Donnerstag, 27. April 2006
BR und Zündfunk steigen ins Haifischbecken
Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter des Zündfunk, von Bayern 3, aus der Multimedia-Redaktion und des Bayerischen Fernsehens haben in vier Arbeitsgruppen für Musik, Wort, Multimedia und Marketing Ideen gesammelt, Visionen entworfen und zu einem stimmigen Vorschlag zusammengeführt.
Oh Gott. Bayern Brei plus ein die Macher einer wirklich grottigen Site plus dem linientreuen Staatsfernsehen plus Zündfunk oder was dabei herauskommt, wenn man eine schleimige Tiefseequalle, einen Regenwurm, einen Lemming und eine brennende Motte kreuzt. Und das soll stimmig sein? Na dann.
Ihre Aufgabe dabei: Eine junge Zielgruppe an den Bayerischen Rundfunk zu binden, die sich bislang nur zum Teil von den bestehenden Angeboten angesprochen fühlt und in ihrer aktuellen Mediennutzung auf Radio in der traditionellen Form immer mehr verzichtet.
Warum nicht zu Beginn mal was Leichteres, wie, sagen wir mal, die kalte Kernfusion oder die Weltrevolution? Ist ja schön, wenn sie begreifen, dass sich viele aus dem Radio ausklinken, aber das sind doch genau die Leute, die bislang die Zielgruppe vergrault haben, mit dröger Glotze, dummen Festplattenschleim, kranke Navi und leeres Geschwafel.
Im Blick haben die Macher ein aufgeschlossenes aktives Publikum bis 30 Jahre, das sich durch ein breites Musikinteresse auch außerhalb des Mainstream auszeichnet und an der bayerischen Kulturszene interessiert ist.
Aufgeschlossen passt nicht zu Vernagelt a la BR. Wer aufgeschlossen ist, braucht keine Radiokrücke mehr.
Aktuelle Popmusik mit Einflüssen aus Rock, Black und Elektronik bilden das musikalische Grundgerüst. Wesentlicher Bestandteil ist die breite Förderung junger, unbekannter Musiker vor allem aus Bayern und Deutschland, die gleichberechtigt neben bekannten Stars zu hören sein sollen.
Doitsch und Hinterwaldqoute neben Robiiiieeee und Madonah-ah-ah, prima, da fahren alle Zielgruppen voll drauf ab. Die Mainstreamzielgruppe hat doch schon Bayern Brei, und ähnlich positionierte Jugendwellen haben gerade das Problem, das der neue Laden bekämpfen soll.
Dabei ist geplant, bereits bestehende Elemente des Bayerischen Rundfunks – beispielsweise die Veranstaltungsreihe „Bavarian Open“ und ihre Download-Plattform „Bavarian Open Source“ – auszubauen.
Super! Kozerte, die es schon gibt, und Musik als Download, die man auch bei Kazaa Lite bekommt, und Beiträge als MP3, bei denen die Leute schon im Radio wegschalten! Brandneu und irre!
Auch bei den Wortinhalten setzt die Junge Welle auf die verlässliche Qualität des öffentlich-rechtlichen Rundfunks mit seinem weltweiten Korrespondenten-Netz und den zahlreichen Fachredakteuren und Spezialisten. Der journalistische Anspruch des Zündfunks wird auch in der Jungen Welle eine Heimat haben. Regionalität spielt dabei die Hauptrolle.
In meinem früheren Leben sagte man über geschasste Units wie den Zündfunk: Die neue Division wird ihre bewährte Arbeit fortsetzen. Blabla wird unserem Unternehmen auch weiterhin im lokalen Support beratend zur Seite stehen.
Das Team arbeitet mit zeitgemäßen und in der jungen Zielgruppe verbreiteten Elementen aus der Online-Welt wie Videoblogs und Podcasts.
Heisst: Wir haben keine Ahnung, aber wenn es die PR-Agenturen vorplappern, sagen wir das auch.
Das Angebot von jungen Menschen für junge Menschen soll beispielsweise auch über Beteiligungsformen wie „akustische Hörer-Tagebücher“ aus der Region zum Runterladen auf ein mp3-Gerät realisiert werden.
Oh, man wird also Podcastingblog-Plattform. Spannend. Wie 189.442.837 andere Anbieter. Aber wir in Bayern, wir packen das, gell?
Die Grundhaltung der Jungen Welle ist dabei immer: „Bayerisch, selbstbewusst, lebensfroh und nah“ – vier Attribute, die den Umgang mit den Themen und den Hörern on-air, off-air und online bestimmen.
Eigentlich könnte man jetzt aufhören zu lesen. Aber trinken wir es aus bis zur Neige.
Der lineare Programmablauf wird bei der Jungen Welle des Bayerischen Rundfunks bewusst aufgebrochen: Das Publikum ist teilweise selbst Sender und kann zum Beispiel einen Blick in den Audio-Speicher der Programmmacher werfen und online Inhalte vorhören, noch bevor sie von den Moderatoren im Radio ausgestrahlt werden.
Aha, teilweise selbst (!) Sender - also nicht jeder, sondern nur der, der den Machern genehm ist. Beiträge vorhören ist sowieso ein ganz grosses Thema und wird sich bei manchen Zündfunkern allergrösster Beliebtheit erfreuen - besonders der Spezies, die ihre Beiträge prinzipiell erst während der laufenden Sendung - ooops.
Die Junge Welle reagiert damit auf neue Nutzungsgewohnheiten junger Menschen.
Ich kenne mich ja ein bisschen aus in dem Thema, aber ehrlich gesagt kenne ich keinen, der unbedingt Beiträge vor der Ausstrahlung hören will. Vielleicht kenne ich auch nur die falschen "jungen Menschen". Oder man schliesst beim BR von der kleinen Schwester auf die Allgemeinheit.
Interaktivität, Nachhaltigkeit und die Realisation des Community-Gedankens bilden den multimedialen Kern der Jungen Welle.
Manche Zündfunker haben ein intensives Vorleben in der New Economy - man merkt es hier.
Über die klassischen programmbegleitenden Datendienste hinaus können die Hörer und Macher der neuen Welle auch auf Angebote anderer Fernseh- und Radiosendungen des BR zugreifen.
Irre. Jetzt muss man sie nur noch dazu bekommen, zuzugreifen. Ist ganz einfach, echt jetzt. Hauptsache, man hat die technische Lösung, der Nutzer kommt von selbst. War schon immer so bei allen Pleitefirmen des Nemax.
Mit diesem Angebot realisieren wir systematisch eine enge, programmübergreifende Vernetzung“, sagt Hörfunkdirektor Johannes Grotzky. „Professioneller Journalismus auf Augenhöhe mit jungen Hörern, Authentizität in der Präsentation und Vielfalt in der Musikauswahl sind die Wege, mit denen wir junge Menschen für ein anspruchsvolles Programm begeistern können und wollen.“
Das mit dem "können" "wollen" wir sehen. Dazu gehört mehr als das aktuelle IT-New-Media Buzzword Bullshit Bingo.
Die Hörer von Bayern2Radio werden auch nach einem Start der Jungen Welle nicht auf ein breites Angebot aus dem Bereich der „Popkultur“ verzichten müssen. Der Teil der journalistischen und musikalischen Kompetenz des Zündfunks, der ein Publikum jenseits der „30“ erreicht, soll wie bisher ein Bestandteil des Programms Bayern2Radio bleiben.
Übersetzt: Zündfunk ist tot, die Mitarbeiter dürfen sich in einem neuen Umfeld abstrampeln, gegen das Bayern2Radio inclusive Kirchenfunk und bayerische Chöre eine prima Sache war, und auf echtem UKW-Radio bleiben ein paar von den Zündfunkern, die mutmasslich für die Jugendwelle zu alt sind. Das ganze, ohne dass es expressis Verbis gedagt wird, nicht auf UKW, sondern DAB.
Liebe Zündfunker, Unterstützer, Freund und Feind: Ich hätte vielleicht auch Mitleid. Schliesslich ist das seit heute bekannt, und wenn die wirklich so cool und kritisch wären, hätten sie heute das Programm gekippt und sich selbst thematisiert. Rebelliert. Angegriffen, sich gewehrt. Ich weiss, dass viele das so richtig scheisse finden, wenn sie nicht total gebrainwashed wurden. Aber sie sind erwartungsgemäss nicht aufgestanden, die haben es einfach nicht getan, obwohl das Mikro offen war. Kinderstress, Informationsfreiheit, Musik, denen geht´s prima. Klingt zumindest so. Und nachdem alle weiterarbeiten wollen, halten sie offiziell die Klappe.
He Zündfunker, Ihr seid keine Rebellen, und Ihr habt keinen Markt. Nächstes Jahr treffen wir uns wieder - hier im Netz. Ohne Radiomonopol, ohne Netzwerke, ohne Hilfestellungen. It´s a brand new world - aber mit der Denke des neuen Senders ist es ein verdammt lebensfeindliches Umfeld.
... link (20 Kommentare) ... comment
Popetown, die Kirche, ihre CSU und deren Strategie
Denn die CSU spielt mit der Kirche perfekte Doppelpässe. Der Popetownskandal ist mit dem leicht zeitversetzten Aufschrei von Kirche und Staatspartei hervorragend abgestimmt, und MTV kommt ausgesprochen schlecht weg. Die Kirche, hier das mit der CSU eng verzahnte Erzbistum München/Freising, legt mit Erklärungen und einer Unterlassungsverpflichtungserklärung gegen MTV inhaltlich vor, und jede folgende Abwehr wird von der CSU mit rechtlichen Konsequenzen angegangen. Dass MTV seine Werbung zurückzieht und jetzt nur eine Folge der Serie zeigt, ist das Ergebnis einer skrupellos eingesetzten Angriffsmaschinerie, deren Motto ist: Unterwirf Dich der Kirche, oder der Staat kommt mit den Folterwerkzeugen.
Neu ist das nicht, die Inquisition und ihre staatlichen Büttel verfuhren genauso. Während also ein Haufen von engagierten Christen über Weikersheimer Rechtsradikalen bis Neonazis (siehe die bei Myblog.de gehosteten und von deren Webmaster auch bei klaren Rechtsverstössen unbehelligten braunen Blogs) gegen die Ausstrahlung mobil machen, gegen die nach Gesetzeslage nichts einzuwenden ist, schraubt die CSU im Hintergrund an Reformen, die solche öffentlichen Meinungen später gesetzlich oder sonstwie mit Mitteln der Obrigkeit ausschliessen sollen. Bayern hat über die BLM mit der Lizenz für 9live zwar das Tor zur Spielhölle aufgeschlossen, aber Kritik am Papst und Institutionen der katholischen Kirche soll mit dem Entzug der Lizenz bestraft werden - fordern nicht nue Hinterbänkler.
Dabei ist es hochspannend zu sehen, wer sich da an die Front wirft. Neben Ede dem Geknickten, der endlich mal wieder Schlagzeilen machen darf, sind es die konservativen Granden der CSU, die Stimmung machen: Söder und Hermann stehen mit Verbalgewalt und Anzeigen an vorderster Front, dazu läuft auch noch Vertriebenenchefin Steinbach auf. Und wie schon 1998 wird der Versuch gemacht, den §166 StGB Gotteslästerung auch auf irdische Einrichtungen der Religionen auszuweiten.
Das zeigt vor allem zwei Dinge: Einerseits weiss die CSU, dass Popetown nur einzelne weltliche Aspekte der Kirche - sanft - angreift. Popetown ist nichts gegen Panizzas Liebeskonzil, um auf einen 112 jahre alten Fall zu verweisen. Dass manche Päpste sozialauffälliges Verhalten an den Tag legten, gegen die die Kindereien in Popetown banal sind, weiss man auch ohne Blick in Marx´Kirchengeschichte. Und über die Darstellung korrupter Kardinäle braucht man sich nicht wundern, wenn man weiss, dass der Vatikanstaat einen italienischen Haftbefehl wegen Mafiaverbindungen gegen den Leiter der Vatikanbank Kardinal Marcinkus ignoriert hat. Gottes- oder Anschauungslästerung wird man in der Serie kaum finden, im Gegenteil, auch die positiven Helden sind Kirchenvertreter. Das ist dann auch der grosse Unterschied zum Konflikt um die Mohammed-Karikaturen, die nicht einzelne Vertreter, sondern den Islam allgemein aufs Korn nahmen. Die CSU weiss also, was sie tut: Es geht nicht um den Glauben, es geht um die knallharte Unterstützung des hiesigen Bodenpersonals.
Zum anderen schweigen auch manche Leute. Erwin Huber etwa, der MTV nach München geholt hatte. Der kann jetzt schlecht lospoltern, sonst sieht es nicht gut aus bei weiteren Gesprächen für Medienansiedlungen in München. Solche Einflussnahmen sind Gift für Medien, die mitunter solche Krawalle brauchen, ohne dass dauernd ein keifender Anstandswauwau angezockelt kommt. Auch von Seehofer hört man nichts. Das ist insofern von Bedeutung, als in Bayern längst über die Ablösung von Stoiber nachgedacht wird. Das Rennen dürfte zwischen dem christlistischen Fraktionschef Hermann, der für die alte CSU steht, und dem beim Wahlvolk beliebten Reformer Seehofer laufen. Hermann hat mit seiner - sinnlosen - Anzeige gegen MTV und Popetown schon mal ein paar Nägel bei der Stammwählerschaft eingeschlagen. Dass man Hermann deshalb in Köln, Berlin und Hamburg für einen knierutschenden Vatikanzögling hält, spielt keine Rolle, denn Hermann muss nur in Bayern gewinnen. Und da hilft das Geschrei aus dem Norden mehr, als es schadet.
Und MTV? Zieht tatsächlich den Schwanz vor der schwarzen Kampagne ein. Nur eine Folge dieser harmlosen Serie wird laufen. So macht man das. Die CSU. Die kann das. Zusammen mit der Kirche. Man hat die Schulkreuze verteidigt, man wird auch mit so ein paar renitenten Amis in Berlin fertig. Tun sie auch. Weil auf der anderen Seite feige Medien sitzen, die in solchen Fällen kuschen. MTV ist halt auch nur eine Geldmaschine, und hat mit Aufklärung so viel zu tun wie jeder andere Renegat, der des Geldes wegen zu Kreuze kriecht.
... link (57 Kommentare) ... comment
: : : denn sie wissen nicht was sie tun sollen : : :
Mittwoch, 26. April 2006
Dies illa

Und für alle anderen ist es - hoffentlich - ein grandioser Anblick. Es sind nur 15 Meter über der Stadt, aber nirgends wirkt das Unwetter näher als oben auf der Dachterasse.
... link (5 Kommentare) ... comment
Sehr zu empfehlen - Regale füllen

Wie auch immer: Der Zeitplan, in dem bei "Bücher einräumen" 6 Stunden veranschlagt wurden, liess sich nicht halten. 2 Tage mit einer langen Nachtschicht hat es gedauert, und man hätte manches besser machen können. Vielleicht in den nächsten Tagen, wenn ich genig habe vom Lack und vom Besen, gehe ich hinüber und sortiere den Waugh in das richtige Regal und füge den Roth wieder zusammen. Den Dostojewski habe ich zerissen, und zu oft steht noch Photographie neben Architektur. Überhaupt, das Mittelalter ist zerstreut und grässlich von Malerei durchdrungen. Da geht also noch einiges. Immerhin ist die Ausleuchtung mit vier Lampen ausreichend - merke: Mit gelblichen Schirmen oder in Messinglampen sind auch Energiesparlampen mit freundlichem Licht gesegnet.
... link (33 Kommentare) ... comment
: : : denn sie wissen nicht was sie tun sollen : : :
Dienstag, 25. April 2006
Amsel nochmal

aber dafür mit Wolken. Man nennt das einen Donauschulenhimmel. Die Donauschule, mit Albrecht Altdorfer als bekannestem Vertreter, malte in der deutschen Renaissance im 16. Jahrhundert diese Himmel. Wenn man die Gemälde sieht, mag man es kaum glauben, aber doch, manchmal sieht der Himmel hier so aus.
... link (9 Kommentare) ... comment
Liebe Verleger, darf ich mal kurz stören?
Aber darum geht es mir nicht. Nicht als Autor stehe ich
Nein, es geht nicht um die nächste lektoratsgefickte Debutantennutte, deren Rezi ich schreiben muss. Ich muss Eure Produkte einordnen. Ich bin ja kein Proll und stelle meine 30 Bücher strategisch in Billys auf, damit es nach mehr aussieht. Ich habe hier noch etwa 1.000 Bücher rumliegen, von Mühsams Lyrik bis zum Druckwerk der Familie Carracci in 1:1. Dass die unterschiedlich gross sind, verstehe ich, aber warum, frage ich Euch Ausgeburten der Papierhölle, warum um alles in der Welt bekommt Ihr bei normalen Büchern keine normalen Formate hin?

Ich besitze ca. 600 Bücher, die älter als 100 Jahre sind. Sie einzuordnen ist kein Problem, die venezianische Aldine von 1542 passt neben die bayerische Religio Prudentis von 1727 und die wiederum neben Tucholskys Pyrenäenbuch von 1932. Alle haben ungefähr das gleiche Längen/Breitenverhältnis, und alle haben stumpfe, angenehme Farben, seien sie nun in Leder, Halbleder, Pergament oder noch unaufgeschnitten. Es ist eine Freude, sie einzuordnen, sie ergänzen sich in Farbe und Grösse und ergeben die schönste Wand der Welt.
Aber Eure moderne Scheisse, mit Verlaub, ist eine echte Qual. Grauenvoll bunt, als ginge es darum, zu einer DVD-Sammlung zu passen. Bei der Tiefe ist vom schmalen Grischperl bis zum breiten Quadrat wirklich alles dabei. Eine einheitliche Linie ist nicht mal innerhalb eines Verlages, noch nicht mal bei einer Taschenbuchreihe möglich. Mal ehrlich, Leute: Was soll das? Was sollen diese Scheissriesenphotos auf dem Cover? Wieso sind die sogar unter dem Schutzumschlag? He? Macht Ihr Euch auch mal Gedanken um die, die die Hauptkäufer Eurer Produkte sind? Die Bücher bewahren und nicht gleich auf den Müll kippen? Die eine Bibliothek füllen wollen und nicht sinnvoll sortieren und ordnen können, weil sonst der kostbare Platz verschwendet wird.
Macht jeweils 2 Grössen für Taschenbücher und Hardcover. Spart bei der Tiefe. Dann habe ich einen ruhigen Vormittag beim Sortieren, das Staubwischen ist schnell geschehen, und ich kann weitere Bücher kaufen. Aber sowas wie heute: Geht gar nicht.
... link (20 Kommentare) ... comment
Statistiken, richtig herum gelesen
Aber hallo: Kommt denn da keiner auf die Idee, dass deutsche Kinder einfach keinen Bock auf Mutters Gelaber, Gehirnwäsche und Nachhilfe haben und alles versuchen, die Zeit mit ihr auf 2 Stunden 18 Minuten zu begrenzen? Schliesslich gibt es heute Handy, iPod und hausgemachte Pornovideos, die man bei Youtube online stellen kann! That´s Entertainment! Wenn ich an meine Kindheit zwischen Ferienschule und Anstandsunterreicht denke, scheint das eine logische Erklärung zu sein.
... link (64 Kommentare) ... comment
: : : denn sie wissen nicht was sie tun sollen : : :
Dienstag, 25. April 2006
Real Life 24.04.06 - Die Amsel

Das mit dem Regen morgen kannst du nicht glauben, die Schwalben fliegen viel zu hoch, 20 Meter über dem Stadtpalast. Auf dem Kamin singt eine männliche Amsel nach einem Weibchen, und lässt sich vom Rauschen des Staubsaugers nicht stören. Der verrichtet, von einer Elitesse geschoben, einen zweifelhaften Kampf gegen den Schmutz im zweiten Stock des Wohnheims. Ein Student kommt dazu und spricht sie an. Er trägt einen blauroten Trainingsanzug mit den drei Streifen, sie einen weissen Rock, ein rosa T-Shirt und Stränchen in den schulterlangen, blonden Haaren. Sie reden eine Weile miteinander, er draussen auf dem Gang, sie drinnen in ihrer Wohnung, und als sie nochmal rauskommt und vor ihm ihren Fussabstreifer ausschüttelt, ist klar, dass das heute nichts mehr wird mit den beiden.
Dann gehen sie in ihre Wohnungen, und überlassen der Amsel das Feld. Nach einer Weile fliegt sie auf das Hausdach neben der Dachterasse, und wenige Momente später landet die Angebetete ein paar Meter weiter. Er sagt jetzt fast gar nichts mehr, schaut sie an, und sie ignoriert ihn. Dann stürzt sie sich in steilem Flug hinunter in die Schlucht zwischen den Palästen, und er jagt sofort hinterher. Du störst jetzt niemanden mehr, also holst du das Brett und bohrst im letzten Licht des Tages fünf Löcher.
... link (14 Kommentare) ... comment
Die räudige Mähre an den Abdecker verkaufen
Damals schrieb ich ein grosses Feature über die Kräfte, die das transatlantische Verhältnis ruinierten, sei es mit den sinnlosen Programmen auf Kosten der Berliner Republik zum Erhalt ihrer Stellen (1,4 Mitarbeiter pro handverlesenem Gastaufenthalt der Kinder der Freundeskreise der leitenden Mitarbeiter, ein Buttler und am Abend ein Stripper oder ein Freudenmädchen wäre billiger gewesen), oder eben Brachialcholeriker wie obiges Beispiel. Nachdem sich alle Welt fragte, wie die FT so einen Dreck abdrucken konnte, hakte ich bei einem ehemaligen Mitarbeiter nach. Und bekam eine Antwort. Die mich zart lächeln lässt, wenn ich heute vernehme, es gäbe in den Topmedien noch unabhängigen Journalismus, und problematisch wären allenfalls schweissflecklöschende, freie Mitarbeiter.
Insofern freut mich heute die Meldung, dass die Mutterfirma der FT, das Verlagshaus Pearson, den Verkauf der FT nicht mehr ausschliesst. Vermutlich werden da längst Zigarren an den Kaminen der britischen Private Equity Firmen geraucht. Ein, zwei Namen mit einem hübschen Portfolio, die für anstehende Exits gute Presse bräuchten, fallen mir da ein, zumal die Kosten für so ein schlingerndes Flackschiff mit Geldlecks und Wasser bis ins erste Kanonendeck nicht mehr allzu hoch sein dürften. Und der deutsche Ableger, der bislang enorme Verluste eingefahren hat, könnte dann den Beweis antreten, dass sie Wirtschaftskompetenz und Neoliberalismus bis zum im Strassengraben verrecken nicht nur abdrucken, sondern auch praktizieren: Ab mit den Leuten zu Hartz IV und ein bodenloses Fass weniger in den Bilanzen von Pearson und G+J.
Und bitte: Bei den abartig miesen FTD-Bloggern anfangen.
... link (10 Kommentare) ... comment
Claim 2.0 für bedohte rechte Tierarten
ist bei Panik nicht so leicht.
Freie Märkte
können sich auch mal gegen Handlanger der Rechtsextremisten entscheiden.
Freie Menschen
bleiben meist frei, wenn es nur um einen Zivilprozess geht.
Nachtrag: Ein Benutzer des Claims, ein A.H. aus B. (nein nicht der A.H. aus B., ein anderer), hatte es gerade nötig, mich um Geld anzubetteln - offensichtlich geht eine Domainregistrierung über seine lausigen finanziellen Verhältnisse. Arme Sau.
... link
Sehr zu empfehlen - Der Wintergarten

Deutschland hat es nicht so mit Wintergärten. Dabei sind solche - heute würde man sagen Parasitenbauten - eigentlich hochmoderne Raumideen in den dicht verbauten Ballungszentren. Und gerade in einem Winter wie dem letzten und seinem elenden Ausklang wäre ein Wintergarten, der sich nach einer Stunde Licht sommerlich aufheizt, eine schöne Sache gewesen. Draussen genug, um die Dunkelheit zu vergessen, und soweit drinnen, um warm zu sein. Man kann ihn immer brauchen, ausgenommen Hochsommer. Morgen kommt das Glasdach drauf, und nächsten
... link (13 Kommentare) ... comment
: : : denn sie wissen nicht was sie tun sollen : : :
Montag, 24. April 2006
Missgeschick vor dem grossen Regen
Spiegel sind wundervolle Antiquitäten. Im Prinzip passen sie fast immer, sie sind nützlich, machen Räume hell und weit, und wenn doch nicht mehr passen, findet sich immer jemand, den man damit beglücken kann. Und die Restaurierung ist meist nicht weiter problematisch. Ganz im Gegensatz zu Möbeln.

Stühle zum Beispiel sind hart. Im Originalzustand ist der Bezug und das Polster meist am Ende. So auch beim Exemplar links. Dass es dennoch seinen Weg in den Stadtpalast gefunden hat, verdankt es der Form, die nah am zweiten Stuhl ist, dessen Pimpung hier bereits Thema war. Die Zargen sind gleich geschwungen, die Lehne ist ähnlich, wenngleich qualitativ bei weitem nicht so herausragend wie beim Gegenstück. Die gedrechselten Beine muss man mögen, das Furnier ist dagegen unstrittig schön, und statisch betrachtet fehlt nichts - kein Wackeln, keine losen Verbindungen, und ein gebrochenes Bein wurde sauber wiederhergestellt. Ein paar Wurmlöcher, ein paar Macken dürfen schon sein bei einem späten Biedermeierstuhl, der mit 20 Euro nicht teuer war. Noch ein Brocken Arbeit. Als stünden in den nächsten Monaten nicht 16 weitere Räume an. So langsam verstehe ich, wieso dieses Haus vor 100 Jahren vier Dienstboten hatte.
... link (9 Kommentare) ... comment
Das Beschissene am Familienministerium ist
Actually, we´re fucked. Bloss gut, dass es der Geburtenrate nichts bringt.
... link (24 Kommentare) ... comment
Dies Irae
Nur falls sich jemand wundert, wenn ich die nächsten Tage keine Lust auf Rechner und Netz haben sollte.
... link (10 Kommentare) ... comment
: : : denn sie wissen nicht was sie tun sollen : : :
Sonntag, 23. April 2006
Stichwort Werbende Beiträge & Provokateure
... link (0 Kommentare) ... comment
Wie man in der Provinz nie ankommt,
Gestern Nacht war ich kurz mit Iris aus. Ich hatte mal wieder ein Konzert geschwänzt, und so den neuesten Tratsch über den Tennislehrer, die Tochter, ihre Mutter und deren Schwangerschaft verpasst. Iris wäre gestorben, wenn sie diese Geschichte über die ex-angeheiratete Verwandtschaft nicht losgeworden wäre. Also trafen wir uns in einer recht modernen Bar, derer die kleine Stadt einige besitzt. Das Ding ist normalerweise sehr leer, nur am Freitag und Samstag Abend erfüllt es so eine Art Überlauffunktion in der mit ausgehsüchtigen Landtritschn* und Elite-Studenten überfüllten Innenstadt. Am Nachbartisch sass eine Clique in Casual Business Wear, die unsereins sofort als fortgeschrittene BWL-Kids erkennt, blass, etwas eingefallen und laut; kein Wunder, in den letzten Tagen waren mal wieder Examen.
Während mir Iris also aufzählte, wen der Tennislehrer schon alles beglückt haben soll und dabei auch nicht mit pikanten Details über andere Clans der besseren Gesellschaft sparte, wechselte am Nachbartisch das Gesprächsthema zum anstehenden Golfturnier, zur eher mauen Anmeldung und dann auch zur Frage, warum das eigentlich immer so isoliert ist, in dieser Stadt, vielleicht ist es auch manchen peinlich, hierher zu kommen, andererseits gehe auch so wenig mit den Leuten und Firmen vor Ort, ausser dem Autokonzern, dem global Player, aber sonst, ach, es ist nicht leicht, hier anzukommen.
Nun interessiert mich das gestörte social Life hierher verschlagener Upper Middle Class Young Generation so gut wie gar nicht, wenn mir Iris von den panischen Vertuschungsversuchen einer Familie erzählt, die schon mein Urgrossvater nachweislich als gschtingads Gschleaf vom Glosscheamviadl** diffamiert hat. Umgekehrt behaupteten diese Leute, deren Stammhaus mit seinen lunpigen 2 Geschossen und der 3-Fenster-Front noch heute von der Schmach ihrer niedrigen Herkunft kündend an der Strasse raus zu dem Dreckskaff steht, von dem sie zugezogen sind, diese Brunzkacheln*** also sagen, wir, die Stadterer, hätten damals minderwertiges Brot an Bauarbeiter verkauft. Dennoch, das war gestern Abend, gerade heute tröpfelt es vom sagenhaft blauweissen bayerischen Himmel, und so will ich heute für alle, besonders aber für Golfturnierorganisatoren erklären, wie das geht, mit dem Nichtankommen in einer bayerischen Stadt.
Es ist nämlich so: Die kurzen Zeiträume von 4, 5 Jahren, die sich die typische Elitesse und ihr männliches Gegenstück hier aufhalten, reichen weder zur Gründung einer Tradition noch zur Erkenntnis dessen, was Tradition bedeutet. Würden sie die hiesige Tradition von dem unterscheiden können, was nur wie Tradition tut, liesse sich manches vielleicht beheben - schliesslich kommen die meisten aus einer national homogenen Schicht, und die Sprachbarrieren sind in meiner Generation praktisch weg. Wenn ich normal rede und nicht den Bayern einschalte.
Aber dazu dürfte man, wie bei diesem studentischen Golfturnier, nicht alles falsch machen, was man falsch machen kann. Es beginnt mit der Auswahl des Platzes. Der gehört nicht in diese Stadt, sondern liegt westlich davon. Und gehört zu einem Landkreis namens Neuburg. Als Autokennzeichen hat dieser Landkreis ND, was nach gängiger Auffassung für NationalDepp steht. Die Raserduelle auf den Landstrassen gegen die NationalDeppen sind der letzte Ausfluss einer jahrhundertealten politischen und religiösen Feindschaft zwischen den beiden Städten. In diesem Landkreis ein Turnier abhalten, das nach der anderen Stadt benannt ist - das ist mehr als ein Fehler. Das ist eine Sünde.
Nun steht der Golfplatz zu allem Überfluss auch noch unter der Fuchtel der Wittelsbacher. Das mag international gut ankommen bei neureichen Amerikanern und sissigeilen Japanern. Über den Ruf dieses Clans gerade in dieser Ecke Bayerns sollte man sich aber keine Illusionen machen. Die Wittelsbacher stehen seit dem Ende des hiesigen Teilherzogtums für konsequente Benachteiligung dieser Stadt. Gegen die Schweden und die Österreicher hat sich die Stadt wehren können, aber nicht gegen den Zentralismus und die Obrigkeit aus München. Beim Namen Wittelsbach tut sich hier bei uns gar nichts, die sollen wieder in ihre Boazn bei Aichach gehen - aus Aichach nämlich kommen sie, was noch schlimmer als die NationalDeppen ist.
Dergestalt das Problem erkannt habend, wenden wir uns nun dem Programm zu. Nach der ersten Runde Golf geht es zur "Bavarian Night" in ein Lokal, das als "eines der ältesten Brauhäuser" beschrieben wird. Es handelt sich dabei um das wahrscheinlich übelste Touristendisney, das die Stadt zu bieten hat. Der schlechte Ruf kommt vor allem daher, dass es eben nicht alt ist, sondern brandneu: An seiner Stelle war früher die als Suffschuppen bekannte Discothek "Why not", die bei Eltern und Kindern gleichermassen übel beleumundet war. Da ging von uns niemand hin, das war ein ganz mieser Laden, und erst, als er - vielleicht durch das alkoholische Aussterben seiner Suffköppe? - weg war, wurde dort besagten "Brauhaus" hineinkonstruiert. Echt wie ein Pappbayer auf dem Tokioter Oktoberfest, und mit einem Glockenspiel ausgestattet, das nicht nur eine Lärmbelästigung, sondern auch der Gipfel der Geschmacklosigkeit einer Stadt ist, in der man heute noch lebensgrosse Porzellantiger in die Wohnzimmer stellt.

Kurz, in diesen Laden geht keiner, der auch nur ansatzweise Ahnung von dieser Stadt hat. Die Grünen (!) machen dort ihren politischen Aschermittwoch, so lebensecht ist das dort. Übernachtet wird dann in diesem Hotel, ein schwarzoranger "Kult"-Komplex, dessen positives Merkmal in seiner Lage weit draussen an der Ausfallstrasse zu finden ist - sollte es in dem umliegenden Blockgettho, der Antwort dieser Stadt auf Berlin-Marzahn und München-Hasenbergl, zu Unruhen kommen, ist man wenigstens schnell weg. In dieser plebsbewohnten Ödnis und dem darin liegenden Sushi-Restaurant findet in der folgenden Nacht auch die - nicht mehr "bavarian" - Abschlussparty statt.
Davor, am gleichen Tag, werden die Newbies statt zum Golfen in ein Factory Outlet Center verfrachtet, nah bei den idyllischen, wohlriechenden Raffinerien der Stadt. ""Ingolstadt Village, die Chic Outlet Shopping Sensation in Deutschland" nennt sich die Retortenanlage, gegen die und die investmentgeilen Stadtväter die Staatsregierung einen langen, aussichtslosen Kampf geführt hat. Dort, in der halbfertigen Shoppingeinöde, kann man das erwerben, was es eben in den internationalen Outlets so an Geschmacklosigkeiten zu Supersonderkonditionen gibt. Das ist sicher interessanter als irgendso eine weltberühmte Rokokokirche oder eines der feinsten Beispiele für spätmittelalterliche Profanarchitektur.
Kurz, man schleift die internationalen Gäste durch ein brandneues Universum, das überall von Karatchi bis Houston, Texas stehen könnte. Zielsicher wird nur das angesteuert, was nichts, absolut nichts mit der Region zu tun hat, in der man sich befindet, abgesehen vielleicht von den Sickos in der Stadtregierung, die in globalised markets die challenge taken wollen. Man stelle sich vor, in Oxford würde man Gäste in eine Shopping Mall mit 50% off, in ein Hollywood Hotel an der Autobahn, auf einen von Saudis betriebenen Golfplatz in der Pampa und in die nagelneue Neppkopie eines Pubs mit Old-Bailey-Glockenspiel schleifen, in der sich ausschliesslich schmerbäuchige Touristen aus Liverpool herumtreiben, und sie dann nötigen, Bowlerhüte zu tragen - aber genau das ist es, was hier an dieser Stadt und ihren normalen Bewohnern vorbei veranstaltet wird. Ich habe nichts dagegen, so haben die ihre Reservate und kommen mir erst gar nicht in die Quere.
Aber hey, aus Sicht des Bewohners sieht es so aus: Wenn es mit solchem Kitsch angibt wie ein Proll, wenn es einkauft wie ein Proll, wenn es feiert wie ein Proll und wohnt wie ein Proll mit halbnackten Weibern an der Decke - dann ist es vielleicht auch ein Proll. Es ist sehr wahrscheinlich, dass es das Leben zukünftiger multinationaler Sachbearbeiter vorweg nimmt, die überall auf das immer gleiche, für sie erfundene Umfeld treffen, neu, sauber, ohne Vergangenheit und Tradition. Allein schon, weil sowas in seinem dummen Prolltum nie dauerhaft gewünscht wird, nie irgendwo eingeladen wird, daheim noch nicht mal vorzeigbar ist, selbst wenn im Wohnzimmer Porzellanleoparden stehen und Mamas Bauch sich obszön vom Return auf des Tennislehrers Spermaaufschlag wölbt.
... link (13 Kommentare) ... comment
: : : denn sie wissen nicht was sie tun sollen : : :
Freitag, 21. April 2006
Confessio
Damals hätten wir die Frage, was in fünf Jahren sein wird, komisch gefunden. Keiner wusste, was nächste Woche sein würde, welcher Konflikt, welcher neue Irrsinn uns irgendwo anspülen würde, um zu retten, was nicht mehr zu retten war. Um diese Zeit herum fing ich an, meine Auftraggeber und ihre Freunde bei Dotcomtod zu verraten, einfach um den Druck wegzubekommen. 5 Jahre? Wer weiss.

Heute weiss ich es. 5 Jahre später streiche ich Bretter für meine Bibliothek, am Nordrand der nicht mehr existenten greater Munich Area. Ich falle nicht mehr oft in den Consultant Slang zurück, es gibt hier kaum Möglichkeiten dazu. Ich habe auch nicht mehr viel mit Berlin Mitte zu tun, mit dem Kanzleramt und Ministerien, wo ich nur noch wenige kenne. Ich streiche Bretter für meine Bibliothek, ich schreibe an einem Sammelband über Weblogs des ZKM, die Sonne scheint, es geht mir gut.
Auch wenn ich weiss, dass eine andere Geschichte aus der Zeit vor fünf Jahren gerade, in anderem Gewand, gerade gar nicht gut läuft. Und wahrscheinlich mitliest. So ist das, Prinzessin. Ob ich dabei bin, ob jemand anderes die Reports schreibt, spielt keine Rolle. Die einzige Rolle, die wichtig ist, ist in meiner Hand und träufelt Nussbraun auf Kieferbretter.
... link (4 Kommentare) ... comment
Sieh an, sieh an
... link (5 Kommentare) ... comment
Die Skalpe meiner Feinde - Eyn Vorschlag

Ich bin kein Christ. Trotzdem kenne ich diese Religion, zumindest was den Katholizismus angeht, besser als die meisten Christen. Ich habe ihre Kirchenväter gelesen, deren Bücher nach heutigem Verständnis klar verfassungsfeindlich sind. Ich kenne die Schriften, die mir aus Sicht der Kirche, im Prinzip bis heute, jedes Recht bishin zum Leben absprechen. Ich kenne die Debatten, ob eine Frau nun schon ein Tier oder noch eine Sache sei. Und wenn ich über die zersprungenen, abgeschliffenen Porphyrplatten laufe, die mit viel Geld an die Pfaffen und Betschwestern übergeben wurden, um das Andenken eines Menschen zu bewahren, weiss ich auch, wer der grösste Versicherungsbetrüger aller Zeiten ist.
Ich stehe dieser Schlechtigkeit mit der kühlen Betrachtung des Wissenschaftlers gegenüber. Und ich weiss, dass ich, der ich vor wenigen Jahrzehnten noch als ein Erzfeind gegolten hätte, heute Zeuge des letzten Kapitels ihres Niedergangs sein darf. 1900 verfluchte Jahre haben sie uns in Büchern gehasst, als Pöbel getreten und mit dem Segen der Oberen ermordet - wer das nicht weiss, kann den Luxus nicht empfinden, heute ungestraft, ohne mit Tritten und Steinen gejagt zu werden, die Reste des sterbenden Kolosses zu betrachten. Andere nehmen seine Stelle ein, die braunen Mordbanden, und die mittrabenden Schönbohms und Schäubles dieses Landes, in der einen Tasche den Scheck des Waffenhändlers und in der anderen das Handy, das hoffentlich irgendwann einmal die Bundeswehr dirigiert, im Inneren, gegen Missliebige; kein Wunder, dass sie sich in der Tradition des Ungetüms sehen.
Aber das ist vorbei. Ich kann es recht leidenschaftslos betrachten, in seinen letzten Zügen, im Wissen seiner Geschichte. Nur manchmal. Da überkommen mich diese Gedanken. Diese bitterbösen, fiesen Gedanken, von denen sie lange Zeit gedacht haben, unsereins könnte sie tatsächlich denken. Ja, wie wäre es denn. Heiliger Märtyrerspargel. Gedünstet, auf einem geschwungenen Teller mit Goldrand, ein klein wenig geriebenes Sauerkraut als Silber und ein Lauchblatt als Banderolen, schwimmend in goldener Bechamelsosse. Auf einer Rokokotischdecke. Wahlweise als Chrysostomos-Rippchen oder als Brustknochen der 1000 Jungfrauen zu interpretieren. Ein himmlischer Geschmack und ein höllisches Vergnügen, Satan, meines Elends Dich erbarme.
Morgen beginnt, um zum eigentlichen Thema zu kommen, die Spargelsaison. Die Zutaten bekommt man auch, wenn man am Sonntag nach Pfaffenhofen (sic!) auf den Flohmarkt fährt.
... link (16 Kommentare) ... comment
: : : denn sie wissen nicht was sie tun sollen : : :
Freitag, 21. April 2006
Bayern wie es ist

Abnorme Gallensteine, Knochensplitter, pervers geformte, böse Zähne, Magensteine, Rippenteile, die in Lungen stachen, Bleikugeln, Gelenktrümmer, Kapseln, verkalkte Missbildungen und vieles, vieles mehr, alles was die Jahrhunderte übersteht und irgendwie in Eiter, Ausfluss und Blut den Körper verlassen hat, in lange schwarz gewordenem Silber oder Zinn gefasst und hierher gebracht, zum Altar der Nothelferin. Keine Scham, kein Verstecken, ein Zeichen der Wunder und der nicht zertrümmerten, gigantischen Geschwulstwarze mit Haaren, die die Menschen hier als grösstes Übel auf dem jodmangelnd geschwollenen Kropf tragen.
Ein Hirn, grau, weich und saftig, wird man hier übrigens vergeblich suchen. Das hat seinen guten Grund.
... link (11 Kommentare) ... comment
Vom Aussehen der falschen Säue, die im Dorf getrieben werden
Im Rahmen der gerade anstehenden Blogpubertät in Deutschland, in der manche bemerken, dass sie tatsächlich sowas wie publizistische Macht und Einfluss haben, spielen die gejagten Säue im Gross-Bloggersdorf eine wichtige Rolle für das Selbstwertgefühl. Die grösseren Fälle der letzten Wochen - Euroweb, Transparency International German Chapter, von Matts Klowände, letzte Woche auch mein Vorgehen gegen eine Berliner PR-Agentur - haben stets auch Kommentatoren auf den Plan gerufen, die dem Vorgehen kritisch gegenüber standen. Häufig angesprochen wurde die Frage, wann es endlich mal den Falschen beim kollektiven Aufschrei treffen würde. Im Fall von Flyerpilot, der letztlich gut ausging, wurde es schon etwas problematisch, da wurden einige Dinge nicht ganz sauber kommuniziert bzw. verschwiegen. Ein schneller, guter Ausgang ersparte der Causa eine breitere Debatte.
Momentan rollt die nächste Welle an. Es geht um die Jugendsendung des Zündfunks auf Bayern2 Radio, die Gerüchten zufolge eingestellt und durch ein Vollprogramm auf einer kaum gehörten DAB-Frequenz ersetzt werden soll. Der Zündfunk hat wie Bayern2 Radio seit nunmehr Jahrzehnten mit Hörerschwund zu kämpfen und mit seinem anspruchsollen, anderen zufolge abgehobenen Stil der starken Dudelfunkkonkurrenz ohne Hirn und Niveau wenig entgegenzusetzen. Er hat eine recht grosse Redaktion, ist nicht unbedingt billig und ein Fremmdkörper im sonstigen, faktisch auf die Altersgruppe über 65 ausgerichteten Sender. Während die einen den Zündfunk für eine Talentschmiede und eine Insel des kritischen Journalismus des BR halten, sehen andere in ihm eine arrogante, selbstbeweihräuchernde Hirnfickveranstaltung, die ihrem Auftrag nicht nachkommt, nur noch nervt und beim Zielpublikum nicht mehr ankommt.
Vor einer Woche wurde bei telepolis über Gerüchte zum drohenden Aus berichtet. Seitdem haben ca. 30 Blogs das Thema aufgegriffen, in den letzten Tagen durchaus auch kontrovers der Spreeblick und mein Blog, womit eine grössere Blogöffentlichkeit erreicht ist. Ausserdem gibt es eine Reihe von Presseveröffentlichungen, die zumindest teilweise schon fast lehrbuchhaft von Bloggern inspiriert wurden, etwa bei jetzt.de, Süddeutsche Zeitung, Jungle World und DeBug.
Im Zentrum der Bemühungen, den Zündfunk zu erhalten, steht Patrick Gruban, bekannt unter anderem als Erster Redakteur beim Stadtblog Minga.de. Bei Minga begann auch die Welle der Empörung, die dann schnell von ihm koordiniert wurde, etwa mit der Website "Zündfunk retten", die mittlerweile auch ein Blog besitzt und eine Online-Petition betreibt. Darüber hinaus wirbt Patrick Gruban auch in den Kommentaren von Blogs für seine Initiative, auch bei mir, was man durchaus als Kommentarspam bezeichnen könnte. Das Projekt gibt sich auf Zündfunk-retten.de als Faninitiative aus:
Disclaimer: Dies ist eine Aktion von Hörern und Fans des Zündfunks, nicht von Mitarbeitern des Bayerischen Rundfunks.Nun ist geschicktes Blog-Marketing, wie in diesem Fall mit Verve vorgetragen, erstmal kein Verbrechen. Schliesslich erscheint die Geschichte vom engagierten, qualitativ hochwertigen Format, das im bösen, schwarzen Bayern plattgemacht wird, als klassisches David-Goliath-Szenario, dem Blogger gerne auf Seiten der Schwachen mit einer Initiative beispringen. Das führt dazu, dass sich Blogs für den Erhalt des Zündfunks einsetzen, die das Programm und seine nicht unumstrittenen Sendepraxis gar nicht kennen.
Man kann natürlich trotz allem sagen, dass der Bayrische Rundfunk da einen Riesenfehler macht, dass es gemein und ungerecht ist. Nur eine Sache fällt diesmal auf: Es ist im Gegensatz zu den früheren Fällen des Sautreibens im Gross-Bloggersdorf kein Ereignis, das der Verursacher selbst hineingetragen hat. Der Bayerische Rundfunk hat keinem der Treiber was getan. Also, sollte man meinen. Und damit kommen wir zum unangenehmen Teil - wir schauen uns nämlich mal genauer an, wer und was dieses Thema in der Blogosphäre vorantreibt.
Patrick Gruban ist Marketing Spezialist. Sprich, er hat Brief und Siegel von der BAW, dass er es kann. Das beweist er in diesem Fall auch. Per se geht das in Ordnung, warum sollte man sein Können auch nicht verwenden. Unschön wird es aber, wenn man bei "Zündfunk retten" ins Impressum schaut. Da landet man nämlich bei sub bavaria, einem von Patrick Gruban betriebenen Wikiprojekt über bayerische Subkultur. Und das wiederum wird vom Zündfunk wärmstens empfohlen: Auf der Website findet sich etwa diese Empfehlungsseite und diese Beschreibung der Sub Bavaria Inhalte als Zündfunk Kolumne:
KOLUMNENAuch die Launchparty des Projekts war eine Kooperation mit dem Zündfunk. Spätestens hier sollte man etwas misstrauisch werden. Inwieweit so eine Unterstützungsaktion unter solchen Bedingungen noch unbhängig sein kann, ist eine Frage, auf die Patrick Gruban bislang - trotz Frage - eher ausweichend reagiert hat. Nun verrät uns das Impressum von Sub Bavaria auch, dass das Projekt von drei Personen betrieben wird, nicht nur von Patrick Gruban:
SUB-BAVARIA
Das Projekt sub-bavaria sammelt bajuwarisches Geheimwissen im interaktiven Online-Lexikon. Ihr könnt mitmachen, neue Artikel schreiben und alte ergänzen. Der ZÜNDFUNK versendet das Lexikon der bayerischen Subkultur im Radio.
sub-bavaria wird von Ania Ma*ruschat, Julian Do*pp und Patrick Gruban als unkommerzielles Projekt betrieben. (Namen leicht geändert, Google muss nicht alles wissen. Anm. Don)Wer sich ein wenig beim Zündfunk umschaut, dürfte schnell verstehen, warum nicht eine Mitbetreiberin bei dieser Aktion in Erscheinung tritt, obwohl sie mutmasslich zu der Geschichte eine Menge erzählen könnte. Ein weiterer Mitbetreiber ist Mitarbeiter bei einer auf Bayern2 Radio aktiven Abteilung des BR - einer weiteren Abteilung, die immer mal wieder als Kürzungsposten genannt wird. Inwieweit sich dieses Team letztendlich mit dem Anspruch des sichtbaren Frontmanns Patrick Gruban verträgt, als "Zündfunk retten" "eine Aktion von Hörern und Fans des Zündfunks, nicht von Mitarbeitern des Bayerischen Rundfunks" zu sein, bleibt jedermann selbst zu beurteilen überlassen.
Wie auch immer: Ich persönlich würde wirklich raten, sich die Saujagd in Bloggersdorf gut zu überlegen, wenn die Sau nicht von selbst angerannt, sondern von Interessensgruppen zwecks Jagd ins Dorf gebracht wird. In meinen Augen ist nichts Verwerfliches dabei, den Bayerischen Rundfunk zu schelten - allein, der Versuch dieser zentralen Koordinierung, das Thema voranzutreiben und mit einem einseitigen Informationsfluss am Köcheln zu halten, hinterlässt bei mir einen wirklich schlechten Beigeschmack. Momentan steht nicht nur der Zündfunk auf der Kippe, sondern auch ein wenig Integrität der Blogosphäre. Persönliche Netzwerke, die durchaus beim Engagement für ein Sautreiben eine Rolle spielen können, sind nochmal was erheblich anderes als gezielte Kampagnen mit verdeckt agierenden Playern, die im Hintergrund der Fassaden der gerechten Empörung ihre eigene Agenda fahren.
... link (50 Kommentare) ... comment



