufzug ins Foyer hinunter fährst, siehst du dich in der Glasscheibe. Was du da siehst, ist unrasiert, etwas zerdrückt und nicht wirklich elegant. Dein Blick fällt nach unten in die Bar, und du bemerkst, dass sich die anderen an die Regeln halten: Nie in Braun nach sechs Uhr.



In Grossbritannien ist der Einschnitt des rituellen Tees am Nachmittags auch ein Hinweis, dass es für die Herren an der Zeit ist, sich des braunen Tagesanzugs, vielleicht sogar noch des Pepitas mit den Ellbogenschonern aus Samt zu entledigen, und sich in die früher meist kategorisch schwarze Abendkleidung zu begeben. Im heutigen Berlin hast du zur Teetunde einen üppigen venezianischen Spiegel durch die Bergmannstrasse geschleppt, nicht besser, aber um so eifriger vom ärmlichen Publikum begafft, als der Lakai, der den selben Spiegel um 1840 herum durch Venedig getragen haben dürfte. Es gab für schlichtweg keine Zeit für frische Kleidung, ausser einer kurzen Dusche und einem frischen Hemd, das als Relikt deiner Herkunft und sauber gefaltet mit den anderen in dieser Stadt unpassenden Hemden auf einem Stapel hofft, dass sein Besitzer auch weiterhin dem praktisch-hässlichen T-Shirt widersteht.

Du trägst also leicht zerdrücktes Braun, als du dich an die Bar setzt, umgeben von Dunkelblau, Dunkelgrau und Schwarz. Das Hotel ist voll mit Pauscheltouristen, die die Auslastungskatastrophe verhindern sollen, aber die sind nicht hier - zu teuer für einen kurzen Moment in dieser ungemütlichen Durchgangssituation. Was bleibt, sind die üblichen Spesenritter aus Deutschland; den Gesprächen zufolge viel Mobilfunk, IT und Dienstleistung. Du bist farblich und beruflich der Paradiesvogel unter ihnen, aber niemand stört sich daran, am wenigsten der Barmann, der dir den Drink ohne Verzögerung hinstellt. Viel ist nicht los; die meisten halten sich an halbleeren Gläsern fest, stehen in Grüppchen zusammen und unterhalten sich mit vorsichtigem Pessimismus. Sie haben es wieder geschafft, ihrer Firma die Unterbringung in diesem Hotel aufzuschwatzen, das zu den besten am Ort gehört und dennoch für Münchner Verhältnisse nur Mittelklasse ist. Glücklich sind sie deshalb nicht. Liegt vielleicht an dem akustischen Esoterikgeblubber in den langen, kalten Gängen, oder auch an der seltsam stickigen Luft. Der Drink ist nicht schlecht, aber auch nicht wirklich gut.

Du telefonierst zweimal mit ihr; das erste Mal hat sie schon die Dusche verlassen, und dann wählt sie schon die Schuhe aus, ahhhh, jetzt hat sie sich die Strümpfe zerrissen, das kommt, weil du sie so hetzt. Gerold, der in der Provinz ein paar Strassen weiter lebte, hatte eine ähnliche Schwester. Er wird heute von seinem Clan alkoholkrank von einer Suchtklinik in die nächste geschickt, immer unterbrochen von ein paar Monaten Pause, bis es wieder los geht. Vielleicht sass er auch zu oft an irgendwelchen Bars und hat auf seine Schwester gewartet. Vielleicht wurde aus ihm aber auch nur so ein Freak wie die Typen, die plötzlich in Dunkelgrau und Dunkelblau neben dir auftauschen und Becks bestellen, aus der Flasche, passt schon, nein, keine Gläser. Ohne sichtbare Rührung reicht ihnen der Barmann das Gewünschte. In den nächsten Minuten werden sie locker, der Daumen rutscht von der Tasche in den Hosenbund und bleibt auch schon mal dort, wenn ein anderer mit Handschlag begrüsst wird. Die Aufzüge spucken mehr und mehr dunkle Clons aus, alles Männer, allein in der Stadt, mit Hotelzimmern, in die man schlecht jemand mitnehmen kann, und so rotten sie sich zusammen, werden laut und trinken aus den Flaschen. Ziemlich viel. Du kannst dich nicht so auf die müden Fische über dir im Aquarium konzentrieren, dass du nicht Worte wie Open BC und networken verstehst. Es ist für sie gut, wie es ist. Sie sind unter ich, sie müssen nicht raus auf die Strasse, wo sie in die Hundehaufen treten könnten und die Firma nicht mehr für die Drinks und die "Weiber" - so einer knapp neben mir - bezahlt.

Sie bereden gerade, ob sie nicht besser in das Lokal nebenan gehen, dessen Name die Herkunft des gesamten Komplexes aus der Blütezeit der New Economy beweist. Dann öffnet sich die Aufzugtür, und sie kommt endlich heraus. Du bezahlst und sagst zu ihr: Das waren jetzt aber keine zwanzig Minuten.

Nein, höchstens eine Viertel Stunde, sagt sie, und schaut angeekelt zum lauten Haufen in dunklen Farben, der nach einer Stunde mit Becks aus der Flasche noch weniger akzeptabel ist, als Braun nach Sechs.

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