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Mittwoch, 22. Februar 2006
Und übrigens finde ich,
dass man Journaille schon mal ein wenig anfassen darf, besonders die Weicheier aus dem Fäuletons und da vor allem die Schnappsnasen der lokalen Kultur, die bei jeder Entscheidung des Kulturreferates mitreden wollen und dabei einen Nepotismus praktizieren, gegen den der Papsthof der Medici eine straff geführte Behörde war. Noch im 19. und frühen 20. Jahrhundert erzog und züchtigte so mancher Literat und Theaterimpressario dieses nicht satisfaktionsfähige Gschwerrl mit der Kutscherpeitsche, da sollen sie sich jetzt mal bei einer Kleinigkeit wie in Frankfurt nicht so haben.
auch gleich als kleiner hinweis gemeint, wenn ich heute abend in düsseldorf lese - ich bin bayer und habe das goasslschnalzen schon als kind gelernt.
auch gleich als kleiner hinweis gemeint, wenn ich heute abend in düsseldorf lese - ich bin bayer und habe das goasslschnalzen schon als kind gelernt.
donalphons, 09:50h
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: : : denn sie wissen nicht was sie tun sollen : : :
Dienstag, 21. Februar 2006
Ich darf eine kleine Sensation verkünden.
Der Special Guest bei der Bloglesung in München ist niemand geringeres als die famose
Lyssa.
So, jetzt macht hinne. Am besten meldet Ihr Euch, wenn Ihr kommt,bei mir per Email telefonisch bei der Reizbar, denn es scheint, dass es rappelvoll wird, und der Laden ist nicht wirklich gross.
Lyssa.
So, jetzt macht hinne. Am besten meldet Ihr Euch, wenn Ihr kommt,
donalphons, 19:23h
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Die Sache mit dem Brokat
Schuld ist der Absolutismus. Während im XVI. Jahrhundert für Männer und viele sittsame Frauen die schwarze spanischer Hoftracht dominierte, kam mit dem gesteigerten Repräsentationsbedürfnis am Hofe Ludwig XIV und seiner Nachahmer in ganz Europa die "Mode" in einer Form auf, wie wir sie heute kennen. Vorbei die Zeiten, da man in den besseren Kreisen ein Kleid 10 Jahre lang tragen konnte. Vorbei die Schlichtheit, die allein des Tuches bedurfte, das zum Verhüllen des Körpers nötig war. Bis hinunter zum Knopfloch blieb kein Detail, das nicht irgendwie ausgeschmückt und verziert wurde. Wer etwas gelten wollte, musste sich beteiligen. Und so kam es, dass die flüchtigen Werke aus Brokat und Seide alle früheren Kosten des Haushaltes selbst in der prunkliebenden Zeit des Rokoko die Haushalte aufs Schlimmste belastete. Doch wer sich nicht beteiligte, am Schaulaufen der Eitelkeiten, war schnell als nicht gesellschaftsfähig erkannt und ausgeladen.
Kurz, Brokat, Samt, Seide und Damast und waren damals unverzichtbar, und selbst die Bürger, Handwerker und Dienstmädchen setzten alles daran, bei diesem Wettlauf der Schönheit über kotige Strassen und schlammige Plätze teilzunehmen. In Europa gab es innerhalb kürzester Zeit einen enormen Markt für ungewöhnliche Stoffe. Es konnte gar nicht bunt und verspielt genug sein. Allein, die Herstellung solcher feiner Gebilde war nicht einfach, beginnend bei den Farben bishin zur Kunstfertigkeit der Weber.
Historisch durch die Verbindungen und den Seidenhandel mit Constantinopel bedingt, war in Oberitalien schon im Mittelalter eine gut funktionierende Stoffindustrie entstanden, die von nun an das Geld des Nordens für überbordende Muster und feine Goldfäden kassierte. Ein Zustand, der in den Ökonomien des Merkantilismus nicht unbedingt gern gesehen wurde, als man vermehrt auf nationalstaatliche Autonomie drängte.
Und somit kam ein Menschenschlag ins Spiel, der damals "Projektemacher" hiess. Heute würde man sagen: Entrepreneur. Tatsächlich hatten die Projektemacher einen für diese Zeit globalisierte Weltbegriff; ihre Ideen und Vorschläge gingen an alle europäischen Höfe zwischen Paris und Petersburg. Tatsächlich zweifelte damals niemand daran, dass diese jungen, aufstrebenden Experten, die aus dem richtigen, oberitalienischen Umfeld stammten, genau wussten, wie das mit dem wichtigen Handelsgut der Textilien geht. Im Prinzip genügte es, ein Schreiben an eine Person zu richten, mit der ein Gönner gut vernetzt war, einen Plan auszuarbeiten, das nötige Geld zu erhalten und dann diese Idee umzusetzen.
Die Geschichte der europäischen Textilproduktion im XVII Jahrhundert ist reich an solchen Beispielen. Um 1760 etwa gibt der österreichische Minister Carl Coblenz 200.000 Gulden für eine Fabrikation von Färbemitteln, einem der teuersten und schwersten Bereiche der Textilproduktion aus. Auch er denkt weit über die engen Grenzen des Landes hinaus, das Geld wird in Belgien investiert. Häufig kommen begeisterte Berichte über den guten Fortgang des Projekts, und Coblenz kann sich gewiss sein, dass die Investition schon bald den Reichtum Österreichs vergrössern wird. Nach einer Weile trifft auch die Farbe aus der neuen Produktion ein, und Coblenz wähnt sich am Ziel seiner Träume.

Leider gibt sich sein Vorgesetzter, der strenge Staatskanzler Kaunitz, mit ein paar bunten Flaschen nicht zufrieden, und lässt sie von Experten prüfen. Das Ergebnis ist verheerend, die Farben sind allesamt untauglich, Coblenz ist einem gigantischen Betrug aufgesessen. Es dürfte ihn wenig beruhigt haben, dass die 200.000 Gulden der Krone dennoch nicht verloren waren. Soweit bekannt, begleiteten sie einen intelligenten Herren auf seiner weiteren Reise Richtung Italien, nach Livorno, einem Freihafen und natürlich ausserhalb des Herrschaftsbereichs der Österreicher.
Der Name des Herrn, des angeblich kundigen Stoffwirkers mit seinen vorzüglichen Plänen aus Oberitalen war Graf Bellamare, heutigentags vielleicht besser bekannt als Graf von Saint-Germain, dessen Ruhm als Mysterienerfinder und Goldmacher vollkommen ungerechtfertigt bis heute sein ungleich lukrativeres Dasein als Entrpreneur überstrahlt. Wenn nun also heute zu uns jemand tritt und behauptet, dass der Mensch, der Investor, oder auch der Staat klüger geworden sei mit dem Umgang seiner Mittel, wenn ein Markt zu florieren scheint, wenn geredet wird von Experten mit Verständnis für globale Märkte und den Skills für das Business für morgen, für eine wieder auflebende Gründerkultur, so erzählt ihm, falls er das Beispiel der Tulpnemanie in den Niederlanden schon kennt, einfach diese Geschichte. Die menschliche Geschichte ist nichts anderes als die unendliche Wiederholung der immer gleichen Fehler, und am Ende gibt es immer einen, unter dessen Droschke oder in dessen Ferrari das Geld über eine Grenze gebracht wird, von wo es nie zu dem zurückkommen wird, der es verloren hat. Saint Germain und Coblenz sind tot, Livorno ist ein runtergekommener Hafen, und Stoff kommt heute aus Sweat Shops in China. Dafür haben wir heute die Falks und Mobilcom-Schmids und die Haffas, die Schweiz ist um die Ecke, und die Staatssekratäre in Bayern, Hamburg und Schleswig-Holstein werden das nächste Mal wieder von den Chancen reden, die im Wettlauf der Standorte ergriffen werden müssen. Und natürlich fragt man sich am Ende, wie man so blöd sein konnte. Immer. Jedes Mal. Aufs Neue.
Nur muss keiner von denen heute mehr befürchten, wie Saint-Germains Nacheiferer zu enden, sei es wie Cagliostro in lebenslanger Haft in Rimini oder wie der vom Schlaganfall dahingeraffte Afflisio, nachdem man ihn acht Jahre auf einer Galeere festgekettet hatte.
Kurz, Brokat, Samt, Seide und Damast und waren damals unverzichtbar, und selbst die Bürger, Handwerker und Dienstmädchen setzten alles daran, bei diesem Wettlauf der Schönheit über kotige Strassen und schlammige Plätze teilzunehmen. In Europa gab es innerhalb kürzester Zeit einen enormen Markt für ungewöhnliche Stoffe. Es konnte gar nicht bunt und verspielt genug sein. Allein, die Herstellung solcher feiner Gebilde war nicht einfach, beginnend bei den Farben bishin zur Kunstfertigkeit der Weber.
Historisch durch die Verbindungen und den Seidenhandel mit Constantinopel bedingt, war in Oberitalien schon im Mittelalter eine gut funktionierende Stoffindustrie entstanden, die von nun an das Geld des Nordens für überbordende Muster und feine Goldfäden kassierte. Ein Zustand, der in den Ökonomien des Merkantilismus nicht unbedingt gern gesehen wurde, als man vermehrt auf nationalstaatliche Autonomie drängte.
Und somit kam ein Menschenschlag ins Spiel, der damals "Projektemacher" hiess. Heute würde man sagen: Entrepreneur. Tatsächlich hatten die Projektemacher einen für diese Zeit globalisierte Weltbegriff; ihre Ideen und Vorschläge gingen an alle europäischen Höfe zwischen Paris und Petersburg. Tatsächlich zweifelte damals niemand daran, dass diese jungen, aufstrebenden Experten, die aus dem richtigen, oberitalienischen Umfeld stammten, genau wussten, wie das mit dem wichtigen Handelsgut der Textilien geht. Im Prinzip genügte es, ein Schreiben an eine Person zu richten, mit der ein Gönner gut vernetzt war, einen Plan auszuarbeiten, das nötige Geld zu erhalten und dann diese Idee umzusetzen.
Die Geschichte der europäischen Textilproduktion im XVII Jahrhundert ist reich an solchen Beispielen. Um 1760 etwa gibt der österreichische Minister Carl Coblenz 200.000 Gulden für eine Fabrikation von Färbemitteln, einem der teuersten und schwersten Bereiche der Textilproduktion aus. Auch er denkt weit über die engen Grenzen des Landes hinaus, das Geld wird in Belgien investiert. Häufig kommen begeisterte Berichte über den guten Fortgang des Projekts, und Coblenz kann sich gewiss sein, dass die Investition schon bald den Reichtum Österreichs vergrössern wird. Nach einer Weile trifft auch die Farbe aus der neuen Produktion ein, und Coblenz wähnt sich am Ziel seiner Träume.

Leider gibt sich sein Vorgesetzter, der strenge Staatskanzler Kaunitz, mit ein paar bunten Flaschen nicht zufrieden, und lässt sie von Experten prüfen. Das Ergebnis ist verheerend, die Farben sind allesamt untauglich, Coblenz ist einem gigantischen Betrug aufgesessen. Es dürfte ihn wenig beruhigt haben, dass die 200.000 Gulden der Krone dennoch nicht verloren waren. Soweit bekannt, begleiteten sie einen intelligenten Herren auf seiner weiteren Reise Richtung Italien, nach Livorno, einem Freihafen und natürlich ausserhalb des Herrschaftsbereichs der Österreicher.
Der Name des Herrn, des angeblich kundigen Stoffwirkers mit seinen vorzüglichen Plänen aus Oberitalen war Graf Bellamare, heutigentags vielleicht besser bekannt als Graf von Saint-Germain, dessen Ruhm als Mysterienerfinder und Goldmacher vollkommen ungerechtfertigt bis heute sein ungleich lukrativeres Dasein als Entrpreneur überstrahlt. Wenn nun also heute zu uns jemand tritt und behauptet, dass der Mensch, der Investor, oder auch der Staat klüger geworden sei mit dem Umgang seiner Mittel, wenn ein Markt zu florieren scheint, wenn geredet wird von Experten mit Verständnis für globale Märkte und den Skills für das Business für morgen, für eine wieder auflebende Gründerkultur, so erzählt ihm, falls er das Beispiel der Tulpnemanie in den Niederlanden schon kennt, einfach diese Geschichte. Die menschliche Geschichte ist nichts anderes als die unendliche Wiederholung der immer gleichen Fehler, und am Ende gibt es immer einen, unter dessen Droschke oder in dessen Ferrari das Geld über eine Grenze gebracht wird, von wo es nie zu dem zurückkommen wird, der es verloren hat. Saint Germain und Coblenz sind tot, Livorno ist ein runtergekommener Hafen, und Stoff kommt heute aus Sweat Shops in China. Dafür haben wir heute die Falks und Mobilcom-Schmids und die Haffas, die Schweiz ist um die Ecke, und die Staatssekratäre in Bayern, Hamburg und Schleswig-Holstein werden das nächste Mal wieder von den Chancen reden, die im Wettlauf der Standorte ergriffen werden müssen. Und natürlich fragt man sich am Ende, wie man so blöd sein konnte. Immer. Jedes Mal. Aufs Neue.
Nur muss keiner von denen heute mehr befürchten, wie Saint-Germains Nacheiferer zu enden, sei es wie Cagliostro in lebenslanger Haft in Rimini oder wie der vom Schlaganfall dahingeraffte Afflisio, nachdem man ihn acht Jahre auf einer Galeere festgekettet hatte.
donalphons, 12:40h
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Morgen ist die Lesung.
Und ich habe mir noch nicht allzu viele Gedanken gemacht, was ich in Düsseldorf vorlesen soll. Eine Geschichte über Kommerz vielleicht, vielleicht eine über Iris. Ach je. Haben die werten Leser des Blogs vielleicht einen Vorschlag?
donalphons, 10:26h
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: : : denn sie wissen nicht was sie tun sollen : : :
Dienstag, 21. Februar 2006
97 Zentimeter
ist die Mauer an der dicksten Stelle im ersten Stock. Über 2,5 mal so dick wie bei modernen Gebäuden. Da stecken drei Lagen Vollziegel nebeneinander drin. Die mittelalterliche Stadtmauer ist dünner.

Inzwischen sind die Wände weitgehend verputzt, und in den Zimmern ist etwas Ordung. Schön langsam bekommt man wieder ein Gefühl für den Raum. In einem Monat ist das meiste hier fertig, und damit neigt sich auch mein Aufenthalt hier dem Ende zu. Dachte ich. Aber so wie es sich darstellt, geht es ab März dann im 3. Stock weiter. Sieht nach einem Sommer auf der dachterasse in der Provinz aus, wenn das hier mit dem Restaurieren so weiter geht.
Und im Hinterhaus warten nochmal 200irgendwas Quadratmeter.

Inzwischen sind die Wände weitgehend verputzt, und in den Zimmern ist etwas Ordung. Schön langsam bekommt man wieder ein Gefühl für den Raum. In einem Monat ist das meiste hier fertig, und damit neigt sich auch mein Aufenthalt hier dem Ende zu. Dachte ich. Aber so wie es sich darstellt, geht es ab März dann im 3. Stock weiter. Sieht nach einem Sommer auf der dachterasse in der Provinz aus, wenn das hier mit dem Restaurieren so weiter geht.
Und im Hinterhaus warten nochmal 200irgendwas Quadratmeter.
donalphons, 00:24h
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Opera Buffa nel secolo XXI
Da sass ich also gestern im Kino, bei Casanova. Mit mir eine Reihe von männlichen Teenagern, die offenkundig von ihren weiblichen Begleiterinnen dazu genötigt wurden, sich einen Film anzuschauen, der formal unfassbar weit weg von ihrer Lebensrealtiät ist. Und der, wenn man ihnwirklich verstehen will, ganz schön hohe Ansprüche an den Betrachter stellt. Der Film ist voller Anspielungen, nicht nur auf de Geschichte des Mantel-und-Degen-Films, sondern auch auf die Zeit, in der er spielt. Kurz, jemand hat sich ziemlich viel Gedanken um das gemacht, was da auf der Leinwand stattfindet.
Kino, sollt ich vielleicht erwähnen, ist ohnehin nicht "Mein" Medium. Ich mag Kino nicht besonders, ich hasse Fernsehen, und meine Lieblingsfilme sind nicht zufällig oft Schwarzweiss und jenseits von Hollywood entstanden. Es ist sehr selten, dass ich mal wirklich von einer aktuellen Produktion hingerissen bin. Diesmal - und da werden die zuerst genervt dreinschauenden Teenager wahrscheinlich zustimmen - war es anders. Wenn man die Tradition der italeinischen Opera Buffa im Film fortschreiben will, dann so. Und das Bezaubernde ist: Es funktioniert. Hätte man den Kids vorher erklärt, dass sie sich mit ihrem Lachen in eine alte europäische, kulturgeschichtliche Tradition stellen, hätten sie das Kino nicht aufgesucht. Der Film bringt die Figuren der italienischen Commedia dell´ Arte so behutsam und dennoch so konsequent auf die Leinwand, dass es für den Kenner der gleiche Genuss sein dürfte, wie für das Popcornpublikum.
Beispiele? Die Nebenrolle der Victoria, besetzt mit der ziemlich unbekannten Schauspielerin Natalie Dormer. Wann immer sie im Bild ist, verwandelt sich der Film in ein Watteau-Gemälde, so perfekt passt dieses Gesicht, diese delikate Mimik zum Thema. Oder die Schweine. Oder Omid Djalili als Diener, so und nicht anders würde man den Leporello gern in jedem Don Giovanni sehen. Oder, natürlich, Jeremy Irons als Inquisitor, als wäre er aus einem der Bilder gesprungen, die hier in der Kirche vom Ruhm der Gesellschaft Jesu künden. Überhaupt ist dieser Film irgendwie gar nicht Hollywood. Er ist, wie jede Opera Buffa, ausgesprochen kurzweilig, sehr charmant, mitunter natürlich auch derb und böse, eben genau so, wie es sein soll.
Man wünschte sich, die Opernregisseure unserer Zeit würden sich den Film anschauen und davon etwas lernen, dann wäre es ein Leichtes, den falschen Eindruck einer kulturellen Elite, der die künstleische Auseinandersetzung mit dem Ottocento umgibt, leicht durchbrechen. Denn bei allem Trennenden dürfte uns der Libertin der Aufklärung näher sein als die viktorianische Betschwester und wilhelminische Pickelhaubenträger.
Kino, sollt ich vielleicht erwähnen, ist ohnehin nicht "Mein" Medium. Ich mag Kino nicht besonders, ich hasse Fernsehen, und meine Lieblingsfilme sind nicht zufällig oft Schwarzweiss und jenseits von Hollywood entstanden. Es ist sehr selten, dass ich mal wirklich von einer aktuellen Produktion hingerissen bin. Diesmal - und da werden die zuerst genervt dreinschauenden Teenager wahrscheinlich zustimmen - war es anders. Wenn man die Tradition der italeinischen Opera Buffa im Film fortschreiben will, dann so. Und das Bezaubernde ist: Es funktioniert. Hätte man den Kids vorher erklärt, dass sie sich mit ihrem Lachen in eine alte europäische, kulturgeschichtliche Tradition stellen, hätten sie das Kino nicht aufgesucht. Der Film bringt die Figuren der italienischen Commedia dell´ Arte so behutsam und dennoch so konsequent auf die Leinwand, dass es für den Kenner der gleiche Genuss sein dürfte, wie für das Popcornpublikum.
Beispiele? Die Nebenrolle der Victoria, besetzt mit der ziemlich unbekannten Schauspielerin Natalie Dormer. Wann immer sie im Bild ist, verwandelt sich der Film in ein Watteau-Gemälde, so perfekt passt dieses Gesicht, diese delikate Mimik zum Thema. Oder die Schweine. Oder Omid Djalili als Diener, so und nicht anders würde man den Leporello gern in jedem Don Giovanni sehen. Oder, natürlich, Jeremy Irons als Inquisitor, als wäre er aus einem der Bilder gesprungen, die hier in der Kirche vom Ruhm der Gesellschaft Jesu künden. Überhaupt ist dieser Film irgendwie gar nicht Hollywood. Er ist, wie jede Opera Buffa, ausgesprochen kurzweilig, sehr charmant, mitunter natürlich auch derb und böse, eben genau so, wie es sein soll.
Man wünschte sich, die Opernregisseure unserer Zeit würden sich den Film anschauen und davon etwas lernen, dann wäre es ein Leichtes, den falschen Eindruck einer kulturellen Elite, der die künstleische Auseinandersetzung mit dem Ottocento umgibt, leicht durchbrechen. Denn bei allem Trennenden dürfte uns der Libertin der Aufklärung näher sein als die viktorianische Betschwester und wilhelminische Pickelhaubenträger.
donalphons, 16:22h
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: : : denn sie wissen nicht was sie tun sollen : : :
Sonntag, 19. Februar 2006
Sehr zu empfehlen - Apliken
Man könnte meinen, ich sammle Kerzenhalter. Rund zwei Dutzend stehen in meiner Wohnung, meistens klassische Biedermeierformen, aber auch ein paar ältere und jüngere Exemplare. Sie stehen da aus gutem Grund. Schliesslich ist nicht nur das Haus sehr alt, sondern auch die Elektrifizierung. Kurz nach der Jahrhundertwende beschloss mein sehr fortschrittlicher Ururgrossvater, dass man das mit der Electrizität auch mal ausprobieren sollte, und Teile der damals in Messingrohren gelegten Leitungen sind immer noch im Betrieb. Leider auch da, wo ich wohne. Es ist nicht gefährlich, aber bei gewissen Gerätekombinationen fliegt die Sicherung oft raus. In einem Sicherungskasten im ersten Stock. Ich wohne im 4. Stock. Und seitdem ich einmal in rabenschwarzer Nacht schön eingeseift unter der Dusche "Voglio far il gentiluomo e non voglio più servir..." schmetterte, und justament bei dem "servir" die Sicherung den Dienst quittierte, und ich da stand, in der totalen Finsternis, klatschnass und eingeseift, drei finstere Treppen über der verfluchten Sicherung...
Seitdem brennen bei mir immer in der Nacht Kerzen, besonders beim Duschen. Natürlich bringt eine einsame Kerze auch nicht viel, wenn es durch verwinkelte Wege im Speicher nach unten geht, und deshalb wünschte man sich eine an sich uralte Erfindung, nämlich an der Wand montierte Apliken für Kerzen. Klingt einfach, ist es aber nicht, wenn man gewisse Ansprüche hat: Einflammig, ein Paar, das zum Louis-Phillipe-Spiegel im Gang passt, aus Bronze und bitteschön irgendwann zwischen 1810 und 1880 hergestellt.
Das Problem nun ist, dass nicht jeder so einen fortschrittlichen Ururgrossvater wie ich hatte. Die Schlafmützen und Grattler, die erst gegen 1920 Strom in die Wohnungen bekamen, haben in der Regel bessere Leitungen und Anschlüsse. Die können auf Bronzeapliken verzichten, und haben das in aller Regel auch getan. In den Weltkriegen ging somit viel von diesen "überflüssigen" Objekten in die Metallsammlung, wurde zu Waffen und liegt jetzt als Schrott irgendwo im Boden zwischen Casablanca und Stalingrad. Echte Apliken sind selten, schwierig zu finden und ausgesprochen teuer. Ich suche schon länger; in Wittenberg hätte ich beinahe welche gekauft, aber der Preis war exorbitant (und die Gier nach den 2 Kilo Silberbesteck war grösser, zugegeben), aber heute war es dann so weit.

Natürlich wäre auch Messing gegangen. Aber Bronze ist eine Legierung, an der man sich auch in 6.000 Jahren noch erfreuen kann. Sprich, diese Stücke sind eine echte Wertanlage und werden auch noch leuchten, wenn ich längst zu Staub zerfallen bin. Die Form ist vielleicht ein wenig üppig, aber auch der Spiegel, stilistisch der reiche französische Vetter des armen deutschen Biedermeier, ist kein Freund von Zurückhaltung und Ausgezehr. Sie haben genau die richtige Mischung zwischen Glanz und Patina. Und sie waren skandalös günstig. Sie passen genau zwischen Laute, Spiegel und Florett. Und es sieht prächtig aus, wenn man vor dem Spiegel steht. Eigentlich müsste man davor, im Kerzenschein, eine Frau entkleiden.

Ach ja. So, ich geh in die Dusche, und dann mit meiner netten Bekannten Iris in "Casanova".
Seitdem brennen bei mir immer in der Nacht Kerzen, besonders beim Duschen. Natürlich bringt eine einsame Kerze auch nicht viel, wenn es durch verwinkelte Wege im Speicher nach unten geht, und deshalb wünschte man sich eine an sich uralte Erfindung, nämlich an der Wand montierte Apliken für Kerzen. Klingt einfach, ist es aber nicht, wenn man gewisse Ansprüche hat: Einflammig, ein Paar, das zum Louis-Phillipe-Spiegel im Gang passt, aus Bronze und bitteschön irgendwann zwischen 1810 und 1880 hergestellt.
Das Problem nun ist, dass nicht jeder so einen fortschrittlichen Ururgrossvater wie ich hatte. Die Schlafmützen und Grattler, die erst gegen 1920 Strom in die Wohnungen bekamen, haben in der Regel bessere Leitungen und Anschlüsse. Die können auf Bronzeapliken verzichten, und haben das in aller Regel auch getan. In den Weltkriegen ging somit viel von diesen "überflüssigen" Objekten in die Metallsammlung, wurde zu Waffen und liegt jetzt als Schrott irgendwo im Boden zwischen Casablanca und Stalingrad. Echte Apliken sind selten, schwierig zu finden und ausgesprochen teuer. Ich suche schon länger; in Wittenberg hätte ich beinahe welche gekauft, aber der Preis war exorbitant (und die Gier nach den 2 Kilo Silberbesteck war grösser, zugegeben), aber heute war es dann so weit.

Natürlich wäre auch Messing gegangen. Aber Bronze ist eine Legierung, an der man sich auch in 6.000 Jahren noch erfreuen kann. Sprich, diese Stücke sind eine echte Wertanlage und werden auch noch leuchten, wenn ich längst zu Staub zerfallen bin. Die Form ist vielleicht ein wenig üppig, aber auch der Spiegel, stilistisch der reiche französische Vetter des armen deutschen Biedermeier, ist kein Freund von Zurückhaltung und Ausgezehr. Sie haben genau die richtige Mischung zwischen Glanz und Patina. Und sie waren skandalös günstig. Sie passen genau zwischen Laute, Spiegel und Florett. Und es sieht prächtig aus, wenn man vor dem Spiegel steht. Eigentlich müsste man davor, im Kerzenschein, eine Frau entkleiden.

Ach ja. So, ich geh in die Dusche, und dann mit meiner netten Bekannten Iris in "Casanova".
donalphons, 20:55h
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Der Satz, bei dem ich nicht wiederstehen kann.
Don Alphonso: Was kosten denn die exquisiten Biedermeier Gewürzstreuer aus geschliffenem Glas de oidn Glosflascherl?
Verkäufer: 20.
Don Alphonsos Frau Mama (forte): Nein, hör auf, nicht schon wieder, wo soll das nur alles hin, das brauchst du doch nicht (usf.).
Don Alphonso (kleinlaut): Hm.
Verkäufer: Also 15 von mir aus. Für 15 bekommen´s bei Ikea noch nicht mal Pressglasflascherl.
Don Alphonso (in dem das Gift der Ikea-Erwähnung nach Bruchteilen einer Sekunde gewirkt hat: OK, nehm ich.

Don Alphonsos Frau Mama (später im Auto): Ich versteh wirklich nicht warum du sowas kaufst, so eine Verschwendung, du hast doch sowieso keinen Platz mehr und Empfänge, dass du Biedermeier Gewürzstreuer brauchst, gibst du auch nicht, also ich könnte sowas ja schon brauchen wenn der Konzertverein....
Verkäufer: 20.
Don Alphonsos Frau Mama (forte): Nein, hör auf, nicht schon wieder, wo soll das nur alles hin, das brauchst du doch nicht (usf.).
Don Alphonso (kleinlaut): Hm.
Verkäufer: Also 15 von mir aus. Für 15 bekommen´s bei Ikea noch nicht mal Pressglasflascherl.
Don Alphonso (in dem das Gift der Ikea-Erwähnung nach Bruchteilen einer Sekunde gewirkt hat: OK, nehm ich.

Don Alphonsos Frau Mama (später im Auto): Ich versteh wirklich nicht warum du sowas kaufst, so eine Verschwendung, du hast doch sowieso keinen Platz mehr und Empfänge, dass du Biedermeier Gewürzstreuer brauchst, gibst du auch nicht, also ich könnte sowas ja schon brauchen wenn der Konzertverein....
donalphons, 16:58h
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Schlechte Zeiten für Neoconnards
Momentan gehört ja schon ein gerüttelt Mass Verblendung dazu, Dänemark und die USA kritiklos bejubeln - Amerika, weil es im Rahmen des Versagens während des Wirbelsturms Katrina wohl zu einem schaurigen Ereignis gekommen ist: Da wurden Patienten, die nicht evakuiert werden konnten, nach einem Bericht des National Public Radio mit einer Giftspritze getötet.
Und dann sind da noch die tapferen Dänen, die es den Neoconnards so verhassten Muslimen mit den Karikaturen richtig gezeigt haben. Überall forderten sie: Solidarotät mit Dänemark, Abdruck dänischer Karikaturen, dänische T-Shirts und ausserdem solidarischen Dänen-Shopping, gerade von der im Orient übel boykottierten Marke Arla. Manch einer brüstete sich damit, das Zeug tatsächlich gegessen zu haben.
Na dann frohes Kotzen ohne Ende, Broder: Denn was tun die tapferen Dänen? Nicht nur, dass mancher den Abdruck iranischer Holocaustwitze in Erwähnung zieht. Nein, jetzt sind auch dänische Fussballer zu feige für ein Freundschaftsspiel gegen Israel - es könnte ja in der arabischen Welt schlechte Presse bringen. Und man will ja kein Öl ins Feuer gissen. Der Sponsor Arla will im Falle des Spiel keinesfalls seine Werbung auf den Trikots sehen.
Und das sind also die Leute, für die die Neoconnards zur Solidarität aufgerufen haben...
hihi
Und dann sind da noch die tapferen Dänen, die es den Neoconnards so verhassten Muslimen mit den Karikaturen richtig gezeigt haben. Überall forderten sie: Solidarotät mit Dänemark, Abdruck dänischer Karikaturen, dänische T-Shirts und ausserdem solidarischen Dänen-Shopping, gerade von der im Orient übel boykottierten Marke Arla. Manch einer brüstete sich damit, das Zeug tatsächlich gegessen zu haben.
Na dann frohes Kotzen ohne Ende, Broder: Denn was tun die tapferen Dänen? Nicht nur, dass mancher den Abdruck iranischer Holocaustwitze in Erwähnung zieht. Nein, jetzt sind auch dänische Fussballer zu feige für ein Freundschaftsspiel gegen Israel - es könnte ja in der arabischen Welt schlechte Presse bringen. Und man will ja kein Öl ins Feuer gissen. Der Sponsor Arla will im Falle des Spiel keinesfalls seine Werbung auf den Trikots sehen.
Und das sind also die Leute, für die die Neoconnards zur Solidarität aufgerufen haben...
hihi
donalphons, 01:06h
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: : : denn sie wissen nicht was sie tun sollen : : :
Samstag, 18. Februar 2006
Für alle die
Die Flaschen sind leer, das Frühstück war gut,
Die Dämchen sind rosig erhitzet;
Sie lüften das Mieder mit Übermut,
Ich glaube sie sind bespitzet.
Die Schulter wie weiß, die Brüstchen wie nett!
Mein Herz erbebet vor Schrecken.
Nun werfen sie lachend sich aufs Bett,
Und hüllen sich ein mit den Decken.
Sie ziehen nun gar die Gardinen vor,
Und schnarchen am End um die Wette,
Da steh ich im Zimmer, ein einsamer Tor,
Betrachte verlegen das Bette.
Heinrich Heine
Die Dämchen sind rosig erhitzet;
Sie lüften das Mieder mit Übermut,
Ich glaube sie sind bespitzet.
Die Schulter wie weiß, die Brüstchen wie nett!
Mein Herz erbebet vor Schrecken.
Nun werfen sie lachend sich aufs Bett,
Und hüllen sich ein mit den Decken.
Sie ziehen nun gar die Gardinen vor,
Und schnarchen am End um die Wette,
Da steh ich im Zimmer, ein einsamer Tor,
Betrachte verlegen das Bette.
Heinrich Heine
donalphons, 15:55h
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Spon mal wieder.
Mindestens elf Menschen sind bei Protesten vor dem italienischen Konsulat im libyschen Benghasi getötet worden. [...] Libyens Regierung erklärte, es habe elf Opfer gegeben, darunter auch Tote.
Und das alles gerade mal innerhalb von fünf Sätzen. Ja, es ist schwer, Agenturmeldungen für die grösste Schlagzeile des Tages zusammenzuschreiben und dann noch zu begreifen, was damit eigentlich gemeint ist. Bei einem IQ unter 95 und dem für den Spon typischen Niveau.
http: //ww w. spiegel.de/ politik/ausland/0,1518,401610,00.html
Pfeifen.
Und das alles gerade mal innerhalb von fünf Sätzen. Ja, es ist schwer, Agenturmeldungen für die grösste Schlagzeile des Tages zusammenzuschreiben und dann noch zu begreifen, was damit eigentlich gemeint ist. Bei einem IQ unter 95 und dem für den Spon typischen Niveau.
http: //ww w. spiegel.de/ politik/ausland/0,1518,401610,00.html
Pfeifen.
donalphons, 11:34h
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: : : denn sie wissen nicht was sie tun sollen : : :
Freitag, 17. Februar 2006
Calderon zum Wochenende
"Du, der Menschen Schönheit,
Blume, allzu früh erwacht -
Welke! Denn in Deinen Morgen
dämmert schon hinein die Nacht"
Und damit schalten wir um zur Blogbar und zeigen dort mit einigen Zitaten, dass manche Web2.0-Phrasen ihre Zukunft schon längst hinter sich haben. Also, wenn man nicht auf Terroristen und Neoconnards steht.
Blume, allzu früh erwacht -
Welke! Denn in Deinen Morgen
dämmert schon hinein die Nacht"
Und damit schalten wir um zur Blogbar und zeigen dort mit einigen Zitaten, dass manche Web2.0-Phrasen ihre Zukunft schon längst hinter sich haben. Also, wenn man nicht auf Terroristen und Neoconnards steht.
donalphons, 22:52h
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Zum ersten Mal
wird auf der Strasse Eis gegessen. Das erste offene cabrio steht in der Stadt. Die Stühle werden rausgeräumt. Die temperatur ist in der Innenstadt über 10 Grad. Und auf den Dachterassen stehen wieder die Tische.

Auf der Strasse ist eine Horde eindeutig identifizierbarer Elite-Studenten. Sie schleppen Bierkästen in verschiedene Richtungen und brüllen sich über die Strasse Verabredungen fürs spätere Handynieren zu. Ein paar andere sind noch beisammen und reden über die Klausuren, tauschen mathematische Fachbegriffe aus und machen nicht den Eindruck, dass sie das so erwartet haben, als sie den Kurs Marketing belegt haben. Uncool, diese Zahlen und die Rechnerei. Einer steht abseits und schreit in seinen Knochen, dass er gerne noch kaufen würde, aber sein Vater ist dagegen, sich von seinen Siemensaktien zu trennen. Er findet das auch doof, klar, er wir später nochmal mit ihm reden, und so weiter, aber das geht dann schon im Lärm der Kinder unter, die ins Wochenende entlassen sind.
Es ist Frühling, und jeder träumt, vom Urlaub, vom IPO, von einer halbfesten Beziehung oder auch einfach nur vom nächsten Sommer auf der Dachterasse. Über allem gurren die Tauben, für die jetzt auf den Strassen wieder die goldenen Zeiten voller Aas und Müll anbrechen.

Auf der Strasse ist eine Horde eindeutig identifizierbarer Elite-Studenten. Sie schleppen Bierkästen in verschiedene Richtungen und brüllen sich über die Strasse Verabredungen fürs spätere Handynieren zu. Ein paar andere sind noch beisammen und reden über die Klausuren, tauschen mathematische Fachbegriffe aus und machen nicht den Eindruck, dass sie das so erwartet haben, als sie den Kurs Marketing belegt haben. Uncool, diese Zahlen und die Rechnerei. Einer steht abseits und schreit in seinen Knochen, dass er gerne noch kaufen würde, aber sein Vater ist dagegen, sich von seinen Siemensaktien zu trennen. Er findet das auch doof, klar, er wir später nochmal mit ihm reden, und so weiter, aber das geht dann schon im Lärm der Kinder unter, die ins Wochenende entlassen sind.
Es ist Frühling, und jeder träumt, vom Urlaub, vom IPO, von einer halbfesten Beziehung oder auch einfach nur vom nächsten Sommer auf der Dachterasse. Über allem gurren die Tauben, für die jetzt auf den Strassen wieder die goldenen Zeiten voller Aas und Müll anbrechen.
donalphons, 14:46h
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In eigener Sache - Achtung München!
Am 16.03.06 findet die 1. Bayerische Bloglesung statt, und zwar in München Schwabing in der Reizbar. Eingeladen hat Frau Klugscheisserin. Ausserdem lesen die Kaltmamsell, Jürgen Albertsen, meine Wenigkeit - und höchstwahrscheinlich ein nicht indigener Special Guest. Mia san zwoa mia, owa mia san jo ned aso.

Das wird herrlich. Schliesslich hat auch München seine Blogstars. Wir sind alle furchtbar aufgeregt, ob das, was in Berlin zu Massenaufläufen führt, in Bayern ein schickes Lokal füllen kann.

Das wird herrlich. Schliesslich hat auch München seine Blogstars. Wir sind alle furchtbar aufgeregt, ob das, was in Berlin zu Massenaufläufen führt, in Bayern ein schickes Lokal füllen kann.
donalphons, 11:12h
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: : : denn sie wissen nicht was sie tun sollen : : :
Donnerstag, 16. Februar 2006
Der Frühling ist da!
Hier zumindest ist es offensichtlich. Es geht los.

Auf der nach Norden gerichteten Dachterasse ist endlich wieder Sonne

Auf der nach Norden gerichteten Dachterasse ist endlich wieder Sonne
donalphons, 16:22h
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Sehr zu empfehlen - BYZANCE
Es gibt ja Leute, die halten einen schon für einen Exzentriker, nur weil man seine Möbel nicht alle fünf Jahre gegen die neueste Pressspan-Mode austauscht, Tee aus feinem Porzellan statt aus einem Werbegeschenkbecher trinkt und einmal alle sechs Wochen einen Nachmittag nutzt, um das Silber zu putzen. Nun, ich finde es ja eher exzentrisch, mit dem Auo vor die Stadt zu fahren und das zu kaufen, was Millionen anderer auch haben, bevor es nach drei Jahren wieder auf dem Müll landet. Das ist angeblich "normal", sei´s drum.
Interessanterweise gibt es für Leute wie mich keine Renovierungssendungen auf RTL II, in denen fette Blondinen das Ikea-Allerlei auch noch mit Pastell und Lila in vorurbane Höllen verwandeln. Für unsereins gibt es eine Reihe ganz ausgezeichneter, internationaler Einrichtungszeitschriften, die den deutschen AD-Ableger wie die Fachzeitschrift "Le Puff tres chick - Wohntipps für Luden, Huren, Anwälte und andere Camarofahrer" erscheinen lassen. Diese Gazetten des Guten und Wertvollen beschäftigen sich vor allem mit dem alten Europa und den USA, teilweise auch mit dem momentan immer noch schicken Fernen Osten.
Die französische Zeitschrift Byzance setzt einen gelungenen Contrapunkt zum westlichen Allerlei. Schon der Untertitel verkündet:

"Maisons d´orient et d´occident". Es ist voll mit Einrichtungen zwischen Paris und dem Libanon, und es windet ich im überschwenglichen Luxus, es geht an die Üppigkeit der Formen und Farben mit fast kindlicher Freude heran, und erkennt das Einigende in den Privaträumen zwischen Ost und West. Das macht durchaus Sinn, denn die Verbindung zwischen Orient und Okzident, zwischen Asien und Europa ist im Bereich der Architektur selbst in unserer Region über 7.000 Jahre alt, die ersten Ackerbauern bauten "anatolisch", und das Einigende durch alle Zeiten war viel stärker, als uns das die Bellizisten auf beiden Seiten glauben machen wollen. Beide hatten ihre jeweiligen Moden mit Erzeugnissen des anderen, und während Mozart alla Turca komponierte, durfte der anatolische Mann nicht ohne Ohrringe mit Münzen, auf denen das Abbild eines französischen Herrschers geprägt war, vom Markt nach Hause kommen.
Byzance nimmt sich der modernen Nachfolger dieses kulturellen Austausches unter den allumfassenden Themen der Ästethik, des Farbenrausches, der Freude am Leben an. Jede Ausgabe widmet sich einer Farbinspiration; in der aktuellen Ausgabe stehen byzantinische Kuppeln, arabische Minarette und christliche Illuminationen selbstverstndlich als Ausdruck des immer gleichen Empfindens nebeneinander. In traurigen, hasserfüllten Zeiten wie diesen ist Bycance ein echter Genuss und eine Freude.
Eine Website gibt es nicht, das Heft ist in Deutschland nur an Flughäfen zu bekommen.
Interessanterweise gibt es für Leute wie mich keine Renovierungssendungen auf RTL II, in denen fette Blondinen das Ikea-Allerlei auch noch mit Pastell und Lila in vorurbane Höllen verwandeln. Für unsereins gibt es eine Reihe ganz ausgezeichneter, internationaler Einrichtungszeitschriften, die den deutschen AD-Ableger wie die Fachzeitschrift "Le Puff tres chick - Wohntipps für Luden, Huren, Anwälte und andere Camarofahrer" erscheinen lassen. Diese Gazetten des Guten und Wertvollen beschäftigen sich vor allem mit dem alten Europa und den USA, teilweise auch mit dem momentan immer noch schicken Fernen Osten.
Die französische Zeitschrift Byzance setzt einen gelungenen Contrapunkt zum westlichen Allerlei. Schon der Untertitel verkündet:

"Maisons d´orient et d´occident". Es ist voll mit Einrichtungen zwischen Paris und dem Libanon, und es windet ich im überschwenglichen Luxus, es geht an die Üppigkeit der Formen und Farben mit fast kindlicher Freude heran, und erkennt das Einigende in den Privaträumen zwischen Ost und West. Das macht durchaus Sinn, denn die Verbindung zwischen Orient und Okzident, zwischen Asien und Europa ist im Bereich der Architektur selbst in unserer Region über 7.000 Jahre alt, die ersten Ackerbauern bauten "anatolisch", und das Einigende durch alle Zeiten war viel stärker, als uns das die Bellizisten auf beiden Seiten glauben machen wollen. Beide hatten ihre jeweiligen Moden mit Erzeugnissen des anderen, und während Mozart alla Turca komponierte, durfte der anatolische Mann nicht ohne Ohrringe mit Münzen, auf denen das Abbild eines französischen Herrschers geprägt war, vom Markt nach Hause kommen.
Byzance nimmt sich der modernen Nachfolger dieses kulturellen Austausches unter den allumfassenden Themen der Ästethik, des Farbenrausches, der Freude am Leben an. Jede Ausgabe widmet sich einer Farbinspiration; in der aktuellen Ausgabe stehen byzantinische Kuppeln, arabische Minarette und christliche Illuminationen selbstverstndlich als Ausdruck des immer gleichen Empfindens nebeneinander. In traurigen, hasserfüllten Zeiten wie diesen ist Bycance ein echter Genuss und eine Freude.
Eine Website gibt es nicht, das Heft ist in Deutschland nur an Flughäfen zu bekommen.
donalphons, 13:29h
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: : : denn sie wissen nicht was sie tun sollen : : :
Mittwoch, 15. Februar 2006
Die Stunde der Wahrheit für Neoconnards
und andere mit dem Hang zum Geschichtsrevisionismus, die die Mohammed-Karikaturen der Jyllands-Posten nachgedruckt sehen wollen.
Es gibt neue Bilder mit Folterszenen aus dem Irak, genauer, aus dem bereits bekannten Gefängnis Abu Gureib. Auf den Bildern wird einem Mann die Zunge herausgeschnitten, es ist eine Leiche mit durchgeschnittener Kehle zu sehen, andere Leichen weisen Brandwunden auf. Der Kopf eines Mannes wird gegen eine Stahltür geschlagen. Es gibt abartige sexuelle Misshandlungen zu sehen. Dazu kommt heraus, dass die amerikanischen Wächter und Ermittler auch die Kinder von Erwachsenen gefoltert haben, um die Väter zum Reden zu bringen.
Und da würde es mich schon interessieren zu wissen, was denn all die Herrschaften, die in den letzten Tagen den Nichtabdruck der Karikaturen als Appeasment diffamiert haben, jetzt sagen. All die, die die Meinungs- und Informationsfreiheit hochhalten wollten. Diejenigen, die der Meinung sind, dass die anderen solche Bilder ertragen müssen. Sind sie jetzt auch bereit, diese Bilder, diese Schande für den Westen und seine Werte, zu veröffentlichen? Müssen wir im Westen diese Bilder ertragen?
Vermutlich würden es manche von denen tun, weil es für sie Trophäen sind. Andere werden sich anderen Themen zuwenden, und versuchen, von diesem Problem, diesem wirklich peinlichen Dilemma, das unserer - nach ihrer, aber auch trotz allem auch meiner Meinung fortschrittlichen - westlichen Zivilisaztion entspringt, abzulenken. Also, was kann man bringen?
Für mich ist es eine vergleichsweise einfache Antwort - die Veröffentlichung steht im Widerspruch zu meinen journalistischen Grundsätzen. Ich muss mir die Bilder anschauen, ich muss die Inhalte beschreiben, aber die Achtung vor den Gefolterten gebietet es mir, diese Bilder nicht zum Thema einer sensationsgeilen Berichterstattung zu machen. Es wäre aber bezeichnen und für die Feigheit der Neoconnards bezeichnend, wenn sie sich ebenfalls auf diesen Standpunkt flüchten würden. Man wird sehen, ob sie jetzt mit dem selben Nachdruck wie in den letzten Tagen die Veröffentlichung dieser Bilder fordern werden.
Es gibt neue Bilder mit Folterszenen aus dem Irak, genauer, aus dem bereits bekannten Gefängnis Abu Gureib. Auf den Bildern wird einem Mann die Zunge herausgeschnitten, es ist eine Leiche mit durchgeschnittener Kehle zu sehen, andere Leichen weisen Brandwunden auf. Der Kopf eines Mannes wird gegen eine Stahltür geschlagen. Es gibt abartige sexuelle Misshandlungen zu sehen. Dazu kommt heraus, dass die amerikanischen Wächter und Ermittler auch die Kinder von Erwachsenen gefoltert haben, um die Väter zum Reden zu bringen.
Und da würde es mich schon interessieren zu wissen, was denn all die Herrschaften, die in den letzten Tagen den Nichtabdruck der Karikaturen als Appeasment diffamiert haben, jetzt sagen. All die, die die Meinungs- und Informationsfreiheit hochhalten wollten. Diejenigen, die der Meinung sind, dass die anderen solche Bilder ertragen müssen. Sind sie jetzt auch bereit, diese Bilder, diese Schande für den Westen und seine Werte, zu veröffentlichen? Müssen wir im Westen diese Bilder ertragen?
Vermutlich würden es manche von denen tun, weil es für sie Trophäen sind. Andere werden sich anderen Themen zuwenden, und versuchen, von diesem Problem, diesem wirklich peinlichen Dilemma, das unserer - nach ihrer, aber auch trotz allem auch meiner Meinung fortschrittlichen - westlichen Zivilisaztion entspringt, abzulenken. Also, was kann man bringen?
Für mich ist es eine vergleichsweise einfache Antwort - die Veröffentlichung steht im Widerspruch zu meinen journalistischen Grundsätzen. Ich muss mir die Bilder anschauen, ich muss die Inhalte beschreiben, aber die Achtung vor den Gefolterten gebietet es mir, diese Bilder nicht zum Thema einer sensationsgeilen Berichterstattung zu machen. Es wäre aber bezeichnen und für die Feigheit der Neoconnards bezeichnend, wenn sie sich ebenfalls auf diesen Standpunkt flüchten würden. Man wird sehen, ob sie jetzt mit dem selben Nachdruck wie in den letzten Tagen die Veröffentlichung dieser Bilder fordern werden.
donalphons, 22:34h
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Real Life 14.02.06 - Be my Vampyrelentine
Ich habe übrigens, sagt Iris und spielt mit der abartig grossen Pralinenschachtel herum, die du beim ältesten Pralinenhersteller der Stadt gekauft hast, gerade die P. gesehen. Mit ihrer Mama.
Da fällt dir erst mal nichts mehr ein. Die P. heisst eigentlich A., und es ist mindestens zehn Jahre her, dass sie jemand in deiner Gegenwart als P. bezeichnet hat. P. ist ein Schimpfwort aus einer längst in den Aktendeckeln einer arroganten Bildungs- und Qualveranstaltung versunkenen Zeit. Die A. hast du auf dem Weg zum Cafe auch gesehen und kurz gegrüsst. Es ist nicht fair, sie heute noch als P. zu bezeichnen. Sie hat sich ziemlich gewandelt, seit damals.
Weisst du, lächelst du Iris an, es ist so... ich war damals 19 und hatte gerade das Abitur gemacht. Und den Führerschein, und ich war aus den USA zurück. Weil ich ja keinen Wehrdienst machen musste - untauglich - bin ich mit V. und vielen anderen in diesem Sommer nach Malcesine gefahren, mit meinem Bus und 6 Brettern oben drauf und dem Rennrad hinten drin - was halt Untaugliche im Sommer so machen.
A. war auch dabei. Mit ihren Freund. Im gleichen Hotel wie wir. Und wenn A. dann so auf den Steinen am Strand sass, in einem rosafarbenen Badeanzug, dann hatte sie so etwas von der Eleganz einer sich aalenden Robbe. So ziemlich jeder hat in diesem Sommer begriffen, dass A. keine P. war, sondern eine ziemlich attraktive Frau. Manchmal sieht man das jahrelang nicht, man ist blind, und dann, entsteigt sie den Fluten, nass und die Lippen leicht geöffnet, dr Badeanzug klebt an der Haut, und ZACK, alle wissen und verstehen. So war A. Nicht so derb wie die A. K., sondern so, wie solche Töchter besserer Häuser eben manchmal sind. Und alle Freunde, die damals dabei waren, begriffen, dass ihr Freund den besseren Riecher gehabt hat, als unsereins.
Mein bester Freund und ich hatten das Zimmer nach vorne raus, A. und ihr Freund waren eines dahinter. Und wie in Italien üblich, waren die Wände sehr dünn. Die ersten vier Tage lagen wir ganz still im Bett, schlaflos, ohne Freundin, und lauschten an der Wand. Es kam nichts. Kein Laut, kein Ton. Wir sind dann jeden Morgen um 7 Uhr raus in den Vento, total übermüdet vom nächtlichen Warten auf die Geräusche, die doch nie kamen.
Am fünften Tag, am Nachmittag, als wir endlich mal, vom Lauschen und Surfen erschöpft, ausschlafen konnten, hörten wir dann doch was. Erst Geschrei, dann ein Weinen. Es war nicht A., denn A. kam in unser Zimmer gerauscht, knallte sich in den 50er-jahre-Sessel, und klärte uns auf, dass sie Schluss gemacht hat, ihr Ex jetzt - unüberhörbar - drüben heult, und sie jetzt Hunger hat, und nach Verona will.
Und so sassen wir dann in meinem Bus, A. neben mir und V. hinten, und fuhren durch die warme, würzig duftende Luft die Gardesana Occidentale runter, vorbei an Palmen, Bergen und am silbrig glänzenden Wasser, bis sich das Tal weitet und der Lago eine seichte Wanne wird. A. summte vor sich hin, und klärte uns ab und zu über das miserable Wesen ihres Ex auf. Wir hörten zu und dachten uns, dass es sicher nicht übel ist, diese energische, vor Verachtung und Wut, von dem erlösenden Knall heiss glühende Frau im Bett zu haben, aber die Vorstellung, später ebenso Gesprächsthema zu sein, hielt die Stimmung den Rest des Tages in einer höchst eigenartigen Schwebe.
So war das damals, mit A. Eine P. ist sie nicht.
Ohhh, sagt Iris ironisch, pardon, ich wusste ja nicht, was da war. Lang vorbei, sagst du, und ignorierst den Stich, den du erhalten hast, diese eine Wunde, von der niemand etwas wissen kann.

Dann redet ihr über etwas anderes, und später geht ihr die Strasse mit den teuren Geschäften hinunter. In den Schaufenstern gibt es Sonderangebote für die, die ihren Frauen noch eine geschmacklose Freude machen wollen, Strassschmuck in einer kleinen Samtdose, auf der ein grauenvoller französischer Name des Geschäfts prangt, obwohl die Besitzerin der Ladens so dieser Welt verhaftet ist, dass man sie schon fast als "urig" bezeichnen könnte. Was für eine absurde Welt, diese kleine Stadt mit ihren nie endenden Geschichten, nicht auszuhalten, aber manche, die nie gelernt haben zu fliegen, sind und bleiben auf immer hier, vergessen alle Möglichkeiten, die es früher gab; ihre Grandezza, ihre Kraft, ihren Hass, und all das Grosse, das Schreckliche und das Böse schläft irgendwo verborgen und träumt sich zurück in die Zeit, als das Aussaugen des Anderen, das Wegwerfen der ausgeliebten Hüllen noch ein Dasein vorzeichnete, das nie kommen sollte.
Da fällt dir erst mal nichts mehr ein. Die P. heisst eigentlich A., und es ist mindestens zehn Jahre her, dass sie jemand in deiner Gegenwart als P. bezeichnet hat. P. ist ein Schimpfwort aus einer längst in den Aktendeckeln einer arroganten Bildungs- und Qualveranstaltung versunkenen Zeit. Die A. hast du auf dem Weg zum Cafe auch gesehen und kurz gegrüsst. Es ist nicht fair, sie heute noch als P. zu bezeichnen. Sie hat sich ziemlich gewandelt, seit damals.
Weisst du, lächelst du Iris an, es ist so... ich war damals 19 und hatte gerade das Abitur gemacht. Und den Führerschein, und ich war aus den USA zurück. Weil ich ja keinen Wehrdienst machen musste - untauglich - bin ich mit V. und vielen anderen in diesem Sommer nach Malcesine gefahren, mit meinem Bus und 6 Brettern oben drauf und dem Rennrad hinten drin - was halt Untaugliche im Sommer so machen.
A. war auch dabei. Mit ihren Freund. Im gleichen Hotel wie wir. Und wenn A. dann so auf den Steinen am Strand sass, in einem rosafarbenen Badeanzug, dann hatte sie so etwas von der Eleganz einer sich aalenden Robbe. So ziemlich jeder hat in diesem Sommer begriffen, dass A. keine P. war, sondern eine ziemlich attraktive Frau. Manchmal sieht man das jahrelang nicht, man ist blind, und dann, entsteigt sie den Fluten, nass und die Lippen leicht geöffnet, dr Badeanzug klebt an der Haut, und ZACK, alle wissen und verstehen. So war A. Nicht so derb wie die A. K., sondern so, wie solche Töchter besserer Häuser eben manchmal sind. Und alle Freunde, die damals dabei waren, begriffen, dass ihr Freund den besseren Riecher gehabt hat, als unsereins.
Mein bester Freund und ich hatten das Zimmer nach vorne raus, A. und ihr Freund waren eines dahinter. Und wie in Italien üblich, waren die Wände sehr dünn. Die ersten vier Tage lagen wir ganz still im Bett, schlaflos, ohne Freundin, und lauschten an der Wand. Es kam nichts. Kein Laut, kein Ton. Wir sind dann jeden Morgen um 7 Uhr raus in den Vento, total übermüdet vom nächtlichen Warten auf die Geräusche, die doch nie kamen.
Am fünften Tag, am Nachmittag, als wir endlich mal, vom Lauschen und Surfen erschöpft, ausschlafen konnten, hörten wir dann doch was. Erst Geschrei, dann ein Weinen. Es war nicht A., denn A. kam in unser Zimmer gerauscht, knallte sich in den 50er-jahre-Sessel, und klärte uns auf, dass sie Schluss gemacht hat, ihr Ex jetzt - unüberhörbar - drüben heult, und sie jetzt Hunger hat, und nach Verona will.
Und so sassen wir dann in meinem Bus, A. neben mir und V. hinten, und fuhren durch die warme, würzig duftende Luft die Gardesana Occidentale runter, vorbei an Palmen, Bergen und am silbrig glänzenden Wasser, bis sich das Tal weitet und der Lago eine seichte Wanne wird. A. summte vor sich hin, und klärte uns ab und zu über das miserable Wesen ihres Ex auf. Wir hörten zu und dachten uns, dass es sicher nicht übel ist, diese energische, vor Verachtung und Wut, von dem erlösenden Knall heiss glühende Frau im Bett zu haben, aber die Vorstellung, später ebenso Gesprächsthema zu sein, hielt die Stimmung den Rest des Tages in einer höchst eigenartigen Schwebe.
So war das damals, mit A. Eine P. ist sie nicht.
Ohhh, sagt Iris ironisch, pardon, ich wusste ja nicht, was da war. Lang vorbei, sagst du, und ignorierst den Stich, den du erhalten hast, diese eine Wunde, von der niemand etwas wissen kann.

Dann redet ihr über etwas anderes, und später geht ihr die Strasse mit den teuren Geschäften hinunter. In den Schaufenstern gibt es Sonderangebote für die, die ihren Frauen noch eine geschmacklose Freude machen wollen, Strassschmuck in einer kleinen Samtdose, auf der ein grauenvoller französischer Name des Geschäfts prangt, obwohl die Besitzerin der Ladens so dieser Welt verhaftet ist, dass man sie schon fast als "urig" bezeichnen könnte. Was für eine absurde Welt, diese kleine Stadt mit ihren nie endenden Geschichten, nicht auszuhalten, aber manche, die nie gelernt haben zu fliegen, sind und bleiben auf immer hier, vergessen alle Möglichkeiten, die es früher gab; ihre Grandezza, ihre Kraft, ihren Hass, und all das Grosse, das Schreckliche und das Böse schläft irgendwo verborgen und träumt sich zurück in die Zeit, als das Aussaugen des Anderen, das Wegwerfen der ausgeliebten Hüllen noch ein Dasein vorzeichnete, das nie kommen sollte.
donalphons, 12:29h
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