: : : denn sie wissen nicht was sie tun sollen : : :

Montag, 1. August 2005

He Ihr!

Könnt Ihr auch keine schwarzen Schmeissfliegen mehr sehen? Wird es Euch auch zu viel, an allen Ecken und Enden, in den Fussgängerzonen, den Festzelten, an Plakaten und um 20 Uhr im Ersten? Na dann:



Hier ein paar rotgrüne Käfer. Extra für Euch.

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Merkel verliert soeben die Wahl.

Angela Merkel hat an diesem Wochenende die Wahl verloren. Eine reife Leistung: Innerhalb von zwei Wochen von der medial künstlich aufgepusteten Retterin des Landes zurück zu der verhärmten Streberin. Damit hat sie sich fast so schnell selbst abgeschossen wie der Stoiber vor drei Jahren.

Denn ab diesem Wochenende ist - abgesehen bei ihren besonders penetranten Wahlhelfern Spiegel (Online), Stern, Focus und dem Springer-Konzern - der Höhepunkt der Merkelmania überschritten. Von jetzt an geht es in den Medien für sie nur noch in eine Richtung, nach unten. Merkel ist für die Medien nicht mehr verkaufbar, schon gar nicht auf den Titelseiten. Sie selbst hat dafür gesorgt, dass man für sie einen alten Ärztesong umschreiben kann: Sie klaut, sie klebt, sie ist feige.

Sie klaut: Die 2% mehr Mehrwertsteuer waren der grosse Fehler, der den Medien klargemacht hat, dass da was schief läuft mit der neuen Supertruppe. Die kann es besser, die bringt es wieder in Schwung, die hat Visionen, die sorgt für Wachstum, war bislang das doch etwas unkritische Credo der meisten Medien. Mit diesem 2%-Wachstum hat sie die Johurnaille da getroffen, wo es ihr wirklich weh tut. 2% Einkommensverlust für jeden, und dann sind Medien auch noch ein Produkt, bei dem man am frühesten spart, wenn´s eng wird - Medien hassen sowas. Dazu kommt noch der Umstand, dass die meisten Leser damit schlichtweg nicht einverstanden sind. Prompt treten die Medien anlässlich dieses Raubzuges auf die Colaborationsbremse.

Sie klebt: Dafür kann sie nichts, das hat noch nicht mal was mit Politik zu tun. Jeder Mensch schwitzt, zumal, wenn es daran geht, stundenlang Hitlers liebsten Sounddretrack ertragen zu müssen. Aber dann kam das peinliche Gewürge des merkeltreuen Bayerischen Rundfunks um ein geschöntes Photo, das ohne die Fälschung nach einem halben Tag kein Thema mehr gewesen wäre. Der Schweissfleck und seine Wirkung in der Öffentlichkeit war für Merkels Medienmacher mehr als nur eine Affaire des BR. Es wurde deutlich, wie empfindlich die Rezipienten auf Fälschungen und Beschönigungen reagieren. Es ist ein Treppenwitz der Geschichte, dass das Ende der Schönmalerei ohne Merkels Zutun unter der Gürtellinie kommt. Aber das Bild in Bayreuth ist eine ikonographische Katastrophe, das bleibt im Kopf, daran erinnert man sich - und daran, dass an Merkel ab jetzt der Ruch des Unehrlichen und des Unauthentischen anhängt. Schlimmer geht es nicht, auch wenn sie absolut nichts dafür kann (Wobei sie allerdings den rechten Arm zum Gruss erhoben hat, man sollte eigentlich in Deutschland wissen, dass das unangenehme Folgen haben kann). Die Fälscher, Schleimer und Beschöniger, egal ob in Wort oder Bild, werden ab jetzt weitaus vorsichtiger sein.

Sie ist feige: Und zu allem Überfluss gibt sie den Medien schon mal einen Vorgeschmack auf das, was sie unter ihrer Kanzlerschaft erwartet - ein Revival der byzantinisch-kohlschen Hofberichterstattung. Die Medien werden nur dann zugelassen, wenn es Merkel passt und keine Kritik und keine Debatte möglich ist. Allein schon die Verweigerung eines zweiten Duells mit dem Kanzler ist für die Medien eine Katastrophe, denn es wird keinen Rückkampf, keine Spekulationen, keine Debatten nach der ersten Schlacht geben. Merkel nimmt keine Rücksicht auf die Gepflogenheiten der neuen Mediendemokratie, die nach den bleiernen Kohl-Jahren unter Rot-Grün sich nahezu ungestört entwickeln konnte. Eine Kanzlerin, die kneift, die nur ihre Statements zu Protokoll gibt und ansonsten so telegen, spontan und witzig wie ein toter Fisch ist, versaut nicht nur den Wahlkampf, sondern auch die Folgejahre. Fast niemand, der den Kohl miterlebt hat, will dessen an Dekreten geschulten Umgang mit den Medien und die Bevorzugung weniger ausgewählter Kriechernaturen erneut erleben. Nach sieben Jahren relativer Offenheit verspricht Merkel wie ihr gesamtes Personal jetzt wieder Hinterstubenentscheidungen und Amtsvollzug ohne jede, naja, "Diskussionskultur", von der die Medien leben, und durch die sich die Medien den Entscheidern anheischig machen. Aussitzen, Probleme leugnen und einfach die Lippen zusammenkneifen - das passt auch nicht zum Bild von Merkel, das bislang so gerne bemüht wurde. Also kriegt sie den Stempel des Feiglings.

Teuer, nicht authentisch und feige: Merkel ist nicht medientauglich und wird zunehmend zum Betriebsrisiko - und deshalb wird die Johurnaille ab jetzt ausgewogener berichten, oder besser, den Lesern und dem eigenen Fettwanst zuliebe so gegensteuern, dass die CDU verliert und am Ende eine grosse Koalition herauskommt. Ohne Merkel an der Spitze, denn wenn die den sicher geglaubten Sieg verspielt hat, wird sie garantiert von ihrer eigenen 2. Reihe gemeuchelt. Und die Medien haben wieder ein geiles Thema.

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Sonntag, 31. Juli 2005

Sehr zu empfehlen - Pimp my Wohnung

Seit ein paar Wochen habe ich einen Beitrag in der Pipe, den kein Feuilleton je abdrucken würde, und das obwohl der Mensch hinter Don Alphonso das Kulturgeschreibe in so manchem grossen Blatt zu allseitiger Zufriedenheit beherrscht: Ein Beitrag, warum die MTV-Sendung "Pimp my Ride" in gesellschaftlich-ethischer Hinsicht das Beste ist, was der Musiksender zu bieten hat, und warum man dafür gern die Kuttner-Labertasche absetzen kann; es ist eine Enklave des alten Europa in der neuen Medienwelt, und in meinen Augen ein Hoffnungsträger für die Zukunft einer gewissen Wertbeständigkeit in unserer industriell-marketingverseuchten Konsumwelt.

Ohne dem an dieser Stelle vorgreifen zu wollen, hier schon mal ein Stück applied Pimpery, wie es im amobilen zentraleuropäischen Kontext aussehen kann:



Yo Baby, das da im Schaufenster ist ein echter 1750er vollbreiter Konsolspiegel mit WENIG Vergoldung, Mann, das ist nichts, wenn Du erst mal siehst was ich vor einer Woche genommen habe für so wenig Bucks ey, da kriegt noch nicht mal dein Pitbull einen Knochen für, aber bei mir ist fett Gold überall drauf und besser erhalten ist er auch. Yo, Baby, das da bei Muggenthaler ist vielleicht der Chevy unter den Spiegeln, aber meiner, der ist der gestretchte Eldorado, 24K-Blattgold überall, da würde auch Muggibaby mehr als die 1650 Mucken haben wollen, die da fett draufstehen. Und das volle Flowerpowerdesign hab ich an allen Stellen, der ist da krass 60ies auch nach 260 Jahren, das findest Du nicht mal bei Muggenthaler Mann, also gib auf und geh zurück in Dein Ikeaheim.

Baby, if´ya ain´t gut 1750ies in your deVille Mansion, ya ain´t got Shitz you know.

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Geldsäue im Schweinsgalopp

auf der VIP-Bühne unter der gestrengen Peitsche von Rittmeisterin Andrea Diener. Meine vorgestrige Open-Air-Oper bei Wolkenbruch und folgendem S-Klasse-Aufenthalt in einem Arzt-Mercedes mitsamt feuchter Elitesse war nicht halb so spassig.

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Stupide Tätigkeiten

Nachdenken kann man am Besten bei anspruchslosen Beschäftigungen: Spinoza schliff Brillengläser, Tucholsky fickte Frauen, und ich verputze eine Decke. Um die Antwort auf die Frage zu finden, warum Bloggen nicht nur ein Hype ist, sondern etwas,d as bleibt.

Zwischen Perlstab und Zwickel habe ich die Antwort gefunden - leider ist sie im Vortrag in 6 Wochen nicht verwendbar, deshalb hier: Bloggen wird erst an dem Tag aufhören, an dem die Leute aufhören, in der Dusche zu singen.

Und es wird wirtschaftlich und für die PR ähnlich gut verwertbar sein wie das Singen in der Dusche - das nur als Hinweis an die, die sich in der Hinsicht in der Dusche einen abwichsen wollen, mit einem würgenden Strick aus Hoffnungen um den Hals.

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Samstag, 30. Juli 2005

Real Life 27.07.2005 - from Dusk until Dawn

Alles passt. Der Himmel, die Wolken wie gehämmerte Silberplättchen, die frisch bezogenen Deck Chairs, wobei zwei einer zu viel sind, denn schliesslich bist du allein über der Stadt, splendid Isolation, während unten eine Elitesse einen Bürostuhl in ihr kleines Wohnloch schleppt.



So richtig vorzeigbar bist Du allerdings nicht, schliesslich haben vier Stunden Spachtelei ihre weissen Spuren auf deiner Haut hinterlassen, und auch die Bekleidung entspricht nicht den Standards, die du über Jahre für dich selbst gesetzt hast. Kurz, es ist nicht die Stunde, da du Besuch empfangen willst, aber es fragt dich ja auch keiner.

Auch nicht zwei Stunden später, als es schon ziemlich dunkel ist und plötzlich jemand die Treppe heraufkommt. Einfach so, ohne Anmeldung. Es ist die Elitesse mit den cremefarbenen Schuhen, sie hat hochgeschaut und das Licht gesehen, auf Klingeln und Anrufen hast du im Halbschlaf nicht reagiert, und weil unten offen war, wollte sie mal raufschauen, was du so machst - du machst schleunigst einen Tee für sie und dich selbst vorzeigbar.

Da liegt sie also auf dem - passenderweise - cremeweiss bespannten Deck Chair, und du musst nur ihre kleine, keck in die Nachtluft gestreckte Nase ansehen, um zu wissen, was los ist. Es geht ihr schlecht. Verdammt schlecht. Zwischenprüfungen. Und sie hat kein gutes Gefühl. Gar nicht. Und ob das dann mal mit der Karriere so wird, wie sie sich das vorgestellt hat, weiss sie auch nicht. Sie weiss eigentlich gar nichts mehr, ausser dass sie Angst hat, und ein Zigarettenproblem. Das übliche halt.

Du lenkst sie ab und erzählst vom Leben hier über der Stadt, dass es dir eigentlich ziemlich gut geht, wie langsam der Raum ensteht und wie das wohl später mal ist, wenn man dort im Herbst aufwacht und die Morgensonnealles mit Licht übergiesst. Und sie fragt dich, wieso du es eigentlich tust, du könntest doch auch einfach einen Handwerker nehmen, das sei gar nicht so teuer, und im Moment würden sich auf Ebay und sonstwo Handwerker auch versteigern, das wäre dann ganz billig.

Es wäre noch billiger, wenn du den Impuls, sie jetzt hochkant rauszuschmeissen, nicht unterdrücken würdest, aber du brauchst sie noch, denn du bist stolzer Besitzer zweier Karten für eine grandiose Händel-Inszenierung, verfügst aber leider nicht über die passende Begleitung, da die Idealbesetzung dafür abgesagt hat, und deshalb hast du sich entschlossen, sie aus diesem Anlass in die sog. bessere Gesellschaft der Provinz einzuführen. Du lächselst sie zart an, dankst ein wenig gerührt an ihre doch ganz sympathischen Selbstzzweifel und Ängste, und erzählst ihr die

Geschichte von dem CEO, welcher seine Firma über einen im Internet ausfindig gemachten Handwerker einrichten liess

In den mythischen Zeiten der New Economy, in einem eitlen Reich namens Munich Area, wo die Sonne immer zu scheinen schien und das Geld auf der Strasse lag, gab es einen jungen Mann, den du schon etwas länger gekannt hast. Der war eigentlich sehr nett, nur hatte ihn das Leben in diesem Reich etwas verdorben. Der Business Plan, das Incubating, der Kontakt zu Beraterbütteln und die Furcht vor Bankdieben, dann plötzlich die Geldschwemme eines Business Deo ex money machina, das alles hatte ihn etwas moralisch aufgelockert.

Und dann ging es daran, seine Firma einzurichten. Schnell sollte es gehen, flexibel sollte es sein, mobil und dennoch schön und wertvoll. Nur nicht teuer. Teuer mochte er gar nicht, denn schon nach den ersten drei Kongressen in Nizza, Tel Aviv und Hamburg hatten er und sein im Freundeskreis zusammengerafftes Management etwas zu viel Geld verbraten - man ahnt gar nicht, was so ein Limo-Service vom Flughafen so kostet.

Und deshalb liess er sich erst mal einen Kostenvoranschlag machen, dann noch einen, dann noch einen und wieder einen, den Billigsten fragte er dann, was es wohl billiger werden würde, wenn er ein paar Studenten auf Stundenbasis selbst beschaffen würde, und als das immer noch zu teuer war, kaufte er die Möbel einfach so und liess das alles von einem Typen holen, den er im Internet per Suchmaschine gefunden hatte. Der versprach ihm schnellste Arbeit in der Nacht, dass es nicht stören würde, ohne Zuschläge und auch bei der Rechnung, nun, da könne man ja was schreiben, was nicht so krass beim Finanzamt, und so.

Und so willigte der junge Mann ein, gab dem Möbelaufbauer und seinen Gehilfen den Zugang zu seiner Firma, und die schafften es tatsächlich in einer Nacht, dass alles da stand, wo es stehen sollte. Nicht zusammengebaut. Das ging extra, das habe man nicht ausgemacht. Der junge Mann tobte, gab ihnen nach einer beinahe-Prügelei mit kräftigen Möbelpackern die bislang verienbahrte Summe und schmiss sie raus. Dann kommandierte er seine Mitarbeiter zum Aufbauen ab. Das hätte ja mit dem Teufel zugehen müssen, wenn man das nicht zur Mittagspause... oder bis zum Nachmittag.. oder zumindest bis Abends... oder allerspätestens Mitternacht schaffen würde.

Als der Business Angel am nächsten Tag dann mal über die Eames-Trümmer auf dem Büroschlachtfeld vorbeischaute und über Möbelfragmente stolperte, die laut Prospekt eigentlich sehr teuere, schöne Luxusbüromöbel sein sollte, soll er sehr ungehalten gewesen sein. Zumindest berichtete dir das dein Bekannter, als ich ihn nach längerer Zeit mal wieder im Odeon getroffen hatte. Dazu hatte er nicht mehr so viel Zeit, mit dem wütenden Business Angel im Nacken. Der fand es abartig, seine Manager mit dem Inbusschlüssel schrauben zu sehen, bei selbst genehmigten Stundensätzen von 200 Euro aufwärts. So ist das mit den Handwerkern im Internet.

Dann redest du über was anderes und setzt ein paar Trümmer ihrer kaputten Psyche wieder zusammen; gerade so, dass sie beim Praktikum vorzeigbar ist, aber nicht so sehr, dass sie nicht noch ein paar Zweifel hätte. Zweifel können in ihrer Welt lebensrettend sein. Wenn du selbst früher Zweifel gehabt hättest, als du dort warst, wo es sie und andere Ahnungslose hinzieht, dann...



Später, sehr viel später, als die schon ein paar Stunden gegangen ist, geht die Sonne für dich alleine auf.

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Die Taube

Früher, vor drei Tagen, als das Wetter noch schön war und sich das Geflügel des Abends vom Nachmittagssex ausruhte:



Aus der Serie: Ich will auch so knipsen können wie das Sickgirl.

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Freitag, 29. Juli 2005

Wochenausblick

Ausgerechnet in Rosa strahlt das Dach gegenüber in meinen neuen Raum ab. Rosa. Also echt.



Die Wände, die Spiegel, die Kristalle, alles hat diesen Schimmer, als ob ein gigantischer Kaugummi von rosa Licht explodiert wäre. Und es dauert sicher noch 10 Jahre, bis das Dach gegenüber so halbwegs vermoost ist.

Also muss nächste Woche ein Vorhang her. Rosa geht gar nicht, bei dem Zweck des Raumes. Da soll ja keiner Rilke lesen.

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Wie übersetzt man ein "Herz"?

Ich persönlich gehöre ja zu den Leuten, die nicht an diese seltsame Einteilung an junge, hippe, internetaffine, mobile Mehrsprachler mit viel Zukunft und dumme, alte, netzlosesesshafte Dielaktsprecher ohne Chancen glauben. Das heisst, ich glaube schon, dass es diese Gruppen gibt, aber ich bin mir ziemlich sicher, dass die Frage ihrer Zukunft nur von ihren am Strassenrand zum PR-Puff verhungernden Gossenjournalisten zwischen SPON über Brand1 zu Junge Karriere so gesehen wird. In der Not malt man sich bekanntlich die schönsten Phantasien aus, kurz vor dem Verdursten kommt die Fata Morgana gleich doppelt so gut.

Vor ein paar Tagen nun brachte jemand aus dem - heute würde man sagen - Old-Boys-Network meines Vaters ein paar Opernkarten vorbei, die es eigentlich nicht gab, und wollte wissen, ob ich mich denn mit Notebooks auskennen würde, es sollte gut und zuverlässig sein und zumindest ein paar Jahre halten. Wir sprachen auch über so Dinge wie WLAN und ob er von verschiedenen Orten aus arbeiten wollte. Nein, meinte er, er braucht ihn nur im Arbeitszimmer. Ob dann nicht vielleicht ein Desktop die bessere Alternative wäre? Nein, meinte er, so einen Kasten kann man nicht wegräumen, er will nicht, dass so ein Ding einfach rumsteht. Er ist einer von denen, die ein paar Tausend in der goldenen Geldklammer mit sich rumtragen. Und einer von denen, bei denen keiner eine abfällige Bemerkung darüber machen würde. Man will ja nicht emigrieren müssen.

So ist das hier. Und wenn dann man ein Film kommt, in die kleine Stadt, die formal eine kleine Grossstadt ist, und der Filmname hat in der Mitte ein Herz, was nach meinem Wissen für Love steht - dann sieht die Schrift über dem Kino so aus:



Formal richtig, nach Weltmassstäben faktisch falsch, aber was geht die Provinz die grosse weite Welt da draussen an, solange die paar Weltmarktführer der Region dort so viel Geld einsacken, dass sich sogar die Malerinnung eine eigene Galerie leisten kann, in der dann die Malermeistersgattinnen ihre Bilder ausstellen. Und an die Honoratioren verkaufen. Verkaufen ist das, was heute bisweilen unter "kooperieren" läuft, wobei beim verkaufen mutmasslich mehr Geld den Besitzer wechselt.

Ohne Internet, natürlich. Bei einem provinziellen Sekt badischer Produktion.

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Donnerstag, 28. Juli 2005

Don´t fuck in the Blogosphere

+++Vorsicht - dieser Text ist nicht für ironieresistente Volldeppen und funktionale Analphabeten geeignet+++

So, you´re in it for the sex - Du denkst, da draussen sind viele Tausend Blogger, die den ganzen Abend vor der Kiste sitzen und niemanden haben, also potenzielle Geschlechtspartner für Dich sind... die Blogosphäre als gigantisches Singlemarkt, und die Blogtexte verraten in etwa, was einen da horizontal mal erwarten wird... von Flickr zum Ficker, billiger und williger als Partneragenturen, ganz ohne 0190er-Nummern... denkst Du. Lass die Finger davon, weil:

1. davor kommt noch eine Menge Mailerei, bei der Du beim ersten klaren Wort schnell als Stalker abgeheftet und eventuell auch gleich gebloggt wirst.

2. Danach kommt ein erstes Real Life Date, das aller Erfahrung nach garantiert nicht im Bett endet. Wüstlinge und Nymphomane ficken am Abend, und wer fickt, bloggt nicht. Und falls jemand beim Geschlechtsverkehr doch bloggen sollte ("Kondom? Pille? Gleitmittel? Subnote? WLAN aktiv? Ok, lass es uns tun Schatzi!") - Finger weg, das kann nicht gut werden.

3. Statt dessen musst Du verbal in Echtzeit beweisen, dass Du tatsächlich so toll, reich, sexy, intelligent, wortgewandt und bedworthy bist, wie Du das in den letzten zwei Monaten für den anderen in Deinem Blog zurecht gelogen hast, mit viel Zeit und Übernahme der besten Geschichten aus Deinem Freundeskreis und dem mit Ärzteromanen reich bestückten Bücherregal sowie den alten GZSZ-, Magnum-, Miami Vice und SATC-Folgen. Du musst Dir keine Vorwürfe machen, die andere Seite war sicher genauso ehrlich.

4. Nehmen wir mal an, Du schaffst es dennoch - oder die andere Seite ist tatsächlich verzweifelt und einsam genug, sich trotz Deiner Lügen darauf einzulassen - sag ehrlich: Ist es nicht etwas seltsam, mit einer Person zu schlafen, die ihr Privatleben im Internet jedem Deppen erzählt, obendrein zumindest Grundbegriffe in HTML beherrscht und ein CMS bedienen kann, also irgendwo in der Psyche einen inneren Geek hat, der mit seiner schleimigen Pizza im Insitutskeller Pornos runterlädt - und mit sowas willst Du ins Bett? OK, wenn Du meinst - sag nicht, ich hätte Dich nicht gewarnt.

5. Denn was bei Punkt 3. im angezogenen Zustand an einer Bar noch vergleichsweise leicht zu bewältigen ist, ist horizontal und nackt weitaus schwieriger. Du weisst verdammt viel über den anderen, den Namen der Katze und den bevorzugten Kurzschwa RSS-Reader, aber in Bezug auf die bevorzugten Sexpraktiken stehst Du so ahnungslos da wie vor dem Tag, an dem Dein Papa die Sache mit den Bienen, äh, also. Da muss jetzt was kommen, Du musst den über Monaten aufgebauten Erwartungen tatsächlich körperlich entsprechen. Hey, viel Spass dabei - hoffentlich hast Du ein gutes Deodorant.

6. Guten Morgen! Na, wie war´s? Gar nicht so schlimm, ah ja, aber auch nicht der Brüller. So ist es meistens, denk Dir nichts, Dein Partner hat es wahrscheinlich auch nicht besser. Is ja nur Internet, da steht viel drin, was nicht gehalten wird, Blogs sind auch nur just another bloody lie. Was hast Du erwartet? Blogger (abzüglich Vollgeeks und Myblog-BNP-Trägerinnen, also ca. 80% der deutschen Blogosphäre) sind durchschnittliche Leute, da ist auch der Sex nicht der Brüller, und desha - was? Was sagst Du? Du hast da einen Geek oder ein BNP-Schatzi an Deiner Seite? Äh... also, ich, ich, äh wollte im Grunde genommen, äh zu Punkt

7. kommen. Hey, was soll´s, es ist vollbracht, der Spass war gestern Nacht, und heute kommen die echten Probleme. Weil, ganz gleich ob bauchnabelgepierct wie ein Schweizer Käse, Rückwärtsaufsager von C+-+? oder normaler Zufallspartner auf klassischem Trostfick-Niveau: Jetzt ist der Moment da, wo Du so gebloggt werden kannst, wie der andere es will. Du bist literarisches Freiwild, Baby. Und erinnerst Du Dich noch an die zickigen, unverschämten Anspielungen über Vorläufer, bei denen Du dachtest: Wow, da geht ja voll was ab? Tja, jetzt kannste mal erleben, wie sowas passiert. Und Du wirst 1000 Gründe finden, das misszuverstehen, Du wirst es mit anderen Texten vergleichen und das Gefühl haben schlecht wegzukommen, Du wirst zwischen den Zeilen lesen und nie wirklich wissen, was gemeint ist.

8. Nein? Doch nicht? Kein Ton, nichts? Und das auch volle acht Tage danach? Nun, dann kann es ja wohl für die andere Seite kein allzu prägendes Erlebnis gewesen sein, da kann ich Deinen Zweifeln nur Recht geben. Aber vielleicht immer noch besser, als wenn ein nicht genehmer Text erschienen wäre, nach dem Motto: "Gestern mal wieder froh gewesen, dass ich Schnupfen hatte und die Kontaktlinsen draussen waren". He - hörst Du überhaupt zu? Hallo?

9. Nein. Die Eifersucht nagt an Dir. jeder Mist wird gebloggt, tausend Leute kommen vor, Du nicht. Du fängst also tatsächlich an, im Blog der anderen Seite zu kommentieren, Anspielungen zu machen, Geständnisse zu erpressen, Du spielst ein Spiel mit der Öffentlichkeit... und da, auf Deinem Blog rüffelt Dein Geschlechtspartner eine alte Bekanntschaft, da ging wohl was in eine falsche Kehle, Klettentum, Besitzgier, Beschützerinstinkte sind die Triebfedern... das fällt etwas auf, meine Freunde. alle tuscheln sowieso schon rum, ob ihr beide nicht was am laufen habt... und morgen steht das dann bei den Schrottquellenverbreitern, und bei Heerscharen von unbestiegenen Semmelasseln laufen die Telefone heiss, und wenn es Bestand haben sollte zwischen Euch, dann schreibt wenigstens keine Links a la "mein Schnuckiputz" und "mein Mausischnecklein" in Eure Blogroll weil

10. das auf Dauer sowieso nicht gutgeht, und dann muss das alles wieder gelöscht werden, alle wissen es, jeder kriegt es mit, und ausgerechnet in der geschwätzigsten Mediensphäre seit der Höhlenmalerei seid ihr damit Thema Nummer 1. Freundinnen und Freunde werden Euch mit Mails überschütten, wieso es denn nicht mehr klappt, warum es schief ging, ob da vielleicht noch wer Drittes oder Viertes mit im Spiel war, und sie werden es nicht bloggen, nur am Telefon weitererzählen und rummailen, und natürlich aufsexen, so wie Ihr damals Eure eigene Geschichte bei Punkt 1.

Oder aber es geht gut, Ihr macht ein Hochzeitsblog und eine Geschenkliste als Download, ein Flitterwochenblog und ein Schwangerschaftsblog, und... hm...

wisst Ihr was? FICKT EINFACH NICHT IN DER BLOGOSPHÄRE, VERDAMMT!

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Mittwoch, 27. Juli 2005

Forderung

So, nach dem VW-Skandal soll also die betriebliche Mitbestimmung der Gewerkschaften gekippt werden? Dann fordere ich jetzt nach dem Infineon-, dem Commerzbank- und dem BMW-Skandal die Abschaffung des Managements und der Aufsichtsräte.

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Real Life 26.07.2005 - in 80 Jahren,

oder vielleicht auch 100 oder 150 Jahren, wird jemand Rauhfaser an den Wänden wollen, ein schlichtes Zimmer für seinen billigen Schrott vom weltweiten Möbelmonopolisten Ikea, das Starterpaket 3, das mit den Plastikschaummöbeln, noch kein luxuriöser Pressspan, aber immerhin auch keine Pappe, soviel Qualität muss sein. Er konnte es sich leisten, weil er den sonstigen Krempel in dem Raum im Internet versteigert hat, und jetzt müssen endlich gerade Wände und eine Decke, so eben wie eine Siliciumscheibe her.

Er wird ein Stemmeisen nehmen, es in die Kante der alten, hässlichen Stuckleisten setzen, und dann kräftig drücken. Das Material wird sich erst biegen, knacksen, auf ein paar Zentimetern brechen und ihm ins Gesicht splittern. Wenn er sich dann fluchend die Gipsfragmente aus den Augen gepullt hat, erwartet ihn eine Überraschung: Dort, wo er angesetzt hat, ist nur wenig gebrochen. Im Gips eingelassen sind dicke Glasfaserstränge, die den Stuck halten, auch wenn er an einer Stelle bricht. Wütend wird er nochmal ansetzen - und diesmal bricht nur ein winziges Stück ab, und dahinter sieht er eine 70 mm lange Schraube, mit der der Stuck in die Wand gesetzt wurde. Der Schraubenkopf war eingegipst, und von aussen fast nicht sichtbar.

Jetzt wird er sich im Raum umschauen und entdeckern, dass da noch viele solche Stellen sind, hinter denen sich Schrauben andeuten. Alle 20 Zentimeter bohrt sich so ein Ding in die Decke, innen und aussen, er wird sich entsetzt denken: Das sind ja über 100! - und es stimmt, es sind 156, du hast sie alle gezählt und reingeschraubt. Er wird sich überlegen, wie lange er da wohl hinschrauben muss - im Vertrauen, 20 Stunden Minimum, über Kopf und bei der Hitze nicht wirklich spassig - er wird an die Blasen an den Händen denken - oh ja, Akkuschrauber gehen da nicht, Blasen gibt es selbst mit gutem Werkzeug - und sich dann sagen, dass es ökonomischer ist, den alten Krempel dran zu lassen.



Womit er recht hat. Ägypter und Mesopotamier verfluchten im Tode all diejenigen, die ihr Andenken schädigten - gebracht hat es wenig. Du hast die Flüche gelesen und weißt, dass sie nicht wirken. Aber 156 70 mm lange Schrauben in der Decke und Glasfaserseile im Stuck, die man nur mit wirklich guten Zangen schneiden kann, das wirkt. Du bist dann schon lange tot und es könnte Dir eigentlich egal sein, aber so tot, dass Dir die lausigen Ikea-Hunnen und ihre Zerstörungsorgien gleichgültig sind, so tot wirst du nie sein.

Fluchen tust du trotzdem, hier und jetzt schon mal: Möge den Stuckrausbrechern der Staub das Augenlicht auslöschen und die Heraklit-Rückstände an der Schraube zu Blutvergiftung führen - Heraktlit in den Adern ist alles andere als gesundheitsfördernd.

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Dienstag, 26. Juli 2005

Architektenhaus

Wenn Fenster die Augen einen Hauses sind, dann will ich diesem Neubau in Viertel meiner Eltern nicht begegnen, wenn es dunkel ist:



Keine Frage, Schiessscharten werden wieder modern - falls mal die hungigen Hartz-IV-Horden anrücken sollten, eine gute Entscheidung. Passenderweise verfügen auch Elitessenheime über solche brutalen Schlitze. Harte Zeiten erfordern harte Massnahmen.

Trotzdem, links unten sind ein paar bunte Windräder. Kein Hartz für Kinder.

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Ich schlafe nicht in der Dusche

In der Gründungsurkunde des Kollegs, das heute mein Wohnort in der Provinz ist, wurde klar gesagt, was es werden sollte: Ein Palast zu Ehren der - angeblichen - Jungfrau Maria. 397 Jahre später war fast die Hälfte von diesem Palast wieder verschwunden, abgerissen, zugunsten eine Wohnheims zerstört, aber der Rest, der im Besitz meines Clans ist, war aus Sicht des Denkmalschutzes vorzüglich erhalten. Aus Sicht eines normalen Betrachters heisst das, dass immer nur das Nötigste getan wurde - so hat man die Wandfresken nicht runtergeschlagen, sondern bei Nichtgefallen einfach Tapete draufgeklatscht. 397 Jahre nach der Errichtung war es dennoch an der Zeit, dieses Haus, in dem ich die ersten 5 Jahre meines Lebens verbracht hatte, gründlich und behutsam zu renovieren.

Also machte der gesamte Clan eine Begehung und überlegte, was man denn aus diesem Monstrum mit seinen 40 Räumen machen könnte, ob man die Räume verändern könnte und dergleichen mehr. Ganz oben angekommen, sahen meine Eltern die ehemaligen Dienstbotenkammerl, die in den 60er Jahren als geheimer Treffpunkt der provinziellen Schwulenszene zwischengenutzt worden waren und seit den späten 70er Jahren in Erinnerung früherer Abenteuer vor sich hin rotteten. Schräge Wände, krummer Boden, niedrige Decken, das kann man kaum vermieten, sagten sie, das lohne sich nicht. Prima, sagte ich, dann nehme ich das.

Das Leben meiner Eltern ist arm an Niederlagen, aber dieser Sommermorgen vor 8 Jahren markierte ihr komplettes erzieherisches Versagen. Ihr Koloss in der Vorstadt hatte nur deshalb so gigantische Dimensionen angenommen, um später auch mal ein eigenes Kind mit Familie unterbringen zu können. Ausserdem hatten sie uns nie etwas anderes als Verachtung für Altbauten gelehrt; wer es sich leisten kann, baut selbst und hat es nicht nötig, abgelebte Häuser von anderen zu beziehen. Ein "Architektenhaus", das musste es sein, nach den eigenen Wünschen entworfen und gestaltet, kein Reihenhaus oder eine Doppelhaushälfte, die im Viertel meiner Eltern als "Hundehütten" bezeichnet werden. Der Stadtpalast war in ihren Augen noch schlimmer: Ein einziger, bis zur Strahlenkranzmadonna 18 Meter hoher geldschluckender Alptraum, und nachdem sie alles für mich getan hatten, mir eine wunderbare Einliegerwohnung im besten Teil der Stadt geboten hatten - wollte ich hoch in die alten Dienstbotenkammer der "oidn Kalupn", wie meine Frau Mama dieses Paradebeispiel jesuitischer Baukunst der Spätrenaissance bezeichnete.

Unterstützt wurde mein Anliegen von meiner Grossmutter und meiner Grosstante, die noch aus einer Zeit stammten, als der Stadthausbesitz das einzige sozial bedeutsame Kriterium war. Der Blick, die Lage, das Licht, die Atmosphäre, die gealterten Dielen - das alles haben meine Eltern nicht gesehen, für die war es nur ein runtergekommenes Loch. Plötzlich dachten sie, sie könnten es ja doch anderweitig vermieten, sie zierten sich, und erst, als die Handwerker bestätigten, dass alle nötigen Einbauten wie Heizung und Dusche kein Problem sind, gaben sie den Widerstand auf. Ich begann, den Dachboden und die Holzschuppen nach brauchbarem Inventar zu durchsuchen, baute einen 50er-Jahre-Herd zum Küchenschrank um, legte die alten Dachbalken frei, und sah, dass meine Grosstante recht hatte, als sie sagte: In so einem alten Haus wird Dir nie langweilig.

Wie recht sie hat, sah ich dann gestern Nacht, als ich etwas erschöpft von der Arbeit und den Fettucini mit Pfifferlingen auf dem Bett lag: Plötzlich machte es Peng, etwas klirrte zu Boden, und verlor sich scheppernd im Raum. Ohne ersichtlichen Grund, ohne dass ich hingestossen wäre oder auch nur das Licht gebrannt hätte, war eine der Kristallschalen des Kronleuchters zerbrochen.



Der Kronleuchter - der erste meines Lebens übrigens - ist alt, diese Schalen sind nicht mehr zu bekommen, und obwohl ich aus Berlin ein Dutzend Kronleuchter mitgebracht habe, ist das genau der richtige für den Raum. Die richtige Grösse, der richtige Glasbehang, die richtige Kerzenzahl. Und nach 8 Jahren des treuen Dienstes nun so was. Es steigert die Spannung beträchtlich, wenn man nach einer Viertel Stunde Kriechen und Suchen damit beginnen kann, die Scherben wieder zusammen zu kleben und dabei feststellt, dass noch zwei Trümmer irgendwo liegen müssen - wie auf einem Minenfeld tappst man sich auf dem Teppich voran, immer mit der Angst, dass sich gleich scharfes Kristall in das Knie bohrt.

Während neue Häuser im Laufe von 60 Jahren einfach so kaputt gehen, weil das Holz im Dachstuhl nichts taugt und das Plastik in der Küche ausreisst, weil das Parkett nichts aushält und sich die Mauern senken, haben die Häuser vor 1900 ganz andere Probleme. Wenn die Donau steigt, fürchten meine Eltern Wasser im Keller und Schimmel. Hier bei mir werden die Wände feucht, der Putz wird weich und wenn er abfällt, kommt dahinter die Seccomalerei des Kernbaus aus dem 15. Jahrhundert zum Vorschein, die schon die Gesellschaft Jesu einfach überpinselt hat, Pfuscher, elende. Nach 20 Jahren sind auch die teuersten Stahlfedern kaputter, als es die Sackleinengurte von Biedermeiermöbeln je sein werden - und falls die in der Spannung doch mal nachlassen, kann man sie wieder festnageln. Bei meiner Mutter bricht eine Küchenschublade heraus, bei mir bricht ein Stück des Kronleuchters ab. Beide Häuser haben Risse - bei ihnen sind sie ein Zeichen des Verfalls, bei mir ein Zeichen des Alters. Bei ihnen bröselt der Putz, bei mir die Stuckdecke. Ich muss mir keine Sorgen deshalb machen, die Mauern sind hier oben noch 40 Zentimeter dick, aus massiven Ziegeln und Jurabruchsteinen, bei meinen Eltern sind es gerade mal 25 Zentimeter, da ist das Gebrösel so etwas wie ein Menetekelupharsin.

Mit einem alten Haus hat man die schöneren Probleme und die besseren Geschichten. Ein altes Haus ist bei weitem nicht so berechenbar wie ein neues Gebäude, es ist zickig, es hat seine Allüren und grossen Dramen, es ist eine grand Dame im Vergleich zu einer billigen, kaugummikauenden Vorstadtschlampe, und es sorgt schon dafür, dass es einem nie langweilig wird. Weil man das aber früher wusste, sind alte Häuser so angelegt, dass man das meiste selbst machen kann. Und so klebe ich gerade die Kristallschale meines Kronleuchters, während Frau Mama durch die Möbelgeschäfte irrt und verzweifelt nach einem kleinen, fatalen Ersatzteil aus Plastik für eine Küche sucht, das es nicht gibt.

Es geschehen Dinge in diesem Haus, die man sich nicht erklären kann. Aber es ist nicht böse, es will manchmal nur spielen, und es gibt hier keinen Grund, in der Dusche zu schlafen.

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: : : denn sie wissen nicht was sie tun sollen : : :

Montag, 25. Juli 2005

Urheberrechtsanmeldung

Ich habe soeben den Begriff Orkfick" geprägt, nachdem ich schon das Textferkel erschaffen habe.

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Stille Tage in der Bibliothek

Frau Modeste hat Ratschläge zum Bibliotheksbeischlafen gegeben, nebst einigen Warnungen, welche literarischen Vorlieben einer erfüllten Abendgestaltung hinderlich sein könnten. Manches kann man auch bei Umkehrung der Geschlechter ohne Bedenken unterschreiben - so etwa die Feststellung, dass Menschen ohne grosse Bibliothek, sagen wir mal 700 Bände bei einer Zwanzigjährigen, sicher nicht die geistige und sittliche Reife haben, uns mehr als die schlechte Adaption von La Boum Teil 2 zu gewähren. Irgendwo zwischen Musikvideo und Blümchensex gelandet, würde man sich wünschen, doch besser eine belesen Frau bestiegengehrt zu haben. Aber auch da ist Vorsicht geboten.

Man muss meist erst gar nicht ans Bücherregal treten, um die schlimmsten Varianten der Belesenen kennenzulernen. Übler als jeder Harry P. unter 100 Management-Büchern, geschmackloser als das Uschi-Prinzip und Barbara Cartland und zugleich durchgeknallter als Lucia di Lammermoor ist ein Typ Frau, der einen erst gar nicht so weit kommen lässt. Weil es nämlich nur ein einziges literarisches Werk gibt, das der Beachtung wert ist: Ihr eigenes (ich darf an dieser Stelle darauf verweisen, dass meine eigenen Bücher in einem Regal versteckt sind, das man kaum sieht, wenn man nicht gerade auf meinem Bett liegt - und wer dort liegt, hat hoffentlich Besseres mit mir zu tun als über meine Werke zu reden).

Wobei ich damit nicht normale Autoren mit normalen Verlagen meine. Ich meine zuerst diejenigen Damen, die den Bestseller schon geschrieben haben und nun einen Verlag suchen. Man gerät recht leicht an diesen Typus, besonders auf Buchmessen und Lesungen, zumal wenn man schon einen Verlag hat. Der Entree in die Wohnung dieser Geschöpfe ist leicht zu bewerkstelligen, doch dann kommt der Haken; lange Debatten, Vorlesen aus dem Manuskript, bange Fragen, der Wunsch nach Bestätigung und am besten der sofortige Anruf beim Verleger, dass man die Entdeckung schlechthin gemacht habe.

Sodann diejenigen Frauen, die schon einen Verlag haben - einen bestimmten Verlag namens BOD, Book on Demand. Das sind gewissermassen die gefrusteten Vertreterinnen der ersten Gattung in einer zweiten Entwicklungsstufe in Richtung Unausstehlich, bei denen die Dreistigkeit und Arroganz die Einsicht, dass die Verleger vielleicht doch recht haben, wenn sie es nicht wollen, bei weitem überflügelt. Die vorherige Depression har sich gewandelt zum Hass auf die literarische Welt, wenn nur 5 Stück an die Freunde verkauft wurden und weder Spiegel noch FAZ das epochemachende Werk "Mein Leben als unbeschlafene Semmelassel" besprechen wollen. Natürlich bleibt auch die Einladung nach Klagenfurt aus, und dann muss die Bestätigung der eigenen literarischen Genialität woanders her kommen. Wie erbärmlich diese Autorinnen nicht immer, aber doch sehr oft sind, kann man auf den Buchmessen beobachten: Der BOD-Stand ist immer umlagert von seltsam aussehenden Freaks, die Bücher aus den Ständern zerren, begeistert blättern und irgendwo hinstellen, wo man sie besonders gut sehen könnte, wenn man denn Interesse hätte. Noch nicht mal der Bachmann-Wettbewerb und seine vertrockneten Juroren wollen diese Leute - weshalb man immer die Finger davon lassen sollte. Wenn Schriftstellerinnen, dann bitte die Originale - die meisten sind wirklich nett, wenn sie es nicht mit einem Konkurrenten zu tun bekommen.

Glubschaugen kann man sich auch sparen bei den Leserinnen von Judith Herrmann und ähnlichem Mädchenplunder, das seine Awareness vor allem den uneingestandenen päderastischen Neigungten gewisser Fäuletonisten verdankt. Es sei denn, man will problemficken mit einer Frau, die am Ende nach Rotz, Tränen und einer Packung Fluppen schmeckt.

Was manches Fräulein dazu bringt, sich mit den Werken von Tanja Kinkel zu desavouieren, ist mir nicht bekannt, auch nicht, was sie zum Kauf von Frau Bradley bewogen haben mag - Hauptsache, man schaltet auf Rückwärtsgang. Das erspart einem eine Nacht in Duftöl mit mitternächtlichem Mondelfentanz oder ähnlichem Esoschmarrn, bei dem man sich irgendwann wünscht, einen ganz normalen Orkfick mit Schreien und Röcheln haben. Es gibt viel von dem Zeug, ich kenne es nicht, nur die Leserinnen, und empfehle deshalb den Rückzug.

Gleiches gilt für die blassblauen Fräuleins, bei denen R. M. Rilke, Wagners Wesendonkschmachtereien oder C. F. Meyer auf dem Schreibtisch einen Stammplatz haben. Ihr Vater ist sicher Chef einer Deutschen Bank in einer kleinen Stadt, und ihre Mutter hat ihr ein Himmelbett in Rosa gekauft und sie wohlweisslich von allem abgeschottet, was mit Sex zu tun hat, um sie so für den Sohn des Möbelhausbesitzers aufzusparen. Irgendwie mag sie entfleucht sein, aber das Böse ihrer Abstammung ist in ihr, und so wird sie es am Ende nicht so weit kommen lassen, weswegen man sich dann um drei Uhr Nachts nochmal auf die Suche nach einem Restfick machen kann.

Goethes Werther, aber auch der grüne Heinrich und überhaupt das ganze toitsche 19. Jahrhundert sind immer schlechte Vorzeichen - Ausnahmen wie Börne und Heine signalisieren dagegen einen aufgeschlossenen Geist und unkomplizierte Sinnlichkeit auf kurzen Distanzen. Frankreich ist da besser gesegnet - Gefahr droht allenfalls von Leserinnen von Flaubert; Merimee, Maupassant und Balzac dagegen weisen auf viel Verständnis für männliche Bedürfnisse hin, Baudelaire verspricht delikate Verwirrungen. Besser noch ist das 18. Jahrhundert, Voltaire, Lauzun, Mirabeau, die philosophische Therese, all das sind Verheissungen nicht nur im Bücherschrank.

Und sollte man eine Frau finden, die Tucholskys Gripsholm, die Contessa Maria von Palazzeschi und Les bijoux indiscrets von Diderot besitzt, vielleicht auch noch die Stadt der Frauen von Pizan, die Kurtisanengespräche von Aretino und einen Photoband von Lee Miller - zugreifen, meine Herren und eventuell auch entsprechend interessierte Damen , zugreifen.

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Noch besser

Ein verbindliches Standesrecht für Journalisten schlägt das Finblog vor - wie wäre es mit einem Standrecht, anzuwenden auch auf die PR? Es würde keine zwei Wochen dauern, bis das Bildblog keine Arbeit mehr hätte, und ein ekelhaftes Berufsbild würde verschwinden.

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