: : : denn sie wissen nicht was sie tun sollen : : :

Dienstag, 3. August 2010

Nostalgie

Ich persönlich finde es ja nett, wenn Fahrräder nicht nur schnell sind, sondern auch Blechschilder haben. Ein Blechschild steht für lange Zeit der benutzung, unterlackierte Aufkleber dagegen können schnell verschwinden. Aufkleber zerkratzen, Blechschilder bekommen Patina. Kein Wunder, dass meine neueste Erwerbung, dürr gehungert und angespannt, wie sie ist, nur zwei Namenszüge trägt. Und kein Blechschild. Aber es gibt zum Glück Flohmärkte, dort wiederum Kruschkisten, und darin ab und zu alte Blechschilder. Mit einem V. V wie Votec, V wie Victoria.



Ich schreibe es diesen 5 Gramm und weniger meinem Gewicht zu, dass die wenigen Speichen der Auerolaufräder massiv knacken, deshalb habe ich sie auch gegen einen Satz robuste Räder mit 32 Speichen ausgetauscht. Es ist tatsächlich ein kleiner Unterschied, aber ich denke mir, wenn ich erst mal zwei bis vier Kilo abtrainiert habe, kann ich wieder auf die besseren Räder umsteigen. Das ist ein ambitioniertes Ziel, aber wenn ich weiterhin jeden Tag im Schnitt 30 Kilometer fahre, sollte es möglich sein.



Ansonsten dachte ich, es ist an der Zeit, mal wieder neue Rennradbekleidung zu kaufen - was ich habe, ist fast schon "retro" und, so scheint mir, eingelaufen. Das wollte ich schon bei der vorletzten Reise am Brenner tun, weil dort ein entsprechendes und legendäres Geschäft ist, das alle Teamtrikots führt. Aber seit damals vor 10 Jahren sind die Preise enorm in die Höhe gegangen, und es war gar nicht mehr billig - da kann ich genauso im Fachhandel einkaufen, dachte ich. Das habe ich dann auch versucht. Erst in Italien, dann in Deutschland. In meiner Jugend waren die Teamtrikots noch subventioniert, Hose und Trikot kosteten 50 Mark, heute sind sie einfach nur teuer, mit Fanzuschlag. Am Brenner, Ehre wem Ehre gebührt, immer noch billiger als andernorts. Nur: Ich bin nun wirklich nicht arm, aber für einen werbeversauten, inzwischen längst in Rumänien oder China zusammengenähten Plastikfetzen 70 Euro ausgeben? Ohne Hose?



Da ist Abnehmen in die alte Gewichtsklasse immer noch billiger und besser.

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Fashismton Post

Wer noch weitere Beweise brauchte, dass konservativ in den USA dort steht, wo hierzulande die Grenze zum braunen Dreck verläuft, und reaktionär dort, wo man wahlsweise den Verfassungsschutz oder den Psychiater anrufen sollte - der sollte heute in der angeblich nur "konservativen" Washington Post mal den Kommentar von Marc Thiessen lesen, in dem Wikileaks als kriminelles Unternehmen bezeichnet wird, als Bruch des amerikanischen Paranoiagesetzes gegen "Spionage" und als Unterstützung von Terrorismuis. Es gab zwar auch in Deutschland schon ein paar muffige Kniebiesler der Informationsfreiheit in den Medien, aber gerade die WaPo macht sich zum Zäpfchen im blutigen Arsch der CIA, der Todesschwadronen und Mörder in den Helikopter, die der Idee von Freiheit genau jene Würde rauben, die Wikileaks trotz der Repressionsmassnahmen der unter Obama wie eh und je operierenden Schergen zumindest teilweise zurückgibt. Hörige Büttel wie Thiessen sind der beste Grund, warum es Wikileaks geben muss: Weil das System, das es ersetzen kann, korrupt, feige und voller Verräter an den Lesern ist.

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Montag, 2. August 2010

Weltvermarktet

Es gibt so Tage, da würde ich am liebsten gleich wieder die Tür zumachen und töpfern lernen wollen. Das sind die Tage, wenn die Zukunft gross und geschmacklos vor meiner Tür steht, denn das ist es, was kommen wird: Immer grössere Autos und immer miesere IT-Kraken.



Und es wird kein Spass, wenn man in China auf diesem Weg voranschreitet, während man in Amerika längst wieder alten Untugenden nachgeht. Man liest ja viel über die Gier das Bankster, aber der typische Amerikaner hat die Krise auch nicht zum Anlass genommen, etwas umzudenken. Auch nicht die Ölpest. Auch nicht die braune Pest bei Murdochs Gossensendern. Auch nicht das Fiasko im Mittleren Osten. Auch nicht die drohendes Doppelrezession und die Abhängigkeit von China. Auch nicht die immer noch miesen Hausverkäufe, an denen alles, auch die Weltwirtschaft, hängt - und sage bitte niemand "China", die haben ihre eigene Immobilienblase. Auch nicht Wikileaks und Datenskandale bei Google, Facebook und Apple. Da bin ich wirklich dankbar, dass es in Deutschland noch Kräfte in der Politik gibt, die zumindest in Sachen Datenschutz nicht den Asozialen in Berlin nachplappern, die Datenschutz als Beschränkung ihrer persönlichen Freiheit begreifen.

Aber das ist nur ein kleiner Trost, wenn ich zudem lesen muss, dass es meinem bevorzugten Stofffabrikanten in Biella schlecht geht. So etwas trägt man natürlich nicht, wenn man Hummer fährt und Apple nutzt.

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Geld mag bunt

Manche Veränderungen fallen einem erst auf, wenn man mit der Nase darauf gestossen wird. Früher war meine Altstadt eher trist und grau, heute ist sie knallbunt und hebt sich von den Neubauvierteln in ihrem Weiss deutlich, überdeutlich ab. Anlass genug, darüber etwas zu schreiben (was sich ohnehin anbietet, weil ich hier gerade in Hausdingen verpflichtet bin). In der FAZ.

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Sonntag, 1. August 2010

Ein viertel Jahrhundert später

Als ich nach meinem Abitur die Reise nach Amerika auch noch hinter mich gebracht und begriffen hatte, dass dieses Land absolut nichts für mich ist, brachte ich aus San Francisco einen schweren Jet Lag mit. Es war Sommer. Und ich wachte jeden Tag noch vor Sonnenaufgang auf. Ich laborierte wochenlang daran herum, und weil ich ohnehin nichts anderes zu tun hatte und der Studienbeginn noch fern war, schwang ich mich jeden morgen auf das Rennrad und fuhr eine Tour mit 60 Kilometern ins Altmühltal Mit allem Drum und Dran dauerte das zwischen 2 und 2,5 Stunden. Dann gab es Frühstück. Im Herbst blieb ich sogar ein paar Mal unter zwei Stunden, was ziemlich schnell war. Heute, 24 Jahre und nicht ganz so viele Kilo mehr am Körper später, war ich am Einstieg zu meiner alten Strecke auf Aussentermin.



Und dachte mir so: Probieren wir es. Schliesslich ist auch die Technik weiter, das alte KTM wog 10,5 Kilo, das Votec 7,7, das sollte helfen. Das Wetter war perfekt, es war überraschend wenig los, und die Strecke war so wie früher: Wellig und abwechslungsreich, noch nicht durch Ortsumgehungen verschandelt, die Dörfer sind etwas gewachsen und es sind mehr Marterl in den Kurven, aber es ist immer noch die gleiche schöne Strecke über Seitenstrassen und Jurahöhen hinunter ins Altmühltal.

Aber schon an den ersten Steigungen... früher war es wie Achterbahnfahren, mit Karacho den Berg hinunter und die nächste Kuppe im Stehen genommen. Nach einer Weile weiss man genau, wie schnell man sein muss, damit man wieder nach oben fliegen kann. Heute bin ich dank des Untersatzes sicher noch schneller, aber es reicht nicht mehr die Hügel hinauf. Die Hälfte geht immer, aber zur Spitze hin, wenn die Steigung lang ist, krieche ich dann. An keiner Stelle unter 10 km/h, aber es ist nicht mehr der rasante Ritt über Berg und Tal, sondern eher von Berg zur Qual. Und das geht auch auf die Zeit und die Muskeln.



Immerhin sind am Hinterrad zwei grosse Ritzel, die ich an keiner Stelle bemühen musste, auch nicht am langen, elend langen Anstieg hoch auf die letzte Jurakuppe. Ein paar Minuten später musste ich dann aber die Bremsen bemühen. Statt des üblichen Schmatzen kam ein Knirschen, statt der Bremsleistung ziemlich wenig Entschleunigung. Shimano hat die Bremsschuhe so konstruiert, dass Plastikschrauben auf der Innenseite der Schuhe ab einer gewissen Abnutzung der Bremsbeläge an der Felge aufsitzen. Das bremst dann eher bescheiden, und wenn man in das Schambachtal hinuntersaust... nicht die 18% vom letzten Mal, aber 15% sind auch nicht ohne, und man merkt das erst, wenn man richtig hart bremst. Ich würde mir wünschen, die Erfinder dieser Konstruktion, die wie ein Abendessen mit Lobo*, Niggemeier und Turi gefallen kann, auch mal diese Erfahrung machen würden - unten kommt abrupt eine Vorfahrtsstrasse, und das Gefälle bleibt bis zu diesem Punkt erhalten. An dem Punkt zückte ich dann ein Messer und schnitt die Plastikschrauben ab. Kann sein, dass die Beläge nicht mehr rausgehen, aber das ist mir egal: Das Zeug bleibt nicht an meinem Rad. Die Modolobremsen am KTM waren auch eher zur Optik verbaut, aber damals war alles noch schlechter, und man wusste, dass man auf Selbstmordgeräten sass. Heute hat man das angeblich beste System der Welt, und rauscht knirschend mit Tempo 40 in die Kreuzung. Da kommen so schnell wie möglich Campagnolobremsen dran.



Ach ja, Kipfenberg. Der Weg von Schambach nach Kipfenberg führt an den Restaurants meiner Kindheit vorbei, aber dort halten würde nun nicht nur den Schnitt, sondern auch die Figur versauen. Also weiter, immer weiter, wieder die Juraanhöhen hinauf, durch verwinkelte Dörfer und dann hinunter ins Donautal. 3 Stunden, sagt die Uhr. Das ist ein 20er-Schnitt mit allen Zwischenstops, früher haben Bremsen funktioniert und ich hatte kein Blog zu bebildern, aber: Das ist nicht gut. Noch weniger gut ist mein doch ziemlich erschöpfter Zustand. Gut gehalten, sagen manche, wenn sie mich nach langer Zeit wieder sehen. Nicht wirklich, muss ich sagen.

Und dass andere in meinem Alter vermutlich nicht mal mehr zum Bäcker radeln könnten, ist auch kein Trost. Das muss besser werden.

*dass ich mal im direkten Vergleich zwischen "Blogger" und CSU-Ministerin nicht letztere für komplette 100% der bescheuerten Aussagen, kindischen Faseleien und debilen Albernheiten zum Thema Internet verantwortlich sehen würde, hätte ich auch nicht gedacht, aber das hat man davon, wenn führende Gestalten der Szene zum falschen Zeitpunkt mit dem falschen Pleitier den falschen Werbevermarkter gründen.

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Freitag, 30. Juli 2010

Es grollt im Internet

Es ist einer der Tage, den manche nicht schätzen werden, weil Konkurrenz das Geschäft nur für manche belebt und für andere verkleinert - aber nach anderthalb Jahren und 31000 Kommentaren war es bei der FAZ einfach mal an der Zeit, etwas Neues auszuprobieren. Ein Multiautorenblog über Internet, Computer, Menschen und Gesellschaft. Mit dabei bei dieser kleinen, nicht zu ernsten Barockoper ist unter anderem Malte Welding und andere, die sich vielleicht irgendwann zu erkennen geben. Hier geht es los:

http://faz-community.faz.net/blogs/deus/archive/2010/07/30/das-neue-internet-und-die-alten-toten-eliten.aspx

Ich werde da allersings nur sporadisch Rezitative vortragen, die grossen Arien singen die anderen.

(Und das war einer der Gründe, warum ich in den letzten Tagen so unter Druck stand. Einer, und vielleicht auch der Schönste.)

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Zukunft

Der technische Fortschritt ist im unten stehenden Bild zu betrachten. Wir sehen drei Systempedale für Fahrräder. Zwei sind zerklüftet und vor allem aus billigem, lackierten Eisen, eines ist aud hochglänzendem Aluminium. Zwei sehen aus wie kaputte Maschinen, eines ist elegant. Zwei wiegen 100 Gramm mehr als die schlanken, gerade Formen des anderen. Zwei können noch nicht mal an der Längsachse mit der Kurbel verschraubt werden, sondern nur über einen Inbus, den man über den Achsenkopf einführt. Sprich, man wurschtelt zwischen Rahmen und Kurbel rum. Sollte man den Inbuskopf beschädigen, kann man die Kurbel wegwerfen - die Pedale werden nie mehr herausgehen.



Das Pedal oben links braucht zudem einen 8er-Inbus, den so gut wie niemand auf einer Tour dabei hat, bei 6 ist normalerweise Schluss. Man sollte glauben, dass die systempedale links mit ihren kleinen Mechanismen auch weniger aushalten, als das grosse Pedal, und es stimmt. Zudem hat das grosse Pedal Rillenkugellager, während die anderen recht bescheidene und sehr kleine Konuslager besitzen. Es gibt keinen Aspekt, der für die kleinen, schweren, scheusslichen und anfälligen Pedale spricht. Aber die sind die Zukunft. Und das Pedal rechts entspricht einem System, das kaum mehr verwendet und produziert wird. Auslaufsmodell.



Zum Glück fahre ich ein altes Colnago und schraube dran, was mir gefällt. Gerne auch den technischen Rückschritt.



Lustigerweise gibt es aber schon wieder ein neueres System, bei dem die Platten grösser und die Formen glatter werden. Angeblich soll das besser halten. Soso.



In zehn Jahren schaue ich mir das vielleicht auch mal an, aber solange sollten die alten Pedale halten.

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Freitag, 30. Juli 2010

Es dauert eben etwas

Manchmal werde ich gefragt, ob ich Hausmeister bin - und ganz ehrlich, wenn ich ausserhalb des Internets unterwegs bin, gilt meine Hauptsorge mehr dem Haus, in dem ich wohne, als irgendwelchen Blogs. Das mit den Blogs kann schnell vorbei sein, aber so ein Haus, das begleitet man nicht ein Leben lang - das begleitet einen ein Leben sucht sich dann einen anderen, wie es das seit 410 Jahren schon tut.

Vor etwas mehr als einem Zehntel dieser Zeitspanne wurden die ehemaligen Wohnungen- oder sollte man sagen, Verschläge? - für Dienstboten, die damals schon normale Räume waren, zu einer grossen Wohnung zusammengefasst, und mit neuen Böden und Türen zu einer modernen Wohnung gemacht. Daneben ging es auch hinauf in den Speicher, und auch dort wollte man eine Tür haben. Die hatte, weil mit meinen Eltern neue Bewohner kamen, natürlich eine geringe Priorität. Der Handwerker machte also erst die Wohnung, brauchte länger als gedacht, hetzte sich ab, und als der Einzugstermin nahte, war noch nicht mal die wenigstens schon grundierte Wohnungstür gestrichen. Das und die unbehandelte Tür zum Speicher würde er nochnal irgendwann machen, sagte er.

Dann kam dies und jenes dazwischen, da war noch ein Termin und hier wäre es schlecht, sicher doch bald - das Ende vom Lied war irgendwann eine Tapezierung der Türen und das Ableben des Handwerkers. Die Tür zur Wohnung habe ich vor 17 Jahen hergerichtet und gestrichen, aber die Tür zum Speicher...



Die habe ich von den Tapeten befreit. Dann musste ich aber oben erst mal dies und jenes tun, die Wände verputzen und die Hölzer von Farbe befreien, Möbel tragen oder über die Fassade nach oben ziehen, weil die Stiege zu eng war. Es war eine Mordsarbeit und Schlepperei, und als ich dann darin wohnte, endlich, endlich, wollte ich erst mal ausruhen. Dir Tür mache ich irgendwann später.

Später sagte ich mir, dass so eine fleckige Tür mit Tapetenresten der beste Diebesschutz ist, denn niemand vermutet dahinter irgendwas. Ab und an im Baumarkt vor den Farben überlegte ich, ob ich sie nicht doch - und dann vergass ich es wieder. 17 Jahre liegen zwischen dem Abreissen der Tapete und dem heute vollzogenen Reinigen von all den ekelhaften, kleinen Fitzeln.

Ich bin aber fest entschlossen, die Tür heute zu streichen. Gleich nach diesem Beitrag und einer Radtour und noch was zum Essen, also dann doch morgen. Spätetens. Wobei Holz natur ist auch nett, also, am Samstag reicht immer noch, ausserdem muss der Pinsel noch trocknen.

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Mittwoch, 28. Juli 2010

In der Hitze des Sommers

Was könnte besser zu diesem mal brüllend heissen, mal bitterkalten Sommer passen als eine wilde Liebesgeschichte, die in Tränen endet, mit sexy Funkeln, kriminellen Methoden und vorgeführten Bürgern, die Opfer ihrer Gier werden? Gluten der Donau! Wallungen des Mains! Erzittern der Elbe! Nur die Berliner sind immer noch pleite und schmutzig trübt die Spree. In der FAZ. Mehr oder weniger.

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Schneckenslalom

Es ist gerade nicht leicht, alles so zu organisieren, dass im Flickenteppich des Tagesablaufs mit so vielen unterschiedlichen Anforderungen bei Tageslicht ein Bereich bleibt, der zwei Stunden umfasst und, auch das ist wichtig, frei von Regen ist. Wäre ich in den Bergen, würde ich vielleicht bergesteigen gehen, aber ich bin in der Ebene, und die Wolken sind ohnehin so niedrig, dass alles kraxeln in der grauen Suppe enden würde. Es ist nichts besonderes, letztes Jahr bin ich ebenfalls um diese Zeit entlang einer frisch eingeschneiten Bergkette nach Benediktbeuren gefahren. Man gewöhne sich an solche Kapriolen. Und beschäftige sich mit der Erweiterung der Radbekleidung, denn so wie heute war es dann doch, zumindest am Abend und im regennassen Wald, recht frisch. Und zwischendrin auch regnerisch.



Weshalb auch so ziemlich jeder Weg voller Schnecken war (oben: Schneckenperspektive. Keine angenehme Sache, wenn der Radler 3000 mal schneller ist). Ich bin da etwas sensibel, wenn ich Sport treibe, und versuche nach Möglichkeit, die Natur so weit wie möglich für sich zu belassen, auch in Sachen Schnecken, selbst wenn ich eigentlich wenig Sympathien für diese Gattung hege, zumal für die ordinäre Nacktschnecke. Aber auch die wollen leben, also kurve ich, passe auf, bremse, wenn nötig, und verlasse den Wald, weil es einfach zu viele sind. Sollen sie doch ihre Orgien feiern. Fahre ich halt durch Felder und entlang des Flusses, wo meine ab und an gehegte Idee, es vielleicht doch mal mit einem Segelboot zu probieren, den üblichen Dämpfer bekommt.



Denn es ist wie am Tegernsee: Viele dieser Boote liegen einfach nur rum. Monatelang, jahrelang. Ich bin vermutlich nicht der einzige, der Probleme hat, zeitfenster zu finden, und für so ein Boot braucht man mehr als zwei Stunden, man braucht zudem schönes Wetter und Wind und einen Liegeplatz und eine Clubmitgliedschaft und Zulassung und hier und da nich was und einen Segelschein und der Partner muss auch Zeit haben... dann doch lieber das Radl. Einmalige Anschaffung, unbegrenzt Spass, minimaler Wartungsaufwand, keine weiteren Kosten, immer betriebsbereit, man kann auch seine Brötchen damit holen, und nicht nur ertrunkene Angler. Es ist nicht so schick wie eine Einladung zum segeln. Aber es ist auch nicht so ärgerlich wie die Berechnung des Aufwandes im Verhältnis zum Spass.



Auf dem Heimweg dann vorbei am Westviertel, wo die Gärtner die Gunst der kühlen Stunde nutzen und die Bäume und Hecken stutzen. Das kleine Haus im französischen Stil, das im Gegensatz zu vielen Klötzen eine Bereicherung des Viertels ist, hat die Verandatüren geöffnet, und im offenen Kamin werden die frisch gesägten Zweige verbrannt. Es riecht sehr novemberlich. Daheim regenet es gleich wieder, und ich koche Chili, für die Abwehrkräfte.

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Mittwoch, 28. Juli 2010

Auf dem Dorf.

Ich mag Bayern. Wieder. Das war nicht immer so, eigentlich war es bis Berlin nie so, und davor schien es mir nur in München erträglich, aber Bayern hat sich gewandelt. Das alte Bild, das ab und an noch transportiert wird, von den zurückgebliebenen Kaffbewohnern, die bis zum jüngsten Tag CSU wählen, ihre Kinder schlagen und Alkoholiker sind, das stimmt einfach nicht mehr. Ist zur Folklore verkommen, wird auf dem Oktoberfest nachgeäfft, von Italienern, Düsseldorfern und Australiern.

Gestern habe ich etwa zwei junge Männer kennengelernt, die an meinem ehemaligen Gymnasium Lehrer sind. Wir hatten damals einen 68er, einen netten Deutschlehrer, der sich letztlich umbrachte, und eine engagierte Englischlehrerin. Der Rest waren autoritäre Schinder zwischen Schwarz und Braun, die den alten Blödsinn mit der Ehrfurcht vor Gott noch genau nahmen und Leute, die das Schulgebet doof fanden, exterminierten. Wir hatten alte Nazis, die von SS-Uniformen schwärmten. Wir hatten Leute, die gezielt die Schnitte auf 4,5 runterkorrigierten. Wir hatten Lehrerkombinationen, da konnte man sich ausrechnen, dass man durchfallen würde. I)n Englisch stürzte ich bei einer gewissen, für ihre Heimtücke stadtweit bekannten Lehrerin um drei Notenstufen ab, um dann, als ich eine andere Lehrerin bekam, wieder drei Noten zu steigen. Der Direktor war gnadenloser CSU-Parteigänger. Die jungen Lehrer, die jetzt dort sind, hätten sich zu meiner Zeit allein schon wegen ihres Aussehens als Schüler massiven Ärger eingefangen. Es ändert sich hier alles. Sehr schnell, sehr heftig.



Solange man nicht auf die Dörfer fährt. Gestern war wieder so ein Tag, da ist mir wieder eingefallen, warum ich in den letzten Jahren in Bayern lieber Bergwandern und Bergradeln war. Wewil man nicht durch die Dörfer kommt.

Da hat das Elend der Saufparties nie aufgehört, genausowenig wie die endlose Liste der Wochenendtoten. Noch immer knattern sie mit frisierten Mopeds vorbei, noch immer ist alles voll mit tiefergelegten Polos der Motorsportfreunde Hinterschlunzing, noch immer sind die Strassen voller niedergefahrener Tiere, und einige Marters an meiner Strecke nach Nassenfels sind recht neu. Am Rande des Juras zerfallen immer noch die alten, mit Ketten abgeschlossenen Bauernhöfe, während sich davor das Elend der Toskanabunker ausbreitet. Die Gegend ist reich geworden, auch die Dörfer, jedes Kaff in 30 Kilometer Umkreis wurde gross und üppig, es geht hier nicht anders, aber bei jedem anrauschenden Vollgasdeppen merkt man die Unzufriedenheit, die Agression, das Nichts.

Und das wird sich vermutlich auch nicht so schnell ändern. Denn die niedrige bayerische Abiturientenquote kommt nicht nur aus den armen Schichten, sie kommt vor allem aus den Dörfern, zwischen den Feldern und dem Kriegerdenkmal. Und dieses Bayern wird noch lange brauchen, um sich zu ändern.

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Dienstag, 27. Juli 2010

Nur ein Stück

Es ist nicht geradee ein gutes Zeichen, wenn der einzige als solcher erkennbare Käufer einen aus Eisen zusammengeschweissten Flamingo vom Flohmarkt in Pfaffenhofen trägt. Ein Markt nach einem regnerischen Samstag mit Schlamm und tiefen Pfützen, der ohnehin nur vielleicht die Hälfte der sonst vertretenen Händler angezogen hat



Der Mann, der mir normalerweise italienische Capriccios verkauft, hatte diesmal nichts. Die Frau mit den Silbervorlegebestecken hatte überambitionierte Preisvorstellungen mit dem Hinweis auf den Weltmarktpreis des Materials. Mein amerikanischer Freund hatte keine neue Lieferung, die schönen Kerzenständer waren nur zusammen mit einer scheusslichen Uhr zu haben, das schöne, kleine Gemälde sollte 5000 kosten, vielleicht noch 4000, und die kleine, schwarz lackierte Chinavitrine brauche ich nicht mehr. Eine Büste ist zu schlecht und zu teuer. Daheim wäre die Matinee im Rokokojuwel, hier hat eine Frau einen nachgemachten Rokokospiegel für 400 Euro. Ich brauche keinen Spiegel, und die Art Spiegel, die ich brauche, habe ich seit drei Jahren nicht mehr gefunden. Vor drei Jahren hatte ich auf einer Auktion Glück, und konnte einen Fürther Venezianer kaufen. Seitdem sind diese Spiegel in allen besseren Einrichtungszeitschriften zu sehen. Und entweder extrem teuer oder extrem gefälscht. Jedenfalls für mich unerschwinglich.



Dieses Exemplar jedoch ist stark beschädigt, unten hat sich die Versilberung aufgelöst, und oben ist, so der Händler, eine Biedermeierkommode beim Transport hineingeknallt Ein paar mal ist eine Randleiste gebrochen, aber sie hält. In 30 Jahren geht das als Patina durch. In 30 Jahren kann ich Geschichten erzählen, wie ich damals in Pfaffenhofen doch noch einen Venezianer bekam. Das Elend mit diesen Stücken ist, dass sie so selten überlebt haben, weil die blind und fleckig wurden, sensibel waren, und irgendwann als vollkommen kitschig galten. Zusammen mit den früher recht hohen Preisen ist das keine gute Kombination. Drei Jahre habe ich gesucht und gewartet. Vielleicht wird es jetzt 5 Jahre dauern, oder noch länger, bis ich den nächsten finde. Ich brauche noch mindestens zwei davon.



Aber immerhin, mühsam ernährt sich das Eichhörnchen, aber es ernährt sich. Ein Stück habe ich gefunden, auf dem grossen Markt. Nur eines. Aber es war das richtige Stück.

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Pfaffengeschwätz, elendes

Brannte im 18 Jahrhundert eine Oper während er Aufführung eines Lustspiels nieder, kreischten die Betschwestern, Mönche und Soutanenträger, dass Gott hier das liderliche, verkommene und perverse Gesindel bestrafe, das nur sein Vergnügen im Sinn hatte.

Stürzte dagegen eine Kirche während des Gottesdienstes ein, betrachtet man die Überlebenden als wundersam Gerettete, zum höheren Ruhme Gottes.

Daran sollte man sich erinnern, wenn man jetzt vorschnell über den Tod bei Amusement urteilt.

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